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Archiv ‘1989’ Kategorie

Bukumatula 1/1989

Therapeutische Arbeit aus Energetischer Perspektive

Deutung, Bedeutung und Ausdruck
Will Davis
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Brigitte Notyak, Sylvia Amsz, Wolfram Ratz
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Dies ist der erste von zwei Artikeln, in dem ich genauer zu definieren versuche, was es – von Reichs energetischem Verständnis des Organismus her – bedeutet, „Körperarbeit“ zu machen. Die Unterschiede in der Arbeit mit einem „orgonomisch-funktionellen“ und einem „psychologischen“ Ansatz sollen verdeutlicht werden. Die grundlegende Verschiedenheit dieser beiden Positionen soll anhand der Gegenüberstellung von Reichs Verständnis für „natürliche Funktionen“ und dem traditionellen psychologischen Ansatz, der Interpretation und Deutung braucht, um menschliches Verhalten zu verstehen, sichtbar werden. Es ist nicht beabsichtigt, die Wirksamkeit der einen oder der anderen Methode zu bewerten und zu beurteilen.

Reichs späte Schriften zeigen, wie er selbst seine Erkenntnisse verstand, wie sehr sich diese Erkenntnisse auf seine Arbeit auswirkten und ihr – im Vergleich zum klassischen psychologischen Verständnis – eine grundlegend andere Gewichtung gaben. Träume, Erinnerungen persönliche Geschichte und Interpretationen bekamen einen völlig anderen Stellenwert. Aufgrund seiner Erkenntnisse und der daraus folgenden Entwicklung neuer Techniken und Theorien, meinte Reich, daß seine Arbeit nicht mehr als „Psychologie“ angesehen werden könnte. In einer Ausgabe des „Orgone Energy Bulletin“ schreibt er: „Psychologie analysiert, klassifiziert Erfahrungen und Konflikte und führt sie auf frühere, historisch wichtige Erlebnisse zurück. Aktuelle Vorstellungen und instinktive Ziele resultieren als verstehbare Gestalt aus unterdrückten Ideen und Zielen.“

„Die ‚Funktionelle Orgonomie‘ klassifiziert Erfahrungen nicht, arbeitet auch nicht mit Assoziationen von Gedanken. Es wird direkt gearbeitet: mit unwillkürlichen Energien, die durch Auflösung charakterlicher und muskulärer Blockierungen frei werden und so die Möglichkeit bekommen, wieder ungehindert fließen zu können. Sie (die funktionelle Orgonomie) befaßt sich nicht damit, welche Erfahrungen zu den Blockierungen geführt haben.“ (Reich, 1950). Diese Aussage verdeutlicht, wie Reich seine Arbeit – im Vergleich zur Psychologie im allgemeinen und der Psychoanalyse im besonderen – verstand. Schon in seinem 1927 erschienen Buch „Die Funktion des Orgasmus“ betont Reich, daß die Psychoanalytiker keinen eindeutigen Unterschied zwischen dem Ausdruck des energetischen Prozesses, in diesem Fall dem Unbewußten, und dem energetischen Prozeß selbst, der Libido, machten. Für Reich, wie auch für Freud, ist der energetische Prozeß nicht unmittelbar zugänglich. Die Energie ist nicht direkt, sondern lediglich in ihren Manifestationen erfahrbar.

Der psychoanalytische Ansatz

„Mit dem ES, das nicht fassbar war und mit dem ÜBER-ICH, das nur eine Konstruktion war, war direkt nicht zu operieren. Im strengeren Sinne gilt das auch für das Unbewußte selbst, denn es ist ja, wie Freud richtig sagte, nur in seinen Abkömmlingen, also bereits bewußten Erscheinungen fassbar. Viel zur Verwirrung trug die Tatsache bei, daß die Psychoanalytiker sich damals in theoretischen Arbeiten keinerlei Rechenschaft über die Unterschiede zwischen Theorie, hypothetischer Konstruktion und praktisch sichtbarer und veränderbarer Tatsache gaben und daß sie das Unbewußte praktisch zu fassen glaubten. – Die Möglichkeit zur Erforschung der vegetativen Natur des ES und damit der Zugang zum biologischen Fundament der seelischen Funktionen wurde dadurch versperrt.“ (Reich, 1967; siehe Bibliographie). Die “Verwirrung“ bestand aus folgendem Missverständnis: Die Analytiker erkannten die biologische Basis der Psyche nicht und hatten infolgedessen die Tendenz, das “Somatische“ zu psychologisieren.“ „Freud ’psychologisierte’ die Biologie, indem er annahm es gäbe biologische Tendenzen, bestimmte Kräfte, die dieses oder jenes ’beabsichtigten’. Dieser Auffassung entsprechend entstammten so ziemlich alle körperlichen Erkrankungen aus unbewußten Wünschen oder Befürchtungen. Man ’schaffte’ sich Tuberkulose oder Krebs an, weil man es sich unbewußt wünschte.“ (Reich, 1967). Weiterführend legte Reich den Unterschied zwischen diesem Verständnis des menschlichen “functioning“ und seiner eigenen Betrachtungsweise dar; er schreibt:

“Keinesfalls konnte ein Wunsch in diesem Sinne tiefe organische Veränderungen erwirken. Man mußte das ’Wünschen’ tiefer fassen, als es die analytische Psychologie vermochte. Alles deutete auf ein tiefes biologisches Geschehen hin, von dem der ’unbewußte Wunsch’ nur ein Ausdruck sein konnte.“ (Reich, 1967). Entsprechend konnten Psychoanalytiker und Psychologen die Aussage, die Reich hier machte, nicht schätzen.

Fünfundvierzig Jahre später ist diese gravierende Unterscheidung noch immer nicht anerkannt. Es gibt keinen Zweifel daran, daß die Psychoanalyse das Energiekonzept – die Libido -, die in der frühen klassischen Periode von zentraler Bedeutung war, beiseite geschoben hat. Ohne energetischer Grundlage, oder einem entsprechenden Konzept, dessen Basis der Körper ist, bleibt nur die Möglichkeit zu psychologisieren und interpretieren.

In seinem Buch “The Sexual Body“ kommentiert Arthur Efron die wachsende Bedeutung, die psychischem Material im Gegensatz zum energetischen, der Libido, in Form eines sexuellen Körpers gegeben wird: “Einer der meistrespektierten psychoanalytischen Theoretiker hat in einem Rückblick über die Phasen psychoanalytischer Theorie gesagt: ’Klassische Psychoanalyse ist moralische Psychologie’.“ Im Jahre 1968, als Guntrip dieses Statement veröffentlichte, hatte sich die Psychoanalyse weg vom biologischen Kern der klassischen Theorie, auf das “Ego“ verlagert. Die Libido war “passé“. Die Tendenz ging also dahin, den menschlichen Verstand in einer Weise, der die Bedeutung des Körpers und damit der Sexualität verringerte, als Hauptmetapher für die psychoanalytische Psychologie zu begreifen. – “ Heute ist die ’Ich-Psychologie’ aus der Mode, aber die Verlagerung hin zum Verstand und weg vom sexuellen Körper geht weiter. Ich haben den hervorragenden Analytiker Otto Kernberg zu Beginn eines Referates erklären hören, er könne sein Referat nur dann beginnen, wenn klar wäre, daß die Psychoanalyse, ihrer Definition gemäß, der Cartesischen Metaphysik, dem Cogito, entsprechend zu verstehen ist. Es war offensichtlich, daß Körper und Sexualität nicht als ’zentral’ betrachtet wurden.“ (Efron, 1985)

Dennoch werden Analytiker weiterhin von ihrer energetischen Vergangenheit verfolgt. Die ’Informationstheorie’ von Emanuel Peterfreund (1971) ist ein “sehr sorgfältiger Versuch, die psychoanalytische Theorie von ihrer Grundlage, der Theorie des Sexualtriebes und ihrer Abhängigkeit von sexueller Energie, der Libido, wegzubringen. Tatsächlich weicht Peterfreund sachdienlichen Fragen über Energie und Verstand aber dadurch aus, indem er eine Dichotomie herstellt zwischen ’physikalischer Energie’, die gesetzmäßig, biologisch überprüfbar und wissenschaftlich respektiert ist, und einer ‚psychischen Energie‘, die zweideutig und konzeptionell chaotisch, weder beobachtbar, noch in der modernen Biologie akzeptiert ist. Es ist bezeichnend, daß Otto Kernberg in der Formulierung seines psychoanalytischen Modells bestimmte ‚mysteriöse‘ Kategorien einführt, die er ‚Affekt-Dispositionen‘ nennt, um erklären zu können, daß Objekt-Beziehungsprozesse durch irgendeine Kraft angeregt werden müssen, da sie ansonsten nicht als Prozesse funktionieren könnten.“ (Efron, 1985).

Kernbergs Versuch den energetischen Prozeß zu leugnen, indem er „mysteriöse Kategorien“ einführt, scheint noch fantastischer als das, was er dadurch zu vermeiden versucht. Wie Reich bemerkte, ist Mystizismus die letzte Zuflucht, um Lücken mechanistischen Denkens aufzufüllen.

Die fortwährende Leugnung von Reichs biologisch begründetem Verständnis menschlichen Funktionierens steht in direktem Widerspruch zu jüngsten Untersuchungen von Forschern, die Reichs Arbeiten entweder nicht kennen, oder ihnen gleichgültig gegenüberstehen. In einer Studie, die sich mit der Beziehung zwischen dem Eltern-Kind Kontakt und einem daraus resultierenden aggressiven Verhalten beschäftigt, stellt James Prescott fest, daß in den Sozialwissenschaften im allgemeinen, und in der Psychonanalyse im besonderen, ein Konzept vom „Somatosensory Contact“ als bedeutsamen Faktor der Entwicklung fehlt. Weiters stellt er fest, daß seine Erkenntnisse die Behauptungen, die von Reich in der „Funktion des Orgasmus“ vertreten wurden, voll unterstützen.

Biologische Energie

Dasselbe, so Efron, gilt auch für ein neues Verständnis von Energieproduktion und –transport in den menschlichen Zellen. In neueren Forschungsergebnissen über den chemisch-energetischen Zyklus in Zellen wird gezeigt, daß ein sich wiederholendes „circular pattern“ (kreisförmiges Muster) vom Zentrum hin zur Peripherie beobachtbar ist, mit dem die Energie zu ihrem Verbrauch in das Gewebe gebracht wird1).

Dieses Mikromuster der Energiebewegung wird durch die Makrobewegung des Gesamtorganismus beeinflusst: „Übungen stimulieren die Energieproduktion“ (Dr. Besman). Hier wird deutlich, daß chronische Energieblockaden im Organismus, so wie die von Reich als „Panzerung“ beschriebenen Blockaden, auf eine herabgesetzte Energieproduktion im Körper, bzw. in den Zellen zurückzuführen sein mag. (Efron, 1985).

Neue Therapieformen

Betrachtet man die Geschichte der Psychoanalyse und berücksichtigt man dabei die besondere Beziehung die Reich zu ihr hatte, dann ist es nicht verwunderlich, daß die oben beschriebenen Unterschiede existieren. Es ist jedoch erstaunlich, daß neuere Therapieformen, insbesondere die, die Reich anerkennen und deren Grundlagen auf seinen Erkenntnissen beruhen, den biophysischen Aspekt nicht wirklich integriert haben. Alexander Lowen’s „Bioenergetik“ ist sicherlich die bekannteste aller neoreichianischer Therapien. Doch 1958, in seinem Buch „The Language of the Body“ bespricht Lowen das neurotische „Equilibrium“ als „displaced energy“ und gebraucht das Wort Libido, um einen solchen Prozess zu beschreiben. Weiters bezeichnet er die Energie lediglich als mechanische Energie, sowie sie vor Reich’s Arbeit verstanden wurde: „Hier haben wir wieder den Bezug zu grundlegenden physikalischen Gesetzen: Bewegung bezieht die Entladung von Energie mit ein und Aktion ist gleich Reaktion.“ Er stellt weiter fest: „Alle lebendigen Prozesse können auf Manifestationen dieser Bioenergie zurückgeführt werden“ … doch, „es ist an diesem Punkt nicht wichtig, die endgültige Form dieser grundlegenden Energie zu kennen.“ (Lowen, 1958). Beinahe zwanzig Jahre später schreibt Lowen in seinem bedeutendsten Werk „Bioenergetik“ in einem Kapitel über Energiekonzepte: „Bioenergetik ist, wie ich betont habe, die Studie der menschlichen Persönlichkeit im Sinne der energetischen Prozesse des Körpers.“ Dann erwähnt er elektrische Energie, Reichs Orgonenergie und das chinesische Konzept von Yin und Yang (fälschlicherweise als zwei separate Energien darstellt). Unglaublicherweise stellt er dabei fest: „Ich glaube nicht, daß es für diese Studie (die Studie der menschlichen Persönlichkeit im Sinne der energetischen Prozesse) wichtig ist, genau zu bestimmen, was diese Energie tatsächlich ist.“ (Unterstreichung vom Autor hinzugefügt; Lowen, 1975).

Gleiches gilt auch für die von Ron Kurtz entwickelte „Hakomi-Therapie“. In dieser gelungenen Synthese neuester Therapieformen stellt Kurtz das Biologische den zwischenmenschlichen Beziehungen und dem symbolischen „Material“ gleich: „Biologische Bedürfnisse und das biologische Erbe gehören im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes zum Therapiekonzept. Das Verständnis bestimmter biologischer Eigenheiten eines Klienten hilft uns die ganze Person zu verstehen, aber die Therapie konzentriert sich nicht auf diese biologischen Gegebenheiten. Das ‚Kernmaterial‘ besteht hauptsächlich aus früh erworbenen, unüberprüften Annahmen, Einstellungen und Gewohnheiten. Die Menschen gestalten ihr Verhalten, ihre Wahrnehmungen, Werturteile und die Art und Weise, wie sie ihren Körper benutzen, unter dem Einfluss dieses Kernmaterials.“ (R. Kurtz, Die Hakomimethoden).

Man käme in große Verlegenheit, wollte man diese Behauptung bestreiten. Sie ist eindeutig schlüssig. Ich beziehe mich hier nicht auf Hakomi oder Bioenergetik, um zu beweisen, daß ihr Ansatz falsch oder uneffektiv ist. Der entscheidende Punkt ist jedoch, daß diese Ansätze „Psychologie“ bleiben, so wie Reich sie (siehe Zitate zu Anfang dieses Artikels) beschrieben hat. Alexander Lowen’s Quellenangaben in seinem Buch „Körpersprache“ bestehen aus achtzehn Werken von Freud und aus zwei Titeln von Reich. Wenn Lowen sich in seinem Buch „Bioenergetik“ auf Reich bezieht, dann tut er das ausschließlich auf die „Charakteranalyse“, Reichs letztes psychoanalytisches Werk. Diese Arbeit bleibt Psychoanalyse, lediglich versehen mit einer energetischen „Decke“ (cover). Das gleiche gilt für das Hakomi-Konzept. Obwohl beide nicht beanspruchen „energetische“ Therapien zu sein, führe ich sie hier an, weil sie einen wachsenden Einfluss in der Welt der modernen Therapie haben: Es gibt kein Kapitel über Energiekonzepte; dafür sechs Seiten über die Arbeit mit Emotionen und sechzig Seiten über die Charakterarbeit. Diese Ausführungen sind – ebenso wie auch Lowen’s Arbeit über den Charakter – hervorragend. Aber: solange es (wie in der Psychoanalyse) keine energetischen Grundlagen oder ein entsprechendes Konzept gibt, das in der biologischen Realität verankert ist, werden sie mit dem begrenzten Instrumentarium des Psychologisierens und Interpretierens ineffizient bleiben.

Reich ist da eindeutig. Er macht die Trennung vollständig und löst sich von jenen Disziplinen, die auf einem psychologischen Verständnis ohne biologisches Konzept der menschlichen Natur bestehen: „Ich hatte beim Studium der Orgasmusfunktion gelernt, daß es unzulässig ist, im körperlichen Bereich nach dem Muster des Seelischen zu denken. Jedes seelische Geschehen hat neben einer kausalen Gesetzlichkeit noch einen Sinn im Bezug zur Umwelt. Dem entsprach die psychoanalytische Deutung. Doch im Bereich des Physiologischen gibt es keinen solchen Sinn. Es kann keinen geben, ohne daß man wieder eine überirdische Macht einführt. Das Lebendige funktioniert ganz einfach, es hat keinen Sinn.“ (Reich, 1967). Reich behauptet, daß intellektuelle Begriffsfindungen – zentrale Inhalte der Psychologie – im wesentlichen Erklärungen sind, die wenig mit der tieferen Realität des natürlichen biologischen Prozesses zu tun haben. Sie mögen zwar wahr sein oder innerhalb ihrer Umgebung eine gewisse Bedeutung haben, aber sie sind kein wesentlicher Bestandteil des lebendigen Prozesses. Mehr noch: natürliche Funktionen zu Psychologisieren, bedeutet die Natur als solche, und damit die Natur des Menschen falsch darzustellen: Der Mensch selbst ist lediglich Ausdruck eines Naturprozesses im Rahmen einer weit größeren kosmischen Energiefunktion.

Übergang von der psychologischen Interpretation
zur funktionellen Orgonomie am Beispiel des Widerstandes

In der dritten Ausgabe, von Reichs „Charakteranalyse“ wird der Übergang von psychologischer Interpretation zur funktionellen Orgonomie besonders deutlich: knapp und einleuchtend stellt Reich dar, wie ein klassischer „Widerstand“ – betrachtet man ihn aus beiden Positionen – zu völlig anderen Schlussfolgerungen und damit zu anderen Resultaten führt. Er beschreibt einen Patienten, dessen gesamte charakterliche Haltung ein „Nein“ ausdrückte. Anhand einer Deutung von bekanntem historisch wichtigem Material, zeigt er, wie sich die „Nein-Haltung“ und auch ihre Logik, bzw. ihre Rationalität entwickelte. Er zeigt den unterschiedlichen Ansatz der Tiefenpsychologie zu dem der funktionellen Orgonomie auf. Die Tiefenpsychologie erkannte schnell die Bedeutung des „Nein“ und des hiermit „eingeklemmten“ Affekts. Aus Reichs Sicht, einer „Sicht aus dem biologischen Kern“ ergibt diese „Nein-Haltung“ folgendes Bild: „in der biologischen Tiefe geht es nicht um ein ‚eingeklemmtes Nein-Nein‘, sondern um die Unfähigkeit des Organismus, ‚Ja‘ zu sagen.“ (Reich, 1976). Die Interpretation der Bedeutung dieser Charakterhaltung war das „Nein“. Der natürliche Ausdruck war die Unfähigkeit, „Ja“ zu sagen. Es gab keinen Widerstand gegen das, was im Kern war, sondern vielmehr eine Unfähigkeit – auf der biophysischen Ebene und infolgedessen ebenso auf der psychischen Ebene – für etwas zu sein. Es handelt sich also nicht um ein Dagegen sein, einen Widerstand, ein ‚Nein‘, sondern vielmehr um die Unfähigkeit, für etwas zu sein. „Die biopathische Struktur ist an das biopathische Funktionieren gewöhnt; …, es ist als würde man einen Lahmen zum Tanz bitten.“ (Reich, 1976).

Bedeutung und Ausdruck

Ich halte es an dieser Stelle für sinnvoll, mein Verständnis für die beiden Begriffe, „Bedeutung“ und „Ausdruck“ zu verdeutlichen. Bedeutung, so wie ich das Wort hier gebrauche, wird als die menschliche Wertschätzung und das Verständnis, das im Bezug zur Umgebung einem bestimmten Verhalten unterliegt, verstanden. Das heißt, die Bedeutung des Verhaltens ist davon abhängig, wie es im Bezug zur Umwelt verstanden wird. Zum Beispiel: Ist es gut oder schlecht, wenn Dir ein Mensch mit einem Messer an den Körper geht? Ist dieser Mensch ein Arzt, der eine Operation durchführt, so würde diese Handlung als gut und wertvoll betrachtet. Ist dieser Mensch ein Verbrecher, wäre es weniger gut. Die „Bedeutung“ ist eine andere und das Verhalten wird sicher nicht als wertvoll oder gut betrachtet. Die Bedeutung ist durch den Zusammenhang und die Realität des Betroffenen zu diesem Zeitpunkt bestimmt. Das Beispiel lässt sich fortführen: Selbst wenn dieser Mensch ein Arzt wäre und die betroffene Person bräuchte zwar eine Operation, ist jedoch noch nie mit der modernen Medizin in Kontakt gekommen, oder hält sich an strenge religiöse Regeln, die einen solchen Eingriff verbieten, dann würde die Bedeutung dieser Handlung negativ bewertet werden. Die Situation verändert sich vollkommen, wenn es sich um den natürlichen Ausdruck des Lebendigen handelt. Reich hat postuliert, daß es hier keinen Sinn, keine Bedeutung, sondern nur eine Funktion gibt. Es existiert keine Bedeutung in dem Sinne, wie eine menschliche Interpretation (Deutung) sie ihr auferlegen würde, selbst dann nicht, wenn diese Deutung mit der natürlichen Funktion übereinstimmen würde. Das Funktionieren des „kosmischen Orgons“ ist jenseits von Sprache, es findet statt bevor etwas „verstanden“ wird.

Tatsächlich ist ja schon die Begriffsfindung, ihre Erörterung und Begründung, ein Produkt des energetischen Prozesses selbst. In der „Charakteranalyse“ schreibt Reich: „Absicht und Bedeutung biologischer Aktivität entstehen als sekundäre Funktionen“. Später, in seinem Buch „Äther, Gott und Teufel“ scheint er einen schon schwierigeren Punkt zusammenzufassen indem er sagt: „… die Funktion lebendiger Materie ist einfach die, daß die Essenz des Lebendigen das lebendige Funktionieren selbst ist, und daß sie keine transzendentale ‚Zweckmäßigkeit‘ oder ‚Bedeutung‘ hat. Die Suche nach einer absichtsvollen Bedeutung des Lebens stammt von der Panzerung des menschlichen Organismus, die die lebendige Funktion blockiert und sie mit rigiden Formeln über das Leben ersetzt. Ungepanzertes Leben sucht nicht nach einer Bedeutung oder Zweckmäßigkeit für seine Existenz aus dem einfachen Grund, da es spontan bedeutungsvoll und zweckmäßig funktioniert, ohne den Befehl ‚Du sollst’.“ (Ether, God and Devil, 1973). Reich legt hier den Gedanken nahe, daß es im „natürlichen Funktionieren“ beides gibt: Sinn und „Nicht-Sinn“.

Aufgrund der ihr zugeordneten Eigenschaften hat nach Reich Energie auch entsprechende Auswirkungen.

Erstens: Energie hat keinen “Sinn“, keine Bedeutung im Sinne einer Absicht, einer Intention. Es gibt kein übernatürliches ’Gehirn’, das sie dirigiert und es gibt auch kein Bewusstsein im Sinne eines “um zu …“. Natürliche Funktionen existieren einfach, und als eine Folge dieses natürlichen Zustandes gibt es Leben, Wachstum, usw. So ist es auch nicht nötig, dem natürlichen Funktionieren einen Sinn aufzuerlegen oder seine Bedeutung zu verstehen, weil es sich selbst erklärt.

Zweitens: “energetische Eigenschaften“ sind diejenigen, die der Mensch mit seinem Verständnis für “natürliches Funktionieren“ dazu macht. Er ist gepanzert, er hat den Kontakt mit seinen natürlichen Funktionen verloren und kann deshalb nicht in der Lage sein, die Ganzheit natürlichen Funktionierens zu begreifen. So kann der Mensch nicht sehen, daß seine natürlichen Funktionen – aus sich selbst heraus und auf eine ganz spontane Art und Weise – lebenserhaltend sind. Da er die natürliche Ordnung, die aus ihnen unwillkürlich hervorgeht nicht sieht, schreibt er ihnen Sinn und Bedeutung zu. Dies ist der Grund dafür, daß Reich das “Psychologisieren“ und “Deuten“ kritisierte und es von seiner Arbeit zu trennen versuchte. Alle funktionalen Aspekte der Energie haben keinen “Wert“ an sich. Trotzdem haben wir natürlich die Freiheit, sie unserer eigenen Realität entsprechend, als gut oder schlecht, kreativ oder destruktiv, usw. zu bewerten. Insofern bekommt die “Lebensenergie“ nur im Vergleich, d.h. vor einem Hintergrund Bedeutung. Dies ist jedoch ein anderer Prozeß, als der, der aus den natürlichen energetischen Funktionen entsteht und in sich-selbst-erhaltendes Leben mündet. Es ist notwendig diese Trennung zu machen. Nur so ist der Unterschied zwischen Reich’s Arbeit und der Psychologie im allgemeinen zu verstehen. Ein Verstehen von Körperarbeit ohne diese Differenzierung bedeutet, funktionell und energetisch nicht so zu arbeiten, wie Reich diese Begriffe gebraucht und definiert hat.

Beispiele energetischer Betrachtungsweisen

Zwei Beispiele sollen den Unterschied zwischen Psychologie und funktioneller Orgnonomie aus einer energetischen Betrachtungsweise verdeutlichen. Sie sollen hervorheben, warum und inwiefern dieser Unterschied wichtig ist. Im ersten Beispiel geht es um die sogenannte „Fötusposition“, im zweiten um die „masochistische Charakterstruktur“.

Ein bekanntes Phänomen in der Therapie ist der häufig geäußerte Wunsch, sich in Seitenlage zusammenzurollen, um die Knie und Kopf zusammenzubringen. Diese Position wird „Fötusposition“ genannt. Normalerweise wird diese Haltung als der Wunsch gedeutet, in den Mutterleib zurückzukehren; im allgemeinen wird dazu assoziiert, daß der Klient sich in einer geschwächten und abhängigen Situation befindet. Diese Interpretation ist logisch und verständlich. Wer aber mit Reichs Entdeckungen der grundlegenden Eigenschaften des Orgon und damit, wie es funktioniert, vertraut ist, erkennt, daß genau die gleiche Körperhaltung eine völlig andere und möglicherweise genau entgegengesetzte Bedeutung bekommen kann. Darüberhinaus kann diese Haltung eingenommen werden, ohne überhaupt irgendeine Bedeutung zu haben, selbst, wenn sich gleichzeitig ein wichtiger energetischer Prozess vollzieht. Reich hat modellhaft angenommen, daß es eine der wichtigsten Eigenschaften der masselosen kosmischen Orgonenergie ist, daß sie aus ihrer Natur heraus „zu sich selbst zurückkehrt“. Diese Eigenschaft ist von besonderem Interesse in der Diskussion über die sogenannte „Fötusposition“. Das „Zu-sich-selbst-Zurückkehren“ wird als eine sich drehende Kreiselwelle dargestellt. In seinem natürlichen Zustand bewegt sich das masselose Orgon in einer drehenden, vorwärtsgerichteten Bewegung. Es kommt zu sich selbst zurück, indem es in einem Bogen ständig vorwärts gleitet.

Abbildung A:

Diese Eigenschaft der Energie ist beobacht- und nachweisbar. Reich dazu: „Sie hat keine Bedeutung, keinen Sinn, sie ‚funktioniert’ lediglich …“, obwohl das, was sich aus diesem grundlegenden Prozess ergeben kann, für uns von Bedeutung sein mag.

Abbildung A) zeigt wie das masselose Organ in einer sich wiederholenden Bewegung „zu-sich-selbst-zurückkehrt“. Auch nachdem sich Masse – physikalische Materie – gebildet hat, folgt die Energie diesem Gesetz in gleicher Weise. In dem 1951 erschienenen Buch „Cosmic Superimposition“ beschreibt Reich, daß sich Form aus der Funktion ergibt. Wichtig für die Diskussion hier ist, daß die physikalische Materie, und damit auch die Form, die sie annimmt, eine direkte Funktion der dem Organ zugehörigen Eigenschaften ist. Diese grundlegenden Eigenschaften, inklusive der Fähigkeit „zu-sich-selbst-zurückzukehren“, sind natürlich auch weiterhin Bestandteile des lebendigen Organismus.

Die masselose, kosmische Orgonenergie verlangsamt sich, physikalische Materie wird gebildet und ein eingekapseltes Organ-System entsteht: lebendige Organismen, die von einer Membran umgeben sind. Der Mensch ist eine hochentwickelte Form der Einkapselung eines solchen Systems. Doch auch wenn die Energie eingekapselt ist, setzt sich die fließende innerhalb des Organismus fort und es gelten weiterhin die gleichen grundlegenden Funktionsgesetze der Energie. (Die Form, die als Folge des „Wie die Energie funktioniert“, entstand, spiegelt auch ihre grundlegenden Eigenschaften wieder.) Selbst wenn die Energie in einer physikalischen Form eingekapselt ist, geht die Bewegung, die „zu-sich-selbst-zurückkehrt“ weiter. Das nun gebundene Orgon bewegt sich innerhalb der von der Membran gesetzten Grenzen.

Abbildung B zeigt diese grundlegende Lebensform und deren Energiefluss:

Diese Form ist nach Reich der Prototyp aller, lebendigen Formen“. In „Cosmic Superimposition“ behandelt Reich speziell diesen Aspekt seiner Arbeit umfangreich. Hier wird deutlich, wie die Form aus den Eigenschaften der Bewegung des Orgons –

der sich vorwärtsbewegenden Kreiswelle – entstand; und damit ergibt sich auch, daß die energetischen Eigenschaften innerhalb der Grenzen der Membran weiterhin wirksam sind. Entsprechend behält das freie Orgon, das sich von Natur aus unwillkürlich vorwärts bewegt und „zu-sich-selbst-zurückkehrt“ die gleichen Eigenschaften, sobald sich eine Form, ein Körper gebildet hat. Das natürliche Funktionieren, das „zu-sich-selbst-Zurückkehren“, ist nun lebendig im Menschen in Gestalt des „Orgasmusreflexes“; jener unwillkürlichen Bewegung des gesamten Körpers, bei der zwei gegenüberliegende Körperteile – der Kopf und das Becken – in einer runden, sich faltenden Bewegung zusammenkommen. Diese natürliche und unwillkürliche Bewegung ist insofern ein „Loslassen“, als dem natürlichen Impuls ermöglicht wird, sich im Körper auszubreiten. Es ist ein Prozess des Zulassens, ein Weichwerden, ein Entspannen von muskulärer und charakterlicher Starre. Die Fähigkeit zum Orgasmusreflex kann ein Zeichen dafür sein, daß ein Mensch sich für einen tieferen Prozess zu öffnen beginnt.

Jetzt können wir zur Diskussion der Fötusposition zurückkehren. Psychologisch gesehen wird diese Haltung als wichtig erachtet und normalerweise, psychologisch gesehen, wird ihre „Bedeutung“ mit Regression oder Rückzug in Verbindung gebracht. Betrachten wir jedoch dieselbe Bewegung aus einer funktionalen Sicht, bekommen wir einen völlig anderen Eindruck; daraus lassen sich entsprechend andere Schlüsse ziehen.

Die Entwicklung des Orgasmusreflexes ist eine natürliche Funktion der (grundlegenden Eigenschaften) der freigewordenen Orgonenergie. Per definitionem ist der Orgasmusreflex eine Form der Hingabe, ein Loslassen, kein Aufgeben. Es ist ein Weichwerden, nicht ein Schwachwerden, es ist ein wünschenswertes Loslassen, der Instroke der Pulsation, ein sich nach Innen bewegen, um tieferen Kontakt zu suchen, es ist kein Rückzug, keine Verneinung. Es ist in der Tat eine Bejahung des Lebens, des Lebendigen, ein Lebendig werden! Es ist eindeutig Ausdruck einer Vorwärtsbewegung mit dem Potential für Wachstum. Auf der körperlichen Ebene sind die Fötusposition und der Orgasmusreflex wesentlichen dieselbe Bewegung. Dies ist besonders deutlich in der Einwärtsbewegung der Pulsation beim Orgasmusreflex.

Keinesfalls aber sind diese beiden Bewegungen in ihrer Bedeutung dasselbe. Es geht nicht darum, da Regression – sehr oft wesentlicher Teil eines Heilungsprozesses – als therapeutisch wenig wertvoll aufgefasst werden könnte, sondern um die Fähigkeit, zwischen Kontraktion bzw. Verneinung und offener Hingabe und Bejahung unterscheiden zu können. Beide Bewegungen sind in ihrer Form ident. Es geht nicht darum zu beurteilen, welcher Standpunkt hier „richtig“ oder „besser“ ist, sondern darum, diese Unterscheidung machen zu können,bevor Schlussfolgerungen ge-zogen werden. (Dies ist keine exakte Wiedergabe der Reichschen Position, da er nicht davon ausging, daß Regression tatsächlich stattfindet.)

Die Betrachtung der Fötusposition ist ein exzellentes Beispiel für die Psychologisierung des Biologischen, selbst dann, wenn eine Person tatsächlich Regression ausdrückt. Die Psychologie versteht die Fötusposition als eine Haltung, in der Geborgenheit und Sicherheit gesucht wird, als einen Versuch in den Mutterleib zurückzukehren. Versteht man die natürlichen Energiefunktionen, dann wird klar, was sie darstellt: Die Position selbst ist eine Funktion der Orgonenergie und als Folge kann man ihr diese Bedeutung geben. Bei Betrachtung von Abbildung B) wird die Ähnlichkeit zwischen der Darstellung des Orgonoms und der Form des Fötus offensichtlich: Sie ist, wie alle Formen, eine Funktion energetischer Prinzipien. Der Fötus dreht sich zu sich selbst, nicht etwa um sich sicher zu fühlen, sondern vielmehr ist er einfach in dieser Position, weil sie die natürliche Folge der Kreisbewegung auf der energetischen und damit auch auf der physischen Ebene ist. Es ist das Ergebnis, daß der sich entwickelnde Fötus sich hier sicher fühlt. Und so entsteht eine Assoziation zwischen dieser Position und dem Gefühl von Sicherheit. Dann und nur als Folge davon wird die Fötusposition als sicher erfahren. Dies ist jedoch etwas anderes, als zu glauben, daß die Fötusposition an sich sicher sei. Sie wird nur dann als sicher erfahren, wenn die Assoziation durch eine viel primärere Funktion – der Einwärtsbewegung der Energie – im relativ sicheren Mutterleib geprägt wurde. Solange der Therapeut diese Unterscheidung nicht versteht, wird er nicht in der Lage sein, mit dem primären energetischen Prozess zu arbeiten, und seine Behandlungstechnik wird von dem was er „denkt“ er „sehe“, begrenzt bleiben. Solange er nicht zwischen einer natürlichen, ausdrucksvollen und wachstums-orientierten Bewegung – dem Orgasmusreflex – und einem sekundären, regressiven, defensiven und reaktionären Prozess, der Annahme, die mit der Fötusposition einhergeht, unterscheiden kann, wird er Verhalten nur psychologisieren und interpretieren, aber er wird es nie richtig verstehen. Wenn der natürliche energetische Prozess nicht als Zeichen für wachsende Gesundheit, sondern als eine kindliche Reaktion in Form von Regression verstanden wird, wird das auch eine tragische Wirkung auf den Klienten haben.

Energetische Prozesse sind, wie Reich erklärt, „rational“; Sinn und Bedeutung sind auf natürliche Weise – vielleicht nicht als Bedeutung im psychologischen Sinn – sondern im Sinne natürlicher Funktionen in ihnen enthalten.

Ebenso will ich anhand eines zweiten Beispiels zeigen, wie Psychologisieren und Interpretieren das Verständnis für natürliche Funktionen beeinträchtigen kann. In „Die Funktion des Orgasmus“ (Kapitel: „Der Einbruch in das biologische Fundament“) hat Reich das funktionale Verständnis des Masochismusproblems als Grundstein für Erklärungen energetischer Prozesse benutzt. Aus einer funktional-energetischen Sicht heraus hat er die masochistische Struktur verständlich gemacht.

Reich beginnt das Kapitel mit der Feststellung: „Für die Psychoanalyse war die Lust, Schmerzen zu erleiden, die Folge biologischer Bedürftigkeit. Der „Masochismus“ war ein Trieb wie jeder andere, nur auf ein eigenartiges Ziel gerichtet.“ Reich hatte einem masochistischen Patienten in einer Sitzung tatsächlich einen Schlag gegeben; erstaunt über die Wirkung, schreibt er: „Mit einem Male verstand ich, daß der Schmerz und die Unlust gar nicht die Triebziele des Masochisten sind, wie behauptet wurde. Der Masochist empfindet wie jeder andere gewöhnliche Sterbliche, wenn er geschlagen wird, Schmerz.“ Er sah schnell, daß hier keine Lust beteiligt war; er nahm an, daß Masochismus nichts anderes wäre, als der Versuch eines Individuums sich selbst von seiner körperlichen und charakterlichen Panzerung zu befreien.

Aus funktionaler Perspektive stellte Reich sich den masochistischen Charakter als eine Art Blase vor, die bis zum Platzen aufgeblasen war. Die Blase war die Membran, die Haut, und das Aufgeblasene die nicht entladene Energie, die ein unerträgliches Spannungsniveau erreicht hatte. So, als wäre ein Ballon aufgeblasen und kurz vor dem Platzen. Das Platzen würde die Spannung freisetzen und dem Organismus Erleichterung verschaffen. Die Schläge und das Gepeinigt werden waren nicht mit Lust besetzt, aber die Befreiung von der Spannung, der aufgestauten Energie, war lustvoll. Der Wunsch geschlagen zu werden, war ein Versuch des Organismus, sich zu befreien, ohne zu wissen, wie er sich auf andere Art und Weise befreien könnte. Die Spannung, von der sich der masochistische Charakter durch Schläge zu befreien versuchte, hatte nichts mit einem „instinktiven“ Verhalten oder einer Notwendigkeit im primären Sinne zu tun. Es war weder angeboren, noch ein Teil des Organismus, sich so außergewöhnlich und bizarr zu verhalten. Es hatte keine inhärente psychologische Bedeutung, obwohl sich natürlich Neigungen entwickeln können, die später eine psychologische Bedeutung haben.

Ohne das masochistische Verhalten verteidigen zu wollen, könnte man dieses Verhalten des Patienten als für ihn „gut“ bezeichnen, wenn er sich darauf einlässt. Wenn wir begreifen, daß masochistisches Verhalten ein Befreiungsversuch ist, kann es durchaus als lebensbejahend angesehen werden. Wichtig ist hier, daß, betrachtet man masochistisches Verhalten energetisch und funktional, es als Selbstheilungsversuch des Organismus gesehen werden kann. Für den Fall, daß dieser nicht gelingt, werden sich über einen gewissen Zeitraum hinweg aufgrund der stagnierenden Energie funktionelle Störungen und in der Folge organische Veränderungen einstellen.

Masochismus muß nicht als pathologischer Zustand, begleitet von psychologischen Erklärungen gesehen werden. Er kann als Perversion, eine Entstellung der natürlichen Funktion betrachtet werden, aber nicht die Person selbst braucht als pervertiert betrachtet zu werden.3

Dr. Arthur Efron schrieb 1977 in der Mai-Ausgabe von „Energy and Character“4) einen ungewöhnlichen Artikel, in dem er Reichs Buch „Die Funktion des Orgasmus“ aus literarischer Sicht besprach. Er bezieht sich auf Reichs Bild von der „Blase“ und erläutert, wie er Reich versteht: „Die Blase beginnt zu sprechen. Sie beklagt sich, daß sie künstlich eingeschränkt, gepanzert ist. Obwohl Reich all dies – als „kuriose Analogie“ entschuldigend – beschreibt, ist er am Ende des Buches fast so weit zu sagen, es sei eine Tatsache … Mit anderen Worten: der Mensch ist eine Blase, selbst wenn wir einen Menschen sehen und keine Blase.“ (Efron, 1985). Efron weiter: „Ich möchte annehmen, daß Reich die gesunde Intuition hatte, daß die „Blase“ niemals eine Analogie war. Ein wichtiges Beispiel ist einem autobiographischen Essay Albert Einsteins entnommen, der erst vor kurzem veröffentlicht wurde: Für Einstein war das Schlüsselerlebnis zur Entdeckung der „Allgemeinen Relativitätstheorie“ seine Vorstellung, daß ein Mensch, der vom Dach fällt sowohl durch den Raum fällt, als auch unbeweglich bleibt. Einstein dachte nicht zuerst an jemanden, der fällt, um dann diesem Gedanken die Vorstellung, daß er gleichzeitig unbeweglich bleibt entgegenzusetzen, sondern er stellte sich vor, daß beides gleichzeitig passierte. Die gleiche Art der Nebeneinanderstellung ist allen Beispielen Rothenbergs „gleichräumigen Denkens“ eigen. Sie sind keine Analogien, sondern neue, tatsächlich vorstellbare Ganzheiten“. … „So auch für Reich: Die Amöbe lebt an genau dem Ort, wo der Mensch auch lebt; und dieses einfache Organ, die lebendige Blase ist genauso existent, wie der unglaublich komplizierte menschliche Organismus … Was er in seiner Darstellung aufzeigt, ist, daß sein Denken nicht mit einem linearen Modell vereinbar ist.“ (Efron, 1985). – Hier haben wir den „Sack aus Energie und Flüssigkeit“ wieder. Reich sah die Menschen tatsächlich als „functioning units“. Er hatte gelernt, sie nicht mehr ihrem Verhalten, oder dem, was es bedeuten oder nicht bedeuten könnte entsprechend zu sehen, sondern er sah die Menschen aus einer grundlegenderen Perspektive.

Psychosomatik

Ich möchte noch einen weiteren Unterschied zwischen Reichscher Arbeit und der Psychologie beschreiben, und zwar anhand des Begriffes der „Psychosomatik“. Häufig wird ein Teil der Reichschen Forschung als psychosomatische Arbeit beschrieben. Ich glaube, daß die meisten Körpertherapeuten auch so über ihre Arbeit denken.

Die moderne Psychologie hat ihre Wurzeln in der Psychoanalyse. Die Vorstellung einer wechselseitigen Beziehung zwischen Psyche und Soma gab es jedoch schon viel früher. In der westlichen Medizin und in der Psychoanalyse ist diese Vorstellung jedoch untergegangen und ist erst in letzter Zeit in der psychosomatischen Medizin, in einigen körperorientierten Therapierichtungen und in einigen Bereichen der Psychologie wieder belebt worden. Die meisten Körpertherapien haben die Konzepte Reichs integriert oder verdanken ihm die Entwicklung eigener Konzepte. Führende Richtungen, wie die „Bioenergetik“ oder „Radix“ behaupten mit der Auflösung des Body-Mind-Split zu arbeiten. Und ich glaube, daß sie dies auch tatsächlich tun. Was aber nicht bedeutet, daß sie funktional bzw. so arbeiten, wie Reich diese Begriffe verstand.

Wenn sich Körpertherapeuten in ihrer Arbeit auf den Körper, , seine Bewegungen und die dazugehörigen Emotionen konzentrieren, so heißt das nicht unbedingt, daß sie dem energetischen Prozess näher sind, als Analytiker oder andere „Gesprächstherapeuten“. Hinter dieser Behauptung steht, daß – wie Reich es beschrieb – Geist und Körper entsprechend der Formel des „Allgemeinen Funktionsprinzips“ eins sind: weder der Geist noch der Körper sind dem energetischen „functioning“ näher! Das heißt, nicht nur das Verbalisieren kann verhindern, daß tiefere Prozesse entstehen, sondern auch Bewegungen oder Emotionen. Reich zeigt auf, daß Bewegung und Gefühle dasselbe tun können: „Willkürliche Bewegungen in bestimmten Muskelgruppen können ebenso als Abwehr gegen unwillkürliche Bewegungen funktionieren. Dementsprechend können auch bestimmte unwillkürliche Bewegungen wiederum als Abwehr gegen andere unwillkürliche Bewegungen dienen.“ Er sprach auch von … „erlerntem vegetativem Verhalten“. (Function of the Orgasm, 1967). Dasselbe gilt für Gefühle. Reich warnte davor zu glauben, daß der befreite Affekt tatsächlich der vegetative war. Er betrachtete Ihn solange als Teil des Abwehrsystems, bis er ein bestimmtes Niveau erreicht hatte. Sein Diagramm der Beziehung zwischen Psyche und Soma zeigt, daß beide eine Funktion des darunterliegenden energetischen Prozesses sind und beide gleichweit von ihm entfernt sind.

Abbildung C:

Solange wir dies nicht begriffen und in unsere Arbeit integriert haben, werden wir nicht energetisch arbeiten, es sei denn gelegentlich oder zufälligerweise. Mit Gedanken oder Gefühlen oder beidem zu arbeiten heißt nicht, energetisch per se zu arbeiten. Und zu glauben, man wäre, weil man mit Bewegung und der Provokation von Emotionen arbeitet den energetischen Funktionen automatisch näher, bedeutet, daß man sich auf der Stufe der frühen Analytiker befindet; diese, so meinte Reich, konnten kein tieferes Verständnis des menschlichen Funktionierens erreichen, da sie fälschlicherweise glaubten, daß sie mit dem Unbewussten, dem ES, selbst arbeiten würden. Sie verwechselten die Manifestationen und Symptome mit dem, um was es wirklich ging. – Dies gilt auch für die psychosomatische Arbeit. Reichs Darstellung der Beziehung zwischen Psyche und Soma bezogen auf den darunterliegenden energetischen Prozess war nicht:

Abbildung D:

Bewegungen, Emotionen, Gefühle und Wahrnehmungen sind energetisch nicht “besser“, wirklicher oder wichtiger als Gedanken, Bewertungen oder Urteile. Funktionell und praktisch sind sie identisch, nur ihre Erscheinungsformen sind unterschiedlich. Das eine mehr als das andere, für wichtiger, oder als dem wahren Material näher zu beurteilen, heißt, das allgemeine Funktionsprinzip und seine Manifestationen nicht wirklich zu verstehen (siehe Abbildung B/Text “Materie ist verlangsamte Energie“).

Die nächste Stufe dieses Entwicklungsprozesses ist für unsere Argumentation hier wichtig: Das Orgon fließt nun innerhalb eines “Körpers“; dieses Fließen – und die dazugehörige Pulsation – wird im Organismus als plasmatisches Strömen erlebt, was erst dann in “orgonomische Empfindung“ umgesetzt werden kann. Diese Empfindungen sind das, was wir als Psyche und Soma erfahren. Sie sind die Emotionen, Vorstellungen, Gedanken, Ideen etc., die wir empfinden. Sie werden zu “Verhalten“, körperlich, emotional und geistig, und dann zu Symptomen. Folgendes Schema verdeutlicht dies:

Diese Beschreibung hilft zu erkennen, wie eins auf dem anderen, letztlich auf dem Orgon aufbaut. Wie Reich hervorhebt, ist die Energie selbst unmittelbar nicht erfahrbar. Wir können nur ihre Erscheinungsformen erkennen und wissen, auf welcher Erscheinungsebene wir eingreifen. Dies allein wird den therapeutischen Prozeß sehr viel weiterbringen. Orgonomische Empfindungen sind Erscheinungsformen eines tieferen, energetischen Prozesses. Verhaltensweisen und Symptome sind die ein und zweimal gefilterten Interpretationen der orgonomischen Empfindungen, die wiederum durch die Wahrnehmung des Organismus von sich und seiner Realität gefiltert sind.

Mit Verhaltensweisen und ihren Symptomen zu arbeiten ist weit entfernt von energetischen Prozessen. Solange diese Unterscheidung nicht eindeutig getroffen wird, kann man nicht zwischen einem „natürlichen“ Ausdruck, der im psychologischen Sinne keine „Bedeutung“ hat, und dem Psychologisieren eines symptomatischen Verhaltens differenzieren. Ich sage nicht, daß die Arbeit mit Verhaltensweisen oder Symptomen wirkungslos oder wertlos ist. Aber es ist wichtig, den Unterschied zu kennen, so daß sich eine Behandlung entsprechend entwickeln kann. Dasselbe gilt für die psychosomatische Arbeit. Die funktionelle Arbeit konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Psyche und Soma. Funktionelle Orgonomie jedoch ist Arbeit mit energetischen Prozessen in Gestalt ihrer somatischen und psychischen Funktionen. In der funktionellen Orgonomie ist nicht die Beziehung zwischen Psyche und Soma wichtig, sondern das Verhältnis von Psyche und Soma zum energetischen Prozess.

Das Konzept einer Spaltung zwischen Geist und Körper wird in Formulierungen Lowen’s fortgeführt, wenn er Kopf und Becken als gegebene, separate Zentren postuliert und ihre Integration als Ziel der Therapie beschreibt. Diese Haltung ist auch in Chuck Kelley’s Beschreibung von „Purpose Work“ wiederzufinden. „Purpose“: eine geistige Funktion, die – wenn sie vom Individuum richtig entwickelt wurde – ihm erlaubt, die „Tyrannei der Gefühle zu besiegen“. Die meisten von uns erleben in der Verhaltensrealität eine Spaltung zwischen Kopf und Körper. Aber in Wirklichkeit, in der funktionalen Wirklichkeit, sind sie nicht getrennt. Behauptet man, es sei notwendig sie zu integrieren, dann unterstellt man, daß sie getrennt sind, statt zu begreifen, daß sie nur getrennt erlebt werden. Die funktionelle Orgonomie bietet ein solides, natürliches und biologisch fundiertes Verständnis der Tatsache, daß diese Spaltung nicht existiert; und sie bietet ein Konzept wie man, stellt sie sich im symptomatischen Verhalten dar, mit ihr arbeiten kann.

Dieser Artikel beinhaltet nichts wirklich Neues. Es ist ein Versuch, den Unterschied zwischen Psychologie und funktioneller Orgonomie zu verdeutlichen und zu zeigen, warum dieser Unterschied so wichtig ist. Reichs Erkenntnisse und seine Arbeit geben uns die Möglichkeit, die Wurzeln des Menschen in der Natur und in den rationalen Gesetzen, die beides, die Natur und den Menschen bestimmen, zu verstehen. Dies ist eine Gelegenheit, über symptomatisches Verhalten und Psychologisieren hinauszugehen, um ein tieferes Verständnis des Menschen zu erreichen. Der Wert der Entdeckungen Reichs kann nicht überschätzt werden.

Erläuterungen:

Diese Kreisbewegung des Energietransports weist stark auf Reich’s Konzept der Pulsation und der Kreiselwelle hin. Sie deutet daraufhin, daß die grundlegenden Energiefunktionen, wie sie von ihm verstanden wurden, lebendig und gut sind und in unseren Zellen funktionieren.

Eine andere Möglichkeit zwischen funktionaler Orgonomie und Psychologie zu unterscheiden ist in den Begriffen „Bewegung“ und „Verhalten“ zu denken. „Bewegung“ ist der natürliche Ausdruck des Organismus, während „Verhalten“, im Verständnis der Psychologie die bedeutungsvollen, sinnvollen Handlungen einer Person umschreibt.

Masochismus kann nun auf energetischer, d.h. auf biologischer Basis diagnostiziert und charakterlich beschrieben werden. Insofern ist eine genauere diagnostische Vorgehensweise ermöglicht. Nicht alle selbstbestrafenden Strukturen sind notwendigerweise masochistische Strukturen.

Der Artikel erschien erstmals in „Energy and Character“. Die hier benannte Quelle ist ein Nachdruck des Originals, erschienen im „Bio-Energy Journal“, Kanazawa, Japan.

Fortsetzung in „BUKUMATULA“ 5/89

Bibliographie:

Reich, Wilhelm, Orgonomic Functionalism: Part II, Orgon Enrgy Bulletin, 2; 1-15, 1950.
Reich, Wilhelm, Function of the Orgasm, The Noonday Press, New York, 1967.
Efron, Arthur, The Sexual Body: An Interdisciplinary Perspective, Vol. 182, 1985.
Lowen, Alexander, The Language of the Body, Collier Books, New York, 1985.
Lowen, Alexander, Bioenergetics, Penguin Books, New York, 1975.
Kurtz, Ron, Hakomi Therapy, Hakomi Institute, Box 1873, Boulder, Colorado.
Reich, Wilhelm, Character Analysis, Simon and Schuster, New York, 1976:
Reich, Wilhelm, Ether God and Devil; Cosmic Superimposition, Farrar, Strauss and Giroux, New York, 1973.
Efron Arthur, Wilhelm Reichs Function of Orgasm, the impossible Task, Journal of the Center for the Study of Bio-Energy, No. 2, March, 1984, Kanazawa, Japan.
Dillardm, Annie, Pilgrim of Tinker Creek, Harper and Row, New York, 1974.

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  • Buk 2/89 Freud hat es also geschafft…

    Bukumatula 2/1989

    Freud hat es also geschafft…

    Nadine Hauer und Wolfram Ratz:


    Außerhalb jeglichen runden Anlasses kam 1985 der Schöpfer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, zu offiziellen Ehren. Den Platz vor der Wiener Votivkirche, der jetzt Sigmund Freud-Platz heißt, schmückt nun auch ein entsprechendes Denkmal. Freud hat es also geschafft; zu einem Zeitpunkt, wo er in anderen Ländern nach ausgiebiger Auseinandersetzung wieder vermenschlicht, manches von ihm in Frage gestellt wird, gelangte er in seiner Heimat endlich aufs Podest.

    Einer seiner bedeutendsten, gleichfalls österreichischen Kollegen fristet jedoch nach wie vor ein – allerdings rühriges – Untergrunddasein: Wilhelm Reich. Wie zu seinen Lebzeiten lösen seine Schriften, aber auch er selbst heftige Reaktionen aus. Er wird geliebt oder verehrt, gehasst oder abgelehnt, nur gleichgültig bleibt niemand, der auf ihn stößt. Vor allem aber wird er, der angeblich oder tatsächlich Schizophrene, von seinen Jüngern ebenso wie von seinen Gegnern, gespalten: in den „frühen“ und in den „späten“ Reich. Man liebt oder hasst den einen, hasst oder liebt den anderen. Wie soll dieser Wilhelm Reich in Österreich jemals zu einem Denkmal kommen?

    Objektivität gibt es sowieso nicht, und bei Wilhelm Reich schon gar nicht. Angeblich sagen Ansichten über andere weniger über diese aus als über jene, die diese Ansichten äußern. Wilhelm Reich aus der Sicht einiger weniger, die sich persönlich an ihn erinnern und aus der Sicht der Nachwelt, auch seiner heutigen Kollegen:

    Die Frau von Ernst Federn – bei dessen Vater war Reich 1920/21 sechs Monate in Analyse – damals Kindergärtnerin, erinnerte sich, daß Reichs Töchter Fotos im Kindergarten zeigten, auf denen Reich und seine Frau nackt waren: „Solche Fotos waren ein Affront. Heute sagt man, Reich war ein Pionier“. Die Mutter von Ernst Federn mochte Reich überhaupt nicht, „wegen seines Lebenswandels“.

    „Viele, die seinen Namen hören, reagieren noch immer mit: Oh, der Mann, der von Sexualität besessen ist und lassen durchblicken, daß ein Wissenschaftler nicht ganz ernst zu nehmen ist, der an Sexualität interessiert ist“. So Reichs dritte Frau, Ilse Ollendorf-Reich, in ihren Erinnerungen.

    Daran hat sich bis heute nur wenig geändert. Eva Reich, seine 1924 in Wien geborene Tochter aus erster Ehe, geht noch weiter: „Reich gilt immer noch als Ketzer, weil er behauptet hat, daß es eine ‚Lebensenergie‘ gibt“. Noch allgemeiner sieht es der Wiener Psychiater Peter Bolen: „Die Reichschen Ideen stellen alle Strukturen in Frage, das provoziert die Gegnerschaft von allen“. Und außerdem: „Während meiner Studienzeit wurde Reich als Geisteskranker abgetan“.

    In seinem 1985 erschienenen Buch „Erinnerungen eines Wiener Psychoanalytikers“ beschreibt Richard F. Sterba Wilhelm Reich bei seiner Arbeit: „Er war eine eindrucksvolle Persönlichkeit, voll jugendlicher Intensität. Er war kraftvoll als Sprecher, und er drückte sich klar und bestimmt aus. Er hatte eine ungewöhnliche Begabung, sich in das seelische Kräftespiel von Patienten einzufühlen. Seine klinische Erfassung, seine technische Geschicklichkeit, vereint mit der Begabung, sich sprachlich plastisch auszudrücken, machten ihn zu einem vorzüglichen Lehrer. Unter seiner Leitung wurde das ‚Technische Seminar“ zu einer so hervorragenden Stätte des Lernens, daß selbst ältere Mitglieder regelmäßig daran teilnahmen.“

    Lange Zeit rührte sich kein Reich-Jünger in Österreich, die Zeit war noch nicht reif. Wie viele Strömungen, war auch die Reich-Renaissance eine Folge des Jahres 1968. Im Gegensatz etwa zu den USA, Deutschland und Italien haben sich in Österreich hauptsächlich „Laien“ für Reich interessiert. Und diese Reichianer spalteten sich in die verschiedensten und kleinsten Grüppchen. Die Linken nahmen sich den „frühen“ Reich, die einen nur den politischen, die anderen nur den Sexualforscher, die Nicht-Linken nur den „späten“ Reich.

    Im Bereich „Sanfte Geburt“ etwa haben Reichs Ideen aber durchaus Eingang gefunden, auch in nicht-linken Kreisen. So gab es etwa schon vor ein paar Jahren Veranstaltungen zu diesem Thema mit Eva Reich „aufgrund der Ideen und Methoden ihres Vaters Wilhelm Reich“ im katholischen Bildungshaus St. Hyppolit in Niederösterreich.

    Doch trotz der Reich-Renaissance seit 1968 dauerte es noch eine ganze Weile, bis sich diese auch in Österreich in größeren Veranstaltungen niederschlug. Offensichtlich unter dem Einfluss von Igor Caruso machte die Universität in Salzburg den Anfang. Zwei mehrtägige Reich-Seminare im Jahr 1982, verliefen jedoch wieder in privaten Zirkeln. Im November 1982 folgte Wien mit zweieinhalb Wochen dauernden Reich-Tagen mit Experten aus dem In-und Ausland. Hauptinitiator war die AIKE. Auch diese Großveranstaltung endete wieder in Splittergrüppchen. Ein weiteres Reich-Seminar fand im Jänner 1984 an der Universität in Innsbruck und das bisher letzte im November 1987 in Wien statt; diesmal organisiert vom 1982 gegründeten „Wilhelm Reich Institut“.

    So mancher Reichianer der 68-er Bewegung betrachtet sein Engagement von damals als „Jugendsünde“. Der Salzburger Politologe Norbert Nagler, der über Reich im Zusammenhang mit Faschismus gearbeitet hat, sieht in den späten Werken Reichs eine Abkehr von der Politik, einen „romantischen Universalismus“ von „monomanischer Besessenheit“. Reich, für Nagler eine Mischung aus Philosoph, Kosmologe und Theologe, bestehe nur aus „unproduktiven Denkwidersprüchen“. Für den „Mittelstand von heute“ bedeute die von Reich entwickelte Vegetotherapie jedoch so etwas wie eine „emotionelle Heimat“ für die „fehlende Identität“.

    Zweifellos ist es auf Caruso zurückzuführen, daß Dissertationen über Reich in den letzten Jahren ausschließlich in Salzburg verfasst wurden.

    Eine umfassende, beinahe liebevoll ins Detail gehende, ernsthafte Auseinandersetzung mit Reich schrieb Martin Wolkersdofer. Er glaubt nachweisen zu können, daß Reich ab 1951 an „manifesten, paranoiden, wahnhaften Ideen“ litt, aber nicht früher, und daß eine klare Trennungslinie zwischen Reichs psychopatischen Störungen und seiner wissenschaftlichen Arbeit gezogen werden muss. Bis heute gehört es ja zu den gängigen Argumenten auch der heutigen Analytiker- und Therapeutenprominenz, vor allem den „späten“ Reich mit dem Hinweis auf seine Wahnideen abzutun.

    Daß das große Interesse für Reich, besonders unter Studenten, ungebrochen ist, bestätigen auch die Buchhandlungen in der Wiener Innenstadt. Früh- wie Spätwerke erweisen sich als „Longseller“ mit Auflagenhöhen von teilweise mehreren zehntausend Exemplaren je Titel. Ein Buch, das dem „alten“ Reich besonders wichtig war, das einerseits am leichtesten missverstehende und andererseits das von seinen Anhängern und Gegnern am meisten vernachlässigte Werk, der „Christusmord“ ist seit längerem nicht mehr erhältlich, und es ist auch – laut Verlagsauskunft – keine Neuauflage vorgesehen. Auch die englische Ausgabe dieses Buches ist vergriffen. Eine Schwerpunktveränderung zu den späten Werken Reichs stellt vor allem die Buchhändlerin Brigitte Hermann fest, die darin eine Verdrängung des psychoanalytischen und marxistischen Reich sieht.

    In der Beurteilung Reichs spiegeln sich auch Gegensätze, Wert- und Geringschätzung der Analytiker und Therapeuten untereinander:

    Peter Bolen bezeichnet die Psychoanalyse als „paranoid“ und Harald Leupold-Löwenthal, den Vorsitzenden der „österreichischen analytischen Gesellschaft“, als so konservativ, daß er sich mit Reich nicht auseinandersetzt. Von Strotzka wurde er immerhin schon einmal auf die Universität zu einem Vortrag eingeladen. Für den Sexualwissenschaftler Bornemann ist Reich, so Bolen, eine Konkurrenz und Erwin Ringel ist über Reich nur wenig informiert; dabei wären die Ideen Reichs für ihn als Psychosomatiker, der „kein Therapiekonzept hat“, besonders wichtig.

    Ernst Bornemann, der ja von Reichs Geisteskrankheit schon in den Dreißigerjahren und nach wie vor überzeugt ist, sieht den deutlichen Beweis in der biologischen Ausrichtung Reichs. „Die Vegetotherapie ist ein totaler Unsinn, ebenso der Orgonakkumulator“. Daher hat er sich mit allem, was Reich nach 1938 geschrieben hat, nicht mehr beschäftigt. „Analyse und Therapie sind sowieso ein Unsinn und mit den Neoreichianern kann man überhaupt nicht reden, das kann man noch eher mit Stalinisten“.

    Ernst Federn, Sozialtherapeut in Stein, sieht gerade in der Krankheit Reichs die Voraussetzung für seine schillernde Persönlichkeit. „Vieles wird Reich zugeschrieben, das nicht von ihm, beziehungsweise nicht allein von ihm ist“. So ist der eigentliche Begründer der Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse Siegfried Bernfeld und der Begründer der Psychosomatik, auch hinsichtlich der Krebserkrankung, der 1934 verstorbene Georg Groddek. Den „späten“ Reich hält Federn für „konfus“, nicht hinsichtlich seiner Arbeiten – „davon verstehe ich nichts“ -sondern wegen seines Verhaltens, das 1954 zur Gerichtsverhandlung geführt hat. Aus heutiger Sicht, meint Federn, war Reich ein sogenannter Borderline-Fall, ein Grenzfall zwischen Neurose und Psychose. Aber er war ein ausgezeichneter Kliniker mit durchaus wissenschaftlichen Formulierungen, seine psychischen Störungen haben seine Exaktheit nicht behindert. Das Störende in seiner Zusammenarbeit war keineswegs Disziplinlosigkeit im Denken, sondern seine immense Aggressivität.

    Der Psychoanalytiker Harald Leupold-Löwenthal sieht in Reich eine „tragische Figur“. Er war genial, überschwemmt von Vielseitigkeit, aber seine Versuche waren ungenau, amateurhaft. Er hatte eine große kreative Begabung, aber ohne Denkdisziplin. Nach der „Charakteranalyse“, der Entdeckung des „Charakterpanzers“, hat Reich, so Leupold-Löwenthal, seine „Phantasie fortgetragen, da hat sich der großartige Methodiker und Wissenschaftler verloren“. Die Vegetotherapie, die Verbindung zwischen Psyche und Biologie, die Psychosomatik, bedeuten den Bruch mit der Analyse, das ist alles „nicht bewiesen“. Leupold-Löwenthal sieht bei Reich „Magier-Tendenzen, wie in der Volksmedizin; für seine Erfolge waren seine Genialität und sein Charisma ausschlaggebend“.

    Als Adlerianer empfindet Erwin Ringel – in Österreich als „Seelenarzt der Nation“ durch Fernsehen und Bücher allgemein bekannt – große Sympathien für Reich, der sozialistische Ideen mit der Psychoanalyse verbinden wollte. „Nur mit dem Kommunismus als Machtinstrument geht das nicht. Derzeit liegt das Unverständnis, liegt die Einseitigkeit mehr auf Seiten der Marxisten, die die Tiefenpsychologie nicht akzeptieren. Reich musste, so Ringel, ein tragisches Ende nehmen, weil er seine beide Heimaten – die Psychoanalyse und den Marxismus – verloren hat. In Bezug auf die Orgontheorie möchte er „große Vorsicht, große Skepsis walten lassen“, hier hat Reich die „Basis der Realität verlassen“. Was Reichs Krebsforschung anbelangt, wird aber immer klarer, daß Reich mit seiner psychologischen Komponente nicht unrecht hatte. In Österreich wird er als „Kommunist“ und „Geisteskranker“ abgetan, aber „je älter ich werde, desto besser verstehe ich Wilhelm Reich; es mag sein“, so Ringel, „daß ich ihn auch zu wenig erwähne“.

    Diese Aussagen von etlichen der bekanntesten österreichischen „Seelenärzten“ beruhen auf wenig Wissen und sind für eine fundierte und differenzierte Kritik völlig ungeeignet. Dadurch, daß keine wirkliche Auseinandersetzung stattgefunden hat, gibt es haarsträubende Missverständnisse, die mit großer Leidenschaft vorgebracht, mehr zur Verwirrung als zur einer Klärung beitragen. – Kurz gesagt, und der „österreichischen Seele“ entsprechend: viele „Motzer“, wenig Auseinandersetzung!

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  • Buk 2/89 Texaner weinen nicht

    Bukumatula 2/1989

    Buk 2/89 Texaner weinen nicht

    Eine Fallgeschichte
    Dr.Myron Sharaf übersetzt von Johanna Setzer:

    Im März 1985 rief mich eine 50iährige Frau an, die ich Edna nennen will. Sie sagte, sie komme von Midland, Texas, und sei für einige Tage nach Boston gekommen, um in der Massachusetts Augen- und Ohrenklinik ihre Augen untersuchen zu lassen. Sie erzählte weiter, daß sie vor einiger Zeit eine Augenverletzung erlitten hätte. Die Sache wäre zwar erfolgreich behandelt worden, eine „Erosion der Oberfläche beider Augen“ bestünde jedoch weiterhin. Als Folge dieser Verletzung seien ihre Augen sehr empfindlich gegenüber Kälte und Wind, und – was noch schlimmer sei – sie habe Schwierigkeiten beim Lesen. Als Fachautorin müsse sie jedoch viel lesen, so daß dieses letztere Symptom ihr beträchtliche Sorgen bereite.

    An diesem Punkt unterbrach ich sie, um ihr zu sagen, daß hier ein Missverständnis vorliegen müsse. Ich sei ein Psychologe, kein Ophthalmologe. Sie solle lieber ihre Behandlung in der Augen- und Ohrenklinik fortsetzen. Sie erwiderte, daß man in der Klinik alles, was möglich sei, für sie getan habe. Sie sei einfach nur beunruhigt jetzt. Mehr aus Verzweiflung, nicht weil sie an „alternative Therapieformen“ glaube, habe sie erfolglos Akupunktur und eine Vitaminbehandlung versucht. Irgendwie sei sie aber kürzlich auf die Idee gekommen, daß die Gefühle mit ihrem Problem zu tun haben könnten, daher ihr Wunsch, mich zu sehen.

    Ich sagte, ich würde bezweifeln, daß ich ihr viel helfen könne, da ich nichts von den medizinischen Aspekten ihres Zustands verstünde. Außerdem hätten wir vor ihrer Rückkehr nach Texas nur für eine Sitzung Zeit. Sie bestand jedoch darauf und ich stimmte einem, wie ich erwartete kurzen Treffen zu.

    Als Edna meine Praxis betrat, erschien sie lebhaft und freundlich, eine kräftige große Frau. Sie trug große Brillen, die sie gemeinsam mit ihrem Mantel und ihren Schuhen ablegte. Auf den ersten Blick wirkten ihre Augen „normal“ für mich. Sie waren hell und lebendig, aber eher aufmerksam auf die Umgebung gerichtet. Sie ließen das „Außen“ weniger herein und zeigten kaum eine warme Reaktion darauf.

    Kurz nach ihrer Ankunft stellte sie eine Frage, die – aus Gründen, die mir zum damaligen Zeitpunkt keineswegs klar waren – mich mit der vagen Hoffnung erfüllten, daß wir etwas Sinnvolles miteinander tun könnten. Sie fragte, ob es mir etwas ausmachen würde, die elektrische Heizung abzuschalten. Als ich erwiderte, daß ich das gerne tun würde und sie nach dem Grund dieser Bitte fragte, antwortete sie: „Meine Augen sind ohnehin schon zu trocken und trockene Luft macht sie noch trockener.“

    Der Ausdruck „trockene Augen“ ließ mich an Tränen, oder vielmehr an deren Abwesenheit denken und ich fragte sie, ob sie oft weine. „Nicht so oft wie ich wollte. Weinen tut meinen Augen gut“, antwortete sie wehmütig. Tatsächlich hatte sie vor, sich nach der Stunde mit mir gemeinsam mit einem Freund eine „soap opera“ anzusehen, in der Hoffnung, daß dieser Film, so wie früher manchmal, Tränen hervorrufen würde. Ich möchte hervorheben, daß Edna dem emotionalen Ausdruck keineswegs eine besondere Bedeutung zumaß. In ihrer erdverbundenen Art hatte sie – gewarnt durch ihre Augenprobleme – zwei empirische Beobachtungen gemacht, nämlich, daß trockene Luft ihren Augen nicht gut tut und den Tränen ihnen helfen.

    An diesem Punkt sagte ich ihr, ich wüßte nicht, ob ich ihre Augen heilen könne, ich könnte ihr aber helfen zu weinen. Unsere Arbeit könnte in gewisser Weise ihre Fähigkeit zu Weinen fördern, so daß sie auch zuhause in Texas dazu fähig wäre. Sie schien ziemlich aufgeschlossen gegenüber dieser Vorstellung. Ich wußte, daß ich schnell, direktiv und mit beträchtlichem Fokus arbeiten musste. Ich fragte sie, ob ihre Eltern noch lebten. Sie antwortete, ihr Vater lebe noch, ihre Mutter sei tot, sie sei vor fünf Jahren gestorben. Sie hätte kurz vor und nach dem Tod ihrer Mutter um sie geweint, seither jedoch kaum.

    Während wir über ihre Mutter sprachen begannen Ednas Tränen zu fließen. Ich bat sie, sich mit dem Bauch nach unten auf die Matratze zu legen. Nahe bei ihr sitzend legte ich meine Hand fest aber auch sanft auf ihren Rücken und ermutigte sie, tief zu atmen, auch während sie leise weinte und meine Fragen beantwortete. Ihre nahen Angehörigen, erzählte sie, hätten ihr nicht helfen können, um ihre Mutter zu trauern. Ihr Mann, ein Buchhalter, und ihr Vater, ein pensionierter Geologe, könnten nicht mit Gefühlen umgehen. Ihre Tochter, die kleine Kinder aufziehen müsse, habe sie nicht „belasten“ wollen.

    Während des Spitalsaufenthalts ihrer Mutter habe sie sich jedenfalls mit Margaret, einer Krankenschwester, die ihre Mutter pflegte, angefreundet und mit ihr konnte sie über das Sterben ihrer Mutter weinen. Ich fragte Edna, ob sie auch jetzt mit Margaret weinen könne. Diese Frage rief plötzlich ein heftiges Schluchzen und ein Würgen in Ednas Hals hervor. Tief berührt stieß sie hervor, daß auch Margaret vor zwei Jahren gestorben sei. Ich ermutigte sie, ihre Tränen und ihr Seufzen nicht zurückzuhalten, ihren Hals zu öffnen und voll auszuatmen. Ich unterstützte ihr Ausatmen durch kräftigen Druck am Rücken, massierte ihr Genick und – eher sanft – ihren Hals. Ich forderte sie auf dranzubleiben, aber ich tröstete sie auch, indem ich Gesicht und Haar sanft streichelte und ihre Hand hielt. Auch meine Worte waren abwechselnd eindringlich und sanft. Zusätzlich ermutigte ich sie, Margarets Namen zu rufen und ihrer Liebe und Sehnsucht Ausdruck zu geben.

    In rhythmischem Zusammenspiel mit meinen Anstrengungen begannen ihre Tränen frei zu fließen, ihre Schluchzer brachen hervor und ihr Körper krümmte sich. Sie weinte aus ganzem Herzen. Diese Art des Weinens hat, eine spezifische Qualität – es ist kein Weinen aus Selbstmitleid, kein ärgerliches Weinen, keine manipulativen Tränen mit erstickten oder kraftlosen Tönen, sondern ein authentischer Ausdruck von Herzenskummer. Ich nenne das „orgastisches Weinen“. Ich habe dieses Weinen hundert, wenn nicht tausend Mal gehört, und doch bin ich jedes Mal verwundert und berührt, als ob ich es noch nie vorher gehört hätte. Der Ausdruck von Herzensleid öffnet mein Herz und lässt mich an einen Satz von Thoreau denken: „Die Erfahrung steckt im Kopf und in den Händen. Das Herz ist immer unerfahren.“

    Während einer Ruhepause in diesem Gefühlssturm, dreht sie sich um und sah mich an. Mit dankbaren und leuchtenden Augen sagte sie leise: „Mein rechtes Auge fühlt sich jetzt viel besser an.“ Ich war beeindruckt von der Genauigkeit ihrer Rückmeldung. Hätte sie gesagt, beide Augen hätten sich gebessert, wäre ich misstrauisch gewesen wie bei einer allzu glatten Kurve in Forschungsberichten. Dann hätte ich angenommen, sie wolle nur das Publikum beeindrucken.

    Da die Zeit schnell verging, beschloss ich, meinen therapeutischen Ehrgeiz zu zügeln und versuchte nicht, auch ihr zweites Auge zu „heilen“. Stattdessen hielt ich es für klüger und wertvoller, mit ihr über die Zukunft zu sprechen. Wir setzten uns und ich fragte sie, welche Möglichkeiten für diese Art von Arbeit bei ihr zu Hause bestünden. Sie sagte, es gebe kaum welche. Midland sei zwar eine mittelgroße Stadt, aber kulturell ziemlich unterentwickelt (unsophisticated); sie bezweifelte, daß Emotions-orientierte Therapien dort angeboten würden. Ich fragte weiter, ob es nicht doch irgendjemanden in Midland gebe, mit dem sie weinen könne. Ironisch lächelnd antwortete sie: „Sie verstehen nicht. Texaner weinen nicht.“

    Ich wies darauf hin, daß sie auch Margaret in Midland gefunden hätte. Vielleicht gebe es noch andere Margarets in Ednas ignorantem Staat, vielleicht sogar in ihrer Stadt. Ich erklärte weiter, daß es auch unter besten Bedingungen für die meisten Leute schwierig sei zu weinen, auch für mich selbst. Körperliche Techniken wie z.B. tieferes Atmen könnten dabei helfen. Sentimentale Filme hatten ihr geholfen, bestimmte Erinnerungen, z.B. die Erinnerung an Margarets Tod, könnten starke Auslöser sein. Trotzdem sei es schwer. Leid alleine zu tragen: die meisten Leute brauchen die Anwesenheit einer Person, der sie vertrauen, so wie sie Margaret vertraut hätte.

    Ich erklärte ihr weiters, daß dieses emotionale Sich-Einlassen zwar sehr schwierig sei, aber auch große Belohnungen verspreche. Das Weinen mit Margaret hätte ihr geholfen, mit dem Tod ihrer Mutter besser umzugehen; das Weinen mit mir hätte ihren Augen geholfen, auch wenn diese Besserung nur vorübergehend sein könnte. (Es scheint mir sehr wichtig, das Offensichtliche hervorzuheben, nämlich den Nutzen des emotionalen Loslassens. Ich habe sowohl bei mir als auch bei anderen eine seltsame Verzerrung des emotionalen Gedächtnisses beobachtet: Wir erinnern uns lebhaft an den Schmerz, den wir tief empfanden, aber wir vergessen das Belohnende und die Freuden, die mit der emotionalen Entladung verbunden sind.)

    Es blieb keine Zeit mehr, Ednas Reaktionen auf meine Vertraulichkeiten zu erforschen. Ich hatte den Eindruck, daß sie, als sie sich vorbereitete zu gehen, mit dem Mantel, den Schuhen und den Brillen auch ihren „Panzer“ wieder anlegte. Ich bat sie, mit mir in Kontakt zu bleiben. Ich hörte nie wieder von ihr. Aber immer wenn ich an sie denke – und das ist gar nicht so selten, muss ich auch an einige Zeilen von Rilke denken:

    „Die Arbeit des Auges ist getan:

    Tu die Herzensarbeit nun.“

    Und ich stelle mir auch gerne vor, daß nun wenigstens eine Texanerin weint!

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  • Buk 3/89 Beruhigungsstrategien – Teil 1

    Bukumatula 4/1989

    Von Beruhigungsstrategien zur Emotionalen Reintegration

    Erleuchtung ist nur ein Wort
    Peter Bolen:


    VORWORT

    Als die verschiedenen therapeutischen Richtungen, die ich an mir selbst erfahren habe, bzw. in denen ich ausgebildet wurde, für mich zu einem gemeinsamen Neuen zusammengeflossen waren, entwickelte ich meine integrative Methode. Im wesentlichen besteht sie aus einer Integration von Elementen der Gestalttherapie, der Reichschen Atem- und Körperarbeit und der Primärtherapie. Die Methode des Zentrierens und den Weg zu inneren Antworten fand ich durch meinen spirituellen Meister Shree Rajneesh.

    Mit diesem Artikel möchte ich Menschen beim Finden ihres eigenen Weges unterstützen, die ähnliche Wege des Suchens gehen und dabei vielleicht verwirrt vor den Toren dogmatischer Schulen stehenbleiben oder im Dschungel der Vielfalt von Angeboten unentschlossen nach Lösungen suchen.

    In diesem Sinne wünsche ich dem Leser Freude beim Nachvollziehen meiner Gedanken und Folgerungen.

    DAS „HIER UND JETZT“

    Alan Watts beschreibt, daß er einen Augenblick der Ekstase erlebte, als jemand nach einer lang dauernden Meditation die Frage stellte: „Warum soll ich mich darauf konzentrieren, im „Hier und Jetzt‘ zu sein, wenn ich doch tatsächlich nur in dieser Zeit und an diesem Platz sein kann?“

    Der Ort, an dem wir einander begegnen, ist immer hier, die Zeit ist immer jetzt. Selbst wenn wir in Gedanken in unsere ganz frühen Kindheitstage zurückgehen, erleben wir diese Erinnerungen unter dem Einfluss der jetzigen Umgebung vollkommen neu und unwiederholbar. Wenn sie eine Geschichte aus ihrer Vergangenheit erzählen, so bringen sie sie jedes Mal ein bisschen anders. Nicht absichtlich, nicht, weil sie die Wahrheit darüber absichtlich verfälschen wollen, sondern weil sie die Vorgänge jetzt eben so erleben und sie im Augenblick auch so stimmig finden. Durch Beobachtung des Körperausdrucks, der Stimme, Mimik etc. des Klienten im „Hier und Jetzt“ treten eine Menge von bedeutsamen Details eines inneren Prozesses zutage. Das Ansprechen dieser Beobachtungen ermöglicht eine Kontinuität des therapeutischen Ablaufes, die alleine beim Warten auf eine verbale Äußerung des Klienten nicht gegeben ist und in der Psychotherapie oft zu langem Schweigen und zu Leerläufen führt.

    „Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen“ wusste schon der griechische Philosoph Heraklit; und Shree Rajneesh: „Man kann nicht einmal einmal in den gleichen Fluss steigen, weil der Fluss nie der gleiche ist und sich ständig verändert“. Diese Fluss-Metaphern haben zeitlose Gültigkeit und leuchten uns auch ein – wer ist schon in Versuchung, Flüsse aufzuhalten. Hass vergeht, natürlich vergeht auch Liebe. Schmerz vergeht, natürlich auch Lust, das Leben selbst vergeht und kann durch nichts angehalten werden. Wie können wir einen Baum in der Blüte unverändert bewahren, eine Rose im Stadium ihrer größten Entfaltung? Obwohl es nicht möglich ist, versuchen wir es dennoch unablässig.

    WER NICHT LOSLASST, DEN HOLT DER TEUFEL

    Goethes „Faust“ schließt einen Pakt mit dem Teufel: Der Teufel muss ihm seine Wünsche erfüllen. Wenn er Faust dazu bringt, sich zu wünschen, daß die Zeit stehenbleiben soll, wenn Faust also den Satz ausspricht: „Verweile doch, du bist so schön“, dann hat der Teufel das Recht, ihn zu holen. Damit wird bewusst gemacht, daß einen in dem Augenblick der Teufel holt, in dem man versucht, etwas festzuhalten. Nicht, weil es falsch oder schlecht ist, sondern weil es einfach unmöglich ist.

    Die Implikationen sind ungeheuer. Diese Wahrheit der ständigen Veränderung ist anscheinend zu schmerzhaft, um sie annehmen zu können, sodaß wir sie verdrängen müssen. Veränderung bedeutet für uns, daß das Paradies der Kindheit ein für alle Mal verloren ist, ohne je das Paradies gewesen zu sein, das es hätte sein sollen. Daher lebt in uns der ständige Wunsch nach Festhalten von Glück, der Wunsch nach Zurückholen, nach Wiederholen.

    Was bedeutet obiges Zitat „Wenn wir festhalten wollen, holt uns der Teufel“? Diese Metapher soll ausdrücken: wir versuchen es mit Verdrängen, Abspalten, Abstrahieren, endlosem Neuinszenieren auf symbolischer Ebene, ohne je den Schmerz löschen zu können, der uns zum Festhalten treibt, es sei denn, wir werden uns seiner bewusst und können ihn emotional erleben.

    “ ‚Let go‘ is the Message of the Universe“ sagt Shree Rajneesh. Viele Menschen haben diese Wahrheit erfasst, ohne jedoch deshalb schon „loslassen“ zu können. Dazu hat mir mein Freund Michael Smith diese Zen-Geschichte erzählt: „In Indien gibt es eine einfache Art, Affen zu fangen. Man befestigt eine hohle Kokosnuss fest am Boden und legt in ihr Inneres eine Süßigkeit. Die Öffnung der Kokosnuss ist so groß, daß der Affe nur hineingreifen kann, wenn er seine Hand ganz schmal macht. Der Affe, der hineingreift und die Süßigkeit erfasst, hängt fest. Die Faust ist zu groß, um die Hand aus der Öffnung ziehen zu können. Alles was der Affe tun müsste, wäre, die Süßigkeit wieder loszulassen. Doch er kann nicht loslassen. Er hängt fest und wird gefangen.“

    Was ist die „Süßigkeit“, an der wir festhalten? Im wesentlichen sind das Trost und Beruhigung. Warum brauchen wir gerade das so dringend? Weil die meisten von uns in der Kindheit so tiefgehend verletzt wurden. Der Schmerz darüber war nicht zu ertragen. So haben wir einen Schutzmechanismus aufgebaut, nennen wir ihn Neurose, in dem wir, durch Abspaltung des Schmerzes ins Unbewusste, Schutz fanden. Diese Schmerzen sind bis heute unbewusst, das heißt, wir erinnern uns daran nur in Panikattacken, Alpträumen, psychotischen Episoden oder im Rahmen einer Therapie.

    Wir brauchen diese Süßigkeit, weil wir in unserer Kindheit so viel an Liebe, Annahme, Beachtung und Zuwendung vermissen mussten. Wir fühlen uns emotional ausgehungert. Deshalb können wir unsere frühe Kindheit einfach nicht „gehen“ lassen. Sie ist unvollständig geblieben. Das Bild des neurotischen Menschen ist das des „Zeitanhalters“ und des „Klammeraffen“.

    DIE KUNST DER WAHRNEHMUNG

    Das Einbeziehen unserer Aufmerksamkeit auf das „Hier und Jetzt“ ist Schwerpunkt der Gestalttherapie, deren Schöpfer Fritz Perls ist. Der „Zauberstab“, den Fritz Perls in seiner Arbeit verwendete, hieß „Awareness“. Die meisten Übersetzer, einschließlich Perls, scheuen die Übersetzung dieses Begriffes ins Deutsche, um nichts von dessen kostbarer Wahrheit zu verändern. Mir erscheinen Umschreibungen hilfreich, erhellend und praktischer zu sein. Ich möchte Awareness mit „bewußter Wahrnehmung“, etwas unschärfer mit „Wahrnehmung“, „Achtsamkeit“ oder „Bewußtsein“ übersetzen.

    Perls sagte sinngemäß: „Awareness verändert!“. Simplifizierend möchte ich an dieser Stelle Awareness mit Wahrnehmung gleichsetzen. Wahrnehmung also verändert. Wie das? Nicht bemühen, arbeiten, sich etwas vornehmen, sich anstrengen? Nein. Wenn du dich „bemühst“ deinen Arm zu heben, hebst du ihn nicht, du bemühst dich lediglich. Wenn du dir vornimmst am nächsten Tag oder im nächsten Jahr mit dem Rauchen aufzuhören, hörst du nicht auf, sondern nimmst es dir eben vor. Das heißt: Vorsätze oder Bemühungen geschehen anstelle von Handlungen.

    Perls kam in Kalifornien mit der buddhistischen Zen-Lehre in Kontakt. Die Gleichartigkeit seiner Erkenntnisse mit Erkenntnissen Buddha Gautamas waren nicht nur für ihn faszinierend. Wir finden Anklänge an Perls Erfahrungsmodell in Buddha Gautamas Schrift „Sattipatana“, die vor mehr als 2600 Jahren entstand. Buddha gibt darin einen „Leitfaden zur Erleuchtung“. Notwendig dafür sei „Achtsamkeit“ (eine der deutschen Übersetzungen des Originaltextes).

    „Achtsamkeit“ können wir ohne weiters mit dem Perlschen Begriff der „bewussten Wahrnehmung“ gleichsetzen. Buddha spricht von der Aufmerksamkeit für den äußeren Raum und den inneren Raum, im Sinne von Aufmerksamkeit für den Körper, die Gefühle, den Geist und die Geistesinhalte. Perls spricht von der Wahrnehmung der äußeren Welt und der inneren Welt, die als Körper, Gefühl und der Reaktion auf diese Wahrnehmung, nämlich der „Phantasie“, besteht. Ein wichtiger Punkt in der Gestalttherapie ist das Erlernen der Fähigkeit, zwischen unserer äußeren Wahrnehmung und unserer Phantasie darüber zu unterscheiden. Es ist also falsch zu sagen: „Ich nehme wahr, daß du traurig bist.“ Dies wäre eine Phantasie auf einen äußeren Eindruck. Richtig ist vielmehr: „Ich nehme wahr, daß dein Kopf gebeugt ist und Tränen aus deinen Augen rinnen (vielleicht eine Reaktion auf die eben frisch geschnittene Zwiebel), das lässt mich vermuten (phantasieren), daß du traurig bist“.

    Wie funktioniert das nun mit der Wahrnehmung? Perls entwickelte ein Funktionsmodell, das er „Fließgleichgewicht“ nannte. Die psychophysische Einheit des Menschen hat das Vermögen, von selbst aus dem Ungleichgewicht ins Gleichgewicht zurückzufinden, wenn wir diesen Mechanismus nicht selbst stoppen. Der Stop verhindert den Prozess des Wiederfindens des Gleichgewichtes im Sinne einer Gesundung. Jede Wahrnehmung des Stops bringt den automatischen Gesundungsprozeß wieder in Gang. Kann das so einfach sein? Allein durch die Wahrnehmung eines „Stops“ soll ein Heilungsprozess in Gang gesetzt werden können? Meine Antwort, die ich durch jahrzehntelange Selbst- und Fremdbeobachtung dazu gefunden habe ist ein eindeutiges: Ja!

    Etwas früher, fast gleichzeitig mit Perls, stieß ein anderer Pionier der Psychotherapie, Wilhelm Reich, auf das Phänomen, daß durch die Wahrnehmung einer Blockierung das Selbstregulationssystem des Körpers wieder in Gang kommt. Er sah die psychophysische Einheit des Menschen als ein Selbstregulationsmodell. Die Selbstregulation des Organismus wird unterbrochen durch Kontraktion aufgrund eines äußeren oder inneren Reizes. Jedes Gefühl ist mit typischen vegetativen Reaktionen gekoppelt; so führt psychischer Schmerz auch zu einer Kontraktion der Muskulatur. Ein Vorgang, den Reich „Panzerung“ nannte. Diese Panzerung unterdrückt den freien Fluss von Energie im menschlichen Organismus. Wie geschieht dann Heilung im Reichschen Modell? Es ist die Eigenwahrnehmung dieser Blockierung, die den Selbstregulationsmechanismus wieder in Gang setzt. Dies geschieht nach einer spezifischen Intervention z.B. auf körperlicher Ebene durch Berührung. Die Lösung erfolgt über ein spezifisches Entladungsmuster (Spannungs-Ladungsformel).

    Nicht der Therapeut verändert also, sondern mit Hilfe seiner Wahrnehmung und entsprechender Interventionen wird die Selbstwahrnehmung des Klienten gefördert. Diese ermöglicht dann den Heilungsvorgang im Sinne der Selbstregulation.

    V0M URSCHMERZ

    An dieser Stelle möchte ich über einen Vorgang sprechen, der durch Zufügung psychischen und körperlichen Schmerzes in den frühesten Phasen menschlicher Entwicklung, also nicht nur während und nach der Geburt, sondern schon während der Zeit der Reifung im Uterus, einsetzt. Wenn schmerzliche Erlebnisse so überwältigend sind, daß deren Verarbeitung mit dem Leben nicht vereinbar wäre, werden diese Erlebnisse abgespalten und im Unbewussten verankert. Sie werden auf psychischer, aber auch auf biologischer Ebene „verdrängt“.

    Diesen überwältigenden und starken Schmerz nennt der amerikanische Psychotherapeut Arthur Janov den „Urschmerz“, den Prozess das „Primärerlebnis“. Er vergleicht das Geschehen mit der Überladung eines Sendekanals mit zu vielen Informationen, die dieser Kanal nicht weitergeben kann. Die überschüssige Information muss daher andere Wege gehen. Es handelt sich also um einen Selbstschutz- oder Überlebensmechanismus, der allerdings lebenslange Implikationen mit sich bringt.

    Dabei handelt es sich keinesfalls nur um psychologische Spekulation. Wir wissen aufgrund von Experimenten während neurochirurgischer Operationen, daß aus bestimmten Nervenzellen im Gehirn verdrängtes Material abgerufen werden kann, an das sich der Patient unter normalen Umständen nicht erinnert. Jede biologisch gespeicherte Energiemenge von Schmerz ist also bioelektrisch aktiv. Sie macht sich als eine ständige „innere Unruhe“ bemerkbar. Um diese innere Unruhe abzureagieren, verwenden wir eine Fülle von körperlichen und emotionalen Strategien. Dazu gehören intensives Betreiben von Sport, die ausschließliche Beschäftigung mit „Hochgeistigem“, übermäßiges Arbeiten, zwanghaft häufige Selbstbefriedigung und Geschlechtsverkehr. Häufig, und oft mit dramatischen Folgen versuchen viele Menschen ihre innere Unruhe mit Hilfe von Alkohol, Nikotin, Beruhigungstabletten etc. zu dämpfen.

    Wer seine Umwelt bewusst und kritisch zu betrachten imstande ist, wird erkennen, daß wir in einer Zeit leben, in der Urschmerz chronisch gedämpft wird. Der Körper selbst hat Möglichkeiten gefunden, diesen gespeicherten Urschmerz zu besänftigen, indem er Hormone ausschüttet, die Endorphine genannt werden. Diese morphiumähnlichen Substanzen werden bereits beim erstmaligen Erlebnis des Urschmerzes freigesetzt und helfen bei seiner Verdrängung. Die Endorphine werden durch bestimmte körperlich-psychische Aktivitäten ausgeschüttet und haben eine besänftigende Wirkung. Dieser Vorgang kann z.B. durch das Anhören von beruhigender Musik, das Hören von Affirmationen, etc. ausgelöst werden. Auch verschiedenste Meditationsformen gehören dazu: etwa Wiederholungen von Mantras, Ausführen rhythmischer Bewegungen oder Phantasie- und Wachtraumreisen. Sämtliche Imaginationen haben besänftigende Wirkung. Ein Großteil der psychotherapeutischen Techniken, die auf das Prinzip von Einsichten zurückgreifen, gehören dazu ebenso Methoden, die neurotisch unangepaßtes Verhalten in ein angepasstes Verhalten zum Ziele haben, um den sekundären Leidensdruck durch das Symptom zu lindern (etwa Methoden wie die der Konditionierung, Neuro-Linguistisches Programmieren, etc.).

    Es gibt keine andere Möglichkeit, den Urschmerz zu bewältigen, als daß er wieder-erlebt wird. Janov meint, daß es sogar darum geht, ihn erstmals voll zu erleben, weil er in seinem ganzen Ausmaß noch nie erlebt werden konnte.

    Noch einmal: Einsichten heilen nicht, aber Einsichten helfen, angepasster zu leben; im besten Fall erfolgt durch Endorphin Ausschüttung eine gewisse Beruhigung.

    Der drängende Wunsch nach Erlösung von Schmerz führt Menschen den großen versprechenden „Beruhigen“ zu, zu denen sämtliche religiösen und politischen Führer dieser Welt gehören. – Ist es vielleicht möglich, etwa durch Meditation, inneren Frieden zu finden?

    MEDITATION

    Das chinesische Wort Chan, das japanische Wort Zen und das lateinische Wort Meditation haben die gleiche Bedeutung. Ich möchte sie mit dem Begriff der „Betrachtung“ übersetzen. Gemeint ist damit die Betrachtung des eigenen Selbst, die „Schau nach Innen“.

    Tatsächlich ist es auch meine Erfahrung, daß die Behauptung Shree Rajneesh“: „Alles, was du verändern kannst, bist du selbst!“ eine sehr treffende Beschreibung unseres Selbstfindungsproblems ist. Jeder, der einmal versucht hat, einige Minuten völlig ruhig, ohne Bewegung lediglich auf sich selbst zu achten, hat erlebt, daß das nicht ohne weiteres möglich ist. Innere Unruhe, die wir bereits als „Urschmerz“ identifiziert haben, lenkt unsere Gedanken auf tausend andere Dinge, die uns davon abhalten, die Aufmerksamkeit auf uns selbst zu richten. „Äußere Disziplin“ kann innere Unruhe nicht beseitigen. Solange der „Urschmerz“ vorhanden ist, werden wir unsere ganze Kraft dazu verwenden, diesen zu besänftigen.

    Diese Erfahrungen sind nicht Theorie, sondern entstammen langjährigen eigenen Meditationserfahrungen und intensiven Gesprächen mit Menschen, die den gleichen Weg gegangen sind. Eindrucksvolle Beobachtungen beschreibt der amerikanische Psychotherapeut Alvin Bauman, der Gelegenheit hatte, mit Zen-Mönchen körpertherapeutisch zu arbeiten. Hinter dem Anschein äußerer Ruhe und Gelassenheit war ein ungeheuer großes Potential von nicht erlebtem Hass und unterdrückter Wut aufgespeichert.

    Es war Arthur Janov, der durch Messung biologischer Parameter wie EEG-Veränderungen, Blutdruck, Puls, Körpertemperatur und hormonaler Veränderungen im Menschen das Ausmaß von gespeichertem Urschmerz messbar machte. So ist es auch bei scheinbar gelassenen, äußerlich ruhigen Menschen möglich, eine Ahnung davon zu bekommen, was in ihnen innerlich vorgeht.

    Wie ist es dann möglich, daß „Meister“ wie etwa Shree Rajneesh authentisch von ihrer eigenen Erfahrung berichten, daß sie durch Meditation zu dem Zustand gelangten, den sie selbst „Erleuchtung“ nennen? Ich möchte mit einer Gegenfrage antworten: Wieso finden wir unter den Millionen Anhängern erleuchteter Meister, die deren Methode nämlich Meditation weitergeben, so wenig „Erleuchtete“? Meine Antwort darauf ist: Solange wir nicht durch einen therapeutischen Prozess durchgegangen sind, der uns vom Urschmerz befreit, sind wir nicht in der Lage, unsere Aufmerksamkeit voll auf uns selbst zu richten und tiefere Erkenntnisse zu erlangen.

    ERLEUCHTUNG IST NUR EIN WORT

    Erleuchtung ist nur ein Wort. Außer für diejenigen, die diese Erfahrung gemacht haben, und das sind nur sehr wenige. Anscheinend sind 99,9% der Menschen darauf angewiesen, denen zu glauben, die behaupten, daß sie erleuchtet sind. Um meine persönliche Erfahrung mit Shree Rajneesh einzubringen: Shree Rajneesh verlangt keinen Glauben, er bietet das Experiment seiner Meditationsformen an, um zu der gleichen Erfahrung zu kommen. Shree Rajneesh hat auch erkannt, daß Menschen Psychotherapie brauchen. Schon in den siebziger Jahren, während der Gründung des Ashrams in Poona, hat er aus dem Westen Primärtherapeuten, Reichsche Therapeuten und Gestalttherapeuten nach Poona geholt. Er empfahl seinen Schülern, sich einer Therapie zu unterziehen, die er „Reinigung“ nannte. Diese „Reinigung“ sei eine Vorbedingung für Meditation.

    Shree Rajneesh spricht jedem Menschen ab, über etwas sprechen zu können, was er selbst nicht erfahren hat. Er selbst hat Psychotherapie an sich selbst nie erfahren. Deshalb schätzt er, meiner Meinung nach, die Notwendigkeit, Tiefe und Dauer von Therapie auch falsch ein. In der Regel besuchen seine Schüler einige wenige Workshops, die Tage oder Wochen dauern; die meisten seiner mir persönlich bekannten „Schüler“ haben keinen therapeutischen Prozess abgeschlossen, wie ich ihn etwa meinen Patienten empfehlen würde.

    Shree Rajneesh hat zur Entwicklung seiner „dynamischen Meditation“ das Prinzip der Primärtherapie umrissen. Zehn Minuten chaotischen Atmens folgen zehn Minuten kathartischen Ausagierens. Der Nachteil dieser Methode – sooft sie auch betrieben werden mag -liegt darin, daß sie zu kurz und zu mechanistisch ist, um auf den individuellen Prozess Einfluss nehmen zu können. Guter Wille, Meditation und Liebe zu Shree Rajneesh alleine genügten nicht, das Scheitern der Kommune in Oregon/USA zu verhindern. Durch das geringe Einbeziehen von Therapie wurde das Entstehen faschistischer Strukturen innerhalb der Kommune ermöglicht. Ich habe mir selber die Frage gestellt, wie es wohl möglich ist, daß bei Shree Rajneesh die gleiche Methode etwas anderes bewirkte als bei den allermeisten seiner Schüler. Aus der Kenntnis seiner Autobiographie („Glimpses of a golden Childhood“) und seinen sonstigen Bemerkungen über seine Kindheit können wir entnehmen, daß er eine äußerst undramatische Kindheit hinter sich hat, daß er – in den Termini der Psychotherapie – sehr wenig Urschmerz „gespeichert“ hat. Daher konnte er ohne diese Belastung in das Experiment der Meditation hineingehen und sein Potential auf eine so vollkommene Art verwirklichen. Jeder offene und wahrnehmungsfähige Mensch, der unbeschadet der Vorurteile, die er zu dieser Begegnung mitgebracht hat, Shree Rajneeh begegnet ist, wird von seiner Erscheinung beeindruckt sein. Es macht Mut zu sehen, wohin der Weg der Meditation führen kann. Gleichzeitig stoßen wir aber sogleich auf die Begrenztheit unserer Akzeptanzfähigkeit» Da die meisten von uns in frühesten Entwicklungsphasen so viel Leid und Schmerz erleiden mussten, ist es verständlich, daß wir auf der Suche nach einer perfekteren Lösung sind. Die Erwartung an Menschen, die ihr Selbst realisiert haben, ist eine Erwartung an einen perfekten Menschen. Vielleicht mag das Beispiel eines handgeknüpften im Vergleich zu einem maschinell geknüpften Teppich hilfreich sein. Ersterer ist vollkommen, aber nicht perfekt, der maschinell geknüpfte ist perfekt, aber es fehlt ihm jenes kleine Detail, das Vollkommenheit ausmacht. Vollkommenheit ist lebendig, veränderbar, Perfektion ist etwas Totes, etwas Endliches.

    Dazu eine kleine Geschichte, die Shree Rajneesh gerne erzählt: „Ein indischer König lässt einen Zen-Meister kommen und bittet ihn, entsprechende Anweisungen zu geben, um einen vollkommenen Garten zu gestalten. Geld spiele keine Rolle. Hunderte Gärtner werden angestellt und schaffen innerhalb eines Jahres den schönsten Garten, den der König sich nur erträumen konnte. Nach einem Jahr kommt der Meister wieder und sieht diesen prächtigen Garten in voller Blüte. Sein Gesicht bleibt jedoch unbewegt, kein Wort der Freude oder des Entzückens kommt über seine Lippen. Der König ist enttäuscht und fragt nach dem Grund seiner Zurückhaltung. Der Meister verlässt wortlos den Garten, stopft in einen Korb welke Blätter und streut sie anschließend auf die so sorgfältig gesäuberten Wege, zwischen die Steine, zwischen die Blumen und auf den so rein gehaltenen Weiher. Sich zum König wendend, sagt er: Euer Garten war tatsächlich perfekt, jetzt ist er vollkommen!“

    SEXUALITÄT

    Eine der eindrucksvollsten Aussagen Shree Rajneesh‘ ist für mich seine Behauptung: „Sexualität ist nicht das Ende, Sexualität ist der Anfang. Aber, wenn du den Anfang verpasst, verpasst du das Ende!“. Seine Botschaft ist: „Tauche tief in die Sexualität ein; dann kommt der Punkt, an dem sie sich zu einer anderen Qualität von Energie transformiert; dies geschieht nicht durch Unterdrückung, sondern durch ein Ausleben.“ Man kann erst dann etwas loslassen, wenn man es auch besessen hat“. Also weg von allen Moralvorstellungen der institutionalisierten Religionen, die die Unterdrückung von Sexualität im Sinne von Verzicht fordern. Eine ganz und gar unangemessene Forderung!

    Werden die sexuellen Bedürfnisse verdrängt, so hat die Triebenergie, die nicht unterdrückbar ist, die Tendenz, auf anderen Wegen, etwa über Perversionen, über Irrationalismen etc., ihren Weg zu finden. Eine ähnliche Idee hatte Wilhelm Reich. Er hatte zunächst – der Entdeckung Freuds folgend – festgestellt, daß Sexualität der „Motor“ jeder Neurose ist, und daß sich bei jeder neurotischen Störung auch eine sexuelle Störung findet. Sehr zum Unterschied zu den damaligen Psychoanalytikern, die meinten, daß etwa ein Mann sexuell gesund sei, wenn er fähig war zu erigieren und zu ejakulieren, kam Reich auf den Gedanken, diesen Menschen zu fragen, welche Phantasien er während der Ejakulation hätte (also z.B. sadistische Phantasien von Schlagen, Folterszenen u.a.). Freud hatte sich ja schließlich von seiner Libidotheorie zurückgezogen. Offenbar schrak er in der Analyse vor dieser Schicht der Perversionen und Irrationalismen, auf die er stieß, zurück. Er meinte, diese negative Energie müsse doch irgendwie transformierbar sein – er nannte es „Sublimieren“. Reich ging einen Schritt weiter. Er durchstieß diese Schicht, die er „Mittelschicht“ nannte, und kam zu einem „positiven Kern“, in dem sich natürliche Emotionen, Bedürfnisse und eine natürliche Moral finden. Reich verglich die Sexualität mit dem Lebensstrom des Menschen. Wenn dieser Strom gestaut wird, dann tritt er über die Ufer und es entstehen Sümpfe, Ausstände und Nebenrinnen. Das Ziel in der Therapie besteht nicht darin, mühsam die Ufer trocken zu legen, sondern darin, dafür zu sorgen, daß der Fluss wieder ins Fließen kommt; dann trocknen die Sümpfe von allein aus.

    Die Sümpfe stehen als Beispiel für Perversionen und Irrationalismen. Man könnte simplifizierend eine Gesundung aus der Sicht Reichs so deuten: er beobachtete, daß, wenn Menschen in der Lage sind, den Fluss ihrer Lebens- bzw. Sexualenergie frei fließen lassen zu können, das auch zur Gesundung eines Menschen führen kann. Dann kommt es zum Beispiel beim Geschlechtsverkehr nicht nur zu einem lokalen, lediglich auf die Geschlechtsteile bezogenen Orgasmus, sondern er breitet sich frei über den ganzen Körper aus, wobei es zu lustvollen Zuckungen kommt (ein ganz typisches Muster, das Reich Orgasmusreflex nannte); dabei steigen gleichzeitig tiefe emotionale Gefühle auf. – Tatsächlich geben wir durch das Erleben eines Orgasmus Energie ab. Wenn diese sexuelle Betätigung sehr oberflächlich ist. Masturbation oder im Extremfall der Seemann mit seiner Gummipuppe, dann kommt es zu einer Abfuhr von Spannungsenergie auf einem sehr oberflächlichen Niveau. Bei einer Spannungsabfuhr durch einen Orgasmus mit tiefen emotionalen Erlebnissen werden Spannungen aus tiefen Schichten des menschlichen Gehirns aus der Gegend des Stammhirns freigesetzt. Genau diese Region ist es aber auch, die bei der Geburt des Menschen bereits „gereift“ ist und in der die primären Urschmerzen verankert sind. Es ist aber nicht so, daß ein Erleben von Sexualität diese „Urschmerzen“ löschen kann. Bei einem Hinabgehen auf dieses orgastische Niveau tauchen plötzlich Ängste der Vernichtung, des Sterbens und das Gefühl der Auflösung auf, die die betreffende Person erschrecken und sich zurückziehen lassen. Gerade die in diesen Tiefen gespeicherten „Schmerzen“, unterbrechen jedes lustvolle Geschehen, so daß es gar nicht möglich ist, über diesen Weg Energie zu entladen.

    Janov geht noch einen Schritt weiter als Reich: Er meint, zuerst müssen wir die Urschmerzen loswerden, um fähig zu sein, uns auch auf einer tiefen emotionalen Ebene in unsere Sexualität einlassen zu können. Daher gilt auch Shree Rajneesh“ Aussage nur mit Einschränkungen: „Sexuelle Energie ist transformierbar, sie ist unterdrückbar“. Aber das Ausleben von Sexualität allein befreit nicht von Urschmerzen, dazu ist Therapie notwendig.

    An dieser Stelle möchte ich ein sehr treffendes Zitat von Janov („Gefangen im Schmerz“) anführen: „Blockierte Energie in tiefen Hirnstrukturen schafft Spannung im sexuellen Bereich. Wenn sich diese Spannung auflösen kann, dann wird Sexualität spannungsfrei“. Das entspricht auch den Aussagen Shree Rajneesh‘ von der Transformation von Sexualität. Das heißt, es gibt Sexualität, die spielerisch, nicht leidenschaftlich, nicht besitzorientiert, sondern frei, liebevoll und leicht ist.

    Wilhelm Reich wies auf die Zusammenhänge von unterdrückter Sexualität und deren gesellschaftspolitische Auswirkungen hin. Der sexuell nicht unterdrückte Mensch lässt sich nicht manipulieren. Er lässt sich nicht in einer „sexuellen Zwangsmoral“ einfangen. Er lässt sich nicht vorschreiben, seine sexuellen Bedürfnisse ausschließlich in einer Zweierbeziehung zu erleben. Dieser „freie“ Mensch lässt sich auch im Staatsgefüge nicht leicht dirigieren. Er wird daher als eine Gefährdung eines streng autoritären hierarchischen Systems angesehen werden müssen. Deshalb auch die Übereinkunft zwischen Kirche und Staat, Sexualität zu unterdrücken. Diese Unterdrückung ist bis heute bei uns nach wie vor massiv präsent. Masturbation, vorehelicher Geschlechtsverkehr und außerehelicher Geschlechtsverkehr werden verteufelt. In großen Teilen der Welt werden bis heute Frauen beschnitten. Durch die Entfernung der Klitoris werden sie daran gehindert, sexuelle Interessen zu entwickeln. Daß die klassische Kleinfamilie in unseren Breiten -ganz im Sinne des staatlichen und kirchlichen Ordnungsprinzipes – durch die Ablehnung von Sexualität die Brutstätte von Neurosen ist, ist von großer gesellschaftlicher Bedeutung. Reichs Ideen unterscheiden sich in diesen Punkten auch von den Vorstellungen der Psychoanalyse.

    Die Einstellung zur Sexualität kann auch heute an der Einstellung zur körperorientierten Psychotherapie, die entweder belächelt oder moralisierend abgelehnt wird, gemessen werden. Es heißt, es bestehe ein zu enger Kontakt zwischen Therapeut und Patient.

    Die Enthüllung der pervertierten Sexualität unserer Gesellschaft, besonders Kleinkindern gegenüber, ist der Psychotherapeutin Alice Miller zuzuschreiben. Durch schonungslose Aufdeckung vertuschter Perversionen in der Kleinfamilie gelang es ihr, ein erschütterndes Dokument von unser aller Kindheit aufzuzeigen, was bis heute größtenteils verleugnet wird. Geleugnet wird, weil die eigene Betroffenheit bei vielen ungeheuer groß ist und als Urschmerz der Verdrängung zum Opfer gefallen ist.

    Die Frage, warum wir unsere eigenen Verdrängungsmechanismen so sehr verteidigen, beantwortet Janov klar mit dem Satz: “ Weil sie uns verteidigen“. Damit ist gemeint: Sie haben uns in früherer Zeit gut verteidigt. Doch wirkt dieser Schutzmechanismus weiter so, als ob es heute noch notwendig wäre, ihn aufrechtzuerhalten, und er ist vor allem unserem Bewusstsein entzogen.

    PSYCHOTHERAPIE

    Für mich ist Alice Miller ein eindrucksvolles Beispiel für eine „Suchende“. Sie war stets bereit, ihre eigenen Glaubenssysteme immer wieder in Frage zu stellen. Im späten Lebensalter fasste sie den Entschluss, sich noch einmal einer radikalen Therapie – nämlich der Primärtherapie – zu unterziehen. In ihren letzten Büchern wendet sie sich gänzlich von der bisherigen Verteidigungshaltung gegenüber der Psychoanalyse ab. Sie meint sogar, daß die Psychoanalyse mit Schuld daran habe, daß die „schwarze Pädagogik“, wie sie es nennt, noch immer am Werke ist und lediglich zu verdrängen hilft. Was können wir also heute von der Psychoanalyse erwarten? Ich sehe die Psychoanalyse als eine historische Entwicklungsform der Psychotherapie an, sie war ein großer Schritt in Richtung „Bewusstwerdung“. Freud ist für mich ein Pionier, vergleichbar mit Robert Koch, der mit einem sehr primitiven Mikroskop Ende des letzten Jahrhunderts den Tuberkel-Bazillus entdeckte. Im Gegensatz zu damals haben wir heute viel präzisere Instrumente, wie etwa das Elektronenmikroskop, die eine viel höhere Auflösung zeigen und mit dem ganz andere Untersuchungen durchgeführt werden können. Genauso hat sich für mich das Instrumentarium der Psychotherapie weiterentwickelt – von der Basis psychologischer Spekulationen zu biologischen Erkenntnissen. Fast alle wesentlichen Psychotherapieforscher und -erneuerer wie etwa Wilhelm Reich, Fritz Perls, Arthur Janov etc., kamen von der Psychoanalyse her.

    An dieser Stelle sei auch kritisch angemerkt, daß die einzelnen psychotherapeutischen Schulen und Lehrgebäude entweder Biographien oder Autobiographien darstellen, das heißt, sie sind jeweils leicht aus der Lebensgeschichte der Begründer ableitbar. Wenn wir die Biographien der einzelnen Pioniere auf diesem Gebiet betrachten, fällt es uns leichter, ihre Einstellungen bzw. ihre Abwehrsysteme gegenüber bestimmten „Wahrheiten“ zu verstehen. Als Beispiel möchte ich ein von Alice Miller zitiertes Phänomen anführen. Freud wurde in seiner psychoanalytischen Praxis von vielen Patienten und Patientinnen zugetragen, daß sie in ihrer frühesten Kindheit sexuell missbraucht wurden – meist von nahen Familienangehörigen. Freud besprach dieses Phänomen mit seinem Freund Fließ, der sehr vehement meinte, das könne doch nur in der Einbildung der Patientinnen liegen. Freud gab dieser Idee nach, verwarf seine ersten Schlüsse und meinte, das hätten die Patienten nur phantasiert. Alice Miller deckt auf, daß der Sohn von Fließ später in seiner Autobiographie erzählt, er sei von seinem eigenen Vater, der Freud gegenüber die Unwahrscheinlichkeit solcher Vorfälle betont hatte, selbst als Kind sexuell missbraucht worden. Es kam also zu einer Verschwörung durch persönliche Betroffenheit. Wilhelm Reich wurde im Wien der zwanziger Jahre wegen seiner Aussagen über die Sexualität sehr angegriffen. Ein Schlaglicht auf die damalige Situation wirft sein Interview mit Eissler („Reich speaks of Freud“). Die meisten Analytiker waren damals ehemalige Patienten Freuds mit massiven sexuellen Problemen, die zum großen Teil nicht gelöst werden konnten. Es ist bezeichnend, daß in dieser Zeit Patientinnen, die zu einem Erstgespräch für eine analytische Behandlung kamen, manuell vaginal untersucht wurden. Die Psychoanalyse meint bis heute noch über „Einsichten“ heilen zu können – eine Behauptung, die sich biologisch nicht untermauern lässt. Aus neurologischer, aus neuroendokrinologischer Sicht bewirkt die psycho-analytische Therapie im Falle einer sogenannten „Heilung“ oder „Besserung“, eine verstärkte Endorphinausschüttung. Es kommt also zu einer Beruhigung des Patienten, wodurch aber die tiefen Spannungen nicht gelöst werden, die natürlich irgendwo anders wirksam werden; wenn auch nicht im Sinne des psychischen Symptoms, dann im Sinne von psychosomatischen Erscheinungen – die Krankheit geht also tiefer.

    Fortsetzung in Bukumatula 4/89

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  • Kategorie: 1989
  • Buk 4/89 Beruhigungsstrategien – Teil 2

    Bukumatula 4/1989

    Von Beruhigungsstrategien zur Emotionalen Reintegration

    Fortsetzung von Bukumatula 3/89
    Peter Bolen:


    Es ist ein Verdienst Arthur Janovs herausgefunden zu haben, daß über die Erhöhung der Stresshormone auch der Cholesterinspiegel bei „Urschmerz“ steigt und bei erfolgreicher Primärtherapie sinkt. Das Cholesterin ist verantwortlich für die Entstehung von Arteriosklerose und ist damit Ausgangspunkt vieler Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, des vorzeitigen Alterns, des hohen Blutdrucks durch Gefäßablagerung usw. Wie ich schon in vorherigen Kapiteln erwähnt habe, sind wir in der Lage, die „innere Spannung“ mittels EEG zu messen. Wir können heute sehr präzise Aussagen machen, ob jemand unter Urschmerz steht oder nicht.

    Wie könnte man nun etwa die Bedeutung der Gestalttherapie, die von Fritz Perls entwickelt wurde, im Gesamtkonzept der psychotherapeutischen Methoden verstehen? Perls erkannte, daß durch die Bewusstmachung von Polaritäten der Patient sich mit dem Spannungsfeld identifizieren kann, das seine innere Energie gebunden hält. Durch die Bewusstmachung dieser Spannung kommt er in einen Zustand, den Perls „Impass“ (auf Deutsch etwa „Sackgasse“) nannte. Ein Zustand, wo es keinen Ausweg mehr gibt, ein Zustand, wo der Patient mit seinem Urschmerz in Berührung kommt. Wenn er diesen erleben kann, dann verändert sich ganz von selbst – wie vorher erwähnt im Sinne eines homöostatischen Systems – der innere Zustand. Perls nannte die Integration abgespaltener Teile „Implosion“ und die anschließende selbständige Befreiung und Wiederrückgewinnung von vorher brachliegender Lebensenergie „Explosion“. Am deutlichsten haben diesen therapeutischen Ansatz die Autoren Stämmler und Bock in ihrem Buch „Neuentwurf der Gestalttherapie“ beschrieben. Dort ist nachzulesen, daß Perls selbst als sechzigjähriger Mann in den „Impass“ kommen musste, um zu erleben, wie er durch körperorientierte Therapie bei Ida Rolf zu seinen tiefen Urschmerzen kam und wie durch „Kontraktion“, wie das in diesem Energiemodell genannt wird, der Mensch durch das Wiedererleben seines Urschmerzes gesunden kann. Die besondere Aufmerksamkeit Perls galt einer speziellen Abwehrform seiner Klienten, die er „phobische Reaktion“ im Sinne von Ausweichen, Vermeiden, bezeichnete. Er war ein Meister der Beobachtung des „Nicht-in-Kontakt-Seins“; dies immer wieder bewusst gemacht, ermöglichte das selbsttätige Einsetzen einer Heilung. Perls war kein körperorientierter Therapeut, obwohl er Körpersprache, Mimik, Gestik etc. stark in seine Beobachtung mit einbezog. Er selbst war kurze Zeit in Therapie bei Wilhelm Reich.

    Reich ging bei der Entwicklung seiner Arbeitsmethode von der Beachtung biologischer Vorgänge aus. Er beobachtete, daß jeder lebendige Organismus „pulsiert“: Phasen der Kontraktion und Phasen der Expansion wechseln rhythmisch ab. Jeder Organismus, sei es ein Einzeller, eine einzelne menschliche Zelle oder der ganze menschliche Körper, pulsiert in einer bestimmten wellenförmigen Art, die beobachtbar, aufzeichenbar und auch unterbrechbar ist. Unterbrechbar etwa durch Kontraktionen, die als Reaktion auf Traumata anzusehen sind. Werden diese Kontraktionen chronisch, kommt es zu einer chronischen Unterbrechung des Energieflusses im menschlichen Körper. Reich lenkte seine Aufmerksamkeit bereits in den dreißiger Jahren auf diesen muskulären „Panzer“ des Menschen, wie er ihn nannte. Durch manuelle Techniken an diesem „Panzer“ machte er die muskulären Blockierungen dem Patienten bewusst. Dies wiederum setzte das Selbstregulationssystem in Bewegung: Energie begann wieder zu fließen. Dem Patienten wurde es dadurch ermöglicht, sich dem Selbstheilungsvorgang hinzugeben. Die Aufmerksamkeit Reichs galt vor allem der Atmung (er beobachtete, daß chronisch angespannte Menschen in einer „Einatmungsstellung“ verharren, um mit einem „flachem“ Atmen das Aufsteigen tiefer Emotionen zu verhindern). Gerda Boysen, die von Ola Raknes, einem norwegischen Schüler Wilhelm Reichs, ausgebildet wurde, lenkte die Aufmerksamkeit auf eine andere Form der energetischen Entladung. Sie entwickelte den Begriff der „psychischen Peristaltik“, die über das Eingeweidesystem abläuft und eine zusätzliche Funktion des Verdauungstraktes neben der Hauptfunktion der Verdauungsperistaltik darstellt.

    Es gibt also verschiedenste Möglichkeiten, dem Körper Spannungsenergien abführen zu helfen: durch Reden, durch emotionale und durch muskuläre Abreaktion, etc. Dennoch bleiben große Teile des Gehirns damit beschäftigt, dem gespeicherten Urschmerz Dämme zu errichten, um diesen isoliert zu halten und ihn nicht fühlbar zu machen. Janov weist darauf hin, daß uns große Teile unseres Gehirns nicht zur Verfügung stehen, weil sie damit beschäftigt sind, Urschmerz zu unterdrücken. Deshalb ist Primärtherapie eine so wichtige Neuerung in der Psychotherapie, in der es darum geht, durch bestimmte Techniken mit dem gespeicherten Urschmerz in Kontakt zu kommen, diesen emotional voll zu erleben, und damit das Gehirn von dieser gespeicherten Energie auf Dauer zu befreien. Mit anderen Worten: das abgespaltene emotionale Erleben wird in unser Gesamtbewusstsein reintegriert. Wir werden bewusster, aufnahmebereiter, lebendiger, lebensfähiger.

    Es ist auffallend, daß die späten Werke Freuds und die späten Werke Reichs ein gewisser Pessimismus durchzieht. Freud meinte: „Es ist schon ein Fortschritt, wenn es uns gelingt, neurotisches Elend in gewöhnliches Elend zu transformieren“. Und Reich äußerte sich etwa so: „Einen neurotischen Menschen kann man genauso wenig zu einem gesunden Menschen machen, wie man einen krumm gewachsenen Baum zu einem geraden Baum machen kann. Man kann nur einen gesunden krummen Baum aus ihm machen.“ Die Hoffnung Reichs lag in den ‚Kindern der Zukunft‘: „Es müsste gelingen, das Bewusstsein der Menschen zu erweitern, damit sie ihre eigene Neurose nicht an ihre Kinder weitergeben“.

    Nun könnte man einwenden: Zwar gelingt es uns nicht, krumm gewachsene Bäume gerade wachsen zu lassen, aber vielleicht reicht es auch, wenn wir sie zum Blühen bringen und sie dazu bringen, daß sie Früchte zu tragen. Doch geht aber dieser Trost an dem Faktum vorbei, daß es tatsächlich möglich ist, Heilung zu erreichen. Und hier unterscheidet sich Janov grundlegend von seinen Kollegen. Er beschreibt volle Heilungen und beschreibt auch, wie ein geheilter Mensch aussieht. Es ist ein Mensch ohne Abwehrmechanismen.

    Es bleibt die Frage: Kann ein „ungepanzerter“ Mensch, der durch eine tiefgreifende Therapie hindurchgegangen ist, in unserer neurotischen und bedrohlichen Umwelt leben? Wenn wir uns das Bild eines Ritters des Mittelalters hernehmen und den Muskelpanzer durch die Stahlrüstung symbolisiert sehen, so hat dieser Ritter gelernt, auf Attacken des Gegners damit zu reagieren, daß er sich steif macht und sich darauf verlässt, daß der Panzer den Schwertschlag abwehren kann. Andere Strategien wären, mit dem eigenen Schwert zu parieren oder früher hinzuschlagen als der Gegner. Wenn wir diese gleiche Strategie weiterhin anwenden, nachdem wir unseren eigenen Panzer abgelegt haben, werden wir sicher tief verletzt werden können. Wenn wir aber lernen, beweglich zu werden und Aggressionen nicht anzunehmen, können wir auch in einer sehr feindlichen Umwelt überleben.

    Grundsätzlich können wir sämtliche psychotherapeutischen Schulen in zwei Richtungen einteilen: es gibt „aufdeckende“ Methoden und „zudeckende“ Methoden. Sind die aufdeckenden Methoden erfolgreich, so führen sie direkt zu einem emotionalem Erleben und emotionaler Reintegration des Urschmerzes. Zudeckende Methoden können bestenfalls eine Ausschüttung von Endomorphinen und damit eine zeitweilige Beruhigung bewirken. Letztere stehen im wesentlichen in der Tradition der alten psychiatrischen Schulen, denen es vor allem darum ging, Menschen zu „beruhigen“. Ein Beispiel mag der schreiende, um sich schlagende Hysteriker oder Psychotiker sein, der durch den Psychiater zum Verstummen gebracht wird. Niemand frägt, warum er eigentlich schreit. Noch während meiner Tätigkeit an der Psychiatrischen Universitätsklinik in den sechziger Jahren in Wien wurden regelmäßig Frauen, die wegen hysterischer Anfälle eingeliefert wurden, von den Rettungsärzten körperlich misshandelt: dies geschah in den leichtesten Fällen durch Schläge, durch Anschütten mit kaltem Wasser, ja sogar durch Setzen von Nadelstichen in die Brust, mit der Begründung, die Patienten aus ihrem Anfall damit herausbringen zu können. Wie ist dieser Sadismus, wie ist diese unmenschliche Reaktion zu verstehen? Ein laut schreiender Patient, der offensichtlich in Kontakt mit seinem Urschmerz ist, bewirkt bei seiner Umwelt ein Mitschwingen im Sinne eines Resonanzeffektes. Alle Zuhörenden sind dadurch in Gefahr, sich ihres eigenen Urschmerzes bewusst zu werden. Da sie dies massiv abwehren müssen, müssen sie auch den Schreienden zum Verstummen bringen. Dieses Stumm-Machen geschieht heute in den meisten Fällen durch dämpfende Psychopharmaka; es geschah früher (und geschieht auch heute noch) durch Elektroschocks, im schlimmsten Falle durch chirurgische Eingriffe im Gehirn (Lobotomie). Zudeckende Therapien beruhigen also, passen an, haben aber keine dauerhafte Wirkung. Der Urschmerz ist weiterhin aktiv. Woran können wir subjektiv das Vorhandensein von Urschmerz feststellen? Am einfachsten an der ständigen „inneren Unruhe“, die uns dazu treibt, immerzu geschäftig zu sein, ständig viel zu essen, übermäßig Alkohol zu trinken, etc. Ständiger Wunsch nach schneller sexueller Abreaktion gehört ebenso zu den Hinweisen auf vorhandenen Urschmerz wie permanente Beruhigung durch Arbeit; ein Zustand, für den der Ausdruck „Workoholic“ geprägt wurde.

    DAS LEBEN „NACHHER“

    Es sei an dieser Stelle an Rolf Biermanns Ausspruch erinnert: „Es gibt ein Leben vor dem Tod“. Und um dieses Leben nach einer erfolgreichen Therapie geht es in diesem Kapitel.

    „Wehe denen, die sich aufmachen auf den Weg! Es gibt kein zurück mehr. Der Weg führt entweder zur Erleuchtung oder in den Wahnsinn“ (Shree Rajneesh). Aus dem Blickwinkel meiner Erfahrung heißt das, daß es nicht möglich ist, eine partielle Veränderung zu vollziehen. Wenn es zu Durchbrüchen kommt, so haben auch nur kleine

    Veränderungen Auswirkungen auf das gesamte Leben des Menschen. Das heißt, es wird durch eine erfolgreiche Therapie das gesamte Bezugssystem, in dem der Mensch lebt, in Frage gestellt werden. Das bezieht sich insbesondere auf die Beziehung zu den Eltern, den Kindern und natürlich auf die Beziehung zum Partner. Die Schwierigkeit liegt darin, daß, wenn ein Partner sich radikal verändert und der andere Partner diese Veränderung nicht mitmacht, es sehr häufig zu einer Krise und oft auch zu einem Auseinandergehen kommen wird. Diese kritische Einstellung gegenüber nahestehenden Menschen wird sich auch auf die Freunde übertragen. Die Person wird ein hohes Maß an Sensibilität entwickeln und natürliche Offenheit von maskenhaftem Verhalten unterscheiden können. „Panzerungen“ anderer Menschen werden als befremdlich und störend empfunden. Die Sehnsucht wird groß sein, gleichgesinnte Menschen zu finden, die ähnliche therapeutische Erfahrungen gemacht haben, oder aufgrund einer glückhaften Kindheit fähig sind, ungepanzert durchs Leben zu gehen. An dieser Stelle sei angemerkt, daß alles dafür spricht, daß eine glückliche Kindheit ein Vorrat an positiver Lebensenergie ist, der für ein ganzes Leben reichen kann und spätere Entsagungen leichter ertragen lässt. Jede Pädagogik, die darauf hinzielt, das Kind zu frustrieren, damit es später den Härten des Lebens besser gewachsen ist, muss fehlschlagen.

    Eine kritische Einstellung wird sich natürlich auch auf das Lesen von Zeitungen, auf das Betrachten von Fernseh- und Kinofilmen, etc. auswirken. Es werden plötzlich viele versteckte Botschaften in den Informationen sichtbar werden, die wir, wenn wir nicht sensibilisiert sind, oft unkritisch in uns aufnehmen. Die wachsende Kritikfähigkeit und das Selbstvertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit führen zu einer natürlichen Infragestellung von Gesellschaftssystemen, von Politik, Religion etc. Menschen, die sich von den Zwängen früherer Programme gelöst haben, werden in einer natürlichen Opposition zu allen Systemen stehen. Sie werden weder durch nationalistische Parolen noch durch Machtansprüche von Kirchen etc. verführbar sein. Der „Durchschnittsbürger“ wird zu einem ungeheuer suspekten Wesen. Den Durchschnittsbürger, der einen großen Teil seiner Energie dazu verwendet, seinen Urschmerz zu unterdrücken, irritiert liebevolle Offenheit, Ungepanzertheit und Aufrichtigkeit in hohem Maße.

    Das Aufgeben von Kompromisshaltungen, von Unterwerfung und Anpassung macht Menschen, die ihr größtmögliches Potential entfaltet haben, zu einer Zielscheibe für irrationale Angriffe aus ihrer Umgebung. Reich zitiert Christus als Beispiel und erleidet dasselbe Schicksal: Bücherverbrennung im Jahre 1956 im klassisch-demokratischen Amerika; eine Hexenjagd auf einen Mann, der institutionalisierte Religionen und autoritäre Staatsformen jeder Schattierung in Frage stellte und freie Sexualität postulierte. Das gleiche Schicksal erleidet dreißig Jahre später Shree Rajneesh in den USA aufgrund der gleichen kompromisslosen Infragestellung von sexueller Zwangsmoral, politischer Verlogenheit und grausamer Unterdrückung von natürlichen menschlichen Lebensbedürfnissen.

    Wir leben in einer Zeit, in der sich alternative Lebensformen menschlichen Zusammenseins in einem experimentellen Stadium befinden. Kommunen, die nicht autoritär geführt werden, bei denen Selbstregulation anstelle direktiver Maßnahmen das Funktionsprinzip darstellen, sind nur möglich, wenn die Mitglieder einer solchen Lebensgemeinschaft ihre abgespaltenen Emotionen reintegriert haben; sonst sind diese Experimente zum Scheitern verurteilt. Als Beispiel sei das Auflösen der fünftausend Mitglieder zählenden Kommune Shree Rajneesh‘ in Oregon zu sehen; ebenso das Scheitern der österreichischen Kommune Otto Mühls (im Sinne einer Erstarrung in einem autoritär-hierarchischen System). Selbst die hypothetische Forderung nach gesellschaftlicher Selbstregulation stößt heute auf Unglauben und Skeptizismus. Und doch können wir in der Geschichte nachlesen, daß es in der Han-Dynastie in China (200 v. bis 200 n.u.2.), also etwa vierhundert Jahre lang, ein gesellschaftliches System gab, das ausschließlich auf Selbstregulation beruhte und den Prinzipien des Taoismus folgte (Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“).

    Die Erkenntnisse über die Unterdrückung von Urschmerz und das Wissen über die unterdrückenden Mechanismen unserer Gesellschaft (Sexualunterdrückung, Unterdrückung von Frauen, etc.) führt letztlich zu der Frage: Wieso ist diese kollektive Panzerung notwendig, in der sich die heutige Menschheit befindet? Welchen „Urschmerz“ mussten wir erleben, damit alle diese Unterdrückungen, Panzerungen, etc. notwendig geworden sind? Die Antwort ist eine spekulative: Die Entwicklung der Menschheit im Sinne der Phylogenese erreichte einen kritischen Punkt, als sich das Großhirn so weit entwickelt hatte, daß wir nicht nur „fühlen“ konnten, was bereits mit dem limbischen System möglich war, sondern auch zu „erkennen“ imstande wurden; auch die eigene Begrenztheit und die eigene Endlichkeit. Dies rief einen „Schock“ hervor. (Bibelzitat: „Und sie erkannten Gott und erschraken fürchterlich“). Die Reaktion war eine Verdrängung, eine „Panzerung“. – Ist es möglich, daß sich die Menschheit von dieser Panzerung wieder befreien kann? Die Jahrmillionen menschlicher Entwicklungsgeschichte geben der Hoffnung Raum, daß wir uns in einem Zustand befinden, der sich im Laufe der nächsten Millionen Jahre ändern wird. Natürlich befinden wir uns in einem Wettlauf mit der Zeit, wenn wir die begrenzten Ressourcen unseres Planeten Erde betrachten, die wir in unserer Blindheit und Gepanzertheit ebenso missbrauchen wie uns selbst und unsere Kinder. Hoffnung können wir aus den Ergebnissen unserer Forschung und unserer psychotherapeutischen Arbeit schöpfen.

    Neueste Forschungen, die sich mit dem sogenannten „morphogenetischen Feld“ befassen, lassen vermuten, daß es vielleicht nicht notwendig ist, jeden Menschen in seiner individuellen Blockiertheit zu behandeln. Die Entdeckung des morphogenetischen Feldes besagt etwa: Wenn an einem Ort dieser Welt eine Neuentwicklung in Gang kommt, beginnt gleichzeitig auch an einem anderen Ort eine gleiche Neuentwicklung.

    Eine leicht verständliche Form des morphogenetischen Feldes zeigt sich an Beobachtungen von Affen, die auf einer Inselgruppe des Pazifik leben:

    Die Affen auf diesen Inseln ernähren sich zum Teil von Kartoffeln. Die Inseln sind untereinander nicht verbunden, so daß zwischen den einzelnen Affenpopulationen keine Kommunikationsmöglichkeit besteht. Auf einer dieser Inseln nimmt ein Affe eine Kartoffel mit an den Strand, um sie dort zu essen. Sie gleitet ihm aus der Hand und fällt ins Meerwasser. Er fischt sie wieder heraus: sie ist gewaschen, schmeckt salzig und er schätzt den angenehmen Geschmack, der sich durch diese neue „Zubereitung“ ergeben hat. Er erzählt es seiner Tante. Sie kommt mit den Onkeln, mit der Großmutter und dem Affenvater an den Strand. Alle beginnen, ihre Kartoffeln zu waschen. Immer mehr Mitglieder einer Affenfamilie bereiten auf diese Art ihre Mahlzeit zu, bis eine kritische Anzahl von Affen, nehmen wir willkürlich einhundert an, auf einer Inselgruppe gleichzeitig ihre Kartoffeln im Meer wäscht, bevor sie sie verspeist. Und ab diesem Zeitpunkt beginnen auf allen anderen Inseln der Inselgruppe die Affen ihre Kartoffeln im Meer zu waschen, ohne daß sie sich irgendwie vorher darüber verständigen konnten.

    Dieses Überspringen eines Verhaltens, nachdem eine kritische Anzahl von Lebewesen ihr Verhalten geändert hat, ist diese faszinierende Eigenschaft des morphogenetischen Feldes. Wir brauchen also sozusagen nur eine „genügend große Anzahl von Affen zu ‚behandeln‘, um die Welt zu verändern. – Wenn genügend vielen Menschen die Möglichkeit gegeben wird, ihren Urschmerz loszuwerden und – etwa durch Meditation – ihr volles menschliches Potential zu entwickeln, so kann diese existentielle Veränderung auch auf andere Menschen überspringen. Unsere Aufgabe besteht also nicht darin, andere Menschen zu belehren oder ihnen bestimmte Anleitungen zu geben, sondern darin, daß wir uns selbst verändern. Nur durch diese Art von Einflugnahme verändern wir auch unsere Umwelt.

    BERICHTIGUNG:

    Auf Seite 19 in BUKUMATULA 3/89 wurde Shree Rajneesh zitiert: „Sexuelle Energie ist transformierbar, sie ist unterdrückbar“. Richtig hätte es heißen sollen: „Sexuelle Energie ist transformierbar, sie ist nicht unterdrückbar“.

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  • Buk 4/89 Sexualkoffer

    Bukumatula 4/1989

    Der Sexualkoffer

    Gedanken zur Schwierigkeit schulischer SexualerziehungKarin Eichhorn:


    ANEKDOTE:

    Eine Lehrerin unterrichtet Englisch in einer 6. Klasse an einem Wiener Gymnasium. Im Zuge der aktuellen Debatte bespricht auch sie mit ihren Schülern die Frage der schulischen Sexualerziehung. Welche Wünsche haben die Schüler? Wie stellen sie sich so einen „Unterricht“ vor?

    Ergebnis der Diskussion: Die Schüler wollen nicht nur in der Biologiestunde „aufgeklärt“ werden, sondern in allen Gegenständen und mit allen Lehrern über das Thema Sexualität sprechen können. Die Kollegin ist ratlos ob dieser Forderung und fragt mich, sichtlich aus der Ruhe gebracht: „Wie soll ich denn in Englisch Sexualerziehung machen? Ich könnte ihnen ja höchstens die Vokabel für die Geschlechtsorgane an die Tafel schreiben …“

    ÜBERLEGUNG:

    Da zeigt sich das Dilemma, das bisher in der gesamten Diskussion über den Sexualkoffer nicht angesprochen, ja vielleicht als solches überhaupt nicht wahrgenommen worden ist: Letzten Endes wird es nämlich nicht so sehr darauf ankommen, ob in dem Medienpaket Homosexualität als praktikable Form sexuellen (Er)Lebens genannt oder Anleitungen für Spiele zur Förderung der Körperwahrnehmung der Jugendlichen enthalten sein werden (bzw. sein dürfen), sondern es wird immer noch darauf ankommen, was die Lehrer, zu deren Gebrauch das Medienpaket ja gedacht ist (und nicht zur unkommentierten Weitergabe an die Schüler, was auch gelegentlich unerwähnt bleibt), damit anstellen.

    Und nun meine ich, daß das beste oder schlechteste Medienpaket nichts Grundsätzliches daran ändern wird, in welcher Art und Weise in den Schulen von den jeweiligen Lehrern an das Thema „Sexualität“ als „Unterrichtsstoff“ herangegangen wird. Damit hängt natürlich die Frage, was in unseren Schulen überhaupt unter „unterrichten“ verstanden wird, ursächlich zusammen. Ich meine, daß damit im heutigen (Selbst)Verständnis der weitaus überwiegenden Zahl der Lehrer das Vermitteln von „Wissen“, d.i. Daten, Fakten, Vorgangsweisen, eben „Stoff“, gemeint ist. Und darin findet sich bereits die Grenze einer emanzipatorischen Sexualerziehung.

    Denn solange ein Lehrer nicht von dem Denken wegkommt, er müsse Sexualität „unterrichten“ wie die Integralrechnung, die Literaturgeschichte des Barock oder die Förderquoten der OPEC-Länder, womöglich noch so, daß anschließend abprüfbares Wissen vorhanden ist, solange wird das, was die Schüler in der eingangs erwähnten Geschichte als Wunsch formuliert haben, nicht stattfinden können. Es gibt Lehrer, die behaupten, in ihren Fächern gäbe es keinen Anknüpfungspunkt für Sexualerziehung- Für einige der Gegenstände, die an unseren Gymnasien unterrichtet werden, scheint das auch durchaus zutreffend zu sein. Nur schwer wird man etwa in Informatik oder Werkerziehung auf einen Inhalt stoßen, der unmittelbar mit Sexualität zu tun hat. Allerdings kann man diesen Lehrern den Hinweis darauf nicht ersparen, daß sich während ihres Unterrichts, während des Erarbeitens und Vortragens ihres „Stoffes“ in der Klasse auch soziales Geschehen ereignet, das meiner Erfahrung nach mannigfaltige Ansatzpunkte für Sexualerziehung im weitest möglichen Sinn bietet.

    Dieses soziale Geschehen wahrzunehmen, würde aber bedeuten, daß ein Lehrer mit der Klasse in authentischem Kontakt stehen muss, daß er in der Lage ist, die Kinder und Jugendlichen als Personen und nicht als eine Masse von Unwissenden wahrzunehmen, dies gilt, mit möglichst vielen Inhalten abzufertigen. Mit einem solchen Interesse an den Schülern ausgestattet, das über das Abprüfen von Wissensinhalten hinausgeht, müsste jeder Lehrer aus seiner alltäglichen Arbeitserfahrung heraus wissen, daß Schüler an Sexualität ein vitales Interesse haben und sich damit – wenn auch gelegentlich in einer sehr kruden Form -auseinandersetzen. Schon die Schimpfwörter, mit denen unsere Schüler einander mehr als reichlich bedenken, sind mehr als nur ein Hinweis darauf: „Wixer, Schwuler, Hurenbock“ sind nur ein paar Beispiele aus dem Repertoire einer durchschnittlichen Pausenunterhaltung von Zwölf- bis Vierzehnjährigen.

    BETRACHTUNG:

    Es scheint, als würde eine der Hauptschwierigkeiten darin liegen, Schüler als sexuelle (und schon gar als sexuell aktive!) Wesen begreifen zu können. Gelegentlich kommt es mir vor, als würden wir die Schüler als Organismen betrachten, die mit aufnahmebereiten Gehirnen in die Schule kommen und den Rest ihres körperlichen (Er)Lebens doch bitte anderswo erledigen sollen. Diese Einschätzung ist natürlich nicht haltbar, wenn man sich verdeutlicht, daß Schüler bis zu vierzig Stunden pro Woche in der Schule verbringen, und außerdem die Mitschüler und Lehrer den Großteil ihres sozialen Umfeldes ausmachen. Es ist also eine Illusion, wenn man glaubt (oder hofft!), daß man Sexualität und die sexuellen Wünsche der Schüler vom Schulbereich fernhalten könnte.

    Dieser einleuchtenden Tatsache wurde ja auch schon in den siebziger Jahren mit dem Erlass zur Sexualerziehung Rechnung getragen. Die Durchführung lag und liegt dabei jedoch in den Händen der Lehrer, weshalb die eingangs erwähnten Schwierigkeiten nicht als etwas bezeichnet werden können, was erst gemeinsam mit dem Sexualkoffer aufgetaucht wäre.

    Es bleibt die Frage, warum es Lehrern so schwer fällt, mit ihren Schülern über Sexualität zu sprechen. Ich möchte an dieser Stelle von allen institutionsimmanenten Hindernissen absehen (große Klassen, zu viel Lehrstoff, starre Stundeneinteilung, etc.) und die subjektive Lehrerseite näher betrachten. Der Eindruck, den ich bei allen Gesprächen über Sexualerziehung im Kollegenkreis gewonnen habe (bis auf wenige Ausnahmen) ist: Sexualerziehung ist peinlich. Peinlichkeit scheint mir nun etwas zu sein, was immer dann auftaucht, wenn jemand sich ganz persönlich in einem Bereich betroffen fühlt, in dem er selbst nicht sicher ist und in dem er sich der Reaktion einer oder mehrerer anderer Personen schutzlos ausgesetzt sieht.

    Solange sich ein Lehrer sachlich dozierend auf den technisch-anatomischen Bereich der Sexualität beschränkt, kann er dieser Peinlichkeit entgehen. Sexualorgane, Schwangerschaft und Verhütung sind daher auch die „Hits“ unter den Themen der Sexualerziehung. Schwierig wird es erst dann, peinlich mitunter, wenn die Abhandlungen diese konkrete Ebene verlassen und dorthin gelangen, wo die persönliche Auseinandersetzung mit Sexualität tatsächlich stattfindet: im Bereich der Gefühle, Empfindungen, Wünsche und Ängste.

    Und an dieser Stelle behaupte ich, daß die meisten von uns Lehrern nicht gelernt haben (woher denn auch?), selbst in ihrem privatesten und intimsten Bereich darüber zu sprechen, eben Gefühle, Ängste, Wünsche und Phantasien beim Namen zu nennen und diese verbalen Berührungen auch auszuhalten. Wie sollen sie dann aber in der Lage sein, mit einer ganzen Gruppe von mehr oder weniger fremden Menschen, die noch dazu aufgrund der Schulsituation immer als die „anderen“, wenn nicht gar als „Feinde“ angesehen werden, darüber sprechen?

    VERÄRGERUNG:

    Um diese Darstellung zu relativieren, darf nun aber nicht unerwähnt bleiben, daß es neben der großen Zahl von gehemmten und peinlich berührten Lehrern auch solche gibt, die durchaus willens und fähig sind, mit ihren Schülern in ein gleichermaßen informatives wie auch emotionell angenehmes Gespräch über Sexualität einzutreten. Diese Lehrer tun das auch seit Jahren sehr bewusst und engagiert, ohne daß sie dazu Erlässe, Medienpakete und dergleichen mehr gebraucht hätten. Gerade aber zu ihrer Unterstützung, und damit sie nicht nur auf ihre eigenen Ressourcen angewiesen bleiben, wäre der Sexualkoffer eine wünschenswerte Ergänzung. Denn so gut sich diese Kollegen auch bisher im Rahmen der schulischen Möglichkeiten den Bedürfnissen der Schüler nach solchen Gesprächen gestellt haben, so bewusst sind sich auch viele von ihnen der Tatsache, daß sie noch nicht den Plafond des Machbaren erreicht haben. Letzten Endes ist das ein Phänomen, das nicht nur für die Sexualerziehung zutrifft, daß es gerade die engagierten Lehrer sind und die, die ohnedies schon einen hohen Grad an (Selbst)Reflexion erreicht haben, die sich auch besonders für Fortbildung, Veränderungen und Neuerungen einsetzen.

    Umso ärgerlicher ist es, daß durch die schier endlose Debatte um den Sexualkoffer und die Vertretbarkeit seines Inhaltes einerseits die Vorbehalte jener Lehrer, die „immer schon“ der Meinung waren, Sexualität hätte in der Schule nichts verloren, verstärkt werden, und daß andererseits die, die von sich aus schon Schritte und Überlegungen zu einer besseren, sinnvolleren und zugleich auch behutsameren Sexualerziehung unternommen haben, nun schon unziemlich lange auf die Unterstützung und möglichen Anregungen aus dem Medienpaket verzichten müssen.

    Es ist so weit gekommen, daß sich zum Thema Sexualkoffer schon Polarisierungen innerhalb der einzelnen Lehrkörper ergeben haben. Da stehen nun jene, die „sowas“ nicht brauchen, jenen gegenüber, die den Koffer für sinnvoll und wünschenswert halten. Da es mittlerweile so aussieht, daß eine Schule nur dann den Medienkoffer zur Sexualerziehung bekommen soll, wenn die Direktion(!) ihn anfordert, sind weitere schulinterne Auseinandersetzungen zu befürchten, von denen man nicht annehmen darf, daß sie sachlich geführt werden würden.

    An Österreichs Schulen sieht es noch immer so aus, daß Lehrer, die mit Sexualität ihre Zeit „vertun“ statt etwas „Ordentliches“ zu unterrichten, nicht immer gut angesehen sind. Und selbst wenn der Koffer endlich gepackt ist, wird man noch immer weit davon entfernt sein, Sexualerziehung als einen selbstverständlichen Bestandteil schulischer Erziehung zu akzeptieren und wenigstens jene Lehrer nicht mehr zu behindern, die von ihrer Lebenserfahrung her in der Lage sind, ihren Schülern dabei behilflich zu sein, ihre eigenen Sicht- und Lebensweisen auf dem Gebiet der Sexualität zu finden und zu entwickeln.

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  • Buk 4/89 Arbeit mit Reich – Teil 2

    Bukumatula 5/1988

    Meine Arbeit mit Wilhelm Reich, Teil 2

    Fortsetzung von Bukumatula 5/88
    Myron Sharaf:


    (In „Bukumatula“ 5/88 war der erste Teil des Vortrages, den Myron Sharaf im September letzten Jahres in Wien hielt, abgedruckt. Johanna Setzer hat den zweiten Teil übersetzt und ihn in Auszügen zusammengefasst.)

    Nach dem eigentlichen „Vortrag“ forderte Sharaf die Zuhörer auf, Fragen zu stellen, was – wie üblich – nicht sofort geschah. Als Reaktion gab Sharaf daher ein Anschauungsbeispiel dessen, was er als seine „No-Therapy“ bezeichnet: Er bat die Leute aufzustehen und laut „No“ zu rufen und stachelte den Protest durch Sätze wie: „Stellt Fragen!“, „Ihr müßt fragen!“, „Ihr schuldet mir Fragen!“ und „Benehmt Euch wie Erwachsene!“ an und machte solcherart das Zusammenspiel von (vermeintlicher) Forderung und Angst bzw. Verweigerung deutlich.

    In der Folge wurden verschiedene Fragen gestellt, die Sharaf sammelte und in seiner charakteristisch assoziativen Redeweise beantwortete. Dazwischen flocht er immer wieder Zitate aus seinem eigenen Buch über Reich ein (eine der Fragen zielte auf seine persönlichen Therapieerfahrungen mit Reich), wobei er teils die Verdienste Reichs hervorhob, teilweise aber auch Kritik an Reich bzw. an den Körpertherapeuten äußerte.

    Frage: Was ist das Ziel der Therapie? Wann sind Sie als Therapeut zufrieden?

    „Luis Amstrong sagte einmal auf die Frage: Was ist Jazz? – „Wenn Sie das fragen müssen, werden Sie nie verstehen, was Jazz ist!“- So einfach ist es in der Therapie sicher nicht. Was meinen Sie – in einer einzelnen Sitzung oder im gesamten Therapieverlauf?“

    – Beides

    „Wann sind Sie zufrieden? Ich möchte verstehen, was in Ihrer Vorstellung bei dieser Frage vorgeht, bevor ich sie abschneide, indem ich Ihnen meine Vorstellung präsentiere.“

    – Ich bin in dieser Frage unsicher.

    „Fühlen Sie es nicht in den beiden Extremen? Wenn Sie sagen: Das war eine schlechte Arbeit, ich war abwesend, oder ein anderes Mal: Das war eine gute Arbeit. Man kann es also auf ein Spektrum begrenzen. Die Frage ist wichtig. Wichtig ist vor allem, daß wir als Therapeuten uns gut fühlen in der Arbeit; manchmal kommen unsere eigenen Konflikte dazwischen. Das hat häufig mit dem Klienten zu tun, sehr oft aber mit mir, bzw. mit der Interaktion seiner Neurose mit meiner. Es ist meine Aufgabe, mir meiner Neurose mehr bewusst zu sein und sie besser unter Kontrolle zu haben als die des Klienten.

    Ich habe mich oft als Therapeut schlecht gefühlt. Das ist ein gefährlicher Zustand für einen Körpertherapeuten, wenn man die heilende Kraft nicht spürt. Man muss nicht absolut gesund sein, aber man muss Kontakt zur eigenen Gesundheit haben – Reich nannte das: ‚Löcher im Panzer‘. Ich nenne es ‚Überträger-Effekt‘. Leute können anderen Gesundheit bringen, auch wenn sie selbst nicht ganz gesund sind. Das ist bis zu einem gewissen Grad unabhängig von der Schwere der Neurose…“

    Als Beispiel berichtete Sharaf von einer Klientin namens Susan, mit der er etliche Sitzungen hindurch nur sprach, weil er sich nicht wohl fühlte, Susan jedoch protestierte heftig, worauf Sharaf zunächst argumentativ antwortete, sie sei ungeduldig, wolle schnelle Resultate, etc. Susan bestand jedoch auf ihrem Wunsch nach mehr Körperarbeit und Sharaf musste sich eingestehen, daß es sein Zustand war, der ihn davon abhielt. Als er schließlich doch körpertherapeutisch zu arbeiten begann, fühlte er sich durch ihren Ärger gleichsam aufgeladen:

    „Es war wirklich erstaunlich. Ihre Energie riss mich so sehr aus meinem schlechten Befinden, daß ich den Rest der Stunde an ihrem Körper arbeiten konnte und mich nachher besser fühlte… Ich kann mich nicht erinnern ob ich ihr damals sagte, daß es mir schlecht ging; manchmal tue ich das…

    Um Ihre Frage zu beantworten: ich glaube, daß das eine schlechte Arbeit war. Aber ich habe ein gutes Gefühl bezüglich ihrer ganzen Behandlung. Sie ist nicht geheilt, sie ist nicht gesund, aber sie erreichte ihr Ziel, in eine medizinische Schule aufgenommen zu werden, ihre Beziehung zu ihrem Partner und zu ihren Eltern wurde besser und freier… Man hat das Gefühl eines bewegten Lebens. In anderen Therapien konnte ich mehr Bewegung herstellen, in wenigen – so hoffe ich – gab es weniger Bewegung nach der Therapie. Ich habe dabei die Frage vor Augen: Bewegt sich etwas? Gibt es einen Entwicklungsprozess, der weiter geht, wenigstens in der näheren Zukunft …“

    – Was ist, wenn keine Bewegung entsteht? Sind Sie dann nicht zufrieden?

    „Ich bin zufrieden mit dieser Klientin. Das ist wie mit einer Lungenentzündung. Wenn ein Patient damit zum Arzt kommt, kann der auch nicht garantieren, daß im nächsten Jahr keine neue Krankheit auftritt… Was sehen Sie als erfolgreiche Therapie an, daß sie (die Klienten) nie wieder (in Therapie) kommen? …“

    – Was ist, wenn er oder sie in einer Körperarbeit nicht „in Bewegung“ kommt? Ich will schließlich auch zufrieden sein.

    „Sie können nicht zufrieden sein, solange sie (die Klientin) nicht zufrieden ist. Aber Sie müssen sich das nicht vorwerfen, Sie können das aufarbeiten … Die einzige Möglichkeit damit (mit einem Stillstand) zufrieden zu sein besteht darin, die Klienten dazu zu bringen, daß sie ausdrücken, wie schlecht sie sich fühlen. Ich kann niemanden dazu bringen, sich gut zu fühlen, ich kann nur das verstärken, was da ist… Ich könnte die Klienten zu etwas überreden – aber das wäre Schwindel, wie in dem Buch „1984“. Die Leute tun das, sie verstecken ihren Ärger…“

    Wichtig ist – so Sharaf – der authentische Ausdruck der Gefühle. Unsinnig ist es z.B. den Partner zu fragen „Liebst du mich?“ anstatt zu fragen „Was fühlst du wirklich für mich?“. Damit provoziere man nur ausweichende Antworten; der Grund für dieses Verhalten liege darin, daß alle Angst vor negativen Gefühlen hätten.- Stephens habe gesagt: „Nach dem letzten Nein kommt ein Ja und von diesem Ja hängt die Zukunft der Welt ab.“

    Dann berichtete Sharaf über seine Arbeit für Reich und mit Reich:

    „Reich war ein außerordentlicher Therapeut. Manchmal war er jedoch einfach unmöglich und tat Dinge, die ein Psychologe oder Psychiater sich nie erlauben würde. Er ärgerte sich z.B. über Klienten und zeigte seinen ärger in manchmal primitiver Art; und er war überaus ungeduldig. Wichtig ist aber, das von ihm zu nehmen, was gut ist…

    Heutzutage gibt es viele Therapeuten die mit den Gefühlen arbeiten. Damals in den dreißiger, vierziger Jahren tat das niemand. Und an einer Sache dranzubleiben, während alle anderen sagen: Das ist nicht wichtig, oder sogar kriminell, das ist schon eine außergewöhnliche Leistung. Reich schenkte man sehr wenig Aufmerksamkeit, daher widmete er sich selbst viel Aufmerksamkeit und das machte ihn zu einem schwierigen Menschen…“

    Reich habe (in der Arbeit mit Sharaf) großen Wert auf Authentizität gelegt, ihn immer wieder aufgefordert, nichts vorzuspielen, sich nicht zu ‚bemühen‘. Er (Sharaf) solle einfach nichts tun und sich ständig selbst beobachten. Diese Hinweise und körperlichen Anweisungen („öffne deinen Hals“ usw.) sieht Sharaf jedoch auch kritisch:

    „Ich glaube, daß es wichtig ist zu wissen, woher diese Charakterzüge kommen. Reich widmete in seinen frühen Charakteranalysen diesen Fragen viel Zeit; später interessierte er sich nur noch für den Energiefluss im Körper. Doch weder der Klient noch der Therapeut können genug Verständnis aufbringen, wenn beiden nicht klar ist, woher diese oder jene Abwehrstrategie kommt. Wenn jemand z.B.‘ ‚murmelt‘, ist das irritierend, aber wenn ich weiß, daß dein Vater dich immer schlug, sobald du laut gesprochen hast, kann ich mich als Therapeut einfühlen und mit dir die Varianten von Lautstärke und Angst erforschen. Dann wird der Sinn des Symptoms klar. Reich war jedoch sehr ungeduldig mit den negativen Seiten der Klienten…“

    Sharaf meint, daß Reich (und viele Körpertherapeuten) der individuellen Lebensgeschichte der Klienten zu wenig Aufmerksamkeit widmen. Er formuliert diese Kritik folgendermaßen: „Bei Reich weinte ich, aber ich wusste nicht worüber. In der Psychoanalyse, die ich nach der Behandlung durch Reich begann, wusste ich genau worüber ich weinen sollte, aber ich weinte nicht. Beides zu verbinden ist sehr schwierig, weil man nicht gleichzeitig denken und fühlen kann. Diese Verbindung herzustellen ist aber sehr wichtig.“

    Sharaf griff noch zwei weitere wichtige Begriffe aus der Psychoanalyse auf: den „Wiederholungszwang“ und die „negative Übertragung“. Ersterer diente ihm als Beispiel dafür, daß es (im Alltagsleben) nicht genügt, starke Gefühle wahrzunehmen, denn diese könnten einer neurotischen Konstellation entstammen. So wird die Tochter eines Alkoholikers z.B. dazu neigen, sich in einen Alkoholiker zu verlieben und diese Gefühle als sehr stark empfinden. Der Grund für dieses Phänomen liege darin, daß in der Kindheit Angst und Liebe vermischt wurden, sodaß nun im Erwachsenenleben Liebe ohne Angst kaum empfunden werden könne. Letztlich stelle die Wiederholung der traumatischen Situation einen Versuch dar, eine gescheiterte (Eltern-)Beziehung nun „gut“ zu leben, ein Versuch, der meistens scheitert. Der zweite – traditionell mit der Psychoanalyse verbundene – Begriff, den Sharaf erläuterte, war die „negative Übertragung“. Hier – so Sharaf – habe Reich sorgsam auf kleinste Anzeichen, etwa ein ironisches Lächeln geachtet, auch dieses Verhalten jedoch zu wenig auf die Kindheitsgeschichte zurückgeführt.

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  • Kategorie: 1989
  • Bukumatula 5/1989

    Therapeutische Arbeit aus Energetischer Perspektive

    Über die Arbeit mit der Vergangenheit
    Fortsetzung von Bukumatila 1/89
    Will Davis
    Übersetzung aus dem Amerikanischen: Brigitte Notyak, Sylvia Amsz, Wolfram Ratz
    :

    EINLEITUNG

    Dies ist der zweite von zwei Aufsätzen über die therapeutische Arbeit aus energetischer Perspektive nach Wilhelm Reich. Beide Aufsätze sollen die Unterscheidung zwischen dem psychologischen Standpunkt und der orgonomisch-funktionellen Perspektive deutlich machen.

    Mein erster Artikel, „Deutung, Bedeutung und Ausdruck“, schilderte das Reichsche Verständnis vom „natürlichen Funktionieren“ und verglich es mit dem psychologischen Ansatz, der Deutung und Interpretation braucht, um menschliches Verhalten verstehen zu können.

    In diesem Artikel untersuche ich nun vom funktionellen Standpunkt aus, wie wichtig Material aus der persönlichen Vergangenheit des Patienten für einen erfolgreichen Therapieverlauf ist.

    Ich werde als Gegenposition zu meiner eigenen Einstellung die Argumente des langjährigen Reich-Mitarbeiters, Dr. Myron Sharaf, darstellen. Sharaf plädiert dafür, das ätiologische, krankheitsverursachende Material, die nicht bewusst verarbeiteten Kindheitserlebnisse -kontinuierlich zu bearbeiten. Er führt mehrere Gründe dafür an, warum Reich dieses Material „vernachlässigt“ habe.

    Ich werde versuchen aufzuzeigen, daß Sharafs Argumente und Beispiele nicht wirklich beweisen, daß man das Material unbedingt aus der persönlichen Geschichte heraus erklären muss. Und ich werde darzulegen versuchen, daß Reich das ätiologische Material keineswegs „vernachlässigte“, sondern daß bei Reich der persönlichen Geschichte des Patienten ein anderer Stellenwert zukommen musste, weil er ja eine Neuordnung der therapeutischen Techniken vornahm.

    I. DIE BETONUNG DER AFFEKTE ALS
    ABGRENZUNGSMERKMAL DER ORGONTHERAPIE

    Myron Sharaf behauptet in einem Artikel des „JOURNAL OF ORGONOMY“ (in den USA publizierte Fachzeitschrift; nachfolgend mit J.O. abgekürzt) vom November 1986, daß „Reich in seinen späteren Jahren weniger Nachdruck auf das therapeutische Aufrufen von Inhalten und Erinnerungen legte und die Wichtigkeit der direkten Beschäftigung mit -instinktiven Energien“ betonte.“ (1)

    Sharaf zitiert Reich aus dem Jahr 1949:

    „Orgontherapie greift nicht auf Erinnerungen zurück, sondern auf die momentan vorhandenen Verankerungen früherer Erlebnisse; sie arbeitet daher mit ganz aktuellen Wirklichkeiten und nicht mit den Schatten vergangener Erinnerungen. Aus diesem Prozess der emotionalen Umwälzung kann sich unter Umständen eine Erinnerung entwickeln. Es ist jedoch nicht von therapeutischer Bedeutung, ob eine Erinnerung auftaucht oder nicht.“ (J.0., 1986)

    Sharaf vertritt in dem Artikel die Ansicht, daß Orgonomie die Erforschung der in der Vergangenheit liegenden Krankheitsursachen brauche und schließt daraus, daß die Einbeziehung der Vergangenheit und der Erinnerungen wesentliche therapeutische Werkzeuge seien.

    Er meint, Reich habe Vorstellungen und Erfahrungen zugunsten von „Affekten“ vernachlässigt. Brauchbare frühere Erkenntnisse (über den Umgang der Psychoanalytiker mit der persönlichen Vergangenheit des Patienten) habe Reich über Bord geworfen, zugunsten von Erkenntnissen, die zu seinem System passten Sharaf fragt: „Wie ist es dazu gekommen, daß die ursprüngliche Verbindung von Affekt und Vorstellung abgebrochen wurde, daß Freud unbewusste Gedanken betonte und die Affekte vernachlässigte, und daß Reich die Affekte so betonte und – in seinen späteren Jahren – die Gedanken und Erfahrungen vernachlässigte?“

    In der nachfolgenden Antwort bietet Sharaf verschiedene Thesen an, warum und wie Reich dazu kam, Vorstellungen und Erfahrungen zu vernachlässigen.

    Sharaf behauptet, daß jedes neue System, das aus einem etablierten System hervorgegangen ist, – wie etwa die Orgonomie aus der Psychoanalyse – eine „pubertäre“ Wachstumsphase durchmachen muss, um sich vom „Elternsystem“ trennen zu können, nachdem es sich vorher eine Zeitlang darauf berufen hat, in enger Beziehung zum Ursprünglichen zu stehen. Um seine Arbeit weiterentwickeln zu können, musste Reich sie also als etwas Getrenntes, Eigenständiges etablieren; dazu brauchte er eine eindeutig andersartige Arbeitsweise. Sharaf meint also, Reich habe – bewusst oder unbewusst – die Affekte und das Energetische zuungunsten des ätiologischen Aspektes besonders betont, um seine Loslösung von der Psychoanalyse zu proklamieren.

    Die Theorie Sharafs, daß sich neue Systeme nur durchsetzen, wenn sie sich klar genug vom Ursprung abgrenzen, stellt für mich kein Problem dar – aber diese Theorie erklärt nicht, wieso es gerade der Aspekt der Affekte gewesen sein soll, der Reichs Arbeitsweise von der herkömmlichen unterschied. Denn in Wirklichkeit stand die Psychoanalyse, als Reich sich von ihr „abnabelte“ mit einem Fuß immer noch im biologisch-energetischen Bereich: Die Libidotheorie war noch nicht in Misskredit gebracht worden. Das Konzept, unterdrückten Affekten Beachtung zu schenken, war noch frisch im Gedächtnis. Eigentlich hat Reich also, indem er weiterhin den Affekt und dadurch das Energetische betonte, nur eine „traditionelle“ Vorgangsweise beibehalten und sicherlich kein Neuland erschlossen. In einem früheren Artikel (J.0., Mai 1979) hat Sharaf auch selbst geschrieben, daß Reichs Nachdruck auf stark emotionellen Erfahrungen im Einklang mit einem frühen Konzept Freuds stand, auch wenn dies später in den psychoanalytischen „Abfalleimer“ verbannt wurde.

    Und Sharaf führt dort weiter aus, es sei interessant, daß Reich, obwohl er das frühe Konzept Freuds beibehalten hat, „… auch Freuds Betonung der Analyse der Widerstände gegen das Hochkommen von infantilen Erinnerungen und Gefühlen beibehalten hat. Er versuchte nicht, die Abwehr zu umgehen (…) und Reich hat angesichts vielfältiger Kritik verschiedenster Psychoanalytiker unbeirrt den Standpunkt vertreten, daß seine eigenen Beiträge lediglich eine konsequente Anwendung und Fortsetzung der Konzepte Freuds waren. (…) Später hat Reich dann behauptet – und meines Erachtens ist diese Behauptung auch gerechtfertigt – daß seine Arbeitsweise schon von Anfang an einige radikale Unterschiede zu denen Freuds aufwies. (J.0.,1, 1979, kursiv vom Verfasser).“

    Diese Zitate Sharafs widerlegen seine eigene These, daß Reich gerade den Aspekt der Affekte als entscheidendes Moment der Abweichung gewählt hat. Nach den oben erwähnten Bemerkungen Reichs wäre die Betonung des Affekts als ein Versuch zu werten, den „Status quo“ aufrecht zu erhalten. Obwohl Reich in den fünfziger Jahren behauptete, daß er in den frühen dreißiger Jahren die Psychoanalyse „verlassen“ habe, betonte er doch gleichzeitig, daß gerade der Energie/Affekt-Aspekt genau der Punkt sei, wo er Freud und dessen Arbeit nie preisgegeben habe.

    Bis zu seinem Tod hielt er an der Behauptung fest, daß die Wurzeln seiner Arbeitsweise die stetigen Forschungen über die biologischen Grundlagen gewesen wären, wie sie auch die frühe Psychoanalyse postuliert habe, und dies habe auch zur Entdeckung der „Orgonenergie“ geführt.

    Ich meine, wenn Reich sich von seinem „Vater“ hätte trennen wollen, hätte es viel eindeutiger unterscheidende Aspekte seiner Arbeit gegeben, die zweckmäßiger zur Abgrenzung gedient hätten, als die Frage von Affekten und persönlicher Vergangenheit.

    In seinem Buch „FURY ON EARTH“ führt Sharaf aus, daß Reich bereits in den dreißiger Jahren zwei der größten psychoanalytischen Tabus zu brechen begann: Ein Berühren des Patienten (was gegen das Prinzip der analytischen Enthaltsamkeit verstößt) und, den Patienten unbekleidet zu sehen. Freud hatte sich sehr bemüht, Verfahrensweisen der Psychoanalyse streng von Behandlungsweisen der Medizin, wo es üblich war, daß Patienten sich auszogen und berührt wurden, zu trennen. Die Analytiker schreckten vor unprofessionellem Verhalten zurück, das im Zusammenhang mit Sexualität hätte entstehen können, wenn Patienten in halbnacktem Zustand berührt werden sollten. „Den Patienten zu berühren und ihn nackt oder halbnackt zu sehen, sind nach wie vor zwei der umstrittensten Aspekte der Reichschen Körperarbeit, besonders in etablierten Kreisen.“ (Fury on Earth, pp. 234-6).

    Des weiteren weist ‘Sharaf darauf hin, daß im selben Zeitraum die Atmung eine zentrale Stellung in der Reichschen Arbeit einzunehmen begann. Jedes dieser drei Elemente: Berührung, Unbekleidet-Sein und Atmung, hätte besser davon überzeugen können, daß sich ein neuer und eigenständiger Stil entwickelte.

    II. DIE VERNACHLÄSSIGUNG DER PERSÖNLICHEN GESCHICHTE DER PATIENTEN AUS PERSÖNLICHER INVOLVIERTHEIT REICHS?

    Im gleichen Artikel (J.0. 1,1979) behandelt Sharaf die Frage, ob Reich zugunsten der Affekte die persönliche Vergangenheit der Patienten vernachlässigte, von einer anderen Perspektive aus. In Sharafs Arbeiten über Reich geht es immer wieder um ein charakterologisches Herangehen an Reich. Von diesem Ansatz ausgehend, fragt Sharaf, weshalb Reich nicht sehr an frühen Kindheitserfahrungen interessiert war. Und er kommt zu der Begründung, Reich selbst habe seine eigene frühe Geschichte nicht durchgearbeitet, und dies habe seine Fähigkeit unterbunden, deren Wert im therapeutischen Prozess zu erkennen und als Therapeut damit arbeiten zu können. (2)

    „Mit der Betonung der Widerstandsarbeit wurde von Reich zum Beispiel in gewisser Weise heruntergespielt, wie wichtig das Durcharbeiten der Inhalte infantiler Erfahrungen ist. Genauer gesagt meinte Reich, daß nur die beständige Analyse von Widerständen frühe Erinnerungen in ihrer vollen Intensität hervorrufen könne. Aber, er war irgendwie ungeduldig – und wurde es mit den Jahren immer mehr – beim langsamen Durcharbeiten von Kindheitserlebnissen, dem wiederholten Rückblick auf infantile Erfahrungen und Fantasien und auf die Familienkonstellation, in der sie sich ereigneten. (…) Meine Hypothese dazu ist, daß diese bestimmte Schwäche zum Teil damit zu tun hat, daß Reich Probleme hatte, die Einzelheiten seiner eigenen Kindheitstraumata durchzuarbeiten.“ (J.O. 1,1979)

    Sharafs Ansichten über die Wichtigkeit des Durcharbeitens der eigenen, persönlichen Geschichte, decken sich mit der allgemeinen Vorstellung, daß dieses Durcharbeiten eine grundlegende Voraussetzung für jeden angehenden Therapeuten in einem guten Ausbildungsprogramm sei.

    Wenn er nun meint, Reich habe diese Grundvoraussetzung unzureichend erfüllt, dann ergibt sich aber eine andere Schwierigkeit in seiner. Argumentationslinien: Im selben Aufsatz behauptet er nämlich, daß Reich besonders erfahren gewesen sei im Ausfindigmachen latenter negativer Übertragungen, und begründete das damit, daß „in Reichs Leben mehr oder weniger versteckte negative Gefühle eine derart entscheidende Rolle gespielt haben…“ (J.O. 1,1979)

    Sollte also diese einzigartige und nützliche Fähigkeit, latente negative Erfahrungen aufzudecken, in vorerwähnten „unbearbeiteten Kindheitserlebnissen“ wurzeln, von denen Sharaf behauptet, sie hätten Reich so geschadet, daß er ihretwegen frühe Kindheitserlebnisse bei seinen Patienten vernachlässigte?

    Wenn man seine Argumente ernst nimmt, dann behauptet Sharaf einerseits, daß Reich die Wichtigkeit der frühen Kindheitserlebnisse abwehren musste, weil er selber sich nicht durch sie durchgearbeitet habe. Andererseits solle dasselbe „unbearbeitete“ Material aus der Kindheit der Grund dafür gewesen sein, daß Reich ein einzigartiges Talent zum Auffinden und Bearbeiten genau jenes symptomatischen Verhaltens hatte, das sich aus verdrängten Kindheitserlebnissen ergibt, nämlich die latenten negativen Übertragungen. (Und Reich „… blieb mit Nachdruck beim Analysieren von Widerständen, bis Erinnerungen und Gefühle aus der Kindheit auftauchten“ heißt es bei Sharaf).

    Es ist schwer verständlich, daß aus unbearbeitetem Material einerseits ein großer Nachteil in der Arbeit mit Patienten entstehen sollte, während andererseits dasselbe unbearbeitete Material – seine Kindheit – Reich einen Vorteil in der Behandlung der Übertragungen sichern sollte.

    Gewiss, ein Charakterzug kann gleichzeitig zum Vorteil oder zum Nachteil gereichen. Reich führt ja auch aus, daß Schizophrene, weil sie in direkterem Kontakt mit energetischen Strömungen sind, sich selbst und anderen gegenüber unglaublich wahrnehmungsfähig sein können, obwohl sie durch diese schwächende Krankheit viele Probleme haben.

    Aber was zu einem besseren Verständnis für Sharafs Argumente fehlt, ist eine Erklärung dafür, wie er zu seinen Schlüssen kam. Denn sonst sehen seine „Schlüsse“ aus wie will-kürliche Behauptungen. Denn aus den gleichen Informationen, wie er sie uns liefert, könnten ja auch ganz andere Schlüsse gezogen werden:

    Zum Beispiel:

    daß gerade Reichs frühkindliche Erfahrungen ihn befähigt haben, latente Übertragungen überaus klar zu erkennen, weil sie eine so große Rolle in seinem Leben gespielt haben;

    oder: daß er sehen konnte, daß undurchgearbeitete Kindheitserfahrungen, die sich als Widerstand und Übertragung äußerten, wichtig waren, und daß er einen neuen Weg ausfindig machte, zu arbeiten, ohne sie zu vermeiden;

    oder: gerade weil Reichs eigene Vergangenheit unbearbeitet blieb, war es Reich möglich, eine wirksame Technik Widerständen gegenüber zu entwickeln, die das wiederholte Zurückführen in die Vergangenheit nicht mehr erforderte;

    oder: Reich war diese Herangehensweise weder zu langweilig noch vermied er sie, weil er unfähig war, damit zu arbeiten, sondern er hatte eine neue und effektivere Technik entwickelt.

    All diese Behauptungen könnte man also aufgrund des vorliegenden Materials genauso gut aufstellen. Sharafs Position kann natürlich auch richtig sein, aber es fehlt an einer überzeugenden Begründung, wie und warum die Reichsche Arbeit sich in dieser Weise entwickelt hat.

    WARUM IST ÄTIOLOGIE SO WICHTIG?

    Sharaf begründet dann, warum Ätiologie seiner Meinung nach so wichtig für gute orgonomische Arbeit ist. Er streicht heraus, daß sie dem Therapeuten die Möglichkeit biete, Techniken anzuwenden, die er sonst nicht anzuwenden wüsste. Ich glaube, daß das stimmt, aber meiner Meinung nach wäre es effektiver, die Ätiologie unter funktionalen Gesichtspunkten zu bewerten als unter allen Umständen nach einer psychologischen Bewertung zu suchen. Die nächsten beiden Begründungen Sharafs stehen in engem Zusammenhang miteinander. Zuerst meint er, daß das Durcharbeiten des historischen Materials wertvoll sein kann, weil der Patient klarer erkennen kann, daß seine Symptome und seine Abwehr nicht urplötzlich aus dem Nichts herkommen, sondern daß sie eine Geschichte haben und aus guten Gründen bestehen. Dies helfe, das Schuldgefühl und das Gefühl der „Schlechtigkeit“ zu vermindern, das der Patient wegen seiner Abwehr und seiner Charakterfehler habe.

    Als zweiten Grund führt Sharaf an, daß das charakterliche Abwehrverhalten eines Patienten manchmal für den Therapeuten recht unangenehm sein kann; das Wissen um die Ätiologie helfe dem Therapeuten, sich mit diesem Verhalten auszusöhnen, weil es in seinen Augen berechtigt ist.

    Nach Sharaf zieht der Therapeut also denselben Nutzen aus der Kenntnis der Ätiologie wie der Patient, weil beide dadurch wissen, daß unliebsames Verhalten nicht grundlos auftritt, und weil Therapeut und Patient verstehen, daß es gute Gründe für das Verhalten des Patienten gibt.

    Aber wenn man vom Reichschen Verständnis ausgeht, daß jeder auf seine Art recht hat, oder vom ähnlichem Konzept Carl Rogers „von der bedingungslosen positiven Wertschätzung“, dann wäre es möglich, diese unangenehmen Verhaltensweisen zu akzeptieren, ohne sich davon abgestoßen zu fühlen, auch wenn man ihre Ursprünge in der Kindheit nicht kennt.

    Wie Reich ausgeführt hat, und wie Rogers auch ohne Begründung zu akzeptieren bereit ist, hat das Verhalten eines Patienten immer „gute Gründe“. Es ist irrelevant, ob wir diese Gründe verstehen oder nicht, und Rogers führt aus, daß man diese Verhaltensweisen nicht mögen muß, um sie verstehen zu können.

    Manchmal kann das Eingehen auf die Vergangenheit mehr Probleme aufwerfen als lösen. Was dann, wenn ein Patient nicht genug „furchtbare Schmerzen“ (um Sharafs Ausdrucksweise zu verwenden) in seiner oder ihrer Vergangenheit erlitten hat, um das Verhalten in den Augen des Therapeuten zu rechtfertigen? Das Ergebnis wäre, daß „unangenehmes, wenn nicht widerwärtiges“ Verhalten erst recht zu einem Problem für den Therapeuten würde. Was dann?

    Ich hatte eine Patientin, bei der die persönliche Geschichte, die sie vorbrachte, nach meiner Einschätzung ihr Verhalten nicht rechtfertigte. Ich hatte keinen anderen Ansatzpunkt, als zu glauben, daß ihre Verhaltensweisen (die ich nicht mochte) einen guten Grund hatten, den zu diesem Zeitpunkt aber weder sie noch ich verstanden. In diesem Fall stellte sich heraus, daß sie sich unbewusst selbst falsch darstellte, um Verhaltensweisen zu rechtfertigen, die sie zu haben meinte, während sie in Wirklichkeit ihre tatsächlichen Verhaltensweisen nicht erkennen konnte, weil sie diese vor sich selbst und anderen nicht entschuldigen konnte.

    So war ihre Darstellung ihrer persönlichen Geschichte weniger unvollständig, als vielmehr entstellt und übertrieben, um ihrer eigenen neurotischen Sicht von sich selbst zu entsprechen. Sie war nicht oral-abhängig, sondern passiv-aggressiv. Das von ihr vorgebrachte historische Material war in jeder Hinsicht unangemessen. Wenn ich nicht verstanden hätte, daß diese Verhaltensweisen nicht ohne Grund bestanden, wäre es sehr schwierig für mich gewesen, ein gutes Arbeitsverhältnis zu dieser Frau aufrechtzuerhalten. Meine Kenntnis ihrer persönlichen Geschichte half mir nicht im therapeutischen Prozess, vielmehr irritierte sie mich.

    Sharaf präsentiert dann eine Fallstudie aus seiner Praxis, in der er Beispiele zeigt, wie der Gebrauch der Technik auf dem Wissen um die Geschichte des Patienten beruht. Ich werde diese Fallbeschreibung hier wiederholen und anschließend Sharafs Vorstellungen erläutern, wieso in dieser Arbeit die ätiologische Information für die Arbeit essentiell war. Indem ich jedes seiner Beispiele bespreche, möchte ich zeigen, daß zwar die Techniken effektiv waren, daß aber für diese Effizienz das historische Material keine Bedeutung hatte; ich will also zeigen, daß das, was getan wurde, auch ohne dieses Material hätte getan werden können, wenn Sharaf lediglich von einem funktional-energetischen Verständnis aus gearbeitet hätte.

    III. FALLSTUDIE UND DISKUSSION

    Jack, ein dreißigjähriger Mann, hatte eine auffallend starke Blockierung des Halssegmentes, was sich in einer sehr kontrollierten und langsamen Sprache ausdrückte. Er sprach bis zu seinem vierten Lebensjahr nicht, „möglicherweise, weil er sich von der schnellen, kontrollierenden und kritisierenden Sprechart seiner Mutter überfahren fühlte“. Er identifizierte sich mit den kontrollierenden Aspekten seiner Mutter, aber anstatt ihren raschen, dominierenden Redestil zu übernehmen, gebrauchte er eine verlangsamte Sprache, um auf diese Weise auf sich aufmerksam zu machen.

    Während der Sitzung wurde Sharaf von Jack, der immer unruhiger wurde, während er zu ihm sprach, wiederholt aufgefordert, langsamer zu sprechen, weil er das Gesagte nicht so schnell aufnehmen konnte. Um eine Verbindung zwischen Jacks Reaktion und seiner Beziehung zur Mutter herstellen zu können, wiederholte Sharaf – mit Zustimmung Jacks – die gleiche Konversation; er sprach aber dieses Mal noch schneller und ganz nahe an Jacks Ohr. Jack begann dann „…zu schreien und zu schluchzen sein Hals war nun geöffnet, seine Stimme war stärker und klarer, seine Atmung voller“» In seiner Vorliebe für ätiologisches Material nimmt Sharaf diesen Fall als Begründung für seine Argumentation. Er arbeitet fünf Punkte heraus, die seine Position stützen sollen:

    „Es sind hier einige Punkte wichtig für meine Behauptung über die Rolle der Vergangenheit des Patienten in der orgonomischen Behandlung. Zuallererst half mir dieses Wissen, die Vorwürfe des Patienten, daß ich zu schnell redete, zu verstehen. Sein Unmut, das möchte ich hinzufügen, war nicht nur Ausdruck von negativer Übertragung, sondern war tatsächlich auch eine realistische Kritik meines Sprechstils. (Sowohl realistische als auch Übertragungselemente sind in solchen Kritiken oft enthalten und beide müssen sowohl vom Therapeuten als auch vom Patienten erkannt werden.) (J.0., 1986)

    Welchen Vorteil hatte Sharaf dadurch, daß er selber Bescheid wusste über sein zu schnelles Sprechen, das vom Patienten abgelehnt wurde?

    Bestenfalls schien es zu bewirken, daß der Therapeut sich besser fühlen konnte, sodaß es zu keiner „Gegenübertragung“ kam. Aber – wie schon vorher erwähnt – kann das leicht vermieden werden durch das Wissen, daß alle Verhaltensweisen aus einem „guten Grund“ bestehen, und es ist daher nicht notwendig zu wissen, „warum“ es sie gibt, um mit ihnen arbeiten zu können. Über die Möglichkeit mit einer anderen Technik an das historische Material heranzukommen, wird später diskutiert.

    „Zweitens: Ich konnte mit dem Wissen über seine Vergangenheit meinen Fehler des Schnellsprechens verwenden, um einen energetisch-emotionalen Ausdruck zu provozieren“. (J.0., 1986).

    Wieder geht es mir nicht darum, über Sharafs Technik oder deren Effizienz zu disputieren, sondern ich möchte aufzeigen, daß hier das Wissen um die Vergangenheit irrelevant war. Jack war aufgeregt, bevor Sharaf gemerkt hatte, daß sein eigenes schnelles Sprechen einen Bezug zu Jacks Mutter hatte. Es geht mir nicht um diesen Bezug an sich, sondern darum, daß die Herstellung dieses Bezuges nicht notwendig gewesen wäre, wenn Sharaf einen funktionellen und nicht einen psychologischen Ansatz gewählt hätte. Mit einem funktionellen Ansatz ist es möglich, direkt mit der auftauchenden „Aufgeregtheit“ zu arbeiten; das scheint mir besser, als erst langwierig zu erforschen, was vor sich geht, indem man es in einen psychologischen Rahmen stellt, und dann sowieso nur das zu tun, was man auch tun kann, ohne den Vorgang vorher zu psychologisieren!

    Wenn man ein psychologisches Modell verwendet, müsste man folgern: „Ich sehe, da ereignet sich etwas. Ich glaube, das ist Übertragungsmaterial von Jacks Verhältnis zu seiner Mutter und zusätzlich reales Material, weil ich wirklich zu schnell spreche. Jetzt möchte ich etwas tun, das ihn noch mehr an seine Mutter erinnert. Das wird seine Erregung steigern oder bei ihm nur dieselbe Gereiztheit hervorrufen, die ich bei anderen Leuten erwecke, wenn ich zu schnell spreche, egal, wie die Mütter dieser Personen sprechen.“

    Sharaf erkannte die größer werdende Erregung. Aber er konnte nicht damit arbeiten, bevor er sie nicht in einen psychologischen Rahmen gebracht hatte, so daß er verstehen konnte, daß es mit Jacks historischem Material zusammenhing, und erst dann konnte er eine angemessene Intervention setzen.

    Mit einem funktionellen Ansatz kann der Therapeut die aufkommende Aufgeregtheit sehr leicht erkennen, und wenn er den Patienten provozieren will, würde er fortsetzen, was er gerade tat, denn das war es offensichtlich, was zu der starken Erregtheit führte, oder er könnte es steigern, um sogar noch stärker zu provozieren.

    Es ist also auch ohne Ätiologie möglich in die Tiefe zu gehen. So sagt das, meiner Meinung nach, auch Reich, wenn er schreibt:

    „Immer wieder ist es beeindruckend zu beobachten, wie die Auflösung der Muskelpanzerung nicht nur vegetative Energie befreit, sondern auch dazu führt, Erinnerungen an Kindheitserlebnisse, in denen Repressionen stattfanden, hervorzurufen. (Function of the Orgasm, p. 267). Weiters: „Diese Tatsache, die ebenso wichtig wie typisch ist, kann gar nicht deutlich genug hervorgehoben werden: In diesem Fall ist es nicht eine Sache der Erinnerung, die unter günstigen Umständen ‚einen Effekt hervorruft, sondern gerade das Gegenteil: Die Konzentration einer vegetativen Erregung und deren Durchbruch reproduziert die Erinnerung.“(ibid.p. 280)

    Es ist dieses Verständnis von den Funktionen des Menschen, welches die Arbeit Reichs von der Psychologie und deren Abhängigkeit von der Ätiologie unterscheidet. Reichs „spätere Arbeitshypothesen“ (wie die eingangs angeführte Entgegnung es nennt) basieren auf seiner Erkenntnis darüber, wie sich energetische Strukturen verhalten. Dieses Wissen über energetische Strukturen gibt ein tieferes Verständnis davon, worauf psychologische Komponenten beruhen, und als Ergebnis hat Reich den Einsatz historischen Materials in der Therapie nicht verleugnet, sondern seine Bedeutung lediglich neu geordnet.

    ‚Drittens: Sharaf führt an, daß die Sitzung erfolgreich war, weil sich zwischen Jack und ihm Vertrauen entwickelte. Er führt es darauf zurück, daß sie das Wissen um die Geschichte des Patienten teilten. Das habe dazu geführt, daß Jack es zulassen konnte, Emotionen zu zeigen.

    Dies ist unzweifelhaft richtig, aber wieder gibt es viele andere Wege, als den über historisches Material, um Vertrauen herzustellen. In diesem Argument geht es eigentlich um Vertrauen, nicht darum, ob es wichtig ist, daß historisches Material dem Therapeuten zur Verfügung steht. Im vorliegenden Beispiel ist das historische Material ein sekundärer Aspekt der Vertrauensfrage. Tatsächlich teilen die meisten Patienten ihre Vergangenheit – was sie wirklich berührt – nicht mit jemand anderem, bevor nicht Vertrauen hergestellt ist; und umgekehrt: Je mehr Vertrauen sich entwickelt, umso persönlicher und tiefer werden die Enthüllungen aus der persönlichen Geschichte. Daß man die Vergangenheit als Technik zur Vertrauensbildung heranzieht, ist eine persönliche Wahl des Therapeuten und funktioniert, wie Sharaf aufzeigt. Das bedeutet aber keinesfalls, daß ohne ein Heranziehen der Geschichte nichts laufe. (Reich meinte, es sei möglich, tiefgehend zu arbeiten, ohne von vornherein die Ätiologie heranzuziehen«) Es ist wichtig, hier zu unterscheiden zwischen der Notwendigkeit, Vertrauen herzustellen – als essentieller Teil eines erfolgreichen therapeutischen Verhältnisses -und der Technik, die eingesetzt wird, um Vertrauen zu fördern: Das Aufnehmen der Geschichte, das Wiederholen bestimmter Sätze, physische Übungen, etc.

    Vertrauen ist zweifellos wichtig, aber bisher habe ich noch kein Argument dafür erhalten, daß das Aufnehmen der Geschichte wichtig ist.

    Viertens: Sharaf behauptet, es sei notwendig, erkennbare Übertragungsphänomene durchzuarbeiten, bevor man in der Therapie weitergehe. Es wäre etwa wichtig zu wissen, daß jemand, der für Erbrechen bestraft wurde, nicht ermuntert werden sollte, sich mundtot zu stellen oder, daß ein Mann, dessen Vater das Weinen seines Sohnes als Zeichen von Nachgiebigkeit sah, nicht ermutigt werden sollte, zu schluchzen, bis dies geklärt ist.

    Nochmals: Ich möchte die Wirksamkeit dieses therapeutischen Prinzipes nicht bestreiten. Aber Reich besteht darauf, daß Erinnerungen und Assoziationen als Ergebnis des hochkommenden energetischen Prozesses erlebt werden und nicht umgekehrt. Wenn jemand mit den auftauchenden energetischen Prozessen arbeitet, zum Beispiel mit Jacks Erregung, und wenn es der Situation entspricht – Sharafs zu schnelles Sprechen war dasselbe wie Jacks kontrollierende Mutter – dann werden die bedeutungsvollen Verbindungen zur Vergangenheit als Resultat der energetischen Arbeit hergestellt. Und dann ist es wichtig, das auch durchzuarbeiten, weil es sonst zu einem „Stolperstein“ im therapeutischen Prozess werden kann. Die früheren Erlebnisse können dann auf der Übertragungsebene bearbeitet werden, aber auf einer bewussten Ebene, auf der der „erwachsene“ Patient auch teilhaben kann. Somit bestimmt die Arbeit ihren Fortgang zum großen Teil selbst. Was bearbeitet werden soll, wird in angemessener Weise auftauchen und wird sich als signifikant erweisen, wenn es signifikant ist. Es ist nicht notwendig, sich durch das ganze frühe Material durchzuarbeiten. Ein funktioneller Ansatz wird einem die Möglichkeit geben, zu bestimmen, was wesentlich ist. Wenn man die Charakterarbeit mit einem funktionellen Ansatz angeht, kann man sehr schnell die immer wieder auftauchenden Verhaltensmuster erkennen; das ist ja Charakter: Muster, die sich wiederholen. Beim funktionellen Ansatz arbeitet man mit einem Muster und nicht mit jedem Vorfall im Leben der Person, wo sich dieses Muster manifestiert. Es ist nicht nötig, alles, jede Erfahrung, durchzuarbeiten, wenn ein Muster existiert. Es genügt, auf funktionelle Weise mit den „Mustern“ zu arbeiten. Ich vermute, das ist ein Grund, warum Reich es nicht für notwendig hielt, das gesamte Material aufzuarbeiten.

    Fortsetzung in „BUKUMATULA“ 6/89

    ANHANG:

    Dieses Zitat entstammt der „Entgegnung“ des Herausgebers, die dem Artikel vorausgestellt ist. Der Herausgeber will klarstellen, daß das College of Orgonomy „… festhält an dem dualen Ansatz von charakterologischer und somatischer Arbeit mit beachtlichem Nachdruck sowohl auf Übertragungsphänomene als auch auf Inhalt, Erinnerungen und Träume“. Trotzdem anerkennen sie, daß der von Sharaf bezogene Standpunkt eine „… späte theoretische Arbeitshypothese Reichs war“.

    Der charakterologische Ansatz, den Sharaf benutzt, behindert ihn den ganzen Artikel hindurch. Indem er versucht, die gegenseitige Verflochtenheit des „Menschen“ Reich mit dem „Therapeuten“ Reich darzustellen, verliert er an Klarheit. Später, im gleichen Jahr, (J.0.13; 2,1979) warnt er in einem Artikel vor „(…) psychoanalytischem Reduktionismus: Zuerst wird postuliert, die Arbeit eines Menschen leide an einem Mangel oder an einer Überbetonung, und dann -erklärt‘ man die angeblichen Fehler mit einem Persönlichkeitskonflikt. Diese Argumentationsmethode ist schändlich. Sie setzt die Annahme der ursprünglichen, ungestützten Prämisse voraus (…) es bleibt unerklärt, wieso andere, die an ähnlichen Kindheitserlebnissen gelitten haben, nicht das gleiche daraus machten wie Reich“.

    Später in diesem Artikel zeigt Sharaf auf, daß eine weitere Unzulänglichkeit dieser Vorgehensweise darin besteht, daß sie die „Großartigkeit“ dieses Mannes vernachlässigt. In weiterer Folge bespricht er dann aber Reich in gleichbleibend psychoanalytisch reduktionistischer Art, wobei seine Argumentation im 1986 erschienenen Artikel ebenfalls, wie er es anderen vorwirft, auf „einem postulierten Fehler bzw. auf einer Überbetonung“ beruht.

    Diese Methode lenkt von der Frage ab: ist der beständige Rückblick auf historisches Material für eine gute orgonomische Arbeit wirklich unerlässlich? Und hat Reich tatsächlich neue und effektivere Techniken entwickelt?

    Aus Sharafs Biographie über Wilhelm Reich wissen wir, daß Sharaf mit Reich als Therapeut unzufrieden und verärgert war, weil er es ablehnte, seine persönliche Geschichte durchzuarbeiten. Sollen wir deshalb Sharafs ganze Argumentation „psychoanalytisch reduzieren“, indem wir sie einfach „als Fehler postulieren“ und dann erklären, daß seine eigene persönliche Unzufriedenheit mit Reichs Verweigerung der Grund dafür war, weshalb er dieses Argument überhaupt in seinem Artikel aufwarf? Oder sollen wir eher so fragen, ‚wie Sharaf es vorschlägt: „Wieso kommt es, daß andere, die sich mit Reich durch dieselbe Arbeitsmethode quälten, nicht dasselbe daraus gemacht haben, wie Sharaf?“

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  • Kategorie: 1989
  • Bukumatula 6/1989

    Gute Nacht, Heilige Nacht

    Klaus Perell:


    „GUTE NACHT, HEILIGE NACHT“

    Eine kurz-launische Buchbesprechung

    … was für eine Gelegenheit, in schimmernden Kaufhäusern Krücken zu kaufen, die von Arbeitskrüppeln für Konsumkrüppel produziert wurden …

    „Die Geschichte Jesu Christi hat die Menschheit tief berührt und zu Tränen, Jammer und großer Kunst bewegt. – Vergeblich suchen die Menschen die Schönheit Gottes in ihren erstarrten Körpern, und sie können nicht aufhören seine Existenz in sich und außerhalb zu fühlen. Die Menschen scheinen jedes echte, volle Lebensgefühl verloren zu haben. Geblieben ist eine tiefe Sehnsucht nach Lebensglück und die Erinnerung an ein glückliches, längst vergangenes Leben. Aber Sehnsucht und Erinnerung können im Leben nicht wirklich gelebt werden. Aus solcher Einengung heraus ist Hass gegen das Leben entstanden. Christus verkörpert das ‚Prinzip des Lebens an sich“. Die Massen lieben Jesus. In Wirklichkeit ist diese Liebe ein Hunger nach Liebe.“ (Wilhelm Reich).

    Ein Buch, das Wilhelm Reich besonders wichtig war, erschien 1953: „Der Christusmord“. Es ist einerseits das am leichtesten missverstehende und andererseits das von Anhängern und Gegnern am meisten vernachlässigte Werk. Der Reich-Biograph David Boadella schreibt darüber: „Jesus Christus wurde für Reich zur sinnfälligen Symbolgestalt, zum Inbegriff einer warmherzigen, liebenden, frei handelnden und ungepanzerten Person, die in Kontakt stand mit ihren eigenen Gefühlen und mit dem Kosmos, Inbegriff eines sensiblen Menschen mit natürlicher Heilkraft und der Botschaft der Brüderlichkeit Wenn Christus das Prinzip der Spontaneität und Aufrichtigkeit repräsentiert, wenn er für das Leben stand wie es war, ehe es blockiert und gegen sich selbst gewandt wurde, dann trägt jedes Kind ein Christus-Prinzip in sich, gegen das sich alle Erziehungsmethoden zu systematischem Angriff verschwören, um das emotionale Leben des Kindes zu schädigen. In diesem Sinn muss jedes Kind, das sich dem grausamen Diktat der kulturellen Erfordernisse anzupassen lernt, einen inneren Tod erleiden. Charakterliche und muskuläre Panzerung sind lediglich die nach außen hin sichtbaren Zeichen für diesen erlittenen Tod. In diesem Sinn wird jedes Kind, das durch einen solchen repressiven Prozess hindurchgeht, symbolisch ‚gekreuzigt'“.

    Weihnachten ist das Fest des verlorenen Gotteskindes in uns. Christus ist das Kind, das in seinem Bettchen alleine gelassen wird und nicht weiß, warum vieles so schrecklich schmerzhaft ist und sich langsam in das Dasein eines lebenden Toten hineinbegibt … und selbst langsam zum Mörder wird.

    Nach dem Buch von Wilhelm Reich „Der Christusmord“,

    Walter Verlag, 1978,

    Schweiz (derzeit vergriffen)

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  • Buk 6/89 Buchbesprechung Maturatreffen

    Bukumatula 6/1989

    Maturatreffen 50 Jahre danach

    Karin Eichhorn:


    Edith Foster, „MATURATREFFEN. 50 Jahre danach“ erschienen im Verlag für Gesellschaftskritik als Band 8 der Reihe: Biographische Texte zur Kultur- und Zeitgeschichte.

    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ines Rieder 149 Seiten, ÖS 228.-

    Edith Foster, geborene Fink, ist 1937 wegen ihrer jüdischen Herkunft und wegen ihres sozialdemokratischen Bekenntnisses aus Österreich emigriert. Der Weg führte sie über Skandinavien, Mexico und Australien in die USA. Seit 1963 lebt sie mit ihrem zweiten Mann, einem Amerikaner, in Berkeley, wo sie als Psychotherapeutin tätig ist.

    1983 fand in Wien das fünfzigjährige Maturatreffen von Edith Fosters Jahrgang statt. Sie war dazu aus Kalifornien angereist, freudig und ängstlich gespannt zugleich, ungewiss, wie ihre ehemaligen Mitschüler und -schülerinnen, die sich schon während der Mittelschulzeit politisch stark polarisiert hatten (sozialdemokratisch – christlich – nationalsozialistisch), sich nach so langer Zeit, nach Faschismus, Krieg, Emigration, Wiederaufbau zu ihr und zueinander stellen würden. Werden sie unbefangen miteinander umgehen können? Wird Aufrichtigkeit zwischen ihnen überhaupt möglich sein? Wird ausgesprochen werden, was jene, die dageblieben sind, von jenen, die weggehen mussten, trennt? Mit der Schilderung dieses Maturatreffens, das eigentlich aus drei aufeinanderfolgenden Treffen besteht, verflicht Edith Foster in ihrem Buch Erinnerungen an ihre Kindheit in Döbling, an ihre Schulzeit im Roten Wien, an ihre Familie und an die unauslöschliche Prägung, die sie durch die Adler’sche Individualpsychologie einerseits, durch die Sozialdemokratie und den Verband Sozialistischer Mittelschüler andererseits erfahren hat. – Für mich ist das der interessantere Teil des Textes, wenngleich auch die latente Spannung bei den Maturatreffen, die am letzten Abend einen Ausbruch findet, durchaus eindringlich gestaltet ist. Man gewinnt beim Lesen den Eindruck, dass beide Bereiche der Autorin gleich wichtig sind.

    Bei der Präsentation ihres Buches in Wien erzählte Edith Foster, wie es dazu gekommen ist, dass ihr Manuskript überhaupt den Weg nach Österreich gefunden hat: Sie hatte es nach dem Maturatreffen in englischer Sprache und zunächst für die Schreibtischlade geschrieben. über eine gemeinsame Bekannte erfuhr eine in Berkeley lebende Österreicherin davon, die wiederum einem jungen österreichischen Historiker, der bei ihr zu Besuch war, davon erzählte. Aus dieser langen Kette von Bekanntschaften ergab sich dann das, was Edith Foster als das Bewegendste an der ganzen Geschichte anführte: Zum ersten Mal saß in ihrem Wohnzimmer in Berkeley, in dem sie seit mehr als zwanzig Jahren ihren amerikanischen Freunden immer und immer wieder von Europa und vom Roten Wien erzählte, ein Mensch, dem man nicht erst erklären musste, wer Otto Bauer, Marie Jahoda oder Alfred Adler gewesen waren, der mit den Begriffen „Sozialdemokratie“ und „Arbeiterkultur“ ebenso vertraut war wie sie selbst.

    So kam es dazu, dass das Manuskript von Ines Rieder übersetzt wurde und im Frühjahr 1989 im Verlag für Gesellschaftskritik erschien. Es ist ein sehr europäisches Buch geworden, wenngleich auch die Autorin einiges an amerikanischer Lebensweise und Denkart übernommen hat. Vor allem jene österreichische (Un)Kultur des Vergessens, Verschweigen und unter des Teppich-Kehrens entlarvt sie durch ihr offenes, unverblümtes, sozusagen amerikanisches Auftreten und beim Namen-Nennen, durch das sie letzten Endes auch das oberflächliche Einverständnis ihrer ehemaligen Mitschüler, dass man gewisse Dinge aus der jüngeren Vergangenheit nicht zu erwähnen habe, durchbricht:

    „Es war so gemütlich, und da geht sie daher und verpatzt es! Warum? Warum?“

    Eine ehemalige Freundin wirft Edith vor:

    „Du hättest nicht darüber sprechen sollen. Es ist zu früh!“

    „Vierzig Jahre nach der Götterdämmerung, nachdem das großdeutsche Truggebilde zerstört war und versucht wurde, alle, die dem Fluch entgangen waren, mitzureißen, vierzig Jahre später – zu früh?

    Zu früh, um Missetaten beim Namen zu nennen? Ich hatte nicht die Absicht Therese darauf zu antworten. Ich stand auf und ging.“

    Den Eindruck, dass es trotz aller Distanz über Jahre und Entfernung hinweg ein Buch geworden ist, das von jemandem geschrieben wurde, dessen geistiger Rückhalt Mitteleuropa und speziell das Wien der zwanziger- und dreißiger Jahre gewesen ist, bestätigte auch Edith Foster selbst bei der Buchpräsentation. Auf die Frage, woran sie denn merke, dass sie sich trotz allem einen „europäischen Kern“ bewahrt hätte, erzählte sie: Eine ihrer Therapie-Klientinnen berichtete voll Stolz einer Bekannten: „Stell dir vor, meine Therapeutin kommt aus Europa, und stell dir vor, sie lässt mich nicht nur meine Träume aufschreiben, sie gibt mir auch manchmal ein Buch zu lesen mit…“

    „Maturatreffen“ ist eine unsentimentale Darstellung einer zerbrochenen Vergangenheit und einer mehr als brüchigen Gegenwart. Doch es ist weniger ein Angriff auf jene, die noch immer nicht sehen (und schon gar nicht fühlen oder aussprechen) können oder wollen, als eine einfühlsame Aufzeichnung dieser Geisteshaltung durch jemanden, der verstehen will, wenn er auch nicht verzeihen kann; einfühlsam auch den eigenen Grenzen gegenüber, gegen diese Haltung immer wieder anzugehen.

    Mitten in dem durch ihre Offenheit verursachten Eklat am letzten gemeinsamen Abend in Wien erklärt Edith Foster:

    „Ich sage (…), dass mir das Konzept des Vergebens missfällt und ich die Idee der Versöhnung vorziehe. Ich erwähne nicht, dass die zwei wichtigsten Voraussetzungen für Versöhnung die öffentliche Anerkennung der Missetaten und Akte der Wiedergutmachung sind. (…) Ich bin zu feige, das zu erwähnen. Zu feige? Oder zu diplomatisch und wohlerzogen. Ich entscheide, dass es Feigheit ist. Ich höre zu reden auf, und es kommt mir vor, als ob ich nicht am Ende, sondern irgendwo mittendrin abrupt innegehalten hätte.“

    In „Maturatreffen“ bezieht Edith Foster klar Stellung zu den Fragen des Vergessens und der „Bewältigung“ von Vergangenheit gerade in Österreich, aber sie formuliert keine Anklage. – Bei einer wütenden Nachgeborenen wie mir löst sie damit stellenweise Befremden aus, was jedoch den Wert ihrer Aufzeichnungen im Rahmen des Be- und Gedenkens nicht schmälert.

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