Bukumatula 6/1989

Maturatreffen 50 Jahre danach

Karin Eichhorn:


Edith Foster, „MATURATREFFEN. 50 Jahre danach“ erschienen im Verlag für Gesellschaftskritik als Band 8 der Reihe: Biographische Texte zur Kultur- und Zeitgeschichte.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ines Rieder 149 Seiten, ÖS 228.-

Edith Foster, geborene Fink, ist 1937 wegen ihrer jüdischen Herkunft und wegen ihres sozialdemokratischen Bekenntnisses aus Österreich emigriert. Der Weg führte sie über Skandinavien, Mexico und Australien in die USA. Seit 1963 lebt sie mit ihrem zweiten Mann, einem Amerikaner, in Berkeley, wo sie als Psychotherapeutin tätig ist.

1983 fand in Wien das fünfzigjährige Maturatreffen von Edith Fosters Jahrgang statt. Sie war dazu aus Kalifornien angereist, freudig und ängstlich gespannt zugleich, ungewiss, wie ihre ehemaligen Mitschüler und -schülerinnen, die sich schon während der Mittelschulzeit politisch stark polarisiert hatten (sozialdemokratisch – christlich – nationalsozialistisch), sich nach so langer Zeit, nach Faschismus, Krieg, Emigration, Wiederaufbau zu ihr und zueinander stellen würden. Werden sie unbefangen miteinander umgehen können? Wird Aufrichtigkeit zwischen ihnen überhaupt möglich sein? Wird ausgesprochen werden, was jene, die dageblieben sind, von jenen, die weggehen mussten, trennt? Mit der Schilderung dieses Maturatreffens, das eigentlich aus drei aufeinanderfolgenden Treffen besteht, verflicht Edith Foster in ihrem Buch Erinnerungen an ihre Kindheit in Döbling, an ihre Schulzeit im Roten Wien, an ihre Familie und an die unauslöschliche Prägung, die sie durch die Adler’sche Individualpsychologie einerseits, durch die Sozialdemokratie und den Verband Sozialistischer Mittelschüler andererseits erfahren hat. – Für mich ist das der interessantere Teil des Textes, wenngleich auch die latente Spannung bei den Maturatreffen, die am letzten Abend einen Ausbruch findet, durchaus eindringlich gestaltet ist. Man gewinnt beim Lesen den Eindruck, dass beide Bereiche der Autorin gleich wichtig sind.

Bei der Präsentation ihres Buches in Wien erzählte Edith Foster, wie es dazu gekommen ist, dass ihr Manuskript überhaupt den Weg nach Österreich gefunden hat: Sie hatte es nach dem Maturatreffen in englischer Sprache und zunächst für die Schreibtischlade geschrieben. über eine gemeinsame Bekannte erfuhr eine in Berkeley lebende Österreicherin davon, die wiederum einem jungen österreichischen Historiker, der bei ihr zu Besuch war, davon erzählte. Aus dieser langen Kette von Bekanntschaften ergab sich dann das, was Edith Foster als das Bewegendste an der ganzen Geschichte anführte: Zum ersten Mal saß in ihrem Wohnzimmer in Berkeley, in dem sie seit mehr als zwanzig Jahren ihren amerikanischen Freunden immer und immer wieder von Europa und vom Roten Wien erzählte, ein Mensch, dem man nicht erst erklären musste, wer Otto Bauer, Marie Jahoda oder Alfred Adler gewesen waren, der mit den Begriffen „Sozialdemokratie“ und „Arbeiterkultur“ ebenso vertraut war wie sie selbst.

So kam es dazu, dass das Manuskript von Ines Rieder übersetzt wurde und im Frühjahr 1989 im Verlag für Gesellschaftskritik erschien. Es ist ein sehr europäisches Buch geworden, wenngleich auch die Autorin einiges an amerikanischer Lebensweise und Denkart übernommen hat. Vor allem jene österreichische (Un)Kultur des Vergessens, Verschweigen und unter des Teppich-Kehrens entlarvt sie durch ihr offenes, unverblümtes, sozusagen amerikanisches Auftreten und beim Namen-Nennen, durch das sie letzten Endes auch das oberflächliche Einverständnis ihrer ehemaligen Mitschüler, dass man gewisse Dinge aus der jüngeren Vergangenheit nicht zu erwähnen habe, durchbricht:

„Es war so gemütlich, und da geht sie daher und verpatzt es! Warum? Warum?“

Eine ehemalige Freundin wirft Edith vor:

„Du hättest nicht darüber sprechen sollen. Es ist zu früh!“

„Vierzig Jahre nach der Götterdämmerung, nachdem das großdeutsche Truggebilde zerstört war und versucht wurde, alle, die dem Fluch entgangen waren, mitzureißen, vierzig Jahre später – zu früh?

Zu früh, um Missetaten beim Namen zu nennen? Ich hatte nicht die Absicht Therese darauf zu antworten. Ich stand auf und ging.“

Den Eindruck, dass es trotz aller Distanz über Jahre und Entfernung hinweg ein Buch geworden ist, das von jemandem geschrieben wurde, dessen geistiger Rückhalt Mitteleuropa und speziell das Wien der zwanziger- und dreißiger Jahre gewesen ist, bestätigte auch Edith Foster selbst bei der Buchpräsentation. Auf die Frage, woran sie denn merke, dass sie sich trotz allem einen „europäischen Kern“ bewahrt hätte, erzählte sie: Eine ihrer Therapie-Klientinnen berichtete voll Stolz einer Bekannten: „Stell dir vor, meine Therapeutin kommt aus Europa, und stell dir vor, sie lässt mich nicht nur meine Träume aufschreiben, sie gibt mir auch manchmal ein Buch zu lesen mit…“

„Maturatreffen“ ist eine unsentimentale Darstellung einer zerbrochenen Vergangenheit und einer mehr als brüchigen Gegenwart. Doch es ist weniger ein Angriff auf jene, die noch immer nicht sehen (und schon gar nicht fühlen oder aussprechen) können oder wollen, als eine einfühlsame Aufzeichnung dieser Geisteshaltung durch jemanden, der verstehen will, wenn er auch nicht verzeihen kann; einfühlsam auch den eigenen Grenzen gegenüber, gegen diese Haltung immer wieder anzugehen.

Mitten in dem durch ihre Offenheit verursachten Eklat am letzten gemeinsamen Abend in Wien erklärt Edith Foster:

„Ich sage (…), dass mir das Konzept des Vergebens missfällt und ich die Idee der Versöhnung vorziehe. Ich erwähne nicht, dass die zwei wichtigsten Voraussetzungen für Versöhnung die öffentliche Anerkennung der Missetaten und Akte der Wiedergutmachung sind. (…) Ich bin zu feige, das zu erwähnen. Zu feige? Oder zu diplomatisch und wohlerzogen. Ich entscheide, dass es Feigheit ist. Ich höre zu reden auf, und es kommt mir vor, als ob ich nicht am Ende, sondern irgendwo mittendrin abrupt innegehalten hätte.“

In „Maturatreffen“ bezieht Edith Foster klar Stellung zu den Fragen des Vergessens und der „Bewältigung“ von Vergangenheit gerade in Österreich, aber sie formuliert keine Anklage. – Bei einer wütenden Nachgeborenen wie mir löst sie damit stellenweise Befremden aus, was jedoch den Wert ihrer Aufzeichnungen im Rahmen des Be- und Gedenkens nicht schmälert.