Bukumatula 4/1989

Der Sexualkoffer

Gedanken zur Schwierigkeit schulischer SexualerziehungKarin Eichhorn:


ANEKDOTE:

Eine Lehrerin unterrichtet Englisch in einer 6. Klasse an einem Wiener Gymnasium. Im Zuge der aktuellen Debatte bespricht auch sie mit ihren Schülern die Frage der schulischen Sexualerziehung. Welche Wünsche haben die Schüler? Wie stellen sie sich so einen „Unterricht“ vor?

Ergebnis der Diskussion: Die Schüler wollen nicht nur in der Biologiestunde „aufgeklärt“ werden, sondern in allen Gegenständen und mit allen Lehrern über das Thema Sexualität sprechen können. Die Kollegin ist ratlos ob dieser Forderung und fragt mich, sichtlich aus der Ruhe gebracht: „Wie soll ich denn in Englisch Sexualerziehung machen? Ich könnte ihnen ja höchstens die Vokabel für die Geschlechtsorgane an die Tafel schreiben …“

ÜBERLEGUNG:

Da zeigt sich das Dilemma, das bisher in der gesamten Diskussion über den Sexualkoffer nicht angesprochen, ja vielleicht als solches überhaupt nicht wahrgenommen worden ist: Letzten Endes wird es nämlich nicht so sehr darauf ankommen, ob in dem Medienpaket Homosexualität als praktikable Form sexuellen (Er)Lebens genannt oder Anleitungen für Spiele zur Förderung der Körperwahrnehmung der Jugendlichen enthalten sein werden (bzw. sein dürfen), sondern es wird immer noch darauf ankommen, was die Lehrer, zu deren Gebrauch das Medienpaket ja gedacht ist (und nicht zur unkommentierten Weitergabe an die Schüler, was auch gelegentlich unerwähnt bleibt), damit anstellen.

Und nun meine ich, daß das beste oder schlechteste Medienpaket nichts Grundsätzliches daran ändern wird, in welcher Art und Weise in den Schulen von den jeweiligen Lehrern an das Thema „Sexualität“ als „Unterrichtsstoff“ herangegangen wird. Damit hängt natürlich die Frage, was in unseren Schulen überhaupt unter „unterrichten“ verstanden wird, ursächlich zusammen. Ich meine, daß damit im heutigen (Selbst)Verständnis der weitaus überwiegenden Zahl der Lehrer das Vermitteln von „Wissen“, d.i. Daten, Fakten, Vorgangsweisen, eben „Stoff“, gemeint ist. Und darin findet sich bereits die Grenze einer emanzipatorischen Sexualerziehung.

Denn solange ein Lehrer nicht von dem Denken wegkommt, er müsse Sexualität „unterrichten“ wie die Integralrechnung, die Literaturgeschichte des Barock oder die Förderquoten der OPEC-Länder, womöglich noch so, daß anschließend abprüfbares Wissen vorhanden ist, solange wird das, was die Schüler in der eingangs erwähnten Geschichte als Wunsch formuliert haben, nicht stattfinden können. Es gibt Lehrer, die behaupten, in ihren Fächern gäbe es keinen Anknüpfungspunkt für Sexualerziehung- Für einige der Gegenstände, die an unseren Gymnasien unterrichtet werden, scheint das auch durchaus zutreffend zu sein. Nur schwer wird man etwa in Informatik oder Werkerziehung auf einen Inhalt stoßen, der unmittelbar mit Sexualität zu tun hat. Allerdings kann man diesen Lehrern den Hinweis darauf nicht ersparen, daß sich während ihres Unterrichts, während des Erarbeitens und Vortragens ihres „Stoffes“ in der Klasse auch soziales Geschehen ereignet, das meiner Erfahrung nach mannigfaltige Ansatzpunkte für Sexualerziehung im weitest möglichen Sinn bietet.

Dieses soziale Geschehen wahrzunehmen, würde aber bedeuten, daß ein Lehrer mit der Klasse in authentischem Kontakt stehen muss, daß er in der Lage ist, die Kinder und Jugendlichen als Personen und nicht als eine Masse von Unwissenden wahrzunehmen, dies gilt, mit möglichst vielen Inhalten abzufertigen. Mit einem solchen Interesse an den Schülern ausgestattet, das über das Abprüfen von Wissensinhalten hinausgeht, müsste jeder Lehrer aus seiner alltäglichen Arbeitserfahrung heraus wissen, daß Schüler an Sexualität ein vitales Interesse haben und sich damit – wenn auch gelegentlich in einer sehr kruden Form -auseinandersetzen. Schon die Schimpfwörter, mit denen unsere Schüler einander mehr als reichlich bedenken, sind mehr als nur ein Hinweis darauf: „Wixer, Schwuler, Hurenbock“ sind nur ein paar Beispiele aus dem Repertoire einer durchschnittlichen Pausenunterhaltung von Zwölf- bis Vierzehnjährigen.

BETRACHTUNG:

Es scheint, als würde eine der Hauptschwierigkeiten darin liegen, Schüler als sexuelle (und schon gar als sexuell aktive!) Wesen begreifen zu können. Gelegentlich kommt es mir vor, als würden wir die Schüler als Organismen betrachten, die mit aufnahmebereiten Gehirnen in die Schule kommen und den Rest ihres körperlichen (Er)Lebens doch bitte anderswo erledigen sollen. Diese Einschätzung ist natürlich nicht haltbar, wenn man sich verdeutlicht, daß Schüler bis zu vierzig Stunden pro Woche in der Schule verbringen, und außerdem die Mitschüler und Lehrer den Großteil ihres sozialen Umfeldes ausmachen. Es ist also eine Illusion, wenn man glaubt (oder hofft!), daß man Sexualität und die sexuellen Wünsche der Schüler vom Schulbereich fernhalten könnte.

Dieser einleuchtenden Tatsache wurde ja auch schon in den siebziger Jahren mit dem Erlass zur Sexualerziehung Rechnung getragen. Die Durchführung lag und liegt dabei jedoch in den Händen der Lehrer, weshalb die eingangs erwähnten Schwierigkeiten nicht als etwas bezeichnet werden können, was erst gemeinsam mit dem Sexualkoffer aufgetaucht wäre.

Es bleibt die Frage, warum es Lehrern so schwer fällt, mit ihren Schülern über Sexualität zu sprechen. Ich möchte an dieser Stelle von allen institutionsimmanenten Hindernissen absehen (große Klassen, zu viel Lehrstoff, starre Stundeneinteilung, etc.) und die subjektive Lehrerseite näher betrachten. Der Eindruck, den ich bei allen Gesprächen über Sexualerziehung im Kollegenkreis gewonnen habe (bis auf wenige Ausnahmen) ist: Sexualerziehung ist peinlich. Peinlichkeit scheint mir nun etwas zu sein, was immer dann auftaucht, wenn jemand sich ganz persönlich in einem Bereich betroffen fühlt, in dem er selbst nicht sicher ist und in dem er sich der Reaktion einer oder mehrerer anderer Personen schutzlos ausgesetzt sieht.

Solange sich ein Lehrer sachlich dozierend auf den technisch-anatomischen Bereich der Sexualität beschränkt, kann er dieser Peinlichkeit entgehen. Sexualorgane, Schwangerschaft und Verhütung sind daher auch die „Hits“ unter den Themen der Sexualerziehung. Schwierig wird es erst dann, peinlich mitunter, wenn die Abhandlungen diese konkrete Ebene verlassen und dorthin gelangen, wo die persönliche Auseinandersetzung mit Sexualität tatsächlich stattfindet: im Bereich der Gefühle, Empfindungen, Wünsche und Ängste.

Und an dieser Stelle behaupte ich, daß die meisten von uns Lehrern nicht gelernt haben (woher denn auch?), selbst in ihrem privatesten und intimsten Bereich darüber zu sprechen, eben Gefühle, Ängste, Wünsche und Phantasien beim Namen zu nennen und diese verbalen Berührungen auch auszuhalten. Wie sollen sie dann aber in der Lage sein, mit einer ganzen Gruppe von mehr oder weniger fremden Menschen, die noch dazu aufgrund der Schulsituation immer als die „anderen“, wenn nicht gar als „Feinde“ angesehen werden, darüber sprechen?

VERÄRGERUNG:

Um diese Darstellung zu relativieren, darf nun aber nicht unerwähnt bleiben, daß es neben der großen Zahl von gehemmten und peinlich berührten Lehrern auch solche gibt, die durchaus willens und fähig sind, mit ihren Schülern in ein gleichermaßen informatives wie auch emotionell angenehmes Gespräch über Sexualität einzutreten. Diese Lehrer tun das auch seit Jahren sehr bewusst und engagiert, ohne daß sie dazu Erlässe, Medienpakete und dergleichen mehr gebraucht hätten. Gerade aber zu ihrer Unterstützung, und damit sie nicht nur auf ihre eigenen Ressourcen angewiesen bleiben, wäre der Sexualkoffer eine wünschenswerte Ergänzung. Denn so gut sich diese Kollegen auch bisher im Rahmen der schulischen Möglichkeiten den Bedürfnissen der Schüler nach solchen Gesprächen gestellt haben, so bewusst sind sich auch viele von ihnen der Tatsache, daß sie noch nicht den Plafond des Machbaren erreicht haben. Letzten Endes ist das ein Phänomen, das nicht nur für die Sexualerziehung zutrifft, daß es gerade die engagierten Lehrer sind und die, die ohnedies schon einen hohen Grad an (Selbst)Reflexion erreicht haben, die sich auch besonders für Fortbildung, Veränderungen und Neuerungen einsetzen.

Umso ärgerlicher ist es, daß durch die schier endlose Debatte um den Sexualkoffer und die Vertretbarkeit seines Inhaltes einerseits die Vorbehalte jener Lehrer, die „immer schon“ der Meinung waren, Sexualität hätte in der Schule nichts verloren, verstärkt werden, und daß andererseits die, die von sich aus schon Schritte und Überlegungen zu einer besseren, sinnvolleren und zugleich auch behutsameren Sexualerziehung unternommen haben, nun schon unziemlich lange auf die Unterstützung und möglichen Anregungen aus dem Medienpaket verzichten müssen.

Es ist so weit gekommen, daß sich zum Thema Sexualkoffer schon Polarisierungen innerhalb der einzelnen Lehrkörper ergeben haben. Da stehen nun jene, die „sowas“ nicht brauchen, jenen gegenüber, die den Koffer für sinnvoll und wünschenswert halten. Da es mittlerweile so aussieht, daß eine Schule nur dann den Medienkoffer zur Sexualerziehung bekommen soll, wenn die Direktion(!) ihn anfordert, sind weitere schulinterne Auseinandersetzungen zu befürchten, von denen man nicht annehmen darf, daß sie sachlich geführt werden würden.

An Österreichs Schulen sieht es noch immer so aus, daß Lehrer, die mit Sexualität ihre Zeit „vertun“ statt etwas „Ordentliches“ zu unterrichten, nicht immer gut angesehen sind. Und selbst wenn der Koffer endlich gepackt ist, wird man noch immer weit davon entfernt sein, Sexualerziehung als einen selbstverständlichen Bestandteil schulischer Erziehung zu akzeptieren und wenigstens jene Lehrer nicht mehr zu behindern, die von ihrer Lebenserfahrung her in der Lage sind, ihren Schülern dabei behilflich zu sein, ihre eigenen Sicht- und Lebensweisen auf dem Gebiet der Sexualität zu finden und zu entwickeln.