Bukumatula 5/1989

Therapeutische Arbeit aus Energetischer Perspektive

Über die Arbeit mit der Vergangenheit
Fortsetzung von Bukumatila 1/89
Will Davis
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Brigitte Notyak, Sylvia Amsz, Wolfram Ratz
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EINLEITUNG

Dies ist der zweite von zwei Aufsätzen über die therapeutische Arbeit aus energetischer Perspektive nach Wilhelm Reich. Beide Aufsätze sollen die Unterscheidung zwischen dem psychologischen Standpunkt und der orgonomisch-funktionellen Perspektive deutlich machen.

Mein erster Artikel, „Deutung, Bedeutung und Ausdruck“, schilderte das Reichsche Verständnis vom „natürlichen Funktionieren“ und verglich es mit dem psychologischen Ansatz, der Deutung und Interpretation braucht, um menschliches Verhalten verstehen zu können.

In diesem Artikel untersuche ich nun vom funktionellen Standpunkt aus, wie wichtig Material aus der persönlichen Vergangenheit des Patienten für einen erfolgreichen Therapieverlauf ist.

Ich werde als Gegenposition zu meiner eigenen Einstellung die Argumente des langjährigen Reich-Mitarbeiters, Dr. Myron Sharaf, darstellen. Sharaf plädiert dafür, das ätiologische, krankheitsverursachende Material, die nicht bewusst verarbeiteten Kindheitserlebnisse -kontinuierlich zu bearbeiten. Er führt mehrere Gründe dafür an, warum Reich dieses Material „vernachlässigt“ habe.

Ich werde versuchen aufzuzeigen, daß Sharafs Argumente und Beispiele nicht wirklich beweisen, daß man das Material unbedingt aus der persönlichen Geschichte heraus erklären muss. Und ich werde darzulegen versuchen, daß Reich das ätiologische Material keineswegs „vernachlässigte“, sondern daß bei Reich der persönlichen Geschichte des Patienten ein anderer Stellenwert zukommen musste, weil er ja eine Neuordnung der therapeutischen Techniken vornahm.

I. DIE BETONUNG DER AFFEKTE ALS
ABGRENZUNGSMERKMAL DER ORGONTHERAPIE

Myron Sharaf behauptet in einem Artikel des „JOURNAL OF ORGONOMY“ (in den USA publizierte Fachzeitschrift; nachfolgend mit J.O. abgekürzt) vom November 1986, daß „Reich in seinen späteren Jahren weniger Nachdruck auf das therapeutische Aufrufen von Inhalten und Erinnerungen legte und die Wichtigkeit der direkten Beschäftigung mit -instinktiven Energien“ betonte.“ (1)

Sharaf zitiert Reich aus dem Jahr 1949:

„Orgontherapie greift nicht auf Erinnerungen zurück, sondern auf die momentan vorhandenen Verankerungen früherer Erlebnisse; sie arbeitet daher mit ganz aktuellen Wirklichkeiten und nicht mit den Schatten vergangener Erinnerungen. Aus diesem Prozess der emotionalen Umwälzung kann sich unter Umständen eine Erinnerung entwickeln. Es ist jedoch nicht von therapeutischer Bedeutung, ob eine Erinnerung auftaucht oder nicht.“ (J.0., 1986)

Sharaf vertritt in dem Artikel die Ansicht, daß Orgonomie die Erforschung der in der Vergangenheit liegenden Krankheitsursachen brauche und schließt daraus, daß die Einbeziehung der Vergangenheit und der Erinnerungen wesentliche therapeutische Werkzeuge seien.

Er meint, Reich habe Vorstellungen und Erfahrungen zugunsten von „Affekten“ vernachlässigt. Brauchbare frühere Erkenntnisse (über den Umgang der Psychoanalytiker mit der persönlichen Vergangenheit des Patienten) habe Reich über Bord geworfen, zugunsten von Erkenntnissen, die zu seinem System passten Sharaf fragt: „Wie ist es dazu gekommen, daß die ursprüngliche Verbindung von Affekt und Vorstellung abgebrochen wurde, daß Freud unbewusste Gedanken betonte und die Affekte vernachlässigte, und daß Reich die Affekte so betonte und – in seinen späteren Jahren – die Gedanken und Erfahrungen vernachlässigte?“

In der nachfolgenden Antwort bietet Sharaf verschiedene Thesen an, warum und wie Reich dazu kam, Vorstellungen und Erfahrungen zu vernachlässigen.

Sharaf behauptet, daß jedes neue System, das aus einem etablierten System hervorgegangen ist, – wie etwa die Orgonomie aus der Psychoanalyse – eine „pubertäre“ Wachstumsphase durchmachen muss, um sich vom „Elternsystem“ trennen zu können, nachdem es sich vorher eine Zeitlang darauf berufen hat, in enger Beziehung zum Ursprünglichen zu stehen. Um seine Arbeit weiterentwickeln zu können, musste Reich sie also als etwas Getrenntes, Eigenständiges etablieren; dazu brauchte er eine eindeutig andersartige Arbeitsweise. Sharaf meint also, Reich habe – bewusst oder unbewusst – die Affekte und das Energetische zuungunsten des ätiologischen Aspektes besonders betont, um seine Loslösung von der Psychoanalyse zu proklamieren.

Die Theorie Sharafs, daß sich neue Systeme nur durchsetzen, wenn sie sich klar genug vom Ursprung abgrenzen, stellt für mich kein Problem dar – aber diese Theorie erklärt nicht, wieso es gerade der Aspekt der Affekte gewesen sein soll, der Reichs Arbeitsweise von der herkömmlichen unterschied. Denn in Wirklichkeit stand die Psychoanalyse, als Reich sich von ihr „abnabelte“ mit einem Fuß immer noch im biologisch-energetischen Bereich: Die Libidotheorie war noch nicht in Misskredit gebracht worden. Das Konzept, unterdrückten Affekten Beachtung zu schenken, war noch frisch im Gedächtnis. Eigentlich hat Reich also, indem er weiterhin den Affekt und dadurch das Energetische betonte, nur eine „traditionelle“ Vorgangsweise beibehalten und sicherlich kein Neuland erschlossen. In einem früheren Artikel (J.0., Mai 1979) hat Sharaf auch selbst geschrieben, daß Reichs Nachdruck auf stark emotionellen Erfahrungen im Einklang mit einem frühen Konzept Freuds stand, auch wenn dies später in den psychoanalytischen „Abfalleimer“ verbannt wurde.

Und Sharaf führt dort weiter aus, es sei interessant, daß Reich, obwohl er das frühe Konzept Freuds beibehalten hat, „… auch Freuds Betonung der Analyse der Widerstände gegen das Hochkommen von infantilen Erinnerungen und Gefühlen beibehalten hat. Er versuchte nicht, die Abwehr zu umgehen (…) und Reich hat angesichts vielfältiger Kritik verschiedenster Psychoanalytiker unbeirrt den Standpunkt vertreten, daß seine eigenen Beiträge lediglich eine konsequente Anwendung und Fortsetzung der Konzepte Freuds waren. (…) Später hat Reich dann behauptet – und meines Erachtens ist diese Behauptung auch gerechtfertigt – daß seine Arbeitsweise schon von Anfang an einige radikale Unterschiede zu denen Freuds aufwies. (J.0.,1, 1979, kursiv vom Verfasser).“

Diese Zitate Sharafs widerlegen seine eigene These, daß Reich gerade den Aspekt der Affekte als entscheidendes Moment der Abweichung gewählt hat. Nach den oben erwähnten Bemerkungen Reichs wäre die Betonung des Affekts als ein Versuch zu werten, den „Status quo“ aufrecht zu erhalten. Obwohl Reich in den fünfziger Jahren behauptete, daß er in den frühen dreißiger Jahren die Psychoanalyse „verlassen“ habe, betonte er doch gleichzeitig, daß gerade der Energie/Affekt-Aspekt genau der Punkt sei, wo er Freud und dessen Arbeit nie preisgegeben habe.

Bis zu seinem Tod hielt er an der Behauptung fest, daß die Wurzeln seiner Arbeitsweise die stetigen Forschungen über die biologischen Grundlagen gewesen wären, wie sie auch die frühe Psychoanalyse postuliert habe, und dies habe auch zur Entdeckung der „Orgonenergie“ geführt.

Ich meine, wenn Reich sich von seinem „Vater“ hätte trennen wollen, hätte es viel eindeutiger unterscheidende Aspekte seiner Arbeit gegeben, die zweckmäßiger zur Abgrenzung gedient hätten, als die Frage von Affekten und persönlicher Vergangenheit.

In seinem Buch „FURY ON EARTH“ führt Sharaf aus, daß Reich bereits in den dreißiger Jahren zwei der größten psychoanalytischen Tabus zu brechen begann: Ein Berühren des Patienten (was gegen das Prinzip der analytischen Enthaltsamkeit verstößt) und, den Patienten unbekleidet zu sehen. Freud hatte sich sehr bemüht, Verfahrensweisen der Psychoanalyse streng von Behandlungsweisen der Medizin, wo es üblich war, daß Patienten sich auszogen und berührt wurden, zu trennen. Die Analytiker schreckten vor unprofessionellem Verhalten zurück, das im Zusammenhang mit Sexualität hätte entstehen können, wenn Patienten in halbnacktem Zustand berührt werden sollten. „Den Patienten zu berühren und ihn nackt oder halbnackt zu sehen, sind nach wie vor zwei der umstrittensten Aspekte der Reichschen Körperarbeit, besonders in etablierten Kreisen.“ (Fury on Earth, pp. 234-6).

Des weiteren weist ‘Sharaf darauf hin, daß im selben Zeitraum die Atmung eine zentrale Stellung in der Reichschen Arbeit einzunehmen begann. Jedes dieser drei Elemente: Berührung, Unbekleidet-Sein und Atmung, hätte besser davon überzeugen können, daß sich ein neuer und eigenständiger Stil entwickelte.

II. DIE VERNACHLÄSSIGUNG DER PERSÖNLICHEN GESCHICHTE DER PATIENTEN AUS PERSÖNLICHER INVOLVIERTHEIT REICHS?

Im gleichen Artikel (J.0. 1,1979) behandelt Sharaf die Frage, ob Reich zugunsten der Affekte die persönliche Vergangenheit der Patienten vernachlässigte, von einer anderen Perspektive aus. In Sharafs Arbeiten über Reich geht es immer wieder um ein charakterologisches Herangehen an Reich. Von diesem Ansatz ausgehend, fragt Sharaf, weshalb Reich nicht sehr an frühen Kindheitserfahrungen interessiert war. Und er kommt zu der Begründung, Reich selbst habe seine eigene frühe Geschichte nicht durchgearbeitet, und dies habe seine Fähigkeit unterbunden, deren Wert im therapeutischen Prozess zu erkennen und als Therapeut damit arbeiten zu können. (2)

„Mit der Betonung der Widerstandsarbeit wurde von Reich zum Beispiel in gewisser Weise heruntergespielt, wie wichtig das Durcharbeiten der Inhalte infantiler Erfahrungen ist. Genauer gesagt meinte Reich, daß nur die beständige Analyse von Widerständen frühe Erinnerungen in ihrer vollen Intensität hervorrufen könne. Aber, er war irgendwie ungeduldig – und wurde es mit den Jahren immer mehr – beim langsamen Durcharbeiten von Kindheitserlebnissen, dem wiederholten Rückblick auf infantile Erfahrungen und Fantasien und auf die Familienkonstellation, in der sie sich ereigneten. (…) Meine Hypothese dazu ist, daß diese bestimmte Schwäche zum Teil damit zu tun hat, daß Reich Probleme hatte, die Einzelheiten seiner eigenen Kindheitstraumata durchzuarbeiten.“ (J.O. 1,1979)

Sharafs Ansichten über die Wichtigkeit des Durcharbeitens der eigenen, persönlichen Geschichte, decken sich mit der allgemeinen Vorstellung, daß dieses Durcharbeiten eine grundlegende Voraussetzung für jeden angehenden Therapeuten in einem guten Ausbildungsprogramm sei.

Wenn er nun meint, Reich habe diese Grundvoraussetzung unzureichend erfüllt, dann ergibt sich aber eine andere Schwierigkeit in seiner. Argumentationslinien: Im selben Aufsatz behauptet er nämlich, daß Reich besonders erfahren gewesen sei im Ausfindigmachen latenter negativer Übertragungen, und begründete das damit, daß „in Reichs Leben mehr oder weniger versteckte negative Gefühle eine derart entscheidende Rolle gespielt haben…“ (J.O. 1,1979)

Sollte also diese einzigartige und nützliche Fähigkeit, latente negative Erfahrungen aufzudecken, in vorerwähnten „unbearbeiteten Kindheitserlebnissen“ wurzeln, von denen Sharaf behauptet, sie hätten Reich so geschadet, daß er ihretwegen frühe Kindheitserlebnisse bei seinen Patienten vernachlässigte?

Wenn man seine Argumente ernst nimmt, dann behauptet Sharaf einerseits, daß Reich die Wichtigkeit der frühen Kindheitserlebnisse abwehren musste, weil er selber sich nicht durch sie durchgearbeitet habe. Andererseits solle dasselbe „unbearbeitete“ Material aus der Kindheit der Grund dafür gewesen sein, daß Reich ein einzigartiges Talent zum Auffinden und Bearbeiten genau jenes symptomatischen Verhaltens hatte, das sich aus verdrängten Kindheitserlebnissen ergibt, nämlich die latenten negativen Übertragungen. (Und Reich „… blieb mit Nachdruck beim Analysieren von Widerständen, bis Erinnerungen und Gefühle aus der Kindheit auftauchten“ heißt es bei Sharaf).

Es ist schwer verständlich, daß aus unbearbeitetem Material einerseits ein großer Nachteil in der Arbeit mit Patienten entstehen sollte, während andererseits dasselbe unbearbeitete Material – seine Kindheit – Reich einen Vorteil in der Behandlung der Übertragungen sichern sollte.

Gewiss, ein Charakterzug kann gleichzeitig zum Vorteil oder zum Nachteil gereichen. Reich führt ja auch aus, daß Schizophrene, weil sie in direkterem Kontakt mit energetischen Strömungen sind, sich selbst und anderen gegenüber unglaublich wahrnehmungsfähig sein können, obwohl sie durch diese schwächende Krankheit viele Probleme haben.

Aber was zu einem besseren Verständnis für Sharafs Argumente fehlt, ist eine Erklärung dafür, wie er zu seinen Schlüssen kam. Denn sonst sehen seine „Schlüsse“ aus wie will-kürliche Behauptungen. Denn aus den gleichen Informationen, wie er sie uns liefert, könnten ja auch ganz andere Schlüsse gezogen werden:

Zum Beispiel:

daß gerade Reichs frühkindliche Erfahrungen ihn befähigt haben, latente Übertragungen überaus klar zu erkennen, weil sie eine so große Rolle in seinem Leben gespielt haben;

oder: daß er sehen konnte, daß undurchgearbeitete Kindheitserfahrungen, die sich als Widerstand und Übertragung äußerten, wichtig waren, und daß er einen neuen Weg ausfindig machte, zu arbeiten, ohne sie zu vermeiden;

oder: gerade weil Reichs eigene Vergangenheit unbearbeitet blieb, war es Reich möglich, eine wirksame Technik Widerständen gegenüber zu entwickeln, die das wiederholte Zurückführen in die Vergangenheit nicht mehr erforderte;

oder: Reich war diese Herangehensweise weder zu langweilig noch vermied er sie, weil er unfähig war, damit zu arbeiten, sondern er hatte eine neue und effektivere Technik entwickelt.

All diese Behauptungen könnte man also aufgrund des vorliegenden Materials genauso gut aufstellen. Sharafs Position kann natürlich auch richtig sein, aber es fehlt an einer überzeugenden Begründung, wie und warum die Reichsche Arbeit sich in dieser Weise entwickelt hat.

WARUM IST ÄTIOLOGIE SO WICHTIG?

Sharaf begründet dann, warum Ätiologie seiner Meinung nach so wichtig für gute orgonomische Arbeit ist. Er streicht heraus, daß sie dem Therapeuten die Möglichkeit biete, Techniken anzuwenden, die er sonst nicht anzuwenden wüsste. Ich glaube, daß das stimmt, aber meiner Meinung nach wäre es effektiver, die Ätiologie unter funktionalen Gesichtspunkten zu bewerten als unter allen Umständen nach einer psychologischen Bewertung zu suchen. Die nächsten beiden Begründungen Sharafs stehen in engem Zusammenhang miteinander. Zuerst meint er, daß das Durcharbeiten des historischen Materials wertvoll sein kann, weil der Patient klarer erkennen kann, daß seine Symptome und seine Abwehr nicht urplötzlich aus dem Nichts herkommen, sondern daß sie eine Geschichte haben und aus guten Gründen bestehen. Dies helfe, das Schuldgefühl und das Gefühl der „Schlechtigkeit“ zu vermindern, das der Patient wegen seiner Abwehr und seiner Charakterfehler habe.

Als zweiten Grund führt Sharaf an, daß das charakterliche Abwehrverhalten eines Patienten manchmal für den Therapeuten recht unangenehm sein kann; das Wissen um die Ätiologie helfe dem Therapeuten, sich mit diesem Verhalten auszusöhnen, weil es in seinen Augen berechtigt ist.

Nach Sharaf zieht der Therapeut also denselben Nutzen aus der Kenntnis der Ätiologie wie der Patient, weil beide dadurch wissen, daß unliebsames Verhalten nicht grundlos auftritt, und weil Therapeut und Patient verstehen, daß es gute Gründe für das Verhalten des Patienten gibt.

Aber wenn man vom Reichschen Verständnis ausgeht, daß jeder auf seine Art recht hat, oder vom ähnlichem Konzept Carl Rogers „von der bedingungslosen positiven Wertschätzung“, dann wäre es möglich, diese unangenehmen Verhaltensweisen zu akzeptieren, ohne sich davon abgestoßen zu fühlen, auch wenn man ihre Ursprünge in der Kindheit nicht kennt.

Wie Reich ausgeführt hat, und wie Rogers auch ohne Begründung zu akzeptieren bereit ist, hat das Verhalten eines Patienten immer „gute Gründe“. Es ist irrelevant, ob wir diese Gründe verstehen oder nicht, und Rogers führt aus, daß man diese Verhaltensweisen nicht mögen muß, um sie verstehen zu können.

Manchmal kann das Eingehen auf die Vergangenheit mehr Probleme aufwerfen als lösen. Was dann, wenn ein Patient nicht genug „furchtbare Schmerzen“ (um Sharafs Ausdrucksweise zu verwenden) in seiner oder ihrer Vergangenheit erlitten hat, um das Verhalten in den Augen des Therapeuten zu rechtfertigen? Das Ergebnis wäre, daß „unangenehmes, wenn nicht widerwärtiges“ Verhalten erst recht zu einem Problem für den Therapeuten würde. Was dann?

Ich hatte eine Patientin, bei der die persönliche Geschichte, die sie vorbrachte, nach meiner Einschätzung ihr Verhalten nicht rechtfertigte. Ich hatte keinen anderen Ansatzpunkt, als zu glauben, daß ihre Verhaltensweisen (die ich nicht mochte) einen guten Grund hatten, den zu diesem Zeitpunkt aber weder sie noch ich verstanden. In diesem Fall stellte sich heraus, daß sie sich unbewusst selbst falsch darstellte, um Verhaltensweisen zu rechtfertigen, die sie zu haben meinte, während sie in Wirklichkeit ihre tatsächlichen Verhaltensweisen nicht erkennen konnte, weil sie diese vor sich selbst und anderen nicht entschuldigen konnte.

So war ihre Darstellung ihrer persönlichen Geschichte weniger unvollständig, als vielmehr entstellt und übertrieben, um ihrer eigenen neurotischen Sicht von sich selbst zu entsprechen. Sie war nicht oral-abhängig, sondern passiv-aggressiv. Das von ihr vorgebrachte historische Material war in jeder Hinsicht unangemessen. Wenn ich nicht verstanden hätte, daß diese Verhaltensweisen nicht ohne Grund bestanden, wäre es sehr schwierig für mich gewesen, ein gutes Arbeitsverhältnis zu dieser Frau aufrechtzuerhalten. Meine Kenntnis ihrer persönlichen Geschichte half mir nicht im therapeutischen Prozess, vielmehr irritierte sie mich.

Sharaf präsentiert dann eine Fallstudie aus seiner Praxis, in der er Beispiele zeigt, wie der Gebrauch der Technik auf dem Wissen um die Geschichte des Patienten beruht. Ich werde diese Fallbeschreibung hier wiederholen und anschließend Sharafs Vorstellungen erläutern, wieso in dieser Arbeit die ätiologische Information für die Arbeit essentiell war. Indem ich jedes seiner Beispiele bespreche, möchte ich zeigen, daß zwar die Techniken effektiv waren, daß aber für diese Effizienz das historische Material keine Bedeutung hatte; ich will also zeigen, daß das, was getan wurde, auch ohne dieses Material hätte getan werden können, wenn Sharaf lediglich von einem funktional-energetischen Verständnis aus gearbeitet hätte.

III. FALLSTUDIE UND DISKUSSION

Jack, ein dreißigjähriger Mann, hatte eine auffallend starke Blockierung des Halssegmentes, was sich in einer sehr kontrollierten und langsamen Sprache ausdrückte. Er sprach bis zu seinem vierten Lebensjahr nicht, „möglicherweise, weil er sich von der schnellen, kontrollierenden und kritisierenden Sprechart seiner Mutter überfahren fühlte“. Er identifizierte sich mit den kontrollierenden Aspekten seiner Mutter, aber anstatt ihren raschen, dominierenden Redestil zu übernehmen, gebrauchte er eine verlangsamte Sprache, um auf diese Weise auf sich aufmerksam zu machen.

Während der Sitzung wurde Sharaf von Jack, der immer unruhiger wurde, während er zu ihm sprach, wiederholt aufgefordert, langsamer zu sprechen, weil er das Gesagte nicht so schnell aufnehmen konnte. Um eine Verbindung zwischen Jacks Reaktion und seiner Beziehung zur Mutter herstellen zu können, wiederholte Sharaf – mit Zustimmung Jacks – die gleiche Konversation; er sprach aber dieses Mal noch schneller und ganz nahe an Jacks Ohr. Jack begann dann „…zu schreien und zu schluchzen sein Hals war nun geöffnet, seine Stimme war stärker und klarer, seine Atmung voller“» In seiner Vorliebe für ätiologisches Material nimmt Sharaf diesen Fall als Begründung für seine Argumentation. Er arbeitet fünf Punkte heraus, die seine Position stützen sollen:

„Es sind hier einige Punkte wichtig für meine Behauptung über die Rolle der Vergangenheit des Patienten in der orgonomischen Behandlung. Zuallererst half mir dieses Wissen, die Vorwürfe des Patienten, daß ich zu schnell redete, zu verstehen. Sein Unmut, das möchte ich hinzufügen, war nicht nur Ausdruck von negativer Übertragung, sondern war tatsächlich auch eine realistische Kritik meines Sprechstils. (Sowohl realistische als auch Übertragungselemente sind in solchen Kritiken oft enthalten und beide müssen sowohl vom Therapeuten als auch vom Patienten erkannt werden.) (J.0., 1986)

Welchen Vorteil hatte Sharaf dadurch, daß er selber Bescheid wusste über sein zu schnelles Sprechen, das vom Patienten abgelehnt wurde?

Bestenfalls schien es zu bewirken, daß der Therapeut sich besser fühlen konnte, sodaß es zu keiner „Gegenübertragung“ kam. Aber – wie schon vorher erwähnt – kann das leicht vermieden werden durch das Wissen, daß alle Verhaltensweisen aus einem „guten Grund“ bestehen, und es ist daher nicht notwendig zu wissen, „warum“ es sie gibt, um mit ihnen arbeiten zu können. Über die Möglichkeit mit einer anderen Technik an das historische Material heranzukommen, wird später diskutiert.

„Zweitens: Ich konnte mit dem Wissen über seine Vergangenheit meinen Fehler des Schnellsprechens verwenden, um einen energetisch-emotionalen Ausdruck zu provozieren“. (J.0., 1986).

Wieder geht es mir nicht darum, über Sharafs Technik oder deren Effizienz zu disputieren, sondern ich möchte aufzeigen, daß hier das Wissen um die Vergangenheit irrelevant war. Jack war aufgeregt, bevor Sharaf gemerkt hatte, daß sein eigenes schnelles Sprechen einen Bezug zu Jacks Mutter hatte. Es geht mir nicht um diesen Bezug an sich, sondern darum, daß die Herstellung dieses Bezuges nicht notwendig gewesen wäre, wenn Sharaf einen funktionellen und nicht einen psychologischen Ansatz gewählt hätte. Mit einem funktionellen Ansatz ist es möglich, direkt mit der auftauchenden „Aufgeregtheit“ zu arbeiten; das scheint mir besser, als erst langwierig zu erforschen, was vor sich geht, indem man es in einen psychologischen Rahmen stellt, und dann sowieso nur das zu tun, was man auch tun kann, ohne den Vorgang vorher zu psychologisieren!

Wenn man ein psychologisches Modell verwendet, müsste man folgern: „Ich sehe, da ereignet sich etwas. Ich glaube, das ist Übertragungsmaterial von Jacks Verhältnis zu seiner Mutter und zusätzlich reales Material, weil ich wirklich zu schnell spreche. Jetzt möchte ich etwas tun, das ihn noch mehr an seine Mutter erinnert. Das wird seine Erregung steigern oder bei ihm nur dieselbe Gereiztheit hervorrufen, die ich bei anderen Leuten erwecke, wenn ich zu schnell spreche, egal, wie die Mütter dieser Personen sprechen.“

Sharaf erkannte die größer werdende Erregung. Aber er konnte nicht damit arbeiten, bevor er sie nicht in einen psychologischen Rahmen gebracht hatte, so daß er verstehen konnte, daß es mit Jacks historischem Material zusammenhing, und erst dann konnte er eine angemessene Intervention setzen.

Mit einem funktionellen Ansatz kann der Therapeut die aufkommende Aufgeregtheit sehr leicht erkennen, und wenn er den Patienten provozieren will, würde er fortsetzen, was er gerade tat, denn das war es offensichtlich, was zu der starken Erregtheit führte, oder er könnte es steigern, um sogar noch stärker zu provozieren.

Es ist also auch ohne Ätiologie möglich in die Tiefe zu gehen. So sagt das, meiner Meinung nach, auch Reich, wenn er schreibt:

„Immer wieder ist es beeindruckend zu beobachten, wie die Auflösung der Muskelpanzerung nicht nur vegetative Energie befreit, sondern auch dazu führt, Erinnerungen an Kindheitserlebnisse, in denen Repressionen stattfanden, hervorzurufen. (Function of the Orgasm, p. 267). Weiters: „Diese Tatsache, die ebenso wichtig wie typisch ist, kann gar nicht deutlich genug hervorgehoben werden: In diesem Fall ist es nicht eine Sache der Erinnerung, die unter günstigen Umständen ‚einen Effekt hervorruft, sondern gerade das Gegenteil: Die Konzentration einer vegetativen Erregung und deren Durchbruch reproduziert die Erinnerung.“(ibid.p. 280)

Es ist dieses Verständnis von den Funktionen des Menschen, welches die Arbeit Reichs von der Psychologie und deren Abhängigkeit von der Ätiologie unterscheidet. Reichs „spätere Arbeitshypothesen“ (wie die eingangs angeführte Entgegnung es nennt) basieren auf seiner Erkenntnis darüber, wie sich energetische Strukturen verhalten. Dieses Wissen über energetische Strukturen gibt ein tieferes Verständnis davon, worauf psychologische Komponenten beruhen, und als Ergebnis hat Reich den Einsatz historischen Materials in der Therapie nicht verleugnet, sondern seine Bedeutung lediglich neu geordnet.

‚Drittens: Sharaf führt an, daß die Sitzung erfolgreich war, weil sich zwischen Jack und ihm Vertrauen entwickelte. Er führt es darauf zurück, daß sie das Wissen um die Geschichte des Patienten teilten. Das habe dazu geführt, daß Jack es zulassen konnte, Emotionen zu zeigen.

Dies ist unzweifelhaft richtig, aber wieder gibt es viele andere Wege, als den über historisches Material, um Vertrauen herzustellen. In diesem Argument geht es eigentlich um Vertrauen, nicht darum, ob es wichtig ist, daß historisches Material dem Therapeuten zur Verfügung steht. Im vorliegenden Beispiel ist das historische Material ein sekundärer Aspekt der Vertrauensfrage. Tatsächlich teilen die meisten Patienten ihre Vergangenheit – was sie wirklich berührt – nicht mit jemand anderem, bevor nicht Vertrauen hergestellt ist; und umgekehrt: Je mehr Vertrauen sich entwickelt, umso persönlicher und tiefer werden die Enthüllungen aus der persönlichen Geschichte. Daß man die Vergangenheit als Technik zur Vertrauensbildung heranzieht, ist eine persönliche Wahl des Therapeuten und funktioniert, wie Sharaf aufzeigt. Das bedeutet aber keinesfalls, daß ohne ein Heranziehen der Geschichte nichts laufe. (Reich meinte, es sei möglich, tiefgehend zu arbeiten, ohne von vornherein die Ätiologie heranzuziehen«) Es ist wichtig, hier zu unterscheiden zwischen der Notwendigkeit, Vertrauen herzustellen – als essentieller Teil eines erfolgreichen therapeutischen Verhältnisses -und der Technik, die eingesetzt wird, um Vertrauen zu fördern: Das Aufnehmen der Geschichte, das Wiederholen bestimmter Sätze, physische Übungen, etc.

Vertrauen ist zweifellos wichtig, aber bisher habe ich noch kein Argument dafür erhalten, daß das Aufnehmen der Geschichte wichtig ist.

Viertens: Sharaf behauptet, es sei notwendig, erkennbare Übertragungsphänomene durchzuarbeiten, bevor man in der Therapie weitergehe. Es wäre etwa wichtig zu wissen, daß jemand, der für Erbrechen bestraft wurde, nicht ermuntert werden sollte, sich mundtot zu stellen oder, daß ein Mann, dessen Vater das Weinen seines Sohnes als Zeichen von Nachgiebigkeit sah, nicht ermutigt werden sollte, zu schluchzen, bis dies geklärt ist.

Nochmals: Ich möchte die Wirksamkeit dieses therapeutischen Prinzipes nicht bestreiten. Aber Reich besteht darauf, daß Erinnerungen und Assoziationen als Ergebnis des hochkommenden energetischen Prozesses erlebt werden und nicht umgekehrt. Wenn jemand mit den auftauchenden energetischen Prozessen arbeitet, zum Beispiel mit Jacks Erregung, und wenn es der Situation entspricht – Sharafs zu schnelles Sprechen war dasselbe wie Jacks kontrollierende Mutter – dann werden die bedeutungsvollen Verbindungen zur Vergangenheit als Resultat der energetischen Arbeit hergestellt. Und dann ist es wichtig, das auch durchzuarbeiten, weil es sonst zu einem „Stolperstein“ im therapeutischen Prozess werden kann. Die früheren Erlebnisse können dann auf der Übertragungsebene bearbeitet werden, aber auf einer bewussten Ebene, auf der der „erwachsene“ Patient auch teilhaben kann. Somit bestimmt die Arbeit ihren Fortgang zum großen Teil selbst. Was bearbeitet werden soll, wird in angemessener Weise auftauchen und wird sich als signifikant erweisen, wenn es signifikant ist. Es ist nicht notwendig, sich durch das ganze frühe Material durchzuarbeiten. Ein funktioneller Ansatz wird einem die Möglichkeit geben, zu bestimmen, was wesentlich ist. Wenn man die Charakterarbeit mit einem funktionellen Ansatz angeht, kann man sehr schnell die immer wieder auftauchenden Verhaltensmuster erkennen; das ist ja Charakter: Muster, die sich wiederholen. Beim funktionellen Ansatz arbeitet man mit einem Muster und nicht mit jedem Vorfall im Leben der Person, wo sich dieses Muster manifestiert. Es ist nicht nötig, alles, jede Erfahrung, durchzuarbeiten, wenn ein Muster existiert. Es genügt, auf funktionelle Weise mit den „Mustern“ zu arbeiten. Ich vermute, das ist ein Grund, warum Reich es nicht für notwendig hielt, das gesamte Material aufzuarbeiten.

Fortsetzung in „BUKUMATULA“ 6/89

ANHANG:

Dieses Zitat entstammt der „Entgegnung“ des Herausgebers, die dem Artikel vorausgestellt ist. Der Herausgeber will klarstellen, daß das College of Orgonomy „… festhält an dem dualen Ansatz von charakterologischer und somatischer Arbeit mit beachtlichem Nachdruck sowohl auf Übertragungsphänomene als auch auf Inhalt, Erinnerungen und Träume“. Trotzdem anerkennen sie, daß der von Sharaf bezogene Standpunkt eine „… späte theoretische Arbeitshypothese Reichs war“.

Der charakterologische Ansatz, den Sharaf benutzt, behindert ihn den ganzen Artikel hindurch. Indem er versucht, die gegenseitige Verflochtenheit des „Menschen“ Reich mit dem „Therapeuten“ Reich darzustellen, verliert er an Klarheit. Später, im gleichen Jahr, (J.0.13; 2,1979) warnt er in einem Artikel vor „(…) psychoanalytischem Reduktionismus: Zuerst wird postuliert, die Arbeit eines Menschen leide an einem Mangel oder an einer Überbetonung, und dann -erklärt‘ man die angeblichen Fehler mit einem Persönlichkeitskonflikt. Diese Argumentationsmethode ist schändlich. Sie setzt die Annahme der ursprünglichen, ungestützten Prämisse voraus (…) es bleibt unerklärt, wieso andere, die an ähnlichen Kindheitserlebnissen gelitten haben, nicht das gleiche daraus machten wie Reich“.

Später in diesem Artikel zeigt Sharaf auf, daß eine weitere Unzulänglichkeit dieser Vorgehensweise darin besteht, daß sie die „Großartigkeit“ dieses Mannes vernachlässigt. In weiterer Folge bespricht er dann aber Reich in gleichbleibend psychoanalytisch reduktionistischer Art, wobei seine Argumentation im 1986 erschienenen Artikel ebenfalls, wie er es anderen vorwirft, auf „einem postulierten Fehler bzw. auf einer Überbetonung“ beruht.

Diese Methode lenkt von der Frage ab: ist der beständige Rückblick auf historisches Material für eine gute orgonomische Arbeit wirklich unerlässlich? Und hat Reich tatsächlich neue und effektivere Techniken entwickelt?

Aus Sharafs Biographie über Wilhelm Reich wissen wir, daß Sharaf mit Reich als Therapeut unzufrieden und verärgert war, weil er es ablehnte, seine persönliche Geschichte durchzuarbeiten. Sollen wir deshalb Sharafs ganze Argumentation „psychoanalytisch reduzieren“, indem wir sie einfach „als Fehler postulieren“ und dann erklären, daß seine eigene persönliche Unzufriedenheit mit Reichs Verweigerung der Grund dafür war, weshalb er dieses Argument überhaupt in seinem Artikel aufwarf? Oder sollen wir eher so fragen, ‚wie Sharaf es vorschlägt: „Wieso kommt es, daß andere, die sich mit Reich durch dieselbe Arbeitsmethode quälten, nicht dasselbe daraus gemacht haben, wie Sharaf?“