Bukumatula 5/1988

Meine Arbeit mit Wilhelm Reich, Teil 2

Fortsetzung von Bukumatula 5/88
Myron Sharaf:


(In „Bukumatula“ 5/88 war der erste Teil des Vortrages, den Myron Sharaf im September letzten Jahres in Wien hielt, abgedruckt. Johanna Setzer hat den zweiten Teil übersetzt und ihn in Auszügen zusammengefasst.)

Nach dem eigentlichen „Vortrag“ forderte Sharaf die Zuhörer auf, Fragen zu stellen, was – wie üblich – nicht sofort geschah. Als Reaktion gab Sharaf daher ein Anschauungsbeispiel dessen, was er als seine „No-Therapy“ bezeichnet: Er bat die Leute aufzustehen und laut „No“ zu rufen und stachelte den Protest durch Sätze wie: „Stellt Fragen!“, „Ihr müßt fragen!“, „Ihr schuldet mir Fragen!“ und „Benehmt Euch wie Erwachsene!“ an und machte solcherart das Zusammenspiel von (vermeintlicher) Forderung und Angst bzw. Verweigerung deutlich.

In der Folge wurden verschiedene Fragen gestellt, die Sharaf sammelte und in seiner charakteristisch assoziativen Redeweise beantwortete. Dazwischen flocht er immer wieder Zitate aus seinem eigenen Buch über Reich ein (eine der Fragen zielte auf seine persönlichen Therapieerfahrungen mit Reich), wobei er teils die Verdienste Reichs hervorhob, teilweise aber auch Kritik an Reich bzw. an den Körpertherapeuten äußerte.

Frage: Was ist das Ziel der Therapie? Wann sind Sie als Therapeut zufrieden?

„Luis Amstrong sagte einmal auf die Frage: Was ist Jazz? – „Wenn Sie das fragen müssen, werden Sie nie verstehen, was Jazz ist!“- So einfach ist es in der Therapie sicher nicht. Was meinen Sie – in einer einzelnen Sitzung oder im gesamten Therapieverlauf?“

– Beides

„Wann sind Sie zufrieden? Ich möchte verstehen, was in Ihrer Vorstellung bei dieser Frage vorgeht, bevor ich sie abschneide, indem ich Ihnen meine Vorstellung präsentiere.“

– Ich bin in dieser Frage unsicher.

„Fühlen Sie es nicht in den beiden Extremen? Wenn Sie sagen: Das war eine schlechte Arbeit, ich war abwesend, oder ein anderes Mal: Das war eine gute Arbeit. Man kann es also auf ein Spektrum begrenzen. Die Frage ist wichtig. Wichtig ist vor allem, daß wir als Therapeuten uns gut fühlen in der Arbeit; manchmal kommen unsere eigenen Konflikte dazwischen. Das hat häufig mit dem Klienten zu tun, sehr oft aber mit mir, bzw. mit der Interaktion seiner Neurose mit meiner. Es ist meine Aufgabe, mir meiner Neurose mehr bewusst zu sein und sie besser unter Kontrolle zu haben als die des Klienten.

Ich habe mich oft als Therapeut schlecht gefühlt. Das ist ein gefährlicher Zustand für einen Körpertherapeuten, wenn man die heilende Kraft nicht spürt. Man muss nicht absolut gesund sein, aber man muss Kontakt zur eigenen Gesundheit haben – Reich nannte das: ‚Löcher im Panzer‘. Ich nenne es ‚Überträger-Effekt‘. Leute können anderen Gesundheit bringen, auch wenn sie selbst nicht ganz gesund sind. Das ist bis zu einem gewissen Grad unabhängig von der Schwere der Neurose…“

Als Beispiel berichtete Sharaf von einer Klientin namens Susan, mit der er etliche Sitzungen hindurch nur sprach, weil er sich nicht wohl fühlte, Susan jedoch protestierte heftig, worauf Sharaf zunächst argumentativ antwortete, sie sei ungeduldig, wolle schnelle Resultate, etc. Susan bestand jedoch auf ihrem Wunsch nach mehr Körperarbeit und Sharaf musste sich eingestehen, daß es sein Zustand war, der ihn davon abhielt. Als er schließlich doch körpertherapeutisch zu arbeiten begann, fühlte er sich durch ihren Ärger gleichsam aufgeladen:

„Es war wirklich erstaunlich. Ihre Energie riss mich so sehr aus meinem schlechten Befinden, daß ich den Rest der Stunde an ihrem Körper arbeiten konnte und mich nachher besser fühlte… Ich kann mich nicht erinnern ob ich ihr damals sagte, daß es mir schlecht ging; manchmal tue ich das…

Um Ihre Frage zu beantworten: ich glaube, daß das eine schlechte Arbeit war. Aber ich habe ein gutes Gefühl bezüglich ihrer ganzen Behandlung. Sie ist nicht geheilt, sie ist nicht gesund, aber sie erreichte ihr Ziel, in eine medizinische Schule aufgenommen zu werden, ihre Beziehung zu ihrem Partner und zu ihren Eltern wurde besser und freier… Man hat das Gefühl eines bewegten Lebens. In anderen Therapien konnte ich mehr Bewegung herstellen, in wenigen – so hoffe ich – gab es weniger Bewegung nach der Therapie. Ich habe dabei die Frage vor Augen: Bewegt sich etwas? Gibt es einen Entwicklungsprozess, der weiter geht, wenigstens in der näheren Zukunft …“

– Was ist, wenn keine Bewegung entsteht? Sind Sie dann nicht zufrieden?

„Ich bin zufrieden mit dieser Klientin. Das ist wie mit einer Lungenentzündung. Wenn ein Patient damit zum Arzt kommt, kann der auch nicht garantieren, daß im nächsten Jahr keine neue Krankheit auftritt… Was sehen Sie als erfolgreiche Therapie an, daß sie (die Klienten) nie wieder (in Therapie) kommen? …“

– Was ist, wenn er oder sie in einer Körperarbeit nicht „in Bewegung“ kommt? Ich will schließlich auch zufrieden sein.

„Sie können nicht zufrieden sein, solange sie (die Klientin) nicht zufrieden ist. Aber Sie müssen sich das nicht vorwerfen, Sie können das aufarbeiten … Die einzige Möglichkeit damit (mit einem Stillstand) zufrieden zu sein besteht darin, die Klienten dazu zu bringen, daß sie ausdrücken, wie schlecht sie sich fühlen. Ich kann niemanden dazu bringen, sich gut zu fühlen, ich kann nur das verstärken, was da ist… Ich könnte die Klienten zu etwas überreden – aber das wäre Schwindel, wie in dem Buch „1984“. Die Leute tun das, sie verstecken ihren Ärger…“

Wichtig ist – so Sharaf – der authentische Ausdruck der Gefühle. Unsinnig ist es z.B. den Partner zu fragen „Liebst du mich?“ anstatt zu fragen „Was fühlst du wirklich für mich?“. Damit provoziere man nur ausweichende Antworten; der Grund für dieses Verhalten liege darin, daß alle Angst vor negativen Gefühlen hätten.- Stephens habe gesagt: „Nach dem letzten Nein kommt ein Ja und von diesem Ja hängt die Zukunft der Welt ab.“

Dann berichtete Sharaf über seine Arbeit für Reich und mit Reich:

„Reich war ein außerordentlicher Therapeut. Manchmal war er jedoch einfach unmöglich und tat Dinge, die ein Psychologe oder Psychiater sich nie erlauben würde. Er ärgerte sich z.B. über Klienten und zeigte seinen ärger in manchmal primitiver Art; und er war überaus ungeduldig. Wichtig ist aber, das von ihm zu nehmen, was gut ist…

Heutzutage gibt es viele Therapeuten die mit den Gefühlen arbeiten. Damals in den dreißiger, vierziger Jahren tat das niemand. Und an einer Sache dranzubleiben, während alle anderen sagen: Das ist nicht wichtig, oder sogar kriminell, das ist schon eine außergewöhnliche Leistung. Reich schenkte man sehr wenig Aufmerksamkeit, daher widmete er sich selbst viel Aufmerksamkeit und das machte ihn zu einem schwierigen Menschen…“

Reich habe (in der Arbeit mit Sharaf) großen Wert auf Authentizität gelegt, ihn immer wieder aufgefordert, nichts vorzuspielen, sich nicht zu ‚bemühen‘. Er (Sharaf) solle einfach nichts tun und sich ständig selbst beobachten. Diese Hinweise und körperlichen Anweisungen („öffne deinen Hals“ usw.) sieht Sharaf jedoch auch kritisch:

„Ich glaube, daß es wichtig ist zu wissen, woher diese Charakterzüge kommen. Reich widmete in seinen frühen Charakteranalysen diesen Fragen viel Zeit; später interessierte er sich nur noch für den Energiefluss im Körper. Doch weder der Klient noch der Therapeut können genug Verständnis aufbringen, wenn beiden nicht klar ist, woher diese oder jene Abwehrstrategie kommt. Wenn jemand z.B.‘ ‚murmelt‘, ist das irritierend, aber wenn ich weiß, daß dein Vater dich immer schlug, sobald du laut gesprochen hast, kann ich mich als Therapeut einfühlen und mit dir die Varianten von Lautstärke und Angst erforschen. Dann wird der Sinn des Symptoms klar. Reich war jedoch sehr ungeduldig mit den negativen Seiten der Klienten…“

Sharaf meint, daß Reich (und viele Körpertherapeuten) der individuellen Lebensgeschichte der Klienten zu wenig Aufmerksamkeit widmen. Er formuliert diese Kritik folgendermaßen: „Bei Reich weinte ich, aber ich wusste nicht worüber. In der Psychoanalyse, die ich nach der Behandlung durch Reich begann, wusste ich genau worüber ich weinen sollte, aber ich weinte nicht. Beides zu verbinden ist sehr schwierig, weil man nicht gleichzeitig denken und fühlen kann. Diese Verbindung herzustellen ist aber sehr wichtig.“

Sharaf griff noch zwei weitere wichtige Begriffe aus der Psychoanalyse auf: den „Wiederholungszwang“ und die „negative Übertragung“. Ersterer diente ihm als Beispiel dafür, daß es (im Alltagsleben) nicht genügt, starke Gefühle wahrzunehmen, denn diese könnten einer neurotischen Konstellation entstammen. So wird die Tochter eines Alkoholikers z.B. dazu neigen, sich in einen Alkoholiker zu verlieben und diese Gefühle als sehr stark empfinden. Der Grund für dieses Phänomen liege darin, daß in der Kindheit Angst und Liebe vermischt wurden, sodaß nun im Erwachsenenleben Liebe ohne Angst kaum empfunden werden könne. Letztlich stelle die Wiederholung der traumatischen Situation einen Versuch dar, eine gescheiterte (Eltern-)Beziehung nun „gut“ zu leben, ein Versuch, der meistens scheitert. Der zweite – traditionell mit der Psychoanalyse verbundene – Begriff, den Sharaf erläuterte, war die „negative Übertragung“. Hier – so Sharaf – habe Reich sorgsam auf kleinste Anzeichen, etwa ein ironisches Lächeln geachtet, auch dieses Verhalten jedoch zu wenig auf die Kindheitsgeschichte zurückgeführt.