Bukumatula 1/1989

Therapeutische Arbeit aus Energetischer Perspektive

Deutung, Bedeutung und Ausdruck
Will Davis
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Brigitte Notyak, Sylvia Amsz, Wolfram Ratz
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Dies ist der erste von zwei Artikeln, in dem ich genauer zu definieren versuche, was es – von Reichs energetischem Verständnis des Organismus her – bedeutet, „Körperarbeit“ zu machen. Die Unterschiede in der Arbeit mit einem „orgonomisch-funktionellen“ und einem „psychologischen“ Ansatz sollen verdeutlicht werden. Die grundlegende Verschiedenheit dieser beiden Positionen soll anhand der Gegenüberstellung von Reichs Verständnis für „natürliche Funktionen“ und dem traditionellen psychologischen Ansatz, der Interpretation und Deutung braucht, um menschliches Verhalten zu verstehen, sichtbar werden. Es ist nicht beabsichtigt, die Wirksamkeit der einen oder der anderen Methode zu bewerten und zu beurteilen.

Reichs späte Schriften zeigen, wie er selbst seine Erkenntnisse verstand, wie sehr sich diese Erkenntnisse auf seine Arbeit auswirkten und ihr – im Vergleich zum klassischen psychologischen Verständnis – eine grundlegend andere Gewichtung gaben. Träume, Erinnerungen persönliche Geschichte und Interpretationen bekamen einen völlig anderen Stellenwert. Aufgrund seiner Erkenntnisse und der daraus folgenden Entwicklung neuer Techniken und Theorien, meinte Reich, daß seine Arbeit nicht mehr als „Psychologie“ angesehen werden könnte. In einer Ausgabe des „Orgone Energy Bulletin“ schreibt er: „Psychologie analysiert, klassifiziert Erfahrungen und Konflikte und führt sie auf frühere, historisch wichtige Erlebnisse zurück. Aktuelle Vorstellungen und instinktive Ziele resultieren als verstehbare Gestalt aus unterdrückten Ideen und Zielen.“

„Die ‚Funktionelle Orgonomie‘ klassifiziert Erfahrungen nicht, arbeitet auch nicht mit Assoziationen von Gedanken. Es wird direkt gearbeitet: mit unwillkürlichen Energien, die durch Auflösung charakterlicher und muskulärer Blockierungen frei werden und so die Möglichkeit bekommen, wieder ungehindert fließen zu können. Sie (die funktionelle Orgonomie) befaßt sich nicht damit, welche Erfahrungen zu den Blockierungen geführt haben.“ (Reich, 1950). Diese Aussage verdeutlicht, wie Reich seine Arbeit – im Vergleich zur Psychologie im allgemeinen und der Psychoanalyse im besonderen – verstand. Schon in seinem 1927 erschienen Buch „Die Funktion des Orgasmus“ betont Reich, daß die Psychoanalytiker keinen eindeutigen Unterschied zwischen dem Ausdruck des energetischen Prozesses, in diesem Fall dem Unbewußten, und dem energetischen Prozeß selbst, der Libido, machten. Für Reich, wie auch für Freud, ist der energetische Prozeß nicht unmittelbar zugänglich. Die Energie ist nicht direkt, sondern lediglich in ihren Manifestationen erfahrbar.

Der psychoanalytische Ansatz

„Mit dem ES, das nicht fassbar war und mit dem ÜBER-ICH, das nur eine Konstruktion war, war direkt nicht zu operieren. Im strengeren Sinne gilt das auch für das Unbewußte selbst, denn es ist ja, wie Freud richtig sagte, nur in seinen Abkömmlingen, also bereits bewußten Erscheinungen fassbar. Viel zur Verwirrung trug die Tatsache bei, daß die Psychoanalytiker sich damals in theoretischen Arbeiten keinerlei Rechenschaft über die Unterschiede zwischen Theorie, hypothetischer Konstruktion und praktisch sichtbarer und veränderbarer Tatsache gaben und daß sie das Unbewußte praktisch zu fassen glaubten. – Die Möglichkeit zur Erforschung der vegetativen Natur des ES und damit der Zugang zum biologischen Fundament der seelischen Funktionen wurde dadurch versperrt.“ (Reich, 1967; siehe Bibliographie). Die “Verwirrung“ bestand aus folgendem Missverständnis: Die Analytiker erkannten die biologische Basis der Psyche nicht und hatten infolgedessen die Tendenz, das “Somatische“ zu psychologisieren.“ „Freud ’psychologisierte’ die Biologie, indem er annahm es gäbe biologische Tendenzen, bestimmte Kräfte, die dieses oder jenes ’beabsichtigten’. Dieser Auffassung entsprechend entstammten so ziemlich alle körperlichen Erkrankungen aus unbewußten Wünschen oder Befürchtungen. Man ’schaffte’ sich Tuberkulose oder Krebs an, weil man es sich unbewußt wünschte.“ (Reich, 1967). Weiterführend legte Reich den Unterschied zwischen diesem Verständnis des menschlichen “functioning“ und seiner eigenen Betrachtungsweise dar; er schreibt:

“Keinesfalls konnte ein Wunsch in diesem Sinne tiefe organische Veränderungen erwirken. Man mußte das ’Wünschen’ tiefer fassen, als es die analytische Psychologie vermochte. Alles deutete auf ein tiefes biologisches Geschehen hin, von dem der ’unbewußte Wunsch’ nur ein Ausdruck sein konnte.“ (Reich, 1967). Entsprechend konnten Psychoanalytiker und Psychologen die Aussage, die Reich hier machte, nicht schätzen.

Fünfundvierzig Jahre später ist diese gravierende Unterscheidung noch immer nicht anerkannt. Es gibt keinen Zweifel daran, daß die Psychoanalyse das Energiekonzept – die Libido -, die in der frühen klassischen Periode von zentraler Bedeutung war, beiseite geschoben hat. Ohne energetischer Grundlage, oder einem entsprechenden Konzept, dessen Basis der Körper ist, bleibt nur die Möglichkeit zu psychologisieren und interpretieren.

In seinem Buch “The Sexual Body“ kommentiert Arthur Efron die wachsende Bedeutung, die psychischem Material im Gegensatz zum energetischen, der Libido, in Form eines sexuellen Körpers gegeben wird: “Einer der meistrespektierten psychoanalytischen Theoretiker hat in einem Rückblick über die Phasen psychoanalytischer Theorie gesagt: ’Klassische Psychoanalyse ist moralische Psychologie’.“ Im Jahre 1968, als Guntrip dieses Statement veröffentlichte, hatte sich die Psychoanalyse weg vom biologischen Kern der klassischen Theorie, auf das “Ego“ verlagert. Die Libido war “passé“. Die Tendenz ging also dahin, den menschlichen Verstand in einer Weise, der die Bedeutung des Körpers und damit der Sexualität verringerte, als Hauptmetapher für die psychoanalytische Psychologie zu begreifen. – “ Heute ist die ’Ich-Psychologie’ aus der Mode, aber die Verlagerung hin zum Verstand und weg vom sexuellen Körper geht weiter. Ich haben den hervorragenden Analytiker Otto Kernberg zu Beginn eines Referates erklären hören, er könne sein Referat nur dann beginnen, wenn klar wäre, daß die Psychoanalyse, ihrer Definition gemäß, der Cartesischen Metaphysik, dem Cogito, entsprechend zu verstehen ist. Es war offensichtlich, daß Körper und Sexualität nicht als ’zentral’ betrachtet wurden.“ (Efron, 1985)

Dennoch werden Analytiker weiterhin von ihrer energetischen Vergangenheit verfolgt. Die ’Informationstheorie’ von Emanuel Peterfreund (1971) ist ein “sehr sorgfältiger Versuch, die psychoanalytische Theorie von ihrer Grundlage, der Theorie des Sexualtriebes und ihrer Abhängigkeit von sexueller Energie, der Libido, wegzubringen. Tatsächlich weicht Peterfreund sachdienlichen Fragen über Energie und Verstand aber dadurch aus, indem er eine Dichotomie herstellt zwischen ’physikalischer Energie’, die gesetzmäßig, biologisch überprüfbar und wissenschaftlich respektiert ist, und einer ‚psychischen Energie‘, die zweideutig und konzeptionell chaotisch, weder beobachtbar, noch in der modernen Biologie akzeptiert ist. Es ist bezeichnend, daß Otto Kernberg in der Formulierung seines psychoanalytischen Modells bestimmte ‚mysteriöse‘ Kategorien einführt, die er ‚Affekt-Dispositionen‘ nennt, um erklären zu können, daß Objekt-Beziehungsprozesse durch irgendeine Kraft angeregt werden müssen, da sie ansonsten nicht als Prozesse funktionieren könnten.“ (Efron, 1985).

Kernbergs Versuch den energetischen Prozeß zu leugnen, indem er „mysteriöse Kategorien“ einführt, scheint noch fantastischer als das, was er dadurch zu vermeiden versucht. Wie Reich bemerkte, ist Mystizismus die letzte Zuflucht, um Lücken mechanistischen Denkens aufzufüllen.

Die fortwährende Leugnung von Reichs biologisch begründetem Verständnis menschlichen Funktionierens steht in direktem Widerspruch zu jüngsten Untersuchungen von Forschern, die Reichs Arbeiten entweder nicht kennen, oder ihnen gleichgültig gegenüberstehen. In einer Studie, die sich mit der Beziehung zwischen dem Eltern-Kind Kontakt und einem daraus resultierenden aggressiven Verhalten beschäftigt, stellt James Prescott fest, daß in den Sozialwissenschaften im allgemeinen, und in der Psychonanalyse im besonderen, ein Konzept vom „Somatosensory Contact“ als bedeutsamen Faktor der Entwicklung fehlt. Weiters stellt er fest, daß seine Erkenntnisse die Behauptungen, die von Reich in der „Funktion des Orgasmus“ vertreten wurden, voll unterstützen.

Biologische Energie

Dasselbe, so Efron, gilt auch für ein neues Verständnis von Energieproduktion und –transport in den menschlichen Zellen. In neueren Forschungsergebnissen über den chemisch-energetischen Zyklus in Zellen wird gezeigt, daß ein sich wiederholendes „circular pattern“ (kreisförmiges Muster) vom Zentrum hin zur Peripherie beobachtbar ist, mit dem die Energie zu ihrem Verbrauch in das Gewebe gebracht wird1).

Dieses Mikromuster der Energiebewegung wird durch die Makrobewegung des Gesamtorganismus beeinflusst: „Übungen stimulieren die Energieproduktion“ (Dr. Besman). Hier wird deutlich, daß chronische Energieblockaden im Organismus, so wie die von Reich als „Panzerung“ beschriebenen Blockaden, auf eine herabgesetzte Energieproduktion im Körper, bzw. in den Zellen zurückzuführen sein mag. (Efron, 1985).

Neue Therapieformen

Betrachtet man die Geschichte der Psychoanalyse und berücksichtigt man dabei die besondere Beziehung die Reich zu ihr hatte, dann ist es nicht verwunderlich, daß die oben beschriebenen Unterschiede existieren. Es ist jedoch erstaunlich, daß neuere Therapieformen, insbesondere die, die Reich anerkennen und deren Grundlagen auf seinen Erkenntnissen beruhen, den biophysischen Aspekt nicht wirklich integriert haben. Alexander Lowen’s „Bioenergetik“ ist sicherlich die bekannteste aller neoreichianischer Therapien. Doch 1958, in seinem Buch „The Language of the Body“ bespricht Lowen das neurotische „Equilibrium“ als „displaced energy“ und gebraucht das Wort Libido, um einen solchen Prozess zu beschreiben. Weiters bezeichnet er die Energie lediglich als mechanische Energie, sowie sie vor Reich’s Arbeit verstanden wurde: „Hier haben wir wieder den Bezug zu grundlegenden physikalischen Gesetzen: Bewegung bezieht die Entladung von Energie mit ein und Aktion ist gleich Reaktion.“ Er stellt weiter fest: „Alle lebendigen Prozesse können auf Manifestationen dieser Bioenergie zurückgeführt werden“ … doch, „es ist an diesem Punkt nicht wichtig, die endgültige Form dieser grundlegenden Energie zu kennen.“ (Lowen, 1958). Beinahe zwanzig Jahre später schreibt Lowen in seinem bedeutendsten Werk „Bioenergetik“ in einem Kapitel über Energiekonzepte: „Bioenergetik ist, wie ich betont habe, die Studie der menschlichen Persönlichkeit im Sinne der energetischen Prozesse des Körpers.“ Dann erwähnt er elektrische Energie, Reichs Orgonenergie und das chinesische Konzept von Yin und Yang (fälschlicherweise als zwei separate Energien darstellt). Unglaublicherweise stellt er dabei fest: „Ich glaube nicht, daß es für diese Studie (die Studie der menschlichen Persönlichkeit im Sinne der energetischen Prozesse) wichtig ist, genau zu bestimmen, was diese Energie tatsächlich ist.“ (Unterstreichung vom Autor hinzugefügt; Lowen, 1975).

Gleiches gilt auch für die von Ron Kurtz entwickelte „Hakomi-Therapie“. In dieser gelungenen Synthese neuester Therapieformen stellt Kurtz das Biologische den zwischenmenschlichen Beziehungen und dem symbolischen „Material“ gleich: „Biologische Bedürfnisse und das biologische Erbe gehören im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes zum Therapiekonzept. Das Verständnis bestimmter biologischer Eigenheiten eines Klienten hilft uns die ganze Person zu verstehen, aber die Therapie konzentriert sich nicht auf diese biologischen Gegebenheiten. Das ‚Kernmaterial‘ besteht hauptsächlich aus früh erworbenen, unüberprüften Annahmen, Einstellungen und Gewohnheiten. Die Menschen gestalten ihr Verhalten, ihre Wahrnehmungen, Werturteile und die Art und Weise, wie sie ihren Körper benutzen, unter dem Einfluss dieses Kernmaterials.“ (R. Kurtz, Die Hakomimethoden).

Man käme in große Verlegenheit, wollte man diese Behauptung bestreiten. Sie ist eindeutig schlüssig. Ich beziehe mich hier nicht auf Hakomi oder Bioenergetik, um zu beweisen, daß ihr Ansatz falsch oder uneffektiv ist. Der entscheidende Punkt ist jedoch, daß diese Ansätze „Psychologie“ bleiben, so wie Reich sie (siehe Zitate zu Anfang dieses Artikels) beschrieben hat. Alexander Lowen’s Quellenangaben in seinem Buch „Körpersprache“ bestehen aus achtzehn Werken von Freud und aus zwei Titeln von Reich. Wenn Lowen sich in seinem Buch „Bioenergetik“ auf Reich bezieht, dann tut er das ausschließlich auf die „Charakteranalyse“, Reichs letztes psychoanalytisches Werk. Diese Arbeit bleibt Psychoanalyse, lediglich versehen mit einer energetischen „Decke“ (cover). Das gleiche gilt für das Hakomi-Konzept. Obwohl beide nicht beanspruchen „energetische“ Therapien zu sein, führe ich sie hier an, weil sie einen wachsenden Einfluss in der Welt der modernen Therapie haben: Es gibt kein Kapitel über Energiekonzepte; dafür sechs Seiten über die Arbeit mit Emotionen und sechzig Seiten über die Charakterarbeit. Diese Ausführungen sind – ebenso wie auch Lowen’s Arbeit über den Charakter – hervorragend. Aber: solange es (wie in der Psychoanalyse) keine energetischen Grundlagen oder ein entsprechendes Konzept gibt, das in der biologischen Realität verankert ist, werden sie mit dem begrenzten Instrumentarium des Psychologisierens und Interpretierens ineffizient bleiben.

Reich ist da eindeutig. Er macht die Trennung vollständig und löst sich von jenen Disziplinen, die auf einem psychologischen Verständnis ohne biologisches Konzept der menschlichen Natur bestehen: „Ich hatte beim Studium der Orgasmusfunktion gelernt, daß es unzulässig ist, im körperlichen Bereich nach dem Muster des Seelischen zu denken. Jedes seelische Geschehen hat neben einer kausalen Gesetzlichkeit noch einen Sinn im Bezug zur Umwelt. Dem entsprach die psychoanalytische Deutung. Doch im Bereich des Physiologischen gibt es keinen solchen Sinn. Es kann keinen geben, ohne daß man wieder eine überirdische Macht einführt. Das Lebendige funktioniert ganz einfach, es hat keinen Sinn.“ (Reich, 1967). Reich behauptet, daß intellektuelle Begriffsfindungen – zentrale Inhalte der Psychologie – im wesentlichen Erklärungen sind, die wenig mit der tieferen Realität des natürlichen biologischen Prozesses zu tun haben. Sie mögen zwar wahr sein oder innerhalb ihrer Umgebung eine gewisse Bedeutung haben, aber sie sind kein wesentlicher Bestandteil des lebendigen Prozesses. Mehr noch: natürliche Funktionen zu Psychologisieren, bedeutet die Natur als solche, und damit die Natur des Menschen falsch darzustellen: Der Mensch selbst ist lediglich Ausdruck eines Naturprozesses im Rahmen einer weit größeren kosmischen Energiefunktion.

Übergang von der psychologischen Interpretation
zur funktionellen Orgonomie am Beispiel des Widerstandes

In der dritten Ausgabe, von Reichs „Charakteranalyse“ wird der Übergang von psychologischer Interpretation zur funktionellen Orgonomie besonders deutlich: knapp und einleuchtend stellt Reich dar, wie ein klassischer „Widerstand“ – betrachtet man ihn aus beiden Positionen – zu völlig anderen Schlussfolgerungen und damit zu anderen Resultaten führt. Er beschreibt einen Patienten, dessen gesamte charakterliche Haltung ein „Nein“ ausdrückte. Anhand einer Deutung von bekanntem historisch wichtigem Material, zeigt er, wie sich die „Nein-Haltung“ und auch ihre Logik, bzw. ihre Rationalität entwickelte. Er zeigt den unterschiedlichen Ansatz der Tiefenpsychologie zu dem der funktionellen Orgonomie auf. Die Tiefenpsychologie erkannte schnell die Bedeutung des „Nein“ und des hiermit „eingeklemmten“ Affekts. Aus Reichs Sicht, einer „Sicht aus dem biologischen Kern“ ergibt diese „Nein-Haltung“ folgendes Bild: „in der biologischen Tiefe geht es nicht um ein ‚eingeklemmtes Nein-Nein‘, sondern um die Unfähigkeit des Organismus, ‚Ja‘ zu sagen.“ (Reich, 1976). Die Interpretation der Bedeutung dieser Charakterhaltung war das „Nein“. Der natürliche Ausdruck war die Unfähigkeit, „Ja“ zu sagen. Es gab keinen Widerstand gegen das, was im Kern war, sondern vielmehr eine Unfähigkeit – auf der biophysischen Ebene und infolgedessen ebenso auf der psychischen Ebene – für etwas zu sein. Es handelt sich also nicht um ein Dagegen sein, einen Widerstand, ein ‚Nein‘, sondern vielmehr um die Unfähigkeit, für etwas zu sein. „Die biopathische Struktur ist an das biopathische Funktionieren gewöhnt; …, es ist als würde man einen Lahmen zum Tanz bitten.“ (Reich, 1976).

Bedeutung und Ausdruck

Ich halte es an dieser Stelle für sinnvoll, mein Verständnis für die beiden Begriffe, „Bedeutung“ und „Ausdruck“ zu verdeutlichen. Bedeutung, so wie ich das Wort hier gebrauche, wird als die menschliche Wertschätzung und das Verständnis, das im Bezug zur Umgebung einem bestimmten Verhalten unterliegt, verstanden. Das heißt, die Bedeutung des Verhaltens ist davon abhängig, wie es im Bezug zur Umwelt verstanden wird. Zum Beispiel: Ist es gut oder schlecht, wenn Dir ein Mensch mit einem Messer an den Körper geht? Ist dieser Mensch ein Arzt, der eine Operation durchführt, so würde diese Handlung als gut und wertvoll betrachtet. Ist dieser Mensch ein Verbrecher, wäre es weniger gut. Die „Bedeutung“ ist eine andere und das Verhalten wird sicher nicht als wertvoll oder gut betrachtet. Die Bedeutung ist durch den Zusammenhang und die Realität des Betroffenen zu diesem Zeitpunkt bestimmt. Das Beispiel lässt sich fortführen: Selbst wenn dieser Mensch ein Arzt wäre und die betroffene Person bräuchte zwar eine Operation, ist jedoch noch nie mit der modernen Medizin in Kontakt gekommen, oder hält sich an strenge religiöse Regeln, die einen solchen Eingriff verbieten, dann würde die Bedeutung dieser Handlung negativ bewertet werden. Die Situation verändert sich vollkommen, wenn es sich um den natürlichen Ausdruck des Lebendigen handelt. Reich hat postuliert, daß es hier keinen Sinn, keine Bedeutung, sondern nur eine Funktion gibt. Es existiert keine Bedeutung in dem Sinne, wie eine menschliche Interpretation (Deutung) sie ihr auferlegen würde, selbst dann nicht, wenn diese Deutung mit der natürlichen Funktion übereinstimmen würde. Das Funktionieren des „kosmischen Orgons“ ist jenseits von Sprache, es findet statt bevor etwas „verstanden“ wird.

Tatsächlich ist ja schon die Begriffsfindung, ihre Erörterung und Begründung, ein Produkt des energetischen Prozesses selbst. In der „Charakteranalyse“ schreibt Reich: „Absicht und Bedeutung biologischer Aktivität entstehen als sekundäre Funktionen“. Später, in seinem Buch „Äther, Gott und Teufel“ scheint er einen schon schwierigeren Punkt zusammenzufassen indem er sagt: „… die Funktion lebendiger Materie ist einfach die, daß die Essenz des Lebendigen das lebendige Funktionieren selbst ist, und daß sie keine transzendentale ‚Zweckmäßigkeit‘ oder ‚Bedeutung‘ hat. Die Suche nach einer absichtsvollen Bedeutung des Lebens stammt von der Panzerung des menschlichen Organismus, die die lebendige Funktion blockiert und sie mit rigiden Formeln über das Leben ersetzt. Ungepanzertes Leben sucht nicht nach einer Bedeutung oder Zweckmäßigkeit für seine Existenz aus dem einfachen Grund, da es spontan bedeutungsvoll und zweckmäßig funktioniert, ohne den Befehl ‚Du sollst’.“ (Ether, God and Devil, 1973). Reich legt hier den Gedanken nahe, daß es im „natürlichen Funktionieren“ beides gibt: Sinn und „Nicht-Sinn“.

Aufgrund der ihr zugeordneten Eigenschaften hat nach Reich Energie auch entsprechende Auswirkungen.

Erstens: Energie hat keinen “Sinn“, keine Bedeutung im Sinne einer Absicht, einer Intention. Es gibt kein übernatürliches ’Gehirn’, das sie dirigiert und es gibt auch kein Bewusstsein im Sinne eines “um zu …“. Natürliche Funktionen existieren einfach, und als eine Folge dieses natürlichen Zustandes gibt es Leben, Wachstum, usw. So ist es auch nicht nötig, dem natürlichen Funktionieren einen Sinn aufzuerlegen oder seine Bedeutung zu verstehen, weil es sich selbst erklärt.

Zweitens: “energetische Eigenschaften“ sind diejenigen, die der Mensch mit seinem Verständnis für “natürliches Funktionieren“ dazu macht. Er ist gepanzert, er hat den Kontakt mit seinen natürlichen Funktionen verloren und kann deshalb nicht in der Lage sein, die Ganzheit natürlichen Funktionierens zu begreifen. So kann der Mensch nicht sehen, daß seine natürlichen Funktionen – aus sich selbst heraus und auf eine ganz spontane Art und Weise – lebenserhaltend sind. Da er die natürliche Ordnung, die aus ihnen unwillkürlich hervorgeht nicht sieht, schreibt er ihnen Sinn und Bedeutung zu. Dies ist der Grund dafür, daß Reich das “Psychologisieren“ und “Deuten“ kritisierte und es von seiner Arbeit zu trennen versuchte. Alle funktionalen Aspekte der Energie haben keinen “Wert“ an sich. Trotzdem haben wir natürlich die Freiheit, sie unserer eigenen Realität entsprechend, als gut oder schlecht, kreativ oder destruktiv, usw. zu bewerten. Insofern bekommt die “Lebensenergie“ nur im Vergleich, d.h. vor einem Hintergrund Bedeutung. Dies ist jedoch ein anderer Prozeß, als der, der aus den natürlichen energetischen Funktionen entsteht und in sich-selbst-erhaltendes Leben mündet. Es ist notwendig diese Trennung zu machen. Nur so ist der Unterschied zwischen Reich’s Arbeit und der Psychologie im allgemeinen zu verstehen. Ein Verstehen von Körperarbeit ohne diese Differenzierung bedeutet, funktionell und energetisch nicht so zu arbeiten, wie Reich diese Begriffe gebraucht und definiert hat.

Beispiele energetischer Betrachtungsweisen

Zwei Beispiele sollen den Unterschied zwischen Psychologie und funktioneller Orgnonomie aus einer energetischen Betrachtungsweise verdeutlichen. Sie sollen hervorheben, warum und inwiefern dieser Unterschied wichtig ist. Im ersten Beispiel geht es um die sogenannte „Fötusposition“, im zweiten um die „masochistische Charakterstruktur“.

Ein bekanntes Phänomen in der Therapie ist der häufig geäußerte Wunsch, sich in Seitenlage zusammenzurollen, um die Knie und Kopf zusammenzubringen. Diese Position wird „Fötusposition“ genannt. Normalerweise wird diese Haltung als der Wunsch gedeutet, in den Mutterleib zurückzukehren; im allgemeinen wird dazu assoziiert, daß der Klient sich in einer geschwächten und abhängigen Situation befindet. Diese Interpretation ist logisch und verständlich. Wer aber mit Reichs Entdeckungen der grundlegenden Eigenschaften des Orgon und damit, wie es funktioniert, vertraut ist, erkennt, daß genau die gleiche Körperhaltung eine völlig andere und möglicherweise genau entgegengesetzte Bedeutung bekommen kann. Darüberhinaus kann diese Haltung eingenommen werden, ohne überhaupt irgendeine Bedeutung zu haben, selbst, wenn sich gleichzeitig ein wichtiger energetischer Prozess vollzieht. Reich hat modellhaft angenommen, daß es eine der wichtigsten Eigenschaften der masselosen kosmischen Orgonenergie ist, daß sie aus ihrer Natur heraus „zu sich selbst zurückkehrt“. Diese Eigenschaft ist von besonderem Interesse in der Diskussion über die sogenannte „Fötusposition“. Das „Zu-sich-selbst-Zurückkehren“ wird als eine sich drehende Kreiselwelle dargestellt. In seinem natürlichen Zustand bewegt sich das masselose Orgon in einer drehenden, vorwärtsgerichteten Bewegung. Es kommt zu sich selbst zurück, indem es in einem Bogen ständig vorwärts gleitet.

Abbildung A:

Diese Eigenschaft der Energie ist beobacht- und nachweisbar. Reich dazu: „Sie hat keine Bedeutung, keinen Sinn, sie ‚funktioniert’ lediglich …“, obwohl das, was sich aus diesem grundlegenden Prozess ergeben kann, für uns von Bedeutung sein mag.

Abbildung A) zeigt wie das masselose Organ in einer sich wiederholenden Bewegung „zu-sich-selbst-zurückkehrt“. Auch nachdem sich Masse – physikalische Materie – gebildet hat, folgt die Energie diesem Gesetz in gleicher Weise. In dem 1951 erschienenen Buch „Cosmic Superimposition“ beschreibt Reich, daß sich Form aus der Funktion ergibt. Wichtig für die Diskussion hier ist, daß die physikalische Materie, und damit auch die Form, die sie annimmt, eine direkte Funktion der dem Organ zugehörigen Eigenschaften ist. Diese grundlegenden Eigenschaften, inklusive der Fähigkeit „zu-sich-selbst-zurückzukehren“, sind natürlich auch weiterhin Bestandteile des lebendigen Organismus.

Die masselose, kosmische Orgonenergie verlangsamt sich, physikalische Materie wird gebildet und ein eingekapseltes Organ-System entsteht: lebendige Organismen, die von einer Membran umgeben sind. Der Mensch ist eine hochentwickelte Form der Einkapselung eines solchen Systems. Doch auch wenn die Energie eingekapselt ist, setzt sich die fließende innerhalb des Organismus fort und es gelten weiterhin die gleichen grundlegenden Funktionsgesetze der Energie. (Die Form, die als Folge des „Wie die Energie funktioniert“, entstand, spiegelt auch ihre grundlegenden Eigenschaften wieder.) Selbst wenn die Energie in einer physikalischen Form eingekapselt ist, geht die Bewegung, die „zu-sich-selbst-zurückkehrt“ weiter. Das nun gebundene Orgon bewegt sich innerhalb der von der Membran gesetzten Grenzen.

Abbildung B zeigt diese grundlegende Lebensform und deren Energiefluss:

Diese Form ist nach Reich der Prototyp aller, lebendigen Formen“. In „Cosmic Superimposition“ behandelt Reich speziell diesen Aspekt seiner Arbeit umfangreich. Hier wird deutlich, wie die Form aus den Eigenschaften der Bewegung des Orgons –

der sich vorwärtsbewegenden Kreiswelle – entstand; und damit ergibt sich auch, daß die energetischen Eigenschaften innerhalb der Grenzen der Membran weiterhin wirksam sind. Entsprechend behält das freie Orgon, das sich von Natur aus unwillkürlich vorwärts bewegt und „zu-sich-selbst-zurückkehrt“ die gleichen Eigenschaften, sobald sich eine Form, ein Körper gebildet hat. Das natürliche Funktionieren, das „zu-sich-selbst-Zurückkehren“, ist nun lebendig im Menschen in Gestalt des „Orgasmusreflexes“; jener unwillkürlichen Bewegung des gesamten Körpers, bei der zwei gegenüberliegende Körperteile – der Kopf und das Becken – in einer runden, sich faltenden Bewegung zusammenkommen. Diese natürliche und unwillkürliche Bewegung ist insofern ein „Loslassen“, als dem natürlichen Impuls ermöglicht wird, sich im Körper auszubreiten. Es ist ein Prozess des Zulassens, ein Weichwerden, ein Entspannen von muskulärer und charakterlicher Starre. Die Fähigkeit zum Orgasmusreflex kann ein Zeichen dafür sein, daß ein Mensch sich für einen tieferen Prozess zu öffnen beginnt.

Jetzt können wir zur Diskussion der Fötusposition zurückkehren. Psychologisch gesehen wird diese Haltung als wichtig erachtet und normalerweise, psychologisch gesehen, wird ihre „Bedeutung“ mit Regression oder Rückzug in Verbindung gebracht. Betrachten wir jedoch dieselbe Bewegung aus einer funktionalen Sicht, bekommen wir einen völlig anderen Eindruck; daraus lassen sich entsprechend andere Schlüsse ziehen.

Die Entwicklung des Orgasmusreflexes ist eine natürliche Funktion der (grundlegenden Eigenschaften) der freigewordenen Orgonenergie. Per definitionem ist der Orgasmusreflex eine Form der Hingabe, ein Loslassen, kein Aufgeben. Es ist ein Weichwerden, nicht ein Schwachwerden, es ist ein wünschenswertes Loslassen, der Instroke der Pulsation, ein sich nach Innen bewegen, um tieferen Kontakt zu suchen, es ist kein Rückzug, keine Verneinung. Es ist in der Tat eine Bejahung des Lebens, des Lebendigen, ein Lebendig werden! Es ist eindeutig Ausdruck einer Vorwärtsbewegung mit dem Potential für Wachstum. Auf der körperlichen Ebene sind die Fötusposition und der Orgasmusreflex wesentlichen dieselbe Bewegung. Dies ist besonders deutlich in der Einwärtsbewegung der Pulsation beim Orgasmusreflex.

Keinesfalls aber sind diese beiden Bewegungen in ihrer Bedeutung dasselbe. Es geht nicht darum, da Regression – sehr oft wesentlicher Teil eines Heilungsprozesses – als therapeutisch wenig wertvoll aufgefasst werden könnte, sondern um die Fähigkeit, zwischen Kontraktion bzw. Verneinung und offener Hingabe und Bejahung unterscheiden zu können. Beide Bewegungen sind in ihrer Form ident. Es geht nicht darum zu beurteilen, welcher Standpunkt hier „richtig“ oder „besser“ ist, sondern darum, diese Unterscheidung machen zu können,bevor Schlussfolgerungen ge-zogen werden. (Dies ist keine exakte Wiedergabe der Reichschen Position, da er nicht davon ausging, daß Regression tatsächlich stattfindet.)

Die Betrachtung der Fötusposition ist ein exzellentes Beispiel für die Psychologisierung des Biologischen, selbst dann, wenn eine Person tatsächlich Regression ausdrückt. Die Psychologie versteht die Fötusposition als eine Haltung, in der Geborgenheit und Sicherheit gesucht wird, als einen Versuch in den Mutterleib zurückzukehren. Versteht man die natürlichen Energiefunktionen, dann wird klar, was sie darstellt: Die Position selbst ist eine Funktion der Orgonenergie und als Folge kann man ihr diese Bedeutung geben. Bei Betrachtung von Abbildung B) wird die Ähnlichkeit zwischen der Darstellung des Orgonoms und der Form des Fötus offensichtlich: Sie ist, wie alle Formen, eine Funktion energetischer Prinzipien. Der Fötus dreht sich zu sich selbst, nicht etwa um sich sicher zu fühlen, sondern vielmehr ist er einfach in dieser Position, weil sie die natürliche Folge der Kreisbewegung auf der energetischen und damit auch auf der physischen Ebene ist. Es ist das Ergebnis, daß der sich entwickelnde Fötus sich hier sicher fühlt. Und so entsteht eine Assoziation zwischen dieser Position und dem Gefühl von Sicherheit. Dann und nur als Folge davon wird die Fötusposition als sicher erfahren. Dies ist jedoch etwas anderes, als zu glauben, daß die Fötusposition an sich sicher sei. Sie wird nur dann als sicher erfahren, wenn die Assoziation durch eine viel primärere Funktion – der Einwärtsbewegung der Energie – im relativ sicheren Mutterleib geprägt wurde. Solange der Therapeut diese Unterscheidung nicht versteht, wird er nicht in der Lage sein, mit dem primären energetischen Prozess zu arbeiten, und seine Behandlungstechnik wird von dem was er „denkt“ er „sehe“, begrenzt bleiben. Solange er nicht zwischen einer natürlichen, ausdrucksvollen und wachstums-orientierten Bewegung – dem Orgasmusreflex – und einem sekundären, regressiven, defensiven und reaktionären Prozess, der Annahme, die mit der Fötusposition einhergeht, unterscheiden kann, wird er Verhalten nur psychologisieren und interpretieren, aber er wird es nie richtig verstehen. Wenn der natürliche energetische Prozess nicht als Zeichen für wachsende Gesundheit, sondern als eine kindliche Reaktion in Form von Regression verstanden wird, wird das auch eine tragische Wirkung auf den Klienten haben.

Energetische Prozesse sind, wie Reich erklärt, „rational“; Sinn und Bedeutung sind auf natürliche Weise – vielleicht nicht als Bedeutung im psychologischen Sinn – sondern im Sinne natürlicher Funktionen in ihnen enthalten.

Ebenso will ich anhand eines zweiten Beispiels zeigen, wie Psychologisieren und Interpretieren das Verständnis für natürliche Funktionen beeinträchtigen kann. In „Die Funktion des Orgasmus“ (Kapitel: „Der Einbruch in das biologische Fundament“) hat Reich das funktionale Verständnis des Masochismusproblems als Grundstein für Erklärungen energetischer Prozesse benutzt. Aus einer funktional-energetischen Sicht heraus hat er die masochistische Struktur verständlich gemacht.

Reich beginnt das Kapitel mit der Feststellung: „Für die Psychoanalyse war die Lust, Schmerzen zu erleiden, die Folge biologischer Bedürftigkeit. Der „Masochismus“ war ein Trieb wie jeder andere, nur auf ein eigenartiges Ziel gerichtet.“ Reich hatte einem masochistischen Patienten in einer Sitzung tatsächlich einen Schlag gegeben; erstaunt über die Wirkung, schreibt er: „Mit einem Male verstand ich, daß der Schmerz und die Unlust gar nicht die Triebziele des Masochisten sind, wie behauptet wurde. Der Masochist empfindet wie jeder andere gewöhnliche Sterbliche, wenn er geschlagen wird, Schmerz.“ Er sah schnell, daß hier keine Lust beteiligt war; er nahm an, daß Masochismus nichts anderes wäre, als der Versuch eines Individuums sich selbst von seiner körperlichen und charakterlichen Panzerung zu befreien.

Aus funktionaler Perspektive stellte Reich sich den masochistischen Charakter als eine Art Blase vor, die bis zum Platzen aufgeblasen war. Die Blase war die Membran, die Haut, und das Aufgeblasene die nicht entladene Energie, die ein unerträgliches Spannungsniveau erreicht hatte. So, als wäre ein Ballon aufgeblasen und kurz vor dem Platzen. Das Platzen würde die Spannung freisetzen und dem Organismus Erleichterung verschaffen. Die Schläge und das Gepeinigt werden waren nicht mit Lust besetzt, aber die Befreiung von der Spannung, der aufgestauten Energie, war lustvoll. Der Wunsch geschlagen zu werden, war ein Versuch des Organismus, sich zu befreien, ohne zu wissen, wie er sich auf andere Art und Weise befreien könnte. Die Spannung, von der sich der masochistische Charakter durch Schläge zu befreien versuchte, hatte nichts mit einem „instinktiven“ Verhalten oder einer Notwendigkeit im primären Sinne zu tun. Es war weder angeboren, noch ein Teil des Organismus, sich so außergewöhnlich und bizarr zu verhalten. Es hatte keine inhärente psychologische Bedeutung, obwohl sich natürlich Neigungen entwickeln können, die später eine psychologische Bedeutung haben.

Ohne das masochistische Verhalten verteidigen zu wollen, könnte man dieses Verhalten des Patienten als für ihn „gut“ bezeichnen, wenn er sich darauf einlässt. Wenn wir begreifen, daß masochistisches Verhalten ein Befreiungsversuch ist, kann es durchaus als lebensbejahend angesehen werden. Wichtig ist hier, daß, betrachtet man masochistisches Verhalten energetisch und funktional, es als Selbstheilungsversuch des Organismus gesehen werden kann. Für den Fall, daß dieser nicht gelingt, werden sich über einen gewissen Zeitraum hinweg aufgrund der stagnierenden Energie funktionelle Störungen und in der Folge organische Veränderungen einstellen.

Masochismus muß nicht als pathologischer Zustand, begleitet von psychologischen Erklärungen gesehen werden. Er kann als Perversion, eine Entstellung der natürlichen Funktion betrachtet werden, aber nicht die Person selbst braucht als pervertiert betrachtet zu werden.3

Dr. Arthur Efron schrieb 1977 in der Mai-Ausgabe von „Energy and Character“4) einen ungewöhnlichen Artikel, in dem er Reichs Buch „Die Funktion des Orgasmus“ aus literarischer Sicht besprach. Er bezieht sich auf Reichs Bild von der „Blase“ und erläutert, wie er Reich versteht: „Die Blase beginnt zu sprechen. Sie beklagt sich, daß sie künstlich eingeschränkt, gepanzert ist. Obwohl Reich all dies – als „kuriose Analogie“ entschuldigend – beschreibt, ist er am Ende des Buches fast so weit zu sagen, es sei eine Tatsache … Mit anderen Worten: der Mensch ist eine Blase, selbst wenn wir einen Menschen sehen und keine Blase.“ (Efron, 1985). Efron weiter: „Ich möchte annehmen, daß Reich die gesunde Intuition hatte, daß die „Blase“ niemals eine Analogie war. Ein wichtiges Beispiel ist einem autobiographischen Essay Albert Einsteins entnommen, der erst vor kurzem veröffentlicht wurde: Für Einstein war das Schlüsselerlebnis zur Entdeckung der „Allgemeinen Relativitätstheorie“ seine Vorstellung, daß ein Mensch, der vom Dach fällt sowohl durch den Raum fällt, als auch unbeweglich bleibt. Einstein dachte nicht zuerst an jemanden, der fällt, um dann diesem Gedanken die Vorstellung, daß er gleichzeitig unbeweglich bleibt entgegenzusetzen, sondern er stellte sich vor, daß beides gleichzeitig passierte. Die gleiche Art der Nebeneinanderstellung ist allen Beispielen Rothenbergs „gleichräumigen Denkens“ eigen. Sie sind keine Analogien, sondern neue, tatsächlich vorstellbare Ganzheiten“. … „So auch für Reich: Die Amöbe lebt an genau dem Ort, wo der Mensch auch lebt; und dieses einfache Organ, die lebendige Blase ist genauso existent, wie der unglaublich komplizierte menschliche Organismus … Was er in seiner Darstellung aufzeigt, ist, daß sein Denken nicht mit einem linearen Modell vereinbar ist.“ (Efron, 1985). – Hier haben wir den „Sack aus Energie und Flüssigkeit“ wieder. Reich sah die Menschen tatsächlich als „functioning units“. Er hatte gelernt, sie nicht mehr ihrem Verhalten, oder dem, was es bedeuten oder nicht bedeuten könnte entsprechend zu sehen, sondern er sah die Menschen aus einer grundlegenderen Perspektive.

Psychosomatik

Ich möchte noch einen weiteren Unterschied zwischen Reichscher Arbeit und der Psychologie beschreiben, und zwar anhand des Begriffes der „Psychosomatik“. Häufig wird ein Teil der Reichschen Forschung als psychosomatische Arbeit beschrieben. Ich glaube, daß die meisten Körpertherapeuten auch so über ihre Arbeit denken.

Die moderne Psychologie hat ihre Wurzeln in der Psychoanalyse. Die Vorstellung einer wechselseitigen Beziehung zwischen Psyche und Soma gab es jedoch schon viel früher. In der westlichen Medizin und in der Psychoanalyse ist diese Vorstellung jedoch untergegangen und ist erst in letzter Zeit in der psychosomatischen Medizin, in einigen körperorientierten Therapierichtungen und in einigen Bereichen der Psychologie wieder belebt worden. Die meisten Körpertherapien haben die Konzepte Reichs integriert oder verdanken ihm die Entwicklung eigener Konzepte. Führende Richtungen, wie die „Bioenergetik“ oder „Radix“ behaupten mit der Auflösung des Body-Mind-Split zu arbeiten. Und ich glaube, daß sie dies auch tatsächlich tun. Was aber nicht bedeutet, daß sie funktional bzw. so arbeiten, wie Reich diese Begriffe verstand.

Wenn sich Körpertherapeuten in ihrer Arbeit auf den Körper, , seine Bewegungen und die dazugehörigen Emotionen konzentrieren, so heißt das nicht unbedingt, daß sie dem energetischen Prozess näher sind, als Analytiker oder andere „Gesprächstherapeuten“. Hinter dieser Behauptung steht, daß – wie Reich es beschrieb – Geist und Körper entsprechend der Formel des „Allgemeinen Funktionsprinzips“ eins sind: weder der Geist noch der Körper sind dem energetischen „functioning“ näher! Das heißt, nicht nur das Verbalisieren kann verhindern, daß tiefere Prozesse entstehen, sondern auch Bewegungen oder Emotionen. Reich zeigt auf, daß Bewegung und Gefühle dasselbe tun können: „Willkürliche Bewegungen in bestimmten Muskelgruppen können ebenso als Abwehr gegen unwillkürliche Bewegungen funktionieren. Dementsprechend können auch bestimmte unwillkürliche Bewegungen wiederum als Abwehr gegen andere unwillkürliche Bewegungen dienen.“ Er sprach auch von … „erlerntem vegetativem Verhalten“. (Function of the Orgasm, 1967). Dasselbe gilt für Gefühle. Reich warnte davor zu glauben, daß der befreite Affekt tatsächlich der vegetative war. Er betrachtete Ihn solange als Teil des Abwehrsystems, bis er ein bestimmtes Niveau erreicht hatte. Sein Diagramm der Beziehung zwischen Psyche und Soma zeigt, daß beide eine Funktion des darunterliegenden energetischen Prozesses sind und beide gleichweit von ihm entfernt sind.

Abbildung C:

Solange wir dies nicht begriffen und in unsere Arbeit integriert haben, werden wir nicht energetisch arbeiten, es sei denn gelegentlich oder zufälligerweise. Mit Gedanken oder Gefühlen oder beidem zu arbeiten heißt nicht, energetisch per se zu arbeiten. Und zu glauben, man wäre, weil man mit Bewegung und der Provokation von Emotionen arbeitet den energetischen Funktionen automatisch näher, bedeutet, daß man sich auf der Stufe der frühen Analytiker befindet; diese, so meinte Reich, konnten kein tieferes Verständnis des menschlichen Funktionierens erreichen, da sie fälschlicherweise glaubten, daß sie mit dem Unbewussten, dem ES, selbst arbeiten würden. Sie verwechselten die Manifestationen und Symptome mit dem, um was es wirklich ging. – Dies gilt auch für die psychosomatische Arbeit. Reichs Darstellung der Beziehung zwischen Psyche und Soma bezogen auf den darunterliegenden energetischen Prozess war nicht:

Abbildung D:

Bewegungen, Emotionen, Gefühle und Wahrnehmungen sind energetisch nicht “besser“, wirklicher oder wichtiger als Gedanken, Bewertungen oder Urteile. Funktionell und praktisch sind sie identisch, nur ihre Erscheinungsformen sind unterschiedlich. Das eine mehr als das andere, für wichtiger, oder als dem wahren Material näher zu beurteilen, heißt, das allgemeine Funktionsprinzip und seine Manifestationen nicht wirklich zu verstehen (siehe Abbildung B/Text “Materie ist verlangsamte Energie“).

Die nächste Stufe dieses Entwicklungsprozesses ist für unsere Argumentation hier wichtig: Das Orgon fließt nun innerhalb eines “Körpers“; dieses Fließen – und die dazugehörige Pulsation – wird im Organismus als plasmatisches Strömen erlebt, was erst dann in “orgonomische Empfindung“ umgesetzt werden kann. Diese Empfindungen sind das, was wir als Psyche und Soma erfahren. Sie sind die Emotionen, Vorstellungen, Gedanken, Ideen etc., die wir empfinden. Sie werden zu “Verhalten“, körperlich, emotional und geistig, und dann zu Symptomen. Folgendes Schema verdeutlicht dies:

Diese Beschreibung hilft zu erkennen, wie eins auf dem anderen, letztlich auf dem Orgon aufbaut. Wie Reich hervorhebt, ist die Energie selbst unmittelbar nicht erfahrbar. Wir können nur ihre Erscheinungsformen erkennen und wissen, auf welcher Erscheinungsebene wir eingreifen. Dies allein wird den therapeutischen Prozeß sehr viel weiterbringen. Orgonomische Empfindungen sind Erscheinungsformen eines tieferen, energetischen Prozesses. Verhaltensweisen und Symptome sind die ein und zweimal gefilterten Interpretationen der orgonomischen Empfindungen, die wiederum durch die Wahrnehmung des Organismus von sich und seiner Realität gefiltert sind.

Mit Verhaltensweisen und ihren Symptomen zu arbeiten ist weit entfernt von energetischen Prozessen. Solange diese Unterscheidung nicht eindeutig getroffen wird, kann man nicht zwischen einem „natürlichen“ Ausdruck, der im psychologischen Sinne keine „Bedeutung“ hat, und dem Psychologisieren eines symptomatischen Verhaltens differenzieren. Ich sage nicht, daß die Arbeit mit Verhaltensweisen oder Symptomen wirkungslos oder wertlos ist. Aber es ist wichtig, den Unterschied zu kennen, so daß sich eine Behandlung entsprechend entwickeln kann. Dasselbe gilt für die psychosomatische Arbeit. Die funktionelle Arbeit konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Psyche und Soma. Funktionelle Orgonomie jedoch ist Arbeit mit energetischen Prozessen in Gestalt ihrer somatischen und psychischen Funktionen. In der funktionellen Orgonomie ist nicht die Beziehung zwischen Psyche und Soma wichtig, sondern das Verhältnis von Psyche und Soma zum energetischen Prozess.

Das Konzept einer Spaltung zwischen Geist und Körper wird in Formulierungen Lowen’s fortgeführt, wenn er Kopf und Becken als gegebene, separate Zentren postuliert und ihre Integration als Ziel der Therapie beschreibt. Diese Haltung ist auch in Chuck Kelley’s Beschreibung von „Purpose Work“ wiederzufinden. „Purpose“: eine geistige Funktion, die – wenn sie vom Individuum richtig entwickelt wurde – ihm erlaubt, die „Tyrannei der Gefühle zu besiegen“. Die meisten von uns erleben in der Verhaltensrealität eine Spaltung zwischen Kopf und Körper. Aber in Wirklichkeit, in der funktionalen Wirklichkeit, sind sie nicht getrennt. Behauptet man, es sei notwendig sie zu integrieren, dann unterstellt man, daß sie getrennt sind, statt zu begreifen, daß sie nur getrennt erlebt werden. Die funktionelle Orgonomie bietet ein solides, natürliches und biologisch fundiertes Verständnis der Tatsache, daß diese Spaltung nicht existiert; und sie bietet ein Konzept wie man, stellt sie sich im symptomatischen Verhalten dar, mit ihr arbeiten kann.

Dieser Artikel beinhaltet nichts wirklich Neues. Es ist ein Versuch, den Unterschied zwischen Psychologie und funktioneller Orgonomie zu verdeutlichen und zu zeigen, warum dieser Unterschied so wichtig ist. Reichs Erkenntnisse und seine Arbeit geben uns die Möglichkeit, die Wurzeln des Menschen in der Natur und in den rationalen Gesetzen, die beides, die Natur und den Menschen bestimmen, zu verstehen. Dies ist eine Gelegenheit, über symptomatisches Verhalten und Psychologisieren hinauszugehen, um ein tieferes Verständnis des Menschen zu erreichen. Der Wert der Entdeckungen Reichs kann nicht überschätzt werden.

Erläuterungen:

Diese Kreisbewegung des Energietransports weist stark auf Reich’s Konzept der Pulsation und der Kreiselwelle hin. Sie deutet daraufhin, daß die grundlegenden Energiefunktionen, wie sie von ihm verstanden wurden, lebendig und gut sind und in unseren Zellen funktionieren.

Eine andere Möglichkeit zwischen funktionaler Orgonomie und Psychologie zu unterscheiden ist in den Begriffen „Bewegung“ und „Verhalten“ zu denken. „Bewegung“ ist der natürliche Ausdruck des Organismus, während „Verhalten“, im Verständnis der Psychologie die bedeutungsvollen, sinnvollen Handlungen einer Person umschreibt.

Masochismus kann nun auf energetischer, d.h. auf biologischer Basis diagnostiziert und charakterlich beschrieben werden. Insofern ist eine genauere diagnostische Vorgehensweise ermöglicht. Nicht alle selbstbestrafenden Strukturen sind notwendigerweise masochistische Strukturen.

Der Artikel erschien erstmals in „Energy and Character“. Die hier benannte Quelle ist ein Nachdruck des Originals, erschienen im „Bio-Energy Journal“, Kanazawa, Japan.

Fortsetzung in „BUKUMATULA“ 5/89

Bibliographie:

Reich, Wilhelm, Orgonomic Functionalism: Part II, Orgon Enrgy Bulletin, 2; 1-15, 1950.
Reich, Wilhelm, Function of the Orgasm, The Noonday Press, New York, 1967.
Efron, Arthur, The Sexual Body: An Interdisciplinary Perspective, Vol. 182, 1985.
Lowen, Alexander, The Language of the Body, Collier Books, New York, 1985.
Lowen, Alexander, Bioenergetics, Penguin Books, New York, 1975.
Kurtz, Ron, Hakomi Therapy, Hakomi Institute, Box 1873, Boulder, Colorado.
Reich, Wilhelm, Character Analysis, Simon and Schuster, New York, 1976:
Reich, Wilhelm, Ether God and Devil; Cosmic Superimposition, Farrar, Strauss and Giroux, New York, 1973.
Efron Arthur, Wilhelm Reichs Function of Orgasm, the impossible Task, Journal of the Center for the Study of Bio-Energy, No. 2, March, 1984, Kanazawa, Japan.
Dillardm, Annie, Pilgrim of Tinker Creek, Harper and Row, New York, 1974.