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Archiv ‘1995’ Kategorie

Buk 1/1995 Leidenschaft der Jugend

Bukumatula 1/1995

Leidenschaft der Jugend

Beatrix Teichmann-Wirth:

Für BUKUMATULA hat Beatrix Teichmann-Wirth Wilhelm Reichs kürzlich auf Deutsch erschienene Autobiographie „Leidenschaft der Jugend“ gelesen.

Das Vorhaben, Wilhelm Reichs Buch zu rezensieren, will nicht gelingen. Beim Versuch schleicht sich ein Gefühl des Unbehagens, der Scham (?) ein. Einzugreifen in die Intimsphäre, etwas preiszugeben, zu veröffentlichen, über zutiefst Persönliches zu schreiben erscheint nicht angemessen. So will ich mich auf weniges beschränken. Eher aufmerksam machen als zu re-zensieren, mehr einladen zum Selbstlesen als vorwegzunehmen.

„Ich will ehrlich sein: Auch mir kam oft der Gedanke, das soll und will gelesen sein – und doch ist mir der Gedanke, irgendeiner sollte dies lesen, unheimlich!“ schreibt Wilhelm Reich.

Auch mir ist bei der Lektüre dieses Buches bisweilen „unheimlich“ geworden. Unheimlich vor allem wegen der radikalen Offenheit, mit welcher Reich über sich und seine Geschichte schreibt. Er schont sich nicht. Wie er sich in seiner Sentimentalität zeigt so auch in der ans Brutale grenzenden Nüchternheit, mit welcher er sich und andere analysiert und beurteilt.

Und immer ist er ein Zerrissener, ein Ringender, der verzweifelt Antwort sucht.

Reich zeigt sich als ein Zerrissener in seiner Beziehung zu Frauen, welche er in Dirnen und Mütter aufspaltet, sie teilweise „seziert“, mit Eigenschaften belegt und verurteilt. Er, der damals 22-jährige – das Alter gilt es bei der Lektüre zu bedenken – ist hin- und hergerissen zwischen Idealisierung und Abwertung, zwischen Sehnsucht nach Mütterlichkeit und befriedigender Sexualität, welche er nicht vereint findet. Und man gewinnt den Eindruck seiner immerwährenden Suche nach der verlorenen Mutter. Verloren aufgrund des eigenen Verrats -hat er sie doch an den Vater ausgeliefert, indem er ihren Seitensprung verriet. Das darauf folgende Martyrium beendete seine Mutter schließlich mit Selbstmord. Der Vater überlebte sie nur kurz. Und Reich schreibt: „Mag mein Lebenswerk meine Missetat wieder gut machen.“

Noch einmal findet sich die Verbindung von (verbotener) Sexualität und Tod in Reichs Biographie. Dort, wo er mit Lore ein Verhältnis eingeht, welches in einem kalten Zimmer stattfindet und aufgrund einer Lungenentzündung ihren Tod zur Folge hat und des weiteren den Selbstmord ihrer Mutter.

Auch was seine Sehnsucht nach Familie betrifft, ist Reich ein Zerrissener. Beneidet er auf der einen Seite die gutbürgerlichen Töchter und Söhne, deren Mütter sonntags mit dem Essen auf sie warten, so findet er auf der anderen Seite die Lügen und Konventionen unerträglich.

Er zeigt sich in seiner Zerrissenheit zwischen ehrgeizigem Angetriebensein und der Sehnsucht nach „einem Augenblick Nichtschaffens, Nichtleistens, nach einer Sekunde trägen Nichtstuns!“ In seinem Schwanken zwischen Sentimentalität und Eitelkeit auf der einen Seite und bis an die Selbstzerfleischung gehender trockener Analyse auf der anderen.

Reich zeigt sich in seinen Anflügen von Selbstüberhöhung, seiner Depression, seiner Trostlosigkeit und Minderwertigkeitsgefühlen und vor allem in seiner Verzweiflung.

Er zeigt sich in seinem seit Kindheit währenden Außenseitertum und in seiner Einsamkeit.

Reich zeigt sich.

Ist zu hoffen, daß das Buch liebevolle Augen erreicht und nicht an solche gerät, welche einmal mehr Ansatzpunkte für Angriff und Diffamierung suchen. Davon würden sie in diesem Buch nämlich genügend finden.

Wilhelm Reich: Leidenschaft der Jugend. Eine Autobiographie.
1897-1922. Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch: Köln, 1994.

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  • Buk 1/95 Leben will ich, leben!

    Bukumatula 1/1995

    Leben will ich, leben!

    Bernhard Hubacek:


    Als vor einigen Jahren am Lusterboden des Wiener Burgtheaters „Rede an den kleinen Mann“ aufgeführt wurde, saß ich neugierig in den vorderen Reihen halbrechts. Die Arbeiten Reichs waren mir zu diesem Zeitpunkt nur sehr unvollständig und oberflächlich bekannt. Zwar befand ich mich gerade in einer Ausbildung zum Körperpsychotherapeuten, aber dort wurden die Arbeiten Reichs mehr erwähnt als erklärt.

    Es sollte ein eindringlicher, in seiner Intensität fast beklemmender Theaterabend werden. Ich erinnere mich noch gut an die dichte Spannung, die sich im Publikum breit machte und bis zum Ende hin ständig anstieg. Tief beeindruckt machte ich mich auf den Weg nach Hause.

    In der Folge bemühte ich mich verstärkt, ein besseres Verständnis von Reichs Arbeiten zu gewinnen. Mein Interesse war zwar geweckt, aber ich stieß bald an Grenzen. Hatte ich mich eine Zeitlang tapfer durch die mir gerade zugänglichen Bücher gewühlt, so legte ich sie doch ebenso oft wieder ratlos zur Seite. Ich fühlte mich von der Idee des Lebendigen angezogen, versuchte zu verstehen, aber begriff nicht wirklich. Vor allem wußte ich nicht, daß mir gerade das persönliche Erleben auf diesem Gebiet fehlte. Ganz ähnlich erging es mir in meiner damaligen Psychotherapie: Ich steckte fest, bestimmte Themen waren mehr oder weniger „durchgearbeitet“, eine oberflächliche Schicht meiner Gefühlswelt war freigelegt und mir so besser zugänglich geworden, aber für mein tägliches Leben schien dies alles keine wirkliche Bedeutung zu haben. Innerlich war ich im Grunde unberührt geblieben. Etwas Entscheidendes fehlte. Ich wußte nicht was.

    Eines Tages saß ich während einer Stunde wieder auf meinem Polster. Mein Therapeut saß in etwa eineinhalb Meter Abstand entfernt von mir an die Wand gelehnt, und sah mir freundlich interessiert zu, wie (s)ich nichts tat. Draußen war’s schön, die Sonne schimmerte herein. Ich atmete schwach und hörte mich plötzlich leise sagen: „Ich möchte gerne, daß wir endlich was mit dem Körper machen“. Eine Weile geschah nichts. Die genaue Antwort ist mir nicht mehr erinnerlich, wohl aber der überrascht-irritierte Ausdruck in seinem Gesicht. Mir wurde klar, daß der Mann mindestens genauso viel Angst vor Kontakt hatte wie ich. Oder noch mehr.

    Mit einem Mal wurde die ganze resignative Kontaktlosigkeit in mir nach oben gespült. Alles genau wie Reich es beschrieben hatte.

    Ich betrachtete dieses wichtige Erlebnis als Signal für Veränderung und beendete diese Art von Therapie kurze Zeit später.

    Die Begegnung mit Loil Neidhöfer, Petra Mathes und dem Wiener SKAN-Kreis kam für mich gerade zur rechten Zeit – und führte mich wieder direkt zu Reich zurück. Erstmals spürte ich etwas von dem, was in den Büchern zu lesen war! Ja, da gab es eine sehr reale Sehnsucht nach einem anderen, lebendigeren und kontaktvolleren Leben.

    Reich schrieb über die Entdeckung der Lebensenergie: „Wir müssen fragen: War die Unkenntnis des Lebendigen bloß Resultat mangelhafter Denktechnik und ungenügender Forschungsergebnisse? Oder war sie Resultat einer charakterlichen Hemmung, sozusagen unbewußte Absicht? Die Geschichte der Wissenschaft läßt keinen Zweifel darüber, daß das Lebendige nicht erforscht werden durfte; daß es die maschinell-mystische Struktur des Menschentiers über Jahrtausende war, die mit allen, aber auch allen erdenklichen Mitteln die kosmischen Grundlagen des Lebendigen aus der Erforschung ausschloß.“

    Ja, es durfte nicht. Ich durfte nicht. Da gab’s in mir ein Verbot, das ich von nun an mit allen Mitteln außer Kraft setzen wollte.

    Reich! Er hat sich bei der Erforschung des Lebendigen durch nichts und niemanden abhalten lassen. Er hat die Funktion der orgastischen Plasmazuckung entdeckt und damit die Grundlage für die Erforschung elementarster Lebensfragen geschaffen: das biologische Fundament seelischer Erkrankungen war ebenso davon berührt wie die tiefsten kosmischen und spirituellen Sehnsüchte der Menschen, das Übel der Krebskrankheit, die Strahlengefahren bis hin zur Erschließung neuer Energiequellen und noch viel mehr.

    Ich hatte Reich folglich in seinen Arbeiten immer als disziplinierten, klar formulierenden Wissenschafter, Arzt und Psychotherapeuten gesehen, als kompromißlosen Forscher auch, für den die Psychoanalyse nur Ausgangspunkt seiner Arbeiten war und niemals Heimat sein sollte.

    Nun habe ich gerade die autobiographischen Tagebuchnotizen und Briefe aus Reichs früher Kinder- und Jugendzeit gelesen. Ich spüre: Da wächst ein neues, zärtliches Gefühl für Reich heran. Eine neue Beziehung entsteht. Das von mir bewunderte vielseitige Genie tritt in den Hintergrund, die klare, kompetente fachliche Autorität wird weniger wichtig. Die scharfen Konturen des Bildes, das ich mir von Reich gemacht habe, verändern sich, werden weicher, beginnen zu verschwimmen.

    Ja, Reich, immer wieder muß ich das Foto betrachten, aufgenommen 1900, im Alter von drei Jahren. Du hältst ein Schaukelpferd. So weich und warm siehst Du aus, so einsam, so verletzt.

    Du liegst mit einer Gruppe von Jugendlichen auf einer Wiese, ein Mädchen schmiegt sich an Dich, so sinnlich bist Du, so ungepanzert!

    Dein Schicksal ist ergreifend. Woher nimmst Du die Kraft? Wie kannst Du Dich so fanatisch dem Lebendigen verschreiben, wo der Tod und die Tragödie immer in so unmittelbarer Nähe lauem? Wie schaffst Du das?

    Weil Du ein Liebender bist!

    Wahrnehmung und m Einklang mit der Atmung und den Körperempfindungen zu ersetzen. In dir brennt es : „Leben will ich, leben, aber in einem anderen Sinn als Ihr es von mir fordert! Leben, leben, ich schreie und lechze danach, nicht vegetieren, nicht kriechen, nicht wegen 200 Kronen meine Eigenwürde aufgeben …“

    Reich fühlt sich schuldig am Selbstmord seiner Mutter. Er hat ihren Seitensprung mit dem Hauslehrer dem strengen Vater verraten und dessen grausame Bestrafungsrituale miterlitten. Häufig verflucht er den Vater, muß sich zuhause einsperren lassen, darf bis zu seinem elften Lebensjahr nicht mit anderen Kindern spielen. Aber so sehr Vater „die Tür verrammelt“, sich sein fordernder Ehrgeiz über ihn ausbreitet, dürstet er doch nach Lust und Leben, hält mit aller Kraft dagegen, auch wenn es ihm manchmal scheint, als müßte er „alles mühsam suchen und finden, was anderen von selbst in den Weg läuft“. Als Bub muß er Auszeichnungen nach Hause bringen, sich „am Klavier vor fremden, zuwideren Leuten produzieren“, weil ER die Lehrerin bezahlt.

    Reichs Vater führt seinen Sohn in Gesellschaft regelrecht vor, läßt ihn Französisches aufsagen, mißbraucht ihn: „Soll ich denn für mein Geld von meinen Kindern keine Freude haben?“ ist er sich seiner selbst scheinbar sicher.

    Reich leidet darunter und sieht doch den „intelligenten und klugen Mann“ im Vater, den er nicht nur hassen, sondern eben auch lieben kann. Bisweilen zieht er sich in seine Bücher und Träume zurück, wird „ernst und mürrisch vor der Zeit“ und kriecht doch gleich wieder förmlich aus sich heraus, „als eine neue Köchin ins Haus kommt und neue reale Lust zu wittern ist“.

    Als nach der Mutter auch der Vater stirbt, Reich ist gerade 17 Jahre alt, spürt er vor allem Schmerz über die Fremdheit, die zwischen ihm und dem Vater geblieben ist.

    Reich schreibt, er habe nie um Vater und Mutter geweint, „wie’s vorgeschrieben ist“, denn er weiß: „Die bewußte Liebe zu ihnen wird nie verschwinden. Was soll die Trauer? Zugeständnis aufdringlicher Gefühle an die Mitwelt? Das ist meine Trauer: Jenes Zusammenziehen des Herzens, das aufs Hirn übergreift und im Schlucken behindert, das auftritt, wenn man am allerwenigsten daran denkt, das ist meine Trauer, mein Wehe, das nie laut wird, sondern wie eine Welle in mir aufsteigt und in sich selbst zurückversinkt.“

    Gefühle von Einsamkeit, Verzweiflung, Leere und Verlassenheit begleiten Reich zeitlebens, nehmen ihn aber nie gefangen. Er erfreut sich seiner früh erwachten sexuellen Lust, versehrt sich, läßt nichts aus, stolpert von einer Liebschaft in die nächste, „auf blinder Suche nach dem Glück, einen Menschen zu haben, einen ganz allein, doch den voll und ganz“ und sprengt die selbst gelegten Fesseln gleich ohne Zögern, sobald er sie als solche wahrnimmt.

    Zu Kriegsbeginn kämpft Reich an der Italien-Front und weiß genauso wenig Antworten auf das warum und wozu wie alle anderen. Wichtig scheint nur: Gegen wen. Im Krieg wird auch einer wie Reich zum Teil der Maschinerie. Gewöhnung und Abstumpfung machen sich schnell breit: „In den ersten Nächten hatten alle Angst. Dann gewöhnte man sich daran und legte sich automatisch flach auf den Boden, ebenso wenn Scheinwerfer oder Raketen leuchteten. Ab und zu schrie einer auf und wurde davongetragen. Das ging mit der Zeit ganz automatisch wie in einem wohlgeordneten Büro.“

    Wieder zurück im Nachkriegs-Wien, Reich hat alles verloren und lebt in bitterer Armut, stürzt er sich sofort wieder hinein – ins Leben: Sich selbst und andere stets bis an die Grenzen des Erträglichen fordernd und manchmal darüber hinaus, in eiskalten Räumen mit Handschuhen und Mantel studierend, mehr unglückliche als erfüllte Liebschaften anziehend.

    Reich zeigt sich in einer für mich bisher unbekannten Weise: Bisweilen sehr sentimental, richtig wienerisch, pathetisch, kokettierend. Aber doch immer mit wahrhaftiger, liebevoller Stimme.

    Ich habe ihn lieb gewonnen, diesen immer ein bißchen unzufriedenen, idealistischen jungen Grübler, diesen wachen Querkopf voll Tatendrang und vitaler Energie.- Sein leidenschaftliches In-der-WeltStehen beeindruckt und regt immer noch auf Gut so, gerade jetzt!

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    Bukumatula 1/1995

    Bemerkungen über Körperarbeit und `Streaming Theater´

    Al Bauman
    Übersetzung Brigitta Bolen, Wolfram Ratz und Andrea SchlegelhoferAl Bauman:

    Es war 1952 oder 1953. Ich saß mit Reich auf einem Balkon in Orgonon, als er mich mit einer Frage überraschte. „Glaubst du, daß ich irgendetwas getan habe?“ Und er fuhr fort, während er auf die Hügel am Horizont deutete: „Nein, ich habe die Fähigkeit zu wissen, was auf dem Gipfel dieses Hügels dort drüben ist. Etwas tun bedeutet jedoch, diesen Hang hinunterzugehen, das Tal zu durchqueren und den Gipfel des Hügels drüben zu besteigen.“

    Sobald die Panzerung sich gelöst hat, besteht die Möglichkeit, den Charakter zu ändern.

    Reich hat geschrieben, daß der Charakter sich in Form von Strategien und Gewohnheiten entwickelt, die Kinder anwenden, um sich vor ihren besten Instinkten zu schützen. Von den vielen Kindern, die ruhig gehalten werden – „Kinder soll man sehen, aber nicht hören“ – bleiben manche stumm, manche schreien, manche singen, andere wiederum sprechen nur, nachdem sie ihre Umgebung mißtrauisch gemustert haben, manche setzen tuschelnd Tratschgeschichten in die Welt etc.

    Panzerung hat viele Ausdrucksformen. Ihre Strategien beginnen automatisch abzulaufen, und es gibt Entsprechungen in allen Teilen des Körpers.

    Wenn nun die Panzerung sich löst, nachdem die Gefühle, die gegen die Panzerung gerichtet sind – Wut etwa – ausgedrückt worden sind, ist es notwendig, die darauf folgende Bewegung der freiwerdenden Energie im Körper – das Strömen – wahrzunehmen und zu fühlen.

    Simeon Tropp wollte während meiner therapeutischen Sitzungen bei ihm immer, ich solle ihm über neue Empfindungen, bewußte Wahrnehmungen und Verhaltensweisen aus der Zeit zwischen den Sitzungen berichten.

    Während einer kurzen Periode von einer Woche brachte ich meine Strömungsgefühle zeichnerisch zu Papier. Als ich diese etwa 50 Zeichnungen Simeon zeigte, fragte er mich, ob ich jemals Anatomie studiert hätte.

    Keine Bewegung ohne emotionalen Ausdruck

    Er meinte, daß bestimmte Feinheiten der Anordnung und der Beziehung von Knochen zueinander nur durch ein solches Studium erlernt werden könnten. Ich hatte natürlich nicht Anatomie studiert.

    Physische Bewegung kann von jedem Teil des Körpers ausgehen. Man kann den Körper zum Beispiel beim Gehen von den Knien, von der Stirn, von den Augen, vom Becken, vom Brustkorb, von den Händen usw. aus leiten lassen.

    Ich habe für diese Punkte den Ausdruck „pivot points“ – Angelpunkte -gewählt. Das sind Punkte, um welche der Körper sich dreht, das Gleichgewicht verlagert, und, unterstützt durch vollständige Atmung, die spezielle Bewegungsenergie – das „Momentum“ erzeugt.

    Wenn ein Athlet oder Tänzer sich ständig um seine pivot points bewegt und es dem ganzen Körper erlaubt, diese Bewegung anzunehmen, so wird das als „being in the zone“ bezeichnet.

    Es gibt keine Bewegung, die nicht gleichzeitig emotionalen Ausdruck zeigt. Und es gibt keinen Katalog mechanistischer Entsprechungen von Bewegungen, die von einzelnen Körperteilen ausgehen und von bestimmten Gefühlen. Wenn der Brustkorb die Bewegung führt, kann einmal Arroganz vorherrschen, dann wieder Sehnsucht, wieder ein anders Mal Traurigkeit usw.

    Die Möglichkeit, einen neuen Charakter zu entwickeln wird genährt
    durch das Erlebnis und das Annehmen der Funktionsweise des
    gesamten Körpers, um die Automatismen durch bewusste Wahrnehmung und im Einklang mit der Atmung und den Körperempfindungen zu ersetzen.

    Dabei können zahllose Zusammenhänge und Folgen beobachtet werden. Einer der bemerkenswertesten Aspekte bei der Entwicklung eines neuen Charakters durch Konzentration und Übung ist die Erfahrung, daß Sprache und Ausdruck von der Biologie ausgehen, von inneren Quellen über die Muskulatur usw. in den Ausdruck gelangen.

    Dieser Entdeckung, die neue Wege in der Arbeit an der menschlichen Gesundheit, in der Kunst und für Änderungen in unserer Umwelt eröffnet, habe ich den Namen „Streaming Theater“ – Strömendes Theater – gegeben.

    Egal in welcher Disziplin – ein Therapeut/Begleiter kann einen Klienten nicht dazu bewegen, sich weiter als an die Grenzen des Therapeuten/der Therapeutin selbst heranzuwagen. Er könnte ihn ja dann dorthin auch nicht mehr begleiten. Das ist besonders wichtig bei der Lösung der Beckenpanzerung und dem Entstehen des vollen Orgasmusreflexes, verbunden mit der Hingabe an ein vollständiges Strömungsempfinden. Gerade in dieser Situation ist es für Therapeuten unumgänglich, über ihre eigenen Grenzen Bescheid zu wissen und im Umgang mit dem Klienten kein durch Panzerung hervorgerufenes Verhalten einzusetzen.

    Vor allem dann, wenn ein Teil des Oberkörpers von der Panzerung befreit wurde, besteht ein starker Drang nach Erfüllung. Angst und Schmerz können sich dann zur Struktur verhärten, wenn die Orgasmusangst und die Lösung der Beckenpanzerung vermieden werden.

    Unter den sogenannten Professionals können diejenigen, die es sich so eingerichtet haben, daß sie, ohne vollständige Strömungserfahrungen zu machen und mit der Frustration, die mit der Beckenpanzerung verbunden ist, leben, mächtige Triebkräfte der „Emotionalen Pest werden.- Die häufigsten Symptome, abgesehen von Tratsch und Sticheleien, sind:

    1. die Polarisierung von denken und Fühlen, Intellekt versus Strömen,
    2. die Schaffung von professionellen „Lobbies“ – Gesellschaften, um ökonomische und professionelle Interessen zu schützen.

    Ein anderes Symptom, das einer Stellungnahme bedarf, hat mit „Spiritualität“ zu tun. Genauer gesagt meine ich damit bestimmte Praktiken, die ihren Ursprung im Osten haben und in deren Mittelpunkt ein Guru steht, seine Person, seine Worte und seine Anweisungen.

    Das Überschreiten gedanklich konstruierter Grenzen

    Für mich gilt hier Reichs Konzept der „Counter Truth“ – Gegen-Wahrheit, die nichts Falsches zeigt, sondern für Handlungen und Konsequenzen im Rahmen von gepanzertem Leben wahr ist.

    Ich fühle zum Beispiel immer eine Art von Dankbarkeit, wenn ich Menschen in die etablierten Kirchen gehen sehe; vielleicht verringert das ihre Neigung zu Gewalttätigkeit.

    Beim ‚Therapeuten/Begleiter scheint das Einschlagen des „spirituellen Weges“ die Unfähigkeit zu zeigen, sein/ihr sich ausdehnendes Energiefeld zu benützen, um die gedanklich vorgefaßten Grenzen zu überschreiten.

    Das Erlebnis von ungepanzertem Strömungskontakt im Universum öffnet die Möglichkeit der Identifikation mit der kosmischen Energie und nährt die eigene Ganzheit und Lebensfreude.

    Unsere immerwährende Herausforderung:

    Uns mit offenem Herzen bewegen und gleichzeitig

    der Realität lebendig begegnen.

    „To move with open heart“ erschien im Oktober 1993 in SKANReader Nr. I. Die Übersetzung ins Deutsche besorgten für BUKUMATULA Brigitta Bolen, Wolfram Ratz und Andrea Schlegelhofer.

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  • Bukumatula 2/1995

    Reichs Weg zum genitalen Charakter

    Redaktioneller Vorspann zu Loil Neidhöfers Artikel
    Wolfram Ratz:

    Der psychoanalytische Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt Wilhelm Reichs bildete die Untersuchung der Triebenergetik auf Grundlage des Libidokonzepts Sigmund Freuds. Da die Begriffe „Genitalität“ und „orgastische Potenz“ von grundlegender Bedeutung für Reichs Werk sind, habe ich in aller Kürze versucht den Weg Wilhelm Reichs dorthin – und nachfolgend zum „genitalen Charakter“ – nachzuzeichnen.

    Wenn Reichs erster Artikel „Über Genitalität“ aus dem Jahr 1923 ein eher bescheidener Beitrag zur bereits bestehenden psychoanalytischen Literatur war, kam Reich in der Folge zu der heftig umstrittenen Schlußfolgerung, daß alle neurotischen Patienten genital gestört seien. Das heißt, keiner erlange die volle Befriedigung im Geschlechtsverkehr, wobei er sich neben seinen eigenen Beobachtungen – wie auch sonst so oft – auf Äußerungen Freuds – in diesem Fall aus dem Jahr 1905, bezog , daß „keine Neurose möglich ist mit einer normalen vita sexualis“. In der Internationalen Zeitschrift fair Psychoanalyse erschien 1924 ein weiterer Artikel Reichs, wo erstmals der Begriff „orgastische Potenz“ auftauchte. Sie fehle den Patienten, auch wenn sie im herkömmlichen Sinne des Wortes „potent“ waren. „Orgastische Potenz“ beinhalte etwa das Zusammenspiel von zärtlichen und sinnlichen Strebungen gegenüber dem Partner, rhythmische Bewegungen während des Verkehrs, ein Hinübergleiten in einen Zustand ohne Bewußtseinstätigkeit auf der Höhe der sexuellen Erregung, Zuckungen der gesamten Muskulatur während der Phase der Entladung und schließlich Gefühle der wohligen, entspannten Ermattung nach dem Geschlechtsakt.

    1925 erschien der Aufsatz Die Rolle der Genitalität in der Neurosentherapie, wo er auf die „unwillkürliche Hingabe“ und die Einbeziehung des gesamten Körpers in die Genitalität zu sprechen kommt. Entladung der sexuellen Energie sei nur über die Genitalien möglich: „Die prägenitalen erogenen Zonen … können nur einer Steigerung des Erregungszustandes dienen“. Damit wurde klar, daß Patienten, die Reich, ebenso wie die anderen Analytiker als sexuell „normal“ eingestuft hatten, diese Forderungen nicht mehr erfüllten. 1927 erschien das Buch Die Funktion des Orgasmus, worin er seine Erkenntnisse detailliert zusammenfaßte.

    Genitaler Charakter

    Zu den psychoanalytischen Charaktertheorien war Reichs Beitrag zur Unterscheidung neurotischer Charaktertypen bedeutend. Noch bedeutender aber war, daß er zu den Charaktertypen einen weiteren Typus hinzufügte: den genitalen Charakter. Basis war das Vorhandensein oder das Fehlen der orgastischen Potenz. Damit verband Reich die Charakteranalyse mit seinen Forschungen zur Genitalität. Orgastische Potenz oder die ungehemmte Erlebnisfähigkeit der Genitalität wurde zum erklärten Ziel der Charakteranalyse. Auf die Kritik, daß der genitale Charakter eine utopische Paradiesvorstellung wäre, entgegnete Reich, daß er ebenso empfänglich für Unlustgefühle sei, nicht nur für Lust: „Die Fähigkeit, Unlust und Schmerz zu ertragen, ohne enttäuscht in die Erstarrung zu fliehen, geht einher mit der Fähigkeit, Glück zu nehmen und Liebe zu geben. Um mit Nietzsche zu sprechen: Wer das Himmelhoch-Jauchzen lernen will, muß sich auch für das Zu-Tode-Betrübt bereit halten.“ (FO, S.153)

    Reich sagte, daß auch der genitale Charakter gepanzert ist, aber daß er „schmiegsam genug“ sei, um auf verschiedenste Lebenssituationen angemessen zu reagieren: „Der genitale Charakter kann sehr fröhlich, aber er kann, wenn nötig, auch sehr zornig sein; er reagiert auf Objektverlust mit entsprechender Trauer, aber er verfällt ihr nicht; er kann intensiv und hingebend lieben, aber er kann auch energisch hassen; er kann in entsprechenden Situationen kindlich sein, wird aber nie infantil erscheinen; sein Ernst ist natürlich, nicht kompensierend steif, weil er keine Tendenz hat, sich partout erwachsen zu zeigen.“ (CA, S.131) Reich war sich bewußt, daß der „genitale Charakter“ ein Konstrukt war, der einen Idealtypus darstellte: „Hinsichtlich der qualitativen Unterschiede sind der genitale und der neurotische Charakter als Idealtypen aufzufassen. Die realen Charaktere stellen Mischformen dar, und es kommt bloß auf die Entfernung von dem einen oder anderen Idealtypen an, ob die Libidoökonomie gewährleistet ist oder nicht.“ (CA, S.226)

    Nachsatz:

    In seinem letzten Lebensjahrzehnt schrieb Reich kein therapeutisches Hauptwerk mehr. Die naturwissenschaftliche Erforschung der Orgonomie nahm ihn ganz in Anspruch.- In der Supervision seiner Mitarbeiter und in seiner Weiterentwicklung des therapeutischen Ansatzes jedoch zeigt sich ein bisher unbekannter, weicherer und umfassenderer Reich.- Reich, am 26.08.1956 in einem Vortrag in Orgonon (das Transkript erschien in „Orgonomic Functionalism“, Vol.II, S.68, Rangley 1991): „ …But I think there is a deeper function there. And that is the constant feeling of human beings, which is hidden in neurotics and biopathic, amored individuals, but quite manifest in what we call „healthy people“. (We should get away from that term, too. Jr becoms a religion again.) And that is a feeling of a separation from something. lt is most clearly expressed in the pain, in the aching pain of beeing separated from the beloved, whether child, or wife, or husband, with a longing to unite again, to be together again, to be in contact again. But I think that this love experience is one of the function, one of the variants of a much deeper thing. Somehow, you think such thoughts on very quiet nights, no noises around except the high wind, thoughts of beeing separated from the cosmic orgone energy ocean, of being singled out, so to say. „- Und an anderer Stelle: „ There is developement, there is functioning, there is process. What we have to do is to think in the direction of where does the pulsating system, the closed system, develop out of the orgone energy ocean and, with that, where does self-awareness begin to develop? (..) I learned to respect religious thought. I have to confess that. I did not twenty years ago. I began to see how deep the religious probing goes, how deep down,…“ (a.a.o., S.66)

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  • Buk 2/95 Genitalität und genitale Angst

    Bukumatula

    Reichs Weg zum genitalen Charakter

    Loil Neidhöfer:

    Die Reichsche Körperarbeit hat eine klare Zielsetzung: die Herstellung des vegetativen Ganzheitsempfindens durch die schrittweise Auflösung der Panzerung.

    Entscheidend für die letztendliche Wiederherstellung der durch die Panzerung zersplitterten „Einheitlichkeit des Körpergefühls“ (Reich) ist die Lösung der Beckenpanzerung, die einhergeht mit der Herausbildung des Orgasmus-Reflexes, welcher schließlich eine gesamtorganismische Entladung akkumulierter pathogener Energiebeträge in der genitalen Umarmung ermöglicht. Wird die Fähigkeit zur gesamt-organismischen orgastischen Entladung dauerhaft etabliert und gelebt, dann wird der Organismus von der einheitlichen pulsatorischen Bewegung der natürlichen Körperenergien erfaßt. Reich spricht hier vom vegetativen Einklang des Ichs mit der Natur. (1)

    Wegen der herausragenden Bedeutung der entwickelten genitalen Sexualität und ihres Kriteriums, der orgastischen Potenz (2), für die Wiedererlangung der verlorenen vegetativen Ganzheit, spricht er von sexualökonomischer Gesundheit als dem definierten Therapieziel, oder kurz von Genitalität.

    Genitalität als generelle therapeutische Zielrichtung

    Durch die gegebene Zielsetzung Genitalität und die ihr innewohnende Dynamik erhält die Arbeit von vornherein eine Ausrichtung, eine gewisse Zwangsläufigkeit, Ordnung und Logik im Ablauf. (Von dem ebenso zwangsläufig auftretenden Chaos, der Verwirrung, dem Unberechenbaren, Unverständlichen, der Stagnation wollen wir hier einmal absehen.)

    In der konkreten Arbeit ist Genitalität meistens lange Zeit kein wirkliches Thema, auch wenn sie dem Klienten als theoretisches Modell oder auch als persönliche Sehnsucht bewußt sein mag. Zu einnehmend ist die meist langwierige Durcharbeitung der unabweisbaren prägenitalen Themen, die Lösung der oberen Segmente, die oft alle Kraft und allen Mut des Klienten erfordern.

    Aber die Therapeutin muß auch bei der Arbeit an den prägenitalen Themen die Genitalität des Klienten im Auge behalten. D.h. sie muß nicht nur die spontanen vegetativen Reaktionen im Sinne eines segmentären „Tiefergehens“ registrieren, sondern auch die subtilen und versteckten Hinweise auf bevorstehende oder mögliche kleine und große vegetative Durchbrüche aufmerksam beobachten und den Klienten dort aktiv unterstützen.

    Ebenso muß die Therapeutin ihre Interventionen nach dieser allgemeinen Zielrichtung ausrichten und den kürzesten Weg zu sexualökonomischen Gesundheit des Klienten suchen. (3)

    Diese Zielrichtung ist – im Kontext der Reichschen Lehre von der segmentären Anordnung der Panzerung – konkret genug, um der weit verbreiteten therapeutischen Interventions-Beliebigkeit vorzubeugen. Gerade in der Körpertherapie geschieht heutzutage zuviel nach dem Motto: „Mal sein, was passiert.“

    Passieren tut immer was, besonders, wenn man jemanden im Feld eines energetisch hochgeladenen Settings körperlich berührt. Es ist sehr leicht, dramatische Effekte zu erzielen, die jedoch nicht per se therapeutisch wirksam, d.h. heilsam sind. Therapeutische Beliebigkeit ist letztlich ein Hinweis auf die unreflektierte und unbearbeitete genitale Angst des Therapeuten, worauf wir später zu sprechen kommen.

    Schließlich wirkt die grundsätzliche Zielgerichtetheit in der Arbeit auch einer weiteren grassierenden Therapeuten-Unart entgegen: viele Körpertherapeuten sehen sich gerne in der Rolle des „Begleiters“, der dem Klienten non-direktiv überall hin folgt (und ihn somit nirgends hinführt). Körpertherapeuten sind keine neutral-freundlichen Begleiter. Sie haben ihre Klienten beständig an ihre Grenzen, an die Schwellen neuer, tieferer Erfahrungs-Räume im eigenen Organismus zu führen und müssen sie dabei unterstützen, sich diese Räume zu eigen zu machen. Dabei nehmen sie aktiv Einfluß auf die Klienten und auf die Beziehung. Daß therapeutische Aktivität in der Körperarbeit oft genug darin besteht, aus dem Weg zu gehen und Raum zu geben, steht hierzu nicht in Widerspruch. Aufgrund ihres spezifischen Wissens und ihrer Erfahrung müssen Körpertherapeuten bereit sein, die Verantwortung für diese oft energische Einflußnahme zu übernehmen. Ist der Prozeß der segmentären Entpanzerung erst einmal in Bewegung gekommen, merken die Klienten meistens sehr genau, ob der Therapeut sie nur „überall hin begleitet“ oder ob er sie herausfordert zu wachsen. Gerade in der Körpertherapie bewahrheitet sich der Satz, daß Wachstum durch Herausforderung, Anforderung und Konfrontation auf der Basis einer respektvollen und freundschaftlich-liebevollen Beziehung geschieht.

    Genitalität bei Reich

    Körpertherapie, die auf Reichs Konzept der Sexualökonomie beruht, ist keine spezielle Sexualtherapie, die an der Symptomatik der sexuellen Dysfunktionen ansetzt. Sie ist auch keine technisch-funktionale Körperarbeit, die auf die Herausbildung des Orgasmus-Reflexes abzielt. Genitalität und orgastische Potenz sind keine Therapieziele, die strategisch erreichbar oder gar einübbar sind, sondern stellen sich ein, wenn der Organismus Segment für Segment korrekt durchgearbeitet wird.

    Genitalität hat bei Reich verschiedene Aspekte: Gemeint ist zunächst und vor allem die Fähigkeit zur orgastischen Entladung angestauter Energie in der genitalen Umarmung. Darunter ist nicht (wie etwa bei Kinsey oder Masters und Johnson) ein irgendwie zustande kommender und nicht näher qualifizierter sexuell-genitaler „Höhepunkt“ zu verstehen; vielmehr beschreibt Reich verschiedene einander bedingende qualitative Merkmale orgastischer Potenz (4), z.B. den freien Fluß der natürlichen Körperenergien durch alle Segmente (beobachtbar z.B. an der Atemwelle und der einheitlichen, lustvollen Wellenbewegung des gesamten Organismus (Orgasmus-Reflex) (5)

    • starke unwillkürliche Beckenbewegungen, die kurz vor dem Höhepunkt einsetzen und schließlich den gesamten Organismus erfassen
    • ungebremste Hingabe an diese vegetativen Bewegungen
    • Verweilen in der gegenwärtigen sinnlichen Erfahrung mit der Partnerin („…ungeteiltes Versinken in der strömenden Lustempfindung“) (6). Freiheit von stimulierender Phantasietätigkeit über Dritte oder den Partner während der genitalen Umarmung
    • kurzfristige Bewußtseinstrübung/Kontrollverlust
    • orgonotische Überlagerung (Verschmelzung) mit der Partnerin
    • Rückströmen der Energie, Entspannung, subjektives Gefühl der Befriedigung, kompletter Abbau der Erregung nach dem Orgasmus
    • psychische Aspekte: zärtliche Gefühle, Liebesgefühle und Dankbarkeit gegenüber dem Partner (7).

    Ausgehend von diesen Merkmalen orgastischer Potenz beschrieb Reich die Haltung (das „Gesamtwesen“) des genitalen Charakters, den er scharf vom neurotischen Charakter unterschied. Die Haltung des genitalen Charakters basiert auf der (wieder-) hergestellten vollen sexuellen Erlebnisfähigkeit und zeichnet sich durch vegetative Beweglichkeit und kongruente emotionale Ausdrucksfähigkeit aus. Den wesentlichen Unterschied zum moralisch zwangsregulierten neurotischen Charakter sieht Reich in der sexualökonomischen Selbstregulation. (8)

    Mit der Entwicklung der Orgasmus-Theorie hatte sich Reich bekanntlich von Anfang an Ärger und Feindschaften eingehandelt. Als er 1923 seine Überlegungen zum ersten Mal im Kreise der Psychoanalytiker um Freud vortrug, bemerkte er „eine Vereisung der Atmosphäre in der Versammlung…Als ich endete, herrschte eisige Stille im Raum.“ (9) Dreißig Jahre später bemerkt er rückblickend: „Die meisten Psychoanalytiker waren genital gestört, und deshalb haßten sie die Genitalität. Das ist es.“ (10)

    Genitale Angst

    Genitalität ist auch heute noch in der Körpertherapie ein schwieriges, oft vermiedenes und ignoriertes Thema. Es berührt unsere größtmögliche Lust, Leidenschaft und Sehnsucht und damit unsere größten Ängste, unsere tiefste Scham und Verletzlichkeit. Die Erfahrung tiefer, überwältigender Lust ist untrennbar gebunden an die Fähigkeit und Bereitschaft zur völligen Hingabe, sowohl an die energetische Bewegung im eigenen Organismus als auch an einen Partner; hierzu gehört auch und vor allem die Bereitschaft, sich im Moment überwältigender Angst, tiefer Scham oder sexueller Ekstase zu zeigen, „das Gesicht zu verlieren“. Hingabe und „Loslassen“ wiederum sind in der durchschnittlichen westlichen Sozialisations-Erfahrung schwer traumatisierte Erfahrungsbereiche, so daß mit dem Thema Genitalität unweigerlich auch tiefsitzende Angst, Abwehr und Beziehungsvermeidung manifest werden.

    Im Zusammenhang mit der Erarbeitung der Sexualökonomie machte Reich eine weitere bedeutende Entdeckung, die den Kern der neurotischen Angst betraf. Er stieß auf den gemeinsamen Nenner der vielfältigen Erscheinungsformen neurotischer Angst: die Genitalangst oder Orgasmusangst. „Sie ist die Angst des dem Lusterlebnis entfremdeten Ichs vor der überwältigenden Erregung des Genitalsystems. Die Orgasmusangst bildet den Kern der allgemeinen strukturellen Lustangst …Sie äußert sich gewöhnlich als allgemeine Angst vor jeder Art vegetativer Empfindungen und Erregung oder der Wahrnehmung solcher Erregungen und Empfindungen. Lebenslust und Orgasmuslust sind identisch. Die äußerste Erscheinung der Orgasmusangst bildet die allgemeine Lebensangst.“ (11) (Hervorhebungen von Reich)

    Angst ist ein ständiger Begleiter im Verlauf des Entpanzerungsprozesses. Das Wiederherstellen, das Zurückgewinnen von Lusttoleranz und Strömungsempfinden geschieht Schritt für Schritt und Segment für Segment nur um den Preis bewußt durchlebter Angst, Wut und Trauer. Im günstigen Therapieverlauf erinnert sich der Organismus (physisch und psychisch) an die bedrohlichen Traumatisierungen, mobilisiert genügend aggressive Energie zur

    Auflösung des jeweiligen Panzerungs- bzw. Charakter-Musters, kann trauernd Abschied nehmen von der alten Struktur und ist dann frei für die Aneignung neuer Erfahrungsräume und eine tiefergehende Bahnung des Energiestromes im Organismus.

    Diese Veränderungen geschehen bis zur Auflösung bzw. Antastung der Beckenpanzerung „charakterimmanent“. Vermehrte Lusttoleranz und intensiveres Strömungsempfinden wie auch Symptomauflösungen unterliegen immer noch der Kontrolle und Bremsung in den Grenzen der bestehenden Charakterstruktur.

    Erst die Passage durch die Genitalangst eröffnet die Möglichkeit zu dauerhaften charakterologischen Veränderungen.

    Die Genitalangst ist die kritische Schwelle. Die Konfrontation mit ihr ist total. Sie läßt sich nicht dosieren oder sonstwie im Sinne verhaltenstherapeutischer Angstbewältigung angehen. Man ist irgendwann bereit, sich dieser Erfahrung hinzugeben – oder nicht. Man springt von der Klippe ins Meer – oder man bleibt oben.

    Im Erleben ist die Genitalangst nur zu vergleichen mit realer Todesangst, mit dem Unterschied, daß ein spezifisches Angstobjekt fehlt. Dabei kann es bei der Passage durch die Genitalangst zu verschiedensten Verlaufsformen kommen:

    Die Angst kann nur wenige Minuten auftreten und dann für immer vorbei sein.

    Sie kann über Tage, Wochen oder Monate in wiederkehrenden Schüben auftreten, die von wenigen Sekunden bis zu mehreren Stunden dauern können.

    Sie kann sich im extremen Fall als quälendes, wochenlanges Feststecken in der Angst manifestieren und in der Erscheinungsform agoraphobischen, sozial-phobischen oder vergleichbaren Zuständen ähneln.

    In jedem Fall handelt es sich um eine quasi-lebensbedrohliche Angsterfahrung, die wiederum in verschiedenen Qualitäten auftreten kann:

    Manche berichten von dem – psychotischen Angstschüben vergleichbaren – Gefühl gesamtorganismischen „Schrumpfens“ und der begleitenden Angst, buchstäblich zu verschwinden. (In einem konkreten Fall wurde die Analogie zum Kleinerwerden und Verschwinden durch den Abfluß der Badewanne beschrieben.)

    Andere berichten von extremen Stauungs-Sensationen an verschiedensten („unlogischen“) Körperbereichen.

    Wieder andere erleben extreme Kontaktangst, z.B. Angst vor Blickkontakt, Berührungsangst.

    Diese Angstzustände können während der genitalen Umarmung auftreten, sie müssen es aber nicht. Oft treten sie im unmittelbaren Vorfeld der intimen Begegnung auf, oft jedoch – und anscheinend in den meisten Fällen – scheinbar unabhängig und außerhalb von sexuell-intimen Situationen, oft sogar, wenn die Betreffenden alleine sind.

    Manche berichten von Empfindungen, als ob sich eine Kraft durch das Becken hindurcharbeite, bzw. von einem „Rumoren“ im Becken. Andere berichten von einem starken Energiestrom, der aus dem Becken an der Frontallinie oder an der Wirbelsäule hochsteigt und (in als bedrohlich empfundener Weise) verschiedene Zentren erreicht und durchdringt, etwa Solarplexus, Herzgegend oder Okularbereich.

    Die Passage durch die Genitalangst kann auf Anhieb geschehen oder erst nach mehreren „Anläufen“. Im letzteren Fall ist die Angsterfahrung immer wieder aufs Neue überwältigend; es tritt keine Gewöhnung ein.

    Wegen der Verschiedenheit der Erscheinungsformen ist den Betreffenden nicht immer sofort bewußt, was geschehen ist. Alle berichten jedoch ausnahmslos von einer entscheidenden Veränderung, die manchmal erst Wochen oder Monate nach der Passage durch die Genitalangst deutlich wird: dem allmählichen Ausbleiben der neurotischen Angst und ihrer Symptomatik.

    Dies ist ein eindrucksvolles Ergebnis, das größte Aufmerksamkeit verdient und oft erhebliche soziale Folgen hat: neurotische Anpassungen jeder Art (z.B. „Kuschen“ am Arbeitsplatz) bröckeln, was neue, andere Probleme und Konflikte schafft.

    Beziehungen, die überwiegend auf Angst und „Sicherheit“ gebaut sind, haben kaum Fortbestand, wenn die Partner nicht gemeinsam durch diesen Prozeß gehen.

    Bei den geglückten Therapie-Verläufen findet der Durchbruch zur vollen Genitalität selten innerhalb der Therapiezeit statt. Die Therapie bringt die Betreffenden meistens an die Schwelle zur Genitalität, an einen Punkt, ab dem das Leben selbst zur Therapie wird. Ein typisches Merkmal einer solchen geglückten Therapie ist z.B., daß Klienten beginnen, stabile intime Beziehungen einzugehen. Stabil nicht im Sinne ängstlicher neurotischer Partnerwahl und neurotischen Sicherheits-Denkens. Sondern stabil im Sinne einer herausfordernden Intimität, in der beide Partner sich wechselseitig aneinander „heranwagen“, sich weiterentwickeln und ihre Charakterstruktur transzendieren können.

    Der Maßstab für eine solcherart definierte Beziehungs-Stabilität ist nicht die Dauer der Beziehung, sondern das Fehlen bzw. Zurückweisen von neurotisch-manipulativen Haltungen, Machtspielen und Dominanzritualen, sowie die Bereitschaft, eine Beziehung aufzugeben, wenn sie sich als unbefriedigend erweist.

    Die wenigsten gehen in ihrer Therapie jedoch bis an die Schwelle zur Genitalität bzw. darüber hinaus. Bei einer kurzen Durchsicht von ca. 300 Therapien aus den vergangenen zehn Jahren kam ich auf 5 bis 10 Prozent. Schätzungen von Kolleginnen und Kollegen ergeben ähnliche Werte.

    Weshalb so wenige?

    Wenn man davon absieht, daß die klassische Form der gerichteten segmentären Entpanzerungsarbeit von Körpertherapeuten selten und selten konsequent und kompetent ausgeübt wird (und wenn man auch von Fehlern und Unzulänglichkeiten absieht, die in der Eigenart und persönlichen Begrenztheit des jeweiligen Therapeuten begründet sind), dann bleiben folgende Vermutungen:

    Die Lösung des Beckens und das Durchleben der genitalen Angst sind extreme Herausforderungen. Ebenso, wie die volle sexuelle Erlebnisfähigkeit den meisten Menschen tragischerweise unbekannt bleibt, ist auch die Genitalangst etwas, was sie nie erleben und sich deshalb kaum vorstellen können. Die „normale“ Reaktion ist, solche gewaltige Angst, die sich, wenn überhaupt, lange vor ihrem Manifest-Werden als diffuses, mulmiges Gefühl äußert, schon frühzeitig durch Symptombildung abzuwehren. (12)

    Viele begnügen sich mit Symptomlinderungen oder -auflösungen (die beträchtlich sein können), wollen keine tiefgreifenden Veränderungen in ihrem Leben und sind nicht motiviert, sich auf einen längeren Prozeß einzulassen.

    Vonnöten ist offenbar eine starke Verzweiflung über die eigene Unerfülltheit, ebenso eine starke Sehnsucht nach Veränderung und Tiefe; ein Nicht-Mehr-Greifen der sentimentalen Selbst-Täuschungen, Vertröstungen und anderen üblichen Ablenkungen von der eigenen Not.

    Die Vertiefung des Energiestromes im eigenen Organismus führt unweigerlich zu sozialer Unangepaßtheit in der neurotischen Gesellschaft. Viele kapitulieren vor den ebenso unweigerlich folgenden Sanktionen, die oft mit existentiellen Schwierigkeiten verbunden sind. Ein Bewältigen dieser Schwierigkeiten im Alleingang erscheint oft unmöglich oder zu mühsam. „Genitalität“ kann inmitten der gepanzerten Gesellschaft kaum gelebt werden. Die Unterstützung durch das Zusammenleben von Leuten, die den gleichen Prozeß erlebt haben und einen Großteil sekundär-narzißtischer Lebensmotivation aufgegeben haben (und deshalb eine Menge Spaß miteinander und Freude aneinander haben können) ist erforderlich. Die Notwendigkeit von Community steht im Raum; ebenso die Aussicht, einen Rahmen schaffen zu können, in dem möglich wird, die einfache und schwierige, bescheidene und ausschweifende Vision zu leben, die Michael Smith auf die lakonische Formel brachte: to celebrate

    Zur „therapeutischen“ Arbeit

    Wenn man davon ausgeht, daß 1. der größtmögliche therapeutische Erfolg über die Freisetzung der genitalen Sexualität bewirkt wird und andererseits 2. jede Form pathologischer Angst aus der Genitalangst abgeleitet (und in der Therapie dorthin zurückverfolgt) werden kann, dann hat dies Konsequenzen für die Haltung und Arbeit des Therapeuten. Die gesamte Arbeit muß grundsätzlich unter dem Aspekt der Annäherung an die genitale Haltung bzw. ihrer Vermeidung gesehen werden.

    Das heißt natürlich nicht, daß die Therapie „sexualisiert“ werden soll.
    Aber die Therapeutin muß die Sexualität des Klienten – wie an einer
    langen Leine – im Blickfeld behalten, auch wenn es in der Therapie zunächst vordergründig um scheinbar nicht-sexuelle oder prägenitale Themen geht.

    Grundsätzlich ist die Körperarbeit inuner an der Herstellung größerer Lusttoleranz und der Balmung des vollständigen Energiestroms -zunächst vor allem längs und abwärts der Frontallinie – orientiert. Die Arbeit im prägenitalen Bereich muß im Dienst der Herstellung der Genitalität stehen, egal, ob diese schließlich erreicht wird oder nicht. Die Effektivität der Reichschen Körperarbeit – auch im prägenitalen Bereich – ergibt sich zu einem großen Teil aus ihrer Gerichtetheit. Nur so behält die Arbeit Konsequenz und einen Schutz vor therapeutischer Banalität, Mystifikation und Beliebigkeit.

    Auch die Arbeit im prägenitalen Bereich hat immer starke sexuell-genitale Implikationen. Das betrifft nicht nur die Lockerung des Zwerchfells, die Lösung genital-sexueller Traumatisierungen in Brust und Hals oder das Wiederaufleben oraler Lust (Schmecken, Lecken, Saugen). Das trifft auch schon für die Arbeit im okularen Segment zu: Sexualität beginnt in den Augen. Andererseits besteht kulturell ein weitgehend introjiziertes Verbot, sexuelle Lust oder generell erotische Empfindungen in den Augen zu fiihlen und mit den Augen auszudrücken – auch in intimen Situationen.

    Manche Klienten erleben in der Anfangsphase der Therapie, nachdem das Augensegment ein wenig gelockert wurde, einen starken genital rush, eine oft dramatische und überraschende Steigerung des sexuellen Verlangens und Intensivierung des sexuellen Erlebens. Dieser Schub kann ein paar Tage anhalten, bis die Panzerung wieder greift. Die Betreffenden sind meistens sehr glücklich darüber, da sie ahnen, daß sie nun „einen Fuß in der Tür haben“.

    Es gibt zwei generelle Herangehensweisen in der Arbeit: „von oben“ und „von unten“. Bei einschneidenden und identitätsbestimmenden frühen Störungen und Traumatisierungen arbeitet man sich in der Regel „von oben“, also mit dem Augensegment beginnend, durch die Segmente, wobei meistens viel direkte Arbeit an der gewordenen physischen Struktur (vor allem Muskeln und Bindegewebe) zu leisten ist und der Organismus Segment für Segment re-energetisiert wird.

    Der typische therapeutische Fehler („Pushen“) bei der Arbeit „von oben“ besteht darin, die Klienten zu überfordern, indem man sie herausfordert, emotional-expressiver zu sein, als sie tatsächlich sein können, da sie noch keine biologische Basis hierfür haben.

    Die Vorgehensweise „von oben“ ist jedoch für manche Klienten unangemessen. Nämlich für diejenigen, die in ihren ersten vier bis fünf Lebensjahren relativ unbehelligt von massiven Eingriffen in ihre natürliche Entwicklung geblieben sind und eine frühgenitale Identität gewinnen und ebenso einen Sinn für direktes Naturerleben herausbilden konnten.

    Man könnte meinen, daß solche Menschen glücklicher sein müßten, da sie sich eine ursprüngliche Lebendigkeit im Erleben und Handeln bewahrt haben. Sie leiden jedoch auch intensiver. Es ist ihnen nicht so leicht möglich, sich dumpf in ihrem Unglück einzurichten, wie das z.B. ein normal-neurotischer Schizoider kann. Sie leiden nicht so sehr an massiver organismischer Begrenztheit infolge Abpanzerung – der Körper ist meistens frei von größeren chronischen Blockaden. Sie hatten als Kinder vor allem unter den sozialen Reaktionen zu leiden, die sie im Zusammenhang mit ihrer entwickelten früh-kindlichen Sexualität und Lebendigkeit erfahren haben: Bestrafungen, Abwertungen, Verwirrungen, Unverständnis, fehlende Ko-Respondenz oder emotionaler Mißbrauch (von dem der direkt-sexuelle Mißbrauch ein Spezialfall ist). Eine typische Überzeugung, die solche Klienten herausgebildet haben, ist z.B., daß sie mit ihrer Lebendigkeit eine „Zumutung“ sind, daß sie „zuviel“ sind, daß sie sich zurückhalten müssen, um akzeptiert und geliebt zu werden. Genau dies – das Zurückhalten – ist ihnen jedoch unmöglich, einfach, weil es aufgrund ihrer fortgeschrittenen expansiven psycho-sexuellen Entwicklung schon allein körperlich zu schmerzhaft ist. Es fühlt sich jedesmal an, als würde der gesamte Organismus bei voller Fahrt „notgebremst“.

    (Völlig anders verhält es sich z.B. beim „Schizoiden“, der zwar auch die Überzeugung introjiziert hat, „zuviel“ zu sein, jedoch nicht wegen seiner Lebendigkeit, sondern wegen seiner bloßen Existenz. Deshalb ist „Zurückhaltung“ für ihn eine leichte, früh trainierte Übung.)

    Um einem möglichen Mißverständnis vorzubeugen: es soll hier nicht dafür plädiert werden, Klienten der zweiten Kategorie als Opfer sozialer .Umstände zu labeln. Sie sind für ihre Reaktionsbildungen selbst voll verantwortlich. Erforderlich ist jedoch eine andere therapeutische Herangehensweise: „von unten“.

    Die Schubkraft der solchen Klienten relativ leicht zugänglichen sexuell-genitalen Energie muß genutzt werden, den gesamten Organismus „von unten“ her zu energetisieren, die relativ leichten Abpanzerungen in den oberen Segmenten aufzulösen und den gesamten Organismus als pulsierend und strömend erfahrbar zu machen. Dies ist bei solchen Klientinnen nicht schwierig und kein therapeutischer Erfolg. Die Therapie beginnt hier erst damit, sie zu unterstützen, in diesem lebendigen Zustand „in der Welt“ zu sein. Das kann sehr schwierig sein. Dieser Krampf im Kopf, die Überzeugung „zuviel“ zu sein und die damit verbundene Angst – die immer vor dem Hintergrund früher genitaler Traumatisierungen besteht und immer ein rastloses Pendeln zwischen genitaler Angst und genitaler Frustration einschließt – können resistenter sein als irgendeine massive chronische muskuläre Blockade.

    Die Therapie besteht zunächst weitgehend darin, Raum zu geben, Erlaubnis zu geben, sich auszudehnen und sich lustvoll zu fühlen. Das ist aber nicht alles. Therapeutisch-pädagogische „Haltungen“ nützen hier nichts bzw. verderben alles. Erforderlich ist eine menschliche Reaktion des Therapeuten. Erforderlich ist es, die vegetative Lebendigkeit eines solchen Klienten (die immer eine erotische Lebendigkeit ist) anzuerkennen und als „Geschenk“ statt als „Zumutung“ ehrlich, glaubhaft und begeistert wertschätzen zu können.

    Der Therapeut muß also untherapeutisch sein können, wenn es darauf ankommt, die Lebendigkeit und das Strömen eines anderen Individuums in seinem Organismus spontan nachzuvollziehen, mitzuerleben und mitzuschwingen.

    Der typische therapeutische Fehler bei der Arbeit „von unten“ besteht darin, die Lebendigkeit, die Anmut, die Sexualität des Klienten zu ignorieren und diese Person auf die (meistens „hysterische“) Symptomatik zu reduzieren, auch wenn solche Klientinnen oft durch „playing stupid“ dazu einladen. Endlos ist die Reihe ineffektiver Therapien, in denen „hysterische“ Klienten und „schizoide“ Therapeuten ihr Lebensdrama ausagieren.

    Tatsächlich setzt die Arbeit weder „oben“ noch „unten“ an; eine tiefere Sichtweise enthüllt eine kreis- bzw. spiralförmige Bewegung der therapeutischen Arbeit: die Energie zirkuliert im Organismus, und man folgt diesem Kreislauf und seinen Behinderungen so lange, bis alle wesentlichen Blockaden beseitigt sind; dies gilt ebenso für die zweite wichtige Art der Energiebewegung, mit der wir zu tun haben: von innen nach außen, vom Kern zur Peripherie. „Oben“ und „unten“, „innen“ und „außen“ stehen dabei in enger wechselseitiger Beziehung: bestimmte Störungen im Okularbereich können z.B. erst angegangen werden, wenn ein bestimmter Grad der Lockerung im Becken erfolgt ist und umgekehrt. Ein strenges, mechanisches Arbeiten von oben nach unten führt nirgendwo hin. Im Verlauf eines erfolgreichen therapeutischen Prozesses durchläuft man eine solche zirkuläre Bewegung durch alle Segmente etliche Male.

    Therapeutische Qualifikation

    Der Therapeut braucht vor allem eine realistische Selbst-Einschätzung seiner eigenen Sexualität. Er kann seine Klienten nur soweit bringen, wie er selbst gekommen ist und muß den Mut haben, Klienten gegebenenfalls weiter zu verweisen oder gehen zu lassen.

    Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann man nicht erwarten, daß jeder Körpertherapeut das genitale Stadium erreicht hat. Die meisten (jüngeren) Körpertherapeuten befinden sich (hoffentlich) in einem Prozeß, der sie dorthin führt.

    Die Therapeutin muß jedoch in ihrer eigenen sexualökonomischen Entwicklung mindestens soweit vorangeschritten sein, daß sie den segmentären Verlauf des Entpanzerungsprozesses grundsätzlich aus eigener Erfahrung bestätigen und die generelle therapeutische Zielsetzung Genitalität als angemessen und wahr verfolgen kann.

    Nicht-Bewältigung der genitalen Angst auf Therapeuten-Seite fiihrt zu einem Rückzug der Energie in die oberen Segmente, zu übermäßigen Strukturierungs- und Kontrollbedürfnissen und letztlich zu einem Desinteresse an der Sexualität der Klienten, zu einem Vermeiden der Sexualität in der therapeutischen Arbeit, kurz: zur Angst vor der Sexualität und allgemein vor der vegetativen Lebendigkeit der Klienten. Damit ist der Abmarsch in therapeutische Beliebigkeit, Banalität und Mystifikation vorprogrammiert.

    Dies hat Konsequenzen für die Ausbildung künftiger Körpertherapeuten. Der „ideale“ Ausbildungskandidat wäre ausgestattet mit voller sexueller Erlebnisfähigkeit und der Fähigkeit, Intimität herzustellen. Die Ausbildung könnte sich dann auf die Vermittlung von Wissen, Handwerklichem und Supervision beschränken. Solche Kandidatinnen sind jedoch rare Glücksfälle.

    Daher wird „Ausbildung“ noch für lange Zeit eine spezielle Form der Gruppentherapie für angehende Therapeuten bleiben.

    Der Fokus der Ausbildung muß erstens darauf liegen, die Trainees herauszufordern, so tief in ihren Körper zu kommen, daß sie die Schwelle zur Genitalität erreichen. Die Auswahl der Ausbildungsgruppe muß von der Überlegung geleitet sein, ob jemand eine realistische Aussicht hat, im Verlauf des Trainings dorthin zu kommen.

    Zweitens müssen Trainees dazu angeleitet werden, als Personen kontaktvoll in der Welt zu sein. Bezogen auf die Körperarbeit heißt das vor allem, daß sie es lernen, Feldkontakt herzustellen, die energetische Bewegung in einem anderen Individuum im eigenen Organismus nachvollziehen zu können.

    Und drittens – aber erst an dieser nachgeordneten Stelle – geht es um die Vermittlung von spezifischem Wissen, Techniken und Supervision.

    Anmerkungen:

    Wilhelm Reich: Die Funktion des Orgasmus. Frankfurt/M., 1972, Fischer Taschenbuch)

    „Sie ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckung.“ (Wilhelm Reich: ebd. S. 81, Hervorhebungen von Reich)

    Dieser „kürzeste“ Weg ist, wie jeder Kliniker weiß, meistens eine Abfolge von Umwegen und Rückschritten, von Verweilen und Weitergehen. Körpertherapie besteht natürlich auch nicht nur aus einer Serie von „vegetativen Durchbrüchen“, sondern ist immer ein dialektischer Prozeß zwischen der tieferen Bahnung des Energiestromes im Organismus und der Anpassung des gesamten Lebensprozesses an diese erreichte, tiefere energetische Besetzung

    Wilhelm Reich: Frühe Schriften 2, Genitalität in der Theorie und Therapie der Neurose, Frankfurt/M., 1985 (Fischer Taschenbuch)

    „Es ist zweifellos das Grundkennzeichen psychischer und vegetativer Gesundheit, wenn der vegetative Organismus die Fähigkeit besitzt, einheitlich und total der Spannungs-LadungsFunktion zu folgen. Dagegen werden wir Aussperrungen von Einzelorganen oder gar Organgebieten aus der Gesamtheit und Einheitlichkeit der vegetativen Spannungs-Ladungs-Funktion als pathologisch bezeichnen, wenn sie chronisch sind und die Gesamtfunktion dauernd stören.

    Die Klinik lehrt des weiteren, daß sich Störungen des Ich-Gefühls erst dann wirklich verlieren, wenn der Orgasmusreflex vollkommen einheitlich entwickelt ist. Es ist dann, als ob alle Organe und Organsysteme des Körpers von einer einzigen Funktion in der Empfindung einheitlich zusammengefaßt würden, sowohl in Bezug auf Kontraktion wie auf Expansion.“ (Wilhelm Reich, Die Funktion des Orgasmus, S. 267; Hervorhebungen von Reich).

    „…Nun besteht der Orgasmus-Reflex gerade darin, daß eine Welle von Erregung und Bewegung vom vegetativen Zentrum über Kopf, Hals, Brust, Ober- und Unterbauch bis zum Becken und dann zu den Beinen abläuft. Wird diese Welle an irgendeiner Stelle aufgehalten, verlangsamt oder gesperrt, dann ist der Reflex >zersplittert<. Unsere Kranken zeigen nun gewöhnlich nicht eine, sondern viele derartige Sperrungen und Bremsungen des Orgasmusreflexes an verschiedenen Körperstellen.“ (Wilhelm Reich, ebd. S. 249 f)

    Wilhelm Reich, ebd. S 83 Aus der Perspektive der Panzerung liest sich diese Aufzählung wie eine Auflistung von Introjekten, die neurotische Angst verstärken. Typischerweise wird in Gruppen, in denen die Sexualökonomie zu früh oder ungeschickt „zum Thema“ gemacht wird, Sexualität in den Dienst der Panzerung gestellt (z.B. in Form narzißtischer Selbstpräsentation oder egoischer Rivalität: >Wer ist am tiefsten im Becken?<)

    Wilhelm Reich, ebd. S. 129 ff
    Wilhelm Reich, ebd. S.78
    Wilhelm Reich über Sigmund Freud/Das Reich-Eissler-Interview, zit. Nach SKAN READER 2/94, S. 49
    Wilhelm Reich, Die Funktion des Orgasmus, S. 124

    Reichs Verdienst und Einzigartigkeit in der Literatur der Psychound Körpertherapie besteht u.a. darin, bio-energetische Abläufe im Organismus, die er z.B. unter den Begriffen Sexualökonomie, Genitalität, orgastische Potenz, Spannungs-Ladungs-Funktion und eben auch genitale Angst beschrieben hat, entdeckt und auf den Begriff gebracht zu haben.

    Es gibt jedoch in der überlieferten volkstümlichen und auch in der zeitgenössischen Literatur Hinweise darauf, daß Genitalangst ein bekanntes und realistisch eingeschätztes Phänomen ist. Man lese z.B. Märchen wie Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen oder auch Kafkas Parabel Vor dem Gesetz unter diesem Blickwinkel.

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  • Kategorie: 1995
  • Bukumatula 3/1995

    Mythos und Realität von Genitalität

    Beatrix Teichmann-Wirth:

    Reich hat im Gegensatz zu Freud und vielen Neo-Reichianern der Neurose explizit „Gesundheit“ gegenübergestellt und dies in den Begriff der „Genitalität“ gefaßt. Sie zu erlangen gilt als Ziel jeden Reichianers.

    Genitalität ist von Reich selbst und seinen Nachfahren – jene die sich wirklich auf Reich beziehen – als ein gänzlich anderer Seins-Zustand beschrieben worden.

    Ein Zustand, der sich vom neurotischen Charakter sowohl in den körperlichen, wie in den seelischen und kognitiven Aspekten so „grundsätzlich unterscheidet, daß man von miteinander fremden und wesentlich andersartigen biologischen Zuständen sprechen kann“.

    So schreibt Reich, daß der Mensch in diesem Kern „ein unter günstigen sozialen Umständen ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes, oder wenn begründet, rational hassendes Tier (ist).“

    Und noch weiter ausführend nennt Ola Raknes, der in Europa wohl bekannteste Reich-Schüler, folgende Kriterien für Gesundheit:

    „Die Fähigkeit zu uneingeschränkter Konzentration auf einen Arbeitsvorgang, eine Aufgabe, ein Gespräch oder eine genitale Umarmung, sowie ein Gefiihl der Einheit in dem, was man ist und was man tut.

    Ein Gefühl tiefen Kontaktes zum eigenen Körper, zu anderen Menschen, zur Natur und Kunst und auch z.B. zu den Werkzeugen, die man bei der Arbeit benutzt; ferner auch die Fähigkeit, Eindrücke auf sich wirken zu lassen, der Mut und der Wille, es den Dingen und Ereignissen zu gestatten, Eindrücke hervorzurufen.

    Freiheit von Angst, wo keine Gefahr ist, und die Fähigkeit, auch in gefährlichen Situationen rational zu reagieren; der Mut, sich freiwillig in gefährliche Lagen zu begeben, wenn man vernünftige und wichtige Gründe dafiir sieht.

    Ein tiefes und anhaltendes Gefühl von Wohlbefinden und Kraft, das
    auch spürbar ist, wenn man mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat oder nicht allzu starke Schmerzen erleidet. Einige dieser Empfindungen lassen sich auf ein Lustgefiihl in den Genitalien während der Ausatmung zurückführen.

    In ziemlich regelmäßigen Intervallen (das variiert von Person zu Person und von Zeit zu Zeit) findet unter unwillkürlichen Konvulsionen des ganzen Körpers und momentanem Verlust des Bewußtseins ein Orgasmus statt.

    Der ganze Körper ist elastisch aufgerichtet, keine Krämpfe, keine Zuckungen.

    Die Haut ist warm und ausreichend durchblutet, die Farbe rötlich oder braun, warmer Schweiß kann auftreten.

    Die Muskeln können sich spannen oder entspannen, ohne aber chronisch kontrahiert oder schlaff zu sein; freie Peristalitk, keine Darmverstopfung oder Hämorrhoiden.

    Die Gesichtszüge sind lebendig und beweglich, niemals starr oder maskenartig, die Augen sind klar und zeigen lebhafte Pupllienreaktionen; die Augäpfel stehen weder vor, noch sind sie eingesunken.

    Es ist eine vollständige, tiefe Ausatmung mit einer Pause vor jeder neuen Inspiration vorhanden; die Brust kann sich frei und leicht bewegen.

    Der Puls ist gewöhnlich regelmäßig, ruhig und kräftig; normaler Blutdruck.

    Schließlich ist der ganze Organismus von einem breiten, sich verändernden Orgonfeld umgeben.“

    Der Leser sei eingeladen, sich einen Moment zurückzusetzen und sich die Wirkung der oben genannten Zitate zu vergegenwärtigen.

    Ist es Ermutigung, Sehnsucht, Aufforderung zu Aufbruch oder regt es einen inneren Benotungsvorgang an, ein Messen der eigenen Person an diesen Kriterien mit Schamgefühlen ob des einen oder anderen „Versagens“?

    Reich und Raknes schreiben nicht von Hypothesen und auch nicht von Annahmen und Konstrukten sondern von ihren klinischen Erfahrungen. Das ist wichtig und es tut gut, sich dies zu vergegenwärtigen.

    Denn, was oftmals passiert (bei moralempfänglichen Menschen wie
    mir) ist, daß diese Empirie zu einer Moral wird. Wissend um das Ziel, wird das, wo man ist, gemessen daran, wo man schon längst sein sollte. Ich spreche hier von der Seite der Aus- beziehungsweise Fortbildungskandidaten in dieser „Disziplin“.

    Gut, daß es ein Ziel gibt. Es gibt Richtung und Ausblick.

    Aber hemmt es nicht die Aufrichtigkeit zu sagen, was wirklich ist, in dem Wunsch, zu den „Eingeweihten“ zu zählen? Spricht das Ziel nicht in erster Linie die Anspruch-Seite in uns an, das „Sollte“, das „Muß“ und nicht so sehr das „Wie“?

    Was bedeutet es, noch immer Phantasien in der Sexualität zu haben, noch immer in Beziehungen verstrickt zu sein – daß man ein hoffnungsloser Fall ist?

    Oder verbindet man mit dem Ziel einen ständigen Zustand von Euphorie, wo es keine Langeweile, kein alltägliches Leid, keine Leere mehr gibt.

    Zurückkehrend von diesen höheren Sphären, wollen wir uns auf den Boden der Realität stellen und eingedenk eines Zitats von Carl Rogers „Die Tatsachen sind freundlich“, es riskieren, bei uns zu erkunden, wie unser Leben sich tatsächlich gestaltet, jetzt, nachdem wir uns schon einige Zeit auf dem Reich’schen Weg befinden, eine Menge Sitzungen gehabt haben, oftmals uns strömend erlebt haben und vielleicht „bei der Genitalität bzw. an deren Schwelle angelangt“ sind.

    Dazu haben wir Teilnehmerinnen aus der Skan-Fortbildungsgruppe bei Loil Neidhöfer und Petra Mathes eingeladen, uns anhand eines Fragenkatalogs Antwort zu geben.

    Die Themenbereiche, welche wir – auch im Sinne der oben genannten Definition – als wichtig erachtet haben, waren: Sexualität, Beziehungen, berufliche Tätigkeit, Visionen, Lebensgefühl und Lebensgestaltung.

    Die sehr persönlich gehaltenen Mitteilungen haben wir, so wie sie bei uns eingelangt sind, hier wiedergegeben. Manche haben sich dabei an die vorgegebene Struktur gehalten, andere nicht.

    So klingt in der Form des Beitrages, der Sprache und der Wortwahl jedes einzelnen das Charakteristische durch.

    Schön zu sehen: daß auch bei Ähnlichkeiten des Weges und der Entwicklung die persönliche Eigen-Art erhalten bleibt.

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  • Kategorie: 1995
  • Buk 3/95 „Durch samma – wo samma?“

    Bukumatula 3/1995

    Eine Erfahrungssammlung von Körpertherapeuten in Fortbildung

    Bernhard Hubacek, Renate Wieser, Ingeborg Scheer, Beatrix Teichmann Wirth, Robert Federhofer, Svarup Hofmann, Günter Wagner und Wolfram Ratz:

    In Reich-Kreisen zirkuliert eine Anekdote, die etwa so lautet: Anläßlich einer Orgonomie-Konferenz in Los Angeles stand Reich mit einigen von seinen ehemaligen Schülern, in der Zwischenzeit selbst erfahrene Therapeuten, in einer Gruppe beisammen, wobei über „Genitalität“ gesprochen wurde. Der eine meinte: „Von meinen ehemaligen Patienten würde ich jetzt etwa fünf als genital einstufen“, ein anderer sagte, bei ihm seien es nur drei, worauf Reich geantwortet haben soll: „Gratuliere meine Herrn, ich habe mit keinem aufzuwarten!“

    Jenseits von Aufladen und Entladen
    (Bernhard Hubacek)

    Die Einladung von Beatrix und Wolfram, den eigenen Standort in der Diskussion um Genitalität zu formulieren, habe ich zunächst in der Erwartung eines regen Austausches freudig begrüßt. Dann konnte ich aber auch rasch bemerken, daß etwas in mir diese Einladung nur sehr zögerlich annehmen will.- Was ist da passiert?

    Erst im gemeinsamen Gespräch gelingt es uns dann, diesen „Stopper“ konkret zu benennen und in der Folge auszuräumen: Die Angst vor der Anonymität der Leser. Ich bin schon sosehr dran gewöhnt, merke ich, die Arbeit im Kontext des dichten persönlichen Kontaktes wirken zu lassen, sei es in der Therapie im Geben oder im Nehmen, in der Supervision oder unter Peers, daß eine Auseinandersetzung ohne dieses – für mich schon zur Selbstverständlichkeit gewordene -förderliche Feld schwer fällt. Bis dies erstmal richtig bewußt wird, hemmen unsägliche Blockierungen den Fluß. Erst im kontaktvollen Begegnen und Benennen dieser Schwierigkeit kann gewissennaßen eine Entladung erfolgen, die sich in spürbarer Erleichterung ausdrückt: Jetzt kann ich wirklich beginnen.

    Ich war immer sehr beeindruckt von der Todesangst, die als unumgänglich beschrieben wird, wenn es erstmal ans Becken geht. Nun muß ich zugeben, daß sich bis heute die Todesangst in der befürchteten Dimension bei mir nicht eingestellt hat, dabei war das Becken in der Ausbildung schon längst „dran“. Mit einer gewissen Selbstironie stelle ich fest, daß ich demnach nicht „durch“ sein kann und muß darüber auch lachen, wie tierisch ernst ich das mit dem genitalen Orgasmus einmal genommen habe, und welche Mythenbildung wir alle darüber zugelassen haben.

    Sicher ist jedenfalls, daß die Wege, die ich in therapeutischen Sitzungen als Klient gegangen bin mit Fortdauer des Prozesses deutlich kürzer, undramatischer und einfacher wurden, viele andere Bereiche jenseits von Aufladen-Entladen sind hervorgetreten. Und daß sich mein Standpunkt in der realen Welt entscheidend geändert hat. Davon soll hier ja auch noch die Rede sein: Dazu gehört vor allem, daß sich mein Sensorium für Panzerung ganz allgemein verfeinert hat. Ich erkenne an mir selbst schneller, wenn ich „voll aus dem Charakter“ heraus agiere und kann leichter aussteigen. Gleichzeitig ist meine Toleranz gegenüber bestimmten charakterlichen Deformationen in meiner Umgebung geringer geworden.

    Ein gutes Beispiel dafür ist der Hintergrund meiner beruflichen Neuorientierung. So habe ich noch während der Ausbildung meinen Quellenberuf als Sozialarbeiter an den Nagel gehängt. Für mich ein bedeutender Schritt. Immerhin war ich 16 Jahre dabei und habe diesen Job, der mir auch einiges an Anerkennung, Sicherheit und Prestige eingebracht hat, überwiegend gern gemacht. Aber irgendwann war die stickige Zurückhaltung, die mir in konventionellen Teamsitzungen begegnete, einfach nicht mehr zu ertragen. Dabei war alles wie immer, nicht besser und auch nicht schlechter als in den Jahren davor. Nur mein Organismus reagierte anders. Ich wußte, daß ich mich entscheiden mußte. Darüber einmal im klaren, wußte ich schnell, was zu tun war. Mein Abschied ging freundlich und rasch über die Bühne. Heute macht mir das selbständige Arbeiten in der Gemeinschaftspraxis sehr viel Freude und ich empfinde oft große Dankbarkeit gegenüber meinen Lehrern und Klienten.

    Eine wichtige Veränderung bedeutete für mich auch die Entscheidung, mit Ingrid zusammenzuziehen und schließlich noch zu heiraten. Früher hätte ich dagegen wohl alle meine Näheängste mobilisiert, und gegen das Heiraten hatte ich sowieso immer schon mindestens hundert vernünftige Argumente vorzubringen. Mit Ingrid haben sich viele dieser Konzepte nach zähem Ringen aufgelöst. Ab einem gewissen Punkt war es nämlich nicht nur mühsam, sondern tat auch schon weh, daß wir uns liebten aber doch irgendwie getrennt lebten.

    Heute fühle ich mich in dieser verbindlichen Lebensform sehr glücklich und überraschend frei. Und unserer Sexualität tut es auch gut. Unser intimes Zusammensein wird mir immer wichtiger und kostbarer. Ich respektiere, daß wir beide für unsere sexuelle Entwicklung zum jetzigen Zeitpunkt einen gewissen Schutz und vor allem viel Zeit zum Wachsen brauchen.

    Zuletzt ist das Leben am Land, 25 km von Wien entfernt, an sich schon etwas Neues, auch wenn Natur immer schon eine gewisse Rolle in meinem Leben gespielt hat. Heute ist es aber anders. Da brauche ich ganz essentiell den täglichen Weg hinaus ins Grüne, an den Puls des Lebens, wie ich es oft empfinde. Ich brauche es zur Regeneration und zur Inspiration. Es ist schön, bewußt im Kreis der Jahreszeiten zu leben und zu beobachten, wie sich alle Lebewesen in der ihnen gemäßen Zeit zusammenziehen müssen, um sich wenige Monate später wieder in aller Üppigkeit ausbreiten zu können. In diesen Momenten verstehe ich vermutlich am besten, was Reich über die Gesetzmäßigkeiten des Lebendigen geschrieben hat.

    Vom Lösen der Handbremse
    (Renate Wieser)

    Ich möchte mich bei der Darstellung meines Erlebens auf ein Bild beschränken, das bei mir in letzter Zeit oft aufgetaucht ist: Stell dir vor, du fährst mit einem Auto mit angezogener Handbremse – du weißt es gar nicht, weil du noch nie ohne angezogene Handbremse gefahren bist – plötzlich kommst du drauf – hast große Angst vor dem, was passieren könnte, wenn du sie löst – du riskierst es – was für ein Gefühl! Das Auto bleibt das gleiche, und doch ist alles anders. Wie das jemand erlebt, woran er es bemerkt etc. mag vergleichbar oder auch sehr unterschiedlich sein.

    Nein sagen ohne Schuldgefühle, ja sagen ohne Scham
    (Ingeborg Scheer)

    Die Sexualität war schon als Kind sehr stark und von Phantasien geprägt. Ebenso stark war sie verboten. Dazwischen war ich eingekeilt. Der Orgasmus hinkte meinen Erwartungen immer hinten nach. Die Reichsche Körperarbeit sollte u.a. hier Erlösung bringen. Sie hat es in diesem Sinne nicht getan. Jedoch wuchs ein Bewußtsein für das, was gerade passiert. Die lustvolle Wahrnehmung meines Körpers hat sich entwickelt. Im selben Ausmaß sind die Phantasien zurückgegangen. Es gibt eine klare Lust auf Verkehr und ein klares Nein. Früher gab es nur gemischte Gefühle mit Schuld. Die Angst vor völliger Hingabe ist im Augenblick ihres Auftretens völlig bewußt und sehr groß. So groß, daß Schmerzen im Unterleib auftreten können. An diesem Punkt entsteht Wut und Enttäuschung. Etwas kippt. Ich habe keine Lust mehr diesem totalen Orgasmus nachzulaufen. Ich nehme an, das gehört zum Lemprozeß dazu. Es gehört mehr Zuneigung und Herz dazu, um Sex überhaupt zu wollen. So hat sich die Qualität des Erlebens verändert.

    Die Frage bei der Gestaltung von Beziehungen ist, von wo aus man sich wohin begibt.- Daher zuerst wie es war: Beziehung hieß verpflichtet sein, lieb sein müssen, lieb sein wollen, Wut erst zu spüren, bis sie riesig war. Kritik nicht aushalten, daher vermeiden. Nicht Nein sagen können. Meine Aggression in Fragen verpacken, ohne es zu bemerken. Kuschen, wenn der andere böse ist, achtlos werden, wenn der andere lieb ist. Voller Schuldgefühle.

    Die Änderung: Bewußtwerden der eigenen Bedürfnisse, sie ernst nehmen, sie vertreten. Nein sagen ohne Schuldgefühle, ja sagen ohne Scham, Wut spüren und ausdrücken; vermeiden mit Menschen zu sein, die mir nicht gut tun. Frauenbeziehungen erlebe ich als unterstützend und weitgehend konkurrenzfrei. Sie sind wichtig und ich pflege sie, auch wenn es einen Mann gibt. Aggression spüren und ausdrücken, fasziniert von der positiven Kraft, die damit verbunden ist. Ich nehme Aussagen nicht so wörtlich. Ich fühle mich frei von Klischeevorstellungen über Beziehungen, z.B. über das Zusammenleben mit einem Mann.

    Was fehlt: eine Klarheit in Beziehungen, die auch brutal sein kann, eine Direktheit mit vollem Risiko, daß ich mich wirklich auf mein Gefühl verlasse und mich nicht selbst beirre. Das Spielerische!

    Andere Lebensformen stelle ich mir erst vor, wenn meine Kinder selbständig sind. Derzeit finde ich den 3-Frauenhaushalt mit Liebhaber am angenehmsten, mit einigen guten Frauenbeziehungen.

    Der persönliche Weg, Beruf und „Hobby“ sind auf derselben Linie. Was immer ich persönlich erreiche, kommt sofort meinem Beruf, der Psychotherapie, zugute. So hat sich sehr viel verändert. Z.B. spreche ich dem Einzelnen seine Eigenverantwortung zu und lasse mich von tragischen Inhalten nicht beirren, nach der Eigenverantwortung zu schauen. Das heißt – sich selbst nicht überschätzen; Veränderungen brauchen Zeit, und ich gebe Zeit. Ich arbeite so, daß ich mich gut fühle, nicht zuviel. Ich möchte noch weniger arbeiten. Lebensqualität gegen Geldverdienen.

    Zusammenfassend: Die Veränderung im Beruf ist qualitativ. Ich weiß, daß ich für mich den richtigen Beruf gewählt habe. Ich bin realistischer geworden über die „Machbarkeit“ in der Therapie und ich bin besser geworden im Kontakt.- Die Perspektive ist selbst als Instrument so gut gestimmt zu sein, daß es kaum falsche Töne gibt.

    Ich bin jemand, die sehr gerne und gut in Gemeinschaften leben kann und das als glückvoll erlebe. Meine wachsende Wertschätzung für Frauen könnte irgendwie eine neue Lebensform entstehen lassen. Die Attraktivität von Kleinfamilie ist auf Null gesunken. Für neue Formen fühle ich mich offen, aber noch nicht frei, solange ich mich für meine Kinder verantwortlich fühle.

    Zur Lebensführung: Was ich nie war – ich bin sehr gut organisiert. Ich erreiche mit minimalem Aufwand maximale Effektivität. Es gibt kaum ein Muß. Fast alles was ich tue, will ich auch. Daß es vor Unbehagen in mir rumort ist ganz selten und wenn, dann unternehme ich sofort etwas, den Zustand zu verändern. Ich fühle mich die meiste Zeit sehr wohl, ich mag meinen Körper, ich mag meine Art zu wohnen, die Mischung zwischen Arbeit und Freizeit, das Verhältnis von Alleinesein und Kontakt. Ich bin meistens zufrieden und ausgeglichen. Ich fühle mich sehr frei. Es gibt kaum Dramen. Schwierigkeiten sind Herausforderungen und bisher bewältigbar. Es ist mir nie langweilig. Ich finde das Leben spannend und aufregend. Ich habe selten Angst. Ich habe Sehnsüchte und das Gefühl„,hoffentlich reicht das Leben“. Ich bin fast nie im Streß.- Klingt gut, oder?

    Dort zu sein wo ich bin
    (Beatrix Teichmann Wirth)

    Veränderungen im sexuellen Erleben: Die erste und wichtigste Veränderung ist, daß meine Sexualität befreiter (nicht frei) von sekundären Bedeutungen geworden ist.

    Das heißt, daß ich meine Sexualität früher oftmals z.B. für die Verminderung von Angst im Kontakt (Augen zu – und schnell hineingestürzt) „verwendete“, oder auch als vermeintliche Absicherung, ob „eh noch alles in Ordnung“ ist, auch zur Bestätigung, noch geliebt und begehrt zu sein, also als Quelle narzißtischer Nahrung. Jetzt bin ich bezüglich dieser sekundären Bedeutungen freier, d.h. ich riskiere es immer öfter, sexuellen Kontakt nur dann einzugehen, wenn ich wirklich sexuelles Begehren verspüre.

    Starke Veränderungen verspüre ich auch bezüglich des Erlebens von Zeit. Alles ist langsamer geworden, nicht mehr so hastig und drängend. Wenn ich wirklich auf mich höre, brauche ich in der Sexualität sehr viel Zeit und bisweilen kann ich sie mir auch schon nehmen und erlebe dann, daß jenseits des inneren Drängens erst das Begehren wachsen kann und das Ziel (der Orgasmus) im Augenblick in Vergessenheit gerät. Dies sind dann wunderbare Momente, wo ich mein Schmelzen erlebe.

    Auch meine Sensibilität dafür, wann eine Vereinigung wirklich
    befriedigend ist bzw. war, ist gewachsen, und sie ist dies eigentlich
    nur, wenn es nicht bei einer oberflächlichen Lustbefriedigung geblieben ist, sondern wenn eine tiefe, herzliche Hingabe stattgefunden hat.

    Zu alledem werden mir (paradoxerweise?) meine Konzepte über Sexualität immer stärker und schmerzlicher bewußt, all die „Du sollst“, „Du müßtest“ und auch die „Das tut frau nicht“. Und davon gibt es mehr als ich ahnte.

    Gestaltung von Beziehungen: Nach einer Phase von großer Radikalität im Sinne eines bedingungslosen Herausfordems und Konfrontierens meiner Umgebung, im Zuge derer auch eine Reihe von Beziehungen auf der Strecke geblieben sind (was gut ist), ist mehr Sanftmut und Gelassenheit eingekehrt (Leben und leben lassen), immer begleitet von der Frage, ob dies Ausdruck von Resignation ist oder von Großmut.

    Was ganz stark spürbar ist, ist die Langeweile im Kontakt mit anderen, wenn es nicht um wesentliche, und damit meine ich persönliche Dinge geht. Im Gegensatz dazu spüre ich ein hohes Maß an Aufregung, wenn beispielsweise bei unseren Gruppentreffen „wirkliches“ Zusammensein und Begegnung ansteht (was auch in diesem Rahmen nicht immer stattfindet).

    Meine Beziehungen sind einfacher geworden, in dem Sinn, daß Problemschrauben mit mir selbst und mit anderen weniger geworden sind, das heißt, daß ich nicht mehr Stunden damit zubringe, etwas zu „Idären“. Oft genügt ein einfacher Satz, in dem ich ausdrücke, wie es mir jetzt geht, und es tritt eine Wendung ein. Ich fühle mich weniger oft verstrickt und unfrei und erlebe mich gelassener und auch heiterer.

    Veränderungen in der beruflichen Tätigkeit, bzw. Perspektive, Visionen: Die Gemeinschaftspraxis ist schon ein Schritt in die Richtung, in die ich mich bewegen möchte, nämlich gemeinsam zu arbeiten. Sehr wichtig ist das zu teilen, was in der Arbeit passiert.

    Was die konkrete Arbeit betrifft, war ich froh, daß ich im Gegensatz zu einigen anderen aus unserer Skan-Gruppe nicht mein Berufsfeld wechseln mußte, um das zu leben, was mir wichtig geworden ist, sondern meine Erfahrungen und mein Wachsen uneingeschränkt eine Bereicherung sind. Was ich aufgeben wollte und irgendwie einer inneren Wahrheit zu Folge auch mußte (meine Vorlesungen an der Uni, die Teilnahme an Riesenveranstaltungen wie war weniger schwierig als ich dachte, vielleicht, bzw. sicher auch, weil es keine finanzielle Notwendigkeit gab.

    In der konkreten therapeutischen Arbeit zeichnet sich eine Veränderung ab: weg von den Methoden hin zum Risiko, Begegnung ohne schützendes Netz zu riskieren. Und ich denke das wird auch vor dem Festhalten an der Mattenarbeit nicht Halt machen. Was ich mehr tun möchte, auch im therapeutischen Kontakt, ist aufzusuchen, was mich aufregt, mich bewegt und vor allem herausfordert.

    Hingezogensein zu anderen sozialen und gesellschaftspolitischen Formen des Zusammenlebens: Ich muß sagen, daß das Suchen von anderen Lebensformen in unserer Gruppe, wenn überhaupt, im Bereich der Visionen und Sehnsüchte geblieben ist. Wahrscheinlich ist jeder von uns zu stark verankert im eigenen Lebensraum. Daß es dabei geblieben ist, empfinde ich zum einen als enttäuschend und in zweiter Hin-Sicht als einfach real. Was geblieben ist, ist die Sehnsucht nach Beziehungen, wo Klartext gesprochen wird und ich sehe dies auch als eine beständige Aufforderung an mich, rest-los da zu sein, was, wenn ich das Risiko wirklich eingehe, unheimlich bekräftigend und befriedigend ist.

    Die Sehnsucht in einer größeren Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten wurde in den letzten Wochen vor allem durch das Lesen über ZEGG bzw. MEIGA, ein Projekt wo eine andere Form des Zusammenlebens versucht und auch realisiert wird, sehr stark geweckt.

    Dennoch verspüre ich Bauchweh und Flattrigkeit, vor allem, wenn es um den Bereich der freien Sexualität geht. Ich verspüre ein „da bleibe ich lieber in Sicherheit“ und ein Pendeln zwischen der Gewißheit, daß sich da etwas Wesentliches für mich auftun könnte und dem Festhalten an meiner Lebensform.

    Lebensführung, Lebensgestaltung, Lebensgefühl: Von einem nahezu gänzlich von außen bestimmten Leben und einem Getriebensein hat eine Veränderung hin zu größeren Inseln stattgefunden, wo ICH sein kann. Früher war für mich das Leben fast ausschließlich anderswo, jetzt bin ich schon öfter dort, wo ich bin, auch wenn es oftmals nicht leicht ist. Was ich auch erlebe ist, daß der Zustand des Strömens Pflege braucht und daß es in meiner Verantwortung ist, mich immer wieder in meinem So-Sein in die Welt zu bringen.

    In letzter Zeit anerkenne ich auch mehr, daß es nicht nur eine Seinsform gibt, sondern daß auch das Sich-Zurückziehen und Sammeln zum Leben gehört.

    Und es ist mir ein Satz von Michael Smith gegenwärtig :“Life is bigger than you“.

    Was vielleicht das Wesentlichste ist: Ich erlebe mich grundsätzlich freier von Angst.

    Ein Prozeß, in dem ich gerade am Anfang stehe, ist die Entmythologisierung von Zielen (deshalb auch dieser Beitrag) und das Entidealisieren von Autoritäten. Dies kündigt eine gänzlich andere Seinsweise bei mir an und ich merke wie eingefleischt autoritätsgläubige Haltungen und Einstellungen bei mir sind. Mich selbst zur Führerin meines Lebens zu machen, steht an. Und ich ahne, daß es hier der Unterstützung von (Frauen-) Gemeinschaften braucht, wo das Lernen miteinander und aneinander stattfindet und nicht von d e m Lehrer.

    Nachsatz: Beim Schreiben fällt mir auf, wie schwierig es für mich ist, wirklich offen über mich zu schreiben und um wieviel leichter es ist, über anderes zu schreiben. Und: Alles ist in steter Veränderung. So würde sich mein Beitrag jetzt – zwei Wochen nach dem Abfassen -gänzlich anders gestalten, da im Moment wieder andere Themen im Vordergrund stehen.

    Den Bauch beleben und das Herz erleichtern
    (Robert Federhofer)

    Wo anfangen? Wilhelm Reichs Forschungen waren und sind mir eine klare und verläßliche Auskunftsquelle, seitdem ich diese Informationen vor einigen Jahren entdeckte. Von Körperarbeit habe ich mich in der Zeit seither immer wieder beeindrucken lassen und hatte dabei die „Nase“ und das Glück, Leute zu finden, die das Leben über die Kultur stellen und Wilhelm Reich nicht nur aus den eigenen Werbeanzeigen kennen.

    Insgesamt ist dieser Einfluß natürlich nicht von den anderen Erfahrungen zu trennen, die ich in dieser Zeit hatte, ich schätze ihn aber als groß ein, weil ich oft auf ihn Bezug nehme in meiner Beurteilung einer Situation. Die Vervollständigung und Verbreiterung meiner Körperwahrnehmung und die zunehmende Vertrautheit, sie in meinen alltäglichen Handlungen und Wahrnehmungen zu befragen, hat also zugenommen. In meinen freundschaftlichen Beziehungen stelle ich höhere Ansprüche, was sich darin äußert, daß ich bewußter jene Kontakte pflege, wo sich maskenlose Begegnungen und liebende Radikalität immer wieder erreichen lassen. Meine Freunde haben sich durch diese größere Achtsamkeit eher vermehrt, in jedem Fall aber haben sich die Beziehungen intensiviert. Andererseits sind mir Menschen einfühlbar geworden, denen ich früher verständnislos ausgewichen wäre. Dadurch sind mitunter Kontaktmöglichkeiten, die mein Verständnis dessen, was ist, erweitern.

    Auf mein sexuelles Erleben hat die Wahrnehmungserweiterung auch positiv gewirkt, nebenher sozusagen; mehr Bedeutung messe ich hier aber den Erfahrungen mit den einzelnen Frauen zu, die mir begegnet sind.

    Der umfassende Aus- und Einblick, der durch die Weltsicht nach Kenntnis der Reich’schen Forschungen entsteht, ist nicht tröstlich, sondern klärend. Die Erfahrungen, die durch Körperarbeit möglich sind, beleben den Bauch und erleichtern das Herz. Eines Tages habe auch ich dann die Sehnsucht bemerkt, als Ausdruck der Lebensfreude, die sich nicht mehr verkleiden muß. Ein „Genitalitätsdruchbruchsangstsyndrom“ habe ich noch nicht hinter mir – na, ja -vielleicht heute.

    Indem ich sensibler auf unbeschränkten Ausdruck der Lebensenergie im Menschen geworden bin, sehe ich auch die Abläufe von Leben und Mangel an Leben weiter um mich herum deutlicher. Viele sonstige Informationen werden dadurch banaler, angefangen von vielen eigenen tradierten oder früher angenommenen „Glaubenssätzen“ und Meinungen, bis zum Gequak und Gekreisch in den öffentlichen Medien.

    Leider ist Therapie aber keine Versicherung gegen oder für die Wahl von Einwirkungen. Die Wahl muß ich immer selbst treffen, und das wird sich nicht ändern, nur der Blick wird wacher und das Urteil freundlicher, weil ich mir meiner Grenze sicherer bin. „Reinfälle“ bleiben mir aber trotzdem nicht erspart, ein „Sich selbst übergehen“ hier oder ein „Zu spät mitkriegen“ dort.

    Jeden Tage gewinne oder scheitere ich wieder, und ich habe eigentlich auch nichts Besseres zu tun – oder weiß jemand eine Alternative?

    In die Tiefe gerutscht
    (Svarup Hofmann)

    Meine Beziehungen sind spärlicher geworden. Statt einer großen Anzahl oberflächlicher Beziehungen bin ich in Kontakt mit weniger Menschen in die Tiefe gerutscht. Ich bin wesentlich empfindlicher und wählerischer mit Kontakten geworden. In der genitalen Beziehung zu meinem Freund befinde ich mich im Augenblick in einer Phase der Regression, genieße die Wärme, Liebe und Zärtlichkeit wie ein kleines Kind. Die Gier nach Geilheit ist zur Zeit in den Hintergrund getreten; im Vordergrund steht unsere weiche, warme Herzbeziehung. Ich kann endlich meine „Ich brauche niemanden“-Haltung aufgeben und mich trauen zu nehmen. Das „anale Strömen“ kenne ich erst seit ca. einem Jahr. Morgens beginnt dieses lustvolle Kribbeln nach dem Aufwachen von selbst, sitze dann auf der Toilette mit geschlossenen Augen und genieße diese lustvolle, konvulsivische Entladung vollständig, laß das Kribbeln die Wirbelsäule hinaufwandem

    Meine berufliche Tätigkeit als Körpertherapeutin habe ich in der
    letzten Zeit drastisch reduziert. Ich habe einfach keine Lust mehr so
    viel zu arbeiten. Ich nehme mir viel Zeit für mich, meinen Freund und meine Kinder. Immer wieder bin ich unheimlich dankbar, daß ich so arbeiten darf.

    Ich versuche auf meinen Traum hinzuarbeiten, nämlich in einem Wohnprojekt, möglichst weg von der Stadt, zu leben und zu arbeiten, in dem auch Menschen verschiedener Altersgruppen zusammen sind, denen spirituelles, emotionales und lustvolles Miteinander-Wachsen wichtig ist.

    Zur Zeit versuche ich, mich nach einer Zeit der schweren körperlichen, spirituellen und emotionalen Krise neu zu formen. Es war eine Zeit des Durchlebens von körperlichem Schmerz und tiefer Angst, die alle Bereiche meines Lebens teilweise furchtbar, teilweise heilsam erschüttert hat. Mitunter habe ich das Gefühl, völlig am Anfang zu stehen und keinen Schritt weitergekommen zu sein. Und ab und zu bin ich auch dankbar für diese ungeheuerlichen Erfahrungen von Angst und Ohnmacht, über die ich bislang nur gelesen habe. Mein Lebensgefühl steigt langsam wieder in die Gewißheit, daß ich das Leben liebe und daß das Leben auch mich liebt.

    Es gut und fein haben
    (Günter Wagner)

    Veränderungen im sexuellen Erleben: Mehr geworden ist: die Bewußtheit über meinen angehaltenen Atem bei der Umarmung; die Intensität der Befriedigung nach dem Orgasmus; die ganzkörperliche Entspannung nach dem Orgasmus, die sexuelle Erregbarkeit durch Berührungen von der Partnerin (ausgenommen am Genital selbst), die Lust am direkten, ganzkörperlichen Hautkontakt, mein Einfühlungsvermögen für die Partnerin bei der Umarmung – und meine Empfindsamkeit für meinen Körper, der Ausdruck meiner Lust durch die Stimme (mehr Ton und viel weniger Worte).

    Weniger geworden ist: meine Angst vor genitaler Überreizung und
    dadurch die Häufigkeit eines vorzeitigen Samenergusses; meine
    Phantasietätigkeit während der Umarmung hat fast völlig aufgehört, vor allem eine dritte (nicht anwesende, meist männliche) Person betreffend, meine „pornographische Augenkontrolle“ bei der Umarmung, also die visuelle Fixierung auf die Genitalbereiche; der Wunsch, das Bedürfnis, mehrere Orgasmen nacheinander „produzieren“ zu müssen ist fast völlig weg. Wichtig ist mir die Empfängnisverhütung bezüglich des Coitus interruptus geworden,- die Unlust dabei ist sehr stark geworden. Ich freu‘ mich über die Vielfalt meiner Erlebnisfähigkeit – nahezu keine Umarmung gleicht anderen, und beim Orgasmus ist es ebenso.

    Gestaltung von Beziehungen: Ich habe Spaß, mit mir zu sein, alleine zu Hause zu sein, Zeit zu haben für mich beim Frühstück, abends und nachts in meinem Bett. Alles ohne den bitteren Beigeschmack meiner früher erlebten Einsamkeit. Mich beziehen auf andere ist für mich: sie zu sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen – erleben, sie wirken lassen auf mich und meinen Körper dabei spüren, mich angezogen fühlen oder Abstand halten, oder mich zurückziehen. Wieder spontan sein können, wie damals als Kind, einfach „da“ sein können, auch wenn aufmerksame, interessierte Menschen da sind!

    Veränderungen in der beruflichen Tätigkeit: Ich habe viel leisten müssen und zwar im Alleingang. Vor eineinhalb Jahren habe ich meine ärztliche Tätigkeit im Heeresspital beendet und mich auf meine orthopädische und körpertherapeutische Arbeit in meiner Praxis konzentriert. Immer mehr Therapeuten und nun auch Ärzte habe ich in „mein Reich“ eingelassen, anfangs durch Vermietung von Räumen, jetzt wünsche ich mir Zusammenarbeit mit den anderen. Die Idee ist, ein Gesundheitszentrum entstehen zu lassen.

    Die Perspektive für mich ist selbst gesund zu bleiben und Freude an der Arbeit zu haben. Eine Vision habe ich auch: von der alleinigen Krankheitssymptombehandlung wegzukommen – hin zur Korrektur von Funktionsstörungen und Verhinderung von Krankheit und Leiden. Die Arbeit mit Jugendlichen, werdenden und jungen Eltern stelle ich mir aufregend vor.

    Zusammenleben: Mein oben genanntes Alleinsein im privaten Bereich
    tut mir gut, und dieses Wohnen und „zu Hause sein“ möchte und
    werde ich verlegen in ein Haus, in dem ich vielfältige Beziehungenl eben kann. Ich will mich zeigen wie ich bin, will meine Lebendigkeit, Kraft und Eigenart da sein lassen im Zusammensein mit anderen. Namen für diesen Ort der Begegnung und des Zusammenlebens sind bekannt: „Haus- oder Dorfgemeinschaft (mehrere Häuser im Verbund)“.

    Eine andere Form des Zusammenseins als das Wohnen ist das Zusammenkommen von Menschen für einen Abend -, einen Tag oder länger, die sich durch Interesse verbunden fühlen, wie zum Beispiel eine Gruppe von Ärztinnen, die einander Geschichten von sich erzählen, einfach und wahr. Neu fiir mich ist dabei Leute zu treffen und meine Maske(n) fallen zu lassen, mit meinem Charakter spielend „da“ zu sein und es einfach (vielleicht letztendlich) gut und fein zu haben.

    Lebensführung, Lebensgestaltung, Lebensgefühl: Ich kenne mich sehr gut als Einzelkämpfer; Kampf gegen Autoritäten, Kampf in meinen Liebesbeziehungen, Kampf mit meinem Körper gegen ihn selbst, Kampf gegen meinen Sohn, wer schneller, kräftiger, intelligenter, liebenswerter ist. In den letzten Jahren habe ich immer deutlicher erlebt wieviel ich aufwende, um „Unangenehmes“ von mir fern zu halten. Unangenehm war Vater zu sein, nicht „ausreichend“ liebevolle, aufmerksame Zulwendung zu bekommen, „einsam“ zu sein, „ungerecht“ behandelt zu werden, Verträge aller Art mit Selbstdisziplin einzuhalten – von der Uhrzeit für ein Treffen bis zur Treue in der Beziehung, Verantwortung zu übernehmen, nicht „die richtige Frau“ für mich gefunden zu haben.

    Immer spürbarer werden die Schmerzen, wenn ich ins „schwarze Loch“ gerate, entstanden durch den frühen, plötzlichen Tod meiner Mutter, immer deutlicher die damit verbundene Traurigkeit und Wut des kleinen Günter in mir.

    In den Jahren mit Skan habe ich bis jetzt „die andere Wahrheit“ meiner unangenehmen Seinszustände erfahren. Meine Lehrer, meine Partnerin, die Menschen in der Ausbildungsgruppe, mein Sohn und seine Mutter und meine Patienten und einige andere liebe Menschen haben mir dabei zur Seite gestanden. Eben doch Vater, Arzt, liebender Partner, Therapeut und Sohn zu sein, mit Verantwortung und zunehmender Freude daran, gestalten meine Lebensführung der letzten Jahre. Ich stelle dem Einzelkämpfer die Teamarbeit entgegen, dem sentimentalen Selbstbemitleider den Lachenden auf leichtem Fuß, dem Egoisten den Liebenden mit offenem Herz, der sich mit seinem Verlangen zeigt, dem traurigen Langeweiler den spontanen Günter, der Herausforderungen erkennt und annimmt – nur nicht mehr um jeden Preis!

    „Ladung aufbauen und halten“ – „Wenn du ‚zugehst‘, erinnere Dich wer Du bist“, „Lose your poker face and keep laughing“ sind Sätze meiner Lehrer an mich.- „Leben und leben lassen“ einer meiner Sätze für mich und für andere.

    Strömen von Tor zu Tor
    (Wolfram Ratz)

    Was sich bei mir seit Beginn des Skan-Trainigs verändert hat?- Ich habe begonnen Fußballspiele der Wiener Unterklasse in meinem Bezirk zu besuchen. Simmering gegen Gaswerk oder Ostbahn XI gegen Mautner Markhof wurden für mich Wochenend-Pflichttennine. Daß die Qualität der Spieler und damit der Spiele nicht übermäßig groß ist, stört mich überhaupt nicht. Qualität ist en- mich das Ambiente auf dem Sportplatz. Ich „ströme“ förmlich mit den frischgeduschten Reservespielem und einer Handvoll Pensionisten, die die oft heitere Zuschauerkulisse bilden, von Tor zu Tor.

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  • Kategorie: 1995
  • Buk 4/95 Besser leben lernen

    Bukumatula 4/1995

    Erfahrungsbericht über eine Therapie bei HIV-positiver Diagnose

    Heike s. Buhl:

    Um es gleich vorauszuschicken: dies ist kein Bericht einer legendären „Heilung“. Es ist ein kurzer Abriß der gemeinsamen Arbeit meines Patienten Jürgen und mir über dreieinhalb Jahre. Während dieser Zeit hat Jürgen viele äußere Umstände in seinem Leben verändert. Er hat Zugang zu seinen Gefühlen bekommen und gelernt, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Seine Erkrankungen, wegen derer er zu mir kam, sind weiter vorhanden.

    Ich möchte diesen Bericht trotzdem veröffentlichen, da in ihm u. a. die Diagnose „HIV – positiv“ eine Rolle spielt. Ohne an dieser Stelle eine abschließende persönliche Stellungnahme zur sogenannten „AIDS -Diskussion“ vornehmen zu wollen, mehren sich die Zweifel an der kausal-linearen Auslösung der Krankheitssymptome, die unter dem Begriff „AIDS“ zusammengefaßt werden, durch ein sog. „HI-Virus“ (Human Immunodeficiency Virus). Es wird diskutiert, ob es dieses Virus überhaupt gibt, und wenn ja, ob es – direkt oder indirekt – an der Zerstörung weißer Blutkörperchen beteiligt ist, oder ob es als solches ungefährlich ist und es zum Auftreten der „Aids – Symptome“ nur auf Grund anderer Risikofaktoren kommt (Drogemmißbrauch, Medikamente, Kontakt mit Fremdeiweiß, Geschlechtskrankheiten). Lebensstil, vorbestehende somatische Erkrankungen und psychosoziale Faktoren könnten demnach zu einer erworbenen Immunschwäche führen (Biopathie nach Reich), die – mit oder ohne HIV? – den Nährboden für seltene und lebensgefährliche Erkrankungen, in der Schulmedizin unter dem Namen „AIDS -Syndrom“ zusammengefaßt, bilden.

    Dieser Artikel ist ein Versuch, anhand einer Fallschilderung charakterisische psocho-soziale und bio-energetische Bedingungen aufzuzeigen, die mit dem Ausbruch dieser Erkrankungen in Verbindung stehen könnten, indem sie eine Schwächung der vegetativen Reaktionsbereitschaft des Körpers in Form einer Biopathie begünstigen. Aus einem einzelnen Fall lassen sich natürlich keine Verallgemeinerungen ableiten. Dieser Artikel soll vielmehr ein Anstoß für andere Therapeuten sein, über dieses Thema in Austausch zu treten und Gemeinsamkeiten oder Differenzen in unseren Erfahrungen herauszufinden. Dieses würde die bisherige Diskussion durch konstruktive Arbeit an der Erforschung grundlegenderer Mechanismen als der der Virusinfektion ergänzen.

    Wie es anfing – Vorgespräch

    Ende Februar 1990 kommt ein junger Mann zu mir in die Praxis. Er ist 23 Jahre alt und weiß seit neun Monaten, daß er HIV – positiv diagnostiziert ist und daß die Gefahr besteht, an den unter der Bezeichnung „AIDS“ zusammengefaßten Symptomen zu erkranken. Dies ist nur eines seiner Anliegen, denn dieser Befund scheint für ihn nicht im Mittelpunkt zu stehen. Er leidet aktuell mehr unter zunehmenden manisch-depressiven Zuständen von jeweils mehrwöchiger Dauer, zudem hat er seit dem Alter von 8 Jahren wiederholt epileptische Anfalle, die aber seit drei Jahren nicht mehr aufgetreten sind. Medikamente gegen Epilepsie hat er kürzlich abgesetzt. Körperlich schwach fahle er sich, seit er 10 Jahre alt war. Seit zwei Jahren bemerke er ein Zunehmen von Grippe-Infekten. Er trägt eine Brille wegen leichter Kurzsichtigkeit (0.75 und 1 Dpt.) und Astigmatismus.

    Jürgen sieht blaß aus. Während er zögernd zu mir spricht, schaut er auf den Teppich vor sich und malt mit dem Finger Striche auf den Boden. Er wirkt völlig in sich versunken und nimmt keinen Augenkontakt auf. Er erzählt von seiner Familie, dem stillen Vater, der starken Mutter, seiner Haßliebe zu ihr und wie er sich nur gegen ihren Widerstand vor zweieinhalb Jahren von Ihr lösen konnte, indem er von seiner Heimatstadt in Bayern nach Berlin zog.

    Jürgen arbeitet zu der Zeit als Erzieher in einem Schülerladen.
    Glücklich sei er nicht in seinem Beruf, oft fühle er sich überfordert in der Situation als Puffer und Vermittler zwischen Eltern und Kindern. Unterstützung erhalte er von seiner Kollegin, die „die Dinge in der Hand“ habe.- Privat lebt er mit seinem festen Freund Hans zusammen in einer kleinen Wohnung. Darüber ist Jürgen froh, meinte aber, der Freund sei wohl manchmal überfordert., ihn „immer aufzubauen“.

    Sein Körper habe ihm noch nie Freude bereitet, berichtet Jürgen. Früher sei er sehr dick gewesen und die anderen Kinder haben ihn oft deswegen gehänselt. Von Kindheit an sei er oft krank gewesen und habe oft Antibiotika nehmen müssen. Er empfinde sich sehr kopfbestimmt, seine Gefühle müßten oft zurückstehen. Er leide unter dem Geruht „mit Scheuklappen durch die Welt zu gehen“, manchmal sei es „wie in einem Glaskasten“. Von der Therapie erhoffe er sich, daß seine Depressionen aufhören, daß er wieder etwas mehr Lebensfreude empfinden könne und daß Gefühle und Denken mehr „im Gleichklang“ seien.

    Dreieinhalb Jahre Therapie

    In der ersten Therapiestunde versuche ich, die Verspannungen in Jürgens Körper ausfindig zu machen. Die Augen wirken leblos, das Kinn stark verspannt, so daß er davon schon einen Druck auf den Ohren spürt. Nacken und Schultern sind ebenfalls hart, der Rücken „breche zwischen den Schulterblättern durch“, dort spüre er eine „große Last“. Der Brustkorb bewegt sich beim Atmen nicht, sondern bleibt in Mittelstellung, Jürgen atmet nur mit Bauchatmung. Auch die Muskeln entlang der Wirbelsäule und im Beckenbereich sind sehr gespannt.

    Jürgen wirkt insgesamt sehr „geladen“ bei einem harmonischen Körperbau. Er verspürt in der Therapiestunde den Wunsch, sich zu bewegen, aber gleichzeitig spürt er seine Ängste, die zunächst noch stärker sind.

    In den folgenden Stunden ergründet Jürgen seine Anspannung, die
    Angst bindet und Sicherheit bietet. Er lernt aus der körperlichen
    Starre in Bewegungen zu gehen, durch die er sich lebendiger fühlt. Er berichtet, daß seine Mutter den Körperkontakt zu ihm im Alter von 5 Jahren jäh unterband. Sein Freund sei sehr zärtlich zu ihm, aber sexuell wünsche er sich von diesem mehr Aktivität. Schon seit drei Monaten sei es zu keinem sexuellen Kontakt mehr gekommen, was Jürgen sehr belastet.

    Mit der Mobilisierung der Augen und des ganzen Körpers kommt Jürgen in Kontakt mit Gefühlen von Ärger und Traurigkeit. Statt ärgerlich zu werden, verfallt er aber gerne in Selbstmitleid und wird das „Opfer“ äußerer Umstände. In manchen Stunden geht der Kontakt zu ihm plötzlich völlig verloren: gerade an den Stellen, an denen ich eine ärgerliche oder laute, auf jeden Fall nach außen gerichtete Reaktion erwarte, sinkt Jürgen wie in sich zusammen und wird ganz still – oder schläft sogar ein. Es ist, als ob jemand „den Stecker rauszieht“, ein energetisches Absterben, wie eine Implosion an Stelle einer Explosion. Jürgen kann diesen Mechanismus auch wahrnehmen, zunächst projiziert er seine Wut aber noch nach außen: er spürt „gefährliche Kräfte in Räumen, die ihn lähmen können“.

    Im Laufe der Mobilisierung des Augensegments kommen wir auch auf den zeitlichen Beginn der Kurzsichtigkeit zu sprechen: dies war im Alter von 10 oder 11 Jahren, als Jürgen klar wurde, daß er sich zu Männern mehr als zu Frauen hingezogen fühlt. Dies brachte ihn in tiefe Konflikte mit seiner kirchlichen (katholischen) Orientierung. Auch von den Eltern zog er sich auf Grund seines Schwulseins zurück, andere Ansprechpartner gab es nicht. Erst mit 17 Jahren besprach er dieses Thema mit einem Lehrer und mit 19 Jahren hatte er seinen ersten Freund.

    Nach einem halben Jahr unserer gemeinsamen Arbeit treten die körperlichen Symptome mehr in den Vordergrund. Jürgen fühlt sich schwach und depressiv, die Anzahl der roten Blutkörperchen ist gesunken, er nimmt Eisenpräparate ein. Während einer Stunde bricht er in tiefes Schluchzen aus und empfindet dann großen Ärger über sein Dasein. In dieser Stunde wird deutlich, daß Jürgen die Gefahr, an „AIDS-Symptomen“ zu erkranken, auch als Chance sieht, diese Welt bald wieder zu verlassen. Vor Jahren hatte er ein sogenanntes Nahtod-Erlebnis nach einem Fahrradunfall. Er erzählt, daß dieses sehr schön für ihn war und er sich seitdem in der Tiefe nach dem Tod sehnt. Er hat konkrete Suizidgedanken, aber auch hier kommt er wieder in Konflikte mit seiner religiösen Erziehung: Freitod ist ihm verboten. Wir besprechen dieses zentrale Thema immer wieder zu verschiedenen Zeitpunkten der Therapie: muß er wirklich Ja – Sagen zum Leben auf der Erde oder kann er schnell wieder verschwinden? Kann er auf der Erde bleiben und vielleicht sogar seinen Körper zurückerobern ohne allzuviel Leiden? Muß er sich „inkarnieren“ – im wahrsten Sinne des Wortes – oder gibt es einen unkörperlichen, spirituellen „short cut“ zur Seligkeit?

    Am Tiefpunkt seiner Depression kommt es nach dreieinhalb Jahren Anfallsfreiheit zu einem erneuten epileptischen Anfall. Nach einem halben Jahr Medikamentenabstinenz muß er nun wieder Tabletten nehmen. Zeitlich füllt die anfallsfreie Zeit mit einer Zeit sexueller Aktivität zusammen. Zwar habe er beim Verkehr mit Männern meist keinen Orgasmus, dennoch scheint er dadurch tiefere Entladungen zu erleben als bei der Masturbation. Im Lauf der Therapie treten insgesamt noch drei weitere epileptische Anfälle, v.a. nach Schlafentzug und in Zeiten starker emotionaler Belastung, auf. Jürgen erkennt ein Muster: die Anfälle kommen, wenn er „völlig überdreht“ im Bett liegt und nicht Einschlafen kann. Er kann mit der Zeit die Anfälle frühzeitig kommen spüren und sie zum Teil sogar durch eine veränderte Atmung noch abfangen. Er atmet dazu tief und ruhig in Brust und Bauch, versucht, die Atmung ungehindert „fließen zu lassen“ und bei geöffneten Augen stellt er sich vor, mit dem Ausatmen „Energie nach außen zu geben“. Jürgen versucht dann, den Körper wieder zu erden, um dem epileptischen „Abheben“ entgegenzuwirken: er streichelt Gesicht und Körper und vermeidet jede hastige Bewegung, bis die innere Unruhe aufhört. – Jürgen wird sich mit der Zeit bewußter, wann er sich überfordert und dadurch in Gefahr ist, einen Anfall zu bekommen.

    Unsere gemeinsame Arbeit dreht sich im wesentlichen weiter darum, Jürgen neue Möglichkeiten zu vermitteln, Energie zu entladen bzw. sich so zu verhalten, daß sich „nicht soviel in ihm anstaut“. Dabei geht es immer wieder um die Themen Grenzen ziehen und aggressives Verhalten. Jürgens verinnerlichtes Ideal sind Schneeweißchen und Rosenrot, die ihre Prüfungen nur bestanden, weil sie so lieb waren. Der Wolf in ihm ist zwar auch – grade noch – lebendig, aber nicht besonders präsent und durch die starken kirchlichen Verbote in Zaum gehalten. Vertiefte Atmung, Augenmobilisation, Öffnen der Kehle durch Auslösen des Würgreflexes und Töne, Mobilisierung der Arme durch Schlagbewegungen führen ihn langsam dahin, sich mit den aggressiven Anteilen in ihm vertraut zu machen. Starke Wut und Absterben lösen sich dabei immer wieder ab. Er erinnert sich, daß gegenüber der Mutter früher das „Absterben“ und „Dichtmachen“ der einzige Schutz waren, um nicht verschlungen zu werden. Daraus resultiert eine große Angst vor Nähe: bei einer Nähe-Distanz-Übung fühlt er sich schon bedroht, wenn ich näher als vier Meter an ihn herankomme.

    Während dieser Arbeit wird Jürgen insgesamt klarer in seinen Empfindungen und in seiner Ausdrucksweise. Schon seit längerer Zeit sitzt er zu Beginn der Stunde nicht mehr versunken vor mir, sondern erzählt gerne und offen. Je mehr er seinem unterdrückten Ärger Luft machen kann, desto mehr Kraft verspürt er in seinem Alltag. Er versteht jetzt, warum den Kindern in seinem Schülerladen das Balgen Spaß zu machen scheint. Die Augen sind immer wieder das entscheidende Ventil, sie reagieren stark auf die Körperarbeit: nach einem starken Wutausbruch kann er die Rillen in der vier Meter entfernten Fußleiste sehen! Andererseits sind die Augen auch immer die beste Möglichkeit, „dicht zu machen“, wenn die Wut ihm unheimlich wird.

    Nach einem Jahr Therapie berichtet Jürgen, daß es ihm jetzt leichter fällt, sich Raum zu schaffen und seine Grenzen zu ziehen. Er wird insgesamt unbequemer für seine Mitmenschen, denn er äußert öfter seine Meinung und seine Bedürfnisse und reagiert auch mal ärgerlich. Dabei eckt er bei seinem Freund und seiner Arbeitskollegin öfter an. In einer Stunde, in der er seine „Wut im Bauch“ spürt, führen wir einen Kissenkampf durch. Dabei taucht die Phantasie auf, mich zu erwürgen. Die Wut ist wie ein „Teufelchen im Kasten“, das noch nicht ganz raus darf – zum Glück für mich!

    Im Mai 1991 nimmt Jürgen sexuelle Kontakte außerhalb seiner Beziehung mit Billigung seines Partners auf Sein Körpergefühl wird zunehmend besser, er genießt seine Sexualität, und die Phasen von Depression und manischem „Abheben“ verlaufen wesentlich gedämpfter. Seit seinem Urlaub im April trägt er keine Brille mehr, da er seine Kurzsichtigkeit als klar streßabhängig beobachtet.

    Gerade jetzt rückt das Thema Immunschwäche wieder mehr in den Vordergrund: die Zahl seiner Helferzellen ist auf 320 abgesunken, sein Hausarzt hat ihm dringend geraten, das Medikament AZT zu nehmen. Jürgen ist völlig deprimiert. Wir besprechen wie bereits schon zuvor die Fraglichkeit der gesamten klinischen AIDS-Hypothese sowie mögliche Alternativen zur schulmedizinischen Behandlungsweise. Schließlich entschließt er sich, kein AZT zu nehmen. Er ändert nach und nach seinen ungesunden Ernährungsstil von viel Süßigkeiten zu ausgewogener, rohkostreicher Kost und hört auf zu rauchen. Außerdem bestellt er sich einen Orgonakkumulator, den er zunächst 20-30 Minuten am Tag benutzt (Mai 1991). Angesichts seines insgesamt ja viel besseren psychischen und physischen Allgemeinbefindens machen ihn die Laborbefunde besonders zu schaffen: gerade weil er sich jetzt lebendiger fühlt, ist der Gedanke, daß er vielleicht doch an einer tödlichen Erkrankung leidet, er ihn viel schwerer zu ertragen! Im Gegensatz zur anfänglichen Todessehnsucht machen sich jetzt mehr lebensbejahende Impulse bemerkbar: er fühlt sich „wie ein Schmetterling in einem Kokon“ und freut sich, „daß der Schmetterling noch lebt“.

    Ende 1991 kommt es wieder zu einer längeren Krankheitsphase mit Stirnhöhlenvereiterung. Zu der Zeit beginnt Jürgen, seine Beziehung zu seinem Freund Hans in Frage zu stellen. In der Therapie kann er seine Wut inzwischen gut ausdrücken. Auf seiner Arbeitsstelle schreckt er vor klärenden Gesprächen nicht mehr zurück. Anfang 1992 verläßt seine Kollegin den Schülerladen und er muß diesen vorübergehend alleine führen. Nach anfänglichen Ängsten gelingt ihm das überraschend gut und er bekommt mehr Vertrauen in seine Fähigkeiten – parallel dazu aber auch mehr Gefühl für seine Grenzen und für sein Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung.

    Im Januar 1992 beginnen wir mit energetischer Hochladungsarbeit. Dabei wird der Körper bei tiefer Atmung vorzugsweise durch sogenannte Streßpositionen energetisch aufgeladen. Der Energiefluß kann im Körper gelenkt werden und gerichtete körperliche Entladungskanäle werden etabliert. Bei Jürgen arbeiten wir vor allem daran, die Energie, die er manchmal wie einen Ball oder Druck, aber auch als Kraft im Bauch spürt, mehr in die Peripherie, d.h. Arme, Beine und Kopf, zu leiten.

    Ende Februar bekommt Jürgen wieder eine schwere Darmgrippe und ist mehrere Wochen krankgeschrieben. Im März bekommt er für einen Tag Fieber, was seit Jahren nicht der Fall war. Aus naturheilkundlicher Sicht ist das Fieber durchaus positiv zu bewerten: der Körper aktiviert wieder natürliche Abwehrmechanismen, die zuvor „eingeschlafen“ waren. Jürgen verspürt ein Vibrieren im Bauch, das sich nach der energetischen Arbeit jeweils für eine Weile legt. Nach einer dieser Stunden fühlt er sich sehr kraftvoll und gleichzeitig fühlt er eine große Ruhe im Bauch. Er schaut mich an und sagt: „Das ist ja schöner als Totsein“.- Ich bin sehr berührt.

    Im April 1992 benutzt er den Orgonakkumulator jeden Tag zwischen 45 und 90 Minuten. Die Zahl seiner T4-Helferzellen ist von vorübergehend 260 wieder auf 400 angestiegen. Wir machen eine Phantasiereise durch den Körper. Jürgen schaut sich alle inneren Organe genau an und kommt zu dem Schluß: „50% des Körpers sind noch ganz o.k.! Er ist zwar nicht grade ein Porsche, eher ein alter Trabbi, aber ein paar Jahre kann er noch halten“.

    In den nächsten Monaten thematisiert Jürgen seine Unzufriedenheit mit seiner derzeitigen beruflichen Tätigkeit. Er überlegt, welchen Beruf er wirklich gerne ausüben würde – Gärtner? Florist? – und welche Möglichkeiten zum Berufswechsel es geben könnte. Auch das geht nicht ohne gelegentliche Rückfälle in Kraft- und Hilflosigkeit ab; letztlich entschließt er sich aber zur Kündigung.

    Anfang 1993 verläßt Jürgen den Schülerladen, zunächst ohne eine
    klare Vorstellung von seiner weiteren beruflichen Tätigkeit. Er möchte
    sich Zeit geben, in verschiedene Bereiche reinzuschnuppem. Jürgen beginnt einen Job in einer Sauna und arbeitet teilweise in einem Blumenladen mit. Dabei hat er viel zu tun und verdient wenig, trotzdem scheint es ihm damit psychisch und physisch besser zu gehen. Seine vielen Krankheiten lassen in diesem Jahr nach. Auch in seinem Privatleben gibt es Veränderungen: Jürgen trennt sich schließlich von seinem Freund Hans und sucht eine eigene Wohnung, da er auch vor dem alleine Wohnen nicht mehr solche Angst hat. Er macht neue Möglichkeiten ausfindig, seine Sexualität lustvoll und ganzkörperlich auszuleben.

    Die Therapiestunden können allerdings wegen Geldmangels zunächst nur noch 14tägig stattfinden. Ende Juli beenden wir die Therapie, da die Krankenkasse eine Kostenübernahme ablehnt. Dies bedauern wir beide, aber die Tatsache, daß Jürgen jetzt auch ohne wöchentliche Unterstützung auskommt, ist andererseits auch Ausdruck seiner zunehmenden Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Schließlich ist das letzte Ziel der Therapie ja, sich selber überflüssig zu machen!

    In einem Brief mit „abschließenden Therapiegedanken“ schreibt mir Jürgen, daß er durch unsere gemeinsame Arbeit Zugang zu seinem Körper gefunden habe. Ich sei die „Fahrlehrerin“ für sein Geführt gewesen, fahren müsse er jetzt alleine. Er vertraue seinen Gefühlen und fühle sich klarer im Umgang mit seinen Mitmenschen. Den Orgonakkumulator benutzt er weiter täglich als „Kraft-Tankstelle“ oder „Ladegerät für sein Schutzschild“ und bemerkt oft eine Stimmungsaufhellung, während er ihn benutzt.

    Resümee

    Wie bereits am Anfang gesagt: dies ist keine Geschichte einer Wunderheilung. Sie kann aber vielleicht einen Eindruck vermitteln in die vielen kleinen Schritte, die in einer Therapie passieren. Jürgen und ich sind ein Stück Weg gemeinsam gegangen und Jürgen hat inzwischen eigene Fähigkeiten entwickelt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Er hatte den Mut, sein Leben noch einmal von Grund auf zu überdenken. Er hat seine Arbeitsstelle, seine Beziehung, seine Sexualität und seine Wohnsituation verändert. Jürgen fühlt sich klarer.

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  • Kategorie: 1995
  • Bukumatula 5/1995

    Eine sexualökonomische Annäherung an den Orgonakkumulator


    Günter Hebenstreit:

     

    „Es ist so, als ob der Kasten an der Steckdose hängt…

    (…und der andere nicht.” Zitat einer Testperson bei der Orgonakkumulatorstudie auf die Frage, ob sie einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Orgonakkumulatorsitzung und einer Placebokastensitzung bemerkt hätte.)

    Mein Interesse für das Leben und Werk Wilhelm Reichs bestand schon zu Beginn meiner Studienzeit. Der Gedanke der Verbindung meiner Neigungen mit den Anforderungen des Diplomstudiums der Psychologie kam bald zum Vorschein. Durch die Arbeit von Gebauer & Müschenich (1987) über die „psychophysiologischen Effekte des Orgonakkumulators“ bekam ich Mut, mich auch an eine derartige experimentelle Überprüfung zu wagen. Die experimentelle Planung und das Setting ist nicht als „orgonomisch“ zu bezeichnen, sondern es ist psychophysiologisch ausgerichtet. Sicherlich mußte ich mich orientieren an dem Umstand, daß diese Arbeit als Diplomarbeit der Studienrichtung Psychologie, also als akademische Abschlußarbeit geplant war. Auch hatte ich zu Beginn der Arbeit noch keine genaue Vorstellung davon, wie sich ein Experiment prinzipiell orgonomisch entwerfen und durchführen lassen könnte.

    Andererseits verstand ich diese Arbeit als Überprüfung einer persönlichen Hypothese, inwieweit die wissenschaftlichen Systeme der akademischen Psychologie und der Schulmedizin mit der Reichschen Theorie annäherbar sind. Es war fraglich, ob (und warum) ihre Gegensätze so beschaffen sind, daß sich beide gegenseitig ausschließen, ob sie in Koexistenz miteinander bestehen können, oder ob die Befunde (und dann welche) der Theorien Reichs durchaus mit ihnen in Einklang zu bringen sind. Es besteht die weit verbreitete Meinung unter den „Reichianern“, daß die akademische Psychologie und die Schulmedizin „mechanistisch“ sind. Meist wird daraus ein Werturteil (Etikett) abgeleitet, ohne jedoch die wissenschaftlichen Tatsachen zu beachten bzw. die eigene Meinung auch zu begründen.

    Ich hatte die Motivation, diesen Ansatz zu hinterfragen, da ich der Meinung war, daß solch eine hochmütige Art Wissenschaft zu betreiben, nicht dazu benutzt werden sollte, das Hinterfragen der genauen Verhältnisse der „mechanistischen“ und der „reichschen“ Wissenschaft zu verdecken. So war es erforderlich, meine eigene Kompetenz drastisch zu erhöhen und mich gründlichst mit der Sexualökonomie und der Orgontheorie auseinanderzusetzen.

    Günter Hebenstreit

    Allgemeine biologische Wirkung des Orgonakkumulators

    Für die Darstellung der biologischen Wirkung des Orgon-akkumulators (OA) sind einige Grundbemerkungen nötig. Besonders bezüglich der biologischen Wirkungen des Orgonakkumulators existieren Unklarheiten und Brüche in Reichs Theorie. Sie waren auch für die Entwicklung der allgemeinen Fragestellung meiner Diplomarbeit von Bedeutung.

    Hielt sich Reich bis zur Zeit seiner skandinavischen Emigration in seinen wissenschaftlichen Arbeiten noch an die gebräuchlichen wissenschaftlichen Termini der einzelwissenschaftlichen Spezialdisziplinen, so änderte sich dies im Laufe seiner amerikanischen Schaffensperiode. Ein wesentlicher Grund dafür waren fehlende oder unzureichende Erklärungsmodelle dieser Spezialdisziplinen. Seit Reich die Strahlungserscheinungen der SAPA-Bione und die Strahlungseffekte des Orgonakkumulators studierte, ging er dazu über, einerseits neue Begriffe für seine Thesen zu verwenden, andererseits gab er üblichen Begriffen einen speziellen sexualökonomischen und orgonomischen Sinngehalt (z.B. Vagotonie, Sympathicotonie, Pulsation, Kontraktion und Expansion, etc.). Sie waren seines Erachtens zutreffender, als jene, welche die Naturwissenschaften zu jener Zeit baten. Ein Beispiel sei hier angeführt:

    Reich berichtet nach seiner Ankunft in den USA im Rahmen seiner Bionforschungen über Eigenschaften von bionösen Strukturen, von Einzellern und anderen organismischen Strukturen (Blutkörperchen etc.). Noch in seinem Werk „Die Bione“ orientierte sich Reich eigenen Aussagen zufolge (vgl. Reich 1949a) sehr an einer stofflich-materialistischen Betrachtungsweise Auch zog er die ent entsprechenden Paradigmen, die diese Betrachtungsweise bietet, heran, um Erklärungsansätze für seine Beobachtungen formulieren zu können. In der darauffolgenden Zeit, etwa ab 1940, stehen statt stofflich-materiellen Betrachtungsweisen mehr und mehr bioenergetische Funktionen im Mittelpunkt. Mit diesem Wandel verschiebt sich die Betonung von den materiellen Komponenten auf Erregungsprozesse. Der Theorie Reichs zufolge bedienen sich letztere nur der stofflich-materiellen Zustände. So suchte Reich (1938) noch stofflich-materielle Gefüge und Veränderungen bei der Untersuchung der Spannungs-Ladungs-Formel (S-L-Formel). Später geht es Reich um die eingehende Untersuchung der Prozesse, die sich durch die S-LFormel ausdrücken, also in erster Linie um Erregungs- und Strömungserscheinungen von lebenden plasmatischen Zellen oder Organismen.

    Je mehr er sich mit diesen Erscheinungen auseinandersetzte, desto mehr lösten sich für ihn gewohnte wissenschaftliche Anschauungen und kausale Denkmodelle auf. In den Werken nach den „Bionen“ findet dieser Übergang in Reichs Methodik statt. Reich (1949a) zählt die bioenergetischen Grundeigenschaften aller lebenden Materie am Beispiel der Bionbläschen auf:

    „Die Orgonenergiebläschen zeigen die Grundfunktion der lebenden Substanz voll ausgebildet: Attraktion, Erstrahlung, Strahlungsbrücke, Verschmelzung und Durchdringung. Diese Funktionen sind spezifische Eigenschaften der Orgonbläschen, denn Bione, die ihre Orgonladung verloren haben, lassen diese Funktionen vermissen. Diese Funktionen sind also nicht stofflich, sondern energetisch begründet. Sie sind spezifische Orgonfunktionen und haben nichts mit Magnetismus oder Elektrizität zu tun.“ (Reich 1949a, S. 68)

    Diese Umstellung hat Konsequenzen: Aus dieser neuen Sichtweise erwachsen neue Möglichkeiten, die z.B. Ola Raknes (1970) für verschiedene Wissenschaftsdisziplinen diskutiert. Sie bringt aber auch für den Forschungsbetrieb einige noch ungelöste Fragen mit sich (z.B. die Frage der Subjektivität im Funktionalismus; vgl. Vittinghoff 1977, Boadella 1980). Graphisch zusammengefaßt lassen sich mehrere Entwicklungsstufen in Reichs Forschungsparadigmen feststellen: Zu der oben mitgeteilten Einführung muß noch ergänzt werden, daß Reich sein Schaffen als Psychoanalytiker begonnen hat und in diesem Zusammenhang erstmals die Orgasmustheorie formulierte:

    Psychologie: Betonung des „Quantitativen Faktors“ der Libidotheorie; Gesetze der Spannung und Entspannung in der ersten Formulierung der Orgasmustheorie (vgl. Reich 1927).

    Phvsiologie: Gesetze der Spannung und Entspannung in dialektischer Kopplung mit biochemisch-elektrischer Auf- und Entladung von Protoplasma; Modell der „Vegetativen Strömung“ von F. KRAUS (1926, 1927); Vegetatives Nervensystem als ein Funktionsträger des Urgegensatzes von Lust und Angst.

    Orgonomie: Gesetze der bioenergetischen Erregung, Erstrahlung, Verschmelzung, Pulsation, Anziehung.

    Abbildung 1: 3 Stufen in der Reichschen Begriffsbildung.

    Da sich das Hauptaugenmerk auf der dritten Stufe nicht mehr auf materielle Prozesse selbst konzentriert, wurden die materiellen Veränderungen bzw. Folgeerscheinungen von bioenergetischen Prozessen auch nicht mehr so eingehend von der stofflich-materiellen Seite beschrieben. Im vorliegenden Falle sind dies Begriffe der Vagotonie (s.u.) und der Sympathicotonie, ferner die der Expansion, Kontraktion und Pulsation. Im geplanten Experiment sollen mittels der Erhebung und Messung psychophysiologische Parameter festgestellt werden, ob eine Orgonakkumulatorwirkung tatsächlich reproduzierbar ist.

    I. Die vegetativen Wirkungen des Orgonakkumulators

    Im Zusammenhang mit klinischen und experimentellen Arbeiten formuliert Reich einen wesentlichen Effekt der Orgonstrahlung: „Die Orgonstrahlung wirkt vagoton …“ (Reich 1949a, S. 182)

    Die Strahlung hat dem Zitat zufolge eine Beziehung zum vegetativen Nervensystem. Zu berücksichtigen ist, wie erwähnt, daß Reich die Begriffe sympathisch und parasympathisch (vagisch) in sexualökonomischem Sinne gebraucht. Der normale Gebrauch des Orgonakkumulators läuft darauf hinaus, daß der Patient sich in den mit einer Türe versehenen Orgonakkumulator setzt und darin für ca. 10 bis 60 Minuten verweilt.

    „Die Temperaturerhöhung des Organismus ist als eine grundsätzliche Erregungsreaktion der Zellen und des Blutes bekannt. Sie wurde bisher noch nicht verstanden. Diese Temperaturerhöhung weist auf eine Erstrahlung des orgonotischen Körpersystems hin. Genauso wie der Kontakt zweier Bione in eine orgonotische Erstrahlung ausläuft, erstrahlt auch das Blut und das Zellsystem im Kontakt mit dem Orgonfeld des Akkumulators. Dieser Kontakt der beiden Orgonsysteme fiihrt zu einer Steigerung des Orgonenergiewechsels im Organismus, dem mm die belebende Wirkung der Orgontherapie zugeschrieben werden muß. Energiekontakt, Durchdringung Zellerstrahlung und Steigerung des Energiewechsels sind der Reihe nach wesentliche Etappen des Vorgangs.“ (Reich 1949a, S. 322f.)

    Demnach besitzt der Orgonakkumulator ein Energiefeld wie ein lebendiger Organismus! Diese Aussage ist insofern bemerkenswert, als sich aus dem bisher Berichteten wohl die Möglichkeit eines solchen energetischen Kontaktes zwischen zwei oder mehreren lebendigen Organismen oder Bionbläschen ergeben kann. Neu ist nun, daß eben auch ein Orgonakkumulator mit seiner speziellen Materialanordnung zu ebensolchem Kontakt geeignet ist (von qualitativen Unterschieden mal abgesehen).

    Die anfängliche Annahme, daß der Organismus passiv und unbeteiligt von der Orgonstrahlung durchdrungen wird, war der Röntgen- und Radiumbestrahlung entlehnt. Bei jenen Strahlungsarten handelt es sich um nicht-biologische, körperfremde Energie. Die Orgonstrahlung dagegen stellt eine körpereigene, biologische Energie dar. Sie wird dem Organismus durch die Atmung der Haut, durch Kontakt mit anderen Menschen und Organismen, oder z.B. auch mit der Lunge aus der Atmosphäre „geholt“, oder man bekommt sie von der Sonne zugeführt. Der Organismus enthält in seinen Zellen und Flüssigkeiten Orgon, er nimmt es auf bzw. strahlt es unausgesetzt ab. Befindet sich nun der Organismus im Orgonakkumulator, so treten zwei orgonotische Systeme in eine funktionelle Beziehung zueinander (vgl. Reich 1949a, S. 318f.). Anhand eines Beispiels aus der Mikrobiologie schildert Reich seine Sichtweise von den energetischen Prozessen zweier in Kontakt tretenden orgonotischen Systeme (das sind im einfachsten Falle Bione mit einer Membranumhüllung oder sonstige ein- und vielzellige Organismen oder rote Blutkörperchen):

    „Geraten nun zwei orgonotische Systeme in entsprechende Nähe zueinander, so bilden die beiden Orgonenergiefelder einen energetischen Kontakt. Die nächste Folge dieses orgonotischen Kontakts ist gegenseitige Erregung und Attraktion. Sie äußert sich darin, daß die orgonotischen Systeme einander näherrücken. … Sind die Blutkörperchen nahe genug gerückt, so bildet sich eine Orgonenergiebrücke mit starker Lichtbrechung aus. Jetzt beginnen die beiden biologischen Kerne der orgonotischen Systeme stärker zu strahlen. Wir nennen die Erscheinung die „orgonotische Erstrahlung“. Sie ist dasselbe, was die Schulbiologie als „mitogenetische Kernstrahlung“ in der Zellteilung beschreibt. [Anmerkung des Autors: mitogenetische Kernstrahlung = Strahlungsphänomen, das bei der Mitose, der Zellteilung, in einer bestimmten Phase auftritt.] Sämtliche fundamentalen bioenergetischen Vorgänge wie Sexualerregung, Orgasmus, Zellverschmelzung und Zellteilung gehen mit hoher bioenergetischen Erregung, also mit orgonotischer Erstrahlung einher. Es handelt sich um starke Energieentbindung in der lebenden Materie.“ (Reich 1949a, S. 319)

    Aus der Erstrahlung bzw. „Überlagerung“ der Orgonenergiefelder des Akkumulators und des sich in ihm befindlichen Organismus soll die eigentliche und wesentliche Heilwirkung dieses Gerätes entspringen. Im Falle des oben zitierten Beispiels bildet sich zwischen den beiden orgonotischen Systemen eine Orgonstrahlungsbrücke an den Kontaktflächen. Im Falle des Orgonakkumulators umhüllt das Orgonenergiefeld des unbelebten orgonotischen Systems das Energiefeld des lebenden orgonotischen Systems von allen Seiten (vgl. Reich 1949a, S. 320f.)

    „Die wiederholten, durch den Akkumulator hervorgerufenen Erstrahlungen des Organismus äußern sich ja auch darin, daß die roten Blutkörperchen mit der Zeit an biologischer Energie gewinnen und befähigt werden, stärker zu strahlen, praller zu werden, Krebsgewebe zu zersetzen, T-Bazillen zu töten etc., was sie im orgonschwachen Zustand nicht können.“ (Reich 1949a, S. 323)

    Soweit die bioenergetischen Funktionen. Eng verbunden mit den Heilwirkungen des Orgonakkumulators (OA) ist das vegetative Nervensystem (vNS). Reich schreibt dem OA eine vagotone Wirkung auf das vNS zu. Die dadurch ausgelöste zentrale Entspannung führt zur peripheren Spannung – eben der „Vagotonie“. Unter diesen Umständen besteht dann wieder die Möglichkeit, die Erregung abzuführen bzw. umzusetzen. Wichtige Erfahrungen über die Wirkungsweise des Orgonakkumulators machte Reich im Rahmen der experimentellen Krebstherapie, bei der die Klienten neben einer Vegetotherapie auch regelmäßig Sitzungen im Orgonakkumulator absolvierten. Zu den biologischen Effekten des Orgonakkumulators meint Reich:

    „Das Plasmasystem gibt die chronische Kontraktion auf und beginnt sich zu strecken, vagoton zu erweitern. Mit dieser „plasmatischen Streckung“ geht die Herabsetzung des typischen Krebskrankensclunerzes einher.“ (Reich 1949a, S. 182)

    Die einzelnen Reaktionen auf regelmäßigen Gebrauch eines Orgonakkumulators sind individuell verschieden stark ausgeprägt:

    „Bei dem einen ist die eine Wirkung, bei dem anderen die andere mehr ausgesprochen. Rötung der Haut, Herabsetzung der Pulsfrequenz, Ausbrechen warmen Schweißes und die subjektiven Empfindungen, daß sich im Körper „etwas lockert“, „anfüllt“ oder „schwillt“ etc. … .“ (Reich 1949a, S. 181)

    Reich (1949a) beruft sich auf andere Forscher wie z.B. Burr (dt. Ausgabe 1972), die die Theorie stützen, daß jeder lebende Organismus ein energetisches Feld besitzt, das über dessen materielle Grenzen weit hinausreicht. Bezeichnen jene Forscher dieses Feld als elektromagnetisch, so geht Reich einen Schritt weiter und schreibt die meßbaren Effekte dieses Feldes dem Orgonenergiefeld des Organismus zu.

    II. Einige Bemerkungen zur Vagotonie im Sinne Reichs

    Reich fand in einer dialektisch materialistischen Ordnung der psychoanalytischen Triebgegensätze, daß aus einem einzigen (Ur-)Gegensatzpaar sämtliche andere Gegensatzpaare abzuleiten sind (vgl. Reich 1949b). Zwar kann hier an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen werden, jedoch sei auf die „Charakteranalyse“ verwiesen (Kapitel:

    „Einige Bemerkungen über den Urkonflikt Bedürfnis – Außenwelt“).

    Der Urgegensatz von Sexualität und Angst (bzw. Sexualerregung und Angsterregung) bedient sich der in der Tabelle angeführten somatischen wie psychischen Funktionen. Es soll hervorgehoben werden, daß der „Urgegensatz“ so alt ist, wie das Leben selbst.

    Die organbezogenen vegetativen Einzeleffekte, wie sie in schulmedizinischen Büchern zumeist dargestellt werden, müssen hier vernachlässigt werden. Es soll besonders auf die unklare Gebrauchsweise des Wortes „vagoton“ hingewiesen werden. Ein kurzes Beispiel soll zeigen, wie verwirrend manchmal das mit energetischen Bedeutungen erweiterte Begriffsinventar Reichs sein kann. Es geht um die Wirkung der Orgonstrahlung:

    Sie [die Orgonenergie; G.H.] lädt lebende Gewebe auf und bedingt Expansion des plasmatischen Systems („Vagotonie“). (Reich 1949a, S. 184)

    Dieser Umstand brachte auch unter Reichianem einige Unklarheiten hervor (vgl. Müschenich, 1987). Einerseits geht es um die Aufladung der Gewebe und der Expansion des plasmatischen Systems, zum anderen um den Begriff der Vagotonie. Die Aufladung der Gewebe meint die Steigerung der bioelektrischen Erregbarkeit der Gewebe, die im engen Zusammenhang mit der These der vegetativen Strömung steht. Expansion meint in etwa den sexualökonomischen Grundzustand des Organismus. Er bedeutet, wie sehr der Organismus die Fähigkeit besitzt, in seiner Gesamtheit nach der Spannungs-LadungsFormel zu funktionieren („Es geht mir gut. Ich bin in Kontakt mit mir und meiner Umwelt“). Kontraktion ist dagegen der Zustand, in dem der Organismus dies kaum oder gar nicht vermag („Ich fühle mich scheußlich, erstarrt, isoliert, etc.“). Reich beschreibt die Symptome der „bioenergetischen“ Kontraktion sehr ausführlich und setzt sie prinzipiell gleich mit einem chronischen Sympathicus Hypertonus. Hier ist eine Verbindung mit der Spannungs-Ladungs-Formel (S-L-Formel) erkennbar. Insofern führt Reichs sexualökonomische Theorie ohne Bruch in die Orgonomie hinein, obwohl Reich nicht sehr ausführlich über die Verbindungen seiner beiden großen Theoriegebäude berichtet.

    Daß das physiologische Zustandsbild der (plasmatischen bzw. bioenergetischen) Expansion auf der anderen Seite nicht den Innervationseffekten des Parasympathicus entsprechen, hebt Reich ebenfalls hervor (z.B. Reich 1949a). Damit im vegetativen Bereich die S-L-Formel funktioniert, bedarf es des rhythmischen Wechsels der Sympathicus- und Parasympathicusinnervationen (Reich 1982). Über das Zusammenspiel der Enervationen zu einem einheitlichen System berichtet Reich:

    „Die schematische Gegenüberstellung von Vagus und Sympathicus ist in der Tat unrichtig; … Der Wirklichkeit kommt wohl die Vorstellung näher, daß es sich um ein funktionell und morphologisch einheitliches System handelt, das in zwei entgegengesetzten Richtungen funktionieren kann. Die Funktion der Streckung und die der Zusammenziehung wären somit funktionell ein und demselben Organ überlassen.“ (Reich 1982, S. 124f.)

    Reich unterscheidet dabei mehrere verschiedene Funktionszustände: Aus einer mittleren Gleichgewichtslage heraus kann sich der Organismus „auf die Welt zu bewegen“, oder sich von ihr „zurückziehen“. In diesem Zustand kann er zwischen den Extrempunkten, der Sympathicotonie bzw. Kontraktion („Angst“) und der Vagotonie bzw. Expansion („Lust“) hin- und herschwingen. Das vegetative Nervensystem ist auch mit der Fähigkeit zur biopsychischen Panzerung ausgestattet. Sie stellt einen „biopathischen Gleichgewichtszustand“ dar, der den Zustand der Expansion als auch den der bewußt erlebten Kontraktion verhindert (biopathisch bedeutet hier, daß der Organismus in seiner Gesamtheit der S-L-Formel zu folgen, ernsthaft beeinträchtigt ist; vgl. Reich 1982, S. 126). So gibt es etwa eine Angstdiarrhöe, die durch Innervation des Vagus zustande kommt; und während des Orgasmus eine lebhafte Motorik. Letztere entspricht einem wiederholten Zusammenziehen und Expandieren und nicht nur bloßer Parasympathicus-Aktivität.

    Beziehen sich die tabellarischen Zuordnungen von Vagus zu
    Expansion bzw. von Sympathicus zu Kontraktion auf die vegetative
    Innervation, so darf nicht außer Acht bleiben, daß Reich jeden Lebensprozeß durch den Wechsel von Expansion und Kontraktion (vermittelt durch Parasympathicus und Sympathicus) bzw. von „auf die Welt zu“ und „in sich zurück“ kennzeichnet. Innerpsychisch macht sich das in Form von Lust- oder Angsterregung bemerkbar. Somit verleiht Reich diesen Begriffen ihre sexualökonomische Bedeutung. Die Sexualökonomie erhält dadurch eine qualitative Komponente, die in der Psychophysiologie vermißt wird.

    Zum Verhältnis der drei Stufen zueinander: Reichs Forschungsmethode, der energetische Funktionalismus, ist abgeleitet von der Forschungsmethode (und nicht vom geschichtlichen Konzept) des dialektischen Materialismus. Dieser besagt, daß alles Sein nicht aufgrund von Ideen, Gedanken etc. zustande kommt, sondern aus Gegensätzen entspringt, die in der Materie selbst bzw. in der materiellen Welt angelegt sind (vgl. auch Engels 1952 und 1971). Reich nimmt aufgrund seiner Sichtweise (vgl. in Reich 1934b) an, daß das „psychische“ Sein ebenfalls seinen Ursprung im Materiellen hat und sich aus jenem entwickelt hat. Die Psyche hat somit einerseits die Funktionen der Physiologie übernommen (s. Tabelle). Andererseits hat sie auch ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickelt: Die psychischen Abwehrmechanismen, die es im Somatischen nicht gibt! Derart sind Vegetativ= und Psyche einerseits gleich, andererseits einander entgegengesetzt. Das ist das Modell der funktionellen Identität bei gleichzeitiger Gegensätzlichkeit. Dasselbe gilt nun auch für das Verhältnis der bioenergetischen Funktionen und dem Vegetativum. Auch sie sind funktionell identisch.

    Müschenich (1987) berichtet aufgrund der Ergebnisse der Arbeit von Gebauer & Müschenich (1987) über die Unklarheit der Reichschen Definitionen von Vagotonie und Sympathicotonie im Vergleich zu den entsprechenden Definitionen der Schulmedizin:

    Zu größeren Mißverständnissen kann allerdings folgende Textstelle führen:

    „Aus dem Gesagten geht hervor, daß eine Erhöhung der Körperkerntemperatur in engem Zusammenhang mit vagotonen Vorgängen steht, wenngleich hierbei auch noch andere Vorgänge beteiligt sind“. (Müschenich 1987, S. 68f.)

    Nach Brück (1990) kommt die Erhöhung der Hauttemperatur und die erhöhte Durchblutung der Haut durch die Vasodilatation der Gefäße im Bereich der Hautgefäße zustande, die vom überwiegenden Vagotonus hervorgerufen wird. Andererseits wird ein Kerntemperaturanstieg durch eine sympathische Reizung (Grundumsatzsteigerung) und somatische Reaktionen (z.B. Wärmebildung durch Kältezittern der Skelettmuskulatur) hervorgerufen. In diesem Sinne bedeutet eine Kemtemperaturerhöhung einen sympathischen Effekt, und nicht einen vagischen, wie es Reich beschrieb. Müschenich (1987) meint zu diesem Widerspruch:

    „Dieses Problem halte ich deswegen für so zentral, weil einerseits Reich Expansion des Lebensapparates stets mit Vagotonie gleichsetzt (und umgekehrt Konstriktion mit Sympathicotonie), andererseits, weil wir in unserer Untersuchung sowohl einen Kerntemperatur- als auch einen Hauttemperaturanstieg während derselben ORAK-Sitzung nachgewiesen haben. Nun können die peripheren Gefäße ja schlecht gleichzeitig kontrahiert und erweitert sein!?“ (Müschenich 1987, S. 69)

    Bei dieser Diskussion betrachten Gebauer & Müschenich (1987) die vegetativen Einzelfunktion. Reich betrachtet in seinen Schriften die Begriffe Vagus und Sympathicus unter mehreren Aspekten. Einerseits bedeuten sie für ihn die vegetativen Innervationen mit ihrem gewohnten Sinngehalt (wenn auch mit der Berücksichtigung des Gegensatzes von Peripherie und Zentrum, dem er die Einzelfunktionen zuordnet). Andererseits faßt Reich mit den Begriffen Vagus und Sympathicus zwei antithetische Grundtendenzen des vegetativen Lebens (= Urgegensatz) zusammen, welche schon in den basalen Funktionen der Ionenzusammensetzung des Protoplasmas feststellbar sind.

    Die Definitionen weichen voneinander ab und sind miteinander nicht mehr identisch, da einmal das Verhalten von Funktionen von Organen bzw. Organgruppen beschrieben wird. Im zweiten Falle wird der Gesamtorganismus selbst dieser Klassifikation unterzogen. Aus der Erfahrung ist bekannt, daß es so gut wie immer nur ein Überwiegen des einen Teiles des vegetativen Nervensystems gibt. Es gehen die gesamtorganismischen (d.h. sexualökonomischen) Definitionen von „vagoton“ bzw. „sympathicoton“ somit weit über die gewohnten Begriffsdefinitionen hinaus. Das ist ein Dilemma, das sich zum Teil auf Ungenauigkeit zurücicfiihren läßt. Reich hat nur bruchstückhaft die oben erwähnten gesamtorganismischen Definitionen umrissen.

    Hinsichtlich der orgonomischen Begriffe bezieht sich die theoretische Grundlage der „Expansion“ bzw. der biologischen Wirkung des Orgonakkumulators nicht auf die Ein zelinnervationen. Vielmehr geht Reich im wesentlichen vom gesamtorganismischen Funktionszustand biophysikalischer Erregung aus. Aufgrund der Arbeit von Gebauer & Müschenich (1987) ist es offensichtlich, daß sich vom aktuellen Zustand der Einzelinnervationen nicht automatisch die gesamtorganismische Situation ableiten läßt: Vagoton im sexualökonomischen Sinne muß nicht unbedingt nur eine vagotone Lage physiologischer Einzelfunktionen bedeuten. Entscheidend ist vielmehr, inwieweit der Organismus (die Person) gesamtorganismisch nach der S-L-Formel funktionieren („pulsieren“) kann, bzw. wie sehr er sich in einem vagoton expandierten Zustand befindet.

    Nach Reich funktioniert schon ein einfacher Einzeller nach dem Prinzip der S-L-Formel, also schon lange ehe onto- und phylogenetisch ein organisiertes vegetatives Nervensystem vorhanden ist. Hierin liegen noch große Entwicklungsmöglichkeiten für die Physiologie und Pathophysiologie brach. Eine weitere Diskussion muß auf einen späteren Zeitpunkt aufgeschoben werden.

    III. Die Orgonakkumulatorsitzung als gesamtorganismischer Prozeß

    Die biologischen Wirkungen des Orgonakkumulators können auch prozeßhaft betrachtet werden: Dem vagotonen Ansatz des Gesamtorganismus geht nach den Beobachtungen Reichs immer eine zentrale Kontraktion (Sympathicus-Aktion) voraus (Reich 1982). Ein Hypertonus des Vagus bedeutet nicht mehr als den ersten Ansatz zur Pulsation entsprechend des S-L-Formel. Im günstigen Falle geht die vagische Expansion in eine pulsierende Schwingung des Organismus über. Hier hat das Phänomen des Bewußtseins große Bedeutung. Nur wenn dieser erste Ansatz zur Pulsation bewußt wahrgenommen wird, scheint sie sich auch in eine Schwingung umzusetzen. Dieser Schwingungsprozeß ist jedoch viel umfassender als die Vagusinnervation selbst.

    Heiko Lassek (1982) nimmt an, daß es am Beginn einer Orgonakkumulatorsitzung nach einer initialen Sympathikusaktivität zur eigentlichen therapeutischen Reaktion durch „Stimulierung parasympathischer Zentren“ kommt.

    In diesem Sinne ergibt sich folgendes Bild von der Wirkungsweise des Orgonakkumulators: Der Anfangspunkt einer jeden organismischen Reaktion drückt sich in einer „inneren Stauung der Energiebesetzungen“ aus. Das ist immer die erste mögliche Antwort des Individuums auf Reize (Reich 1949b). Der Zustand der zentralen Spannung (vgl. Tabelle 1) drückt sich nun mal in einer sympathischen Innervation aus. Das weitere Schicksal des (gesamtorganismischen) Impulses, der vegetativ als zentrale Stauung auftritt, hängt nun davon ab, ob das Individuum ihn in seinem entsprechenden Ausdruck umsetzen kann (vgl. Reich 194b). Abhängig vom aktuellen Zustand der Panzerung gelingt dies in unterschiedlichem Maße.

    Im sexualökonomisch gesunden Zustand entspricht dieser Prozeß einem Expandieren, die (biologische und bioenergetische) Peripherie „lädt sich auf‘. In der Folge verlegt sich die Spannung (Erregung, Energie) in die Peripherie, wo sie sich in Handlung und Verhalten manifestiert. Findet dieser Prozeß nicht statt, so verbleibt die Spannung zentral bestehen, ändert ihre Qualität und macht sich als Unlust bzw. Angst bemerkbar. Bleibt die Erregung an der Peripherie „hängen“ bzw. kann sie nicht adäquat umgesetzt werden, dann ändert sie wiederum ihre Qualität und schlägt in Angsterregung um. Die gestaute Erregung (Angst) wird gewöhnlich zum Opfer der Panzerung und entschwindet weitgehend oder ganz der bewußten Wahrnehmung. Flutet die Erregung wieder ins vegetative Zentrum (Herzbereich, Solar Plexus) zurück, dann kommt es ebenfalls zu einer zentralen Stauung von Erregung.

    Lassek (1982) liefert auch einen Beitrag zu dem Diskussionspunkt, ob die Veränderungen durch die Orgonakkumulatorsitzung nun einem erhöhten Sympahicotonus oder einer dominanten Vaguswirkung entspricht:

    „Den schwer zugänglichen Daten über die ärztlich therapeutische Anwendung des ORAKs und eigenen Erfahrungen zufolge ist die Wirkung der konzentrierten Orgonenergie auf den menschlichen Organismus zweiphasig zu charakterisieren: Auf eine initiale Phase erhöhter Sympathicusaktivität erfolgt die eigentliche therapeutische Reaktion durch Stimulierung parasympathischer Zentren, die die jedem Akkumulatorbenutzer bekannten Erscheinungen der Wärme, vermehrter Hautdurchblutung, zunehmedde Darmbewegung, Entspannung etc. hervorbringen … “ (Lassek, 1982, S. 60)

    Zuerst reagiert der Organismus mit einem erhöhten Sympathicustonus. Erst im Laufe der Sitzung(en) wird dieser abgeschwächt, und der Vagus dominiert schließlich die vegetative Innervation. Ist die Hypothese, daß sich zu Beginn einer ORAKBehandlung eine sympathicotone Reaktion einstellt, welche dann darauffolgend immer mehr zu einer vagischen wird, richtig, dann müßten die Versuchspersonen (Vpn) nach einiger Zeit mehr oder weniger ausgeprägte vagotone Innervationen zeigen.

    Auch hier besteht die Schwierigkeit, daß sich die Bedeutungen der Begriffe „vagische bzw. sympathische Innervation“ auf der organisch-vegetativen Ebene von denen auf einer bioenergetischen (orgonomischen) Ebene unterscheiden. Funktionell betrachtet liegt die letztere der ersteren zugrunde. Es gibt schon lange vor der Entwicklung eines vegetativen Nervensystems die energetischen Prozesse, die die gleiche Funktion tragen. Es wäre nötig, die für die Erklärung der eigentlichen therapeutischen Reaktion angeführten vegetativen Nervenzentren in ein orgonomisch-funktionelles Erklärungsmodell einzupassen. Deshalb ist diese These vom logischen Zusammenhang her auf der 2. Stufe im Schema richtig und kann dementsprechend experimentell untersucht werden.

    Reich (1949a) gibt den Hinweis, daß im Akkumulator eine plasmatische Veränderung stattfindet. Nach Reichs eigener Sichtweise entsteht vor jeder energetischen Expansion eine energetische Kontraktion:

    „Jede Plamaströmung beginnt mit einer zentral anspannenden Kontraktion, die sich in eine vagische Expansion auflöst …“ (Reich 1949a, S. 197)

    Dieser Vorgang spiegelt sich auf der Ebene des Vegetativums in einer Erhöhung des Sympathicus-Tonus wider.

    Zum Abschluß wird noch einmal hervorgehoben, daß einerseits ein Mangel an genauen Definitionen besteht, andererseits unterliegt die Begriffsbildung der sexualökonomischen Konzepte einer „flexiblen, aber bewußten Handhabung durch den Forscher“. Der Forscher muß sich immer im klaren sein, auf welcher Stufe der Begriffsdefinitionen Reichs er sich befindet. Mit diesem Bewußtsein ist es jedenfalls tragbar, daß eben die sexualökonomischen Begriffe an sich sehr wohl valide sind. Aber ungleich leichter ist dann der Umstand zu tragen, daß aufgrund der Weite des Betrachtungsrahmens bzw. der verschiedenen Stufen (s.o.) sie sich einander widersprechen können, bzw. nicht ganz kongruent sein müssen – und das aus gutem Grund!

    Für die vorliegende experimentelle Arbeit zum Orgonakkumulator soll folgendes Konzept angenommen werden: Es wird gemäß Reichs sexualökonomischer Theorie bei den vegetativen Einzelfunktionen zwischen zentralen und peripheren Einzelfunktionen unterschieden (vgl. Reich 1942). Die zentralen Funktionen (Herzgegend, Solar Plexus) scheinen sich so zu verhalten, als wären sie sympathisch innerviert. Gebauer & Müschenich (1987) stellten bereits eine signifikant erhöhte Pulsfrequenz und ebenso eine erhöhte Kemtemperatur während der OA-Sitzung im Vergleich zu einer Kontrollbox fest. Die peripheren Funktionen (Temperatur, Muskelspannung) indes dürften sich entsprechend einem erhöhten Vagotonus verhalten. Das bedeutet unter anderem: Verstärkte Darmperistaltik und intestinale Drüsensekretion, erhöhte periphere Körpertemperatur und des weiteren eine tonisierte Muskulatur mit belebten Bewegungen.

    Entsprechend diesem Modell können dann eindeutige Vorhersagen gemacht werden, wie sich die abhängigen physiologischen Variablen während der Orgonakktunulatorsitzung verändern sollten.

    Zusammenfassung des Experiments

    Im psychophysiologischen Experiment wurden die Auswirkungen des von Wilhelm Reich entwickelten Orgonakkumulators (OA) im Vergleich zu einem optisch identischen Placebokasten (Kontrollkasten; KK; Attrappe) untersucht.

    Es war nicht die Absicht dieser Arbeit, die Orgontheorie, d.h. die biophysikalische Theorie einer Lebensenergie zu untersuchen. In erster Linie standen im experimentellen Vorgehen die psychophysiologischen Effekte, die im Orgonakkumulator auftreten sollen, im Mittelpunkt. Dabei wurden die Effekte des Orgonakkumulators unter sexualökonomischen Aspekten betrachtet und diskutiert, d.h. unter dem Blickwinkel der Haushaltung biologischer, vegetativer und psychischer Spannung bzw. Erregung. Die weitere Ausarbeitung der experimentellen Methodik unter diesem Blickwinkel geschah in der Sexualökonomie bisher nur lückenhaft und mußte noch ein Stück weit geleistet werden. Schließlich ist sie die Voraussetzung für eine exakte wissenschaftliche Untersuchung.

    Reich formulierte die Grundzüge seiner Orgontheorie in engem Zusammenhang mit Beobachtungen, die er mit einem Gerät mit einer speziellen Materialanordnung anstellte: dem Orgonakkumulator (OA). Dieser OA zeichnet sich durch seinen alternierenden Aufbau von einer oder mehreren Schichten von Metall (Eisenplatte bzw. Stahlwolle) und elektrisch isolierenden Stoffen (hier: Preßspanplatten, Kunst-stoffolie) aus. Zumeist besitzt der Orgonakkumulator eine Würfel- oder Kastenform, aber auch andere Formen sind möglich, wie z.B. ein Orgonrohr oder ein Orgonkissen. Im vorliegenden Versuch besitzt der Orgonakkumulator Kastenform, und ist so groß, daß eine erwachsene Person darin sitzend Platz findet. Der Placebokasten besitzt identisches äußeres und inneres Aussehen bei gleichen Abmessungen.

    Die allgemeinen Fragestellungen der vorliegenden Arbeit lassen sich wie folgt formulieren:

    Sind die physiologischen und psychologischen Effekte, wie sie in der Literatur im überwiegendem Maße dem Orgonakkumulator zugeschrieben werden, auch im experimentellen Laborversuch nachweisbar? Dabei soll insbesondere die Arbeit von Gebauer & Müschenich (1987) überprüft werden.

    Die zweite Fragestellung untersucht den Zusammenhang des psychophysiologischen Konstrukts der autonomen Balance (Eppinger & Hess 1910) mit den Effekten des Orgonakkumulators im Vergleich zur Attrappe.

    Die dritte Fragestellung beschäftigt sich mit der Suche nach Personenparametem, die durch eine spezielle Wirkung des Orgonakkumulators zustande kommen_ Lassen sich auf der psychologischen Ebene Merkmale finden, die einen entscheidenden Einfluß auf die Stärke und Art der Reaktionen im Orgonakkumulator haben?

    Die vierte Fragestellung setzt sich mit der Kasteninnentemperatur während der Kastensitzungen auseinander.

    Im psychophysiologischen Experiment sollten die Auswirkungen des Orgonakkumulators im Vergleich mit einer optisch identischen und wärmetechnisch gleichwertigen Attrappe untersucht werden. Es wurde dabei postuliert, daß der Orgonakkumulator eine vegetativ stimulierende bzw. erregende Wirkung auf die biologische Person hat, die unter anderem über Veränderungen des vegetativen Nervensystems einhergehen. Die zusätzliche Attrappensitzung schien nötig, zumal sonst die Gefahr bestünde, daß jede Art von Veränderung, die sich allgemein in einem solchen engen Kasten einstellt, als „Orgoneffekt“ interpretiert werden kann. Um der experirnentalpsychologischen Forderung nach Objektivität gerecht zu werden, wurden die Versuchspersonen unter Vorschiebung eines anderen Themas („Auswirkungen elektro-magnetischer Felder auf den menschlichen Organismus“) angeworben. Um eventuellen suggestiven Einflüssen des Versuchsleiters entgegenzuwirken, wurde ein Assistent beauftragt, die Reihenfolge der Kästen randomisiert vorzugeben, so daß der Versuchsleiter über den jeweiligen vorgegebenen Kasten nicht informiert war. Die sogenannte Doppel-Blind-Bedingung konnte in den meisten Fällen eingehalten werden. Dort wo sie nicht eingehalten werden konnte (weil der Assistent nicht verfügbar war), wurde diese Veränderung im experimentellen Versuchsmodus (kurz: EXPMODUS) berücksichtigt.

    Weiters wurde das Geschlecht der Versuchspersonen in den Versuchsplan aufgenommen und ihr vegetativer Reaktionstyp (VEGTYP; mit den Idealtypen: Sympathicotoniker und Vagotoniker) nach einem modifizierten Modell von Wenger & Cullen (1972) ermittelt.

    Um eine physiologische Baseline zu schaffen, wurden die Versuchspersonen vor den Kastensitzungen für die Dauer von ca. 10 bis 15 Minuten einer Ruhesitzung unterzogen. Danach nahmen sie gleich in einem der beiden Kästen Platz.

    Es wurden insgesamt 62 möglichst unkundige Versuchspersonen (Vpn) je einmal in den Orgonakkumulator und einmal in den Placebokasten für ca. 20 bis 30 Minuten gesetzt. Der größere Teil der Stichprobe (44 Versuchspersonen) durchlief im Spätherbst/Winter 1991 in Wien den Versuch (Winter- bzw. Stadtversuch). Eine zweite, kleinere Stichprobe von 18 Vpn wurde im Frühsommer in Niederösterreich untersucht (Sommer- bzw. Landversuch). Es wurden deshalb auch unterschiedliche klimatische Bedingungen in den Versuchsplan aufgenommen (Faktor KLIMA).

    Um physiologische Veränderungen zu messen, wurden die folgenden Meßvariablen mittels psychophysiologischer Meßgeräte und modernster Computertechnik erfaßt und aus ihnen die in den Klammem stehenden Parameter rechnerisch abgeleitet: Hautleitfähigkeit (Mittleres SCL-Niveau: SCLX; Maximalwert des SCL pro Sitzung: SCLMAX); die periphere Hauttemperatur (Mittelwert HTX und Maximalwert HTMAX); die Achseltemperatur (mittlere Achseltemperatur ATX und der Maximalwert ATMAX); die Herzrate (Mittelwert und Streuung: PX und PSD; SD steht für standard deviation); die Muskelspannung am Musculus Frontalis (auf der Stirn; Mittelwert EMGFX und Variation EMGFSD); die Kasteninnentemperatur (Mittelwert KTX und Maximalwert KTMAX). Während des Winterversuchs wurde außerdem noch die Muskelspannung auf der Schulter (Mittelwert und Streuung EMGTX und EMGTSD) und im Sommerversuch statt dessen die Fußtemperatur (mit Mittelwert FTX und Maximalwert FTMAX) gemessen.

    Außerdem wurde unmittelbar nach jeder Versuchsphase ein Befindlichkeitsfragebogen (Basler Befindlichkeitsfragebogen – BBF) vorgelegt, sowie nach jeder Kastensitzung ein eigens konstruierter Fragebogen zur Erfassung von subjektiven Wahrnehmungen und Veränderungen während der beiden Kastensitzungen.

    Weitere unabhängige Variablen waren Skalen verschiedener standardisierter psychologischer Tests: Die 6 Giessen-Test Faktoren, die 3 IPC-Skalen und die 2 STAI-Skalen wurden in einer ca. 20 bis 40 minütigen Pause zwischen den beiden Versuchsdurchgängen (Ruhesitzung + Kastensitzung) erhoben.

    Aufgrund methodischer und inhaltlicher Überlegungen wurde beschlossen, für die statistische Auswertung sowohl Absolutwerte, also auch Differenzwerte heranzuziehen: Neben den Absolutwerten jeder einzelnen Versuchsphase wurden auch noch Differenzwerte zwischen der Kastensitzung und der ihr jeweils unmittelbar vorausgegangenen Ruhesitzung berechnet. Letzteres sollte dazu dienen, unabhängiger von unterschiedlichen Aktivierungsniveaus der Versuchspersonen zu sein.

    Die Auswertung der Daten erfolgte je nach Erfüllen oder Nicht-Erfüllen der Normalverteilungsvoraussetzung entweder durch eine multifaktorielle Varianzanalyse mit den fünf Kontrollfaktoren und einem 4-fach (Absolutwerte) bzw. 2-fach gestuften Meßwiederholungsfaktor (Differenzwerte Kastensitzung minus Ruhesitzung) oder mittels parameterfreien Tests.

    Es folgt nun eine Darstellung wichtiger Ergebnisse bezüglich der untersuchten Variablen. Da die Kontrollvariable REIHENFOLGE oft mit den Meßwerten systematisch kovariiert, wird zunächst das Hauptergebnis bezüglich jedes Meßparameters gemeinsam mit eventuellen signifikanten Einflüssen der REIHENFOLGE dargestellt. Wo es keinen bedeutenden Einfluß der REIHENFOLGE auf den OA gibt (sog. Wechselwirkung – WW), wird das nicht extra erwähnt. Anschließend folgt dann eine kurze Diskussion der Wechselbeziehungen zwischen dem OA mit den anderen vier Kontrollvariablen GESCHLECHT, KLIMA, VEGTYP und EXPMODUS.

    Bei der Hautleitfähigkeit zeigte sich, daß das mittlere Hautleitfähigkeitsniveau (SCLX) des OA mit 14,3711S(iemens) signifikant höher liegt als jenes im KK, wo das SCLX der Vpn bei 13,2111S liegt. Ebenso sind die SCL-Maximalwerte (SCLMAX) im OA mit 19,29pS signifikant höher als im Kontrollkasten (KK) mit 17,53g. Betrachtet man die Differenzwerte (relative Veränderungen) des SCL, dann nimmt das SCL von RO LRuhephase vor dem Orgonakkumulator) zum OA nur wenig ab (-0,134). Dem gegenüber fällt die Verringerung des SCL von RK LRuhephase vor der KontrollIcastensitzung) zum KK mit -2,46 viel stärker ins Gewicht. Die Differenzen unterscheiden sich hoch signifikant voneinander. Auch bei den Differenzwerten der SCLMAX-Werte gibt es prinzipiell das selbe Bild: Nur liegen jetzt die Maximalwerte in den Kästen höher als in den Ruhephasen. Von RO zum OA gibt es eine Zunahme von +3,8 itS, während von RK zu KK der SCLMAX-Wert nur um bescheidene +0,754 zulegte.

    In allen vier Fällen (2 Absolutwertvariablen, 2 Differenzwert-variablen) liegen die Werte des OA auf einem höheren vegetativen Spannungs- bzw. Aktivierungslevel. Diese Beobachtungen gehen konform mit der Hypothese, daß während der OA-Sitzung ein zusätzliches Wirkungsmoment feststellbar ist, welches verhindert, daß in der an und für sich reizarmen, grundsätzlich desaktivierenden Kastensitzung die SCL-Werte im Orgonakkumulator genauso tief absinken wie im Kontrollkasten.

    Bei der mittleren Muskelspannung auf der Stirn EMGFX wurde festgestellt, daß sie im OA mit 4,0511Volt um ca. 1/3 höher liegt als im KK, wo die Vpn durchschnittlich 2,991.1V erreichen. Das heißt, die zusätzlich durch den OA aufgebaute vegetative Spannung drückt sich in einem signifikant erhöhten Durchschnittsniveau aus. Dieser signifikante Effekt zeigt sich bei den Differenzwerten DEMGFX allerdings nicht: Hier sinkt zwar der Mittelwert des EMG-Frontalis von RO zu OA geringfügig um 0,3211V ab, im Gegensatz dazu sinkt er aber von RK zu KK um 2,4611V, also einem Vielfachen, ab. Trotz dieses deutlichen Unterschieds ist dieser Wert aber nicht signifikant. Es muß hinzugefügt werden, daß der OA während der Untersuchung das EMG in zweierlei Hinsicht beeinflußt: Einerseits hebt er bei der Vp die absolute Muskelspannung an, andererseits ist der relative Anstieg von RO zu OA größer als von RK zu KK. Bei der Signifikanztestung der Differenzen werden nur die relativen Veränderungen verrechnet, es fällt also ein Teil des OA-Effekts von vornherein aus der Analyse heraus.

    Bei den Variations- bzw. Streuungswerten des Stirn-EMG (EMGFSD) hingegen läßt sich weder bei den Absolutwerten, noch bei den Differenzwerten ein für einen der beiden Kästen spezifisches Verhalten erkennen. Die 1,5311V Streuung der EMGFSD des OA stehen einem Wert von 1,4411V im KK gegenüber. Die Differenzwerte (DEMGFSD) bewegen sich unter 0,11-1V und sind aus statistischer und praktischer Sicht gesehen bedeutungslos. Die EMGFSD in ihrer Formulierung als ein Indikator für psychophysiologische Aktiviertheit zeigt also keinen Unterschied zwischen OA und KK. Die Vpn liegen in ihrer psychophysiologischen Aktiviertheit in beiden Kästen nicht unterschiedlich hoch. Das bedeutet, daß die Vpn nicht müder oder wacher, nicht aktivierter oder schlapper aus des Kästen kommen. Sie zeigen in bezug auf OA und KK keinen Unterschied.

    Bezüglich der Hauttemperatur fanden sich sehr ähnliche Verläufe zwischen den Parametern HTX und HTMAX, weshalb in der folgenden Zusammenfassung der Ergebnisse zumeist beide Parameter betroffen sind: Aufgrund einer hoch signifikanten Wechselwirkung der beiden Variablen HTX und HTMAX mit der REIHENFOLGE ist fürdie Gesamtstichprobe der Unterschied zwischen OA und KK nicht signifikant. Es unterschieden sich also all die Leute, die zuerst im OA und danach im KK waren von jenen, die zuerst im KK und dann im OA gesessen sind. Erst durch die weitgehende Kontrolle und Ausfilterung dieser Wechselwirkung konnte ein signifikanter Effekt bei der Hauttemperatur nachgewiesen werden. Dabei betrug für die erste Kastensitzung, wenn sie eine OA-Sitzung war die HTX 33,07°C, wenn sie eine KK-Sitzung war 30,91°C. Für HTMAX liegen die Werte im OA bei 33,94°C, im KK bei 32,07°C, was ebenfalls einer Signifikanz auf dem 5%-Niveau entspricht. Aufgrund der Nachwirkung des OA weit über die Kastensitzung selbst hinaus sind die Phasen Ruhe 2 und Kasten 2 deutlich und signifikant beeinflußt und wurden in dieser Analyse nicht berücksichtigt. Dabei sind die Fingertemperaturen nach der OA-Sitzung im Vergleich zur Zeit nach der ersten KK-Sitzung stark erhöht.

    Die Differenzwerte DHTX (D steht für Differenz; sonst die gewohnten Parameterkürzel) und DHTMAX sind unabhängig von der REIHENFOLGE und besitzen auch entsprechende Aussagekraft. Beide Variablen sind bezüglich OA und KK hoch signifikant unterschiedlich. Vom RO zu OA steigt die Durchschnittstemperatur relativ um +2,11°C an, bei den Maximaltemperaturen sogar um +3,23°C. Im Vergleich dazu steigen die Durchschnittswerte von RK zu KK um +0,89°C, die Maximalwerte um +1,85°C an.

    Zu den Ergebnissen der Achseltemperaturvariablen ist zu sagen, daß sich die Wahl der Achselhöhle als Meßort für die Kemtemperatur als nicht sehr glücklich herausstellte: Durch nicht vermeidbare Bewegungen der Vpn während der Ruhe- und Kastensitzungen kam es immer wieder vor, daß kühlere Umluft in die Achselhöhle drang. Diese führte dort zu einer mehr oder weniger starken Abkühlung der Achselhöhlentemperatur. Die Folge davon waren eine hohe Varianz und verzerrte Ergebnisse. Eine weitere Instruktion der Vpn schien allerdings nicht ratsam zu sein, da das Ruhig-Halten bzw. das Anpressen des Armes an die seitliche Brustwand auf Dauer sehr störend und unbequem ist, was unter Umständen auch die anderen Meßvariablen beeinflußt hätte. Die Größenordnung dieses Störeffekts ist wahrscheinlich bis zu 5 Mal so groß wie der in der Literatur

    beschriebene OA-Effekt. Aus diesem Grunde wurden keinerlei Unterschiede zwischen OA und KK gefunden.

    Bei den Pulsvariablen PX und PSD fanden sich Signifikanzen. Jedoch scheint der Mittelwertsunterschied bei PX zwischen OA und KK von +0,28 Schläge pro Minute im OA ein für die Praxis nicht bedeutsames Ergebnis zu sein. Wie kann das denn nun erklärt werden, daß ein statistisch signifikantes Ergebnis nur wenig Bedeutung hat? Hier sei auf die Wahrscheinlichkeit des ß-Fehlers hingewiesen, der mit steigender Anzahl der durchgeführten statistischen Tests zunehmend größer wird. Der ß-Fehler ist das Komplement zum a-Fehler. Inhaltlich bedeutet er die Wahrscheinlichkeit, daß ein statistischer Test eine Signifikanz anzeigt, obwohl die zu vergleichenden Bedingungen sich tatsächlich zu wenig voneinander unterscheiden -das ist eine Angelegenheit der Wahrscheinlichkeiten, die hier aber nicht weiter diskutiert werden soll.

    Die Differenzwerte der beiden Versuchsdurchgänge OA-RO und KK-RK von DPX zeigte immer positive Differenzen (= grundsätzlich mehr Aktivierung in den Kästen). Von RO zu OA nahm die Pulsrate um 1,4 Schläge pro Minute (counts per minute; c.p.m.) zu, von RK zu KK um 1,87 c.p.m. zu, was im Statistiktest nicht signifikant blieb.

    Anders liegen die Dinge bei der Pulsfrequenz-Variation PSD: Während im OA die PSD bei 7,13 liegt, ist sie im KK bei 7,61. Dieser Unterschied ist im Mittelwertsvergleich signifikant. Die in der Psychophysiologie als Indikator von Vagotonie verwendete Größe zeigt an, daß im KK eine signifikant größere Vagotonie vorliegt als im OA, obwohl die Wirkungsweise des OA als „vagoton“ propagiert wird. Daß hier eine Ungenauigkeit bzw. eine etwas andere Konzeption der Dimensionen Sympathicotonie und Vagotonie zwischen der Sexualökonomie und der (Psycho-) Physiologie vorliegt, wurde bereits ausführlich dargestellt. Aufgrund der aus der Versuchssituation entspringenden Umstände (enger Kasten, weitgehende Einschränkung der Bewegung etc.) war zu erwarten, daß der postulierte Effekt des OA (Aufbau zusätzlicher vegetativer Spannung bzw. Erregung) ein im Vergleich zum KK höherer Sympathicustonus sein würde, bzw. daß sich beim PSD der höhere Sympathicotonus derart ausdrücken würde.

    Die Differenzwerte OA-RO und KK-RK bleiben nicht signifikant. Sie zeigen zu geringe Unterschiede.

    Zu erwähnen bleibt wiederum eine Wechselwirkung der REIHENFOLGE mit den beiden Absolutwertvariablen PX und PSD. Es konnte bei PX gezeigt werden, daß nach der OA-Sitzung in der Phase „Kasten 1“ die Mittelwerte der Pulsrate von 74,9 auf 70,6 c.p.m. gesunken sind, was einem vagoton stimulierten Zustand entspricht. Dieser Effekt bleibt individuell verschieden für einige Zeit beobachtbar (ca. 30 bis 60 Minuten), bevor er wieder verschwindet. Der WW-Effekt von PSD ist auf die Phasen RO und OA beschränkt und scheint sich zu einem guten Teil aus der unterschiedlichen Verlaufsdynamik der beiden REIHENFOLGE-Stichproben zu ergeben: Während sich bei jenen Vpn, die zuerst in den KK und dann in den OA gingen, sich im Laufe der Ruhephase 1 (7,07 c.p.m.), Kastensitzung 1 (7,38) und Ruhephase 2 (7,93) die PSD kontinuierlich erhöhte, und dann bei Phase Kasten 2 (= OA) einen Knick in Richtung Sympathicotonus machte (7,03 c.p.m.), findet sich eine Zick-Zack-Bewegung bei der Stichprobe, die zuerst in den OA und dann in den KK ging. Von der Ruhephase 1 zur Kastensitzung 1 gibt es einen Anstieg der PSD von 6,47 auf 7,22 c.p.m. (= OA), bevor sie wieder in Ruhephase 2 auf 7,0 c.p.m. zurückgeht, um dann wieder in der zweiten Kastensitzung (KK) auf 7,81 c.p.m. anzusteigen.

    Obwohl eine weitere Analyse von PX und PSD durchgeführt wurde, die eine Ausschaltung des REIHENFOLGE-Effekts verfolgte, brachte sie in bezug auf die Gesamtstichprobe keine weiteren signifikanten Ergebnisse. Jedenfalls konnten Nachwirkungen der OA-Sitzung über die Zeit der Kastensitzung selbst nachgewiesen werden, was für zukünftige Untersuchungen von großer Wichtigkeit ist.

    Die Analyse der Variable der Schultermuskelspannung EMGTX brachte als Ergebnis, daß im OA die Muskelspannung signifikant höher ist als im KK. Liegt die EMGTX im OA bei 3,881.iVolt, so ist sie im KK nur bei 3,25 Bei den Differenzwerten trat eine starke WW mit der REIHENFOLGE auf. Nach der Korrektur der WW trat eine signifikant stärkere Verringerung bzw. relative Verringerung der Muskelspannung von RK zu KK im Vergleich zu OA-RO auf. Im OA sind bei jenen Vpn, die zuerst im KK und dann im OA gesessen sind, prinzipiell keine OA-spezifische Nachwirkungen feststellbar. Deshalb wurden nur diese Vpn zur weiteren Analyse herangezogen. Von RO zum OA kam es nur zu einem geringfügigen Rückgang der Schultermuskelspannung (3,92-4,17gV= -0,25 ktV). Im Vergleich dazu ist die Differenz KK-RK größer: 2,6311V – 4,92 1.1V = -2,29 1.1.V. Diese Differenzen sind entsprechend den Angaben des statistischen Tests (U-Test) signifikant voneinander unterschieden. Das bedeutet entsprechend der Theorie eine vermeinte vegetative Erregung der Muskelspannung (und in der Sexualökonomie wird die Muskulatur auch als vegetatives Organ gesehen), die sich in einem erhöhten Tonus ausdrückt.

    Im Hinblick auf die Muskelsparmungsvariation EMGFSD und DEMGFSD sei hier nur festgestellt, daß diese als Indikatoren für psychophysiologische Aktiviertheit in bezug auf OA und KK keinerlei Unterschiede aufzeigen. Vom Standpunkt des Konzepts der psychophysiologischen (bzw. muskulären) Aktivierung gibt es keinen Unterschied zwischen OA und KK.

    Bei der Fußtemperatur und den Absolutwertvariablen FTX und FTMAX fand sich wie schon bei den anderen Körpertemperaturen eine starke Wechselwirkung bezüglich der REIHENFOLGE. Weder vor der Korrektur der Wechselwirkung, noch nach dieser konnten hier statistisch signifikante Effekte zwischen OA und KK festgestellt werden. Bei den Differenzwerten DFTX und DFTMAX, die frei von einer solchen störenden Beeinflussung sind, konnten unterschiedliche relative Temperaturrückgänge beobachtet werden: Während bei FTX von RO zu OA die Temperatur um -0,33°C zurückging, fiel sie von RK zu KK um -0,91°C. Bei FTMAX blieb die Temperatur von RO zu OA gleich, während sie von RK zu KK um -0,58°C fiel. Der verringerte Temperaturabfall während der OA-Sitzung läßt sich insofern als „vagotoner“ Effekt deuten, als die Vp durch das ruhige Sitzen und der Unmöglichkeit der Bewegung der Füße nur geringfügig an Temperatur verlor, während im KK diese Veränderung ungleich stärker ausfiel. Trotzdem gingen allgemein die Fußtemperaturen – auch im OA – zurück!

    Beim Befindlichkeitsfragebogen als vorletzte abhängige Variable wurden ebenfalls Absolutwerte als auch Differenzwerte zwischen den vier Versuchsphasen berechnet. Als Hauptergebnis läßt sich feststellen, daß im Versuchsdurchgang mit dem OA die Befindlichkeit (Summenscore; SUMSCORE) niedriger ist, als in jenem mit dem KK. Im KK ist sie mit 80,29 am allerhöchsten, während das SUMSCORE im OA mit 78,19 am tiefsten liegt. Dieser Unterschied von 2,1 Punkten ist signifikant Er verdient – obwohl nicht sehr groß – aber trotzdem Beachtung, da die Streubreite des SUMSCORE sehr hoch ist. Der Erfinder dieses Testinstruments, Hobi (1985), gibt jedenfalls keine Zahlen bezüglich relevanter Unterschiede im BBF an.

    Generell läßt sich ableiten, daß die im OA ablaufenden Prozesse die Vpn soweit beeinflussen, daß sie sich in ihrer Befindlichkeit eher eingeschränkt fühlen. Dies könnte einerseits auf die psychophysiologischen Einwirkungen zurückzuführen sein. Auf der anderen Seite muß auf die mit dem Versuch verbundenen Fehlinstruktionen bzw. das Verschweigen des wahren Themas hingewiesen werden. Denn letzten Endes ist nicht abzuschätzen, inwieweit solche, für die Untersuchung notwendigen Rahmenbedingungen, auch tatsächlich in die gewünschte Richtung (Objektivität, Qualität der Daten) wirken. Nicht zuletzt ist die Organempfindung – wenn sie trainiert ist! – in der Sexualökonomie und der Orgonomie prinzipiell einem orgon-sensiblen Meßgerät gleichzustellen und gleichstellbar. Häufig wird aber gerade diese Seite im psychophysiologischen Experiment vernachlässigt bzw. stiefmütterlich behandelt. Hier scheint sich ein großer Graben zwischen den Thesen der Sexualökonomie und der akademischen Psychologie aufzutun.

    Bezüglich der Differenzwerte ist sagen, daß diese nur gering und nicht signifikant sind: Von RO zu OA nimmt das DSUMSCORE um 0,47 Punkte ab, von RK zu KK nimmt es um 0,65 Punkte zu. Wie man sieht: da gab es zu geringe Differenzen!

    Zuletzt soll noch auf die WW der SUMSCORE-Daten mit der REIHENFOLGE hingewiesen werden. Sie zeigt, daß die SUMSCORE-Werte im KK dann am höchsten sind, wenn die OA-Sitzung vorangegangen ist (77,9 im OA zu 82,9 im KK). Umgekehrt sind die Werte im OA noch niedriger, wenn die KK-Sitzung vorausgegangen ist. Dann haben die Vpn im KK ein SUMSCORE von 79,4, während es im OA auf 77,3 absinkt. Mit einer gewissen Vorsicht läßt sich der hohe SUMSCORE-Wert im KK als 2. Kastensitzung (82,9 Punkte) auf eine Nachwirkung des OA interpretieren, da eine solche sich weder bei der anderen Versuchsgruppe mit der REIHENFOLGE: 1.KK – 2.0A, noch insgesamt ein zeitlicher Effekt erkennen läßt. Die OA-Sitzung wäre übertrieben gesprochen eine bio-physikalische Belastungssituation, während nachher die Früchte der „harten Arbeit“ geerntet werden. Es steht auch zur Frage, ob nicht die Vpn anders reagiert hätten, wenn sie über den Sachverhalt der beiden Kästen informiert worden wären und sie z.B. auch „raten“ könnten, was nun der „richtige“ Kasten ist …

    Als letzte abhängige Variable wurde die Kasteninnentemperatur aufgezeichnet: Hier zeigen sich die absolut deutlichsten Ergebnisse von allen bisherigen Variablen, eventuell die mittlere Stirn-Muskelspannung ausgenommen: Durchschnitts- und Maximalwert sind einander sehr ähnlich im Verlauf, weshalb das nun Folgende für beide Parameter gilt: KTX und KTMAX erreichen im OA 24,9 bzw. 25,43°C, während ihre Werte im KK mit 23,85 und 24,35°C (jeweils KTX und KTMAX) deutlich tiefer liegen. Diese Mittelwerte unterscheiden sich hoch signifikant voneinander. Im OA „heizen“ die Vpn den Kasteninnenraum stärker auf als im KK. Gerade diese Fragestellung grenzt wie keine andere an physikalische Grundlagen, zumal zwar übereinstimmend in der Literatur behauptet wird, daß der OA aufgrund seiner Eisenblech-Innenwände kühler sein müßte als der KK. Andererseits fehlen bis heute Studien zur Problematik des Vergleichs einer mit Eisenblech ausgekleideten Box mit einer Box, die Holzinnenwände besitzt. Und dies, obwohl im nicht-humanen Bereich gerade auf diesem Sektor die meisten Arbeiten auf dem Gebiet der Orgonomie vorliegen.

    Die Differenzweite zeigen folgendes Bild: Von RO (RO ist hier die Raumtemperatur) zu OA steigt die Temperatur relativ um 1,68°C bezüglich KTX, und um 2,17°C bezüglich KTMAX an. Im Vergleich dazu ist der Anstieg von KTX bei RK zu KK mit 0,79°C bescheidener ausgefallen, ebenso bei KTMAX: 1,24°C. Beide Variablen erweisen sich im Vergleich der relativen Temperaturzunahmen zwischen OA und KK als hoch signifikant.

    Fortsetzung in BUKUMATULA 6/95.

    Die Diplomarbeit wurde als Abschlußarbeitfiir die Studienrichtung Psychologie an der Wiener Universität durchgeführt, von Univ. Prof. Erich Vanecek betreut und mit Sehr gut benotet. Bis auf weiteres ist sie im Buchhandel nicht erhältlich.

    Eine überarbeitete Version der Diplomarbeit umfaßt ca. 360 Seiten und ist ab Mitte November um 650 öS beim Autor direkt zu beziehen (bei Postzustellung + 33 öS Versandspesen im Inland; Ausland + 130 öS). Nach Einzahlung der o.g. Beträge per Erlagschein auf das Konto der Raiffeisenbank Wr. Neustadt: BLZ: 32937, Nr. 431.379 (Konto: Günter Hebenstreit) und einer kurzen telefonischen Nachricht erhalten sie die Arbeit gebunden im DIN A4 Format zugesandt.

    Postadresse:

    Mag. Günter Hebenstreit, An der Liesing 2/21/2, 1230 Wien

    Tel.: 818 70 53.

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  • Kategorie: 1995
  • Bukumatula 6/1995

    Eine sexualökonomische Annäherung an den Orgonakkumulator

    Fortsetzung von BUKUMATULA 5/95
    Günter Hebenstreit:

    In der letzten BUKUMATULA Ausgabe wurde der Aufbau des Versuchs „Der Orgonakkumulator nach Wilhelm Reich“ geschildert, der in den Jahren 1991 und 1992 durchgeführt wurde. Bisher wurden die Ergebnisse der physiologischen Variablen (Hautleitfähigkeit, Muskelspannung auf der Stirn und an der Schulter, Hand-, Fuß- und Achseltemperatur, Puls) und der physikalischen Variable Kasteninnentemperatur dargestellt. Auch der Einfluß des Kontrollfaktors REIHENFOLGE der Kastenvorgabe wurde bereits dargestellt und die Folgen dieser recht bedeutenden Störeinflüsse aufgezeigt. Der REIHENFOLGE-Faktor beschreibt die Zufalls-Vorgabe des Orgonakkumulators (OA) bzw. des Kontrollkastens (KK). Entweder wurde der OA der Versuchsperson (Vp) zuerst vorgegeben und dann der KK, oder umgekehrt.

    Um physiologische Veränderungen zu messen, wurden die folgenden Meßvariablen mittels psychophysiolgischer Meßgeräte und modernster Computertechnik erfaßt und aus ihnen die in den Klammern stehenden Parameter rechnerich abgeleitet. Hautleitfähigkeit (mittleres SCL-Niveau: SCLX; Maximalwert des SCL pro Sitzung: SCLMAX); periphere Hauttemperatur (Mittelwert: HTX und Maximalwert: HTMAX); die Achseltemperatur (mittlere Achseltemperatur: ATX und der Maximalwert: ATMAX); die Herzrate (Mittelwert und Streuung: PX und PSD; SD steht für standard deviation = Standardabweichung; Streuung der Werte); die Muskelspannung am Musculus frontalis (Stirnmuskel; Mittelwert: EAIGFX und Streuung: EMGFSD); die Kasteninnentemperatur (Mittelwert: KTX und Maximalwert: KTMAX). Während des Winterversuchs wurde außerdem noch die Muskelspannung auf der Schulter (Mittelwert und Streuung: EMGTX und EMGTSD) und im Sommerversuch stattdessen die Fußtemperatur (mit Mittelwert: FTX und Maximalwert: F7’MAX) gemessen.

    In der Folge wird genauer auf die Einflüsse der anderen vier Kontrollfaktoren GESCHLECHT der Versuchperson, KLIMA, VEGTYP (vegetativer Reaktionstyp) und EXPMODUS (ob der Versuch mit einem Assistenten durchgeführt wurde oder ohne Hilfsperson) eingegangen. Einige Ergebnisse zu den Wechselbeziehungen des Orgonakkumulators mit den Kontrollfaktoren:

    GESCHLECHT:

    Beim Kontrollfaktor GESCHLECHT zeigte sich ein Einfluß auf die Variablen SCLX und SCLMAX. Nur im Orgonakkumulator sind die Werte der beiden Variablen SCLX und SCLMAX von Frauen und Männern einander sehr ähnlich, nicht aber in den anderen Versuchsphasen.

    Im Orgonakkumulator (OA) sind bei der mittleren Muskelspannung auf der Stirn und auf der Schulter die Werte von Männern und Frauen sehr ähnlich hoch. In den anderen Phasen des Versuchs zeigen sich deutliche Unterschiede. Dabei hat der OA die Tendenz, die in den anderen Versuchsphasen RO (Ruhephase vor der OA-Sitzung), RK (Ruhephase vor der KK-Sitzung) und KK vorhandenen Unterschiede signifikant zu verringern: Bei Frauen fällt die mittlere Muskelspannung EMGFX vom gewohnten höheren Spannungsniveau eher ab; Männer reagieren im OA mit einer Spannungszunahme; ansonsten weisen sie in allen anderen Phasen viel niedrigere Muskelspannungsmittelwerte auf der Stirn auf.

    Weiters übt der OA auf die Versuchspersonen (Vpn) einen deutlichen Nacheffekt, der bis etwa 30 bis 60 Minuten nach der OA-Sitzung andauert, aus. Dieser Effekt geht dahin, daß geschlechtsspezifische Tendenzen signifikant größer werden. Männer haben in der Zeit nach der Orgonakkumulatorsitzung verringerte, Frauen hingegen höhere SCLX- und SCLMAX-Werte.

    Eine deutliche Wechselwirkung des Orgonakkumulators mit dem GESCHLECHT ergibt sich bei den Variablen HTMAX sowie den beiden Differenzwertvariablen DHTX und DHTMAX (das „D“ vor dem Kürzel bedeutet Differenzwert). Bezüglich der Hauttemperatur finden sich im OA im Vergleich zum Kontrollkasten (KK) große Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Hier vergrößert der OA die Differenzen zwischen den Geschlechtern: Männer legen im OA besonders viel an Temperatur zu, Frauen weniger.

    Auch bei den Differenzwerten DKTX und DKTMAX gibt es eine deutliche Wechselwirkung zwischen dem GESCHLECHT und den Differenzen der beiden Versuchsdurchgänge. Hier können Männer im OA einen überproportional großen relativen Temperaturanstieg im Vergleich zu Frauen erreichen. Andererseits gibt es einen solchen Effekt im KK nicht. So steigt der KTX-Wert von RO zu OA um +2,19°C, der KTMAX Wert gar um +2,74°C. Im Vergleich dazu liegen die entsprechenden Werte der Frauen bezüglich KTX bei +1,3°C (DKTX) und +1,75°C (DKTMAX). Im KK liegen die Werte von Männer und Frauen niedriger und viel näher beisammen (KTX: Männer: KK-RK: +0,89°C; Frauen: +0,72°C; KTMAX: Männer: +1,43°C; Frauen: +1,09°C). Männer „beheizen“ also den Orgonakkumulator überproportional besser als Frauen.

    KLIMA:

    Der Versuch wurde in zwei Teilen durchgeführt. Eine Stichprobe wurde im Spätherbst/Winter 1991 in der Stadt, eine zweite im Frühsommer 1992 auf dem Land getestet. Beide Stichproben werden anhand des „KLIMA“-Faktors unterschieden. Reich vermutete aufgrund einiger Beobachtungen, daß die Wirkung des Orgonakkumulators unter anderem abhängig ist von der Jahreszeit und auch von der geographischen Lage.

    Der auffällige KLIMA-Effekt bei der Hautleitfähigkeit läßt sich zum Teil als jahreszeitlicher Trend interpretieren. Im Sommer werden die relativen Differenzen (von DSCLX und DSCLMAX) immer negativ, während im Winter viel höhere Werte zu finden sind. Andererseits sind beim Orgonakkumulator die Differenzwerte zwischen Sommer-und Winterdurchgang statistisch deutlich unterschiedlich, während dies beim KK nicht der Fall ist. Damit ist dem OA eine klimaspezifische Wirkung zuzuschreiben:

    Weiters steigt im OA im Winter das SCLX und das SCLMAX signifikant stärker an als im Sommer. Beim KK gibt es solch einen Effekt nicht.

    Auch bei der Hauttemperatur ist der Einfluß des Klimas erwähnenswert: Es zeigte sich die Tendenz, daß sich im OA die sonst sichtbaren und „üblichen“ Unterschiede deutlich verringern. Treten im KK zwischen Winter und Sommer große, signifikante Unterschiede auf, so sind selbige im OA kaum vorhanden. Der KK ist anscheinend mehr den Gegebenheiten des Klimas ausgesetzt als der OA, der eine (zusätzliche) Eigendynamik besitzt, wodurch äußere Einflüsse nicht so stark zur Geltung kommen.

    Von den zahlreichen Wechselwirkungen der Variablen KTX und KTMAX mit den Kontrollvariablen ist jene zwischen den Versuchssituationen und dem KLIMA am bedeutendsten. Hier zeigte sich, daß es eine jahreszeitliche bzw. geographische Gebundenheit bezüglich der Höhe der Kastentemperatur im OA gibt. Es zeigen die KTX- und KTMAX-Werte im Winter hohe und im Sommer tiefe Werte. Dieser Effekt dürfte mit dem Temperaturregulationssystem des menschlichen Organismus zusammenhängen. Je nach Jahreszeit ist der Organismus gewohnt, die Peripherie mehr oder weniger stark mit Wärme zu versorgen. Im Winter ist dies mehr erforderlich als im Sommer. So kommt der enge Kastenraum der Temperaturregulation im Winter entgegen, zumal er klein ist. In seinem Inneren staut sich in größeren Mengen die Wärme auf als im Sommer. Bevor der Organismus gegenreguliert, ist die Temperatur in der Umgebung schon hoch. Andererseits ist dieser Prozeß auch im Sommer im Orgonakkumulator zu verzeichnen, beim Kontrollkasten im Sommer ist dies aber nur auffallend schwach ausgeprägt.

    VEGTYP:

    Der VEGTYP beschreibt den vegetativen Reaktionstyp der Versuchsperson. Der Reaktionstyp läßt sich anhand der Polarität Sympathicotoniker – Vagotoniker beschreiben (je nach dem Überwiegen des Sympathicus oder des Vagus wird die Versuchsperson einer der beiden Kategorien zugeordnet).

    Der VEGTYP steht vor allem in enger Wechselbeziehung mit den Differenzwertvariablen der Hauttemperatur: es erweist sich, daß Sympathicotoniker besonders im OA mehr zulegen als Vagotoniker. Sympathicotoniker können im OA besonders hohe Temperaturanstiege verzeichnen. Allgemein formuliert scheint der OA vor allem bei jenem Organismus bzw. bei jener Funktion zu wirken, wo der Ist-Zustand vom Vagotonus „weit entfernt ist“ bzw. ein Sympathicotonus besteht. Hier kann der OA größere Veränderungen bewirken, als dort, wo bereits grundsätzlich ein stabiler Vagotonus vorliegt. Man könnte dabei von einem Deckeneffekt nach sexualökonomischen Kategorien sprechen.

    Darüber hinaus erwärmen die Versuchspersonen den Kasteninnenraum im OA überproportional stärker als im KK. Grundsätzlich verzeichnen Vagotoniker höhere relative Kasteninnentemperaturanstiege bei DKTX und bei DKTMAX als Sympathicotoniker. Andererseits kommen aber Sympathicotoniker den Vagotonikem im OA viel näher als dies vergleichsweise im KK der Fall ist. Der OA wirkt also insofern „VEGTYP“-spezifisch, als er vorhandene Unterschiede zwischen Sympathicotonikem und Vagotonikem im KK ausgleicht und nivelliert. Die OA-Sitzung scheint den Sympathicotonikem in ihrer Temperaturregulation besonders „unter die Arme zu greifen“. Die schon weiter oben festgestellte Tendenz des OA beeinflußt die vom sexualökonomisch gesunden bzw. vagotonen Zustand weiter entfernten Personen quantitativ stärker in diese Richtung als Personen, die bereits in dieser Funktion einen vagotonen Zustand aufweisen.

    Weitere Ergebnisse:

    Nun folgen weitere Ergebnisse, die vor allem die psychologische Seite des Experiments beleuchten sollen. Vorerst geht es aber um die gewichtige Frage, ob die Orgonakkumulator-Effekte nur dadurch bedingt sind, daß in ihm – aus welchem Grund auch immer – die Temperaturen der Versuchspersonen höher klettern als im Kontrollkasten.

    Daß die unterschiedlich hohen Kasteninnentemperaturen von Orgonakkumulator und Kontrollkasten nicht für die signifikanten Ergebnisse bei den anderen normalverteilten physiologischen Variablen verantwortlich sind, zeigte eine multivariate Kovarianzanalyse mit der mittleren Kasteninnentemperatur als Kovariate. Zwar kovariiert die HTX generell signifikant mit der Kasteninnentemperatur, dieser Effekt trifft aber gleichwohl auf den OA wie auch auf den KK zu. Selektive, nur für den OA charakteristische Kovariationseffekte konnten keine gefunden werden. Die speziellen physiologischen Veränderungen im OA sind also unabhängig von der Höhe der mittleren Kasteninnentemperatur.

    Die in der Pause zwischen den beiden Versuchsdurchgängen vorgegebenen psychologischen Tests wurden ebenfalls im Rahmen von Kovariationsanalysen mit den abhängigen Variablen untersucht. Es wurden bei den abhängigen Variablen Differenzwerte zwischen OA und KK berechnet, welche dann in der Kovarianzanalyse weiter verrechnet wurden.

    Von der Untersuchung der 6 Skalen des Giessen Tests blieben die drei Skalen GT1, GT3 und GT5 übrig. In der Folge sollen die inhaltlichen Bedeutungen der Zusammenhänge zusammengefaßt werden:

    GTI: Je mehr positiv sozial resonanter sich die Versuchsperson beschrieben hat (beliebt, beachtet und geschätzt), um so höher ist eigenartigerweise die Hauttemperatur im KK im Vergleich mit dem OA. Anders herum formuliert bedeutet das, daß sich Personen, deren Hauttemperatur im OA viel höher war als im KK, selbst als eher negativ sozial resonant (= das Gegenteil der o.a. Eigenschaften) erleben.

    GT1: Ein direkter Zusammenhang besteht zwischen den beiden Variablen KTX und KTMAX und der sozialen Resonanz: je höher im OA die Kasteninnentemperaturen im Vergleich zum KK liegen, um so sozial positiv resonanter beschreiben sich die Versuchspersonen.

    GT3: Eine weitere, allerdings schwache Tendenz läßt sich bezüglich der Pulsdifferenz und dem Grad der Kontrolle feststellen: Je höher der PX-Wert (Pulsfrequenzmittelwert) im OA ist (im Vergleich mit dem KK), um so unterkontrollierter bzw. weniger zwanghaft sehen sich die Vpn. Stufen sich Vpn als eher zwanghaft ein, dann reagieren sie im OA nicht mit einem entsprechenden Pulsfrequenzanstieg. Vielmehr kehrt sich der Zusammenhang um: je zwanghafter, um so eher erfolgt ein Frequenzabfall! Hier ist besonders die bioenergetische Bedeutung ins Auge stechend – vom energetischen Standpunkt reagiert hier die Vp als ob die Erregung abfallen würde! Es ist interessant genug, daß die stark ausgeprägte Persönlichkeitseigenschaft „Kontrolle“ dann zu einem Erregungsrückgang fiihrt, wenn nach sexualökonomischen Gesichtspunkten ein zentraler Anstieg der Erregung vorhergesagt wurde.

    GT5: Tendenziell existiert noch ein Zusammenhang zwischen der Größe der Differenz zwischen OA und KK und der Zurückhaltung der Vpn (Skala 5: retentiv vs. durchlässig = Maß, wieviel ich von mir als Person anderen preisgebe) bei den Variablen KTX und KTMAX. Je mehr Vpn von sich preisgeben, um so mehr „heizen“ sie den OA im Vergleich zum KK auf. Je retentiver sie sind, um so mehr tun sie das im Kontrollkasten.

    Bei der Kovarianzanalyse der IPC-Skalen (Attributions-Fragebogen zur Ursachenzuschreibung) trat eine Kovariation der beiden Variablen EMGFSD und SUMSCORE (subjektive Befindlichkeit) mit dem Faktor C („Glaube an einen entscheidenden Einfluß des Schicksals, des Glücks, des Zufalls etc. auf das eigene Leben“) auf. EMGFSD steht dabei in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Höhe des C-Skalenwerts. Je größer die Muskelspannungsvariation im OA gegenüber dem KK ist, um so tiefer ist der C-Wert, d.h. um so weniger führt diese Person Geschehnisse und Entscheidungen auf Zufall, Glück und Schicksal zurück.

    Andererseits fühlt sie sich im OA im Vergleich mit dem KK um so weniger Wohl (SUMSCORE), je höher der C-Wert ist. Diese Tendenz entspricht der Unlust- bzw. Angstreaktion in der weit gezogenen sexualökonomischen Polarität des Ur-Gegensatzes von Lust und Angst: Die Sätze „Weg von der Welt“ bzw. „In sich zurück“ stehen inhaltlich für eine derartige Reaktion. Da nach der postulierten Wirkung des OA davon ausgegangen wird, daß während der OA-Sitzung vegetative Spannung und Erregung aufgebaut wird, scheint es, als würden Vpn mit hohen C-Werten mit Scheu oder Angst reagieren, wenn es darum geht, in Kontakt mit der eigenen körperlichen vegetativen Spannung bzw. Erregung zu kommen.

    Die dritte Kovarianzanalyse wurde mit den beiden Angstskalen (STAI-Skielen; State-Trait-Anxiety-Inventary) durchgeführt. Diesmal kovariieren die beiden Variablen EMGFSD und SUMSCORE mit den beiden STAI-Skalen beträchtlich. Während bei der State-Skala (beschreibt die „Zustandsangst“) ein indirekt proportionaler Zusammenhang mit den beiden Variablen EMGFSD und SUMSCORE vorgefunden wurde, liegen die Verhältnisse bei der Trait-Skala (beschreibt die Angst als Charakter- bzw. Persönlichkeitsmerkmal) umgekehrt.

    Die sich scheinbar widersprechenden Verhältnisse der Tran- und der State-Skala konnten nach sexualökonomischen Gesichtspunkten völlig aufgeklärt werden: Während die Trait-Skala sehr für die Art der Person steht, wie sie mit Angsterregung generell umgeht bzw. in die Richtung eines Charaktermerkmals geht, steht die State-Skala für die aktuelle situativ wahrgenommene Angsterregung.

    Da der Charakter bzw. seine in der Sexualökonomie so viel beachtete ökonomische Funktion der Regulation von vegetativer Erregung automatisch und meist kaum bewußt arbeitet, ist sie eigentlich das Gegenteil von dem was die State-Skala repräsentiert: bewußtes Gewahrsein der eigenen vegetativen Erregung und damit auch der Angsterregung.

    Die Versuchsperson zeigt auf der State-Skala um so höhere Werte, je geringer die Stirnmuskelvariation EMGFSD im OA im Vergleich zum KK wird. Die Vp „erstarrt“ im OA aufgrund der durch den OA zusätzlich aufgebauten Erregung, die vorher schwingende Muskulatur wird schlaff oder starr (je nach Spannungshöhe).

    Es wird jene Vp, die schon vor der OA-Sitzung über zu viel frei flottierende vegetative Erregung verfügt, dazu neigen, diese Erregung vom Bewußtsein abzuspalten, mehr noch, sich von ihr abzupanzem. Dieser Mechanismus ist deshalb wichtig, da üblicherweise die Qualität einer solchen vegetativen Erregung in Angsterregung umschlägt, wenn sie größeren Quantitätsänderungen ausgesetzt ist. Das würde sehr unlustvoll für die Person sein, gäbe es keinen Panzerungsmechanismus. Wenn die Angsterregung zu groß wird und die Panzerung einsetzt, ist die Person trotzdem in ihrer Befindlichkeit eingeschränkt. Sie verfügt über einen Teil der körperlichen Empfindung (Selbstempfinden, Selbstbewußtsein) nicht mehr. Darüber hinaus muß genau soviel Erregung wie die Angsterregung darstellt, als Gegenbesetzung aufgewendet werden, damit erstere nicht jäh ins Bewußtsein bricht (vgl. Reich 1949d). Insgesamt bedeutet dieser Prozeß für die Versuchsperson eine Verringerung der Behaglichkeit bzw. des Befindlichkeitsscores.

    Im Gegensatz dazu wird eine Person mit niedrigen Angstwerten sich nach einer für sie vegetativ angenehmen OA-Sitzung wohler fühlen, zumal durch die zusätzliche vegetative Spannung das Selbstempfinden gesteigert ist, ohne daß das Erregungsmaß an das Maximum des Ertragbaren geht.

    Die Trait-Skala hingegen gibt – sexualökonomisch interpretiert – an, wie sehr durchlässig der Charakter der Versuchsperson gegenüber vegetativer Erregung, also Angst- und Lusterregung, ist. Ist der Wert niedrig, so deutet das im Durchschnitt auf eine rigide Panzerung gegen vegetative Erregung hin. Denn eine (gesunde) Person, die Angsterregung kennt, wird in der Regel eine Toleranz entwickelt haben, um mit ihr – genauso wie mit Lusterregung, die ja auch vegetative Erregung ist – umzugehen. Unter diesem Aspekt lassen sich auch die Ergebnisse erklären: Haben Menschen hohe TraitAngstwerte, dann müßten sie über eine gewisse Toleranz gegenüber der vegetativen Erregung verfügen, die jemand, der generell niedrige Angstwerte hat, weniger oder kaum besitzt. Je höher die Differenz zwischen OA und KK zu Gunsten des OA liegt, um so höhere Angstwerte werden auf der Trait-Skala angegeben. Ebenso ist die Befindlichkeit im OA im Vergleich zum KK höher, je höher die Traft-Angstwerte sind.

    Neben den abhängigen physiologischen Variablen und der Befindlichkeit wurde den Versuchspersonen unmittelbar nach jeder Kastensitzung ein Fragebogen vorgelegt, bei dem sie angeben sollten, welche Veränderungen, Wahrnehmungen und Empfindungen sie während der gerade abgeschlossenen Kastensitzung bemerken konnten.

    Von den 10 Items erwiesen sich 5 als REIHENFOLGE-abhängig. Die anderen 5 Items: Kribbeln bzw. Ameisenlaufen auf der Haut, Schwitzen im Kasten, Darmblubbern, Entspannung der Muskeln im Kasten und Langeweile erwiesen sich sämtlich als nicht signifikant. Lediglich die Frage nach den Darmgeräuschen bzw. dem Darmblubbern zeigt eine schwache Tendenz, wobei im OA öfter und intensiver die Darmgeräusche wahrgenommen wurden.

    Von den verbleibenden Items zeigte besonders eines teilweise hoch signifikante Unterschiede: der Inhalt des Items bezog sich auf die Spürbarkeit einer Wärme, die von den Wänden zu kommen schien. In beiden Versuchsdurchgängen war eine Signifikanz gegeben. Daneben unterschied sich das Item über die Empfindung einer Müdigkeit im Kasten zwischen OA und KK signifikant. Die Vpn fiihlen sich im OA müder (vgl. auch die Ergebnisse zum SUMSCORE).

    Zusammenfassend läßt sich vom methodischen Standpunkt her sagen, daß die Differenzwertvariablen durchgehend aufgrund von ihrer größeren Unabhängigkeit von den Kontrollfaktoren, besonders aber von der REIHENFOLGE, grundsätzlich mehr Aussagegewicht besitzen. Dort, wo die Unabhängigkeit von den Kontrollfaktoren auch bei den Absolutwertvariablen gegeben ist, sind auch durchwegs beachtliche Ergebnisse erzielt worden. Daher erweist sich der nachträgliche Entschluß, auch Differenzwerte zwischen den Kastensitzungen und ihren dazugehörigen Ruhesitzungen zu bilden, gerechtfertigt.

    Es zeigte sich, daß bei Berücksichtigung der meßmethodischen Störeinflüsse bei der Achseltemperatur und der Abhängigkeit v.a. der Körpertemperaturen von der REIHENFOLGE, letztlich 17 von 26 möglichen Differenzwert- und Absolutwerthypothesen signifikante Unterschiede zwischen dem OA und dem KK anzeigten. Von der Beeinflussung der OA-Effekte von der psychologischen Seite her gab es ebenso einige deutliche Ergebnisse. Die subjektiven Veränderungen während der Kastensitzungen fielen vergleichsweise bescheiden aus. In diesem Versuch standen die subjektiven Wahrnehmungen aber nicht im Mittelpunkt des Interesses, sondern vor allem die physiologischen Variablen.

    Schußfolgerungen und Ausblick

    Die Daten aus einem übergeordneten Standpunkt zu interpretieren, fällt nicht leicht. Die Hypothesenprüfung bestätigte die aus der sexualökonomischen Theorie abgeleiteten Hypothesen zu einem beachtlichen Teil.- Einige typische Ergebnisse: Im wesentlichen fanden sich bei den betreffenden Variablen keineswegs nur „vagotone“ Effekte, wie sie in der Literatur wiederholt beschrieben wurden. Vielmehr ist es von Vorteil, die OA-Sitzung – wie wahrscheinlich auch jede andere sexualökonomische Beobachtung und Untersuchung -, als einen in einer spezifischen Situation ablaufenden Prozeß zu sehen. Er ist primär als energetische (elektrochemische, libidoökonomische) Funktion zu verstehen, der sich auf der psychischen und biophysikalischen Ebene ausdrückt. Bezüglich der Situation ist zu sagen, daß das weitere Schicksal der vegetativen Energie auch davon abhängt, wie einladend die Situation selbst ist, sich zu entspannen bzw. es sich gut gehen zu lassen.

    Der Prozeß selbst beginnt im Falle des OA mit einer zentralen Stauung von Erregung, die sich dann in Abhängigkeit der Charakter-und Körperstruktur des Menschen in Richtung (vegetativer, psychischer) Peripherie bewegt, um sich dort Ausdruck zu verschaffen (vgl. Reich 1982). Je nachdem, wie die aktuelle Umweltsituation beschaffen ist, bzw. der aktuelle Funktionszustand des Individuums ist, wird sich die zentral gestaute Erregung ausdrücken können.

    Während der experimentellen OA-Sitzung müßte vor allem zuerst die zentrale Stauung zunehmen und daher meßbar sein. So ist auch aufgrund vorerst unsystematischer Beobachtungen anzunehmen, daß, wie schon Lassek (1982) vermutete, aufgrund der wiederholten Erregungsstauung periphere vegetative Funktionen aktiviert werden. Wenn man den zahlreichen Erfahrungsberichten Glauben schenkt, dann drückt sich das auch in der zunehmend kürzer werdenden Verweildauer der OA-Benutzer nach einer größeren Anzahl von Sitzungen über ein oder mehrere Jahre hinweg aus. Schließlich wird meistens ganz auf den OA verzichtet oder der OA nur gelegentlich benutzt.

    Im vorliegenden Experiment waren die Ausdrucksmöglichkeiten der Personen durch die enge Begrenzung während der Kastensitzung und die Strukturiertheit des Experiments nur eingeschränkt möglich, weshalb die Hypothesen allgemein dahingehend formuliert wurden, daß vegetativ zumindest teilweise die zentrale Stauung selbst zum Ausdruck kommt.

    Es stehen den Ergebnissen zufolge einander eine sympathische und eine parasympathische Tonussteigerung gegenüber. Sie können ins Konzept der Sexualökonomie (d.h. der Art, wie das Individuum mit seiner sexuellen, emotionalen, vegetativen Energie haushält, d.h. wieviel es davon „orgastisch“ (d.h. lustvoll) umsetzen kann, und wieviel es zurückhält, aufstaut oder z.B. in neurotischen oder psychosomatischen Störungen „verbratet“) eingegliedert werden. Daß der sexualökonomische Standpunkt praktisch untersuchbar ist, ist besonders aus dem Ergebnis der Untersuchung der Kovariation der abhängigen Variablen ersichtlich, wo eine signifikante Kovariation zwischen den Variablen EMGFSD (Stirnmuskelspannungsvariation) und SUMSCORE (subjetive Befindlichkeit) und den beiden STAIAngstskalen sowie der IPC-Skala C festgestellt wurde. Der Zusammenhang konnte post hoc durch das Konzept der Libidoökonomie bzw. das der Panzerungsfunktion theoriekonform interpretiert werden.

    Die absoluten und die relativen Temperaturunterschiede an den
    Händen und an den Füßen im OA gegenüber dem KK bedeuten
    physiologisch und sexualökonomisch einen vagischen Effekt. Der Anstieg der Hautleitfähigkeit im OA ist hingegen physiologisch wie auch sexualökonomisch per definitionem ein sympathischer Effekt. Dasselbe gilt für die verringerte PSD, die Pulsfrequenzvariation. Nicht definiert in der Physiologie des vegetativen Nervensystems ist die Muskulatur. Sexualökonomisch ist die Muskulatur der vegetativen Peripherie zuzuordnen und der hier festgestellte Effekt der höheren Muskelspannung im OA gegenüber dem KK ließe sich sowohl als Panzerungsmechanismus, aber auch als „zur Aktion bereite Spannung“ deuten. Hier sind beide Möglichkeiten offen. Die gemessene erhöhte Spannung der Muskulatur im EMG (Elektromyogramm) kann im Sinne der Sexualökonomie daher weder eindeutig als sympathicotoner, noch als vagotoner Effekt gedeutet werden. Der Grund für die nicht eindeutige Zuordenbarkeit sexualökonomischer Konzeptionen zu physiologischen Funktionen liegt darin, daß der gebräuchliche Parameter des EMG unterschiedliche sexualökonomische Funktionszustände nicht adäquat differenzieren kann. Es ist sowohl Lusterregung, als auch Angsterregung mit einer Spannungszunahme der Muskulatur verbunden. Hier wäre es wünschenswert, Parameter auszuarbeiten, die diese Funktion berücksichtigen.

    Die beobachteten Effekte stehen in einer gewissen Nahbeziehung zum psychophysiologischen Konzept der Aktivierung: Hautleitfähigkeit, mittlere Muskelspannung und Pulsfrequenzvariation zeigen in die Richtung einer Zunahme der Aktivierung, während es bei der peripheren Durchblutung zu keiner Vasokonstriktion kommt, sondern sich eine Vasokongestion einstellt. Gerade dieser Effekt ist wesentlich, da die Verschiebung von Plasma in die Peripherie nach Reich ein Abbild der Urfunktion des Gegensatzes von Lust und Angst ist. Im Zustand der Lust bewegt sich das Individuum auf die Welt zu. Die Amöbe tut dies mit ihren Scheinfüßchen, die durch Plasmaverschiebungen in Richtung Peripherie zustande kommen. Beim Menschen passiert dasselbe, wobei diese Urfunktion sich des kardiovaskulären Systems bedient. Im Zustand der Angst zieht sich die Amöbe mit ihren Scheinfüßchen von der Welt zurück, der komplexe Organismus reagiert mit einer Vasokonstrilction. Worin sich das Konzept der Sexualökonomie von jenem der Aktivierungunterscheidet, ist erstens die Dimensionierung des Forschungsgebietes und zweitens die Berücksichtigung der libidoökonomischen Funktion des Organismus, also eine qualitative Komponente.

    Zuletzt soll darauf hingewiesen werden, daß unbedingt weitere Forschungen zum Thema der Sexualökonomie und Orgonomie sowohl im physikalischen, als auch im humanen Bereich stattfinden müssen, damit ihnen ihr verdienter Platz in der Gesellschaft, der Wissenschaft und besonders im Leben der Menschen zukommt.

    Literaturliste:

    BOADELLA, D.: Wilhelm Reich. The Evolution of His Work. Scherz, Bem und München, 1980. Deutsche Ausgabe: Wilhelm Reich. Leben und Werk. Frankfurt, Fischer, 1981
    BRÜCK, K.: Wärmehaushalt und Temperaturregulation. In: SCHMIDT, R., THEWS, G. (Hrsg.): Physiologie des Menschen. S. 650-683, Berlin Heidelberg New York, Springer, 1990
    BURR, H., S.: The Field of Life. New York, Ballantine Books, 1972
    ENGELS, F.: Dialektik der Natur. Berlin, Dietz Verlag, 1952
    ENGELS, F.: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („AntiDühring“). Wien, Globus Verlag, 1971
    EPPINGER H., & HESS, L.: Die Vagotonie. Springer, Berlin, 1910
    GEBAUER, R., MÜSCHENICH, S.: Der Reichsche Orgonakkumulator. Frankfurt, Nexus Verlag, 1987
    JÄNIG, W.: Vegetatives Nervensystem. In: SCHMIDT, R., THEWS, G. (Hrsg.): Physiologie des Menschen. S. 349-389, Berlin Heidelberg New York, Springer, 1990
    KRAUS, F.: Allgemeine und spezielle Pathologie der Person. Klinische Synzygiologie. Besonderer Teil I: Tiefenperson; Leipzig, Thieme, 1926
    KRAUS, F.: Experimentelle und klinische Betrachtungen über die Gleichförmigkeit von Nerven-, Gift-, Hormon-, und Ionenwirlaing auf die Wasserbewegung im Organismus. Berlin – Wien, Urban & Schwarzenberg, 1927
    LASSEK, H.: Nachsatz zum Artikel von J. Fischer: Hinweise zur Benutzung des Orgonakkumulators. In: Emotion. Wilhelm Reich Zeitschrift Nr. 5, S: 60 – 61. Nexus, Berlin, 1982
    MÜSCHENICH, S.: Einige Zitate und Bemerkungen zur Frage „Sind die Begriffe Vagotonie versus Sympathicotonie auf die Wirkungen des Orgons übertragbar?“. Emotion. Wilhelm Reich Zeitschrift. Nr. 8, S. 68-71. Frankfurt/Main, Nexus Verlag, 1987
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    Die Diplomarbeit „Der Orgonakkumulator nach Wilhelm Reich – Eine experimentelle Untersuchung zur Spannungs-Ladungsformel“ wurde als Abschlußarbeit für die Studienrichtung Psychologie an der Wiener Universität von Günter Hebenstreit durchgeführt.

    Eine überarbeitete Version der Diplomarbeit umfaßt ca. 350 Seiten und ist um 650 öS beim Autor direkt zu beziehen (Bei Postzustellung + 33 öS Versandspesen im Inland; Ausland + 130 öS.). Interessenten erhalten nach Einzahlung des o.g. Betrags per Erlagschein auf das Konto Raiffeisenbank Wr. Neustadt: BLZ: 32937, Nr. 431.379 (Konto: Mag. Günter Hebenstreit) und einer kurzen telefonischen Nachricht die Arbeit gebunden im DIN A4 Format zugesandt.

    Postadresse: Mag. Günter Hebenstreit
    An der Liesing 2/21/2
    A-1230 Wien
    Tel.: 0222/889 70 53

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  • Kategorie: 1995