Bukumatula 3/1995

Mythos und Realität von Genitalität

Beatrix Teichmann-Wirth:

Reich hat im Gegensatz zu Freud und vielen Neo-Reichianern der Neurose explizit „Gesundheit“ gegenübergestellt und dies in den Begriff der „Genitalität“ gefaßt. Sie zu erlangen gilt als Ziel jeden Reichianers.

Genitalität ist von Reich selbst und seinen Nachfahren – jene die sich wirklich auf Reich beziehen – als ein gänzlich anderer Seins-Zustand beschrieben worden.

Ein Zustand, der sich vom neurotischen Charakter sowohl in den körperlichen, wie in den seelischen und kognitiven Aspekten so „grundsätzlich unterscheidet, daß man von miteinander fremden und wesentlich andersartigen biologischen Zuständen sprechen kann“.

So schreibt Reich, daß der Mensch in diesem Kern „ein unter günstigen sozialen Umständen ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes, oder wenn begründet, rational hassendes Tier (ist).“

Und noch weiter ausführend nennt Ola Raknes, der in Europa wohl bekannteste Reich-Schüler, folgende Kriterien für Gesundheit:

„Die Fähigkeit zu uneingeschränkter Konzentration auf einen Arbeitsvorgang, eine Aufgabe, ein Gespräch oder eine genitale Umarmung, sowie ein Gefiihl der Einheit in dem, was man ist und was man tut.

Ein Gefühl tiefen Kontaktes zum eigenen Körper, zu anderen Menschen, zur Natur und Kunst und auch z.B. zu den Werkzeugen, die man bei der Arbeit benutzt; ferner auch die Fähigkeit, Eindrücke auf sich wirken zu lassen, der Mut und der Wille, es den Dingen und Ereignissen zu gestatten, Eindrücke hervorzurufen.

Freiheit von Angst, wo keine Gefahr ist, und die Fähigkeit, auch in gefährlichen Situationen rational zu reagieren; der Mut, sich freiwillig in gefährliche Lagen zu begeben, wenn man vernünftige und wichtige Gründe dafiir sieht.

Ein tiefes und anhaltendes Gefühl von Wohlbefinden und Kraft, das
auch spürbar ist, wenn man mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat oder nicht allzu starke Schmerzen erleidet. Einige dieser Empfindungen lassen sich auf ein Lustgefiihl in den Genitalien während der Ausatmung zurückführen.

In ziemlich regelmäßigen Intervallen (das variiert von Person zu Person und von Zeit zu Zeit) findet unter unwillkürlichen Konvulsionen des ganzen Körpers und momentanem Verlust des Bewußtseins ein Orgasmus statt.

Der ganze Körper ist elastisch aufgerichtet, keine Krämpfe, keine Zuckungen.

Die Haut ist warm und ausreichend durchblutet, die Farbe rötlich oder braun, warmer Schweiß kann auftreten.

Die Muskeln können sich spannen oder entspannen, ohne aber chronisch kontrahiert oder schlaff zu sein; freie Peristalitk, keine Darmverstopfung oder Hämorrhoiden.

Die Gesichtszüge sind lebendig und beweglich, niemals starr oder maskenartig, die Augen sind klar und zeigen lebhafte Pupllienreaktionen; die Augäpfel stehen weder vor, noch sind sie eingesunken.

Es ist eine vollständige, tiefe Ausatmung mit einer Pause vor jeder neuen Inspiration vorhanden; die Brust kann sich frei und leicht bewegen.

Der Puls ist gewöhnlich regelmäßig, ruhig und kräftig; normaler Blutdruck.

Schließlich ist der ganze Organismus von einem breiten, sich verändernden Orgonfeld umgeben.“

Der Leser sei eingeladen, sich einen Moment zurückzusetzen und sich die Wirkung der oben genannten Zitate zu vergegenwärtigen.

Ist es Ermutigung, Sehnsucht, Aufforderung zu Aufbruch oder regt es einen inneren Benotungsvorgang an, ein Messen der eigenen Person an diesen Kriterien mit Schamgefühlen ob des einen oder anderen „Versagens“?

Reich und Raknes schreiben nicht von Hypothesen und auch nicht von Annahmen und Konstrukten sondern von ihren klinischen Erfahrungen. Das ist wichtig und es tut gut, sich dies zu vergegenwärtigen.

Denn, was oftmals passiert (bei moralempfänglichen Menschen wie
mir) ist, daß diese Empirie zu einer Moral wird. Wissend um das Ziel, wird das, wo man ist, gemessen daran, wo man schon längst sein sollte. Ich spreche hier von der Seite der Aus- beziehungsweise Fortbildungskandidaten in dieser „Disziplin“.

Gut, daß es ein Ziel gibt. Es gibt Richtung und Ausblick.

Aber hemmt es nicht die Aufrichtigkeit zu sagen, was wirklich ist, in dem Wunsch, zu den „Eingeweihten“ zu zählen? Spricht das Ziel nicht in erster Linie die Anspruch-Seite in uns an, das „Sollte“, das „Muß“ und nicht so sehr das „Wie“?

Was bedeutet es, noch immer Phantasien in der Sexualität zu haben, noch immer in Beziehungen verstrickt zu sein – daß man ein hoffnungsloser Fall ist?

Oder verbindet man mit dem Ziel einen ständigen Zustand von Euphorie, wo es keine Langeweile, kein alltägliches Leid, keine Leere mehr gibt.

Zurückkehrend von diesen höheren Sphären, wollen wir uns auf den Boden der Realität stellen und eingedenk eines Zitats von Carl Rogers „Die Tatsachen sind freundlich“, es riskieren, bei uns zu erkunden, wie unser Leben sich tatsächlich gestaltet, jetzt, nachdem wir uns schon einige Zeit auf dem Reich’schen Weg befinden, eine Menge Sitzungen gehabt haben, oftmals uns strömend erlebt haben und vielleicht „bei der Genitalität bzw. an deren Schwelle angelangt“ sind.

Dazu haben wir Teilnehmerinnen aus der Skan-Fortbildungsgruppe bei Loil Neidhöfer und Petra Mathes eingeladen, uns anhand eines Fragenkatalogs Antwort zu geben.

Die Themenbereiche, welche wir – auch im Sinne der oben genannten Definition – als wichtig erachtet haben, waren: Sexualität, Beziehungen, berufliche Tätigkeit, Visionen, Lebensgefühl und Lebensgestaltung.

Die sehr persönlich gehaltenen Mitteilungen haben wir, so wie sie bei uns eingelangt sind, hier wiedergegeben. Manche haben sich dabei an die vorgegebene Struktur gehalten, andere nicht.

So klingt in der Form des Beitrages, der Sprache und der Wortwahl jedes einzelnen das Charakteristische durch.

Schön zu sehen: daß auch bei Ähnlichkeiten des Weges und der Entwicklung die persönliche Eigen-Art erhalten bleibt.