Bukumatula 1/1995

Leben will ich, leben!

Bernhard Hubacek:


Als vor einigen Jahren am Lusterboden des Wiener Burgtheaters „Rede an den kleinen Mann“ aufgeführt wurde, saß ich neugierig in den vorderen Reihen halbrechts. Die Arbeiten Reichs waren mir zu diesem Zeitpunkt nur sehr unvollständig und oberflächlich bekannt. Zwar befand ich mich gerade in einer Ausbildung zum Körperpsychotherapeuten, aber dort wurden die Arbeiten Reichs mehr erwähnt als erklärt.

Es sollte ein eindringlicher, in seiner Intensität fast beklemmender Theaterabend werden. Ich erinnere mich noch gut an die dichte Spannung, die sich im Publikum breit machte und bis zum Ende hin ständig anstieg. Tief beeindruckt machte ich mich auf den Weg nach Hause.

In der Folge bemühte ich mich verstärkt, ein besseres Verständnis von Reichs Arbeiten zu gewinnen. Mein Interesse war zwar geweckt, aber ich stieß bald an Grenzen. Hatte ich mich eine Zeitlang tapfer durch die mir gerade zugänglichen Bücher gewühlt, so legte ich sie doch ebenso oft wieder ratlos zur Seite. Ich fühlte mich von der Idee des Lebendigen angezogen, versuchte zu verstehen, aber begriff nicht wirklich. Vor allem wußte ich nicht, daß mir gerade das persönliche Erleben auf diesem Gebiet fehlte. Ganz ähnlich erging es mir in meiner damaligen Psychotherapie: Ich steckte fest, bestimmte Themen waren mehr oder weniger „durchgearbeitet“, eine oberflächliche Schicht meiner Gefühlswelt war freigelegt und mir so besser zugänglich geworden, aber für mein tägliches Leben schien dies alles keine wirkliche Bedeutung zu haben. Innerlich war ich im Grunde unberührt geblieben. Etwas Entscheidendes fehlte. Ich wußte nicht was.

Eines Tages saß ich während einer Stunde wieder auf meinem Polster. Mein Therapeut saß in etwa eineinhalb Meter Abstand entfernt von mir an die Wand gelehnt, und sah mir freundlich interessiert zu, wie (s)ich nichts tat. Draußen war’s schön, die Sonne schimmerte herein. Ich atmete schwach und hörte mich plötzlich leise sagen: „Ich möchte gerne, daß wir endlich was mit dem Körper machen“. Eine Weile geschah nichts. Die genaue Antwort ist mir nicht mehr erinnerlich, wohl aber der überrascht-irritierte Ausdruck in seinem Gesicht. Mir wurde klar, daß der Mann mindestens genauso viel Angst vor Kontakt hatte wie ich. Oder noch mehr.

Mit einem Mal wurde die ganze resignative Kontaktlosigkeit in mir nach oben gespült. Alles genau wie Reich es beschrieben hatte.

Ich betrachtete dieses wichtige Erlebnis als Signal für Veränderung und beendete diese Art von Therapie kurze Zeit später.

Die Begegnung mit Loil Neidhöfer, Petra Mathes und dem Wiener SKAN-Kreis kam für mich gerade zur rechten Zeit – und führte mich wieder direkt zu Reich zurück. Erstmals spürte ich etwas von dem, was in den Büchern zu lesen war! Ja, da gab es eine sehr reale Sehnsucht nach einem anderen, lebendigeren und kontaktvolleren Leben.

Reich schrieb über die Entdeckung der Lebensenergie: „Wir müssen fragen: War die Unkenntnis des Lebendigen bloß Resultat mangelhafter Denktechnik und ungenügender Forschungsergebnisse? Oder war sie Resultat einer charakterlichen Hemmung, sozusagen unbewußte Absicht? Die Geschichte der Wissenschaft läßt keinen Zweifel darüber, daß das Lebendige nicht erforscht werden durfte; daß es die maschinell-mystische Struktur des Menschentiers über Jahrtausende war, die mit allen, aber auch allen erdenklichen Mitteln die kosmischen Grundlagen des Lebendigen aus der Erforschung ausschloß.“

Ja, es durfte nicht. Ich durfte nicht. Da gab’s in mir ein Verbot, das ich von nun an mit allen Mitteln außer Kraft setzen wollte.

Reich! Er hat sich bei der Erforschung des Lebendigen durch nichts und niemanden abhalten lassen. Er hat die Funktion der orgastischen Plasmazuckung entdeckt und damit die Grundlage für die Erforschung elementarster Lebensfragen geschaffen: das biologische Fundament seelischer Erkrankungen war ebenso davon berührt wie die tiefsten kosmischen und spirituellen Sehnsüchte der Menschen, das Übel der Krebskrankheit, die Strahlengefahren bis hin zur Erschließung neuer Energiequellen und noch viel mehr.

Ich hatte Reich folglich in seinen Arbeiten immer als disziplinierten, klar formulierenden Wissenschafter, Arzt und Psychotherapeuten gesehen, als kompromißlosen Forscher auch, für den die Psychoanalyse nur Ausgangspunkt seiner Arbeiten war und niemals Heimat sein sollte.

Nun habe ich gerade die autobiographischen Tagebuchnotizen und Briefe aus Reichs früher Kinder- und Jugendzeit gelesen. Ich spüre: Da wächst ein neues, zärtliches Gefühl für Reich heran. Eine neue Beziehung entsteht. Das von mir bewunderte vielseitige Genie tritt in den Hintergrund, die klare, kompetente fachliche Autorität wird weniger wichtig. Die scharfen Konturen des Bildes, das ich mir von Reich gemacht habe, verändern sich, werden weicher, beginnen zu verschwimmen.

Ja, Reich, immer wieder muß ich das Foto betrachten, aufgenommen 1900, im Alter von drei Jahren. Du hältst ein Schaukelpferd. So weich und warm siehst Du aus, so einsam, so verletzt.

Du liegst mit einer Gruppe von Jugendlichen auf einer Wiese, ein Mädchen schmiegt sich an Dich, so sinnlich bist Du, so ungepanzert!

Dein Schicksal ist ergreifend. Woher nimmst Du die Kraft? Wie kannst Du Dich so fanatisch dem Lebendigen verschreiben, wo der Tod und die Tragödie immer in so unmittelbarer Nähe lauem? Wie schaffst Du das?

Weil Du ein Liebender bist!

Wahrnehmung und m Einklang mit der Atmung und den Körperempfindungen zu ersetzen. In dir brennt es : „Leben will ich, leben, aber in einem anderen Sinn als Ihr es von mir fordert! Leben, leben, ich schreie und lechze danach, nicht vegetieren, nicht kriechen, nicht wegen 200 Kronen meine Eigenwürde aufgeben …“

Reich fühlt sich schuldig am Selbstmord seiner Mutter. Er hat ihren Seitensprung mit dem Hauslehrer dem strengen Vater verraten und dessen grausame Bestrafungsrituale miterlitten. Häufig verflucht er den Vater, muß sich zuhause einsperren lassen, darf bis zu seinem elften Lebensjahr nicht mit anderen Kindern spielen. Aber so sehr Vater „die Tür verrammelt“, sich sein fordernder Ehrgeiz über ihn ausbreitet, dürstet er doch nach Lust und Leben, hält mit aller Kraft dagegen, auch wenn es ihm manchmal scheint, als müßte er „alles mühsam suchen und finden, was anderen von selbst in den Weg läuft“. Als Bub muß er Auszeichnungen nach Hause bringen, sich „am Klavier vor fremden, zuwideren Leuten produzieren“, weil ER die Lehrerin bezahlt.

Reichs Vater führt seinen Sohn in Gesellschaft regelrecht vor, läßt ihn Französisches aufsagen, mißbraucht ihn: „Soll ich denn für mein Geld von meinen Kindern keine Freude haben?“ ist er sich seiner selbst scheinbar sicher.

Reich leidet darunter und sieht doch den „intelligenten und klugen Mann“ im Vater, den er nicht nur hassen, sondern eben auch lieben kann. Bisweilen zieht er sich in seine Bücher und Träume zurück, wird „ernst und mürrisch vor der Zeit“ und kriecht doch gleich wieder förmlich aus sich heraus, „als eine neue Köchin ins Haus kommt und neue reale Lust zu wittern ist“.

Als nach der Mutter auch der Vater stirbt, Reich ist gerade 17 Jahre alt, spürt er vor allem Schmerz über die Fremdheit, die zwischen ihm und dem Vater geblieben ist.

Reich schreibt, er habe nie um Vater und Mutter geweint, „wie’s vorgeschrieben ist“, denn er weiß: „Die bewußte Liebe zu ihnen wird nie verschwinden. Was soll die Trauer? Zugeständnis aufdringlicher Gefühle an die Mitwelt? Das ist meine Trauer: Jenes Zusammenziehen des Herzens, das aufs Hirn übergreift und im Schlucken behindert, das auftritt, wenn man am allerwenigsten daran denkt, das ist meine Trauer, mein Wehe, das nie laut wird, sondern wie eine Welle in mir aufsteigt und in sich selbst zurückversinkt.“

Gefühle von Einsamkeit, Verzweiflung, Leere und Verlassenheit begleiten Reich zeitlebens, nehmen ihn aber nie gefangen. Er erfreut sich seiner früh erwachten sexuellen Lust, versehrt sich, läßt nichts aus, stolpert von einer Liebschaft in die nächste, „auf blinder Suche nach dem Glück, einen Menschen zu haben, einen ganz allein, doch den voll und ganz“ und sprengt die selbst gelegten Fesseln gleich ohne Zögern, sobald er sie als solche wahrnimmt.

Zu Kriegsbeginn kämpft Reich an der Italien-Front und weiß genauso wenig Antworten auf das warum und wozu wie alle anderen. Wichtig scheint nur: Gegen wen. Im Krieg wird auch einer wie Reich zum Teil der Maschinerie. Gewöhnung und Abstumpfung machen sich schnell breit: „In den ersten Nächten hatten alle Angst. Dann gewöhnte man sich daran und legte sich automatisch flach auf den Boden, ebenso wenn Scheinwerfer oder Raketen leuchteten. Ab und zu schrie einer auf und wurde davongetragen. Das ging mit der Zeit ganz automatisch wie in einem wohlgeordneten Büro.“

Wieder zurück im Nachkriegs-Wien, Reich hat alles verloren und lebt in bitterer Armut, stürzt er sich sofort wieder hinein – ins Leben: Sich selbst und andere stets bis an die Grenzen des Erträglichen fordernd und manchmal darüber hinaus, in eiskalten Räumen mit Handschuhen und Mantel studierend, mehr unglückliche als erfüllte Liebschaften anziehend.

Reich zeigt sich in einer für mich bisher unbekannten Weise: Bisweilen sehr sentimental, richtig wienerisch, pathetisch, kokettierend. Aber doch immer mit wahrhaftiger, liebevoller Stimme.

Ich habe ihn lieb gewonnen, diesen immer ein bißchen unzufriedenen, idealistischen jungen Grübler, diesen wachen Querkopf voll Tatendrang und vitaler Energie.- Sein leidenschaftliches In-der-WeltStehen beeindruckt und regt immer noch auf Gut so, gerade jetzt!