Bukumatula 3/1995

Eine Erfahrungssammlung von Körpertherapeuten in Fortbildung

Bernhard Hubacek, Renate Wieser, Ingeborg Scheer, Beatrix Teichmann Wirth, Robert Federhofer, Svarup Hofmann, Günter Wagner und Wolfram Ratz:

In Reich-Kreisen zirkuliert eine Anekdote, die etwa so lautet: Anläßlich einer Orgonomie-Konferenz in Los Angeles stand Reich mit einigen von seinen ehemaligen Schülern, in der Zwischenzeit selbst erfahrene Therapeuten, in einer Gruppe beisammen, wobei über „Genitalität“ gesprochen wurde. Der eine meinte: „Von meinen ehemaligen Patienten würde ich jetzt etwa fünf als genital einstufen“, ein anderer sagte, bei ihm seien es nur drei, worauf Reich geantwortet haben soll: „Gratuliere meine Herrn, ich habe mit keinem aufzuwarten!“

Jenseits von Aufladen und Entladen
(Bernhard Hubacek)

Die Einladung von Beatrix und Wolfram, den eigenen Standort in der Diskussion um Genitalität zu formulieren, habe ich zunächst in der Erwartung eines regen Austausches freudig begrüßt. Dann konnte ich aber auch rasch bemerken, daß etwas in mir diese Einladung nur sehr zögerlich annehmen will.- Was ist da passiert?

Erst im gemeinsamen Gespräch gelingt es uns dann, diesen „Stopper“ konkret zu benennen und in der Folge auszuräumen: Die Angst vor der Anonymität der Leser. Ich bin schon sosehr dran gewöhnt, merke ich, die Arbeit im Kontext des dichten persönlichen Kontaktes wirken zu lassen, sei es in der Therapie im Geben oder im Nehmen, in der Supervision oder unter Peers, daß eine Auseinandersetzung ohne dieses – für mich schon zur Selbstverständlichkeit gewordene -förderliche Feld schwer fällt. Bis dies erstmal richtig bewußt wird, hemmen unsägliche Blockierungen den Fluß. Erst im kontaktvollen Begegnen und Benennen dieser Schwierigkeit kann gewissennaßen eine Entladung erfolgen, die sich in spürbarer Erleichterung ausdrückt: Jetzt kann ich wirklich beginnen.

Ich war immer sehr beeindruckt von der Todesangst, die als unumgänglich beschrieben wird, wenn es erstmal ans Becken geht. Nun muß ich zugeben, daß sich bis heute die Todesangst in der befürchteten Dimension bei mir nicht eingestellt hat, dabei war das Becken in der Ausbildung schon längst „dran“. Mit einer gewissen Selbstironie stelle ich fest, daß ich demnach nicht „durch“ sein kann und muß darüber auch lachen, wie tierisch ernst ich das mit dem genitalen Orgasmus einmal genommen habe, und welche Mythenbildung wir alle darüber zugelassen haben.

Sicher ist jedenfalls, daß die Wege, die ich in therapeutischen Sitzungen als Klient gegangen bin mit Fortdauer des Prozesses deutlich kürzer, undramatischer und einfacher wurden, viele andere Bereiche jenseits von Aufladen-Entladen sind hervorgetreten. Und daß sich mein Standpunkt in der realen Welt entscheidend geändert hat. Davon soll hier ja auch noch die Rede sein: Dazu gehört vor allem, daß sich mein Sensorium für Panzerung ganz allgemein verfeinert hat. Ich erkenne an mir selbst schneller, wenn ich „voll aus dem Charakter“ heraus agiere und kann leichter aussteigen. Gleichzeitig ist meine Toleranz gegenüber bestimmten charakterlichen Deformationen in meiner Umgebung geringer geworden.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Hintergrund meiner beruflichen Neuorientierung. So habe ich noch während der Ausbildung meinen Quellenberuf als Sozialarbeiter an den Nagel gehängt. Für mich ein bedeutender Schritt. Immerhin war ich 16 Jahre dabei und habe diesen Job, der mir auch einiges an Anerkennung, Sicherheit und Prestige eingebracht hat, überwiegend gern gemacht. Aber irgendwann war die stickige Zurückhaltung, die mir in konventionellen Teamsitzungen begegnete, einfach nicht mehr zu ertragen. Dabei war alles wie immer, nicht besser und auch nicht schlechter als in den Jahren davor. Nur mein Organismus reagierte anders. Ich wußte, daß ich mich entscheiden mußte. Darüber einmal im klaren, wußte ich schnell, was zu tun war. Mein Abschied ging freundlich und rasch über die Bühne. Heute macht mir das selbständige Arbeiten in der Gemeinschaftspraxis sehr viel Freude und ich empfinde oft große Dankbarkeit gegenüber meinen Lehrern und Klienten.

Eine wichtige Veränderung bedeutete für mich auch die Entscheidung, mit Ingrid zusammenzuziehen und schließlich noch zu heiraten. Früher hätte ich dagegen wohl alle meine Näheängste mobilisiert, und gegen das Heiraten hatte ich sowieso immer schon mindestens hundert vernünftige Argumente vorzubringen. Mit Ingrid haben sich viele dieser Konzepte nach zähem Ringen aufgelöst. Ab einem gewissen Punkt war es nämlich nicht nur mühsam, sondern tat auch schon weh, daß wir uns liebten aber doch irgendwie getrennt lebten.

Heute fühle ich mich in dieser verbindlichen Lebensform sehr glücklich und überraschend frei. Und unserer Sexualität tut es auch gut. Unser intimes Zusammensein wird mir immer wichtiger und kostbarer. Ich respektiere, daß wir beide für unsere sexuelle Entwicklung zum jetzigen Zeitpunkt einen gewissen Schutz und vor allem viel Zeit zum Wachsen brauchen.

Zuletzt ist das Leben am Land, 25 km von Wien entfernt, an sich schon etwas Neues, auch wenn Natur immer schon eine gewisse Rolle in meinem Leben gespielt hat. Heute ist es aber anders. Da brauche ich ganz essentiell den täglichen Weg hinaus ins Grüne, an den Puls des Lebens, wie ich es oft empfinde. Ich brauche es zur Regeneration und zur Inspiration. Es ist schön, bewußt im Kreis der Jahreszeiten zu leben und zu beobachten, wie sich alle Lebewesen in der ihnen gemäßen Zeit zusammenziehen müssen, um sich wenige Monate später wieder in aller Üppigkeit ausbreiten zu können. In diesen Momenten verstehe ich vermutlich am besten, was Reich über die Gesetzmäßigkeiten des Lebendigen geschrieben hat.

Vom Lösen der Handbremse
(Renate Wieser)

Ich möchte mich bei der Darstellung meines Erlebens auf ein Bild beschränken, das bei mir in letzter Zeit oft aufgetaucht ist: Stell dir vor, du fährst mit einem Auto mit angezogener Handbremse – du weißt es gar nicht, weil du noch nie ohne angezogene Handbremse gefahren bist – plötzlich kommst du drauf – hast große Angst vor dem, was passieren könnte, wenn du sie löst – du riskierst es – was für ein Gefühl! Das Auto bleibt das gleiche, und doch ist alles anders. Wie das jemand erlebt, woran er es bemerkt etc. mag vergleichbar oder auch sehr unterschiedlich sein.

Nein sagen ohne Schuldgefühle, ja sagen ohne Scham
(Ingeborg Scheer)

Die Sexualität war schon als Kind sehr stark und von Phantasien geprägt. Ebenso stark war sie verboten. Dazwischen war ich eingekeilt. Der Orgasmus hinkte meinen Erwartungen immer hinten nach. Die Reichsche Körperarbeit sollte u.a. hier Erlösung bringen. Sie hat es in diesem Sinne nicht getan. Jedoch wuchs ein Bewußtsein für das, was gerade passiert. Die lustvolle Wahrnehmung meines Körpers hat sich entwickelt. Im selben Ausmaß sind die Phantasien zurückgegangen. Es gibt eine klare Lust auf Verkehr und ein klares Nein. Früher gab es nur gemischte Gefühle mit Schuld. Die Angst vor völliger Hingabe ist im Augenblick ihres Auftretens völlig bewußt und sehr groß. So groß, daß Schmerzen im Unterleib auftreten können. An diesem Punkt entsteht Wut und Enttäuschung. Etwas kippt. Ich habe keine Lust mehr diesem totalen Orgasmus nachzulaufen. Ich nehme an, das gehört zum Lemprozeß dazu. Es gehört mehr Zuneigung und Herz dazu, um Sex überhaupt zu wollen. So hat sich die Qualität des Erlebens verändert.

Die Frage bei der Gestaltung von Beziehungen ist, von wo aus man sich wohin begibt.- Daher zuerst wie es war: Beziehung hieß verpflichtet sein, lieb sein müssen, lieb sein wollen, Wut erst zu spüren, bis sie riesig war. Kritik nicht aushalten, daher vermeiden. Nicht Nein sagen können. Meine Aggression in Fragen verpacken, ohne es zu bemerken. Kuschen, wenn der andere böse ist, achtlos werden, wenn der andere lieb ist. Voller Schuldgefühle.

Die Änderung: Bewußtwerden der eigenen Bedürfnisse, sie ernst nehmen, sie vertreten. Nein sagen ohne Schuldgefühle, ja sagen ohne Scham, Wut spüren und ausdrücken; vermeiden mit Menschen zu sein, die mir nicht gut tun. Frauenbeziehungen erlebe ich als unterstützend und weitgehend konkurrenzfrei. Sie sind wichtig und ich pflege sie, auch wenn es einen Mann gibt. Aggression spüren und ausdrücken, fasziniert von der positiven Kraft, die damit verbunden ist. Ich nehme Aussagen nicht so wörtlich. Ich fühle mich frei von Klischeevorstellungen über Beziehungen, z.B. über das Zusammenleben mit einem Mann.

Was fehlt: eine Klarheit in Beziehungen, die auch brutal sein kann, eine Direktheit mit vollem Risiko, daß ich mich wirklich auf mein Gefühl verlasse und mich nicht selbst beirre. Das Spielerische!

Andere Lebensformen stelle ich mir erst vor, wenn meine Kinder selbständig sind. Derzeit finde ich den 3-Frauenhaushalt mit Liebhaber am angenehmsten, mit einigen guten Frauenbeziehungen.

Der persönliche Weg, Beruf und „Hobby“ sind auf derselben Linie. Was immer ich persönlich erreiche, kommt sofort meinem Beruf, der Psychotherapie, zugute. So hat sich sehr viel verändert. Z.B. spreche ich dem Einzelnen seine Eigenverantwortung zu und lasse mich von tragischen Inhalten nicht beirren, nach der Eigenverantwortung zu schauen. Das heißt – sich selbst nicht überschätzen; Veränderungen brauchen Zeit, und ich gebe Zeit. Ich arbeite so, daß ich mich gut fühle, nicht zuviel. Ich möchte noch weniger arbeiten. Lebensqualität gegen Geldverdienen.

Zusammenfassend: Die Veränderung im Beruf ist qualitativ. Ich weiß, daß ich für mich den richtigen Beruf gewählt habe. Ich bin realistischer geworden über die „Machbarkeit“ in der Therapie und ich bin besser geworden im Kontakt.- Die Perspektive ist selbst als Instrument so gut gestimmt zu sein, daß es kaum falsche Töne gibt.

Ich bin jemand, die sehr gerne und gut in Gemeinschaften leben kann und das als glückvoll erlebe. Meine wachsende Wertschätzung für Frauen könnte irgendwie eine neue Lebensform entstehen lassen. Die Attraktivität von Kleinfamilie ist auf Null gesunken. Für neue Formen fühle ich mich offen, aber noch nicht frei, solange ich mich für meine Kinder verantwortlich fühle.

Zur Lebensführung: Was ich nie war – ich bin sehr gut organisiert. Ich erreiche mit minimalem Aufwand maximale Effektivität. Es gibt kaum ein Muß. Fast alles was ich tue, will ich auch. Daß es vor Unbehagen in mir rumort ist ganz selten und wenn, dann unternehme ich sofort etwas, den Zustand zu verändern. Ich fühle mich die meiste Zeit sehr wohl, ich mag meinen Körper, ich mag meine Art zu wohnen, die Mischung zwischen Arbeit und Freizeit, das Verhältnis von Alleinesein und Kontakt. Ich bin meistens zufrieden und ausgeglichen. Ich fühle mich sehr frei. Es gibt kaum Dramen. Schwierigkeiten sind Herausforderungen und bisher bewältigbar. Es ist mir nie langweilig. Ich finde das Leben spannend und aufregend. Ich habe selten Angst. Ich habe Sehnsüchte und das Gefühl„,hoffentlich reicht das Leben“. Ich bin fast nie im Streß.- Klingt gut, oder?

Dort zu sein wo ich bin
(Beatrix Teichmann Wirth)

Veränderungen im sexuellen Erleben: Die erste und wichtigste Veränderung ist, daß meine Sexualität befreiter (nicht frei) von sekundären Bedeutungen geworden ist.

Das heißt, daß ich meine Sexualität früher oftmals z.B. für die Verminderung von Angst im Kontakt (Augen zu – und schnell hineingestürzt) „verwendete“, oder auch als vermeintliche Absicherung, ob „eh noch alles in Ordnung“ ist, auch zur Bestätigung, noch geliebt und begehrt zu sein, also als Quelle narzißtischer Nahrung. Jetzt bin ich bezüglich dieser sekundären Bedeutungen freier, d.h. ich riskiere es immer öfter, sexuellen Kontakt nur dann einzugehen, wenn ich wirklich sexuelles Begehren verspüre.

Starke Veränderungen verspüre ich auch bezüglich des Erlebens von Zeit. Alles ist langsamer geworden, nicht mehr so hastig und drängend. Wenn ich wirklich auf mich höre, brauche ich in der Sexualität sehr viel Zeit und bisweilen kann ich sie mir auch schon nehmen und erlebe dann, daß jenseits des inneren Drängens erst das Begehren wachsen kann und das Ziel (der Orgasmus) im Augenblick in Vergessenheit gerät. Dies sind dann wunderbare Momente, wo ich mein Schmelzen erlebe.

Auch meine Sensibilität dafür, wann eine Vereinigung wirklich
befriedigend ist bzw. war, ist gewachsen, und sie ist dies eigentlich
nur, wenn es nicht bei einer oberflächlichen Lustbefriedigung geblieben ist, sondern wenn eine tiefe, herzliche Hingabe stattgefunden hat.

Zu alledem werden mir (paradoxerweise?) meine Konzepte über Sexualität immer stärker und schmerzlicher bewußt, all die „Du sollst“, „Du müßtest“ und auch die „Das tut frau nicht“. Und davon gibt es mehr als ich ahnte.

Gestaltung von Beziehungen: Nach einer Phase von großer Radikalität im Sinne eines bedingungslosen Herausfordems und Konfrontierens meiner Umgebung, im Zuge derer auch eine Reihe von Beziehungen auf der Strecke geblieben sind (was gut ist), ist mehr Sanftmut und Gelassenheit eingekehrt (Leben und leben lassen), immer begleitet von der Frage, ob dies Ausdruck von Resignation ist oder von Großmut.

Was ganz stark spürbar ist, ist die Langeweile im Kontakt mit anderen, wenn es nicht um wesentliche, und damit meine ich persönliche Dinge geht. Im Gegensatz dazu spüre ich ein hohes Maß an Aufregung, wenn beispielsweise bei unseren Gruppentreffen „wirkliches“ Zusammensein und Begegnung ansteht (was auch in diesem Rahmen nicht immer stattfindet).

Meine Beziehungen sind einfacher geworden, in dem Sinn, daß Problemschrauben mit mir selbst und mit anderen weniger geworden sind, das heißt, daß ich nicht mehr Stunden damit zubringe, etwas zu „Idären“. Oft genügt ein einfacher Satz, in dem ich ausdrücke, wie es mir jetzt geht, und es tritt eine Wendung ein. Ich fühle mich weniger oft verstrickt und unfrei und erlebe mich gelassener und auch heiterer.

Veränderungen in der beruflichen Tätigkeit, bzw. Perspektive, Visionen: Die Gemeinschaftspraxis ist schon ein Schritt in die Richtung, in die ich mich bewegen möchte, nämlich gemeinsam zu arbeiten. Sehr wichtig ist das zu teilen, was in der Arbeit passiert.

Was die konkrete Arbeit betrifft, war ich froh, daß ich im Gegensatz zu einigen anderen aus unserer Skan-Gruppe nicht mein Berufsfeld wechseln mußte, um das zu leben, was mir wichtig geworden ist, sondern meine Erfahrungen und mein Wachsen uneingeschränkt eine Bereicherung sind. Was ich aufgeben wollte und irgendwie einer inneren Wahrheit zu Folge auch mußte (meine Vorlesungen an der Uni, die Teilnahme an Riesenveranstaltungen wie war weniger schwierig als ich dachte, vielleicht, bzw. sicher auch, weil es keine finanzielle Notwendigkeit gab.

In der konkreten therapeutischen Arbeit zeichnet sich eine Veränderung ab: weg von den Methoden hin zum Risiko, Begegnung ohne schützendes Netz zu riskieren. Und ich denke das wird auch vor dem Festhalten an der Mattenarbeit nicht Halt machen. Was ich mehr tun möchte, auch im therapeutischen Kontakt, ist aufzusuchen, was mich aufregt, mich bewegt und vor allem herausfordert.

Hingezogensein zu anderen sozialen und gesellschaftspolitischen Formen des Zusammenlebens: Ich muß sagen, daß das Suchen von anderen Lebensformen in unserer Gruppe, wenn überhaupt, im Bereich der Visionen und Sehnsüchte geblieben ist. Wahrscheinlich ist jeder von uns zu stark verankert im eigenen Lebensraum. Daß es dabei geblieben ist, empfinde ich zum einen als enttäuschend und in zweiter Hin-Sicht als einfach real. Was geblieben ist, ist die Sehnsucht nach Beziehungen, wo Klartext gesprochen wird und ich sehe dies auch als eine beständige Aufforderung an mich, rest-los da zu sein, was, wenn ich das Risiko wirklich eingehe, unheimlich bekräftigend und befriedigend ist.

Die Sehnsucht in einer größeren Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten wurde in den letzten Wochen vor allem durch das Lesen über ZEGG bzw. MEIGA, ein Projekt wo eine andere Form des Zusammenlebens versucht und auch realisiert wird, sehr stark geweckt.

Dennoch verspüre ich Bauchweh und Flattrigkeit, vor allem, wenn es um den Bereich der freien Sexualität geht. Ich verspüre ein „da bleibe ich lieber in Sicherheit“ und ein Pendeln zwischen der Gewißheit, daß sich da etwas Wesentliches für mich auftun könnte und dem Festhalten an meiner Lebensform.

Lebensführung, Lebensgestaltung, Lebensgefühl: Von einem nahezu gänzlich von außen bestimmten Leben und einem Getriebensein hat eine Veränderung hin zu größeren Inseln stattgefunden, wo ICH sein kann. Früher war für mich das Leben fast ausschließlich anderswo, jetzt bin ich schon öfter dort, wo ich bin, auch wenn es oftmals nicht leicht ist. Was ich auch erlebe ist, daß der Zustand des Strömens Pflege braucht und daß es in meiner Verantwortung ist, mich immer wieder in meinem So-Sein in die Welt zu bringen.

In letzter Zeit anerkenne ich auch mehr, daß es nicht nur eine Seinsform gibt, sondern daß auch das Sich-Zurückziehen und Sammeln zum Leben gehört.

Und es ist mir ein Satz von Michael Smith gegenwärtig :“Life is bigger than you“.

Was vielleicht das Wesentlichste ist: Ich erlebe mich grundsätzlich freier von Angst.

Ein Prozeß, in dem ich gerade am Anfang stehe, ist die Entmythologisierung von Zielen (deshalb auch dieser Beitrag) und das Entidealisieren von Autoritäten. Dies kündigt eine gänzlich andere Seinsweise bei mir an und ich merke wie eingefleischt autoritätsgläubige Haltungen und Einstellungen bei mir sind. Mich selbst zur Führerin meines Lebens zu machen, steht an. Und ich ahne, daß es hier der Unterstützung von (Frauen-) Gemeinschaften braucht, wo das Lernen miteinander und aneinander stattfindet und nicht von d e m Lehrer.

Nachsatz: Beim Schreiben fällt mir auf, wie schwierig es für mich ist, wirklich offen über mich zu schreiben und um wieviel leichter es ist, über anderes zu schreiben. Und: Alles ist in steter Veränderung. So würde sich mein Beitrag jetzt – zwei Wochen nach dem Abfassen -gänzlich anders gestalten, da im Moment wieder andere Themen im Vordergrund stehen.

Den Bauch beleben und das Herz erleichtern
(Robert Federhofer)

Wo anfangen? Wilhelm Reichs Forschungen waren und sind mir eine klare und verläßliche Auskunftsquelle, seitdem ich diese Informationen vor einigen Jahren entdeckte. Von Körperarbeit habe ich mich in der Zeit seither immer wieder beeindrucken lassen und hatte dabei die „Nase“ und das Glück, Leute zu finden, die das Leben über die Kultur stellen und Wilhelm Reich nicht nur aus den eigenen Werbeanzeigen kennen.

Insgesamt ist dieser Einfluß natürlich nicht von den anderen Erfahrungen zu trennen, die ich in dieser Zeit hatte, ich schätze ihn aber als groß ein, weil ich oft auf ihn Bezug nehme in meiner Beurteilung einer Situation. Die Vervollständigung und Verbreiterung meiner Körperwahrnehmung und die zunehmende Vertrautheit, sie in meinen alltäglichen Handlungen und Wahrnehmungen zu befragen, hat also zugenommen. In meinen freundschaftlichen Beziehungen stelle ich höhere Ansprüche, was sich darin äußert, daß ich bewußter jene Kontakte pflege, wo sich maskenlose Begegnungen und liebende Radikalität immer wieder erreichen lassen. Meine Freunde haben sich durch diese größere Achtsamkeit eher vermehrt, in jedem Fall aber haben sich die Beziehungen intensiviert. Andererseits sind mir Menschen einfühlbar geworden, denen ich früher verständnislos ausgewichen wäre. Dadurch sind mitunter Kontaktmöglichkeiten, die mein Verständnis dessen, was ist, erweitern.

Auf mein sexuelles Erleben hat die Wahrnehmungserweiterung auch positiv gewirkt, nebenher sozusagen; mehr Bedeutung messe ich hier aber den Erfahrungen mit den einzelnen Frauen zu, die mir begegnet sind.

Der umfassende Aus- und Einblick, der durch die Weltsicht nach Kenntnis der Reich’schen Forschungen entsteht, ist nicht tröstlich, sondern klärend. Die Erfahrungen, die durch Körperarbeit möglich sind, beleben den Bauch und erleichtern das Herz. Eines Tages habe auch ich dann die Sehnsucht bemerkt, als Ausdruck der Lebensfreude, die sich nicht mehr verkleiden muß. Ein „Genitalitätsdruchbruchsangstsyndrom“ habe ich noch nicht hinter mir – na, ja -vielleicht heute.

Indem ich sensibler auf unbeschränkten Ausdruck der Lebensenergie im Menschen geworden bin, sehe ich auch die Abläufe von Leben und Mangel an Leben weiter um mich herum deutlicher. Viele sonstige Informationen werden dadurch banaler, angefangen von vielen eigenen tradierten oder früher angenommenen „Glaubenssätzen“ und Meinungen, bis zum Gequak und Gekreisch in den öffentlichen Medien.

Leider ist Therapie aber keine Versicherung gegen oder für die Wahl von Einwirkungen. Die Wahl muß ich immer selbst treffen, und das wird sich nicht ändern, nur der Blick wird wacher und das Urteil freundlicher, weil ich mir meiner Grenze sicherer bin. „Reinfälle“ bleiben mir aber trotzdem nicht erspart, ein „Sich selbst übergehen“ hier oder ein „Zu spät mitkriegen“ dort.

Jeden Tage gewinne oder scheitere ich wieder, und ich habe eigentlich auch nichts Besseres zu tun – oder weiß jemand eine Alternative?

In die Tiefe gerutscht
(Svarup Hofmann)

Meine Beziehungen sind spärlicher geworden. Statt einer großen Anzahl oberflächlicher Beziehungen bin ich in Kontakt mit weniger Menschen in die Tiefe gerutscht. Ich bin wesentlich empfindlicher und wählerischer mit Kontakten geworden. In der genitalen Beziehung zu meinem Freund befinde ich mich im Augenblick in einer Phase der Regression, genieße die Wärme, Liebe und Zärtlichkeit wie ein kleines Kind. Die Gier nach Geilheit ist zur Zeit in den Hintergrund getreten; im Vordergrund steht unsere weiche, warme Herzbeziehung. Ich kann endlich meine „Ich brauche niemanden“-Haltung aufgeben und mich trauen zu nehmen. Das „anale Strömen“ kenne ich erst seit ca. einem Jahr. Morgens beginnt dieses lustvolle Kribbeln nach dem Aufwachen von selbst, sitze dann auf der Toilette mit geschlossenen Augen und genieße diese lustvolle, konvulsivische Entladung vollständig, laß das Kribbeln die Wirbelsäule hinaufwandem

Meine berufliche Tätigkeit als Körpertherapeutin habe ich in der
letzten Zeit drastisch reduziert. Ich habe einfach keine Lust mehr so
viel zu arbeiten. Ich nehme mir viel Zeit für mich, meinen Freund und meine Kinder. Immer wieder bin ich unheimlich dankbar, daß ich so arbeiten darf.

Ich versuche auf meinen Traum hinzuarbeiten, nämlich in einem Wohnprojekt, möglichst weg von der Stadt, zu leben und zu arbeiten, in dem auch Menschen verschiedener Altersgruppen zusammen sind, denen spirituelles, emotionales und lustvolles Miteinander-Wachsen wichtig ist.

Zur Zeit versuche ich, mich nach einer Zeit der schweren körperlichen, spirituellen und emotionalen Krise neu zu formen. Es war eine Zeit des Durchlebens von körperlichem Schmerz und tiefer Angst, die alle Bereiche meines Lebens teilweise furchtbar, teilweise heilsam erschüttert hat. Mitunter habe ich das Gefühl, völlig am Anfang zu stehen und keinen Schritt weitergekommen zu sein. Und ab und zu bin ich auch dankbar für diese ungeheuerlichen Erfahrungen von Angst und Ohnmacht, über die ich bislang nur gelesen habe. Mein Lebensgefühl steigt langsam wieder in die Gewißheit, daß ich das Leben liebe und daß das Leben auch mich liebt.

Es gut und fein haben
(Günter Wagner)

Veränderungen im sexuellen Erleben: Mehr geworden ist: die Bewußtheit über meinen angehaltenen Atem bei der Umarmung; die Intensität der Befriedigung nach dem Orgasmus; die ganzkörperliche Entspannung nach dem Orgasmus, die sexuelle Erregbarkeit durch Berührungen von der Partnerin (ausgenommen am Genital selbst), die Lust am direkten, ganzkörperlichen Hautkontakt, mein Einfühlungsvermögen für die Partnerin bei der Umarmung – und meine Empfindsamkeit für meinen Körper, der Ausdruck meiner Lust durch die Stimme (mehr Ton und viel weniger Worte).

Weniger geworden ist: meine Angst vor genitaler Überreizung und
dadurch die Häufigkeit eines vorzeitigen Samenergusses; meine
Phantasietätigkeit während der Umarmung hat fast völlig aufgehört, vor allem eine dritte (nicht anwesende, meist männliche) Person betreffend, meine „pornographische Augenkontrolle“ bei der Umarmung, also die visuelle Fixierung auf die Genitalbereiche; der Wunsch, das Bedürfnis, mehrere Orgasmen nacheinander „produzieren“ zu müssen ist fast völlig weg. Wichtig ist mir die Empfängnisverhütung bezüglich des Coitus interruptus geworden,- die Unlust dabei ist sehr stark geworden. Ich freu‘ mich über die Vielfalt meiner Erlebnisfähigkeit – nahezu keine Umarmung gleicht anderen, und beim Orgasmus ist es ebenso.

Gestaltung von Beziehungen: Ich habe Spaß, mit mir zu sein, alleine zu Hause zu sein, Zeit zu haben für mich beim Frühstück, abends und nachts in meinem Bett. Alles ohne den bitteren Beigeschmack meiner früher erlebten Einsamkeit. Mich beziehen auf andere ist für mich: sie zu sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen – erleben, sie wirken lassen auf mich und meinen Körper dabei spüren, mich angezogen fühlen oder Abstand halten, oder mich zurückziehen. Wieder spontan sein können, wie damals als Kind, einfach „da“ sein können, auch wenn aufmerksame, interessierte Menschen da sind!

Veränderungen in der beruflichen Tätigkeit: Ich habe viel leisten müssen und zwar im Alleingang. Vor eineinhalb Jahren habe ich meine ärztliche Tätigkeit im Heeresspital beendet und mich auf meine orthopädische und körpertherapeutische Arbeit in meiner Praxis konzentriert. Immer mehr Therapeuten und nun auch Ärzte habe ich in „mein Reich“ eingelassen, anfangs durch Vermietung von Räumen, jetzt wünsche ich mir Zusammenarbeit mit den anderen. Die Idee ist, ein Gesundheitszentrum entstehen zu lassen.

Die Perspektive für mich ist selbst gesund zu bleiben und Freude an der Arbeit zu haben. Eine Vision habe ich auch: von der alleinigen Krankheitssymptombehandlung wegzukommen – hin zur Korrektur von Funktionsstörungen und Verhinderung von Krankheit und Leiden. Die Arbeit mit Jugendlichen, werdenden und jungen Eltern stelle ich mir aufregend vor.

Zusammenleben: Mein oben genanntes Alleinsein im privaten Bereich
tut mir gut, und dieses Wohnen und „zu Hause sein“ möchte und
werde ich verlegen in ein Haus, in dem ich vielfältige Beziehungenl eben kann. Ich will mich zeigen wie ich bin, will meine Lebendigkeit, Kraft und Eigenart da sein lassen im Zusammensein mit anderen. Namen für diesen Ort der Begegnung und des Zusammenlebens sind bekannt: „Haus- oder Dorfgemeinschaft (mehrere Häuser im Verbund)“.

Eine andere Form des Zusammenseins als das Wohnen ist das Zusammenkommen von Menschen für einen Abend -, einen Tag oder länger, die sich durch Interesse verbunden fühlen, wie zum Beispiel eine Gruppe von Ärztinnen, die einander Geschichten von sich erzählen, einfach und wahr. Neu fiir mich ist dabei Leute zu treffen und meine Maske(n) fallen zu lassen, mit meinem Charakter spielend „da“ zu sein und es einfach (vielleicht letztendlich) gut und fein zu haben.

Lebensführung, Lebensgestaltung, Lebensgefühl: Ich kenne mich sehr gut als Einzelkämpfer; Kampf gegen Autoritäten, Kampf in meinen Liebesbeziehungen, Kampf mit meinem Körper gegen ihn selbst, Kampf gegen meinen Sohn, wer schneller, kräftiger, intelligenter, liebenswerter ist. In den letzten Jahren habe ich immer deutlicher erlebt wieviel ich aufwende, um „Unangenehmes“ von mir fern zu halten. Unangenehm war Vater zu sein, nicht „ausreichend“ liebevolle, aufmerksame Zulwendung zu bekommen, „einsam“ zu sein, „ungerecht“ behandelt zu werden, Verträge aller Art mit Selbstdisziplin einzuhalten – von der Uhrzeit für ein Treffen bis zur Treue in der Beziehung, Verantwortung zu übernehmen, nicht „die richtige Frau“ für mich gefunden zu haben.

Immer spürbarer werden die Schmerzen, wenn ich ins „schwarze Loch“ gerate, entstanden durch den frühen, plötzlichen Tod meiner Mutter, immer deutlicher die damit verbundene Traurigkeit und Wut des kleinen Günter in mir.

In den Jahren mit Skan habe ich bis jetzt „die andere Wahrheit“ meiner unangenehmen Seinszustände erfahren. Meine Lehrer, meine Partnerin, die Menschen in der Ausbildungsgruppe, mein Sohn und seine Mutter und meine Patienten und einige andere liebe Menschen haben mir dabei zur Seite gestanden. Eben doch Vater, Arzt, liebender Partner, Therapeut und Sohn zu sein, mit Verantwortung und zunehmender Freude daran, gestalten meine Lebensführung der letzten Jahre. Ich stelle dem Einzelkämpfer die Teamarbeit entgegen, dem sentimentalen Selbstbemitleider den Lachenden auf leichtem Fuß, dem Egoisten den Liebenden mit offenem Herz, der sich mit seinem Verlangen zeigt, dem traurigen Langeweiler den spontanen Günter, der Herausforderungen erkennt und annimmt – nur nicht mehr um jeden Preis!

„Ladung aufbauen und halten“ – „Wenn du ‚zugehst‘, erinnere Dich wer Du bist“, „Lose your poker face and keep laughing“ sind Sätze meiner Lehrer an mich.- „Leben und leben lassen“ einer meiner Sätze für mich und für andere.

Strömen von Tor zu Tor
(Wolfram Ratz)

Was sich bei mir seit Beginn des Skan-Trainigs verändert hat?- Ich habe begonnen Fußballspiele der Wiener Unterklasse in meinem Bezirk zu besuchen. Simmering gegen Gaswerk oder Ostbahn XI gegen Mautner Markhof wurden für mich Wochenend-Pflichttennine. Daß die Qualität der Spieler und damit der Spiele nicht übermäßig groß ist, stört mich überhaupt nicht. Qualität ist en- mich das Ambiente auf dem Sportplatz. Ich „ströme“ förmlich mit den frischgeduschten Reservespielem und einer Handvoll Pensionisten, die die oft heitere Zuschauerkulisse bilden, von Tor zu Tor.