Bukumatula 6/1995

Psychoanalyse und Körperarbeit

Peter Geißler:

Die Frage, ob und auf welche Weise Psychoanalyse und Körperarbeit kombinierbar sind, beschäftigt mich seit einigen Jahren. Sie wurde für mich erstmals wirklich relevant, als ich mir gestattete, die Grundpositionen und Axiome der Bioenergetischen Analyse, meiner psychotherapeutischen Heimat, zu hinterfragen.

Bis dahin war ich der Meinung, die oben gestellte Frage sei nicht diskussionswürdig, weil der Name „Bioenergetische Analyse“ sowieso verdeutlicht, daß es um beides geht: um Psychoanalyse und um Körperarbeit. In der Tat werden in der therapeutischen Praxis, insbesondere von Kollegen, die psychoanalytische Vorerfahrung besitzen, Übertragung und Widerstand als klinische Phänomene beachtet und mehr oder weniger bearbeitet. Allerdings existiert bisher keine von einem Bioenergetischen Analytiker niedergeschriebene Theorie der Technik, in welcher deutlich wird, Wie sich diese Integration tatsächlich vollzieht. Darüber hinaus werden in der Ausbildung zum Bioenergetischen Analytiker psychoanalytische Inhalte randständig vermittelt, sodaß sie für jene Kollegen, die keine ausgedehnte psychoanalytische Vorerfahrung haben – und dies ist das Gros der werdenden Bioenergetiker – gar nicht in differenzierter Form erfaßbar werden können.

Zu fordern sind daher theoretische Diskussionen unter Bioenergetischen Analytikern und Publikationen, die die offenen Fragen aufzeigen und handlungsleitende Hypothesen anbieten. Dabei könnte verdeutlicht werden, was mit dem Wort „Analyse“ eigentlich gemeint sein könnte. Geht es um die Analyse des Körpers, um Körpermechaniken, geht es um Beziehungsanalyse, Übertragungsanalyse, oder worum sonst? Diese Fragen beschäftigen uns innerhalb der DÖK (Anm. des Hrsg.: Deutsche und Österreichische Gesellschaft für Körperbezogene Psychotherapie – Bioenergetische Analyse) allmählich mehr und mehr, wobei die Diskussionen bisher stark personalisiert wurden, so daß die inhaltliche Ebene stark verquickt ist mit gruppendynamischen Prozessen, was die inhaltliche Suche nach Klarheit nicht gerade vereinfacht. Möglicherweise ist eine solche Entwicklung aber unausweichlich, wenn Grundpositionen hinterfragt werden.

Nicht nur die Bioenergetiker beschäftigt die Kombination von Psychoanalyse und Körperarbeit. Auch aus dem Lager der Psychoanalytiker mehren sich Artikel und Bücher, die dieses Ziel anvisieren. Neben den bereits bekannten Schriften von Tilmann Moser und Günter Heisterkamp möchte ich noch folgende Autoren erwähnen: Peter Fürstenau, Jörg Scharff und Gisela Worm. Unter dem Einfluß der Säuglingsforschung, die bestimmte psychoanalytische Theorien erschüttert, zeichnet sich eine Neuauflage der „Technikdebatte“ in der Psychoanalyse ab. Neuauflage deswegen, weil Psychoanalytiker wie Ferenczi, Balint und Winnicott seinerzeit wichtige Beiträge in Richtung der Einbeziehung des realen Körpers in die Psychoanalyse bereits geleistet haben, diese jedoch vom Mainstream der Psychoanalytiker nicht aufgegriffen wurden.

In Österreich sind mir zwei Psychoanalytiker bekannt, die die Einbeziehung des Körpers in die Psychoanalyse thematisieren. Klaus Rackert, Psychoanalytiker im WPS (Wiener Psychoanalytisches Seminar), stark beeindruckt von der Säuglingsforschung, spricht von „zwei Techniken“ der Psychoanalyse: „Bei der Frage nach der richtigen psychoanalytischen Technik scheiden sich seit jeher die Geister. Sie ist der Grund für schmerzvolle Ausgrenzungen und Dissidententum. Intellektuelle Einsicht oder (korrigierende) emotionale Erfahrung – oder beides? Diese Fragestellung hat große Sprengkraft in sich.“ (1)

Und dann begründet er, worin diese Sprengkraft besteht: „Zur Diskussion stehen nichts weniger als die wichtigsten Grundpositionen der Psychoanalyse: die reine Lehre und die Abgrenzung zu anderen Schulen als Versuch Identität zu wahren, die Krankheitslehre, die Metapsychologie, die Ausbildung. Nicht zuletzt geht es auch um die Frage der Effizienz der psychoanalytischen Therapie.“ (2)

Und weiter: „Psychoanalyse ist in Österreich vor dem Gesetz vielen anderen Psychotherapieformen gleichgestellt. Die Zeit elitären Gehabens ist damit zu Ende. Es ist für die Psychoanalyse als Theorie und therapeutische Praxis eine Überlebensfrage, sich ohne Tabus der Technikdebatte zu stellen und die Suche nach einer lebendigen und offenen psychoanalytischen Antwort aufzunehmen.“ (3)

Der zweite Psychoanalytiker ist Ranefeld, der in den letzten Jahren eine Erweiterung des psychoanalytischen Zugangs praktisch versucht, indem er in sitzend durchgeführten Analysen vermehrtes Augenmerk der nonverbalen Kommunikation des Klienten schenkt. Ausgehend von der Feststellung, daß die Darstellung des Selbst zum größten Teil nonverbal, mittels Mimik, Gestik, Körperhaltungen und Habitus erfolgt, konzentriert er seine therapeutische Aktivität – ähnlich wie seinerzeit Reich in der Phase der Charakteranalyse – auf die nonverbalen kommunikativen Signale des Klienten. Er meint sogar, daß einiges dafür spricht, daß die Beachtung dieser Kommunikationsebene entscheidend für das Gelingen oder Mißlingen einer Therapie ist (4).

Worin liegt nun eigentlich die Schwierigkeit, Psychoanalyse und Körperarbeit zu kombinieren? Ohne auf diese Komplexe Thematik systematisch eingehen zu wollen, möchte ich lediglich einige Punkte anreißen:

Die Psychoanalyse – speziell im klassischen Setting – konzentriert alle Bemühungen darauf, die unbewußten Wünsche des Klienten im Hier und Jetzt – in der Übertragung – deutlich werden zu lassen. Damit dieses Unterfangen gelingen kann, ist es erforderlich, daß sich der Psychoanalytiker als reale Person weitgehend heraushält und sich ganz auf den Prozeß des Klienten zentriert, in der Absicht, unbewußt auftauchendes Material mittels der Gegenübertragung szenisch zu verstehen und zu deuten. Jeder Eingriff des Analytikers in den beschriebenen Prozeß wird als Störung des Übertragungsraums erachtet.

Die Einbeziehung des real-energetischen Körpers mittels aktiver körperbezogener Interventionstechniken stört daher den Übertragungsraum. Sie bringt dort Realität ins Spiel, wo es um die Aufhellung symbolischer Bedeutungen gehen soll. Die psychoanalytische Abstinenz, ebenso wie bestimmte Rahmenbedingungen und Regeln (freies Assoziieren des Klienten, gleichschwebende Aufmerksamkeit und technische Neutralität des Therapeuten) schaffen Bedingungen, unter denen Unbewußtes erst bewußt werden kann.

Durch aktive Techniken wird der Arbeitsrahmen immer wieder verändert, die Rolle des Therapeuten erfährt unterschiedliche Schwerpunktsetzungen. Ist der Therapeut in seiner psychoanalytischen Position hauptsächlich Vermittler und Übersetzer von unbewußten Bedeutungen, so wird er im Rahmen von Körperarbeit zum Anleiter, zum Arrangeur von Übungen und Aufgabenstellungen oder sogar zum realen Interaktionspartner.

Folgende Kriterien sind meines Erachtens wichtig, wenn man sich überlegt, wie Körperarbeit den psychoanalytischen Übertragungsraum verändert:

  • Das Ausmaß der Involvierung des Therapeuten als reale Person
  • Das Ausmaß der Aktivität des Therapeuten
  • Die Art seines Rollenverständnisses
  • Der Umgang mit der Gegenübertragung und Formen der Gegenübertragung
  • Das Ausmaß an förderlicher Suggestion durch den Therapeuten
  • Form und Ausmaß der Regression des Klienten
  • Die Manifestationen der Übertragungsspannung im therapeutischen Prozeß

Anhand einer vorläufigen Systematik von „Körperarbeit“ will ich versuchen, auf die obenstehenden Kriterien einzugehen und Anregungen zur Diskussion zu liefern. Zur Beantwortung der Frage, wo denn Körperarbeit eigentlich beginnt, unterscheide ich verschiedene „Grade“ von Körperarbeit:

1. Grad: Körperwahrnehmung

Der Körper des Klienten wird wahrnehmungsmäßig in den therapeutischen Prozeß einbezogen. Die Rolle des Therapeuten ist weiterhin eine grundsätzlich psychoanalytische, das heißt, er bleibt als reale Person weitgehend draußen. Er konzentriert lediglich das vom Klienten spontan und unbewußt dargebrachte Material auf die nonverbale Signalebene. Der Grad seiner Aktivität ist mit jenem in einem analytischen Setting vergleichbar. Die Gegenübertragung wird wie in der Psychoanalyse szenisch ausgewertet, indem unbewußte Rollenzuschreibungen gespürt, erkannt und schließlich in Schritten gedeutet werden; sie ist jedoch um körperliche Signale erweitert. Das Ausmaß an Suggestion ist vergleichbar mit jenem im psychoanalytischen Setting, denn auch in diesem hat der Therapeut eine Auswahl aus dem dargebotenen Material zu treffen und handelt dadurch bis zu einem gewissen Grad suggestiv. Die Entfaltung der Regression vollzieht sich langsam und kontinuierlich innerhalb der Übertragung, sie wird nicht durch aktive Interventionen forciert oder getieft. Der Klient allein bestimmt das Tempo des Einlassens in die Übertragungsregression. Der Therapeut folgt ihm dabei.

2.Grad: Fokussieren und verstärken spontan einsetzender Haltungen und/oder Bewegungen des Klienten

Der Körper des Klienten wird nicht nur wahrnehmungsmäßig einbezogen, sondern es wird zusätzlich mit Bewegungen und Haltungen mittels aktiver Hilfestellungen des Therapeuten weitergearbeitet. Ausgangspunkt sind – oft kleine – Bewegungen bzw. Haltungen des Klienten, die spontan im Übertragungsgeschehen auftauchen und als solche letztlich auch gedeutet werden. Der Therapeut verläßt vorübergehend die psychoanalytische Grundhaltung, indem er konkrete Anweisungen und Handlungsaufforderungen ausspricht. Wie seinerzeit schon bei Ferenczi und Balint verläßt der Therapeut den vertrauten sprachlich-symbolischen Boden und arbeitet mit dem Körper als Mittel zur Förderung des Verständnisses der ÜbertragungsGegenübertragungs-Dynamik. Die mit derartigen Interventionen einhergehende Involvierung des Therapeuten als reale Person ist gering und dadurch auftretende Störungen des Übertragungsraumes sind ebenso vernachläßigbar, wenn derartige Interventionen sparsam, gezielt und indiziert eingesetzt werden. Milde Suggestion durch den Therapeuten (z.B. in Form von Ermutigung und Wiederholung von Bewegungen, Aufforderung zu vertiefter Atmung usw.) spielt zweifelsfrei eine Rolle; ohne suggestive Stützen sind körperliche Interventionen schwer vorstellbar; sie bleiben „stecken“ und man kann dann an der Analyse des Widerstandes weiterarbeiten. Die Übertragung wird durch derartige Interventionen entweder aktiviert, oder es tauchen im Zuge einsetzender regressiver Phänomene neue Übertragungsfacetten auf. Die Aktivierung bestimmter Körperteile kann jeweils verschiedene Übertragungsfacetten in Gang setzen. Dies erschwert, verhindert aber nicht eine relativ ungestörte Entwicklung und systematische Untersuchung der Übertragung.

3. Grad: Körperübungen und Aufgabenstellungen

Der Therapeut fordert zur Einnahme bzw. Durchführung von Haltungen und Bewegungen auf; er bietet aktive explorative Körperarbeit an, ohne körperlichen oder mit körperlichem Streß, wobei kennzeichnend ist, daß der Übergang zum Körper zwar nicht vollständig aus dem Prozeß herausg&öst ist, jedoch auch nicht eine logische Fortführung der Übertragungsentwicklung bildet. Er wird nicht so sehr als Mittel eingesetzt, um die Übertragung zu verdeutlichen, sondern als Mittel, um körperliche Blocks und Widerstände aufzuzeigen. Diese beinhalten zwar auch einen Übertragungsanteil, er steht aber nicht im Vordergrund des Durcharbeitens. Das induzierende Element durch den Therapeuten ist größer als bei Grad 2, der experimentelle Charakter steht im Vordergrund. Er wird vom Bioenergetiker in der Einzeltherapie teilweise dann eingesetzt, wenn verbale Widerstandsbearbeitung unfruchtbar erscheint (5). Von Vorteil ist dabei häufig, daß über den Körper neues Material auftaucht. Die Rolle des Therapeuten besteht im Anleiten von Übungen oder Aufgabenstellungen und im Ansprechen von Abweichungen. Die Regression kann sich im Zuge von Körperübungen spontan und rasch vertiefen, sodaß ein Einstieg in tiefe Gefühlsschichten möglich ist. Kathartische Gefühlsentladungen sind keine Seltenheit, vor allem, wenn Streßpositionen vorgeschlagen werden. Der Therapeut dient dann von seiner Rolle her als haltgebendes (z.B. bei tiefem Weinen) oder limitierendes (z.B. bei aggressiven Impulsen) Objekt. Der Grad seiner Involvierung wächst dadurch an.

4. Grad: Körperliche Interaktion

Der Therapeut bringt seinen realen Körper in die Interaktion mit ein. In kleinen Dosen hat dies schon Bahnt vorgeschlagen, indem er die Auffassung vertrat, daß bei Klienten mit einer Grundstörung (prägenitales Identitätsniveau) derartige Befriedigungsmomente eine grundsätzliche Neuorientierung des Klienten, einen Neubeginn, auslösen können. Die Involvierung des Therapeuten ist eine beträchtlich größere als bisher, und die Gegenübertragung nimmt auch andere Formen an. Dies kann man bei Tilmann Moser gut nachlesen (6). Die Gegenübertragung wird zwar noch immer durch Rollen definiert, die mit Hilfe szenischer Phantasien erfaßbar sind, gleichzeitig spielen aber auch Gefühlsansteckungsprozesse eine Rolle, ähnlich wie bei projektiver Identifikation. Insbesondere bei intensiven Formen der Berührung und des Halts und während starker symbiotischer Übertragungen ist es meiner Erfahrung nach von der Gegenübertragung her schwer, sich als konturiert und abgegrenzt zu erleben, weil der „symbiotische Sog“ durch den Klienten sehr stark sein kann. Inwieweit hier Therapeutenvariablen eine Rolle spielen, möchte ich an dieser Stelle nicht untersuchen. Das Ausmaß der Regression des Klienten während körperlicher Interaktion mit dem Therapeuten ist häufig groß. Durch den befriedigenden Charakter derartiger Interaktionen werden häufig „Gestalten geschlossen“, anders als im potentiell eher frustrierenden psychoanalytischen Setting, in dem die Übertragungsspannung von Stunde zu Stunde anhält. Allerdings ist es nicht zulässig, vom erfolgreichen Schließen von Gestalten und der Tiefung des Erlebens – beides ist für den Klienten verständlicherweise zunächst befriedigend – auf die grundsätzliche und langfristige Wirkung einer Therapie zu schließen. Viele Therapien arbeiten zwar mit der Übertragung, ihre Wirkung gründet sich jedoch gerade darauf, daß sie unbewußt bleibt. (7).

Wie ich versuche herauszuarbeiten, bestehen beträchtliche Unterschiede zwischen einer eindeutig analytischen und einer eindeutig körperpsychotherapeutischen Grundhaltung und Zugangsweise, welche Handlungen regelmäßig in die Arbeit mit einbeziehen. Daß hier Übergänge und Überschneidungen möglich sind, hat sich bereits gezeigt; es ändert aber nichts an der grundlegenden Verschiedenheit der Ausgangspositionen. Die Übergänge, die beispielsweise Tilmann Moser gefunden hat und auch praktiziert, eignen sich überwiegend für Klienten mit eindeutig prägenitalen Anteilen. Eine lohnenswerte, aber bisher kaum aufgegriffene Perspektive besteht in forscherischer Aktivität, um den Indikationsbereich von Körperarbeit genauer zu definieren und mit Hilfe qualitativer Einzelfallforschung oder empirisch-analytischer Studien exakt nachzuweisen.

Weil ich trotz psychoanalytischer Grundorientierung die Körpererfahrung dennoch für wichtig und für einen eigenen Wirkfaktor halte, habe ich mich in der letzen Zeit für eine Aufgabenaufteilung entschlossen. Ich arbeite therapeutisch mit Setting-Kombinationen, ausgehend von der Ansicht, daß ein einziges Setting, aufgrund der oben beschriebenen Widersprüchlichkeiten, beides – die genaue Beziehungsanalyse und die Körper-Selbst-Erfahrung – nicht oder nur sehr schwer leisten kann. Die Anforderungen an den Therapeuten sind so verschieden, daß sie in einem einzelnen Setting schwierig vereinbar sind oder aber im Klienten Rollenkonfusionen darüber auslösen, wie der Therapeut nutzbar ist. Manches Mal helfen Deklarationen des Therapeuten solche Konfusionen aufzuhellen, doch bleibt das grundsätzliche Risiko erhalten. Manches Mal werden – als unbewußter Ausweg aus diesem Dilemma -unbewußt positive Kollusionen zwischen Klient und Therapeut eingegangen, die jedoch die Durcharbeitung wichtiger Themen -vor allem aggressiver und sexueller – behindern und vor allem die Auflösung der Übertragung sehr erschweren.

In der kontinuierlichen Einzelarbeit – für gewöhnlich eine oder zwei Wochenstunden – steht die schrittweise Bewußtmachung unbewußter Beziehungsangebote des Klienten im Vordergrund. Die Einsicht in unbewußte Wünsche wird dadurch vermittelt, daß man sie eben nicht befriedigt, sondern Schritt für Schritt herausarbeitet. Gerade die Frustration macht es möglich, daß der Klient seine unbewußten Erwartungen und Wünsche entdecken kann.

Ich fokussiere die Körperebene in der Einzeltherapie nur dann, wenn ich eine klare Indikation dafür feststellen kann, z.B. zur Aktivierung der Übertragung oder zur Demonstration von Widerstand (8); insgesamt geschieht dies aber selten, die therapeutische Arbeit bewegt sich ganz überwiegend im sprachlichen Bereich. Ich folge jedoch dem Klienten, wenn er von sich aus seinen Körper exploriert. Auf diese Weise kommt der Körper auch zur Sprache. Wenn es im Prozeß darum geht, das Spüren des Klienten zu fördern und dies auf dem Wege empathischen Folgens und analytischer Deutungen trotzdem mißlingt, kann es vorkommen, daß ich den Klienten anrege, sich auf körperliche Haltungen, auf die Atmung usw. zu zentrieren, in der Hoffnung, daß über den Körper ein Spüren möglich ist. Wenn mir körperliche Signale des Klienten auffallen, die die Übertragung verdeutlichen helfen, weise ich auf diese hin.

Darüber hinaus empfehle ich die gelegentliche Teilnahme an
Gruppenseminaren, die körperliche Selbst-Erfahrung anbieten.
Die Gruppe mit ihrer regressionsfördernden Wirkung ist ein guter Stimulator für tiefe körperlich-emotionale Erlebnisse, die man in der Einzeltherapie nachbearbeiten und mit Übertragungsentwicklungen verknüpfen kann. Diese Verknüpfung ist wichtig und bildet die Voraussetzung dafür, daß die Selbsterfahrung eine andauernde Wirkung entfalten kann. Kernberg geht von einem Ineinandergreifen von Selbst- und Objekt-Repräsentanzen aus (9). Die Selbstrepräsentanzen können via Selbsterfahrung in Gruppen aktiviert werden, die Objektvorstellungen schälen sich während kontinuierlicher Einzelarbeit heraus. Den Arbeiten von Daniel Stern zufolge (10) ist das Erleben des Kern-Selbst eine eigene, die psychische Struktur organisierende Erfahrung. Um solche Erfahrungen zu machen, bedarf es aktiver und suggestiver Hilfen und häufig auch viel an Zeit. Diese Bedingungen lassen sich in der Gruppe besser erfüllen als in der Einzeltherapie.

Mein Ziel war es, mit diesen sehr fragmentarischen Ausführungen Diskussionsstoff für all jene Kollegen zu liefern, die sich für die Integration von Psychoanalyse und Körperarbeit interessieren.

Literaturstellen:

Rückert, K.: Ausschreibung des Workshops „Einsicht oder emotionale Erfahrung – gibt es zwei Techniken in der Psychoanalyse?“ anläßlich des Weltkongresses 1996, Auszug aus dem Text

siehe unter (1)

siehe unter (1)

Ranefeld, J.: Vortrag zum Thema „Aug in Aug“, 13.6.1995, Wien

Pechtl, W.: Interview mit Waldefried Pechtl, in: GEISSLER, P. (Hrsg.): Psychoanalyse und Bioenergetische Analyse. Im Spannungsfeld zwischen Abgrenzung und Integration, Frankfurt 1994

Moser, T.: Formen der Gegenübertragung in der psychoanalytisch orientierten Körperpsychotherapie, in: HOFFMANNAXTHELM, D (Hrsg.): Der Körper in der Psychotherapie, Oldenburg 1991

siehe unter (4)

Körperarbeit und Körpererfahrung in der analytischen körperbezogenen Psychotherapie; wird erscheinen in: Energie & Charakter, Heft 12, 1995

Kernberg, 0.: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus, Frankfurt 1987

Stern, D.: Die Lebenserfahrung des Säuglings, Stuttgart 1992

Hinweis des Herausgebers:

Zu diesem Thema erschien von Peter Geissler im letzten Jahr das Buch „Psychoanalyse und Bioenergetische Analyse“ – Im Spannungsfeld zwischen Abgrenzung und Integration; mit Beitragen von Tilmann Moser, Waldefried Pechtl, Sander Kirsch, Eva Kammerer-Pinck, Jaques Berliner.

Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt/M, 1994, 225 S., br.; DM 69.-. ISBN-Nr.: 3-631-47260-9