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Buk 1/96 SKAN vs. Psychotherapie

Bukumatula 1/1996

Nichts geht mehr?

Bernhard Hubacek:

In BUKUMATULA 3/95 bin ich gerne der Einladung der Redaktion gefolgt und habe zum Thema „Mythos und Realität von Genitalität“ einige persönliche Auswirkungen auf mein Leben, die mir in Zusammenhang mit dem therapeutischen Prozeß bedeutsam erschienen, darzustellen versucht.

Dies geschah vor dem Hintergrund meiner gerade zu Ende gehenden SKAN-Ausbildungsgruppe. Das Reflexionsbedürfnis in unserer Gruppe darüber war erfreulich groß, und die persönlichen Beschreibungen vom „Weg zur Genitalität“ sollten, so habe ich es ver-standen, einer breiteren Debatte erst mal vorangestellt werden.

Im Folgenden soll daher nicht nur von Themen die Rede sein, die mein Verständnis von SKAN heute betreffen, sondern auch von Fragen, die das therapeutische Selbstverständnis berühren und von denen ich meine, daß sie im SKAN-Kreis zu Unrecht in ihrer Bedeutung herabgewürdigt oder überhaupt vernachlässigt werden. Es sind im wesentlichen Fragen, die das Verhältnis von SKAN zur Psycho-therapie betreffen, und hier wiederum vor allem den Umgang mit (sexuellen) Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen in der Gruppe.

Ich hoffe, daß eine Diskussion dieser Fragen auch dem WRI nützlich sein kann, das ja überwiegend von Psychotherapeuten getragen wird, heute aber in der Öffentlichkeit gerade mit den SKAN-Ausbildungen in Verbindung gebracht wird (siehe das neuerschienene Buch von Gerhard Stumm über die Ausbildungssituation psychotherapeutischer Schulen in Österreich).1)

Zum Verhältnis SKAN – Psychotherapie

Voranzustellen ist die vielfach sicherlich bekannte Tatsache, daß Loil Neidhöfer, Mitbegründer von SKAN, seine Arbeit bewußt außerhalb jeder Form konventioneller Psychotherapie, „einschließlich der soge-nannten humanistischen Verfahren“, positioniert. Ich glaube, Loil hat in den letzten Jahren kaum eine Gelegenheit ausgelassen, diese Abschottung voranzutreiben, seine Haltung diesbezüglich läßt da keinerlei Zweifel aufkommen: „Psychotherapie ist heute de facto in den allermeisten Fällen immer noch ein Instrument der sozialen Kontrolle. Das fällt oft nicht weiter auf. Aber sobald Leute in der Therapie wirklich mit ihrem Kern, ihrer Natur in Berührung kommen, ist Psychotherapie keine Unterstützung mehr, sondern kontrapro-duktiv.“2)

Da ich selbst aus der körperpsychotherapeutischen und familien-therapeutischen Tradition komme, also auch Leute wie Alexander Lowen, Virginia Satir, Carl Rogers oder Tilmann Moser achte und schätze, hatte ich es in diesem Punkt mit SKAN immer schon schwer. Dennoch habe ich es zunächst einmal auch als Attraktion und Herausforderung betrachtet, mich einer Richtung zuzuwenden, die sich so radikal verweigert. Zwar war mir das damit verbundene elitäre Gehabe von Anfang an etwas peinlich, doch überwogen in der ersten Phase, Anfang der Neunziger, doch die attraktiven Seiten dieses Angebotes bei weitem.

Ich vermute, dies hat auch damit zu tun, daß ich damals rund um die Beschlußfassung des Psychotherapiegesetzes Zeuge einer Unmenge von verletzenden und teilweise schon entwürdigend anmutenden Anpassungs- und Ausgrenzungsritualen unter Kollegen wurde. Da kam mir die polemisch übersteigerte Abgrenzung vom etablierten Psychobetrieb, wie Loil sie beschreibt und lebt, gerade recht. Es hatte fast etwas von einem „gerechten, heiligen Zorn“ an sich.

Dazu war meine Sehnsucht nach einem kontaktvolleren Zusammen-Sein angesprochen und aber auch mein Freigeist, der sich neue Inspirationen erhoffte.

Sätze von Loil wie: „Jede Therapie, die ihren Namen verdient, ist im Grunde eine Liebesgeschichte“, wirkten auf mich damals sehr anziehend und einladend. Heute verstehe ich sie – auch – als verführerisch. Dies bezieht sich vor allem auf den Mangel an Sorgfalt im Umgang mit der Übertragung.

Zum fehlenden Umgang mit der Übertragung

Ich vermute, meine positiven Übertragungsgefühle zu Loil begannen schon beim Lesen seines wunderschönen Buches „Intuitive Körper-arbeit“3), das ich auch vielen Leuten empfohlen oder geschenkt habe. Gesichert bewußt sind sie mir vom ersten Moment unserer Begegnung beim Auswahlworkshop. Diese ideale Übertragung wurde vor allem durch Einzelsitzungen auf der Matte gefördert, wo ich öfter einen, in der Tat idealen Zustand von uneingeschränktem Angenommensein in Verbindung mit liebevollen, aber doch konsequenten Hinweisen auf meine charakterlichen Verengungen erlebt habe.

Viele meiner daraus resultierenden kindlichen Gefühle gegenüber dieser guten Elternfigur blieben den größten Teil der Ausbildung aufrecht, manchmal mehr, manchmal weniger. Es spielt dabei auch keine Rolle, daß sich diese Gefühle mit fortschreitender Aus-bildungsdauer und beginnender Entfremdung in ihrer Färbung verändert haben. Sie blieben, da sie nicht bearbeitet werden konnten das was sie waren: aufrichtige, aber überwiegend ängstliche Gefühle eines heranwachsenden Kindes gegenüber einem Erwachsenen, der freilich mit der „kitschigen Verliebtheit, die fast zwangsläufig aus jeder Übertragung und Gegenübertragung resultiert“, nichts zu tun haben wollte.

Das persönliche Resümee meiner SKAN-Zeit sieht demnach heute ungefähr so aus: Sehr viel Innovation und Inspiration für die tägliche Arbeit, viele liebevolle und herausfordernde Begegnungen unter Freunden, aber als mögliche Folgetherapie für einen Therapie- geschädigten wie mich, der schon einmal mit Mißbrauch und sexuellen Übergriffen in einer Ausbildung zu kämpfen hatte, eine glatte Fehlbesetzung.

Der fehlende therapeutische Umgang mit der Übertragung in der SKAN-Arbeit, wie ich sie kennengelernt habe, bedingt natürlich auch ein schlampiges, teilweise sogar deutlich agierendes Verhalten in der Gegenübertragung.

Mit der Psychotherapie als Wissenschaft räumt Loil auch gleich in einem Aufwasch mit Begriffen und Haltungen wie etwa „Therapeut/Klient-Verhältnis“, „Projektion“, „Widerstand“, „Ausbildung“ und „Supervision“ auf. All dies wird kategorisch und konsequent als Ausdruck von Abpanzerung abgewertet. Die grundsätzliche Asymmetrie der Therapeut/Klienten-Beziehung wird nicht anerkannt.

Zuletzt ging Loil in diesem Punkt sogar noch ein Stück weiter und ließ der Reich-Forscherin Dorothea Fuckert via SKAN-Reader 4/95 ausrichten: „Wer mit den Vokabeln des konventionellen Ausbildungs-Betriebes in unserem Berufsfeld so identifiziert ist (Anm.: gemeint ist Dorothea Fuckert; genauso gut aber könnte ich gemeint sein), will letztlich auch Reichs `Arbeit am Lebendigen´ im Rahmen konventioneller Institutionalisierungen wie `Ausbildung´, `Supervision´, `Therapeut-Patient-Verhältnis´ oder grundsätzlich im Rahmen von `Therapie´ stattfinden lassen, was letztlich ein unauflöslicher Gegensatz ist.“

Ich halte dem die psychotherapeutische Haltung gegenüber, daß das Wissen, Erkennen und Durcharbeiten des grundsätzlich asymmetrischen Therapeut/Klienten-Verhältnisses selbstverständlicher Teil unserer Arbeit ist und bleibt. Glücklicherweise kann ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen, daß diese Arbeit durchaus in liebevollem Beziehungskontakt stattfinden kann und nicht Ausdruck von Panzerung zu sein braucht. Das gleiche gilt natürlich auch für Supervision: Eine fachlich fundierte kollegiale Supervision steht selbstverständlich nicht im Gegensatz zu natürlicher Autorität, Liebenswürdigkeit und Respektabilität.

Diese Sicherheit fehlt mir leider zur Zeit bei SKAN völlig – und auch die Bereitschaft zur gründlichen Reflexion darüber. Da sind die wach-gerüttelten Psychotherapeuten ein gutes Stück voraus, finde ich.

Virginia Wink-Hilton gibt in ihrem Aufsatz über sexuelle Übertragung anläßlich der 8. Konferenz des Instituts für Bioenergetische Analyse ein gutes Beispiel dafür, wie man so etwas merkt: „Wir … stellten fest, daß wir unseren Studenten zwar beigebracht hatten, wie man das Becken öffnet und mit den daraus direkt entstehenden Reaktionen arbeitet, aber kaum, wie mit dem Durcharbeitungsprozeß sexueller Themen umzugehen ist. Außerdem schienen wir zu nachlässig darin, die Probleme der Gegenübertragung und des Ausagierens von Therapeuten anzusprechen. Weil diese Themen so schwierig und so komplex sind und so tiefe Gefühle der Angst und Wut und Scham aufwühlen, ist es kein Wunder, daß sie von beträchtlicher Vermeidung umgeben sind. Wenn wir ihnen jedoch in unseren Ausbildungsprogrammen und Fortbildungen nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken, geben wir die ganze Unklarheit und `Unbewußtheit´ weiter, was nur allzu oft wiederum zu einem Mißbrauch der Patienten führt und manchmal auch der Studenten. Außerdem müssen sich Therapeuten ja geradezu isoliert und alleingelassen fühlen, wenn sie mit entsprechenden Fragen und Problemen konfrontiert sind. Das ähnelt der Behandlung von Inzest in der Familie: das Gefühl ist da, aber keiner wagt es, darüber zu reden.“4)

Wer aber Supervision nur mehr unter Anführungszeichen zu setzen vermag, muß sich auch die Frage gefallen lassen, wie es mit der eigenen Reflexionsbereitschaft beschaffen ist. Selbstzweifel habe ich jedenfalls in all den Jahren bei Loil nie erkennen können.

Schlüssig erscheint mir aber auch, daß jemand, der so wenig mit der therapeutischen Profession identifiziert werden will, auch nicht mehr mit den üblichen Maßstäben bei seiner therapeutischen Verantwortung genommen werden kann, wenn Fehlentwicklungen offensichtlich werden. Ich kann nur hoffen, daß dies nicht der Weg ist, wo SKAN sich künftig hinbewegen soll.

Letztlich bin ich überzeugt, daß wir diese schöne Arbeit „durch Himmel und Hölle“ sehr wohl in therapeutisch abgesicherten Räumen tun können und tun sollen. Nirgendwo sonst gibt es für den Klienten die nötige Sicherheit vor neuen Verletzungen und Übergriffen. Da helfen auch alle Hinweise auf die Eigenverantwortlichkeit des Klienten nichts.

Ein „strömender“ Therapeut, der sich nur auf sein Strömen verläßt und keine sichernden Grenzen setzt, ist auch ein gefährlicher Therapeut, denn: keiner strömt ständig!

Virginia Wink-Hilton, eine bedeutende amerikanische Bioenergetikerin, die sich viel mit dem Thema Sexualität im Rahmen des therapeutischen Prozesses beschäftigt hat, kommt zu folgendem Schluß: „Patienten können ihre frühen Konflikte nicht durcharbeiten, wenn es keine völlige Sicherheit gibt. Sicherheit bedeutet, daß der Therapeut unzweideutig und absolut als Sexualobjekt nicht zur Verfügung steht, genauso wenig wie der Elternteil unzweideutig nicht zur Verfügung hätte stehen sollen.“4)

Anzumerken wäre hier lediglich, daß das Lehrer/Schülerverhältnis in einer Ausbildung durchaus dem Therapeut/Klienten-Verhältnis seiner Dynamik nach gleichzusetzen ist. (Vgl. hierzu den Beitrag des Wiener Psychotherapeuten W. Wladika in: „Psychotherapieforum“, Suppl. 3/95.)5)

Literaturhinweise:

1) Stumm, G. (Hrsg.): Psychotherapie in Österreich, Falter Verlag

2) SKAN-Reader 2, 4: erschienen und zu bestellen bei: endless sky publications, D-22559 Hamburg, Marschweg 45

3) Neidhöfer Loil: Intuitive Körperarbeit, Transform Verlag

4) Wink-Hilton Virginia: Aufsatz zur Arbeit mit der sexuellen Übertragung; erschienen in: „Verführung in Kindheit und Psychotherapie“, Transform Verlag

5) Wladika W.: Übergriff und Mißbrauch in der fachspezifischen Psychotherapieausbildung; erschienen in: Psychotherapie Forum (Suppl.) 3, S.127-130.

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    Lesebegleitung zum „Christusmord“Interview mit Ingeborg Hildebrandt

    Interview mit Ingeborg Hildebrandt
    Beatrix Teichmann-Wirth:

    „Das Philosophieren über den Sinn des Lebens nützt nichts, solange wir nicht wissen, was das Leben ist. Und weil „Gott“ das Leben ist – das ist für alle Menschen unmittelbare Gewißheit – hat es wenig Zweck, Gott zu suchen oder ihm zu dienen, wenn man nicht weiß, was man sucht bzw. wem man dient.“ (Reich, Ch. S.32)

    „Was sie beflügelt (die Gnosis), ist die charismatische Erinnerung an ein vor-ursprüngliches Recht auf Vollkommenheit.“
    (Slo, Weltrevolution der Seele, S.36)

    Wilhelm Reich schreibt in den Monaten Juni, Juli und August des Jahres 1951 sein Werk „The Murder of Christ“, das in der deutschen Ausgabe unter dem Titel „Christusmord“ erschien. Es ist ein in kurzer Zeit verfasster Text; entstanden in der Einsamkeit von Orgonon, seinem Forschungsgelände nahe der Stadt Rangeley im US-Staat Maine. Nach seinem Buch des Hasses – wie es sein Freund A.S. Neill in seinem Briefwechsel mit Reich bezeichnet – „Listen, Little Man“ („Hör zu, kleiner Mann“) ist es ein Buch der Liebe zum Kern des Menschen in der Sichtweise Reichs, verfasst in den Sommermonaten, in denen Orgonon einen der schönsten vorstellbaren Orte darstellt. – Von vielen seinen Schülern nach einem zunächst missglückten Experiment mit radioaktiven Substanzen verlassen, mit verbliebenen Freunden aufgrund der zumeist interkontinentalen Distanzen nur in brieflichen Kontakt, legt der späte Reich seine Grundgedanken zur menschlichen Existenz in diesem Zentralgestirn seines Spätwerkes nieder. Seine Bibliothek füllen nun philosophische und religionswissenschaftliche Werke. Reich, der frühere Marxist, ist durch seine lebenslange Forschung an einer Lebensenergie und deren Erscheinungen in der biologischen, medizinischen, physikalischen und atmosphärischen Fach-Welt an der Tür der letzten Fragen angekommen. Er klopft in seiner Art und Weise an und diese enthüllt (wie in seinen Therapieformen) mehr über seinen Weg und die ihn leitenden Einflüsse als alles, was in einem ausgereifteren Werke seinen Platz gefunden hätte.

    Ohne es zu wissen, reiht sich Reich mit diesem Spätwerk in eine jahrtausendealte Tradition des Erfassens der Wirklichkeit ein, die man als gnostische Strömung bezeichnen kann – viele der herausforderndsten und umstrittensten Denker des Abendlandes sind ihr zuzurechnen. Gnosis, ihre Grundbestimmungen sind die der Weltfremdheit und der Aufruf zur Vereigentlichung der Existenz. Reich, der sich – wie aus seinen Tagebüchern „Passion of Youth“ und „Beyond Psychology“ ersichtlich – immer als Fremder empfunden hat, als Einzelgänger in einer feindlichen Welt, die es zu ändern galt, ist in den letzten Jahren seiner selbstbestimmten Existenz. Sein letztes, später in der Haft verfasstes Manuskript wird den Titel „Creation“ – Schöpfung – tragen. Ein Fremder in einem fremden Land. Gedanken darüber, ob er der Sohn eines außerirdischen Vaters und einer irdischen Mutter sein könne, finden sich in seinen letzten Schriften.

    Das Menschenbild im Christusmord

    Es finden sich drei Gestalten der Gottbezogenheit des Menschen im Christusmord:

    „Der Mensch als verwirklichter Gott, gleichbedeutend mit der
    vollkommenen Verwirklichung des Menschseins,
    der Mensch als Verberger Gottes,
    der Mensch als verborgener Gott.

    Diesem entsprechen drei Gestalten des Menschseins:

    der Mensch im Status ungebrochener Schöpfung,
    der Mensch im Status gebrochener Schöpfung,
    der Mensch der neuen Verantwortung.“
    (Eidam, „Verleiblichung“, S.259)

    Jesus ist für Reich die Verkörperung des Lebens selbst. Leben ist für Reich eine besondere Erscheinungsform der von ihm entdeckten Orgonenergie – Leben, wie wir es als Menschen erfahren, untersuchen und beschreiben können, beruht auf dem Wirken kosmischer Gesetze dieser Energie in membranumspannten Grenzen: Körpern. Alle Organismen unseres Planeten haben diese Grenze zu einer äußeren Welt: von den Viren, Bakterien, Einzellern über die Wirbellosen bis hin zu den Wirbeltieren, zu denen der Mensch gehört. Wie Reichs Forschungen in den dreißiger Jahren an den Universitäten von Kopenhagen und Oslo zeigten, reichen die Funktionen dieser kosmischen Energie bis in den nur mikroskopisch sichtbaren Bereich des Lebendigen; die Pulsationsfunktion der Orgonenergie durchdringt den gesamten organismischen Bereich. Ohne Begrenzung durch Membranen sind die Funktionsgesetze dieser Energie offensichtlicher wahrnehmbar: in atmosphärischen und astrophysikalischen Prozessen zeigen sich die Strömungserscheinungen und Überlagerungen der von Reich beschriebenen Orgonenergie in aller Deutlichkeit. Im Menschentier – und als solches sieht Reich den Homo sapiens sapiens – ist durch die Entwicklung der Selbstwahrnehmung und/oder durch planetarische Katastrophen eine neue Naturfunktion entstanden: die der Panzerung. Eine zweite Begrenzung, diesmal gegen die Strömungsimpulse der Innenwahrnehmung des Organismus, hat sich zu der ersten, der Begrenzung gegen die Außenwelt, dazuentwickelt.
    Unfähig, diese, die gesamte wahrnehmbare Welt durchdringenden Energiefunktionen in seinem eigenen Körper ungehindert wahrzunehmen, ist der Mensch nicht mehr in der Lage, die grundlegenden Energieprozesse in der ihn umgebenden Wirklichkeit wahrzunehmen und zu erforschen. Er erfasst nunmehr ausschließlich eine materielle Welt; ihre von ihm untersuchten Gesetzmäßigkeiten (welche eine nachgeordnete Kategorie ihrer Funktionen bilden) zu erforschen, wird sein Dasein bestimmen. Es ergibt sich eine scheinbare Macht über diese Überstruktur, die materielle Welt.- Wissenschaft gehört zu den Derivaten des Bewusstseins, einer evolutionär wahrscheinlich erst mit dem Homo sapiens sapiens auftretenden Struktur. Wahrscheinlich ist es ein Fehler, von der Wissenschaft zu viel zu erwarten. Um mit Merleau-Ponty zu sprechen, könnte ihre Stärke gerade darin liegen, dass sie es unterlässt, in den Dingen zu leben und sie statt dessen lieber manipuliert. Aber wenn dies ihre Vorliebe ist, so ist dies auch gleichzeitig ihre größte Schwäche. Das Hiersein des Menschen ist nun vermindert und jede nachfolgende Generation wird die Konstituiva dieser Verminderung in den ersten Minuten, Stunden und Tagen des Ankommens auf dieser Welt erleiden müssen.

    Begegnet ein derartig in der Fülle seiner Existenz eingeschränktes Lebewesen nun den verkörperten Funktionen des ursprünglichen Naturprinzips, so wird es an seine eigene Unvollkommenheit erinnert, an diejenige, dieses Leben in seiner Bewegung, Entwicklung in Hingabe zu leben. Diese Unfähigkeit des Menschen benannte Wilhelm Reich orgastische Impotenz, als nicht vorhandene Möglichkeit, hingebungsvoll sich den Funktionen den kosmischen Energiefunktionen zu ergeben. Im Menschen fand Reich den Indikator für orgastische Impotenz in dem Unterbleiben der unwillkürlichen, rein lustvollen Strömungsempfindungen in der Sexualität und den autonomen, nicht der Bewusstseinssteuerung unterliegenden Zuckungen kurz vor, während und nach dem Orgasmus. Reich wählte für die ätiologische Bestimmung der gehemmten Hingabefähigkeit die anschauliche Metapher „menschliche Panzerung“. In Jesus sieht Reich das Inbild des ungepanzerten, orgastisch potenten Menschen – in dem Prinzip, das er verkörpert, die Funktionen der kosmischen Orgonenergie unter den Gesetzen dieser Welt. Der personifizierte Gott der Auslegung des Christentums bleibt ihm fremd. Christliche Dogmatik steht der conditio humaine, ein gottgegebenes Heilversprechen dem irdischen Leiden und Glücksverlangen unvereinbar gegenüber. Mit der Hoffnung auf ein eigentlicheres Leben lebt der Mensch das uneigentliche bis zu seinem Tode.

    „Wohin wir uns auch wenden, wir sehen den Menschen im Kreis umherlaufen, wie in einer Falle, deren Ausgang er in Verzweiflung vergeblich sucht.

    Es ist aber möglich, aus einer Falle herauszukommen. Um jedoch aus einem Gefängnis ausbrechen zu können, muss man erst einmal zugeben, dass man in einem Gefängnis sitzt. Die Falle ist die emotionale Struktur des Menschen, seine Charakterstruktur. Es hat wenig Sinn, Denksysteme über das Wesen der Falle zu entwerfen, wenn das einzige, was man zu tun hätte, um aus der Falle herauszukommen, darin besteht, dass man die Falle erkennt und ihren Ausgang finde.“ (Reich, Ch. S.33)

    Hier ist eine Welt, in der die Gesetze der Abschirmung, der Panzerung, gegen die in jedem Lebewesen sich verkörpernden Funktionen der Orgoenergie die Oberhand erreicht haben.

    „Das Christusproblem ist weitaus umfassender. Es betrifft den Kampf von Bewegung gegen erstarrte Struktur. Nur Bewegung ist unendlich. Struktur ist endlich und abgeschlossen. Im Prinzip sind Handeln und Schicksal der Menschheit dasselbe. Irgendwie ist die Geschichte auf der Stelle geblieben, eben, weil der Mensch, der seine eigene Geschichte schreibt, auf der Stelle sitzen geblieben ist.“ (Reich, Ch. S.123)

    „Um den Mord an Christus zu verstehen, muss man die Dinge aus der Perspektive des normalen Lebens sehen, das – selbst völlig verdreckt – auch ewige Wahrheiten zu einem sozialen Verbrechen zu verdrehen vermag. Das ist in einem derartigen Ausmaße wahr, dass jeder, der eine ähnliche Funktion wie Christus hat, gut daran täte, die Welt vor seinen eigenen Lehren zu warnen. Nicht nur er selbst passt nicht in diese Welt, sondern seine Lehre auch nicht. Nicht nur seine engen Freunde, seine Verwandten und seine Schüler verstehen nicht, wovon er redet; die ganze Welt des Menschen kann ihn nicht verstehen; sie wagt es nicht, ihn zu verstehen. Und das ist die wirkliche Tragödie der Wahrheit selbst; sie kann auf keinen Fall akzeptiert werden, ohne dass sie verwässert, entstellt, verflacht und ihrer Schärfe beraubt würde. Oh ja, eine kleine Wahrheit, eine nützliche Wahrheit, wie etwa die Verbesserung der Weinanbaumethoden oder des Radioempfanges oder der Ballistik von Geschossen – all das ist gut und schön, annehmbar und respektabel. Nicht aber die fundamentale Wahrheit Christi! Sie könnte vor keinem Gericht bestehen. Vom Standpunkt des gepanzerten, unbeweglichen, etablierten Menschen aus gesehen ist sie ein Verbrechen, ein gefährliches Aufwühlen des Lebens. Ohne solch eine Wahrheit kann sich zwar niemals etwas ändern, nichts Schlechtes kann wirklich ausgerottet werden, das Elend bleibt erhalten. Aber die Wahrheit ist ein Verbrechen, ein Verbrechen gegen das Leben einer jeden Nation, das so auf die Dinge eingespielt ist, wie sie nun einmal sind.

    Dies stimmt in einem erschreckenden Ausmaß. Der betrügerische Umgang mit Problemen sozialer Verbesserung durch bösartige Politiker ist trotz deren entsetzlicher innerer Leere notwendig; das geht sogar soweit, dass es schlimmer als Hochverrat wäre, nicht den Advokaten des Teufels zu spielen und gegen ein Reich Gottes zu sein.“ (Reich, Ch. S.213f)

    Wie oben erwähnt, reiht sich Reich mit seinem Denken – und seinen Forschungen – in die jahrtausend ealte Strömung der Gnosis ein. Erkenntnis. Erkenntnis gegen die vorherrschenden Auffassungen und vermeintlichen Gesetze dieser Welt. Der von uns in den Evangelien beschriebene Schöpfer ist nicht ein hohes Prinzip der Schöpfung. Er konstituiert eine Auffassung der Bewertung, Beherrschung und Unterwerfung dieser Welt durch unseren eigenen, durch unsere Einschränkung bedingten Spiegel der menschlichen Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit.

    In der Gnosis wird er als Jaldabaoth, als ein niederer Demiurg bezeichnet.

    Noli mentiri Jaldabaoth, est super te pater omnium primus Anthropus. (lat.)
    „Täusche dich nicht, Jaldabaoth, über dir steht der erste Mensch (Anthropus), der Vater von allem.“

    Dieser erste Mensch ist für Reich Jesus, Verkörperung eines Menschen einer anderen Welt.

    „Die Kinder sind noch nicht geboren, die einmal die Gesetze des Lebens leben werden, wie sie in den Bäumen im Wald oder in den Vögeln oder im Getreide auf den Feldern wirken.“ (Reich, Ch. S.311)
    „Bis jetzt gab es weder Kultur noch Zivilisation. Beide sind gerade dabei in das gesellschaftliche Leben einzudringen. Das ist der Anfang vom Ende des chronischen Christusmordes.“ (Reich, Ch. S.391)

    „Jesus ist die Verkörperung, die Inkarnation des Lebens selbst. Er ist ganz Mensch und als dieser Mensch ist er Körper. Daher gelten für ihn die mit dem Körpersein des Menschen verbundenen Implikate. Das Sein Jesu ist daher naturwissenschaftlich (hier orgonomisch) beschreibbar. Er ist den Gesetzen des natürlichen Lebens unterworfen, er ist Teil der Natur, er lebt in biologischen Rhythmen; sein Leben ist sexuell; er ist für sein Selbst verantwortlich, usw. Das heißt also, dass Reich einerseits Jesus und die Menschen gleichstellt, Christologie und Anthropologie miteinander identifiziert. Ein Satz über Jesus ist gleichzeitig ein Satz über den Menschen.“
    (Eidam, „Verleiblichung“, S.257)
    (…)
    „Der Mensch der neuen Verantwortung ist derjenige, der die schmerzhafte Erkenntnis des eigenen Seins als gebrochene Schöpfung leibhaftig vollzogen hat und sich selbst und seine Mitmenschen wie die ganze Schöpfung als Verborgenheit Gottes wahrnimmt und in solcher Ehrfurcht sich zur Schöpfung in Beziehung setzt.“ (a.a.O., S.259) (…) „Der menschliche Körper wird hier also zum Medium der Gottbezogenheit. Sowohl Verbergung als auch Verwirklichung Gottes zeigen sich am Körper des Menschen. Deutlich wird hier, dass damit für Reich die Vorstellung der Personheit Gottes keinen Platz hat.“ (a.a.O., S.260)

    Nur in der konkreten, leiblichen, körperlichen, sexuellen Beziehung zu einem anderen Menschen ist danach die Erfahrung des Prinzips „Gott“ erlebbar.

    Oder in dem Bezugssystem einer der umstrittenen und Einfluss tragenden Gestalten der gnostischen Strömung im zwanzigsten Jahrhundert, Gregor Iwanowitsch Gurdjieff:

    „Es gibt keinen Gott außer der Wirklichkeit. Ihn anderswo zu suchen ist der Sündenfall.“

    Reich suchte dies alldurchdringende Prinzip der Wirklichkeit in seinem gesamten Lebenswerk: in der Energie der Triebe, in der naturwissenschaftlichen Untermauerung der Libidotheorie Sigmund Freuds, in der Bioelektrizität des menschlichen Organismus, in der Plasmaströmung im Bereich der mikroskopischen Welt der Einzeller in Skandinavien, in der biologischen Energie des Lebens in New York, in der kosmischen Energie „Orgon“ in seiner letzten Lebensperiode auf Orgonon.
    Reich vereigenheitlichte seine Existenz zunehmends, in seinen Haltungen und Handlungen gegenüber der wissenschaftlichen und politischen Welt wurde er immer mehr ein Weltfremder bezogen auf diese Wirklichkeit. Sein Sohn Peter Reich sagte im Juni 1995, anlässlich eines Vortrags über seine Erinnerungen an seinen Vater in Berlin:

    „Denkt an ihn, morgens im gleißenden Sonnenlicht unter der Dusche auf dem Dach seines Observatoriums stehend, das vierte Klavierkonzert von Beethoven laut auf einem Grammophon spielend. Denkt an ihn, Donnerstags zwischen der Nachmittags- und Abendvorstellung des einzigen Kinos in der Umgebung in der Reihe bis zur Kartenausgabe stehend, Augenkontakt suchend mit irgendeinem Menschen, der gerade aus der Frühvorstellung heraus kommt.- Alle senkten den Blick vor der Intensität und Einsamkeit dieses Menschen, der mit ihnen Kontakt suchte.“

    Seinen letzten Studenten sagte Reich:

    „But I think there is a deeper function there. And that is the constant feeling of human beings, which is hidden in neurotics and biopathic, armored individuals, but quite manifest in what we call `healthy people´. (We should get away from that term, too. It becomes a religion again.) And that is a feeling of a separation from something. It is most clearly expressed in the pain, in the aching pain of being separated from the beloved, whether child, or wife, or husband, with a longing to unite again, to be together again, to be in contact again. But I think this love experience is one of the functions, one of the variants of a much deeper thing (kursiv vom Verfasser). Somehow, you think such thoughts on very quiet nights, no noises around except the high wind, thoughts of being separated from the cosmic orgone energy ocean, of being singled out, so to say.“ (Reich, „Mans Roots in Nature“, 26.08.1956, Orgonon; Vortragstranskript veröffentlicht in „Orgonomic Functionalism“, Vol.II. S.68, Rangeley 1991)

    Und an anderer Stelle im gleichen Vortrag:

    „There is developement, there is functioning, there is process. What we have to do is to think in the direction of where does the pulsating system, the closed system, develop out of the orgone energy ocean and, with that, where does self-awareness begin to develop? (…) I learned to respect religious thought. I have to confess that. I did not twenty years ago. I began to see how deep the religious probing goes, how deep down…“ (a.a.O., S.66)

    „Gnosis ist ein möglicher Name für die Zukunft dessen, was an den Religionen mehr sein mag als Religion.“ (Sloterdijk, S.27)

    „Contact with Space“, Reichs letzte veröffentlichte Schrift – vor seinem Antritt der gegen ihn verhängten Haftstrafe in geringer Auflage an Mitarbeiter verteilt – zeigt in einer einfachen graphischen Darstellung seine Vorstellung der Schöpfung:

    S……substratum of primordial cosmic energy
    P……points or peaks, illuminating
    Birth and Death of Orgone Units

    „Each single unit passes, accordingly, through four typical phases:

    1. Birth through concentration of a certain amount of primordial energy.
    2. Rise in energy level through further concentration: „Growth“.
    3. A sharply luminating peak, most closely allied to a point of light.
    4. Decline and death; the unit merges again with the substratum. Thus, birth and death, growth and decline, the CFP (Common Functioning Principle, Anm. des Verfassers) of all living and non-living nature, seem to be preformed already in the basic functioning of the single, tiny OR (Orgone Energy, Anm. des Verfassers) energy unit. Each unit is a unique, unrepeatable event. Yet all energy units follow a common law of functioning. Lawfulness and endless variation are thus not incompatible opposites; they are paired functions of the CFP of nature in general.- May 1950.“
    (The Oranur Experiment, First Report, 1947-1951)

    „I wish, I wish you could swim, like dolphins, like dolphins can swim.“ (Bowie, „Heroes“, 1976)

    ____________________________

    1) Redaktioneller Hinweis: Die deutschsprachige Augabe von Wilhelm Reichs „Christusmord“ wird mit Begleittexten voraussichtlich im kommenden Jahr im Verlag 2001 neu erscheinen.

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    Von den Phänomenen zur Wurzel

    Ein Beitrag zur Auf-Klärung
    Beatrix Teichmann-Wirth:

    Im Mai letzten Jahres nahm ich an einem eintägigen Workshop mit Tilmann Moser teil, wo dieser seine Methode körperorientierter Psychoanalyse vorstellte.

    Auf die von ihm mit uns durchgeführten Übungen reagierte ich vor allem im nachhinein sehr heftig mit Symptomen energetischer Überladung die sich in einem Erregungszustand bis hin zur Empfindung von Angst und auf körperlicher Ebene in einer Enge im Hals und Kopfschmerzen äußerten. Ich wertete diese Erscheinungen als Ausdruck einer Kontraktion, die ihrerseits durch den Umstand begründet war, dass zuviel Energie mobilisiert wurde, ohne dass diese einen adäquaten Ausdruck finden konnte, wobei ich meine, dass dieser Ausdruck ein körperlicher zu sein hat – nicht unbedingt lautstarker Art (durch Schreien, Stampfen, Schlagen) sondern auch durch das Raumgeben für „Verdauungsprozesse“. Die jeweils nachfolgenden verbalen Integrationsversuche führten jedenfalls nicht zu ausreichender Entladung.

    Jedoch – keine Angst, es wird kein weiterer „Abgrenzungs-“ Artikel. Ich schätze Tilmann Moser als Therapeut und glaube auch an seine – kraft seiner Integrität und Herzenswärme – therapeutische Potenz. Vielmehr möchte ich zunächst nur den Anlass beschreiben, anhand welchem mir klar wurde, dass Tilmann Moser – wie viele andere körperorientierte Therapeuten – den Körper zwar in die Therapie einbeziehen, z.B. in Form von erlebnisaktivierenden Übungen bzw., wie in diesem Fall, um Übertragungsgefühle zu unterstützen. Das Vorgehen jedoch ist nicht von einem Verständnis für körperliche Prozesse und damit auch Erregungsabläufe getragen.

    Da ich dies aber für nötig erachte, wollte ich diese Aspekte in Form von Vorträgen verschiedenen Personen näherbringen. Hier stieß ich selbst erneut auf einen spannenden Aspekt, nämlich den der Denktechnik – den orgonomischen Funktionalismus – der der Reichschen Forschung zugrunde liegt und welchen ich selbst bislang zuwenig würdigte.
    Das Beheimatetsein in unterschiedlichen Denkwelten scheint mir auch der Grund für die im Gespräch mit Vertretern körperpsychotherapeutischer Schulen auftretenden Verständigungsschwierigkeiten zu sein. So „funktioniert“ es beispielsweise nicht, wenn man therapeutische Beziehungsmodelle wie die Arbeit mit der Übertragung aus der Psychoanalyse auf den Reichschen Ansatz anwendet und dann, nachdem man festgestellt hat, dass in diesem die Übertragung nicht das Agens im therapeutischen Wirkungsprozess ist, meint, die Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn fände keine Beachtung.

    Eine Methode ist dann einheitlich und damit potent, wenn zwischen theoretischen Annahmen z.B. über Gesundheit und Krankheit auf der einen Seite und den Werkzeugen die man anwendet, auf der anderen Seite, eine Kohärenz besteht. Reichsche Körperarbeit ist in ihrer Essenz – seit Reich durch die Entdeckung des Orgasmusreflexes und der Beschreibung der orgastischen Potenz das biologische Fundament setzte, auf welchem die Therapie fortan stattfand – jenseits von Psychologie und Psychoanalyse angesiedelt. Und in dieser „Welt des Lebendigen“ gelten andere Gesetzmäßigkeiten, die es aus sich heraus zu verstehen gilt, wo es jedoch unzulässig ist, von außen, d.h. aus der Psychologie Maßstäbe anzulegen. Es geht vielmehr um ein „Denkwerkzeug, das man gebrauchen lernen muss, wenn man das Lebendige erforschen und handhaben will (Hervorhebung durch die Autorin). Der energetische Funktionalismus ist also kein Luxusgegenstand, den man beliebig tragen oder ablegen kann.“ (Ä.G.T., S.7)

    Der Artikel nun stellt den Versuch dar, das theoretische Fundament des Reichschen Ansatzes vorzustellen.
    Er ist eine erweiterte Zusammenfassung der Inhalte, welche ich in den oben erwähnten Vorträgen referierte, wird also für einige LeserInnen vielleicht bereits Gehörtes wiederholen.
    Der vorliegende Teil ist als eine Art „Vorspiel“ oder Annäherung anzusehen, in welchem ein Überblick über die Entwicklung der Reichschen Therapie gegeben werden soll. In der Folge will ich dann zum „Eigentlichen“ kommen, indem ich die Denkmethode des orgonomischen Funktionalismus vorstelle und ihn auf das Beschriebene anwende.

    Wilhelm Reichs Weg zum Körper

    Liest man Reichs Bücher so beeindruckt die Konsequenz, mit welcher er immer mehr ins „biologische Fundament“ vordrang.- Besonders deutlich wird dies in seinem Buch „Die Funktion des Orgasmus“, sein „Vorstellungsbuch“ für Amerika, in welchem er seinen Forschungsweg bis zum Jahre 1942 beschreibt.
    Mit nahezu detektivischer Genauigkeit beschreibt er, wie seine Erkenntnisse sich aus der Erforschung der Praxis herleiteten, zunächst aus der analytischen Arbeit, dann in der Erforschung von Bionen, bis hin zur Überprüfung der Ergebnisse für den Bereich des Kosmos.
    Neben, oder gerade wegen dieser Verankerung seiner Theorie in Wirklichkeiten – oder wie es Koestler (1966) ausdrückt durch die „Fähigkeit, theoretische Höhenflüge mit einem wachen Sinn für das Praktische – Alltägliche zu verbinden“ -, beeindrucken Reichs Schriften durch Einfachheit. Eine Einfachheit, die bisweilen bei mir Zweifel auslöste und Impulse etwas hinzuzufügen, zu verkomplizieren, weil „so einfach kann es doch wohl nicht sein“.

    Reich sagt dazu an einer Stelle in Bezug auf die Sexualität: „Manche Dinge sind zu einfach, um sie anzuerkennen“.
    So will ich anhand einiger Meilensteine in seinem Leben zunächst erläutern, wie aus der Psychoanalyse die Charakteranalyse und aus dieser die Vegetotherapie wurde.

    Im Zuge des sogenannten Technischen Seminars – Reich war, obwohl sehr jung schon damals von Freud in den inneren Kreis eingeladen -, befasste man sich mit dem „Problem Widerstand“.
    Erachteten die meisten Analytiker eine positive Übertragung als förderlich, um dem Widerstand der Analysanden beizukommen, wurde Reich darauf aufmerksam, dass hinter der offensichtlich bekundeten Bereitschaft, frei zu assoziieren, verhaltener Widerstand lauerte. Um an diesen Widerstand heranzukommen, war es notwendig, weg von den Inhalten (weil die wurden ja geboten) hin zur Art und Weise, wie jemand etwas ausdrückt, zu kommen. Nicht das Was sondern das Wie wurde also von Bedeutung.

    Dies schlägt die erste Brücke zur Beachtung körperlicher Prozesse. Zunächst griff Reich, da er ja nach wie vor als Analytiker arbeitete, diese Signale (z.B. ein lachendes Gesicht bei gleichzeitig traurigen Inhalten) verbal auf und konfrontierte den Analysanden mit seinen Beobachtungen, was eine Veränderung des Settings notwendig machte, da der Analysand sichtbar sein musste.

    Reich erkannte auch, dass dieser Widerstand individuell verschieden ist, und dass es nicht mit einem einmaligen Durchbrechen von Unbewusstem zu Bewusstem getan ist, sondern dass es eine jeweils spezifische Schichtung von Widerstand gibt – dieses Charakteristische des Widerstands fasste er in den Begriff des Charakterpanzers und erkannte auch, dass sich die Widerstandsform nicht nur im Verhalten, in der Einschränkung des Erlebens und der Kontaktfähigkeit ausdrückt, sondern ebenso in körperlichen Muskelverspannungen

    Die chronischen Muskelverspannungen nannte er Muskelpanzer.
    In der ersten Zeit machte Reich die Erfahrung, dass man sowohl an der Panzerung über die Konfrontation mit charakterlichen Haltungen arbeiten kann – ebenso, und das ist wichtig, effektiver über die Lösung von muskulärer Panzerung durch tatsächliches Eingreifen, zumeist über Druck auf die Verspannungen. Effektiver deshalb, weil die Wirksamkeit in Bezug auf Heilung und Veränderung davon abhängt, mit welcher Erlebnisintensität etwas zu Bewusstsein kommt. So meint Reich, dass es nicht darum geht, Erinnerungen zu berichten, dies bleibt unwirksam, wenn dieses Erinnern nicht mit einem Affektbetrag ausgestattet ist.
    Über den Weg zur Vegetotherapie – besser zur Orgontherapie – und den Umstand, dass für die weitere Arbeit nicht einmal mehr der Begriff Körperarbeit oder Körpertherapie angemessen scheint, findet sie doch direkt am biologischen Kern statt, werde ich später zurückkommen.
    Vorwegnehmen will ich an dieser Stelle nur, dass Reich von der funktionellen Identität von Körper- und Charakterpanzer ausgeht, das heißt, dass beide jeweils dieselbe Funktion erfüllen, nämlich in einer bestimmten Form den Fluss der Energie behindern. Die muskuläre Verkrampfung ist „…wo immer sie auftritt, nicht etwa eine `Folge´, ein `Ausdruck´ oder eine `Begleiterscheinung´ des Verdrängungsmechanismus“ sondern „die körperliche Verkrampfung (stellt) das wesentlichste Stück am Verdrängungsvorgang“ (dar). – Und weiter: „Jede muskuläre Verkrampfung enthält die Geschichte und den Sinn ihrer Entstehung“. (F.d.O., S.226-227)

    Im oben ausgedrückten Denken ist es nicht notwendig, den körperlichen Interventionen psychologisch etwas nachzureichen. Die Arbeit – auch in ihrer Wirkung auf das Psychische – wird getan, und ebenso ist eine explizite Bezugnahme auf die Geschichte nicht notwendig, denn auch diese ist im Hier und Jetzt „anwesend“.
    So erfolgt beispielsweise mit der Arbeit am Körperpanzer durch Lösen des Augenblocks, was sich vielleicht in Weinen äußert, gleichzeitig eine Arbeit am Charakterpanzer. Das Erleben des Weinens wird in das Selbstbild integriert und wirkt dem Charakterpanzer, beispielsweise mit der eingefrorenen Haltung „Männer weinen nicht“, entgegen.

    Der energetische Aspekt

    Nun aber zum zweiten Pfeiler: Zur Energie, die Reich letztlich Orgon nannte.
    Schon Freud hat von „Seelenenergie“ und „Libido“ gesprochen, hat sich jedoch zunehmend der Psychologie und den inner-psychischen Konflikten zugewandt.
    Reich hat hingegen dem energetischen Beitrag der Neurose sein Hauptaugenmerk gewidmet und diesen in den Mittelpunkt seiner Forschungen gestellt. Er postuliert, dass man durch die Psychoanalyse zwar die Ursache für eine Neurose erklären kann, nicht jedoch das „chronische Festhalten“ am Symptom, die Chronifizierung. Dafür sei die energetische Stauung verantwortlich. Er meint: „Es kann nicht anders sein, als dass ein geringer Konflikt, an sich normal, eine kleine Störung des sexuellen Energieausgleichs herbeiführt. Diese kleine Störung verstärkt den Konflikt und dieser wiederum die Stauung. Derart heben psychischer Konflikt und körperliche Erregungsstauung einander gegenseitig in die Höhe.“ (F.d.O., S.89)

    Der Angst liegt nun nicht – wie Freud dies annahm – eine Verwandlung von sexueller Energie zugrunde. Dieselbe Erregung wird als Angst erlebt, wenn ihr die Wahrnehmung und Abfuhr verwehrt ist („Stauungsangst“).

    Konsequenterweise geht es demnach in der Therapie darum, der Neurose „die Nahrung zu entziehen“. Gelingt dies, so steht die Energie dort zur Verfügung, wo sie gebraucht wird.
    Die Genitalstörung ist das herausragende Symptom oder wie Reich schreibt: „Die Schwere jeder Art seelischer Erkrankung steht in direktem Verhältnis zur Schwere der Genitalstörung.“ Und: „Die Heilungsaussicht und die Heilungserfolge hängen direkt von der Möglichkeit ab, die volle genitale Befriedigungsfähigkeit herzustellen.“ (F.d.O., S.77)

    Um dies schlüssig zu argumentieren, war ein Infragestellen des Wesens von gesunder Sexualität notwendig, da ja nicht alle Neurotiker frigide bzw. impotent sind. Es musste der Frage nachgegangen werden, wo sich die Stauung herleitet, wenn die sexuelle Potenz „normal funktioniert“.
    Und wie so oft, gab sich Reich nicht mit den Äußerlichkeiten, mit dem Anschein zufrieden, sondern untersuchte vielmehr genauestens die energetischen, ökonomischen und erlebnismässigen Aspekte der scheinbar gesunden Sexualität.
    Er fand, dass die erektive Potenz häufig von einem Mangel an Lustgefühl, vom Vorhandensein von (sadistischen) Phantasien und dem Fehlen von Unwillkürlichkeit in körperlichen Reaktionen gekennzeichnet war.

    Das heißt, der Liebesakt war häufig nicht geeignet, die „hochgestaute Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckungen zu entladen“, der energetische Beitrag der Neurose blieb somit erhalten und hielt diese aufrecht.
    Im Gegensatz zu anderen Forschern und Therapeuten, wie beispielsweise Masters und Johnson, ist gesunde Sexualität bei Reich nicht etwas, was es durch Übungen zu erreichen gilt, sondern sie ist ein Ausdruck des Gesamtorganismus, die Fähigkeit zur Hingabe an das „Strömen der sexuellen Energie ohne jede Hemmung“, was Reich in den Begriff der „orgastischen Potenz“ fasste.
    Als Grundzeichen von Gesundheit gilt, wenn der Organismus ganz und gar der Ladungs-Entladungsformel folgt, wie es sich im Orgasmusreflex, einer der Atemwelle synchron verlaufenden Wellenbewegung des ganzen Körpers äußert.

    Auf der psychischen Ebene drückt sich dieser ungehinderte vegetative Fluss in einem Gefühl von Einheitlichkeit, Ganzheit und Verbundenheit aus; oder wie es ein Patient von Reich ausdrückt: „Ich bin wie mit der Welt unmittelbar verbunden. Es ist, als ob alles in mir und außerhalb von mir schwingen würde. Es ist, als ob alle Reize viel langsamer wie in Wellen herauskämen. Es ist wie eine schützende Hülle um ein Kind herum. Es ist unglaublich, wie ich die Tiefe der Welt jetzt spüre.“
    Reich hat mit der orgastischen Potenz und der Beschreibung des genitalen gegenüber des neurotischen Charakters dem Krankheitsbegriff einen Gesundheitsbegriff gegenübergestellt.

    Wird beim neurotischen Charakter der Organismus von einem starren Panzer beherrscht, der autonom funktioniert und damit nicht beeinflussbar ist, so sind beim genitalen Charakter die emotionalen Reaktionen nicht durch Automatismen eingeschränkt sondern es ist durch die Flexibilität eine jeweils adäquate Antwort möglich.
    Ein zweites wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist das Auftreten von Strömungsempfindungen: „Der gepanzerte Organismus empfindet keine plasmatischen Strömungen, im strengen Gegensatz zum ungepanzerten Organismus. In demselben Maße, in der die Panzerung sich löst, stellen sich Strömungsempfindungen ein, die der Gepanzerte zunächst als Angst erlebt. Ist die Panzerung völlig gelöst, so werden orgonotische Strömungsempfindungen lustvoll erlebt. Dadurch verändert sich alles Reagieren in so grundsätzlicher Weise, dass man von zwei einander fremden und wesentlich andersartigen Zuständen sprechen kann. (…) Mit den Organempfindungen verändert sich das gesamte `Weltbild´ rasch und radikal.“ (Ä.G.T., S.59-60)

    Das Lebendige in der Therapie

    Das Ziel der Therapie ist also die Herauslösung der seelischen Energien aus der Charakter- und Muskelpanzerung zur Erlangung der orgastischen Potenz. Um diesen energetischen Aspekt in der Arbeit zu unterstreichen, schlägt Reich vor, seine Therapie „Orgontherapie“ zu nennen und versteht darunter alle Maßnahmen, die sich der Orgonenergie bedienen.

    Aber es ist noch ein zweiter Grund für die Wahl des Namens ausschlaggebend. Ist in der vormals genannten charakteranalytischen Vegetotherapie implizit eine Teilung von Körperlichem und Seelischen benannt, so liegt dem Begriff Orgontherapie eine einheitliche Auffassung des Organismus zugrunde, der sich nicht in Charaktereigenschaften, Muskeln und Plasmabewegungen aufspalten lässt.

    Mit dem Begriff Orgontherapie drückt Reich aus, dass die Arbeit am biologischen Kern direkt an den Plasmabewegungen stattfindet: „Wir arbeiten nicht mehr bloß an individuellen Konflikten und spezifischen Panzerungen, sondern am Lebendigen selbst. Indem wir es allmählich lernen, dieses Lebendige zu begreifen und zu beeinflussen, kommen die rein psychologischen und physiologischen Funktionen von selbst in den Bereich der Arbeit. Schematisches Spezialistentum ist nicht mehr möglich.“ (Ch.A., S.362)
    Betritt man das Gebiet des Lebendigen, so verlassen wir gleichzeitig den Bereich der Wortsprache denn „Das Lebendige funktioniert nicht nur vor und jenseits der Wortsprache; es hat überdies seine eigene Ausdrucksformen der Bewegung, die mit Worten überhaupt nicht zu fassen sind.“ (Ch.A., S.363)
    Es drückt sich in Bewegung aus, ist also im wörtlichen Sinne eine Ausdrucksbewegung. So, und nicht in einem psychologischen Sinne, ist E-Motion (Herausbewegung) zu verstehen.

    Die Arbeit

    Es bedarf der Fähigkeit des Therapeuten sich in dieser Welt zu bewegen, den Bewegungsausdruck jeder E-Motion im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Wesentliches Verständigungsmittel im Kontakt mit diesen Emotionen des Menschen ist die Imitation oder auch Organempfindung bzw. vegetative Identifikation, die Fähigkeit des Therapeuten durch den ungestörten energetischen Kontakt zum Klienten im eigenen Körper nachzuempfinden, welche Bedeutung das von ihm Ausgedrückte hat. Es geht nicht um die Analyse von Verspannungen einzelner Muskelpartien, noch um das psychologische Erhellen der damit verknüpften Inhalte, sondern um die Erfassung des Gesamtausdruckes eines Menschen.

    Worte sind dabei von untergeordneter Bedeutung, oftmals verdecken sie sogar die Ausdruckssprache des biologischen Kerns.
    Reich schreibt: „Die Kranken kommen zum Orgontherapeuten voll von Nöten. Diese Nöte sind für das geübte Auge an den Ausdrucksbewegungen und dem Bewegungsausdruck ihres Körpers direkt abzulesen. Lässt man die Kranken nun nach Belieben sprechen, so stellt man fest, dass ihr Reden von den Nöten wegführt, sie in dieser oder jener Weise verhüllt. Will man zu einer korrekten Entscheidung kommen, so muss man den Kranken dazu verhalten, vorerst nicht zu sprechen. Diese Maßnahme erwies sich in hohem Grade fruchtbar. Denn sobald der Kranke nicht mehr redet, tritt der körperliche Bewegungsausdruck klar hervor. Nach wenigen Minuten Schweigens hat man gewöhnlich den plasmatischen Bewegungsausdruck erfasst. Scheint der Kranke, während er sprach, freundlich zu lächeln, so verwandelt sich im Schweigen das Lächeln in ein leeres Grinsen, an dessen maskenhaftem Charakter auch der Kranke selbst nicht lange zweifeln kann….“ (Ch.A., S.364)

    Diese weitgehende Ausschaltung der Wortsprache „zwingt“ den Klienten dazu, sich biologisch auszudrücken: „Derart führt sie ihn in die Tiefe, die er stets flieht.“ (Ch.A., S.365)

    Lässt sich bei der Arbeit an den ersten drei Segmenten noch ein in die Wortsprache zu übersetzender Ausdruck beschreiben (z.B. im Kiefersegment die augenscheinlich verhaltene Wut), so will dies ab der Lösung des Zwerchfellblocks nicht mehr gelingen. Wir berühren hier einen Bereich, der überindividuell ist und biologische Zusammenhänge mit dem Kosmos berührt.
    Was jedoch sehr wohl unmittelbar ankommt, ist der Gesamtausdruck der Zurückhaltung beim gepanzerten Menschen.
    So findet im Zuge des Therapieprozesses eine grundsätzliche Veränderung von der Zurückhaltung zur Hingabe statt, welche sich nicht nur in der Sexualität, sondern in allen Lebensbereichen ausdrückt.

    Fortsetzung in BUKUMATULA 3/96

    ________________________________

    Literatur:

    Reich, W.: Charakteranalyse.(3. Auflage, 1949) Köln – Berlin, 1970
    Reich, W.: Die Entdeckung des Orgons. Die Funktion des Orgasmus.
    (2. Auflage, 1942) Köln – Berlin, 1977
    Reich, W.: Äther, Gott und Teufel. Frankfurt/M., 2. Auflage, 1984
    Köstler, A.: Der göttliche Funke. Bern/München, 1966

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  • Kategorie: 1996
  • Bukumatula 3/1996

    Von den Phänomenen zur Wurzel

    Fortsetzung von Bukumatula 2/96
    Beatrix Teichmann-Wirth:

    Nun ist es soweit. Die Zeit des (zögerlichen) Vorspiels ist vorbei und es gilt das Versprechen einzulösen, die Denktechnik – das Werkzeug, das der Reichschen Forschung und dem therapeutischen Ansatz zugrunde liegt – zu beschreiben.

    Zögernd, vorsichtig und widerspenstig fühlte ich mich bisweilen im Eintauchen in dieses Gebiet des funktionellen Denkens und meine Verhaftetheit in kausalen und mechanistischen Denkmustern, die scheinbar vereinfachend eine Ursache mit einer Folge in Verbindung setzen, womit man sich dann kurzfristig zufrieden zurücksetzen kann, hat man doch eine plausibel erscheinende Antwort gefunden, wurde mir nur allzu deutlich bewusst.

    Doch ich will es mir und den LeserInnen nicht zu schwer machen und will mich nicht mit dem Anspruch überfordern, etwas Eigenes zu formulieren und sei dies auch nur eine eigene Ordnung der Ergebnisse herzustellen.

    „Since the best way to introduce someone to a new realm of knowledge is to describe the process by which it has evolved …..“ (Reich 1950), will ich es Reich gleichtun und seine dreißigjährige Forschungstätigkeit in ihrem historischen Ablauf beschreiben.

    Dieses Vorgehen erlaubt, die Ergebnisse in ihrer inneren Rationalität – von Beobachtungen zu Hypothesen zu experimenteller Bestätigung und neuen Funden deutlich zu machen und gibt zu verstehen, dass das Denk-Werkzeug seinerseits eine Veränderung erfährt, was damit wohl auf die zentralste Erkenntnis des orgonomischen Funktionalismus hinweist: die Untrennbarkeit von Beobachter (subjektivem Empfinden) und Untersuchungsgegenstand (objektivem Reiz).- Diese Auffassung ist nicht neu: Sie findet sich im Funktionskreis vom „großen“ Psychosomatiker Viktor v. Weizsäcker ebenso wie im erkenntnistheoretischen Werk von Rudolf Steiner. Was das Reichsche Werk jedoch auszeichnet, ist, dass es nicht bei philosophischen Auffassungen verbleibt sondern eine naturwissenschaftliche Fundierung findet. Und Reich selbst verwahrte sich des öfteren dagegen, es handle sich beim orgonomischen Funktionalismus um eine Philosophie, vielmehr geht es dabei um ein Instrument der Naturforschung.
    Ich beziehe mich in meiner Darstellung neben dem Buch „Äther, Gott und Teufel“ auf vier Artikel, welche Reich einander fortsetzend in den Jahren 1950 bis 1952 in der Zeitschrift Orgone Energy Bulletin in den USA veröffentlichte.
    Die Thematik ist – und dies sei als „Warnung“ vorangestellt, schwer verdaulich. Der Artikel bedarf deshalb – und wahrscheinlich auch, weil das Feld für mich neu ist – so neu, dass sich das Eigene noch nicht formuliert hat -, einer konzentrierten Zuwendung.

    Psychisches Funktionieren ist natürliches Funktionieren

    Am Anfang des funktionellen Denkens hatte Reich nur eine (noch nicht überprüfte) Überzeugung, nämlich, dass das psychische Funktionieren nicht übernatürlichen Ursprungs ist und damit wie alles Lebendige den Funktionsgesetzen von Materie und Energie gehorcht.

    Mit dieser Annahme stellte sich Reich radikal gegen lang und fest verankerte Auffassungen, wie sie sich im Mechanismus („die Gesetze in Chemie und Physik lassen sich nicht auf das Lebendige übertragen“) und dem Mystizismus (Emotionen, Philosophien und Ideen werden übernatürlichen, mystischen, jedenfalls nicht sinnlich wahrnehmbaren Mächten zugeschrieben) finden.

    Die Frage, die also zu anfangs stand war, wie sich die Verbindung von Materie und Energie darstellt. Reich gab in dieser Frage – seinem Interesse nachgehend – immer der Energie den Vorzug und begründet dieses Vor-Urteil folgendermaßen: „From my present standpoint, it seems as if this preference was based simply in the sensations of motion in my own organism.“ (Reich 1950)

    In der Annahme von energetischen Prozessen in der Psyche war Reich nicht der erste. Schon Freud schrieb von einer „psychischen Energie“ und gab diesem „quantitativen“ Faktor in seinem aktualneurotischen Konzept Raum, vernachlässigte dies jedoch in der Beschreibung der Psychoneurosen immer mehr und betonte die Inhalte einer Störung.

    Reich ging von der bereits im ersten Teil des vorliegenden Artikels beschriebenen klinischen Beobachtung aus, dass die Symptome der Neurose bei vollständiger orgastischer Entladung verschwinden. Der orgonomische Funktionalismus gewann damit eine erste wichtige Position, nämlich, dass „Ideen kommen und gehen“ und ihre Existenz vom Zustand der energetischen Bewegung im Körper abhängt.

    Die Erregung beeinflusst also die Empfindung und die Empfindung ihrerseits die Erregung. Beide sind untrennbar und formen eine funktionelle Einheit mit einem zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefundenen gemeinsamen Funktionsprinzip.

    Dieses Prinzip der „simultaneity of identity and antitheseis“ formulierte Reich erstmalig bereits 1919-1923. Er postulierte in seinem Werk „Über Triebenergetik“, dass psychische Energien Konzentrationen von Energiebeträgen sind und damit auf Energieprozesse zurückgeführt werden können. Neu daran ist, dass zwei Funktionen wie beispielsweise die der psychischen Empfindung und die der körperlichen Erregung gleichzeitig gegensätzlich und (funktionell) identisch sein können.
    Bislang fanden sich in der Betrachtung des Zusammenspiels von Psyche und Soma folgende Positionen:

    Im mechanistischen Materialismus werden Psyche und Soma als antithetisch betrachtet. Dies zeigt sich bei den Mechanisten in einer einseitigen Abhängigkeit des psychischen Funktionierens von chemisch-physikalischen Prozessen. Bei den sogenannten Vitalisten wird im Gegensatz dazu angenommen, dass Empfindungen die Materie bestimmen.

    Im Psychophysischen Parallelismus laufen Psyche und Körper parallel, ohne dass über die Art deren gegenseitiger Einflussnahme etwas ausgesagt wird.

    Und letztendlich im Monismus, der von einer psychophysischen Identität ausgeht, werden Psyche und Soma als zwei Aspekte ein und desselben Stammes verstanden. Reich betont, dass diese Auffassung der Wahrheit am nächsten kommt, nimmt sie doch einen gemeinsamen Stamm der beiden an. Übersehen wird jedoch die Antithese der beiden und damit deren Interdependenz.

    Freud hat sich in seinem Konzept der Psychoneurosen zunehmend vom energetischen Faktor abgewandt und sein Hauptinteresse den Inhalten (Art der Konflikte, Erfahrungen, Beziehungen, etc.) gewidmet.
    Orgnomischer Funktionalismus und Tiefenpsychologie nahmen damit eine gegensätzliche Entwicklung, wie sie sich folgendermaßen darstellen lässt:

    Cosmic Orgone Energy O Affect Idea ® Psychology

    Antithese und funktionelle Identität am Beispiel von Lust und Angst

    Am Beispiel der Mutterfixierung lässt sich aufzeigen, dass in der Tiefenpsychologie Freuds zwar nach den psychologischen, entwicklungsgeschichtlichen Ursprüngen dieser Fixierung geforscht wird, es wird jedoch übersehen, dass diese Fixierung ihrerseits von einer speziellen energetischen Störung (der Entladungsfunktion) herrührt, welche dem Thema sozusagen die Nahrung liefert. Klinisch lässt sich das insofern bestätigen, als dass die psychische Symptomatik dann verschwindet, wenn es gelingt, die biologische Energie zu mobilisieren und somit durch die Lösung der körperlichen Panzerung die Basis für die psychische Fixierung entzogen wird.
    Aber es gibt noch einen zweiten wesentlichen Unterschied: In der tiefenpsychologischen Vorgangsweise (Arbeit mit Einfällen und Assoziationen) ist man mit einem wachsenden Komplexitätsgrad von Zusammenhängen konfrontiert. Hingegen ist die Arbeit am „biologischen Grund“ – alle Erfahrungen sind ja jeweils auf einfache biologische Energieprozesse zurückzuführen, wie sie auch außerhalb des menschlichen Lebens in der Natur und im Lebendigen überhaupt aufzufinden sind -, vereinfachend. In dieser Betrachtungsweise können all die verschiedenen Formen von Neurosen und Psychosen letztendlich auf den sexualökomischen Energiehaushalt des Menschen zurückgeführt werden.

    Antithese und funktionelle Identität am Beispiel von Lust und Angst

    Wie schon im ersten Abschnitt dieses Artikels beschrieben geht Reich davon aus, dass es sich bei Lust und Angst nicht um grundsätzlich unterschiedliche Phänomene handelt, sondern dass dieselbe Erregung als Angst erlebt wird, wenn ihr die Wahrnehmung und Abfuhr verwehrt ist.
    Um die funktionelle Identität und aber auch deren Gegensätzlichkeit schlüssig zu argumentieren, bedarf es einer eingehenderen Betrachtung der Sexualerregung und des Lusterlebens.
    Gleichzeitig lässt sich auf diesem Wege die Anwendung des funktionellen Denk-Werkzeuges demonstrieren.
    Im Gegensatz zur mechanistischen Herangehensweise, wo davon ausgegangen wird, dass chemische Substanzen für die Sexualerregung verantwortlich sind (was unzulässig ist, da eine Lebensfunktion auf
    eine nicht lebendige Funktion – „non living function“ – zurückgeführt wird), ist der Ausgangspunkt im Funktionalismus zunächst die Beobachtung und Gruppierung von Phänomenen, wie sie im Zuge der Sexualerregung auftreten.
    Ein erstes Ergebnis dieser Beobachtungen war nun, dass die psychische Empfindung von Lust und die körperliche Erregung einhergehen mit einer Erregung des autonomen Nervensystems.

    Diese drei Aspekte – Lustempfindung, Erregung und Aktivität des autonomen Nervensystems sind verschiedene Aspekte ein und derselben Funktion, nämlich der der Gesamterregung des menschlichen Organismus.
    „These different aspects of one function were inseperable because there is no pleasure sensation without instinctual drive, no instinctual drive without pleasure sensation, and neither exist without biological excitation, and vice-versa.“ (Reich 1950a, 11)
    Das Wesentliche im funktionellen Denken ist nun, dass diese verschiedenen Aspekte nicht statisch als Ursachen, Folgen, Ziele („services“) betrachtet werden; es werden diesen biologischen Phänomenen damit keine psychologischen Motive übergestülpt: „For the functional view there was not an apparatur here and a goal there, and hence no `service´ of the first to the second.“ (Reich 1950a, 12) Die Erkundung des Zusammenwirkens erfolgt nach den weiter unten beschriebenen Denkprinzipien.
    Aber zunächst zu der oben aufgeworfenen Frage: Wenn der Lust und der Angst keine unterschiedliche Energie zugrundeliegt, wenn sie also zwei Aspekte ein und derselben Erregung sind, wie gestaltet sich dann der Zusammenhang dieser beiden Zustände?

    Das Faktum, dass, wenn Lust unterdrückt wird, Angst entsteht, konnte Freud nicht erklären. Vielmehr setzte er die beiden später nicht mehr miteinander in Beziehung sondern schrieb die Angst dem Ich zu und die Sexualität dem Es, also zwei psychologischen Konstrukten.
    Funktionelle Orgonomie setzte bei der oben beschriebenen Tatsache an, dass Angst dann auftritt, wenn die Lust verschwindet.
    Biologische Erregung ereignet sich im autonomen Nervensystem, welches sich aus dem parasympathischen und dem sympathischen Teil zusammensetzt.
    Lust entsteht im Zuge der Aktivität des parasympathischen Systems. Wenn dieses System nicht operiert, dann ist die sympathische Aktivität dominant und ist damit antithetisch zur parasympathischen.
    Hergeleitet aus der biologischen Aktivität ist Angst als die Antithese von Lust zu verstehen: „…pleasure does not turn into `anxiety´, but the biological excitation in anxiety functions in a direction antithetical to pleasure.“ (Reich 1950a, 13)
    Aufgrund klinischer Beobachtungen wird Angst in der Herzgegend, Lust, wenn sie nicht gestört ist, vor allem am Genitale empfunden. Diese beiden Orte sind die antithetischen Bereiche, in welchen sich die biologische Erregung konzentriert. „Cardiac anxiety disappears when genital excitation develops. If the biological excitation is active chiefly in the genital apparatus, then one feels the genital drive and the corresponding pleasure sensation. If it is mainly active in the cardio-diaphragmatic region, one has anxiety and is incapable of pleasure.“ (Reich 1950a, 14)
    Reich fand damit, wie er schreibt „unconsciously“ die grundlegende Antithese des Lebendigen, die Antithese zwischen Lust und Angst, Expansion und Kontraktion, Peripherie und Zentrum.
    Gleichzeitig war dies der Beginn der Entwicklung der funktionellen Denktechnik.

    Elemente der funktionellen Denktechnik

    Funktionelle Orgonomie schließt nicht sogleich von der funktionellen Qualität einer Lebensäußerung auf die gesamte Natur, sondern zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Ergebnisse für jeden einzelnen Bereich neu überprüft.
    Dies geschieht in folgenden Schritten:

    1) Zuanfangs steht die Frage, wo die zweite Funktion ist, die den funktionellen Gegenpart zur zuerst gefundenen bildet. (So wurde Angst als Gegenpart zur Lust gefunden.)
    2) Wenn diese zwei Aspekte Variationen sind, die einander ausschließen, wie Lust und Angst, oder einander bedingen, wie Trieb und Lust, dann ist die Frage, in welcher dritten Funktion sie identisch sind.- Oder anders formuliert: In bezug auf welche Eigenschaften sind sie identisch?
    3) Ist dieses gemeinsame Prinzip wie z.B. das für Angst und Lust gefundene gemeinsame Funktionsprinzip der biologischen Erregung des Organismus eine letzte, nicht weiter zurückzuführende Bedingung oder ist es seinerseits eine Variation, wie es sich dann folgendermaßen darstellt:

    a1
    ›─A
    a2 ›─ X
    B

    a1 als Variation von a2 findet sich funktionell identisch in A, wobei dann B der Gegenpart zu A ist und beide letztendlich funktionell identisch in X sind.

    Am Beispiel von Lust und Angst:

    Lust
    ›─ Expansion
    Vagus Funktion
    ›─ biolog. Erregung
    Angst
    ›─ Kontraktion

    Sympathikus Funktion
    Von der Richtigkeit einzelner Bezüge kann man dann ausgehen, wenn diese zu neuen Entdeckungen (weiter)führen bzw. theoretische Vereinfachungen nach sich ziehen, d.h., man kann gepaarte Funktionen nicht zufällig einander zuordnen: „Real (objective) variations must be comprehended and rooted in a real (objective) common principle.“ (Reich 1950b, 51)
    So kann die Lust sowohl von Angst als auch von Wut der funktionelle Gegenpart sein. Im einen Fall ist das gemeinsame Funktionsprinzip (Lust und Angst) die biologische Erregung. Die Richtung der Erregung – ob sie in die Peripherie oder ins Zentrum strömt – bestimmt die Variation von Lust und Angst.
    Anders bei der Wut („rage“). Hier ist auch bei der Wut eine Expansion, eine Bewegung der Erregung in Richtung Peripherie gegeben.
    „For both pleasure and rage occur with an expansion of the life apparatus. Contraction ist excluded. Plasmatic expansion, which with its counterpart of contraction rests in a deeper functioning level on the principle of general excitation, will become itself, on a higher functioning level, the common functioning principle of the two variations, pleasure and rage. As a functioning principle, expansion is narrower than general excitation. Hence, it is a functioning principle of a „higher“ and with that of a „lesser“ order.“ (Reich 1950b, 51)
    Reich spricht hier erstmalig die Rangordnungen und Gültigkeitsbereiche von Funktionsprinzipien an. Von der Bedeutung dieser Ordnung wird später noch die Rede sein. An dieser Stelle nur soviel: Das gemeinsame Funktionsprinzip von Wut und Lust ist Expansion. Die Antithese besteht darin, dass in der Lust die Erregung bis an die (Haut)oberfläche reicht und in der Wut in der tieferliegenden Muskulatur bleibt.
    In der Lust ist die Oberflächenladung erhöht, das „Ziel“ ist die Empfindung („tactual sensation“) von Lust. In der Wut ist die Oberflächenladung hingegen herabgesetzt; „Ziel“ ist hier die motorische Aktivität und die Destruktion. Die Ziele werden im orgonomischen Funktionalismus von den („instinctual“) Funktionen abgeleitet und nicht umgekehrt: „Functionalism does not derive the „result“ of motor activity form the „cause“ of muscular action, as does mechanistic materialism, but muscular movement and destructive motor activity form a complete functional identity in the action of hate. … In the place of „causes“ functionalism posits „common functioning principles“ of an always deeper and more comprehensive order.“ (Reich 1950, 52)
    Die Ausführlichkeit meiner Replikation, welche dem Leser vielleicht überzogen und ungerechtfertigt erscheint, ist notwendig, da ein Nachvollziehen der Entwicklung des Werkzeugs und dessen Anwendung – und um dies, und nicht so sehr um die Fakten geht es im vorliegenden Beitrag – nur dann möglich ist, wenn man Reichs Wege nachgeht.

    Primäre und sekundäre Bedürfnisse

    Anlass für eine Variation ist in natürlichen Prozessen immer ein äußerer Reiz.
    So bildet das auf die Eizelle treffende Sperma den Reiz für die Teilung derselben.
    Ebenso findet – wenn sich die Lustfunktion nicht ungestört entfalten kann, wie das durch den Einfluss von versagender sozialer Struktur beim Menschen zumeist der Fall ist -, eine Spaltung der Expansionsfunktion in ein Streben nach Lust und „Rage“ statt.
    So lässt sich in körpertherapeutischen Sitzungen beobachten, dass, wenn bereits Ladung aufgebaut wurde, diese jedoch noch nicht frei fließen kann, der Klient mit (destruktiver) Wut darauf reagiert.
    Reich spricht dann von sekundären Bedürfnissen und unterscheidet diese von den primären dadurch, ob die Fähigkeit zu orgastischer konvulsivischer Entladung mit nachfolgender Befriedigung im Kern des Organismus gegeben ist oder nicht.
    Das Faktum der Möglichkeit bzw. die Unmöglichkeit zu orgastischer Entladung und damit die Befriedigung durch Reduktion des Energielevels bestimmt also diese Variation.
    Das gemeinsame Funktionsprinzip von beiden ist hingegen die Expansion.
    Betrachtet man nur die Gruppe der sekundären Bedürfnisse, so sind sie durch das gemeinsame Funktionsprinzip der orgastischen Impotenz (Unfähigkeit zur orgastischen Entladung) gekennzeichnet. An dieser Stelle sei dem Leser in Erinnerung gerufen, dass Reich dieses Kriterium, das der orgastischen Impotenz, als den Kern aller Formen neurotischer Mechanismen nachgewiesen hat.
    Orgastische Potenz umfasst im Gegensatz dazu eine andere Gruppe von Lebensäußerungen, wie Reich sie in den Begriff des sogenannten genitalen Charakters zusammenfasst.

    Findet auf der einen Seite bei der genitalen Impotenz eine Aufspaltung in zwei einander widersprechende Eigenschaften statt, nämlich in pornographische Sexualität und Moral, so bildet im Falle der orgastischen Potenz Sexualität und Moral eine Einheit. Hier wirkt das gemeinsame Funktionsprinzip (orgastische Potenz) in zwei einander beeinflussende Richtungen:
    Arbeit

    ›─ orgastische Potenz
    Liebe

    Um das weiter zu veranschaulichen, führt Reich folgende Beispiele an:

    Primäre Bedürfnisse
    ›─ Expansion des Organismus
    Sekundäre Bedürfnisse
    sexuelle Erfüllung
    ›─ orgastische Potenz
    natürl. Liebenswürdigkeit
    Moralismus
    ›─ orgastische Impotenz
    Pornographie
    Homosexualität
    ›─ orgastische Impotenz
    Sadismus
    zwanghaftes Arbeiten
    ›─ orgastische Impotenz
    Unfähigkeit zur Arbeit

    DIE PANZERUNG des ORGANISMUS

    Die Basisfunktion, auf welche sich die Mannigfaltigkeit von Äußerungsformen von orgastischer Impotenz, wie sie oben beschrieben sind, zurückführen lässt, ist die Kontraktion von weiten Muskelbereichen des Organismus, wie Reich sie in den Begriff der „Panzerung“ fasst.

    Wenn die Panzerung eine Basisfunktion ist, die sich in der orgastischen Impotenz als eine Variation höherer Ordnung äußert, so stellt sich dem funktionellen Denken folgend die Frage nach der Antithese der orgastischen Impotenz. Diese ist der Atmungsblock.

    Atmungsblock
    ›─ Panzerung
    orgastische Impotenz

    Der Atmungsblock bedingt die Impotenz und die Impotenz ihrerseits den Atmungsblock, beide sind im Panzer verankert.

    Die Aufspaltung der Panzerung kann in folgende Funktionspaare erfolgen:

    • Atmungsblock und Unfähigkeit zu orgastischer Entladung
    • Streben nach Lust und Lustangst
    • Sehnsucht nach Liebe und Unfähigkeit zu lieben
    • Sadismus und Gewissensbisse
    • Perversion und Moral
    • zwanghafte Arbeit und Unfähigkeit zu Arbeit
    • Scharfe Trennung von Gott und Teufel

    Der Atmungsblock selbst als ein Prinzip höherer Ordnung funktioniert seinerseits als gemeinsames Funktionsprinzip für eine Vielzahl von Phänomenen wie eine unbewegliche Brust, Herzvergrößerung, hoher Blutdruck, usw.
    Wenn wir nun die Panzerung nicht nur als gemeinsames Funktionsprinzip auffassen, sondern auch als
    eine Funktion eines „tieferen“ Funktionsprinzips begreifen, so stellt sich zum einen die Frage nach dem Gegenpart und zum anderen nach dem gemeinsamen Funktionsprinzip dieser beiden Variationen im biologischen Kern.
    Zuvor möchte ich jedoch zur Erleichterung des Verständnisses anmerken, dass Reich dann von „Prinzipen höherer Ordnung“ spricht, wenn sie für einen eingeschränkteren Bereich Gültigkeit besitzen, während Prinzipen auf tieferen Ebenen (wie Pulsation, Anziehung, etc.) von Gültigkeit für einen weiten Funktionsbereich, letztendlich für alles Lebendige sind.

    Um die oben aufgeworfene Frage zu beantworten bedarf es wie immer zunächst der genauen Erkundung der Phänomene und Ausdrucksformen – in diesem Falle von Panzerung. Und hier zeigt sich, dass muskuläre Panzerung niemals statisch unbewegt ist sondern vielmehr wie zwei gegeneinander gestellte Fahrzeuge funktioniert, die trotz großer Kraft und Antrieb nicht von der Stelle kommen, ist die Kraft doch gegeneinander gerichtet.

    Die Panzerung kann also als Ergebnis eines Kräftegleichgewichts gesehen werden, welche nur ein Antippen auf einer der beiden Seiten benötigt, um Bewegung möglich zu machen. Das ist es, was man unter „Mobilisierung der Panzerung“ versteht.

    Die Immobilisierung des Menschen durch einander widerstehende Kräfte berührt eine zentrale Frage menschlicher Existenz. Warum findet im Gegensatz zum Tierreich eine derartige „Unterdrückung im biosozialen Bereich“ statt?
    Für die Beantwortung dieser Frage, wenn sie nicht nur aus akademischem Interesse gestellt wird, sondern grundlegenden Veränderungen dienen soll, muss das Blickfeld über den Menschen und sein soziales Umfeld hinausgehend erweitert werden. Das heißt, man darf die Rangordnungen in den Funktionsprinzipien nicht außer acht lassen.

    Was das heißt, soll am Beispiel der Beziehung von Charakterstruktur und Gesellschaftsbedingungen gezeigt werden.

    Charakter und Gesellschaft

    In der Charakteranalyse konnte Reich zeigen, dass die Charakterstruktur ihren sozialen Ursprung widerspiegelt und ihrerseits die sozialen Gegebenheiten reproduziert. Die Beziehung zwischen Charakterstruktur und Gesellschaft ist also reziprok und interaktiv.

    Wenn man nun die Charakterstruktur und die Gesellschaft in ihrer Wechselwirkung isoliert betrachtet, so ist beispielsweise „normal“, was den geltenden Verhältnissen entspricht, und man hat kein Mittel und vielleicht nicht einmal Anlass, um an den Lebensbedingungen etwas zu ändern.

    Bezieht man jedoch die menschliche Existenz auf deren tiefere, biologische Basis, so ist das, was aus der isolierten Betrachtung der Beziehung von Charakterstruktur und sozialen Verhältnissen als normal gilt, krank, weil lebensfeindlich.

    Dies zu beurteilen, d.h. die tiefere Ebene zur Verfügung zu haben, braucht einen Beurteiler, einen Forscher, der noch um die Naturgesetze „weiß“.

    „In order to master defects, in order to break through the eternal vicious circle of the production of biopathic character structures by society and the reproduction of life-dangerous social conditions by biopathic character structures, we must place ourselves outside this functioning realm; we must find out concretely what forms the common functioning principle of harmful social institutions and biopathic human character structures. Then it is no longer the principle of character formation per se that works as the functioning opposite of society per se; rather a special kind of character formation functions in interaction with a particular kind of social structure. Then we find that the typical character structure of man in contemporary society is armored and that this armoring produces corresponding social institutions and processes, and vice versa…..“Normal“ no longer signifies „adaption“ of man to existing social conditions, but it means adaptation to definite biological functions. From the viewpoint of the wider and deeper functioning realm of biology, what earlier appeared as normal in the sense of social adaptation now appears as abnormal or sick in the sense of `life-inimical function´.“ (Reich 1950b, 58)

    Reich spricht in diesem Zitat zwei wesentliche Elemente der funktionellen Denktechnik an: Zunächst die Wahrnehungs“ausstattung“ des Forschers, die Fähigkeit zur vegetativen Identifikation und damit die Fähigkeit, „die Umwelt mit Organbewegungen (plasmatischen Bewegungen) abzutasten“. (Reich, Ä.G.T., S.63) Die Behauptung, die „Organempfindung ist (deshalb) das wichtigste Werkzeug der Naturforschung“ (ebd.) ist revolutionär, überwindet Reich doch in dieser Feststellung die Trennung zwischen objektiven (äußeren) Gegebenheiten und subjektivem (innerem) Empfinden.
    Reich versteht die Organempfindung als „einen ersten Sinn streng physiologischer Natur“ (ebd. S.65) und meint an dieser Stelle weiter: „Um die Natur zu erforschen, müssen wir den Gegenstand der Forschung wörtlich genommen lieben. Wir müssen, in der Sprache der Orgonphysik ausgedrückt, unmittelbaren und ungestörten orgonotischen Kontakt mit dem Gegenstand der Forschung haben.“
    Die Bedeutung des Umstandes, dass „der Organismus nur zu empfinden vermag, was er selbst ausdrückt“, (ebd. S.71) kann nicht genug betont werden. Er ist dafür verantwortlich, dass gegen Lebensäußerungen von Säuglingen und Kindern angegangen wird (weil der Erwachsene den in sich selbst erstickten Schrei nicht mehr wahrzunehmen vermag), dafür, dass die Natur zerstört wird (weil der Kontakt zum Lebendigen und damit die Freude daran verloren gegangen ist), dafür, dass Menschen nach wie vor unter lebensfeindlichen Bedingungen arbeiten und leben, und wohl auch für das neuerliche Aufkeimen faschistischer Tendenzen, in welchen sich die Sehnsucht nach Freiheit paart mit der Angst davor.
    Dies bedeutet, dass der Forscher – will er dazu beitragen, dass sich Veränderungen vollziehen von lebensfeindlichen zu lebensförderlichen Bedingungen – außerhalb dieser Strukturen zu stehen hat. Um Neues zu finden muss er sich außerhalb von dem befinden, was er zu beurteilen hat.
    Der zweite, ebenso wesentliche Aspekt ist der, dass Reich – anders als beispielsweise Psychoanalytiker oder mechanistische Forscher – den Menschen nicht außerhalb der Natur und damit den Naturgesetzen stellt. Diese „evaluations man over nature“ führen dazu, dass die Beurteilung eines weiteren Funktionsbereichs (der Natur) aufgrund eines engeren Funktionsprinzips (beispielsweise der Psychologie) erfolgt, was aus orgonomischer Sicht unzulässig ist. Orgonomischer Funktionalismus findet den Bezugsrahmen und Maßstab für Gesundheit und Krankheit – wie im obigen Zitat ausgedrückt – nicht in der isolierten Betrachtung von psychosozialen Bedingungen des Menschen, sondern in den Gesetzen des Lebendigen selbst.

    Der Mensch wird bei Reich also in erster Linie als in die Naturgesetze eingebundenes Lebewesen, als „lebendige Kreatur“ verstanden, weshalb Reich auch vom „Menschen-Tier“ spricht. Und damit gilt die Fähigkeit zu natürlichem Funktionieren als gesund und nicht die Angepasstheit an von (neurotischen) Menschen geschaffenen Strukturen.
    Dies erst gibt die Möglichkeit aus dem Teufelskreis von sozial lebensfeindlichen Strukturen auszusteigen, welche Menschen aufgezwungen werden und sie prägen, weshalb diese ihrerseits diese Strukturen wiederherstellen.
    Ich möchte diese „Rezension“ mit einem Zitat von Wilhelm Reich in seiner vollen Länge schließen und hoffe, dass etwas von der aufrüttelnden und erschütternden Qualität, welche mich beim Lesen erfasste, auch den Leser erreicht:

    „But armored man for hundreds of years, indeed thousands of years, has taken his own peculiarities and variations, and his unnatural biopathic abnormalities to boot, as the platform for his world picture. This sin against the laws of thought he has indeed paid for with an infinitude of unnecessary and gruesome sacrifices. He has fantasied out of his abnormality his godlike origin, and has created out of his godlike origin his God according to his own likeness. He has ascribed to this God his own littleness and revengefulness, his won moralistic brutality, and he has paid sacrifices to him: He has slaughtered children, burned his widowed women; he has martyred the unorthodox, in the Middle Ages with religious arguments and in Modern times with state-political ones. Whoever wishes to view this as normality, whoever cannot escape from this framework of thought, has in fact signed his soul over to the Devil within him. And in his Devil the human animal will sooner or later recognize a God who is by the armor block of man´s character perverted to the Devil. For even „God“ and „Devil“ are not an absolute and certainly not a metaphysical antithesis, since they have their common rooting in the natural feelings for life of the human animal.“ (Reich 1950b, 62)

    Literatur:

    Reich W.: Äther, Gott und Teufel, Nexus Verlag, Frankfurt 1983
    Reich W.: Orgonomic Functionalism. Part II Chapter 1-5.
    Orgone Energy Bulletin Vol. 2, NO.1, 1950a
    Reich, W.: Orgnomomic Functionalism Part II Chapter 6-8.
    Orgone Energy Bulletin Vol. 2, NO.2 , 1950b
    Reich,W.: Orgonomic Functionalism. Part II Chapter 9-11.
    Orgone Energy Bulletin Vol. 2, No. 3, 1950c

    P.S. Dieser Beitrag geht noch weiter. Dorthin, wo sich der Kreis – von der Entdeckung der Funktion des Orgasmus in der klinischen Arbeit mit Patienten bis zu dessen Beschreibung als die Funktion, welche das Lebendige selbst auszeichnet, schließt.
    Doch nun will ich zunächst „artikel-unbelastet“ meinen Urlaub genießen. Auch will ich mir eine „Verdauungszeit“ gönnen und somit die Materie durchdringen, um sodann auf der Ebene eines tieferen Verständnisses zu einem späteren Zeitpunkt die Fortsetzung folgen zu lassen.

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  • Bukumatula 4/1996

    Das Wilhelm Reich Museum in Orgonon

    Wolfram Ratz:

    Im Sommer 1942 war es Jo Jenks gewesen – eine Bildhauerin, die damals bei Reich in Therapie war und deren Arbeiten er sehr bewunderte -, die in Maine eine leer stehende Farm entdeckte, die Reich noch im selben Jahr kaufte, „Orgonon“ nannte und zu seinem wissenschaftlichen Zentrum wurde. Die Farm lag ein paar Meilen westlich vom Dorf Rangeley und wenige Meilen östlich des Mooselookmeguntic Sees. Der Besitz bestand zum Teil aus Wäldern, zum Teil aus Wiesen. Es gab einen Brunnen und eine Quelle; das Land hatte etwa eine halbe Meile Ufer am Dodge Pond. Das Anwesen war 113 Hektar groß und kostete etwa 2000 Dollar.

    Reichs aufwendigstes Gebäude entstand in den Jahren 1948/49: das Observatorium. Es wurde auf einem Hügel erbaut, von wo aus man einen wunderbaren Rundblick auf Berge und Seen hatte. Das Observatorium zeigte Reichs wachsendes Interesse an astro-physikalischen Phänomenen. Da er vorhatte, ein schweres Teleskop daraufzusetzen, wurde das Fundament auf festen Fels gelegt. Das ganze Gebäude wurde mit Feldsteinen erbaut, mit ungefähr einen halben Meter dicken Mauern. Reich war in den eigentlichen Bauprozeß fest eingebunden. Er beobachtete täglich den Fortgang und bewunderte die Geschicklichkeit der Arbeiter, besonders der Maurer, die die Naturfelsen verarbeiteten – ihr weitgehend intuitives Wissen, welcher Stein wohin passen würde. Reichs aktive Teilnahme an der Gestaltung des Gebäudes wird deutlich sichtbar in der Auswahl der Materialien, den hohen Räumen, den großen Fenstern und vielen weiteren Details. Da er zum Beispiel plante, hier auch seinen Lebensabend zu verbringen, ließ er die Stufen zum Eingang sehr niedrig bauen, damit „ein Mann mit achtzig Jahren das leicht schaffen kann“.

    Reich finanzierte den Bau aus Eigenmitteln. Das Eintreffen von Rechnungen des Baumeisters versetzte ihn regelmäßig in mehr als moderate Erregung. Seine Frau Ilse Ollendorff-Reich erinnert sich:

    „Während der Bauzeit war jener Tag im Monat, an dem die Rechnung kam, für alle, die 1948 und 1949 im Büro und Laboratorium arbeiteten, eine absolute Seelenqual. Wir versuchten an diesem Tag alle, Reich soweit wie möglich aus dem Wege zu gehen. Er schwenkte die Rechnung in der Hand – besonders in meiner Richtung, da ich die Buchführung besorgte – und schrie etwas über die Extraberechnungen, die kontrolliert werden müßten. Ich verbrachte endlose Stunden damit, jedes einzelne Detail der Rechnung und besonders der Extraberechnungen zu kontrollieren. Ich habe das Gefühl, daß die paar Fehler, die ich gelegentlich fand, eine Zeitverschwendung und meiner Bemühungen nicht wert waren, aber bestimmt nicht der unnötigen Aufregungen, die sie Reichs anstrengender Tätigkeit hinzufügten. Aber er war überzeugt, daß dies die einzige Methode war, den Bauunternehmer zu zwingen, sich im Rahmen des Kostenvoranschlags zu halten.“

    Die Widmung Orgonons in ein Museum wurde von Wilhelm Reich testamentarisch festgehalten:

    „During the years following 1949 my life was running its course within and around the walls of the Orgone Energy Observatory. I supervised the building myself for two summers; I paid out upwards of $35.000 from my privately earned possessions for the construction. I have collected here all the pertinent materials such as instruments which served the discovery of the life energy, the documents which were witnesses to the labors of some 30 years and the library of a few thousand volumes, collected painstakingly over the same strech of time and amply used in my researches and writings, the paintings, some 25 of them, small items which I loved and cherished during my lifetime… All of these things … should remain where they are now in order to preserve some of the atmosphere in which the discovery of the life energy has taken place over the decades.“

    Das Orgone Energy Institute wurde 1960 als Museum erstmals öffentlich zugänglich gemacht. Das Gebäude wurde von dem New Yorker Architekten James B. Bell entworfen und von S.A. Collins erbaut. Die Holzkonstruktion auf dem obersten Stock des Gebäudes war – und blieb – eine Interimslösung. Der Betonboden sollte später als Fundament für eine rotierende Kuppel eines 24cm Refraktor-Teleskops dienen. Die Geschehnisse ließen den Erwerb des Teleskops nicht mehr zu, wodurch diese provisorische Konstruktion erhalten blieb.

    Am Boden vor der Eingangstüre findet sich die Inschrift „Orgone Institute“; über dem Eingang ist in Bronze eine Abbildung des Symbols des orgonomischen Funktionalismus. Betritt man das Gebäude und wendet sich im Vorraum nach rechts, findet man sich in einem großen Raum, der als Labor vorgesehen war und auch für Konferenzen diente. Er wurde später in einen Wohnraum – mit zweckmäßigen Möbeln und mit einer Wurlitzer-Orgel – umgewandelt. Durch die Fenster, die dem Dodge Pond zugewandt sind, ist Reichs erster erfolgreich eingesetzter Cloudbuster zu sehen. In einem weiteren Raum im Erdgeschoß kann man Instrumente und Apparate sehen, die von Reich in seiner Forschungsarbeit benützt bzw. entwickelt wurden.

    Im ersten Stock befinden sich Reichs Arbeitszimmer, die Bibliothek, das Behandlungszimmer und die Sonnenterrasse. In seinen letzten Lebensjahren errichtete er ein kleines Labor im Vorraum seines Arbeitszimmers. Es ist so erhalten, wie er es verlassen hat.

    Weitere wissenschaftliche Ausrüstungsgegenstände sind im obersten Stock des Gebäudes ausgestellt. Auch Reichs Staffelei; Reich begann das Malen 1951 als Hobby. Seine Bilder hängen überall im Museum. Sie drücken seine Freude an dieser Ausdrucksform aus und sein Interesse an Farben.

    Außen, auf dem Dach, ist ein großer metallener Himmelskörper angebracht, der die verschiedenen astrophysikalischen Koordinaten anzeigt; der Wetterhahn am Schornstein stammt aus Zeiten, in denen in Orgonon noch Scheunen standen.

    Reich selbst ist in Orgonon bestattet. Seine Grabstelle wurde 1961 von Ronald Sargent erbaut und befindet sich in der Nähe des Hauptgebäudes. Sie steht auf einer Felsenbank, von wo man einen schönen Blick auf Hunter Cove und auf die wunderschöne Landschaft ringsum hat. Reichs Büste auf dem Grabstein stammt von Jo Jenks aus dem Jahr 1949.

    Für eine Eintrittsgebühr von 3 Dollar kann das Museum in den Monaten Juli und August von Dienstag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr und im September an Sonntagen von 13 bis 17 Uhr besucht werden. Im angeschlossenen „Bookstore“ gibt es einiges zu erwerben: über fünfzig Buchtitel von bzw. über Reich und seine Arbeit, Zeitschriften, Tonband- und Videokassetten, Fotos, Postkarten und T-Shirts, etc.

    Der Bookstore-Catalogue kann unter folgender Adresse angefordert werden:

    The Wilhelm Reich Museum
    Orgonon
    P.O. Box 687
    Rangeley, Maine 04970
    USA
    Tel.: 001/207/864/3443
    Fax: 001/207/864/2007
    (aus Österreich)

    _______________________

    Quellen:
    Ilse Ollendorff Reich, Wilhelm Reich; Kindler TB2234, 1975
    Myron Sharaf, Wilhelm Reich; Simon u. Leutner, 1994
    The Reich Museum Catalogue

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  • Buk 1/1995 Leidenschaft der Jugend

    Bukumatula 1/1995

    Leidenschaft der Jugend

    Beatrix Teichmann-Wirth:

    Für BUKUMATULA hat Beatrix Teichmann-Wirth Wilhelm Reichs kürzlich auf Deutsch erschienene Autobiographie „Leidenschaft der Jugend“ gelesen.

    Das Vorhaben, Wilhelm Reichs Buch zu rezensieren, will nicht gelingen. Beim Versuch schleicht sich ein Gefühl des Unbehagens, der Scham (?) ein. Einzugreifen in die Intimsphäre, etwas preiszugeben, zu veröffentlichen, über zutiefst Persönliches zu schreiben erscheint nicht angemessen. So will ich mich auf weniges beschränken. Eher aufmerksam machen als zu re-zensieren, mehr einladen zum Selbstlesen als vorwegzunehmen.

    „Ich will ehrlich sein: Auch mir kam oft der Gedanke, das soll und will gelesen sein – und doch ist mir der Gedanke, irgendeiner sollte dies lesen, unheimlich!“ schreibt Wilhelm Reich.

    Auch mir ist bei der Lektüre dieses Buches bisweilen „unheimlich“ geworden. Unheimlich vor allem wegen der radikalen Offenheit, mit welcher Reich über sich und seine Geschichte schreibt. Er schont sich nicht. Wie er sich in seiner Sentimentalität zeigt so auch in der ans Brutale grenzenden Nüchternheit, mit welcher er sich und andere analysiert und beurteilt.

    Und immer ist er ein Zerrissener, ein Ringender, der verzweifelt Antwort sucht.

    Reich zeigt sich als ein Zerrissener in seiner Beziehung zu Frauen, welche er in Dirnen und Mütter aufspaltet, sie teilweise „seziert“, mit Eigenschaften belegt und verurteilt. Er, der damals 22-jährige – das Alter gilt es bei der Lektüre zu bedenken – ist hin- und hergerissen zwischen Idealisierung und Abwertung, zwischen Sehnsucht nach Mütterlichkeit und befriedigender Sexualität, welche er nicht vereint findet. Und man gewinnt den Eindruck seiner immerwährenden Suche nach der verlorenen Mutter. Verloren aufgrund des eigenen Verrats -hat er sie doch an den Vater ausgeliefert, indem er ihren Seitensprung verriet. Das darauf folgende Martyrium beendete seine Mutter schließlich mit Selbstmord. Der Vater überlebte sie nur kurz. Und Reich schreibt: „Mag mein Lebenswerk meine Missetat wieder gut machen.“

    Noch einmal findet sich die Verbindung von (verbotener) Sexualität und Tod in Reichs Biographie. Dort, wo er mit Lore ein Verhältnis eingeht, welches in einem kalten Zimmer stattfindet und aufgrund einer Lungenentzündung ihren Tod zur Folge hat und des weiteren den Selbstmord ihrer Mutter.

    Auch was seine Sehnsucht nach Familie betrifft, ist Reich ein Zerrissener. Beneidet er auf der einen Seite die gutbürgerlichen Töchter und Söhne, deren Mütter sonntags mit dem Essen auf sie warten, so findet er auf der anderen Seite die Lügen und Konventionen unerträglich.

    Er zeigt sich in seiner Zerrissenheit zwischen ehrgeizigem Angetriebensein und der Sehnsucht nach „einem Augenblick Nichtschaffens, Nichtleistens, nach einer Sekunde trägen Nichtstuns!“ In seinem Schwanken zwischen Sentimentalität und Eitelkeit auf der einen Seite und bis an die Selbstzerfleischung gehender trockener Analyse auf der anderen.

    Reich zeigt sich in seinen Anflügen von Selbstüberhöhung, seiner Depression, seiner Trostlosigkeit und Minderwertigkeitsgefühlen und vor allem in seiner Verzweiflung.

    Er zeigt sich in seinem seit Kindheit währenden Außenseitertum und in seiner Einsamkeit.

    Reich zeigt sich.

    Ist zu hoffen, daß das Buch liebevolle Augen erreicht und nicht an solche gerät, welche einmal mehr Ansatzpunkte für Angriff und Diffamierung suchen. Davon würden sie in diesem Buch nämlich genügend finden.

    Wilhelm Reich: Leidenschaft der Jugend. Eine Autobiographie.
    1897-1922. Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch: Köln, 1994.

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  • Buk 1/95 Leben will ich, leben!

    Bukumatula 1/1995

    Leben will ich, leben!

    Bernhard Hubacek:


    Als vor einigen Jahren am Lusterboden des Wiener Burgtheaters „Rede an den kleinen Mann“ aufgeführt wurde, saß ich neugierig in den vorderen Reihen halbrechts. Die Arbeiten Reichs waren mir zu diesem Zeitpunkt nur sehr unvollständig und oberflächlich bekannt. Zwar befand ich mich gerade in einer Ausbildung zum Körperpsychotherapeuten, aber dort wurden die Arbeiten Reichs mehr erwähnt als erklärt.

    Es sollte ein eindringlicher, in seiner Intensität fast beklemmender Theaterabend werden. Ich erinnere mich noch gut an die dichte Spannung, die sich im Publikum breit machte und bis zum Ende hin ständig anstieg. Tief beeindruckt machte ich mich auf den Weg nach Hause.

    In der Folge bemühte ich mich verstärkt, ein besseres Verständnis von Reichs Arbeiten zu gewinnen. Mein Interesse war zwar geweckt, aber ich stieß bald an Grenzen. Hatte ich mich eine Zeitlang tapfer durch die mir gerade zugänglichen Bücher gewühlt, so legte ich sie doch ebenso oft wieder ratlos zur Seite. Ich fühlte mich von der Idee des Lebendigen angezogen, versuchte zu verstehen, aber begriff nicht wirklich. Vor allem wußte ich nicht, daß mir gerade das persönliche Erleben auf diesem Gebiet fehlte. Ganz ähnlich erging es mir in meiner damaligen Psychotherapie: Ich steckte fest, bestimmte Themen waren mehr oder weniger „durchgearbeitet“, eine oberflächliche Schicht meiner Gefühlswelt war freigelegt und mir so besser zugänglich geworden, aber für mein tägliches Leben schien dies alles keine wirkliche Bedeutung zu haben. Innerlich war ich im Grunde unberührt geblieben. Etwas Entscheidendes fehlte. Ich wußte nicht was.

    Eines Tages saß ich während einer Stunde wieder auf meinem Polster. Mein Therapeut saß in etwa eineinhalb Meter Abstand entfernt von mir an die Wand gelehnt, und sah mir freundlich interessiert zu, wie (s)ich nichts tat. Draußen war’s schön, die Sonne schimmerte herein. Ich atmete schwach und hörte mich plötzlich leise sagen: „Ich möchte gerne, daß wir endlich was mit dem Körper machen“. Eine Weile geschah nichts. Die genaue Antwort ist mir nicht mehr erinnerlich, wohl aber der überrascht-irritierte Ausdruck in seinem Gesicht. Mir wurde klar, daß der Mann mindestens genauso viel Angst vor Kontakt hatte wie ich. Oder noch mehr.

    Mit einem Mal wurde die ganze resignative Kontaktlosigkeit in mir nach oben gespült. Alles genau wie Reich es beschrieben hatte.

    Ich betrachtete dieses wichtige Erlebnis als Signal für Veränderung und beendete diese Art von Therapie kurze Zeit später.

    Die Begegnung mit Loil Neidhöfer, Petra Mathes und dem Wiener SKAN-Kreis kam für mich gerade zur rechten Zeit – und führte mich wieder direkt zu Reich zurück. Erstmals spürte ich etwas von dem, was in den Büchern zu lesen war! Ja, da gab es eine sehr reale Sehnsucht nach einem anderen, lebendigeren und kontaktvolleren Leben.

    Reich schrieb über die Entdeckung der Lebensenergie: „Wir müssen fragen: War die Unkenntnis des Lebendigen bloß Resultat mangelhafter Denktechnik und ungenügender Forschungsergebnisse? Oder war sie Resultat einer charakterlichen Hemmung, sozusagen unbewußte Absicht? Die Geschichte der Wissenschaft läßt keinen Zweifel darüber, daß das Lebendige nicht erforscht werden durfte; daß es die maschinell-mystische Struktur des Menschentiers über Jahrtausende war, die mit allen, aber auch allen erdenklichen Mitteln die kosmischen Grundlagen des Lebendigen aus der Erforschung ausschloß.“

    Ja, es durfte nicht. Ich durfte nicht. Da gab’s in mir ein Verbot, das ich von nun an mit allen Mitteln außer Kraft setzen wollte.

    Reich! Er hat sich bei der Erforschung des Lebendigen durch nichts und niemanden abhalten lassen. Er hat die Funktion der orgastischen Plasmazuckung entdeckt und damit die Grundlage für die Erforschung elementarster Lebensfragen geschaffen: das biologische Fundament seelischer Erkrankungen war ebenso davon berührt wie die tiefsten kosmischen und spirituellen Sehnsüchte der Menschen, das Übel der Krebskrankheit, die Strahlengefahren bis hin zur Erschließung neuer Energiequellen und noch viel mehr.

    Ich hatte Reich folglich in seinen Arbeiten immer als disziplinierten, klar formulierenden Wissenschafter, Arzt und Psychotherapeuten gesehen, als kompromißlosen Forscher auch, für den die Psychoanalyse nur Ausgangspunkt seiner Arbeiten war und niemals Heimat sein sollte.

    Nun habe ich gerade die autobiographischen Tagebuchnotizen und Briefe aus Reichs früher Kinder- und Jugendzeit gelesen. Ich spüre: Da wächst ein neues, zärtliches Gefühl für Reich heran. Eine neue Beziehung entsteht. Das von mir bewunderte vielseitige Genie tritt in den Hintergrund, die klare, kompetente fachliche Autorität wird weniger wichtig. Die scharfen Konturen des Bildes, das ich mir von Reich gemacht habe, verändern sich, werden weicher, beginnen zu verschwimmen.

    Ja, Reich, immer wieder muß ich das Foto betrachten, aufgenommen 1900, im Alter von drei Jahren. Du hältst ein Schaukelpferd. So weich und warm siehst Du aus, so einsam, so verletzt.

    Du liegst mit einer Gruppe von Jugendlichen auf einer Wiese, ein Mädchen schmiegt sich an Dich, so sinnlich bist Du, so ungepanzert!

    Dein Schicksal ist ergreifend. Woher nimmst Du die Kraft? Wie kannst Du Dich so fanatisch dem Lebendigen verschreiben, wo der Tod und die Tragödie immer in so unmittelbarer Nähe lauem? Wie schaffst Du das?

    Weil Du ein Liebender bist!

    Wahrnehmung und m Einklang mit der Atmung und den Körperempfindungen zu ersetzen. In dir brennt es : „Leben will ich, leben, aber in einem anderen Sinn als Ihr es von mir fordert! Leben, leben, ich schreie und lechze danach, nicht vegetieren, nicht kriechen, nicht wegen 200 Kronen meine Eigenwürde aufgeben …“

    Reich fühlt sich schuldig am Selbstmord seiner Mutter. Er hat ihren Seitensprung mit dem Hauslehrer dem strengen Vater verraten und dessen grausame Bestrafungsrituale miterlitten. Häufig verflucht er den Vater, muß sich zuhause einsperren lassen, darf bis zu seinem elften Lebensjahr nicht mit anderen Kindern spielen. Aber so sehr Vater „die Tür verrammelt“, sich sein fordernder Ehrgeiz über ihn ausbreitet, dürstet er doch nach Lust und Leben, hält mit aller Kraft dagegen, auch wenn es ihm manchmal scheint, als müßte er „alles mühsam suchen und finden, was anderen von selbst in den Weg läuft“. Als Bub muß er Auszeichnungen nach Hause bringen, sich „am Klavier vor fremden, zuwideren Leuten produzieren“, weil ER die Lehrerin bezahlt.

    Reichs Vater führt seinen Sohn in Gesellschaft regelrecht vor, läßt ihn Französisches aufsagen, mißbraucht ihn: „Soll ich denn für mein Geld von meinen Kindern keine Freude haben?“ ist er sich seiner selbst scheinbar sicher.

    Reich leidet darunter und sieht doch den „intelligenten und klugen Mann“ im Vater, den er nicht nur hassen, sondern eben auch lieben kann. Bisweilen zieht er sich in seine Bücher und Träume zurück, wird „ernst und mürrisch vor der Zeit“ und kriecht doch gleich wieder förmlich aus sich heraus, „als eine neue Köchin ins Haus kommt und neue reale Lust zu wittern ist“.

    Als nach der Mutter auch der Vater stirbt, Reich ist gerade 17 Jahre alt, spürt er vor allem Schmerz über die Fremdheit, die zwischen ihm und dem Vater geblieben ist.

    Reich schreibt, er habe nie um Vater und Mutter geweint, „wie’s vorgeschrieben ist“, denn er weiß: „Die bewußte Liebe zu ihnen wird nie verschwinden. Was soll die Trauer? Zugeständnis aufdringlicher Gefühle an die Mitwelt? Das ist meine Trauer: Jenes Zusammenziehen des Herzens, das aufs Hirn übergreift und im Schlucken behindert, das auftritt, wenn man am allerwenigsten daran denkt, das ist meine Trauer, mein Wehe, das nie laut wird, sondern wie eine Welle in mir aufsteigt und in sich selbst zurückversinkt.“

    Gefühle von Einsamkeit, Verzweiflung, Leere und Verlassenheit begleiten Reich zeitlebens, nehmen ihn aber nie gefangen. Er erfreut sich seiner früh erwachten sexuellen Lust, versehrt sich, läßt nichts aus, stolpert von einer Liebschaft in die nächste, „auf blinder Suche nach dem Glück, einen Menschen zu haben, einen ganz allein, doch den voll und ganz“ und sprengt die selbst gelegten Fesseln gleich ohne Zögern, sobald er sie als solche wahrnimmt.

    Zu Kriegsbeginn kämpft Reich an der Italien-Front und weiß genauso wenig Antworten auf das warum und wozu wie alle anderen. Wichtig scheint nur: Gegen wen. Im Krieg wird auch einer wie Reich zum Teil der Maschinerie. Gewöhnung und Abstumpfung machen sich schnell breit: „In den ersten Nächten hatten alle Angst. Dann gewöhnte man sich daran und legte sich automatisch flach auf den Boden, ebenso wenn Scheinwerfer oder Raketen leuchteten. Ab und zu schrie einer auf und wurde davongetragen. Das ging mit der Zeit ganz automatisch wie in einem wohlgeordneten Büro.“

    Wieder zurück im Nachkriegs-Wien, Reich hat alles verloren und lebt in bitterer Armut, stürzt er sich sofort wieder hinein – ins Leben: Sich selbst und andere stets bis an die Grenzen des Erträglichen fordernd und manchmal darüber hinaus, in eiskalten Räumen mit Handschuhen und Mantel studierend, mehr unglückliche als erfüllte Liebschaften anziehend.

    Reich zeigt sich in einer für mich bisher unbekannten Weise: Bisweilen sehr sentimental, richtig wienerisch, pathetisch, kokettierend. Aber doch immer mit wahrhaftiger, liebevoller Stimme.

    Ich habe ihn lieb gewonnen, diesen immer ein bißchen unzufriedenen, idealistischen jungen Grübler, diesen wachen Querkopf voll Tatendrang und vitaler Energie.- Sein leidenschaftliches In-der-WeltStehen beeindruckt und regt immer noch auf Gut so, gerade jetzt!

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  • Buk 1/95 Sich mit offenem Herzen bewegen

    Bukumatula 1/1995

    Bemerkungen über Körperarbeit und `Streaming Theater´

    Al Bauman
    Übersetzung Brigitta Bolen, Wolfram Ratz und Andrea SchlegelhoferAl Bauman:

    Es war 1952 oder 1953. Ich saß mit Reich auf einem Balkon in Orgonon, als er mich mit einer Frage überraschte. „Glaubst du, daß ich irgendetwas getan habe?“ Und er fuhr fort, während er auf die Hügel am Horizont deutete: „Nein, ich habe die Fähigkeit zu wissen, was auf dem Gipfel dieses Hügels dort drüben ist. Etwas tun bedeutet jedoch, diesen Hang hinunterzugehen, das Tal zu durchqueren und den Gipfel des Hügels drüben zu besteigen.“

    Sobald die Panzerung sich gelöst hat, besteht die Möglichkeit, den Charakter zu ändern.

    Reich hat geschrieben, daß der Charakter sich in Form von Strategien und Gewohnheiten entwickelt, die Kinder anwenden, um sich vor ihren besten Instinkten zu schützen. Von den vielen Kindern, die ruhig gehalten werden – „Kinder soll man sehen, aber nicht hören“ – bleiben manche stumm, manche schreien, manche singen, andere wiederum sprechen nur, nachdem sie ihre Umgebung mißtrauisch gemustert haben, manche setzen tuschelnd Tratschgeschichten in die Welt etc.

    Panzerung hat viele Ausdrucksformen. Ihre Strategien beginnen automatisch abzulaufen, und es gibt Entsprechungen in allen Teilen des Körpers.

    Wenn nun die Panzerung sich löst, nachdem die Gefühle, die gegen die Panzerung gerichtet sind – Wut etwa – ausgedrückt worden sind, ist es notwendig, die darauf folgende Bewegung der freiwerdenden Energie im Körper – das Strömen – wahrzunehmen und zu fühlen.

    Simeon Tropp wollte während meiner therapeutischen Sitzungen bei ihm immer, ich solle ihm über neue Empfindungen, bewußte Wahrnehmungen und Verhaltensweisen aus der Zeit zwischen den Sitzungen berichten.

    Während einer kurzen Periode von einer Woche brachte ich meine Strömungsgefühle zeichnerisch zu Papier. Als ich diese etwa 50 Zeichnungen Simeon zeigte, fragte er mich, ob ich jemals Anatomie studiert hätte.

    Keine Bewegung ohne emotionalen Ausdruck

    Er meinte, daß bestimmte Feinheiten der Anordnung und der Beziehung von Knochen zueinander nur durch ein solches Studium erlernt werden könnten. Ich hatte natürlich nicht Anatomie studiert.

    Physische Bewegung kann von jedem Teil des Körpers ausgehen. Man kann den Körper zum Beispiel beim Gehen von den Knien, von der Stirn, von den Augen, vom Becken, vom Brustkorb, von den Händen usw. aus leiten lassen.

    Ich habe für diese Punkte den Ausdruck „pivot points“ – Angelpunkte -gewählt. Das sind Punkte, um welche der Körper sich dreht, das Gleichgewicht verlagert, und, unterstützt durch vollständige Atmung, die spezielle Bewegungsenergie – das „Momentum“ erzeugt.

    Wenn ein Athlet oder Tänzer sich ständig um seine pivot points bewegt und es dem ganzen Körper erlaubt, diese Bewegung anzunehmen, so wird das als „being in the zone“ bezeichnet.

    Es gibt keine Bewegung, die nicht gleichzeitig emotionalen Ausdruck zeigt. Und es gibt keinen Katalog mechanistischer Entsprechungen von Bewegungen, die von einzelnen Körperteilen ausgehen und von bestimmten Gefühlen. Wenn der Brustkorb die Bewegung führt, kann einmal Arroganz vorherrschen, dann wieder Sehnsucht, wieder ein anders Mal Traurigkeit usw.

    Die Möglichkeit, einen neuen Charakter zu entwickeln wird genährt
    durch das Erlebnis und das Annehmen der Funktionsweise des
    gesamten Körpers, um die Automatismen durch bewusste Wahrnehmung und im Einklang mit der Atmung und den Körperempfindungen zu ersetzen.

    Dabei können zahllose Zusammenhänge und Folgen beobachtet werden. Einer der bemerkenswertesten Aspekte bei der Entwicklung eines neuen Charakters durch Konzentration und Übung ist die Erfahrung, daß Sprache und Ausdruck von der Biologie ausgehen, von inneren Quellen über die Muskulatur usw. in den Ausdruck gelangen.

    Dieser Entdeckung, die neue Wege in der Arbeit an der menschlichen Gesundheit, in der Kunst und für Änderungen in unserer Umwelt eröffnet, habe ich den Namen „Streaming Theater“ – Strömendes Theater – gegeben.

    Egal in welcher Disziplin – ein Therapeut/Begleiter kann einen Klienten nicht dazu bewegen, sich weiter als an die Grenzen des Therapeuten/der Therapeutin selbst heranzuwagen. Er könnte ihn ja dann dorthin auch nicht mehr begleiten. Das ist besonders wichtig bei der Lösung der Beckenpanzerung und dem Entstehen des vollen Orgasmusreflexes, verbunden mit der Hingabe an ein vollständiges Strömungsempfinden. Gerade in dieser Situation ist es für Therapeuten unumgänglich, über ihre eigenen Grenzen Bescheid zu wissen und im Umgang mit dem Klienten kein durch Panzerung hervorgerufenes Verhalten einzusetzen.

    Vor allem dann, wenn ein Teil des Oberkörpers von der Panzerung befreit wurde, besteht ein starker Drang nach Erfüllung. Angst und Schmerz können sich dann zur Struktur verhärten, wenn die Orgasmusangst und die Lösung der Beckenpanzerung vermieden werden.

    Unter den sogenannten Professionals können diejenigen, die es sich so eingerichtet haben, daß sie, ohne vollständige Strömungserfahrungen zu machen und mit der Frustration, die mit der Beckenpanzerung verbunden ist, leben, mächtige Triebkräfte der „Emotionalen Pest werden.- Die häufigsten Symptome, abgesehen von Tratsch und Sticheleien, sind:

    1. die Polarisierung von denken und Fühlen, Intellekt versus Strömen,
    2. die Schaffung von professionellen „Lobbies“ – Gesellschaften, um ökonomische und professionelle Interessen zu schützen.

    Ein anderes Symptom, das einer Stellungnahme bedarf, hat mit „Spiritualität“ zu tun. Genauer gesagt meine ich damit bestimmte Praktiken, die ihren Ursprung im Osten haben und in deren Mittelpunkt ein Guru steht, seine Person, seine Worte und seine Anweisungen.

    Das Überschreiten gedanklich konstruierter Grenzen

    Für mich gilt hier Reichs Konzept der „Counter Truth“ – Gegen-Wahrheit, die nichts Falsches zeigt, sondern für Handlungen und Konsequenzen im Rahmen von gepanzertem Leben wahr ist.

    Ich fühle zum Beispiel immer eine Art von Dankbarkeit, wenn ich Menschen in die etablierten Kirchen gehen sehe; vielleicht verringert das ihre Neigung zu Gewalttätigkeit.

    Beim ‚Therapeuten/Begleiter scheint das Einschlagen des „spirituellen Weges“ die Unfähigkeit zu zeigen, sein/ihr sich ausdehnendes Energiefeld zu benützen, um die gedanklich vorgefaßten Grenzen zu überschreiten.

    Das Erlebnis von ungepanzertem Strömungskontakt im Universum öffnet die Möglichkeit der Identifikation mit der kosmischen Energie und nährt die eigene Ganzheit und Lebensfreude.

    Unsere immerwährende Herausforderung:

    Uns mit offenem Herzen bewegen und gleichzeitig

    der Realität lebendig begegnen.

    „To move with open heart“ erschien im Oktober 1993 in SKANReader Nr. I. Die Übersetzung ins Deutsche besorgten für BUKUMATULA Brigitta Bolen, Wolfram Ratz und Andrea Schlegelhofer.

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  • Bukumatula 2/1995

    Reichs Weg zum genitalen Charakter

    Redaktioneller Vorspann zu Loil Neidhöfers Artikel
    Wolfram Ratz:

    Der psychoanalytische Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt Wilhelm Reichs bildete die Untersuchung der Triebenergetik auf Grundlage des Libidokonzepts Sigmund Freuds. Da die Begriffe „Genitalität“ und „orgastische Potenz“ von grundlegender Bedeutung für Reichs Werk sind, habe ich in aller Kürze versucht den Weg Wilhelm Reichs dorthin – und nachfolgend zum „genitalen Charakter“ – nachzuzeichnen.

    Wenn Reichs erster Artikel „Über Genitalität“ aus dem Jahr 1923 ein eher bescheidener Beitrag zur bereits bestehenden psychoanalytischen Literatur war, kam Reich in der Folge zu der heftig umstrittenen Schlußfolgerung, daß alle neurotischen Patienten genital gestört seien. Das heißt, keiner erlange die volle Befriedigung im Geschlechtsverkehr, wobei er sich neben seinen eigenen Beobachtungen – wie auch sonst so oft – auf Äußerungen Freuds – in diesem Fall aus dem Jahr 1905, bezog , daß „keine Neurose möglich ist mit einer normalen vita sexualis“. In der Internationalen Zeitschrift fair Psychoanalyse erschien 1924 ein weiterer Artikel Reichs, wo erstmals der Begriff „orgastische Potenz“ auftauchte. Sie fehle den Patienten, auch wenn sie im herkömmlichen Sinne des Wortes „potent“ waren. „Orgastische Potenz“ beinhalte etwa das Zusammenspiel von zärtlichen und sinnlichen Strebungen gegenüber dem Partner, rhythmische Bewegungen während des Verkehrs, ein Hinübergleiten in einen Zustand ohne Bewußtseinstätigkeit auf der Höhe der sexuellen Erregung, Zuckungen der gesamten Muskulatur während der Phase der Entladung und schließlich Gefühle der wohligen, entspannten Ermattung nach dem Geschlechtsakt.

    1925 erschien der Aufsatz Die Rolle der Genitalität in der Neurosentherapie, wo er auf die „unwillkürliche Hingabe“ und die Einbeziehung des gesamten Körpers in die Genitalität zu sprechen kommt. Entladung der sexuellen Energie sei nur über die Genitalien möglich: „Die prägenitalen erogenen Zonen … können nur einer Steigerung des Erregungszustandes dienen“. Damit wurde klar, daß Patienten, die Reich, ebenso wie die anderen Analytiker als sexuell „normal“ eingestuft hatten, diese Forderungen nicht mehr erfüllten. 1927 erschien das Buch Die Funktion des Orgasmus, worin er seine Erkenntnisse detailliert zusammenfaßte.

    Genitaler Charakter

    Zu den psychoanalytischen Charaktertheorien war Reichs Beitrag zur Unterscheidung neurotischer Charaktertypen bedeutend. Noch bedeutender aber war, daß er zu den Charaktertypen einen weiteren Typus hinzufügte: den genitalen Charakter. Basis war das Vorhandensein oder das Fehlen der orgastischen Potenz. Damit verband Reich die Charakteranalyse mit seinen Forschungen zur Genitalität. Orgastische Potenz oder die ungehemmte Erlebnisfähigkeit der Genitalität wurde zum erklärten Ziel der Charakteranalyse. Auf die Kritik, daß der genitale Charakter eine utopische Paradiesvorstellung wäre, entgegnete Reich, daß er ebenso empfänglich für Unlustgefühle sei, nicht nur für Lust: „Die Fähigkeit, Unlust und Schmerz zu ertragen, ohne enttäuscht in die Erstarrung zu fliehen, geht einher mit der Fähigkeit, Glück zu nehmen und Liebe zu geben. Um mit Nietzsche zu sprechen: Wer das Himmelhoch-Jauchzen lernen will, muß sich auch für das Zu-Tode-Betrübt bereit halten.“ (FO, S.153)

    Reich sagte, daß auch der genitale Charakter gepanzert ist, aber daß er „schmiegsam genug“ sei, um auf verschiedenste Lebenssituationen angemessen zu reagieren: „Der genitale Charakter kann sehr fröhlich, aber er kann, wenn nötig, auch sehr zornig sein; er reagiert auf Objektverlust mit entsprechender Trauer, aber er verfällt ihr nicht; er kann intensiv und hingebend lieben, aber er kann auch energisch hassen; er kann in entsprechenden Situationen kindlich sein, wird aber nie infantil erscheinen; sein Ernst ist natürlich, nicht kompensierend steif, weil er keine Tendenz hat, sich partout erwachsen zu zeigen.“ (CA, S.131) Reich war sich bewußt, daß der „genitale Charakter“ ein Konstrukt war, der einen Idealtypus darstellte: „Hinsichtlich der qualitativen Unterschiede sind der genitale und der neurotische Charakter als Idealtypen aufzufassen. Die realen Charaktere stellen Mischformen dar, und es kommt bloß auf die Entfernung von dem einen oder anderen Idealtypen an, ob die Libidoökonomie gewährleistet ist oder nicht.“ (CA, S.226)

    Nachsatz:

    In seinem letzten Lebensjahrzehnt schrieb Reich kein therapeutisches Hauptwerk mehr. Die naturwissenschaftliche Erforschung der Orgonomie nahm ihn ganz in Anspruch.- In der Supervision seiner Mitarbeiter und in seiner Weiterentwicklung des therapeutischen Ansatzes jedoch zeigt sich ein bisher unbekannter, weicherer und umfassenderer Reich.- Reich, am 26.08.1956 in einem Vortrag in Orgonon (das Transkript erschien in „Orgonomic Functionalism“, Vol.II, S.68, Rangley 1991): „ …But I think there is a deeper function there. And that is the constant feeling of human beings, which is hidden in neurotics and biopathic, amored individuals, but quite manifest in what we call „healthy people“. (We should get away from that term, too. Jr becoms a religion again.) And that is a feeling of a separation from something. lt is most clearly expressed in the pain, in the aching pain of beeing separated from the beloved, whether child, or wife, or husband, with a longing to unite again, to be together again, to be in contact again. But I think that this love experience is one of the function, one of the variants of a much deeper thing. Somehow, you think such thoughts on very quiet nights, no noises around except the high wind, thoughts of beeing separated from the cosmic orgone energy ocean, of being singled out, so to say. „- Und an anderer Stelle: „ There is developement, there is functioning, there is process. What we have to do is to think in the direction of where does the pulsating system, the closed system, develop out of the orgone energy ocean and, with that, where does self-awareness begin to develop? (..) I learned to respect religious thought. I have to confess that. I did not twenty years ago. I began to see how deep the religious probing goes, how deep down,…“ (a.a.o., S.66)

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  • Buk 2/95 Genitalität und genitale Angst

    Bukumatula

    Reichs Weg zum genitalen Charakter

    Loil Neidhöfer:

    Die Reichsche Körperarbeit hat eine klare Zielsetzung: die Herstellung des vegetativen Ganzheitsempfindens durch die schrittweise Auflösung der Panzerung.

    Entscheidend für die letztendliche Wiederherstellung der durch die Panzerung zersplitterten „Einheitlichkeit des Körpergefühls“ (Reich) ist die Lösung der Beckenpanzerung, die einhergeht mit der Herausbildung des Orgasmus-Reflexes, welcher schließlich eine gesamtorganismische Entladung akkumulierter pathogener Energiebeträge in der genitalen Umarmung ermöglicht. Wird die Fähigkeit zur gesamt-organismischen orgastischen Entladung dauerhaft etabliert und gelebt, dann wird der Organismus von der einheitlichen pulsatorischen Bewegung der natürlichen Körperenergien erfaßt. Reich spricht hier vom vegetativen Einklang des Ichs mit der Natur. (1)

    Wegen der herausragenden Bedeutung der entwickelten genitalen Sexualität und ihres Kriteriums, der orgastischen Potenz (2), für die Wiedererlangung der verlorenen vegetativen Ganzheit, spricht er von sexualökonomischer Gesundheit als dem definierten Therapieziel, oder kurz von Genitalität.

    Genitalität als generelle therapeutische Zielrichtung

    Durch die gegebene Zielsetzung Genitalität und die ihr innewohnende Dynamik erhält die Arbeit von vornherein eine Ausrichtung, eine gewisse Zwangsläufigkeit, Ordnung und Logik im Ablauf. (Von dem ebenso zwangsläufig auftretenden Chaos, der Verwirrung, dem Unberechenbaren, Unverständlichen, der Stagnation wollen wir hier einmal absehen.)

    In der konkreten Arbeit ist Genitalität meistens lange Zeit kein wirkliches Thema, auch wenn sie dem Klienten als theoretisches Modell oder auch als persönliche Sehnsucht bewußt sein mag. Zu einnehmend ist die meist langwierige Durcharbeitung der unabweisbaren prägenitalen Themen, die Lösung der oberen Segmente, die oft alle Kraft und allen Mut des Klienten erfordern.

    Aber die Therapeutin muß auch bei der Arbeit an den prägenitalen Themen die Genitalität des Klienten im Auge behalten. D.h. sie muß nicht nur die spontanen vegetativen Reaktionen im Sinne eines segmentären „Tiefergehens“ registrieren, sondern auch die subtilen und versteckten Hinweise auf bevorstehende oder mögliche kleine und große vegetative Durchbrüche aufmerksam beobachten und den Klienten dort aktiv unterstützen.

    Ebenso muß die Therapeutin ihre Interventionen nach dieser allgemeinen Zielrichtung ausrichten und den kürzesten Weg zu sexualökonomischen Gesundheit des Klienten suchen. (3)

    Diese Zielrichtung ist – im Kontext der Reichschen Lehre von der segmentären Anordnung der Panzerung – konkret genug, um der weit verbreiteten therapeutischen Interventions-Beliebigkeit vorzubeugen. Gerade in der Körpertherapie geschieht heutzutage zuviel nach dem Motto: „Mal sein, was passiert.“

    Passieren tut immer was, besonders, wenn man jemanden im Feld eines energetisch hochgeladenen Settings körperlich berührt. Es ist sehr leicht, dramatische Effekte zu erzielen, die jedoch nicht per se therapeutisch wirksam, d.h. heilsam sind. Therapeutische Beliebigkeit ist letztlich ein Hinweis auf die unreflektierte und unbearbeitete genitale Angst des Therapeuten, worauf wir später zu sprechen kommen.

    Schließlich wirkt die grundsätzliche Zielgerichtetheit in der Arbeit auch einer weiteren grassierenden Therapeuten-Unart entgegen: viele Körpertherapeuten sehen sich gerne in der Rolle des „Begleiters“, der dem Klienten non-direktiv überall hin folgt (und ihn somit nirgends hinführt). Körpertherapeuten sind keine neutral-freundlichen Begleiter. Sie haben ihre Klienten beständig an ihre Grenzen, an die Schwellen neuer, tieferer Erfahrungs-Räume im eigenen Organismus zu führen und müssen sie dabei unterstützen, sich diese Räume zu eigen zu machen. Dabei nehmen sie aktiv Einfluß auf die Klienten und auf die Beziehung. Daß therapeutische Aktivität in der Körperarbeit oft genug darin besteht, aus dem Weg zu gehen und Raum zu geben, steht hierzu nicht in Widerspruch. Aufgrund ihres spezifischen Wissens und ihrer Erfahrung müssen Körpertherapeuten bereit sein, die Verantwortung für diese oft energische Einflußnahme zu übernehmen. Ist der Prozeß der segmentären Entpanzerung erst einmal in Bewegung gekommen, merken die Klienten meistens sehr genau, ob der Therapeut sie nur „überall hin begleitet“ oder ob er sie herausfordert zu wachsen. Gerade in der Körpertherapie bewahrheitet sich der Satz, daß Wachstum durch Herausforderung, Anforderung und Konfrontation auf der Basis einer respektvollen und freundschaftlich-liebevollen Beziehung geschieht.

    Genitalität bei Reich

    Körpertherapie, die auf Reichs Konzept der Sexualökonomie beruht, ist keine spezielle Sexualtherapie, die an der Symptomatik der sexuellen Dysfunktionen ansetzt. Sie ist auch keine technisch-funktionale Körperarbeit, die auf die Herausbildung des Orgasmus-Reflexes abzielt. Genitalität und orgastische Potenz sind keine Therapieziele, die strategisch erreichbar oder gar einübbar sind, sondern stellen sich ein, wenn der Organismus Segment für Segment korrekt durchgearbeitet wird.

    Genitalität hat bei Reich verschiedene Aspekte: Gemeint ist zunächst und vor allem die Fähigkeit zur orgastischen Entladung angestauter Energie in der genitalen Umarmung. Darunter ist nicht (wie etwa bei Kinsey oder Masters und Johnson) ein irgendwie zustande kommender und nicht näher qualifizierter sexuell-genitaler „Höhepunkt“ zu verstehen; vielmehr beschreibt Reich verschiedene einander bedingende qualitative Merkmale orgastischer Potenz (4), z.B. den freien Fluß der natürlichen Körperenergien durch alle Segmente (beobachtbar z.B. an der Atemwelle und der einheitlichen, lustvollen Wellenbewegung des gesamten Organismus (Orgasmus-Reflex) (5)

    • starke unwillkürliche Beckenbewegungen, die kurz vor dem Höhepunkt einsetzen und schließlich den gesamten Organismus erfassen
    • ungebremste Hingabe an diese vegetativen Bewegungen
    • Verweilen in der gegenwärtigen sinnlichen Erfahrung mit der Partnerin („…ungeteiltes Versinken in der strömenden Lustempfindung“) (6). Freiheit von stimulierender Phantasietätigkeit über Dritte oder den Partner während der genitalen Umarmung
    • kurzfristige Bewußtseinstrübung/Kontrollverlust
    • orgonotische Überlagerung (Verschmelzung) mit der Partnerin
    • Rückströmen der Energie, Entspannung, subjektives Gefühl der Befriedigung, kompletter Abbau der Erregung nach dem Orgasmus
    • psychische Aspekte: zärtliche Gefühle, Liebesgefühle und Dankbarkeit gegenüber dem Partner (7).

    Ausgehend von diesen Merkmalen orgastischer Potenz beschrieb Reich die Haltung (das „Gesamtwesen“) des genitalen Charakters, den er scharf vom neurotischen Charakter unterschied. Die Haltung des genitalen Charakters basiert auf der (wieder-) hergestellten vollen sexuellen Erlebnisfähigkeit und zeichnet sich durch vegetative Beweglichkeit und kongruente emotionale Ausdrucksfähigkeit aus. Den wesentlichen Unterschied zum moralisch zwangsregulierten neurotischen Charakter sieht Reich in der sexualökonomischen Selbstregulation. (8)

    Mit der Entwicklung der Orgasmus-Theorie hatte sich Reich bekanntlich von Anfang an Ärger und Feindschaften eingehandelt. Als er 1923 seine Überlegungen zum ersten Mal im Kreise der Psychoanalytiker um Freud vortrug, bemerkte er „eine Vereisung der Atmosphäre in der Versammlung…Als ich endete, herrschte eisige Stille im Raum.“ (9) Dreißig Jahre später bemerkt er rückblickend: „Die meisten Psychoanalytiker waren genital gestört, und deshalb haßten sie die Genitalität. Das ist es.“ (10)

    Genitale Angst

    Genitalität ist auch heute noch in der Körpertherapie ein schwieriges, oft vermiedenes und ignoriertes Thema. Es berührt unsere größtmögliche Lust, Leidenschaft und Sehnsucht und damit unsere größten Ängste, unsere tiefste Scham und Verletzlichkeit. Die Erfahrung tiefer, überwältigender Lust ist untrennbar gebunden an die Fähigkeit und Bereitschaft zur völligen Hingabe, sowohl an die energetische Bewegung im eigenen Organismus als auch an einen Partner; hierzu gehört auch und vor allem die Bereitschaft, sich im Moment überwältigender Angst, tiefer Scham oder sexueller Ekstase zu zeigen, „das Gesicht zu verlieren“. Hingabe und „Loslassen“ wiederum sind in der durchschnittlichen westlichen Sozialisations-Erfahrung schwer traumatisierte Erfahrungsbereiche, so daß mit dem Thema Genitalität unweigerlich auch tiefsitzende Angst, Abwehr und Beziehungsvermeidung manifest werden.

    Im Zusammenhang mit der Erarbeitung der Sexualökonomie machte Reich eine weitere bedeutende Entdeckung, die den Kern der neurotischen Angst betraf. Er stieß auf den gemeinsamen Nenner der vielfältigen Erscheinungsformen neurotischer Angst: die Genitalangst oder Orgasmusangst. „Sie ist die Angst des dem Lusterlebnis entfremdeten Ichs vor der überwältigenden Erregung des Genitalsystems. Die Orgasmusangst bildet den Kern der allgemeinen strukturellen Lustangst …Sie äußert sich gewöhnlich als allgemeine Angst vor jeder Art vegetativer Empfindungen und Erregung oder der Wahrnehmung solcher Erregungen und Empfindungen. Lebenslust und Orgasmuslust sind identisch. Die äußerste Erscheinung der Orgasmusangst bildet die allgemeine Lebensangst.“ (11) (Hervorhebungen von Reich)

    Angst ist ein ständiger Begleiter im Verlauf des Entpanzerungsprozesses. Das Wiederherstellen, das Zurückgewinnen von Lusttoleranz und Strömungsempfinden geschieht Schritt für Schritt und Segment für Segment nur um den Preis bewußt durchlebter Angst, Wut und Trauer. Im günstigen Therapieverlauf erinnert sich der Organismus (physisch und psychisch) an die bedrohlichen Traumatisierungen, mobilisiert genügend aggressive Energie zur

    Auflösung des jeweiligen Panzerungs- bzw. Charakter-Musters, kann trauernd Abschied nehmen von der alten Struktur und ist dann frei für die Aneignung neuer Erfahrungsräume und eine tiefergehende Bahnung des Energiestromes im Organismus.

    Diese Veränderungen geschehen bis zur Auflösung bzw. Antastung der Beckenpanzerung „charakterimmanent“. Vermehrte Lusttoleranz und intensiveres Strömungsempfinden wie auch Symptomauflösungen unterliegen immer noch der Kontrolle und Bremsung in den Grenzen der bestehenden Charakterstruktur.

    Erst die Passage durch die Genitalangst eröffnet die Möglichkeit zu dauerhaften charakterologischen Veränderungen.

    Die Genitalangst ist die kritische Schwelle. Die Konfrontation mit ihr ist total. Sie läßt sich nicht dosieren oder sonstwie im Sinne verhaltenstherapeutischer Angstbewältigung angehen. Man ist irgendwann bereit, sich dieser Erfahrung hinzugeben – oder nicht. Man springt von der Klippe ins Meer – oder man bleibt oben.

    Im Erleben ist die Genitalangst nur zu vergleichen mit realer Todesangst, mit dem Unterschied, daß ein spezifisches Angstobjekt fehlt. Dabei kann es bei der Passage durch die Genitalangst zu verschiedensten Verlaufsformen kommen:

    Die Angst kann nur wenige Minuten auftreten und dann für immer vorbei sein.

    Sie kann über Tage, Wochen oder Monate in wiederkehrenden Schüben auftreten, die von wenigen Sekunden bis zu mehreren Stunden dauern können.

    Sie kann sich im extremen Fall als quälendes, wochenlanges Feststecken in der Angst manifestieren und in der Erscheinungsform agoraphobischen, sozial-phobischen oder vergleichbaren Zuständen ähneln.

    In jedem Fall handelt es sich um eine quasi-lebensbedrohliche Angsterfahrung, die wiederum in verschiedenen Qualitäten auftreten kann:

    Manche berichten von dem – psychotischen Angstschüben vergleichbaren – Gefühl gesamtorganismischen „Schrumpfens“ und der begleitenden Angst, buchstäblich zu verschwinden. (In einem konkreten Fall wurde die Analogie zum Kleinerwerden und Verschwinden durch den Abfluß der Badewanne beschrieben.)

    Andere berichten von extremen Stauungs-Sensationen an verschiedensten („unlogischen“) Körperbereichen.

    Wieder andere erleben extreme Kontaktangst, z.B. Angst vor Blickkontakt, Berührungsangst.

    Diese Angstzustände können während der genitalen Umarmung auftreten, sie müssen es aber nicht. Oft treten sie im unmittelbaren Vorfeld der intimen Begegnung auf, oft jedoch – und anscheinend in den meisten Fällen – scheinbar unabhängig und außerhalb von sexuell-intimen Situationen, oft sogar, wenn die Betreffenden alleine sind.

    Manche berichten von Empfindungen, als ob sich eine Kraft durch das Becken hindurcharbeite, bzw. von einem „Rumoren“ im Becken. Andere berichten von einem starken Energiestrom, der aus dem Becken an der Frontallinie oder an der Wirbelsäule hochsteigt und (in als bedrohlich empfundener Weise) verschiedene Zentren erreicht und durchdringt, etwa Solarplexus, Herzgegend oder Okularbereich.

    Die Passage durch die Genitalangst kann auf Anhieb geschehen oder erst nach mehreren „Anläufen“. Im letzteren Fall ist die Angsterfahrung immer wieder aufs Neue überwältigend; es tritt keine Gewöhnung ein.

    Wegen der Verschiedenheit der Erscheinungsformen ist den Betreffenden nicht immer sofort bewußt, was geschehen ist. Alle berichten jedoch ausnahmslos von einer entscheidenden Veränderung, die manchmal erst Wochen oder Monate nach der Passage durch die Genitalangst deutlich wird: dem allmählichen Ausbleiben der neurotischen Angst und ihrer Symptomatik.

    Dies ist ein eindrucksvolles Ergebnis, das größte Aufmerksamkeit verdient und oft erhebliche soziale Folgen hat: neurotische Anpassungen jeder Art (z.B. „Kuschen“ am Arbeitsplatz) bröckeln, was neue, andere Probleme und Konflikte schafft.

    Beziehungen, die überwiegend auf Angst und „Sicherheit“ gebaut sind, haben kaum Fortbestand, wenn die Partner nicht gemeinsam durch diesen Prozeß gehen.

    Bei den geglückten Therapie-Verläufen findet der Durchbruch zur vollen Genitalität selten innerhalb der Therapiezeit statt. Die Therapie bringt die Betreffenden meistens an die Schwelle zur Genitalität, an einen Punkt, ab dem das Leben selbst zur Therapie wird. Ein typisches Merkmal einer solchen geglückten Therapie ist z.B., daß Klienten beginnen, stabile intime Beziehungen einzugehen. Stabil nicht im Sinne ängstlicher neurotischer Partnerwahl und neurotischen Sicherheits-Denkens. Sondern stabil im Sinne einer herausfordernden Intimität, in der beide Partner sich wechselseitig aneinander „heranwagen“, sich weiterentwickeln und ihre Charakterstruktur transzendieren können.

    Der Maßstab für eine solcherart definierte Beziehungs-Stabilität ist nicht die Dauer der Beziehung, sondern das Fehlen bzw. Zurückweisen von neurotisch-manipulativen Haltungen, Machtspielen und Dominanzritualen, sowie die Bereitschaft, eine Beziehung aufzugeben, wenn sie sich als unbefriedigend erweist.

    Die wenigsten gehen in ihrer Therapie jedoch bis an die Schwelle zur Genitalität bzw. darüber hinaus. Bei einer kurzen Durchsicht von ca. 300 Therapien aus den vergangenen zehn Jahren kam ich auf 5 bis 10 Prozent. Schätzungen von Kolleginnen und Kollegen ergeben ähnliche Werte.

    Weshalb so wenige?

    Wenn man davon absieht, daß die klassische Form der gerichteten segmentären Entpanzerungsarbeit von Körpertherapeuten selten und selten konsequent und kompetent ausgeübt wird (und wenn man auch von Fehlern und Unzulänglichkeiten absieht, die in der Eigenart und persönlichen Begrenztheit des jeweiligen Therapeuten begründet sind), dann bleiben folgende Vermutungen:

    Die Lösung des Beckens und das Durchleben der genitalen Angst sind extreme Herausforderungen. Ebenso, wie die volle sexuelle Erlebnisfähigkeit den meisten Menschen tragischerweise unbekannt bleibt, ist auch die Genitalangst etwas, was sie nie erleben und sich deshalb kaum vorstellen können. Die „normale“ Reaktion ist, solche gewaltige Angst, die sich, wenn überhaupt, lange vor ihrem Manifest-Werden als diffuses, mulmiges Gefühl äußert, schon frühzeitig durch Symptombildung abzuwehren. (12)

    Viele begnügen sich mit Symptomlinderungen oder -auflösungen (die beträchtlich sein können), wollen keine tiefgreifenden Veränderungen in ihrem Leben und sind nicht motiviert, sich auf einen längeren Prozeß einzulassen.

    Vonnöten ist offenbar eine starke Verzweiflung über die eigene Unerfülltheit, ebenso eine starke Sehnsucht nach Veränderung und Tiefe; ein Nicht-Mehr-Greifen der sentimentalen Selbst-Täuschungen, Vertröstungen und anderen üblichen Ablenkungen von der eigenen Not.

    Die Vertiefung des Energiestromes im eigenen Organismus führt unweigerlich zu sozialer Unangepaßtheit in der neurotischen Gesellschaft. Viele kapitulieren vor den ebenso unweigerlich folgenden Sanktionen, die oft mit existentiellen Schwierigkeiten verbunden sind. Ein Bewältigen dieser Schwierigkeiten im Alleingang erscheint oft unmöglich oder zu mühsam. „Genitalität“ kann inmitten der gepanzerten Gesellschaft kaum gelebt werden. Die Unterstützung durch das Zusammenleben von Leuten, die den gleichen Prozeß erlebt haben und einen Großteil sekundär-narzißtischer Lebensmotivation aufgegeben haben (und deshalb eine Menge Spaß miteinander und Freude aneinander haben können) ist erforderlich. Die Notwendigkeit von Community steht im Raum; ebenso die Aussicht, einen Rahmen schaffen zu können, in dem möglich wird, die einfache und schwierige, bescheidene und ausschweifende Vision zu leben, die Michael Smith auf die lakonische Formel brachte: to celebrate

    Zur „therapeutischen“ Arbeit

    Wenn man davon ausgeht, daß 1. der größtmögliche therapeutische Erfolg über die Freisetzung der genitalen Sexualität bewirkt wird und andererseits 2. jede Form pathologischer Angst aus der Genitalangst abgeleitet (und in der Therapie dorthin zurückverfolgt) werden kann, dann hat dies Konsequenzen für die Haltung und Arbeit des Therapeuten. Die gesamte Arbeit muß grundsätzlich unter dem Aspekt der Annäherung an die genitale Haltung bzw. ihrer Vermeidung gesehen werden.

    Das heißt natürlich nicht, daß die Therapie „sexualisiert“ werden soll.
    Aber die Therapeutin muß die Sexualität des Klienten – wie an einer
    langen Leine – im Blickfeld behalten, auch wenn es in der Therapie zunächst vordergründig um scheinbar nicht-sexuelle oder prägenitale Themen geht.

    Grundsätzlich ist die Körperarbeit inuner an der Herstellung größerer Lusttoleranz und der Balmung des vollständigen Energiestroms -zunächst vor allem längs und abwärts der Frontallinie – orientiert. Die Arbeit im prägenitalen Bereich muß im Dienst der Herstellung der Genitalität stehen, egal, ob diese schließlich erreicht wird oder nicht. Die Effektivität der Reichschen Körperarbeit – auch im prägenitalen Bereich – ergibt sich zu einem großen Teil aus ihrer Gerichtetheit. Nur so behält die Arbeit Konsequenz und einen Schutz vor therapeutischer Banalität, Mystifikation und Beliebigkeit.

    Auch die Arbeit im prägenitalen Bereich hat immer starke sexuell-genitale Implikationen. Das betrifft nicht nur die Lockerung des Zwerchfells, die Lösung genital-sexueller Traumatisierungen in Brust und Hals oder das Wiederaufleben oraler Lust (Schmecken, Lecken, Saugen). Das trifft auch schon für die Arbeit im okularen Segment zu: Sexualität beginnt in den Augen. Andererseits besteht kulturell ein weitgehend introjiziertes Verbot, sexuelle Lust oder generell erotische Empfindungen in den Augen zu fiihlen und mit den Augen auszudrücken – auch in intimen Situationen.

    Manche Klienten erleben in der Anfangsphase der Therapie, nachdem das Augensegment ein wenig gelockert wurde, einen starken genital rush, eine oft dramatische und überraschende Steigerung des sexuellen Verlangens und Intensivierung des sexuellen Erlebens. Dieser Schub kann ein paar Tage anhalten, bis die Panzerung wieder greift. Die Betreffenden sind meistens sehr glücklich darüber, da sie ahnen, daß sie nun „einen Fuß in der Tür haben“.

    Es gibt zwei generelle Herangehensweisen in der Arbeit: „von oben“ und „von unten“. Bei einschneidenden und identitätsbestimmenden frühen Störungen und Traumatisierungen arbeitet man sich in der Regel „von oben“, also mit dem Augensegment beginnend, durch die Segmente, wobei meistens viel direkte Arbeit an der gewordenen physischen Struktur (vor allem Muskeln und Bindegewebe) zu leisten ist und der Organismus Segment für Segment re-energetisiert wird.

    Der typische therapeutische Fehler („Pushen“) bei der Arbeit „von oben“ besteht darin, die Klienten zu überfordern, indem man sie herausfordert, emotional-expressiver zu sein, als sie tatsächlich sein können, da sie noch keine biologische Basis hierfür haben.

    Die Vorgehensweise „von oben“ ist jedoch für manche Klienten unangemessen. Nämlich für diejenigen, die in ihren ersten vier bis fünf Lebensjahren relativ unbehelligt von massiven Eingriffen in ihre natürliche Entwicklung geblieben sind und eine frühgenitale Identität gewinnen und ebenso einen Sinn für direktes Naturerleben herausbilden konnten.

    Man könnte meinen, daß solche Menschen glücklicher sein müßten, da sie sich eine ursprüngliche Lebendigkeit im Erleben und Handeln bewahrt haben. Sie leiden jedoch auch intensiver. Es ist ihnen nicht so leicht möglich, sich dumpf in ihrem Unglück einzurichten, wie das z.B. ein normal-neurotischer Schizoider kann. Sie leiden nicht so sehr an massiver organismischer Begrenztheit infolge Abpanzerung – der Körper ist meistens frei von größeren chronischen Blockaden. Sie hatten als Kinder vor allem unter den sozialen Reaktionen zu leiden, die sie im Zusammenhang mit ihrer entwickelten früh-kindlichen Sexualität und Lebendigkeit erfahren haben: Bestrafungen, Abwertungen, Verwirrungen, Unverständnis, fehlende Ko-Respondenz oder emotionaler Mißbrauch (von dem der direkt-sexuelle Mißbrauch ein Spezialfall ist). Eine typische Überzeugung, die solche Klienten herausgebildet haben, ist z.B., daß sie mit ihrer Lebendigkeit eine „Zumutung“ sind, daß sie „zuviel“ sind, daß sie sich zurückhalten müssen, um akzeptiert und geliebt zu werden. Genau dies – das Zurückhalten – ist ihnen jedoch unmöglich, einfach, weil es aufgrund ihrer fortgeschrittenen expansiven psycho-sexuellen Entwicklung schon allein körperlich zu schmerzhaft ist. Es fühlt sich jedesmal an, als würde der gesamte Organismus bei voller Fahrt „notgebremst“.

    (Völlig anders verhält es sich z.B. beim „Schizoiden“, der zwar auch die Überzeugung introjiziert hat, „zuviel“ zu sein, jedoch nicht wegen seiner Lebendigkeit, sondern wegen seiner bloßen Existenz. Deshalb ist „Zurückhaltung“ für ihn eine leichte, früh trainierte Übung.)

    Um einem möglichen Mißverständnis vorzubeugen: es soll hier nicht dafür plädiert werden, Klienten der zweiten Kategorie als Opfer sozialer .Umstände zu labeln. Sie sind für ihre Reaktionsbildungen selbst voll verantwortlich. Erforderlich ist jedoch eine andere therapeutische Herangehensweise: „von unten“.

    Die Schubkraft der solchen Klienten relativ leicht zugänglichen sexuell-genitalen Energie muß genutzt werden, den gesamten Organismus „von unten“ her zu energetisieren, die relativ leichten Abpanzerungen in den oberen Segmenten aufzulösen und den gesamten Organismus als pulsierend und strömend erfahrbar zu machen. Dies ist bei solchen Klientinnen nicht schwierig und kein therapeutischer Erfolg. Die Therapie beginnt hier erst damit, sie zu unterstützen, in diesem lebendigen Zustand „in der Welt“ zu sein. Das kann sehr schwierig sein. Dieser Krampf im Kopf, die Überzeugung „zuviel“ zu sein und die damit verbundene Angst – die immer vor dem Hintergrund früher genitaler Traumatisierungen besteht und immer ein rastloses Pendeln zwischen genitaler Angst und genitaler Frustration einschließt – können resistenter sein als irgendeine massive chronische muskuläre Blockade.

    Die Therapie besteht zunächst weitgehend darin, Raum zu geben, Erlaubnis zu geben, sich auszudehnen und sich lustvoll zu fühlen. Das ist aber nicht alles. Therapeutisch-pädagogische „Haltungen“ nützen hier nichts bzw. verderben alles. Erforderlich ist eine menschliche Reaktion des Therapeuten. Erforderlich ist es, die vegetative Lebendigkeit eines solchen Klienten (die immer eine erotische Lebendigkeit ist) anzuerkennen und als „Geschenk“ statt als „Zumutung“ ehrlich, glaubhaft und begeistert wertschätzen zu können.

    Der Therapeut muß also untherapeutisch sein können, wenn es darauf ankommt, die Lebendigkeit und das Strömen eines anderen Individuums in seinem Organismus spontan nachzuvollziehen, mitzuerleben und mitzuschwingen.

    Der typische therapeutische Fehler bei der Arbeit „von unten“ besteht darin, die Lebendigkeit, die Anmut, die Sexualität des Klienten zu ignorieren und diese Person auf die (meistens „hysterische“) Symptomatik zu reduzieren, auch wenn solche Klientinnen oft durch „playing stupid“ dazu einladen. Endlos ist die Reihe ineffektiver Therapien, in denen „hysterische“ Klienten und „schizoide“ Therapeuten ihr Lebensdrama ausagieren.

    Tatsächlich setzt die Arbeit weder „oben“ noch „unten“ an; eine tiefere Sichtweise enthüllt eine kreis- bzw. spiralförmige Bewegung der therapeutischen Arbeit: die Energie zirkuliert im Organismus, und man folgt diesem Kreislauf und seinen Behinderungen so lange, bis alle wesentlichen Blockaden beseitigt sind; dies gilt ebenso für die zweite wichtige Art der Energiebewegung, mit der wir zu tun haben: von innen nach außen, vom Kern zur Peripherie. „Oben“ und „unten“, „innen“ und „außen“ stehen dabei in enger wechselseitiger Beziehung: bestimmte Störungen im Okularbereich können z.B. erst angegangen werden, wenn ein bestimmter Grad der Lockerung im Becken erfolgt ist und umgekehrt. Ein strenges, mechanisches Arbeiten von oben nach unten führt nirgendwo hin. Im Verlauf eines erfolgreichen therapeutischen Prozesses durchläuft man eine solche zirkuläre Bewegung durch alle Segmente etliche Male.

    Therapeutische Qualifikation

    Der Therapeut braucht vor allem eine realistische Selbst-Einschätzung seiner eigenen Sexualität. Er kann seine Klienten nur soweit bringen, wie er selbst gekommen ist und muß den Mut haben, Klienten gegebenenfalls weiter zu verweisen oder gehen zu lassen.

    Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann man nicht erwarten, daß jeder Körpertherapeut das genitale Stadium erreicht hat. Die meisten (jüngeren) Körpertherapeuten befinden sich (hoffentlich) in einem Prozeß, der sie dorthin führt.

    Die Therapeutin muß jedoch in ihrer eigenen sexualökonomischen Entwicklung mindestens soweit vorangeschritten sein, daß sie den segmentären Verlauf des Entpanzerungsprozesses grundsätzlich aus eigener Erfahrung bestätigen und die generelle therapeutische Zielsetzung Genitalität als angemessen und wahr verfolgen kann.

    Nicht-Bewältigung der genitalen Angst auf Therapeuten-Seite fiihrt zu einem Rückzug der Energie in die oberen Segmente, zu übermäßigen Strukturierungs- und Kontrollbedürfnissen und letztlich zu einem Desinteresse an der Sexualität der Klienten, zu einem Vermeiden der Sexualität in der therapeutischen Arbeit, kurz: zur Angst vor der Sexualität und allgemein vor der vegetativen Lebendigkeit der Klienten. Damit ist der Abmarsch in therapeutische Beliebigkeit, Banalität und Mystifikation vorprogrammiert.

    Dies hat Konsequenzen für die Ausbildung künftiger Körpertherapeuten. Der „ideale“ Ausbildungskandidat wäre ausgestattet mit voller sexueller Erlebnisfähigkeit und der Fähigkeit, Intimität herzustellen. Die Ausbildung könnte sich dann auf die Vermittlung von Wissen, Handwerklichem und Supervision beschränken. Solche Kandidatinnen sind jedoch rare Glücksfälle.

    Daher wird „Ausbildung“ noch für lange Zeit eine spezielle Form der Gruppentherapie für angehende Therapeuten bleiben.

    Der Fokus der Ausbildung muß erstens darauf liegen, die Trainees herauszufordern, so tief in ihren Körper zu kommen, daß sie die Schwelle zur Genitalität erreichen. Die Auswahl der Ausbildungsgruppe muß von der Überlegung geleitet sein, ob jemand eine realistische Aussicht hat, im Verlauf des Trainings dorthin zu kommen.

    Zweitens müssen Trainees dazu angeleitet werden, als Personen kontaktvoll in der Welt zu sein. Bezogen auf die Körperarbeit heißt das vor allem, daß sie es lernen, Feldkontakt herzustellen, die energetische Bewegung in einem anderen Individuum im eigenen Organismus nachvollziehen zu können.

    Und drittens – aber erst an dieser nachgeordneten Stelle – geht es um die Vermittlung von spezifischem Wissen, Techniken und Supervision.

    Anmerkungen:

    Wilhelm Reich: Die Funktion des Orgasmus. Frankfurt/M., 1972, Fischer Taschenbuch)

    „Sie ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckung.“ (Wilhelm Reich: ebd. S. 81, Hervorhebungen von Reich)

    Dieser „kürzeste“ Weg ist, wie jeder Kliniker weiß, meistens eine Abfolge von Umwegen und Rückschritten, von Verweilen und Weitergehen. Körpertherapie besteht natürlich auch nicht nur aus einer Serie von „vegetativen Durchbrüchen“, sondern ist immer ein dialektischer Prozeß zwischen der tieferen Bahnung des Energiestromes im Organismus und der Anpassung des gesamten Lebensprozesses an diese erreichte, tiefere energetische Besetzung

    Wilhelm Reich: Frühe Schriften 2, Genitalität in der Theorie und Therapie der Neurose, Frankfurt/M., 1985 (Fischer Taschenbuch)

    „Es ist zweifellos das Grundkennzeichen psychischer und vegetativer Gesundheit, wenn der vegetative Organismus die Fähigkeit besitzt, einheitlich und total der Spannungs-LadungsFunktion zu folgen. Dagegen werden wir Aussperrungen von Einzelorganen oder gar Organgebieten aus der Gesamtheit und Einheitlichkeit der vegetativen Spannungs-Ladungs-Funktion als pathologisch bezeichnen, wenn sie chronisch sind und die Gesamtfunktion dauernd stören.

    Die Klinik lehrt des weiteren, daß sich Störungen des Ich-Gefühls erst dann wirklich verlieren, wenn der Orgasmusreflex vollkommen einheitlich entwickelt ist. Es ist dann, als ob alle Organe und Organsysteme des Körpers von einer einzigen Funktion in der Empfindung einheitlich zusammengefaßt würden, sowohl in Bezug auf Kontraktion wie auf Expansion.“ (Wilhelm Reich, Die Funktion des Orgasmus, S. 267; Hervorhebungen von Reich).

    „…Nun besteht der Orgasmus-Reflex gerade darin, daß eine Welle von Erregung und Bewegung vom vegetativen Zentrum über Kopf, Hals, Brust, Ober- und Unterbauch bis zum Becken und dann zu den Beinen abläuft. Wird diese Welle an irgendeiner Stelle aufgehalten, verlangsamt oder gesperrt, dann ist der Reflex >zersplittert<. Unsere Kranken zeigen nun gewöhnlich nicht eine, sondern viele derartige Sperrungen und Bremsungen des Orgasmusreflexes an verschiedenen Körperstellen.“ (Wilhelm Reich, ebd. S. 249 f)

    Wilhelm Reich, ebd. S 83 Aus der Perspektive der Panzerung liest sich diese Aufzählung wie eine Auflistung von Introjekten, die neurotische Angst verstärken. Typischerweise wird in Gruppen, in denen die Sexualökonomie zu früh oder ungeschickt „zum Thema“ gemacht wird, Sexualität in den Dienst der Panzerung gestellt (z.B. in Form narzißtischer Selbstpräsentation oder egoischer Rivalität: >Wer ist am tiefsten im Becken?<)

    Wilhelm Reich, ebd. S. 129 ff
    Wilhelm Reich, ebd. S.78
    Wilhelm Reich über Sigmund Freud/Das Reich-Eissler-Interview, zit. Nach SKAN READER 2/94, S. 49
    Wilhelm Reich, Die Funktion des Orgasmus, S. 124

    Reichs Verdienst und Einzigartigkeit in der Literatur der Psychound Körpertherapie besteht u.a. darin, bio-energetische Abläufe im Organismus, die er z.B. unter den Begriffen Sexualökonomie, Genitalität, orgastische Potenz, Spannungs-Ladungs-Funktion und eben auch genitale Angst beschrieben hat, entdeckt und auf den Begriff gebracht zu haben.

    Es gibt jedoch in der überlieferten volkstümlichen und auch in der zeitgenössischen Literatur Hinweise darauf, daß Genitalangst ein bekanntes und realistisch eingeschätztes Phänomen ist. Man lese z.B. Märchen wie Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen oder auch Kafkas Parabel Vor dem Gesetz unter diesem Blickwinkel.

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