Bukumatula 4/1993

Die ersten zehntausend Sitzungen sind die härtesten – Geschichte einer Therapiebeziehung

Interview mit einer die (sich) auszog, um Reichsche Therapie zu machen
Wolfram Ratz:

Die nachfolgende Beschreibung einer Therapiebeziehung aus den Jahren 1985 bis 1988 entstammt einer Idee von – ich nenne sie hier Anna -, die in Form eines Eigeninterviews zu ihren Erfahrungen als Klientin Stellung nahm. Bedingung für eine Veröffentlichung war die gleichzeitige Stellungnahme ihres Therapeuten, die ebenfalls in Form eines Eigeninterviews, unter Zuhilfenahme von Briefzitaten, erfolgte.
Interviews können ein Element spielerischer Jagd an sich haben; wenn der Interviewte am Ende des Interviews mehr über sich selber weiß als am Anfang, dann ist es dem Interviewer gelungen, gemeinsam mit dem Befragten ein Stückchen Wahrheit aufzustöbern. Freilich, das kommt selten vor, ist ein Glücksfall und Geschenk, das durch gute Interviewtechnik allein nicht erreicht werden kann.

Bisher hat sich keine/r gefunden, der mich über meine Therapie in dieser Weise befragt hätte also probiere ich, Interviewer und Interviewter zugleich zu spielen.

Wer ein Interview macht fragt anders, als wer privat mit einem anderen spricht: der Interviewer ist sich seiner potentiellen Leser/Hörer/ Zuseher bewußt; er wird daher keine Fragen stellen, die sein Publikum nicht interessieren. Auch der Interviewte wird sich mit seinen Antworten dieser Situation anpassen. Das Interview ist für ihn eine Möglichkeit, sich vor dem Publikum darzustellen, seinen Beliebtheitsgrad zu steigern, zu provozieren, usw.

Mein Publikum für dieses Interview seid vordergründig ihr, die ihr’s lest. Aber ich habe keine Ahnung wer Ihr seid, und es liegt mir daher wenig daran, daß Ihr was von mir wißt. Doch einer von Euch Lesern ist mein Therapeut. Sein Gesicht in Eurer Menge ist es, das ich anspreche.

Frage: Du hast eine Therapie nach Wilhelm Reich gemacht?

Antwort: Na ja, also jedenfalls, als ich damals angefangen habe, dacht ich schon, es wär ein.

F: Wieso, kannst Du das genauer erklären?

A: Na ja, ich mußte mich gleich am Anfang ausziehen. (lacht) Nein, das war eher ein Witz jetzt, aber was Wahres ist schon dran: Das war für mich irgendwie das Signal: Jetzt geht wirklich was Großes los, also nix mit Reden, sondern mit Energiefluß im Körper aktivieren und so.

F: Wenn wir also davon ausgehen, daß es eine Reichsche Therapie war – wie bist Du darauf gekommen?

A: Vor etwa 10 Jahren habe ich ein Buch von Reich gelesen – den „Christusmord“ – und bin voll ausgeflippt. Also ich weiß heute nicht einmal mehr genau, was drin steht, aber es ging in etwa darum, daß Reich erklärte, daß alle Menschen mit Panzerungen, also die, die ihre Gefühle im Körper einsperren und keinen Zugang mehr zu ihnen haben, die Ungepanzerten wahnsinnig hassen und sie letztendlich umbringen. Er hatte im Buch so Tabellen, wo das Verhalten von gepanzerten und ungepanzerten Menschen einander gegenübergestellt wurde – ich war einer von den gepanzerten, das war gar keine Frage. Und ich wollte so sehr das haben, was auf der anderen Seite der Tabelle stand: das natürliche Liebevolle, nicht meine krampfhafte Freundlichkeit.

F: Du wolltest Schneewittchen sein und nicht mehr die böse Stiefmutter.

A: Genau. Klingt irgendwie nach Reagan; ich wollte zum „Reich des Guten“ gehören und nicht mehr zum „Reich des Bösen“. Apropos Reagan: Das politische Element beim Reich – sein Engagement für den Kommunismus, aber auch, daß er von denen dann auch bekämpft wurde, daß er die Arbeiter bewundert hat und bei ihren Streiks mit–marschierte, – er hat nie geleugnet, daß die Probleme seiner Patienten auch politische Ursachen hatten, und in der Massenpsychologie

F: Du kannst einem den Wilhelm Reich wirklich nahebringen, das ist sehr interessant. Hast Du dann eigentlich Reichsche Therapie begonnen, weil Du von Reich so begeistert warst?

A: Beim Reich selber hätt ich vielleicht rein aus Begeisterung Therapie gemacht – ich habe eine Schwäche für Gurus – aber nein, es ist mir einfach sehr schlecht gegangen und zufällig bekam ich die Adresse von einem Therapeuten, der in dieser Richtung arbeitet.

F: Welche Erwartungen hast Du in die Therapie gesetzt?

A: Also, ich hab das eigentlich so verstanden, wie wenn man ein Auto zur Reparatur bringt: Ich bekomme einen Kostenvoranschlag und ungefähre Angaben, wie lange die Reparatur dauert. Und wenn ich genug Geld und Geduld hab, krieg ich das Auto wieder fahrtüchtig zugestellt. Ich meine, ich war ganz sicher, daß ich „geheilt“ werde, meine Aufgabe sah ich eigentlich hauptsächlich darin, daß ich das Geld hergebe und durchhalte, bis alle Blockaden gelöst sind und die liebevolle Anna mit den ozeanischen Gefühlen aufersteht.

F: Und wie lief es tatsächlich?

A: Na ja, am Anfang wars genauso, wie ich mirs vorgestellt hatte: ich bin dort also gelegen und hab tief geatmet und geweint und ich weiß noch, nach ein paar Wochen kam endlich der große Augenblick – da hat er mal so richtig fest zwischen meine Augen gedrückt, es tat weh, aber nachher wars einfach super, traumhaft – ich hatte ein wundervolles Gefühl um die Augen; etwas später dasselbe mit den Kiefern – ich merkte nachher zum ersten Mal, was essen bedeuten kann – ich hab den Mund aufgebracht und konnte richtig kauen.

F: Und wie ging es weiter?

A: Ich wurde langsam ungeduldig, weil ich an der Uni nur Mißerfolge hatte – ich bekam Existenzangst, weil ich die Zeugnisse fürs Stipendium nicht zusammenbrachte – ich konnte mir nichts merken, habe auch nichts verstanden, schlief tagelang, weil mir das Lernen so schwer fiel.

F: Du wolltest rasch einen konkreten Nutzen von der Therapie haben?

A: Na ja, nicht direkt. Ich hatte den Reich so verstanden, daß man zuerst völlig zusammenbrechen muß, bevor überhaupt irgendetwas Positives passieren kann. Und ich wollte diesen Zusammenbruch forcieren, damit die Aufbauphase schneller kommt; außerdem war ich in den Therapeuten verliebt und wollte ihm beweisen, daß ich gut bin, ich wollte „Fortschritte“ machen, um wenigstens ihm zu imponieren.

F: Eine andere Frage: Du sagtest am Anfang, eines der typischen Anzeichen, daß die Therapie was Besonderes ist, war für Dich, daß Du Dich ausziehen mußtest. Was hat das für Dich bedeutet?

A: Ich hab mich nackt extrem häßlich gefühlt, aber ich war überzeugt, daß ich das eben durchstehen muß. Andererseits habe ich auch viele angenehme Sachen erlebt in der Körperarbeit -aber im ganzen gesehen hat es meine Vorstellung bestärkt: ob ich was Angenehmes oder was Unangenehmes erlebe, das hängt ganz vom Therapeuten ab – ich kann nichts dazu tun, daß die Reparatur an meinem Körper gelingt.

F: Aber wenn Du mit dem Service zufrieden warst, warum hast Du die Therapie dann abgebrochen?

A: Ich bin religiös geworden und hab versucht, das in der Therapie zu verstecken.

F: Was meinst Du mit «religiös geworden'“?

A: Vertrauen haben.

F: ?

A: Bei Problemen davon ausgehen, daß Gott das sozusagen inszeniert, um mir zu zeigen, daß ich es bewältigen kann.

F: Gott inszeniert Probleme? Wie ein Lehrer Schulaufgaben zusammenstellt, damit die Kinder üben?

A: Nein. Nein. Ich meine das eher so: Was
immer ich erlebe, ist von der Liebe für mich
bereitet. Und diese Liebe ist gleichzeitig etwas Universales, ist das Universum – damit auch „ich“ – aber auch etwas Persönliches.

F: Wenn Du Teil dieser Liebe bist, dann bist eben doch Du es, die sich ihre Probleme schafft.

A: Ja und Nein. Wenn mein Therapeut fragte: „Zu welchem Zweck hast Du Dir das Problem geschaffen?“, dann hörte ich nur heraus, daß ich ein Arschloch bin, das selber schuld ist und das das jetzt nicht zugeben will.

F: Er hätte also im Nev-Age-Ton sagen müssen: Warum glaubst Du, hat Dein Höheres Selbst zugelassen, daß Du Dir dieses Problem schaffst?

A: (lacht) Genau.

F: Was hat sich für Dich durch die Therapie verändert?

A: Ich bin jetzt überzeugt, daß es falsch ist, zu glauben, es gäbe für jedes Problem einen Experten. Das gaukeln wir uns selber vor und das wird uns von der Gesellschaft eingeredet. Dadurch können alle jene Teile in uns und in der Gesellschaft, die nicht „funktionieren“, ausgegrenzt werden. Wenns jemandem schlecht geht: „Er soll Therapie machen“; wenn einer keine Arbeit findet: „Weiterbildung“; wenn einer krank wird: „zum Facharzt gehen“. Und jeder, bei dem das nicht funktioniert, der krank, komisch und arbeitslos bleibt, der glaubt dann, er ist der einzige. Ich glaube schon, daß man Hilfestellung geben kann und Hilfe bekommen kann – aber damit sich was ändern kann, muß man zuerst wirklich zu dem stehen, was weh tut.

F: Hat sich in Deinem Verhalten etwas geändert?

A: Ich könnte nichts Konkretes anführen.

F: Also bist Du kein liebevolles Schneewittchen geworden?

A: Nein, aber eine zufriedene Stiefmutter, die täglich genau hinhört, wenn das Spieglein sagt: „Frau Königin, ihr seid die Schönste hier“.

F: Du möchtest nicht mehr Schneewittchen sein?

A: Ich bin beides, Stiefmutter und Schneewittchen. Nur hier seh ich halt die Stiefmutter – weit drüben, hinter den sieben Bergen, ist auch das Schneewittchen.

F: (grinsend) Dein höheres Selbst?

A: Kusch.

F: Ich danke für das Gespräch.

ZWEI KATZEN UND EIN FREUND

Frage: Wie war das mit der Therapie mit Anna?

Antwort: Anna kam zu mir und schien über die Arbeiten Wilhelm Reichs und über Körpertherapie sehr informiert zu sein. Unter anderem erzählte sie mir von einem Buch von Reich („Christusmord“). das ich damals noch nicht gelesen hatte und das sie offenbar sehr beeindruckt hatte. Ein wenig hilflos versuchte ich mich meiner Uninformiertheit zu entziehen. Das Thema „Leiden“ stand in allen Variationen im Vordergrund. Ich ließ sie gleich in der ersten Stunde ausziehen und forderte sie auf zu atmen und ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Nach wenigen Atemzügen begann sie heftig zu weinen. Ich muß gestehen, daß mich dieser plötzliche Ausdruck offenkundiger Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit sehr betroffen machte. Das Weinen blieb auch der vorrangige Gefühlsausdruck während der gesamten Therapiezeit.

F: Wieso hat dich das betroffen gemacht; warst du darauf nicht vorbereitet?

A: überrascht hat mich die Plötzlichkeit.

Irgendetwas davon war da wohl auch in mir, das sich angesprochen fühlte.

F: Wie ging es dann weiter in der Therapie?

A: Wir sahen uns einmal in der Woche. Das Weinen als Gefühlsausdruck war immer sehr schnell da. Nach einiger Zeit begann ich es als Abwehrfunktion zu begreifen. In einem Brief, den ich Jahre später von Anna erhielt, schreibt sie darüber:

„Ich weiß jetzt, was Du mit neurotischem Weinen gemeint hast! Bisher glaubte ich, Tränen seien etwas Unwillkürliches, ich konnte sie ja tatsächlich nicht zurückhalten, aber sie hindern mich daran zu sehen, was ich mir wünsche, was ich will …sie sind der Zement meiner Mutlosigkeit.“

In der Folge begann ich mehr verbal zu arbeiten. Einmal im Reden, konnte ich sie kaum mehr zum Innehalten bringen. Es wurde mir immer klarer, daß diese Art zu Reden wieder eine Abwehrfunktion erfüllte.- Es schien, als spielten wir ein Spiel. Sie war stets ein Feld voraus.

F: Und wie hast Du Dich dann vorhalten?

A: Ich bin wieder mehr zu körperlichen Interventionen übergegangen. Sie hatte eine ganz schlechte Beziehung zu ihrem Körper. „Ich hasse meinen Körper“ pflegte sie immer wieder zu sagen.- Irgendwie schien es nicht möglich über die Traurigkeit hinaus die Ebene von Wut und Ärger zu erreichen.

F: Was wollte sie eigentlich von Dir?

A: Ich glaube, sie war auf der Suche nach einem Halt, einer starken Autorität. Ich merkte den Anspruch, sie heilen zu sollen.

F: Und wie hast du darauf reagiert?

A: Ich fühlte mich hilflos und ich glaube sie verachtete mich dafür. Darüber schrieb sie mir etwa auch später in einem Brief:

„Solange irgendeine ‚Autorität‘ bei mir um die Wege ist, verlasse ich mich auf sie (und beschimpfe sie innerlich). Ganz nebenbei habe ich auch erkannt, wodurch meine Sucht nach „Wunderheilungen“ (Jesus heilt dich – hier und jetzt) bewirkt wird: es ist eine phantastische Abart einer Überzeugung, die eine Kombination aus Autoritätsglauben und aus Minderwertigkeitsgefühl ist.“

Sie wollte auch Angenehmes nicht akzeptieren: „Wenn ich etwas Schönes erlebe, dann stürze ich viel tiefer, so daß ich glaube, daß ich das nicht aushalte. Daher bleibe ich lieber in meinem Unglück, das ist sicherer, das ertrage ich eher! Und zur Vergangenheit: „Ich versuchte mit allen Mitteln meinen Lehrern in der Schule zu gefallen. Bei denen es mir gelang, die verachtete ich. Bei denen es mir nicht gelang, das waren für mich die ‚Starken‘, die verehrte ich! Das war auch bei meiner Mutter so. Es stimmt, daß ich gar keinen Erfolg haben wollte, nur um meine Mutter bestrafen zu können.“ Tatsächlich war der Auftrag ihres Vaters, daß sie Jus oder ‚irgendetwas mit Sprachen‘ studiere; und von ihrer Mutter: „…daß ich verrecke!“.

Ich habe versucht, sie verstärkt auf ihre eigenen Ressourcen und auf ihre Eigenverantwortlichkeit aufmerksam zu machen. Dabei bekam ich zu hören: „Murphey gibt mir viel mehr und steht im Gegensatz zu deiner ‚Awareness-„. Oder: „Therapie hat keinen Sinn! Es geht mir nach der Sitzung so wie wenn ich nach einem Glas Bier angetrunken wäre; da geht es mir gut, aber das ist mir zu wenig!“ Und: „Ich bin böse auf Dich, weil es mir nicht besser geht!“ Oder: „In der Stunde habe ich so viel Angst bekommen, daß ich die folgenden Tage im Bett verbrachte. Dort lag ich mit ständigen Gedänken an die nächste Prüfung.- Du hast immer gesagt, daß ich die Angst akzeptieren soll, aber das hat mich noch mehr fertig gemacht!“.

F: Wie lange habt ihr miteinander gearbeitet?

A: Ungefähr ein Jahr. Ich glaube, sie hatte einfach genug, es schien sich für sie nichts verändert zu haben. „Ich möchte mit der Therapie aufhören, es geht mir jetzt schlechter als zuvor!“. Sie tat mir das so kund. Eigenartigerweise empfand ich jedoch diese und ähnliche Äußerungen ihrerseits als Erfolg unserer Arbeit. Ihr Studium ging zwar langsam aber doch voran. Sie lebte mit einem Freund zusammen. Und sie war „schöner“ geworden; ihr Gesicht war weicher geworden und sie begann sich hübsch zu kleiden.- Unsicher, aber entschieden hat sie sich von mir verabschiedet. Nach der letzten Stunde erhielt ich von ihr eine Karte mit folgendem Inhalt:

„Ich habe das starke Bedürfnis, mich endlich einmal für Deine Therapie wirklich zu bedanken, weil ich immer mehr sehe, daß sich in meinem Leben doch was tut. Obwohl Deine strikte Aufrichtigkeit sicher daran beteiligt war, daß ich die Therapie abgebrochen habe, weiß ich, daß es nicht gescheite Reden und schlaue Griffe sind, sondern der Same Deines Aufrichtigseins, der sich in mein Bewußtsein gebohrt hat und dort als Wunsch nach Echtheit wächst.“

F: Und dann hast du nichts mehr von ihr gehört?

A: Oh ja, ein halbes Jahr später hat sie mich angerufen und gefragt, ob ich mit ihr weiterarbeiten würde. Ich war doch sehr überrascht und stimmte zu. Sie stellte jedoch die Bedingung nur mehr verbal therapiert werden zu wollen.

F: Weshalb nur verbal?

A: Ich glaube, sie hatte Angst sich „aufzulösen“, ihre Verzweiflung über ihren Körper spüren zu müssen. Sie kam dann etwa ein halbes Jahr zu mir, bevor wir uns neuerlich trennten. Es war irgendwie eine Wiederholung unserer ersten gemeinsamen Zeit, nur in einem anderen Setting. Beim Abschied meinte sie: „Es hat mir überhaupt nichts gebracht. Sprechen hat mir schon damals nicht geholfen!“ (sie war früher in Gesprächstherapie).- Wieder erhielt ich von ihr einen Brief:

„Ich meine ich bin ehrlicher beim Schreiben als beim Reden. Daher möchte ich Dir schreiben, warum ich nicht mehr komme.

Ich spüre, daß mein Nein zum Leben, zu den anderen, zum Da-Sein das ist, was mich zusammenhält. Ich weiß, es gibt auch ein JA, dieses lebende und arbeitende JA, von dem Reich und auch Jesus gesprochen haben.

Ich glaube nicht, daß ich in der Therapie zu diesem JA je durchdringen kann. Ich habe Dir gesagt, ich möchte einen Guru. Ein Guru ist für mich jemand, bei dem ich spüre, daß die kosmische Energie in ihm fließt. Der Heilige Geist, den die Apostel kriegten, kam durch die Nähe von Jesus, obwohl er sich sicherlich nicht autoritär verhielt, sondern nach der Autorität, die in der Wahrheit des JA liegt. Wenn Du mich selber zurückführst, indem Du sagst, „daß von Dir keine „Lösung“ kommt, dann wirfst Du mich auf mein NEIN zurück.

Aber Reich hatte auch ein JA in sich, an dem sich das JA des Patienten aufrichten konnte. Und mein JA bräuchte dazu wohl einen Guru, einen Menschen, der von Liebe zu Gott und den Menschen (im Sinne dessen, daß das untrennbar, aber nicht ganz dasselbe ist) erfüllt ist.

Das mag für Dich nur Symptom für mein „Nicht erwachsen werden wollen“ sein. Ich finde es o.k., wenn Du das so siehst. Aber ich glaube, daß Erwachsen-werden gleichzeitig „Kind Gottes“ werden bedeutet.

Ich weiß nicht genau, was das für mich bedeutet, aber ich bin Dir dankbar, daß ich meine Ablehnung, mein NEIN, so deutlich spüre; meinen Haß, meine Angst.“

F: Weißt du, wie es ihr jetzt geht, was sie jetzt macht?

A: Ja. Es war der Briefe zu setzten Worte sehr schätzte. einem Jahr:

„Es geht mir ganz gut; das Spielerische in meinen Träumen ist zugunsten einer Traumreihe über Einsamkeit und vom Leben ausgeschlossen zu sein“ gewichen.

Es ist beinahe wie eine verfilmte Essaysammlung zum Thema Einsamkeit mit mir als Hauptdarstellerin.“ Und einige Zeit später, in einem weiteren Brief:

„Hoffentlich geht’s Dir im Wachen so gut wie mir in meinen Schlafträumen! (Schlafträumen im Gegensatz zu Wachträumen) – da zischt Du nämlich nach wie vor gutgelaunt als Artist herum und machst eine ganz abstruse Therapie mit mir, die aus lauter Spaß bestehet. (Du siehst, ich schaffe es also doch eine kostenlose Therapie zu kriegen; wenn Du Dich morgens zerschlagen fühlst, brauchst Du Dich jetzt nicht mehr zu wundern).

Mir gehts-s gut. Ganz besonders freue ich mich über meine zwei Katzen.- Katzen waren schon immer für mich die einzige Art von Lebewesen, die ich wirklich ganz ohne Einschränkung um mich haben wollte.

Unlängst habe ich geträumt, ich sehe mir zu, wie ich mich selber gefangen halte. Ich war alle drei Personen in einem: Der Zuseher, der Gefängniswärter und der Gefangene. Ich fühlte alle drei Zustände (der Gefängniswärter war zweifellos der selbstsicherste). Im wachen Leben ist momentan bei mir alles ein einziges Durcheinander. Aber Innsbruck ist wunderschön! Ich war noch nie draussen, ohne einfach glücklich zu sein, daß ich die Berge sehe (ich komme mir vor wie das Heidi in dem Buch von Johanna Spyri); dabei war ich noch nie im Gebirge. Eigenartigerweise freue ich mich jetzt immer wieder auch auf Wien, wohin ich von Zeit zu Zeit reise.

Wenn ich jetzt noch eine Tätigkeit wüßte, die mir Freude macht, dann wäre ich wohl einer der glücklichsten Menschen. Und weil ich Dir so lange geschrieben habe, wie schlecht es mir geht, muß ich Dir doch auch schreiben, wenn es mir gut geht.“

P.S.: Anna lebt jetzt mit ihren zwei Katzen und mit ihrem Freund in Innsbruck. Sie hat ihr Studium erfolgreich abgeschlossen und erwartet ein Kind.