Bukumatula 3/1996

Von den Phänomenen zur Wurzel

Fortsetzung von Bukumatula 2/96
Beatrix Teichmann-Wirth:

Nun ist es soweit. Die Zeit des (zögerlichen) Vorspiels ist vorbei und es gilt das Versprechen einzulösen, die Denktechnik – das Werkzeug, das der Reichschen Forschung und dem therapeutischen Ansatz zugrunde liegt – zu beschreiben.

Zögernd, vorsichtig und widerspenstig fühlte ich mich bisweilen im Eintauchen in dieses Gebiet des funktionellen Denkens und meine Verhaftetheit in kausalen und mechanistischen Denkmustern, die scheinbar vereinfachend eine Ursache mit einer Folge in Verbindung setzen, womit man sich dann kurzfristig zufrieden zurücksetzen kann, hat man doch eine plausibel erscheinende Antwort gefunden, wurde mir nur allzu deutlich bewusst.

Doch ich will es mir und den LeserInnen nicht zu schwer machen und will mich nicht mit dem Anspruch überfordern, etwas Eigenes zu formulieren und sei dies auch nur eine eigene Ordnung der Ergebnisse herzustellen.

„Since the best way to introduce someone to a new realm of knowledge is to describe the process by which it has evolved …..“ (Reich 1950), will ich es Reich gleichtun und seine dreißigjährige Forschungstätigkeit in ihrem historischen Ablauf beschreiben.

Dieses Vorgehen erlaubt, die Ergebnisse in ihrer inneren Rationalität – von Beobachtungen zu Hypothesen zu experimenteller Bestätigung und neuen Funden deutlich zu machen und gibt zu verstehen, dass das Denk-Werkzeug seinerseits eine Veränderung erfährt, was damit wohl auf die zentralste Erkenntnis des orgonomischen Funktionalismus hinweist: die Untrennbarkeit von Beobachter (subjektivem Empfinden) und Untersuchungsgegenstand (objektivem Reiz).- Diese Auffassung ist nicht neu: Sie findet sich im Funktionskreis vom „großen“ Psychosomatiker Viktor v. Weizsäcker ebenso wie im erkenntnistheoretischen Werk von Rudolf Steiner. Was das Reichsche Werk jedoch auszeichnet, ist, dass es nicht bei philosophischen Auffassungen verbleibt sondern eine naturwissenschaftliche Fundierung findet. Und Reich selbst verwahrte sich des öfteren dagegen, es handle sich beim orgonomischen Funktionalismus um eine Philosophie, vielmehr geht es dabei um ein Instrument der Naturforschung.
Ich beziehe mich in meiner Darstellung neben dem Buch „Äther, Gott und Teufel“ auf vier Artikel, welche Reich einander fortsetzend in den Jahren 1950 bis 1952 in der Zeitschrift Orgone Energy Bulletin in den USA veröffentlichte.
Die Thematik ist – und dies sei als „Warnung“ vorangestellt, schwer verdaulich. Der Artikel bedarf deshalb – und wahrscheinlich auch, weil das Feld für mich neu ist – so neu, dass sich das Eigene noch nicht formuliert hat -, einer konzentrierten Zuwendung.

Psychisches Funktionieren ist natürliches Funktionieren

Am Anfang des funktionellen Denkens hatte Reich nur eine (noch nicht überprüfte) Überzeugung, nämlich, dass das psychische Funktionieren nicht übernatürlichen Ursprungs ist und damit wie alles Lebendige den Funktionsgesetzen von Materie und Energie gehorcht.

Mit dieser Annahme stellte sich Reich radikal gegen lang und fest verankerte Auffassungen, wie sie sich im Mechanismus („die Gesetze in Chemie und Physik lassen sich nicht auf das Lebendige übertragen“) und dem Mystizismus (Emotionen, Philosophien und Ideen werden übernatürlichen, mystischen, jedenfalls nicht sinnlich wahrnehmbaren Mächten zugeschrieben) finden.

Die Frage, die also zu anfangs stand war, wie sich die Verbindung von Materie und Energie darstellt. Reich gab in dieser Frage – seinem Interesse nachgehend – immer der Energie den Vorzug und begründet dieses Vor-Urteil folgendermaßen: „From my present standpoint, it seems as if this preference was based simply in the sensations of motion in my own organism.“ (Reich 1950)

In der Annahme von energetischen Prozessen in der Psyche war Reich nicht der erste. Schon Freud schrieb von einer „psychischen Energie“ und gab diesem „quantitativen“ Faktor in seinem aktualneurotischen Konzept Raum, vernachlässigte dies jedoch in der Beschreibung der Psychoneurosen immer mehr und betonte die Inhalte einer Störung.

Reich ging von der bereits im ersten Teil des vorliegenden Artikels beschriebenen klinischen Beobachtung aus, dass die Symptome der Neurose bei vollständiger orgastischer Entladung verschwinden. Der orgonomische Funktionalismus gewann damit eine erste wichtige Position, nämlich, dass „Ideen kommen und gehen“ und ihre Existenz vom Zustand der energetischen Bewegung im Körper abhängt.

Die Erregung beeinflusst also die Empfindung und die Empfindung ihrerseits die Erregung. Beide sind untrennbar und formen eine funktionelle Einheit mit einem zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefundenen gemeinsamen Funktionsprinzip.

Dieses Prinzip der „simultaneity of identity and antitheseis“ formulierte Reich erstmalig bereits 1919-1923. Er postulierte in seinem Werk „Über Triebenergetik“, dass psychische Energien Konzentrationen von Energiebeträgen sind und damit auf Energieprozesse zurückgeführt werden können. Neu daran ist, dass zwei Funktionen wie beispielsweise die der psychischen Empfindung und die der körperlichen Erregung gleichzeitig gegensätzlich und (funktionell) identisch sein können.
Bislang fanden sich in der Betrachtung des Zusammenspiels von Psyche und Soma folgende Positionen:

Im mechanistischen Materialismus werden Psyche und Soma als antithetisch betrachtet. Dies zeigt sich bei den Mechanisten in einer einseitigen Abhängigkeit des psychischen Funktionierens von chemisch-physikalischen Prozessen. Bei den sogenannten Vitalisten wird im Gegensatz dazu angenommen, dass Empfindungen die Materie bestimmen.

Im Psychophysischen Parallelismus laufen Psyche und Körper parallel, ohne dass über die Art deren gegenseitiger Einflussnahme etwas ausgesagt wird.

Und letztendlich im Monismus, der von einer psychophysischen Identität ausgeht, werden Psyche und Soma als zwei Aspekte ein und desselben Stammes verstanden. Reich betont, dass diese Auffassung der Wahrheit am nächsten kommt, nimmt sie doch einen gemeinsamen Stamm der beiden an. Übersehen wird jedoch die Antithese der beiden und damit deren Interdependenz.

Freud hat sich in seinem Konzept der Psychoneurosen zunehmend vom energetischen Faktor abgewandt und sein Hauptinteresse den Inhalten (Art der Konflikte, Erfahrungen, Beziehungen, etc.) gewidmet.
Orgnomischer Funktionalismus und Tiefenpsychologie nahmen damit eine gegensätzliche Entwicklung, wie sie sich folgendermaßen darstellen lässt:

Cosmic Orgone Energy O Affect Idea ® Psychology

Antithese und funktionelle Identität am Beispiel von Lust und Angst

Am Beispiel der Mutterfixierung lässt sich aufzeigen, dass in der Tiefenpsychologie Freuds zwar nach den psychologischen, entwicklungsgeschichtlichen Ursprüngen dieser Fixierung geforscht wird, es wird jedoch übersehen, dass diese Fixierung ihrerseits von einer speziellen energetischen Störung (der Entladungsfunktion) herrührt, welche dem Thema sozusagen die Nahrung liefert. Klinisch lässt sich das insofern bestätigen, als dass die psychische Symptomatik dann verschwindet, wenn es gelingt, die biologische Energie zu mobilisieren und somit durch die Lösung der körperlichen Panzerung die Basis für die psychische Fixierung entzogen wird.
Aber es gibt noch einen zweiten wesentlichen Unterschied: In der tiefenpsychologischen Vorgangsweise (Arbeit mit Einfällen und Assoziationen) ist man mit einem wachsenden Komplexitätsgrad von Zusammenhängen konfrontiert. Hingegen ist die Arbeit am „biologischen Grund“ – alle Erfahrungen sind ja jeweils auf einfache biologische Energieprozesse zurückzuführen, wie sie auch außerhalb des menschlichen Lebens in der Natur und im Lebendigen überhaupt aufzufinden sind -, vereinfachend. In dieser Betrachtungsweise können all die verschiedenen Formen von Neurosen und Psychosen letztendlich auf den sexualökomischen Energiehaushalt des Menschen zurückgeführt werden.

Antithese und funktionelle Identität am Beispiel von Lust und Angst

Wie schon im ersten Abschnitt dieses Artikels beschrieben geht Reich davon aus, dass es sich bei Lust und Angst nicht um grundsätzlich unterschiedliche Phänomene handelt, sondern dass dieselbe Erregung als Angst erlebt wird, wenn ihr die Wahrnehmung und Abfuhr verwehrt ist.
Um die funktionelle Identität und aber auch deren Gegensätzlichkeit schlüssig zu argumentieren, bedarf es einer eingehenderen Betrachtung der Sexualerregung und des Lusterlebens.
Gleichzeitig lässt sich auf diesem Wege die Anwendung des funktionellen Denk-Werkzeuges demonstrieren.
Im Gegensatz zur mechanistischen Herangehensweise, wo davon ausgegangen wird, dass chemische Substanzen für die Sexualerregung verantwortlich sind (was unzulässig ist, da eine Lebensfunktion auf
eine nicht lebendige Funktion – „non living function“ – zurückgeführt wird), ist der Ausgangspunkt im Funktionalismus zunächst die Beobachtung und Gruppierung von Phänomenen, wie sie im Zuge der Sexualerregung auftreten.
Ein erstes Ergebnis dieser Beobachtungen war nun, dass die psychische Empfindung von Lust und die körperliche Erregung einhergehen mit einer Erregung des autonomen Nervensystems.

Diese drei Aspekte – Lustempfindung, Erregung und Aktivität des autonomen Nervensystems sind verschiedene Aspekte ein und derselben Funktion, nämlich der der Gesamterregung des menschlichen Organismus.
„These different aspects of one function were inseperable because there is no pleasure sensation without instinctual drive, no instinctual drive without pleasure sensation, and neither exist without biological excitation, and vice-versa.“ (Reich 1950a, 11)
Das Wesentliche im funktionellen Denken ist nun, dass diese verschiedenen Aspekte nicht statisch als Ursachen, Folgen, Ziele („services“) betrachtet werden; es werden diesen biologischen Phänomenen damit keine psychologischen Motive übergestülpt: „For the functional view there was not an apparatur here and a goal there, and hence no `service´ of the first to the second.“ (Reich 1950a, 12) Die Erkundung des Zusammenwirkens erfolgt nach den weiter unten beschriebenen Denkprinzipien.
Aber zunächst zu der oben aufgeworfenen Frage: Wenn der Lust und der Angst keine unterschiedliche Energie zugrundeliegt, wenn sie also zwei Aspekte ein und derselben Erregung sind, wie gestaltet sich dann der Zusammenhang dieser beiden Zustände?

Das Faktum, dass, wenn Lust unterdrückt wird, Angst entsteht, konnte Freud nicht erklären. Vielmehr setzte er die beiden später nicht mehr miteinander in Beziehung sondern schrieb die Angst dem Ich zu und die Sexualität dem Es, also zwei psychologischen Konstrukten.
Funktionelle Orgonomie setzte bei der oben beschriebenen Tatsache an, dass Angst dann auftritt, wenn die Lust verschwindet.
Biologische Erregung ereignet sich im autonomen Nervensystem, welches sich aus dem parasympathischen und dem sympathischen Teil zusammensetzt.
Lust entsteht im Zuge der Aktivität des parasympathischen Systems. Wenn dieses System nicht operiert, dann ist die sympathische Aktivität dominant und ist damit antithetisch zur parasympathischen.
Hergeleitet aus der biologischen Aktivität ist Angst als die Antithese von Lust zu verstehen: „…pleasure does not turn into `anxiety´, but the biological excitation in anxiety functions in a direction antithetical to pleasure.“ (Reich 1950a, 13)
Aufgrund klinischer Beobachtungen wird Angst in der Herzgegend, Lust, wenn sie nicht gestört ist, vor allem am Genitale empfunden. Diese beiden Orte sind die antithetischen Bereiche, in welchen sich die biologische Erregung konzentriert. „Cardiac anxiety disappears when genital excitation develops. If the biological excitation is active chiefly in the genital apparatus, then one feels the genital drive and the corresponding pleasure sensation. If it is mainly active in the cardio-diaphragmatic region, one has anxiety and is incapable of pleasure.“ (Reich 1950a, 14)
Reich fand damit, wie er schreibt „unconsciously“ die grundlegende Antithese des Lebendigen, die Antithese zwischen Lust und Angst, Expansion und Kontraktion, Peripherie und Zentrum.
Gleichzeitig war dies der Beginn der Entwicklung der funktionellen Denktechnik.

Elemente der funktionellen Denktechnik

Funktionelle Orgonomie schließt nicht sogleich von der funktionellen Qualität einer Lebensäußerung auf die gesamte Natur, sondern zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Ergebnisse für jeden einzelnen Bereich neu überprüft.
Dies geschieht in folgenden Schritten:

1) Zuanfangs steht die Frage, wo die zweite Funktion ist, die den funktionellen Gegenpart zur zuerst gefundenen bildet. (So wurde Angst als Gegenpart zur Lust gefunden.)
2) Wenn diese zwei Aspekte Variationen sind, die einander ausschließen, wie Lust und Angst, oder einander bedingen, wie Trieb und Lust, dann ist die Frage, in welcher dritten Funktion sie identisch sind.- Oder anders formuliert: In bezug auf welche Eigenschaften sind sie identisch?
3) Ist dieses gemeinsame Prinzip wie z.B. das für Angst und Lust gefundene gemeinsame Funktionsprinzip der biologischen Erregung des Organismus eine letzte, nicht weiter zurückzuführende Bedingung oder ist es seinerseits eine Variation, wie es sich dann folgendermaßen darstellt:

a1
›─A
a2 ›─ X
B

a1 als Variation von a2 findet sich funktionell identisch in A, wobei dann B der Gegenpart zu A ist und beide letztendlich funktionell identisch in X sind.

Am Beispiel von Lust und Angst:

Lust
›─ Expansion
Vagus Funktion
›─ biolog. Erregung
Angst
›─ Kontraktion

Sympathikus Funktion
Von der Richtigkeit einzelner Bezüge kann man dann ausgehen, wenn diese zu neuen Entdeckungen (weiter)führen bzw. theoretische Vereinfachungen nach sich ziehen, d.h., man kann gepaarte Funktionen nicht zufällig einander zuordnen: „Real (objective) variations must be comprehended and rooted in a real (objective) common principle.“ (Reich 1950b, 51)
So kann die Lust sowohl von Angst als auch von Wut der funktionelle Gegenpart sein. Im einen Fall ist das gemeinsame Funktionsprinzip (Lust und Angst) die biologische Erregung. Die Richtung der Erregung – ob sie in die Peripherie oder ins Zentrum strömt – bestimmt die Variation von Lust und Angst.
Anders bei der Wut („rage“). Hier ist auch bei der Wut eine Expansion, eine Bewegung der Erregung in Richtung Peripherie gegeben.
„For both pleasure and rage occur with an expansion of the life apparatus. Contraction ist excluded. Plasmatic expansion, which with its counterpart of contraction rests in a deeper functioning level on the principle of general excitation, will become itself, on a higher functioning level, the common functioning principle of the two variations, pleasure and rage. As a functioning principle, expansion is narrower than general excitation. Hence, it is a functioning principle of a „higher“ and with that of a „lesser“ order.“ (Reich 1950b, 51)
Reich spricht hier erstmalig die Rangordnungen und Gültigkeitsbereiche von Funktionsprinzipien an. Von der Bedeutung dieser Ordnung wird später noch die Rede sein. An dieser Stelle nur soviel: Das gemeinsame Funktionsprinzip von Wut und Lust ist Expansion. Die Antithese besteht darin, dass in der Lust die Erregung bis an die (Haut)oberfläche reicht und in der Wut in der tieferliegenden Muskulatur bleibt.
In der Lust ist die Oberflächenladung erhöht, das „Ziel“ ist die Empfindung („tactual sensation“) von Lust. In der Wut ist die Oberflächenladung hingegen herabgesetzt; „Ziel“ ist hier die motorische Aktivität und die Destruktion. Die Ziele werden im orgonomischen Funktionalismus von den („instinctual“) Funktionen abgeleitet und nicht umgekehrt: „Functionalism does not derive the „result“ of motor activity form the „cause“ of muscular action, as does mechanistic materialism, but muscular movement and destructive motor activity form a complete functional identity in the action of hate. … In the place of „causes“ functionalism posits „common functioning principles“ of an always deeper and more comprehensive order.“ (Reich 1950, 52)
Die Ausführlichkeit meiner Replikation, welche dem Leser vielleicht überzogen und ungerechtfertigt erscheint, ist notwendig, da ein Nachvollziehen der Entwicklung des Werkzeugs und dessen Anwendung – und um dies, und nicht so sehr um die Fakten geht es im vorliegenden Beitrag – nur dann möglich ist, wenn man Reichs Wege nachgeht.

Primäre und sekundäre Bedürfnisse

Anlass für eine Variation ist in natürlichen Prozessen immer ein äußerer Reiz.
So bildet das auf die Eizelle treffende Sperma den Reiz für die Teilung derselben.
Ebenso findet – wenn sich die Lustfunktion nicht ungestört entfalten kann, wie das durch den Einfluss von versagender sozialer Struktur beim Menschen zumeist der Fall ist -, eine Spaltung der Expansionsfunktion in ein Streben nach Lust und „Rage“ statt.
So lässt sich in körpertherapeutischen Sitzungen beobachten, dass, wenn bereits Ladung aufgebaut wurde, diese jedoch noch nicht frei fließen kann, der Klient mit (destruktiver) Wut darauf reagiert.
Reich spricht dann von sekundären Bedürfnissen und unterscheidet diese von den primären dadurch, ob die Fähigkeit zu orgastischer konvulsivischer Entladung mit nachfolgender Befriedigung im Kern des Organismus gegeben ist oder nicht.
Das Faktum der Möglichkeit bzw. die Unmöglichkeit zu orgastischer Entladung und damit die Befriedigung durch Reduktion des Energielevels bestimmt also diese Variation.
Das gemeinsame Funktionsprinzip von beiden ist hingegen die Expansion.
Betrachtet man nur die Gruppe der sekundären Bedürfnisse, so sind sie durch das gemeinsame Funktionsprinzip der orgastischen Impotenz (Unfähigkeit zur orgastischen Entladung) gekennzeichnet. An dieser Stelle sei dem Leser in Erinnerung gerufen, dass Reich dieses Kriterium, das der orgastischen Impotenz, als den Kern aller Formen neurotischer Mechanismen nachgewiesen hat.
Orgastische Potenz umfasst im Gegensatz dazu eine andere Gruppe von Lebensäußerungen, wie Reich sie in den Begriff des sogenannten genitalen Charakters zusammenfasst.

Findet auf der einen Seite bei der genitalen Impotenz eine Aufspaltung in zwei einander widersprechende Eigenschaften statt, nämlich in pornographische Sexualität und Moral, so bildet im Falle der orgastischen Potenz Sexualität und Moral eine Einheit. Hier wirkt das gemeinsame Funktionsprinzip (orgastische Potenz) in zwei einander beeinflussende Richtungen:
Arbeit

›─ orgastische Potenz
Liebe

Um das weiter zu veranschaulichen, führt Reich folgende Beispiele an:

Primäre Bedürfnisse
›─ Expansion des Organismus
Sekundäre Bedürfnisse
sexuelle Erfüllung
›─ orgastische Potenz
natürl. Liebenswürdigkeit
Moralismus
›─ orgastische Impotenz
Pornographie
Homosexualität
›─ orgastische Impotenz
Sadismus
zwanghaftes Arbeiten
›─ orgastische Impotenz
Unfähigkeit zur Arbeit

DIE PANZERUNG des ORGANISMUS

Die Basisfunktion, auf welche sich die Mannigfaltigkeit von Äußerungsformen von orgastischer Impotenz, wie sie oben beschrieben sind, zurückführen lässt, ist die Kontraktion von weiten Muskelbereichen des Organismus, wie Reich sie in den Begriff der „Panzerung“ fasst.

Wenn die Panzerung eine Basisfunktion ist, die sich in der orgastischen Impotenz als eine Variation höherer Ordnung äußert, so stellt sich dem funktionellen Denken folgend die Frage nach der Antithese der orgastischen Impotenz. Diese ist der Atmungsblock.

Atmungsblock
›─ Panzerung
orgastische Impotenz

Der Atmungsblock bedingt die Impotenz und die Impotenz ihrerseits den Atmungsblock, beide sind im Panzer verankert.

Die Aufspaltung der Panzerung kann in folgende Funktionspaare erfolgen:

  • Atmungsblock und Unfähigkeit zu orgastischer Entladung
  • Streben nach Lust und Lustangst
  • Sehnsucht nach Liebe und Unfähigkeit zu lieben
  • Sadismus und Gewissensbisse
  • Perversion und Moral
  • zwanghafte Arbeit und Unfähigkeit zu Arbeit
  • Scharfe Trennung von Gott und Teufel

Der Atmungsblock selbst als ein Prinzip höherer Ordnung funktioniert seinerseits als gemeinsames Funktionsprinzip für eine Vielzahl von Phänomenen wie eine unbewegliche Brust, Herzvergrößerung, hoher Blutdruck, usw.
Wenn wir nun die Panzerung nicht nur als gemeinsames Funktionsprinzip auffassen, sondern auch als
eine Funktion eines „tieferen“ Funktionsprinzips begreifen, so stellt sich zum einen die Frage nach dem Gegenpart und zum anderen nach dem gemeinsamen Funktionsprinzip dieser beiden Variationen im biologischen Kern.
Zuvor möchte ich jedoch zur Erleichterung des Verständnisses anmerken, dass Reich dann von „Prinzipen höherer Ordnung“ spricht, wenn sie für einen eingeschränkteren Bereich Gültigkeit besitzen, während Prinzipen auf tieferen Ebenen (wie Pulsation, Anziehung, etc.) von Gültigkeit für einen weiten Funktionsbereich, letztendlich für alles Lebendige sind.

Um die oben aufgeworfene Frage zu beantworten bedarf es wie immer zunächst der genauen Erkundung der Phänomene und Ausdrucksformen – in diesem Falle von Panzerung. Und hier zeigt sich, dass muskuläre Panzerung niemals statisch unbewegt ist sondern vielmehr wie zwei gegeneinander gestellte Fahrzeuge funktioniert, die trotz großer Kraft und Antrieb nicht von der Stelle kommen, ist die Kraft doch gegeneinander gerichtet.

Die Panzerung kann also als Ergebnis eines Kräftegleichgewichts gesehen werden, welche nur ein Antippen auf einer der beiden Seiten benötigt, um Bewegung möglich zu machen. Das ist es, was man unter „Mobilisierung der Panzerung“ versteht.

Die Immobilisierung des Menschen durch einander widerstehende Kräfte berührt eine zentrale Frage menschlicher Existenz. Warum findet im Gegensatz zum Tierreich eine derartige „Unterdrückung im biosozialen Bereich“ statt?
Für die Beantwortung dieser Frage, wenn sie nicht nur aus akademischem Interesse gestellt wird, sondern grundlegenden Veränderungen dienen soll, muss das Blickfeld über den Menschen und sein soziales Umfeld hinausgehend erweitert werden. Das heißt, man darf die Rangordnungen in den Funktionsprinzipien nicht außer acht lassen.

Was das heißt, soll am Beispiel der Beziehung von Charakterstruktur und Gesellschaftsbedingungen gezeigt werden.

Charakter und Gesellschaft

In der Charakteranalyse konnte Reich zeigen, dass die Charakterstruktur ihren sozialen Ursprung widerspiegelt und ihrerseits die sozialen Gegebenheiten reproduziert. Die Beziehung zwischen Charakterstruktur und Gesellschaft ist also reziprok und interaktiv.

Wenn man nun die Charakterstruktur und die Gesellschaft in ihrer Wechselwirkung isoliert betrachtet, so ist beispielsweise „normal“, was den geltenden Verhältnissen entspricht, und man hat kein Mittel und vielleicht nicht einmal Anlass, um an den Lebensbedingungen etwas zu ändern.

Bezieht man jedoch die menschliche Existenz auf deren tiefere, biologische Basis, so ist das, was aus der isolierten Betrachtung der Beziehung von Charakterstruktur und sozialen Verhältnissen als normal gilt, krank, weil lebensfeindlich.

Dies zu beurteilen, d.h. die tiefere Ebene zur Verfügung zu haben, braucht einen Beurteiler, einen Forscher, der noch um die Naturgesetze „weiß“.

„In order to master defects, in order to break through the eternal vicious circle of the production of biopathic character structures by society and the reproduction of life-dangerous social conditions by biopathic character structures, we must place ourselves outside this functioning realm; we must find out concretely what forms the common functioning principle of harmful social institutions and biopathic human character structures. Then it is no longer the principle of character formation per se that works as the functioning opposite of society per se; rather a special kind of character formation functions in interaction with a particular kind of social structure. Then we find that the typical character structure of man in contemporary society is armored and that this armoring produces corresponding social institutions and processes, and vice versa…..“Normal“ no longer signifies „adaption“ of man to existing social conditions, but it means adaptation to definite biological functions. From the viewpoint of the wider and deeper functioning realm of biology, what earlier appeared as normal in the sense of social adaptation now appears as abnormal or sick in the sense of `life-inimical function´.“ (Reich 1950b, 58)

Reich spricht in diesem Zitat zwei wesentliche Elemente der funktionellen Denktechnik an: Zunächst die Wahrnehungs“ausstattung“ des Forschers, die Fähigkeit zur vegetativen Identifikation und damit die Fähigkeit, „die Umwelt mit Organbewegungen (plasmatischen Bewegungen) abzutasten“. (Reich, Ä.G.T., S.63) Die Behauptung, die „Organempfindung ist (deshalb) das wichtigste Werkzeug der Naturforschung“ (ebd.) ist revolutionär, überwindet Reich doch in dieser Feststellung die Trennung zwischen objektiven (äußeren) Gegebenheiten und subjektivem (innerem) Empfinden.
Reich versteht die Organempfindung als „einen ersten Sinn streng physiologischer Natur“ (ebd. S.65) und meint an dieser Stelle weiter: „Um die Natur zu erforschen, müssen wir den Gegenstand der Forschung wörtlich genommen lieben. Wir müssen, in der Sprache der Orgonphysik ausgedrückt, unmittelbaren und ungestörten orgonotischen Kontakt mit dem Gegenstand der Forschung haben.“
Die Bedeutung des Umstandes, dass „der Organismus nur zu empfinden vermag, was er selbst ausdrückt“, (ebd. S.71) kann nicht genug betont werden. Er ist dafür verantwortlich, dass gegen Lebensäußerungen von Säuglingen und Kindern angegangen wird (weil der Erwachsene den in sich selbst erstickten Schrei nicht mehr wahrzunehmen vermag), dafür, dass die Natur zerstört wird (weil der Kontakt zum Lebendigen und damit die Freude daran verloren gegangen ist), dafür, dass Menschen nach wie vor unter lebensfeindlichen Bedingungen arbeiten und leben, und wohl auch für das neuerliche Aufkeimen faschistischer Tendenzen, in welchen sich die Sehnsucht nach Freiheit paart mit der Angst davor.
Dies bedeutet, dass der Forscher – will er dazu beitragen, dass sich Veränderungen vollziehen von lebensfeindlichen zu lebensförderlichen Bedingungen – außerhalb dieser Strukturen zu stehen hat. Um Neues zu finden muss er sich außerhalb von dem befinden, was er zu beurteilen hat.
Der zweite, ebenso wesentliche Aspekt ist der, dass Reich – anders als beispielsweise Psychoanalytiker oder mechanistische Forscher – den Menschen nicht außerhalb der Natur und damit den Naturgesetzen stellt. Diese „evaluations man over nature“ führen dazu, dass die Beurteilung eines weiteren Funktionsbereichs (der Natur) aufgrund eines engeren Funktionsprinzips (beispielsweise der Psychologie) erfolgt, was aus orgonomischer Sicht unzulässig ist. Orgonomischer Funktionalismus findet den Bezugsrahmen und Maßstab für Gesundheit und Krankheit – wie im obigen Zitat ausgedrückt – nicht in der isolierten Betrachtung von psychosozialen Bedingungen des Menschen, sondern in den Gesetzen des Lebendigen selbst.

Der Mensch wird bei Reich also in erster Linie als in die Naturgesetze eingebundenes Lebewesen, als „lebendige Kreatur“ verstanden, weshalb Reich auch vom „Menschen-Tier“ spricht. Und damit gilt die Fähigkeit zu natürlichem Funktionieren als gesund und nicht die Angepasstheit an von (neurotischen) Menschen geschaffenen Strukturen.
Dies erst gibt die Möglichkeit aus dem Teufelskreis von sozial lebensfeindlichen Strukturen auszusteigen, welche Menschen aufgezwungen werden und sie prägen, weshalb diese ihrerseits diese Strukturen wiederherstellen.
Ich möchte diese „Rezension“ mit einem Zitat von Wilhelm Reich in seiner vollen Länge schließen und hoffe, dass etwas von der aufrüttelnden und erschütternden Qualität, welche mich beim Lesen erfasste, auch den Leser erreicht:

„But armored man for hundreds of years, indeed thousands of years, has taken his own peculiarities and variations, and his unnatural biopathic abnormalities to boot, as the platform for his world picture. This sin against the laws of thought he has indeed paid for with an infinitude of unnecessary and gruesome sacrifices. He has fantasied out of his abnormality his godlike origin, and has created out of his godlike origin his God according to his own likeness. He has ascribed to this God his own littleness and revengefulness, his won moralistic brutality, and he has paid sacrifices to him: He has slaughtered children, burned his widowed women; he has martyred the unorthodox, in the Middle Ages with religious arguments and in Modern times with state-political ones. Whoever wishes to view this as normality, whoever cannot escape from this framework of thought, has in fact signed his soul over to the Devil within him. And in his Devil the human animal will sooner or later recognize a God who is by the armor block of man´s character perverted to the Devil. For even „God“ and „Devil“ are not an absolute and certainly not a metaphysical antithesis, since they have their common rooting in the natural feelings for life of the human animal.“ (Reich 1950b, 62)

Literatur:

Reich W.: Äther, Gott und Teufel, Nexus Verlag, Frankfurt 1983
Reich W.: Orgonomic Functionalism. Part II Chapter 1-5.
Orgone Energy Bulletin Vol. 2, NO.1, 1950a
Reich, W.: Orgnomomic Functionalism Part II Chapter 6-8.
Orgone Energy Bulletin Vol. 2, NO.2 , 1950b
Reich,W.: Orgonomic Functionalism. Part II Chapter 9-11.
Orgone Energy Bulletin Vol. 2, No. 3, 1950c

P.S. Dieser Beitrag geht noch weiter. Dorthin, wo sich der Kreis – von der Entdeckung der Funktion des Orgasmus in der klinischen Arbeit mit Patienten bis zu dessen Beschreibung als die Funktion, welche das Lebendige selbst auszeichnet, schließt.
Doch nun will ich zunächst „artikel-unbelastet“ meinen Urlaub genießen. Auch will ich mir eine „Verdauungszeit“ gönnen und somit die Materie durchdringen, um sodann auf der Ebene eines tieferen Verständnisses zu einem späteren Zeitpunkt die Fortsetzung folgen zu lassen.