Bukumatula 3/1993

Aus dem Charakter treten

Loil Neidhöfer:

LOIL: Man kann die Ziele unserer Arbeit unter verschiedenen Aspekten, aus verschiedenen Perspektiven beschreiben. Ein solcher Aspekt ist zum Beispiel, daß wir eine direkte und umfassende gesamtorganismische Lösung der körperlichen Abpanzerungen anstreben. Oder, daß wir die Atemsperre auflösen. Oder, daß wir den natürlichen Körperenergien zu einer ungehinderten Zirkulation und einem vollständigeren Ausdruck verhelfen. All das ist dasselbe, eine Arbeit, verschieden akzentuiert.

Ein weiterer Punkt, den man machen kann, betrifft mehr die Auswirkung unserer Arbeit auf den psychischen Aspekt der Panzerung, den Charakter. Wir arbeiten darauf hin, den Charakter zu transzendieren, aus dem Charakter zu treten.

„Charakter ist die langweiligste Sache der Welt“, hat Michael Smith immer gesagt. Das können wir alle aus unserer ganz persönlichen Erfahrung mit uns selbst nur bestätigen. Wenn wir in unserem Charakter sind – und das sind wir oft, jedenfalls öfter, als uns lieb ist – sind wir kaum mehr als Roboter, Slapstick-Figuren, Seifenoper-Gestalten, ferngesteuerte Idioten: berechenbar, mechanisch, sentimental, egozentrisch, schein-lebendig u.s.w. Mit einem Wort: langweilig.

Alles, was wir tun, zielt letztlich darauf ab, Wege zu finden, diese Mechanik außer Kraft zu setzen, aus dem Charakter zu treten, wiederwirklich lebendig zu werden. Viele Ansätze haben diesen Anspruch. Und viele scheitern an dem mangelnden Verständnis von Panzerung. Auch in vielen Veröffentlichungen von Autoren, die sich ausdrücklich auf Reich berufen, fehlt dieser zentrale Reichsche Begriff, oder spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Ein hinreichendes Verständnis davon, was Panzerung wirklich ist, wie tief sie tatsächlich körperlich verankert und verwoben ist, ein solches Verständnis ist absolut erforderlich, wenn man im charakterlichen Bereich etwas bewegen will. Daher muß die Charakterarbeit immer an der biologischen Basis ansetzen.

Es gibt populäre Meinungen, die insbesondere von den Kognitiven dagegen gesetzt werden: daß zum Beispiel alle Aspekte menschlichen Seins interdependent seien, Körper, Geist, Emotionen, Seele, usw. Und daß es daher genüge, einen Aspekt, zum Beispiel den leicht zugänglichen kognitiven, zu beeinflussen, um Auswirkungen auf allen anderen Ebenen, zum Beispiel der körperlichen, zu bewirken. Das klingt logisch, ist aber nicht wahr. Um eine tiefsitzende identitätsbestimmende oder charakterformende körperliche Kontraktion indirekt über Arbeit am Kognitiven oder Emotionalen lockern zu können, bedarf es Erschütterungen in der Preislage einer schweren existentiellen Krise, wie es etwa der Verlust eines geliebten Menschen ist, oder auch eine tiefe spirituelle Erfahrung, oder anderes, das einen aus der Bahn wirft. Das läßt sich nicht in jeder Sitzung machen. (Lachen)

Daher ist es sinnvoller und effektiver, direkt und systematisch am Körper und an der Atmung zu arbeiten. Man muß also kräftig im biologischen Fundament rühren, wenn man wirkliche charakterliche Veränderungen erreichen will, wenn man diesen Roboter in uns ins Stolpern bringen will.

Daher ist die erste Zeit, das erste halbe Jahr oder das erste Jahr in der Körperarbeit, meistens eine sehr bewegte Angelegenheit, eine Zeit des inneren Aufruhrs, vieles kehrt sich von unten nach oben, wird de-konstruiert, erschüttert. Eine Zeit mit vielen losen Enden, noch fehlenden Verknüpfungen. Eine Zeit des Umpflügens, man kann viele Bilder finden, die das beschreiben.

Wenn eine genügende Auflockerung an der biologischen Basis erreicht ist – wenn also die Atmung ein ganzes Stück freigelegt ist und die gröbsten muskulären Blockaden in Bewegung gekommen sind – dann kann man beginnen, mit dem Charakter zu spielen. Eine Voraussetzung dafür ist die Erfahrung und die Erkenntnis, daß man mindestens zwei choices hat… Laßt uns ein Beispiel konstruieren: Da ist der Typ, dem jeden Morgen in der U-Bahn einer auf die Füße tritt. Jeden Morgen, seit zwanzig Jahren. (Lachen) und jeden Morgen sagt der Typ mit einem schiefen Grinsen: „Aber das macht doch nichts.“ (Lachen) In Wirklichkeit ist er stinkesauer, er könnte sie alle würgen, aber er kann nicht anders. Sein ganzes vegetatives, motorisches System nimmt automatisch diese Haltung ein: „Aber das macht doch nichts.“ Jetzt macht dieser Mann eine Körpertherapie. (Lachen) Er will wieder schief grinsen und seinen Spruch aufsagen, aber das geht nicht mehr. Er hat kaum Zeit, das zu bemerken, denn sein ganzes System formt sich auf einmal blitzschnell in eine andere Richtung, und er hört sich plötzlich brüllen, außer sich vor Wut, es bricht aus ihm hervor: „Laß das, Arschloch!“ (Lachen)

Das ist ihm erstmal peinlich, so unangemessen, vor allen Leuten, hätt ich bloß nicht mit der Therapie angefangen undsoweiter. Aber innerlich frohlockt er, triumphiert er: Er hat es gebracht! Er hat mitten ins Wohnzimmer geschissen. Filmreif, spontan. Live on stage. Er jubelt klammheimlich. Er hat jetzt zwei Möglichkeiten im Repertoire, zwei Möglichkeiten körperlich erfahren: das sind 100 Prozent Zuwachs, eine immense Bereicherung.

Das versetzt ihn aber noch nicht in die Lage, mit seinem Charakter zu spielen. Er hat erstmal eine Erweiterung erfahren, ein Ausschöpfen der neurotischen Polarität. Jeder Psychotherapeut wird sagen, daß dies nur ein neurotischer, reaktiver, rebellischer Ausbruch war. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Uns interessiert erst mal nur, daß im Vegetativen eine gewisse Verbreiterung, eine gewisse Bahnung stattgefunden hat. Etwas ist in Bewegung geraten, die extreme Zurückhaltung des ganzen Organismus ist zumindest an einer Stelle durchbrochen worden, der Staudamm hat einen Riß bekommen, ein Anfang ist gemacht.

Die Fähigkeit mit dem Charakter zu spielen, entwickelt sich später im Prozeß. Sie setzt einiges voraus: zunächst eine weitere Freisetzung und Vertiefung der Atmung und eine weiter fortgeschrittene Entpanzerung vor allem in den charakteristischen Knoten in der Stirn, im Hals, in der Brust und im Zwerchfell, also längs und abwärts der Frontallinie. Damit sind zwei Arten von Erfahrung zwangsläufig verknüpft: Erstens ein gelegentliches Aufblitzen von tiefen Strömungserfahrungen, Momente, Intuitionen größerer oder großer Freiheit von Panzerung und zweitens ein hoher Level allgemeinen Wohlbefindens, eine beständigere Erfahrung von Gesundheit und Kraft, trotz aller Turbulenzen, ups and downs, die der Prozeß mit sich bringt. Die Identifikation mit der Panzerung, mit dem Chrarakter, mit Kummer, Schmerz, Sorgen, Angst usw. ist in fortgeschrittener Weise unterminiert.

Damit verbunden ist noch ein weiteres: eine Art Selbstbeobachtung hat sich spontan entwickelt, ein beständiges Gewahrsein der eigenen Panzerungsmuster, auch der subtileren charakterlichen Windungen und Tricks, mit denen man sich totstellt. Dazu kommt eine realistischere Einschätzung der Endlosigkeit, der Beliebigkeit, der komplizierten Verwickeltheit der eigenen Charaktertendenzen und ein Gefühl der Ernüchterung, manchmal der Verzweiflung, angesichts der nunmehr deutlich spürbaren tiefen und tiefsten körperlichen Verwobenheit und Verankerung der Panzerung und des Charakters.

Diese Nüchternheit bringt einen Abbau bestimmter idealistischer Ansprüche hinsichtlich InstantHeilung und anderer perfektionistischer Haltungen im Zusammenhang mit dem Veränderungsprozeß. Eine Einsicht in die nötige Tiefe und die nötige Dauer des Prozesses macht sich breit, ebenso eine größere Bereitschaft dafür. Und auch eine Portion… humbleness heißt das im Englischen, eine Art wahrhafter menschlicher Demut Bescheidenheit, erwachsen aus einem tieferen Verständnis für die menschliche Kondition. Und natürlich auch eine größere echte Wertschätzung der eigenen Person, so, wie sie ist, ein Anerkennen der eigenen charakterlichen Verbogenheit als Ausdruck einer in der Biographie notwendig gewesenen Überlebensstrategie. Und – last not least: ein wohltuender und heilsamer Humor hat sich eingefunden, ein Humor bezüglich des eigenen Charaktertyps, seiner absurden und grotesken Manöver. Man nimmt sich als Charakter immer weniger ernst, alle Verbissenheit verschwindet allmählich, auch in bezug auf die zahllosen Charaktere um einen herum, in bezug auf das ewige und alltägliche menschliche Drama.

Nehmen wir an, unser U-Bahn-Fahrer hat inzwischen einen solchen Prozeß durchlaufen. Er ist dabei geblieben, hat jetzt zwei oder drei Jahre Körperarbeit hinter sich – und fährt immer noch U-Bahn. (Lachen) Aber es tritt ihm keiner mehr auf die Füße. (Lachen) Nicht etwa, weil er so wild und furchterregend aussieht, sondern einfach, weil er eine andere Ausstrahlung hat. Früher hat er alles zum Kern hin kontrahiert unddamit ständig Einladungen ausgeschickt, ihm auf die Füße zu treten. Jetzt hat er gelernt, seine Energie vom Kern her beständig auszusenden, bzw. sich immer wieder daran zu erinnern… Früher war er so kontrahiert, daß man ihn kaum wahrgenommen hat; erst, wenn man ihm auf die Zehen stand. Jetzt hat er Volumen, ein größeres Feld, ausgedehntere Grenzen. Früher war seine Grenze fünf Zentimeter unter der Hautoberfläche, jetzt liegt sie einen Meter darüber oder davor.

Und er ist auf den Geschmack gekommen, er hat Lust, immer weiter zu expandieren. Zum Beispiel in der U-Bahn. Es ist ihm mit der Zeit dort langweilig geworden. Er will jetzt was für seine Unterhaltung tun. Er fängt nun seinerseits an, Leuten auf die Zehen zu treten, einfach so, aus Zeitvertreib, um mal zu sehen, was passiert. (Lachen)

Jetzt hat er angefangen, mit seinem Charakter zu spielen. Er hat seinen Charakter in den letzten Jahren sehr gründlich ausgelotet und kennengelernt. Jetzt fängt er an, Dinge zu tun, die eigentlich überhaupt nicht seine Art, sein Stil sind, die vielleicht genau seinem gegenteiligen Charakter entsprechen. Er tut dies nicht als strategische Gegenmaßnahme, um sich zu verändern, um irgendwas zu erreichen. Nein, er macht es einfach nur – aus Bock, zu seinem Vergnügen, zu seinem excitement. Er hat es nun gelernt und wagt es, kleine, erregende, belebende Risiken einzugehen, in seinen Alltag einzubauen. Er kann diese Verrücktheiten jetzt mehr und mehr genießen. Es wird fast zu einer Art Hobby: Wann immer er ein Stück Mechanik an sich entdeckt, fängt er an, damit herum zu spielen, das Gegenteil auszuprobieren oder es sonstwie auf eine erregendere Art als gewohnt zu tun.

Übrigens – eine kleine Fußnote – das ist der Grund, weshalb wir meistens ein Setting mit kombinierter Einzel- und Gruppenarbeit anbieten.

Jeder Fortschritt, der in der Therapie erreicht wird, erweist sich bekanntlich in der Interaktion. Wir brauchen die Einzelsitzungen für die direkte, körperliche, panzerlösende Arbeit und die Gruppenwochenenden für unsere „verbale Energiearbeit“. Gruppenarbeit besteht bei uns zum großen Teil darin, in der Gruppe die eigenen charakterlichen Besonderheiten ans Licht zu befördern und so vollständig wie möglich zum Ausdruck zu bringen- Das geht am besten, wenn man in der Gruppe einen Konsens herstellen kann, ein Verständnis dafür, was Charakter und Panzerung ist; vor allem, daß wir uns alle als Charaktere nicht sonderlich ernst nehmen müssen. Daß alles, was wir als Charaktere produzieren, im Grunde nicht wahr ist, keine Substanz hat, kontaktlos ist, Drama ist.

Ist dieser Konsens einmal hergestellt – das kann eine ganze lange Weile dauern, und manche schnallen es nie – kann eine weitere Übereinkunft getroffen werden: daß wir es wagen und uns gegenseitig gestatten, uns in unserem Charakter so vollständig wie möglich zu zeigen, daß wir uns als Charaktere nicht verstecken voreinander, daß wir all dies Häßliche, Peinliche, Triefende, Gierige, Sentimentale, Moralistische und das darübergestülpte Edle, Hilfreiche und Gute, daß wir die Fassade und die komplette zweite Schicht zum Vorschein kommen lassen, damit wir sie so bald wie möglich loswerden können. Deshalb machen wir auch soviel Theaterarbeit: auf der Bühne stehen heißt unter Streß stehen, und unter Streß tritt der Charakter deutlich, für alle sichtbar, zu Tage.

Ein besonderer Aspekt dieser Charakter-Gruppenarbeit in einem fortgeschritteneren Stadium ist, daß die endlosen, wechselseitigen Verträge, die in so einer Gruppe bestehen, erkannt und gebrochen werden, all die konspirativen Tabus, all die wortlosen Absprachen. Ich meine vor allem das berühmte Drei-Affen-Syndrom: nichts sagen, nichts hören, nichts sehen. Ich sage nicht, was ich an dir sehe, und du siehst nicht, was du an mir siehst. Ich höre nicht hin und tue so, als wär nichts, wenn du Schwachsinn redest, und umgekehrt. Damit, mit diesen Verträgen, muß radikal aufgeräumt werden, wenn es in einer solchen Gruppe weitergehen soll. Und das tun wir. Es ist schmerzhaft, die eigenen charakterlichen Begrenzungen zu spüren und damit, in seiner hilflosen Befangenheit, gesehen zu werden. Es ist aber ein notwendiger Schmerz, ein notwendiges Leiden an der eigenen Panzerung, um den Impuls zur Transzendierung dieser scheinbar unverwüstlichen klebrigen Gummischicht zu stärken.

…So, was macht unser U-Bahn-Fahrer? Er hat also diesen ganzen Prozeß durchlaufen. Er hat weitere zwei, drei Jahre damit verbracht und inzwischen eine Ausbildung zum Körpertherapeuten angefangen. (Lachen) Er hat wirklich viel erreicht. Nach all dem Spielen und Experimentieren mit seinem Charaktertyp hat er gemerkt, daß noch eine Menge mehr erforderlich ist. So oft schien die Charakterschicht nur hauchdünn wie Geschenkpapier zu sein, bereit, jeden Moment zu zerreissen. Im nächsten Moment war sein Charakter wieder das unbesiegbare, zählebige Monster, das mit ihm spielte. Vor allem hat er gemerkt, daß das Auflösen von Blockaden allein noch nicht glücklich macht, daß es viel Kraft, Ausprobieren und Disziplin erfordert, die freigewordenen Energien für ein kreativeres Leben zu nutzen. Er hat dies getan und sich damit beträchtliche Freiräume geschaffen – innerhalb seines Charakters. Er hat mehr und mehr die Erfahrung des Strömens gemacht und gelernt, sein Leben danach auszurichten – von Augenblick zu Augenblick. Er weiß genau, was er tun und lassen muß, um sein Strömen zu erhalten, zu verstärken und es nicht den permanenten Anfällen von Selbst-Kontraktion zum Opfer fallen zu lassen. In diesem Sinne hat er profunde Änderungen in seiner ganzen Lebensart erfahren; er hat seine Ernährung, seine Sexualität, sein Atmen, sein alltägliches banales Handeln in ein stetig wachsendes Zelebrieren seiner Strömungserfahrungen verwandelt. Es geht ihm gut. Der Körper ist durchgearbeitet, der Orgasmusreflex ist da, sein Therapeut hat ihn als geheilt entlassen und ihm mit auf den Weg gegeben, daß er jetzt grundsätzlich genital ist. (Lachen)

Er hört viel Lob, vor allem von Leuten, die ihn lange nicht mehr gesehen haben und ihm bescheinigen, wie sehr er sich doch verändert habe.

Nur er weiß, daß sich nichts verändert hat. Absolut nichts, wenn man genau hinsieht. Sicher, es gibt alle diese Verbesserungen, Veränderungen innerhalb der Charakterstruktur. Aber es gibt auch immer noch diese eine, starke, unangetastete Basis-Kontraktion, diese allmächtige Tendenz, diesen besonderen Typ, diesen Charakter, der er ist. Für Illusionen und Hoffnungen auf große Veränderungen ist jetzt kein Platz mehr. Das Leiden an sich selbst, an der eigenen Panzerung, wird nun tief, echt, existentiell, ausweglos. Er sieht sich in aller Ungeschminktheit als genau den Charakter, der er ist und den er so erfolgreich zu kompensieren, zu verwischen gelernt hat: dieser Schizo, dieser Maso, dieser Gottweißwas. Er sitzt immer noch in diesem Gefängnis, das nur etwas oder sehr viel komfortabler geworden ist.

Jetzt, an diesem Punkt, wo er auf Grund gekommen ist, im Angesicht tiefer Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Desillusionierung, kann die entscheidende charaktertransformierende Arbeit beginnen. Er hat alles versucht und nichts erreicht. Wenn er den Mut hat, dieser Wahrheit ins Auge zu sehen, dann macht sich in ihm wahrscheinlich eine mittlere bis riesige Heiterkeit breit. Er schaut sich um. Um ihn herum sieht er nur Leute im Film, voller verzweifelter Hoffnung und Selbsttäuschung. Er sieht nur Sucher. Für ihn aber gibt es nichts mehr, was er tun kann. Er gibt auf.

Er fügt sich radikal in sein Schicksal. Er ist nun wirklich traurig und wirklich amüsiert. Er lacht und weint zugleich. Alles Verändernwollen hat aufgehört. Er akzeptiert es zu hundert Prozent, dieser Charakter in dieser Welt zu sein. Jeder kann es sehen. Jeder darf ihn sehen. Es gibt nichts mehr zu verbergen. Er muß sich nicht mehr bedeckt halten. Eine tiefe, tiefe Erleichterung stellt sich ein. Es ist, als ob er aufgefüllt wird mit einer heilsamen Kraft. Er akzeptiert vollständig, dieser Charakter zu sein, vollständig- Und in diesem Augenblick verliert er ihn unwiederbringlich. Er ist nicht mehr dieser Charakter, er ist jeder Charakter und keiner. Er ist charakterlos geworden. (Lachen) Er hat geschafft, was nur wenigen gelingt.

Aber er ist immer noch kontrahiert, immer noch nicht frei. Er hat das Menschenmögliche getan, was man aus eigener Kraft tun kann. Das abgegriffenen Bild von der Unmöglichkeit, sich an den eigenen Haaren aus dem Morast ziehen zu können, geistert durch sein Hirn. Er hat sein Menschenmögliches getan und fühlt sich unfreier denn je. Er ist immer noch diese abgekapselte Entität, mittlerweile undefinierbaren Charakters, aber voller Angst. Todesangst, wenn er ehrlich genug ist, und das ist er. Und immer noch voller brennender Sehnsucht. Er ahnt diffus, daß er etwas völlig anderes braucht als Therapie, Yoga, Fallschirmspringen, um aus diesem Dilemma herauszukommen. Was er braucht, ist Gnade. Er lechzt nach Gnade. Er weiß mittlerweile, daß es sie gibt. Aber wo? Was er noch tun kann ist eines: diese Gnade ausfindig zu machen und sich ihr ohne Zögern hinzugeben, sich dieser Gnade zu Füßen zu werfen und den Rest seines Lebens dort zu verbringen. Wehe ihm, wenn er diesen letzten Schritt, der eigentlich der erste ist, nicht tun kann. Alles wäre dann umsonst gewesen. Alles ginge wieder von vorne los. Im nächsten Leben. In der U-Bahn. (Lachen)

TEILNEHMERIN: Die Geschichte kommt mir aber bekannt vor…

LOIL: Ja, es ist deine Geschichte. Es ist meine Geschichte. Es ist eine Geschichte über uns U-Bahn-Fahrer.

Vorabdruck aus dem Buch von Loil Neidhöfer: „Disziplin der Lust“, das im Herbst 1993 im Transform Verlag, Oldenburg, erscheinen wird.