Bukumatula 2/1988

Interview mit Gunar Seitz

Alena Skrobal und Bettina Swoboda:

Vom 13. bis 15.Mai 1988 fand in Kassel/BRD vom „Institut für Gesundheit und Körpererfahrung“ die Tagung „Lebendigkeit und Gemeinschaftlichkeit“ statt. Anläßlich eines Wien-Aufenthalts im Vormonat, führten Alena Skrobal und Bettina Swoboda mit dem Organisator dieser Veranstaltung, Gunar Seitz, nachfolgendes Gespräch. Gunar Seitz ist Mitglied der hessischen Kommune „Riedmühle“, und als Redakteur der Zeitschrift „Contraste“ für die Bereiche Kommunikation und Kultur zuständig.

Im Vorwort des Veranstaltungskataloges wird Wilhelm Reich zitiert:

„Wahres Leben bewegt sich nach vorn in unbekannte Bereiche, aber es tut dies nicht gern allein. Es braucht keine Schüler, keine Anhänger, keine Ja-Sager, keine Bewunderer und keine Verehrer. Was es aber dringend braucht und nicht entbehren kann, ist Gesellschaft, Kameradschaft, Freundschaft, menschliche Nähe und das mitfühlende Verständnis einer anderen Seele. Darin liegt nichts übernatürliches oder Außergewöhnliches. Es ist ein Ausdruck echten Lebens, natürlicher Sozialität. Niemand will oder kann ganz allein leben, ohne dabei Gefahr zu laufen, verrückt zu werden.“

B: Du organisiert in Zusammenarbeit mit dem „Institut für Gesundheit und Körpererfahrung“ eine Tagung zu den Themen „Lebendigkeit und Gemeinschaftlichkeit“. Also zu Begriffen, die auch mit Reichschem Gedankengut zu tun haben.

G: Ja, die Tagung behandelt Aspekte einer zukünftigen Gesellschaft, die auf einem neuen Verständnis von „Leben“ basieren.- Wichtig erscheint mir in der heutigen Zeit der Zerstörung – damit meine ich sowohl soziale als auch ökologische Zerstörung – lebensfördernde Elemente zu entwickeln. Es gilt Gesellschaftsformen zu finden, in der die Menschen herrschaftsfrei mit der und für die Natur leben können.

B: Welches Anliegen ist den Referenten gemein?

G: Unter anderem nehmen etwa Rudolf Bahro, Annelle Keil und Rolf Schwender an dieser Tagung teil. Ihnen gemeinsam ist das Anliegen, Politik und Spiritualität aufeinander zu beziehen. Gemeint ist damit Spiritualität in umfassendem Sinne, in einem sehr realen und pragmatischen Sinne, in einem sehr diesseitigen Sinne. Spiritualität heißt für mich, Kräfte und Prozesse zu erkennen, die in uns lebendig sind, und die in der Natur sind, die wir positiv aufgreifen können, ja aufgreifen müssen, wenn wir eine neue, weniger „gepanzerte“ Gesellschaft erreichen wollen.

Im Moment sieht es für mich so aus, daß sehr tiefe Risse zwischen politisch engagierten und spirituell ausgerichteten Menschen bestehen. Diese Risse zu verkleinern ist ein Anliegen dieser Tagung. Es soll nach Antworten auf die Frage: „Ist eine Synthese zwischen Spiritualität und Politik erreichbar?“ gesucht werden.

B: Du selbst lebst ja in einer Kommune, die sich mit diesen Themen beschäftigt.- Kannst Du uns etwas über die „Riedmühle“ erzählen?

G: Die Riedmühle ist für uns ein ökologisches und soziales Experiment. Wir versuchen Lebensformen zu entwickeln, wie sie eventuell in einer zukünftigen Gesellschaft praktiziert werden können. Wir versuchen, bereits unter den Bedingungen von „Staat, Kapitalismus und Patriarchat“ – sicherlich in einer sehr unvollkommenen Weise – neue Lebensformen ohne Herrschafts-, Ausbeutungs- und Zerstörungsdenken zu entwickeln.

B: Wie sieht dieses Modell konkret aus; etwa bezüglich Privateigentum, etc.?

G: Es gibt kein Privateigentum im herkömmlichen Sinn. Alle Einnahmen fließen in die gemeinsame Gruppenkasse und werden von dort je nach Bedürfnis des einzelnen wieder verteilt. Bei Geldknappheit entscheidet das Kollektiv über die Zuteilung im Plenum, wo grundsätzlich Entscheidungen im Konsens, also ohne Gegenstimmen, gefällt werden.

B: Die Zahl der Kommunenmitglieder ist auf fünfzehn limitiert?

G: Ja, fünfzehn Leute sind für unseren Rahmen eine Obergrenze, denn ab dieser Zahl wird die Gemeinschaft unüberschaubar, zerfällt in Kleingruppen und die Probleme nehmen exorbitant zu.

B: Ihr habt auch Kontakte mit anderen, zum Teil größeren Kommunen, im deutschsprachigen Raum. Weißt Du etwas über deren Erfahrungen?

G: Ja, es gibt da etwa fünfzehn Kommunenprojekte, die zum Großteil in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind. Von den ersten existieren noch die Krebsmühle in Frankfurt und Otto Mühle Friedrichshof im Burgenland. Aber gerade in den letzten beiden Jahren hat sich sehr viel getan, da sind gleich vier neue Projekte entstanden. Die traditionellen Kommunen hatten es mit etwa fünfzig bis hundert Leuten versucht. Sie waren bemüht, auf verschiedenen Arbeitsgebieten alternative Initiativen zu entwickeln, um eine möglichst weitgehende Autonomie zu erreichen. Dies geht aber nur, wenn alle Arbeitsbereiche innerhalb der Kommune vertreten sind. Dies ist einerseits wegen der sehr weitgediehenen Selbständigkeit ein Vorteil, andererseits ein Nachteil, weil dann Unterstrukturen gebildet werden müssen und Hierarchien unvermeidlich sind.- Irgendwo „oben“ gibt es dann eine Entscheidungsebene, die bürokratisiert und Kompetenzen an sich zieht. Vor allem die Entscheidungsfindung im Konsens wird bei zunehmender Gruppengröße problematischer. Dazu kommen Kommunikationsprobleme, weil auf einzelne Leute nur mehr schwer eingegangen werden kann.

B: Du hast den Begriff „ökologisches Zusammenleben“ genannt. Was verstehst Du darunter?

G: „Ökologisches Zusammenleben“ beziehe ich auf zwei Aspekte. Zum einen die Selbstversorgung mit landwirtschaftlichen und gartenwirtschaftlichen Produkten und zum anderen den „aktiven Naturschutz“.

B: Was meinst Du mit „aktives Naturschutz“?

G: In unserem Fall bedeutet das etwa, daß wir innerhalb des Geländes der Riedmühle – wir haben dreieinhalb Hektar Land – Hecken anbauen, daß wir Tümpel graben, den Bach in Mäander legen etc., um eine kleinräumige Vielfalt von Lebensmöglichkeiten für Tiere und Pflanzen zu ermöglichen. Dadurch soll die Dynamik für Lebensprozesse gestärkt werden.

B: Kannst Du die Organisationsstruktur der „Riedmühle“ beschreiben?

G: Es gibt drei Bereiche, in denen wir tätig sind. Zum einen ist es der erwähnte land- und hauswirtschaftliche Betrieb, dann der kulturell politische Bereich – also die inhaltliche Arbeit, etwa die Organisation von Tagungen und die Herausgabe der Zeitschrift „Contraste“ – und als Drittes der ökonomische Bereich. Wir betreiben eine Computerfirma, einen Verlag und ein Graphikstudio. Diese Firmen sind nach außen hin kapitalistisch organisiert, als „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“.

B: Betreibt Ihr Öffentlichkeitsarbeit?

G: Wir sind eine Redaktion der Zeitschrift „Contraste“. Das ist eine Zeitschrift für Selbstverwaltung und Selbsthilfe im weitesten Sinne. Wir sind zuständig für die Bereiche Kommunen, neue Lebensformen und Zukunftsforschung. Wir versuchen, Modelle, die auch wir in der Praxis entwickeln, innerhalb der Zeitung darzustellen.

B: Noch etwas zur politischen Arbeit. Einige von Euch sind ja in der „Friedensbewegung“ aktiv.

G: Ja, viele von uns waren und sind in verschiedenen sozialen und politischen Bewegungen aktiv. Ich zum Beispiel habe mich sehr stark für friedenspolitische Themen engagiert. Ein sehr wichtiges Anliegen war mir, mit ökologischen, lebensschützerischen Argumenten gegen den militärischen Pflichtdienst vorzugehen, so auch gegen meine eigene Einberufung. 1978, als ich von der Bundeswehr gemustert wurde, war mir eine „ökologische Begründung“ für eine Kriegs- und Wehrdienstverweigerung ein sehr wesentliches Anliegen. Ich bezog mich also nicht auf eine traditionelle friedenspolitische, individuelle, soziale oder religiöse Begründung, wobei ja ausschließlich diese anerkannt werden.

B: Was meinst Du mit *ökologischer Begründung*?

G: Das Militär ist für mich einer der größten Naturzerstörer, die es im Moment gibt. Etwa ein Viertel der Naturzerstörung ist militärisch bedingt. Jetzt abgesehen von der Zerstörung von Menschenleben im Kriegsfalle, sind Atombombentests, C-Waffentests, die Erprobung und der Einsatz von biologischen Waffen und Strahlenwaffensystemen, Radaranlagen, die Manöverbelastungen, wie etwa die Tieffliegerei, etc., oder auch eine großräumige und sinnlose Naturzerstörung, wie etwa die Entlaubung ganzer Dschungelgebiete im Vietnamkrieg, oder die Folgen der kriegerischen Auseinandersetzung im Persischen Golf, zu nennen.

Es war mir ein Anliegen, über eine ausschließlich ökologische Begründung, eine Diskussion unter Juristen herbeizuführen, damit die Kriegsdienstverweigerung aus „ökologischen Gründen“ später einmal möglich werden kann.- Die Konsequenz war, daß ich auf allen Verwaltungsebenen als Kriegsdienstverweigerer nicht anerkannt wurde und daß ich jederzeit mit der Einberufung zu rechnen hatte.

Die Bundeswehr hat bis vor kurzem auf meine Einberufung bestanden. Im letzten Monat wurde aber auf eine Einberufung aus „politischen Gründen“ definitiv verzichtet. Für mich heißt das jetzt, daß eine ökologische Totalverweigerung, wenn sie konsequent vorgetragen wird, vielleicht nicht juristisch, aber sehr wohl praktisch, möglich ist.

B: Kehren wir zurück zu Eurer Gruppe. Wie sieht die Verteilung von Funktionen und Kompetenzen – auch zwischen Männern und Frauen – aus?

G: Wesentlich erscheint mir, dass nicht irgendwelche Hierarchien von Männern gegenüber Frauen ausgeübt werden. Frauen sind bei uns etwa sehr stark im organisatorischen Bereich tätig. Sie sind es, die insbesondere Gruppenzusammenhänge organisieren. Sachkompetenz und Sachautorität stehen im Vordergrund. Dies hat aber nichts mit Hierarchien zu tun.

B: Gibt es Bezüge zu den Ideen Wilhelm Reichs?

G: Ich denke, daß es eine ganze Reihe von Bezugspunkten gibt, auch wenn wir uns nicht als Reichianer, als Freudianer, Marxisten oder ähnliches verstehen. Jede Dogmatisierung, jede Einengung auf eine Persönlichkeit oder eine Richtung, würde unseren Ideen widersprechen.

Reich hat doch auf sehr unterschiedlichen Gebieten gearbeitet und dabei vielfach Ansätze für positive Weiterentwicklungen vorgestellt. Ein Schlüsselbegriff ist dabei sicherlich das Prinzip selbstregulierender Prozesse. Viele dieser Ideen entsprechen auch unseren Vorstellungen. So zum Beispiel auch, daß ein wirkliches Zusammenleben mit der Natur nur im Verstehen der ihr zugrundeliegenden dynamischen Kräfte möglich ist. Und daß ebensolche Kräfte im sozialen Bereich wirksam sind. So ist da die „Kleinfamilienstruktur“ ein Gebilde der kapitalistischen Gesellschaft, das sich innerhalb der letzten zweihundert Jahre herausgebildet hat. Wilhelm Reich hat ja aus psychoanalytischer Sicht versucht, einen Zusammenhang herzustellen zwischen der kleinbürgerlichen Zwangsfamilie und individueller und gesellschaftlicher Destruktion.- Wir gehen davon aus, daß „die Gruppe“ eine praktikable Grundlage bieten müßte, die Kleinfamilienstruktur überwinden zu können»