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Buk 1/15 Lassen wir das Chaos zu!

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Bukumatula 1/2015

Lassen wir das Chaos zu!

Berufserfahrungen eines Sozialpädagogen
Szenen aus dem Buch der „Traumvater“ von Peter Reich,
zusammengestellt von
Beatrix Teichmann-Wirth:

Alexander Trinkl im Gespräch mit Alfred Zopf, der nach Jahren als Heimerzieher Pädagogik studiert hat. Alfred Zopf ist Psychoanalytiker und hat Ausbildungen in Vegetound Orgontherapie nach Wilhelm Reich. Auf beruflicher Ebene hat er sich hin zur psychoanalytischen Pädagogik orientiert. Nachfolgend beschreibt er seine Berufserfahrungen, seine Forderungen für seinen Berufsstand und seinen Bezug zu Wilhelm Reich.

Alexander: Kannst du uns etwas über deinen beruflichen Werdegang erzählen?

Alfred: Nach einigen Stationen in meiner sozialpädagogischen Arbeit bin ich 1979 in Steyr-Gleink gelandet. Das war eine Einrichtung für 180 verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche aus ganz Österreich, die in einem riesigen Klostergebäude untergebracht waren. Ich bin dort in einer `Hölle´ gelandet, in einem Gewaltsystem mit kompensatorisch betrunkenen, etwa vierzigjährigen Heimerziehern, die diese Situation nicht anders verkraften hatten können.

Mein größtes Anliegen dort war für mich zu verhindern, dass die kleinen Kinder nicht von den älteren sadistisch misshandelt wurden. In meiner Verzweiflung habe ich die Heimpsychologin aufgesucht und ihr mitgeteilt, dass ich so nicht weiter arbeiten möchte. Über mein Anliegen zeigte sie sich ganz entgeistert. Sie hatte überhaupt kein Gespür dafür, was sich dort abspielte; die Dynamiken waren wirklich extrem. In der Folge wollte ich meinen Beruf aufgeben, bekam aber ein Angebot als Erzieher in Vorarlberg, das ich gerne angenommen habe.

Dort gab es nämlich die erste Burschenwohngemeinschaft, in der Jugendliche direkt vor Ort Betreuung fanden. Das war ein Pionierprojekt und für mich eine sehr spannende Geschichte.

Der Sozialarbeiter, der das initiiert hatte, ist in die Entwicklungshilfe gegangen, woraufhin sich die Frage nach einem neuen Leiter stellte. Wir haben uns für eine Teamleitung entschieden, die auch genehmigt wurde. Zurückblickend auf meine über vierzig Jahre sozialpädagogischer Arbeit, war das das Projekt mit der höchsten Mitbestimmung auch ganz im Sinne von Selbstorganisation und von „Wie geht es uns gut?“. Es muss uns gut gehen, damit es auch den Jugendlichen gut gehen kann! Das ist ein alter sozialpädagogischer Grundsatz, „Geht’s den SozialpädagogInnen gut, geht’s auch den KlientInnen gut“.

Es gab Einzelsupervision, Teamsupervision, Konzeptarbeit auf einer Almhütte am Wochenende, etc. Insgesamt tolle Rahmenbedingungen mit Lehrern der Sozialakademie, die die Konzeptarbeit unterstützt haben. Wir haben hochdynamisch mit den Jugendlichen gearbeitet, auch mit dem Setzen persönlicher Grenzen ohne Strafsanktionen, was einerseits außerordentlich anstrengend, andererseits aber sehr fruchtbringend war. Diese Erfahrung und dieses Wissen ist für mich heute noch ein `Highlight´ in meiner sozialpädagogischen Arbeit.

Ich hatte dann aber das Gefühl, dass ich mehr an Theorie benötigte und übersiedelte Richtung Universitätsausbildung nach Wien. Bei der Verabschiedung haben wir vereinbart, dass wir uns in fünf Jahren bei einem Fass Bier wiedersehen werden. Tatsächlich, das war 1987, habe ich mich dann mit den Burschen wieder getroffen und mit fünfzehn von ihnen ein Wiedersehen gefeiert.

Und das war für mich eine sehr erfreuliche Geschichte, denn diese Jugendlichen hatten es alle geschafft, für sich einen eigenen Weg im Leben zu finden, um nicht mehr kriminell sein zu müssen. Dagegen habe ich in meiner Steyr-Gleink-Zeit das Phänomen miterleben müssen, dass die bravsten und angepasstesten Jugendlichen ein halbes Jahr später wegen Bankoder Raubüberfällen in der Zeitung zu finden waren. Alles was in ihnen angestaut war, ist dann aufgebrochen.

Alexander: Hat dir die Theorie gefehlt, oder warst du der Meinung, dass die Theorie auf der Universität zu wenig Praxisbezug hat?

Alfred: Für mich gab es universitär zu wenig Praxisbezug. In meinem Spezialfach „Verwahrlosung“ habe ich eine Seminararbeit über eine Wohngemeinschaft geschrieben und habe wegen „Nicht-Wissenschaftlichkeit“ ein „Genügend“ dafür bekommen.

Das war für mich insofern spannend, weil es dazu gar keine Literatur gab. Ich habe einfach versucht, meine persönlichen Erlebnisse einzubringen, blieb aber auf universitärer Ebene komplett unverstanden, d.h. für mich hatte etwas Neues hat dort keinen Platz.

Ich denke schon, dass die hermeneutische Spirale der richtige Ansatz wäre: Arbeiten, theoretischen Input bekommen und dann weiter gehen. Der Theorie fehlt die Verbindung zur Praxis und umgekehrt, und dann geschieht Unrecht, wie das zum Beispiel in der Wilhelminenberg-Geschichte herausgekommen ist, wo viele Kinder und Jugendliche gewalttätig misshandelt wurden. Ende der 60er Jahren hat es in den Heim-Institutionen eine klare Verordnung gegeben: Es darf keine Gewalt mehr geben.

Alexander: Du arbeitest mit schwererziehbaren und auch kriminellen, gewalttätigen Jugendlichen?

Alfred: Sicher mit unterschiedlichen Facetten. Zum Beispiel ist damals in Vorarlberg zu Beginn der 80er Jahre ein Jugendlicher zu uns gekommen, der trotz Muskelschwunds einen Taxifahrer mit einem Messer überfallen hat. Es sind also Jugendliche darunter, die so einiges am Kerbholz haben.

In der jüngeren Vergangenheit, ab dem Jahr 2000, hatten wir immer mehr gewalttätige Mädchen zu betreuen. Ein Mädchen ist einmal komplett ausgezuckt und hat behauptet, dass ich sie geschlagen hätte. Ich habe sie aber nur gehalten. Offenbar ist sie in ein dramatisches FlashBack hineingekommen und hat eine Gewaltsituation wiedererlebt.

Ich hatte aber das Glück, dass Zeuginnen anwesend waren. Ein anderes Mal, das war 2006, bin ich in eine ganz heikle Situation geraten. Da gab es drei Mädchen die extrem agiert haben. Ich habe versucht Grenzen zu setzen, indem ich auf sie zugegangen bin, einfach um einen Stopp zu erzeugen. Sie waren aber derart extrem in ihren Machtspielen, dass sie die Polizei gerufen haben und behauptet haben, dass ich sie geschlagen hätte. Gott sei Dank hat die Polizistin gleich mitbekommen, was da rennt.

Eine der Mädchen war daraufhin extrem wütend sie ist von ihrem Stiefvater schwer misshandelt worden und wollte endlich Rache üben hat es aber nicht geschafft, dass ich von der Polizei abgeführt wurde. Das sind schon Grenzerfahrungen, und ich hatte wirklich Glück, weil ich in diesem Fall keine objektiven Zeugen hatte. In solchen Übertragungs-Situationen ist man nicht geschützt und kann größte Probleme bekommen, wenn man angezeigt wird.

Eine weitere Problematik, die bis heute nicht an die Öffentlichkeit gelangt ist, sind die Körperattacken auf uns SozialpädagogInnen. Das wird unter den Tisch gekehrt. In meiner Diplomarbeit habe ich thematisiert, dass sich das Blatt der Gewalt gewendet hat. Heute sind größtenteils wir die Gewaltopfer. Natürlich spielt alles irgendwie zusammen, aber da bin ich jetzt bei einem für mich ganz wichtigen Thema: Die unbewusste Identifikation mit dem Aggressor.

Und dieses Phänomen scheint sehr, sehr tief zu wirken. Wenn Kinder frühkindlich und oft weiterhin traumatisiert werden, dann ist eine psychische Verarbeitung nur mehr möglich, wenn ich mich mit dem Täter identifiziere. Das kommt dann später als gewalttätiges Agieren heraus. Wir wissen ja, dass bei sexuellem Missbrauch die meisten Täter auch Opfer waren.

Mir schwebt ja ein Projekt vor, das es aber leider nicht spielt: Ein Krisenzentrum für Missbrauchstäter. Das hieße raus aus dem System.Nicht das Kind kommt in ein Krisenzentrum, sondern der Täter. Mit dem Wegweisungsrecht wäre das sehr wohl machbar. Leider bin ich da realistisch gesehen der Zeit um 20 Jahre voraus. Eine weitere für mich spannende Geschichte, wo ich auch auf Unverständnis stoße, ist der Umgang mit Pflegekindern. Manche unsere Jugendlichen werden auch schwanger, werden Mütter und kommen dann in eine Mutter-Kind-Einrichtung, wo ihnen leider oft das Kind aufgrund gewalttätiger Handlungen abgenommen wird.

Dann entsteht folgende Situation: Dieses Kind meistens ist es ein halbes Jahr alt kommen in eine Krisenpflegefamilie, und wenn es nicht mehr zur Mutter zurück kommt, kommt es nach einigen Monaten in eine Pflegefamilie Jetzt muss man sich bitte das Befinden eines Babys vorstellen, das in kurzer Zeit gleich mehrere Bezugspersonen verliert. Was mutet man da einem kleinen Menschen heute, im 21. Jahrhundert zu? Warum mutet man den Pflegeeltern nicht zu, dass ihr Pflegekind eventuell zur leiblichen Mutter zurückkommen kann? Dieser Vorgang ist doch verrückt; es muss zu einer Traumatisierungsschleife kommen, ein Wahnsinn.

Alexander: Das ist heute Praxis in Österreich, in Wien?

Alfred: Ja, das ist zumindest in Wien Praxis. In einem Fortbildungsgremium habe ich dazu meine Bedenken thematisiert, aber der zuständige Psychologe konnte kein Problem darin erkennen. Das sind aber Entwicklungspsychologen. Es gibt ja von der psychoanalytischen Säuglingsforschung her das Wissen, dass Kinder als sozial hochkompetente Wesen auf die Welt kommen.

Das ist etwas, was Freud leider nicht so gesehen hat einer seiner schweren Fehler. Er meinte, dass das Kind als Triebwesen auf die Welt kommt und man versuchen muss, diese Triebe in den Griff zu bekommen. Die heutige Säuglingsforschung der Psychoanalyse deckt sich für mich im Großen und Ganzen mit der Reichianischen Theorie und Praxis.

Alexander: Du hast schon erwähnt, dass Pädagogen auch Opfer von Gewalt werden können ….

Alfred: Ich betreue weibliche Jugendliche seit 1988, auch extrem Schwierige. Ab dem Jahr 2000 ist es eindeutig zu einer Welle an körperlichen Übergriffen gekommen. Ich war damals schon Personalvertreter und habe versucht, das zu thematisieren, was aber bis heute nicht ernst genommen wird.

In meiner Diplomarbeit habe ich diese Entwicklung beschrieben: Von 1995 bis 2005 kam es zu einer Steigerung bei schweren Traumatisierungen von 12 auf 42 Prozent, das ist eine Vervierfachung innerhalb von 10 Jahren. Diese Entwicklung wurde aus meiner Sicht komplett ignoriert bzw. verschlafen.

Alexander: Hast du eine Erklärung dafür?

Alfred: Ich habe keine Erklärung dafür, aber diese Entwicklung war plötzlich da. Wie gesagt, es handelt sich um Mädchen, nicht um Burschen. Es wird oft die Meinung vertreten, dass Mädchen die destruktive Energie nach innen lenken und sich „nur“ ritzen. Das stimmt aber überhaupt nicht.

Wir haben immer wieder Mädchen, die extrem gewalttätig sind. Ich habe zum Beispiel ein Mädchen ambulant betreut, die nach einem Rapid-Match einen Kriminalbeamten zusammengeschlagen hat. Wir hatten auch immer wieder Polizeieinsätze, wo Verstärkung angefordert werden musste. Solche Vorfälle kommen aber nicht in die Medien, die Bevölkerung weiß überhaupt nichts davon.

Alexander: Da stellt sich auch die Frage nach sexuellem Missbrauch ….

Alfred: Ich habe vor kurzem ein Mädchen betreut, das nicht zu 100 Prozent beweisen konnte, dass ihr Vater sie sexuell missbraucht hat, sondern nur zu 98 Prozent, und der Vater wurde freigesprochen. Für mich ist das Mädchen suizidgefährdet, weil es den Mut hatte Anzeige zu erstatten und dann erleben musste, dass ihm nicht Recht gegeben wurde.

Die Realität heute ist, dass in 8 von 10 Anzeigen die Angeklagten freikommen. Es hat natürlich auch Fälle gegeben, wo Jugendliche ihre Stiefväter „hineingeritten“ haben, indem sie behaupteten, sexuell missbraucht worden zu sein. Das ist leider ein Thema, wo auch Richter und Staatsanwälte viel mehr an Bildung bräuchten, um sich besser hineinfühlen zu können.

Nach einigen Fortbildungen anfangs der 90er Jahre zu sexuellem Missbrauch bin ich zu dem Schluss gekommen: Wenn ich sexuell missbraucht worden wäre, würde ich es für mich behalten, weil die Professionisten damit nicht umgehen können. Da gibt es nur ein Schwarz-Weiss-Denken. Auf eine differenzierte, feine emotionale Ebene wird überhaupt nicht eingegangen. Es war ja auch absurd, was sich Anfang der 90er Jahre an Verdrehungen abgespielt haben. Wenn ein Kind irgendwelche Zeichnungen angefertigt hat, hat es gleich geheißen, das ist ein sexuell missbrauchtes Kind, das müssen wir sofort aufklären.

Diese Extreme sind passiert, und für mich gehört das sogar zusammen. Wenn man nicht fein wahrnehmen und gut spüren kann, ist man entweder dafür oder dagegen anstatt das Thema ein Stück weit wachsen zu lassen. Ich bin einmal von einem Mädchen als erster über sexuellen Missbrauch informiert worden, weil die Mutter sie mit dem Umbringen bedroht hatte, wenn sie darüber erzählen sollte. Das Mädchen konnte sich dann von der Familie absetzen und ihren eigenen Weg gehen. Das war aber nur möglich, weil ich bereit war, sie mit wohlwollender Aufmerksamkeit einfach ein Stück auf ihrem Lebensweg zu begleiten und sie „sein“ lassen konnte.

Alexander: Einerseits sollen Jugendliche die Möglichkeit haben, ihre Emotionen auszuleben, andererseits muss man ihnen Grenzen setzen. Wie geht man mit diesem Widerspruch um?

Alfred: Im sozialpädagogischen Kontext muss man klare Grenzen setzen, zum Beispiel mit Hausordnungen und auch zur Durchsetzung von äußerer Sicherheit. Mir geht es aber um den zwischenmenschlichen Bereich, und da bin ich sehr offen. Deswegen liebe ich ja die Psychoanalyse, die keine Struktur vorgibt, sondern assoziieren lässt. Wilhelm Reich hat aus seinem psychoanalytischen Selbstverständnis heraus ja auch gefordert,

das Chaos zuzulassen und die Dinge sich in Selbstorganisation entwickeln zu lassen. Das „Nicht Struktur Geben“ ist für mich auch politisch gesehen ein spannender Punkt.

Alexander: Ist es in einer Demokratie nicht verwirklicht, dass man eine staatliche Ordnung hat und es andererseits Raum für Diskurs, Erneuerung und machtpolitische Umbrüche gibt?

Alfred: Das sehe ich nicht so, eher umgekehrt. Dazu meine Erfahrungen in der Gewerkschaft: Dort gilt, was sich Freunderlpartien ausmachen. Störungen werden einfach eliminiert. Allein die Tatsache, dass wir eine eigene, kleine Gruppierung geschaffen haben, erzeugte große Ängste. Ich war davor in der FSG und sogar deren Vorsitzender. Aber als es darum ging, bei Organisationsverschlechterungen mitspielen zu müssen, habe ich mich mit anderen KollegInnen gewehrt und bin dann „abgeschossen“ worden.

Wenn man nicht so funktioniert, wie es sich das Establishment bzw. der Machtapparat wünscht, wird man kalt gestellt. Da kommen Dynamiken hinein, die antidemokratisch sind. Was ich in der Gewerkschaft erlebt habe, ist eigentlich eine Diktatur der Machthabenden.

Alexander: Kennst du Zahlen, wie viele Jugendliche früher in Heimen waren und heute in Wohngemeinschaften und Pflegefamilien leben?

Alfred: Dazu gibt es Statistiken. In den 50er und 60er Jahren wurden in Wien mehrere tausend Jugendliche in Heimen betreut; heute sind es etwa eintausendfünfhundert. Etwa 70 Prozent aller Gefängnisinsassen kommen aus Heimen und waren KlientInnen der Jugendwohlfahrt.

Wenn man sich dazu entschließen könnte, eine wirklich gute ambulante Betreuungshilfe für Familien aufzubauen, könnte man sich 50 Prozent der Fremdunterbringungen ersparen; die anderen 50 Prozent bräuchten traumapädagogische Betreuung, die auch äußeren Schutz gewährleistet. Das gibt es aber oft nicht. In unseren Einrichtungen geschieht es immer wieder, dass Kinder andere Kinder misshandeln auch sexuell.

Alexander: Aber es gibt ermutigende sozialpädagogische Entwicklungen, z.B. von Heimen hin zu Wohngemeinschaften ….

Alfred: Das stimmt, aber da kommt eine andere Seite ins Spiel: Die Burnout-Rate überforderter Sozialpädagogen ist extrem gestiegen. Die Fachhochschulen bieten kaum Selbsterfahrung an. Die Absolventen werden in ein Arbeitsfeld hineingestoßen und haben von ihrer eigenen Befindlichkeit keine Ahnung.

Sie engagieren sich oft mit einem Helfersyndrom, mit dem man überhaupt nichts weiter bringt. Wenn du nicht selbstreflektiert bist, kommst du sehr schnell an deine eigenen Grenzen. Und da sind wir bei Freud, der gemeint hat, dass man Psychoanalyse nicht kognitiv verstehen kann, sondern sie selbst erfahren muss.

Alexander: Mich freut es, dass du Reichianer & Freudianer bist, eine Seltenheit ….

Alfred: Der Klassiker „Verwahrloste Jugend“ von August Aichhorn hat mich damals zu Freud geführt, weil er im Vorwort die Analyse der ErzieherInnen forderte, um Übertragung und Gegenübertragung der verwahrlosten Jugend verstehen zu können.

Reich ging es um den Befreiungsaspekt um die Befreiung von der patriarchalischen Kleinfamilie und um die Neurosenprophylaxe. Gemeint ist die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft. Die Strukturen in der Gesellschaft prägen auch das individuelle Leid, und darin sind wir alle gefangen. Da kann man auch Freud zitieren, der meinte, dass Neurosen kulturbedingt sind. Wir leben jetzt in einer anderen Zeit. Die 68er Jahre haben uns aber einen Freiraum eröffnet, uns individuell und gesellschaftlich weiterzuentwickeln.

Alexander: Die Utopie einer Gesellschaft ohne Kleinfamilie ist heute vielleicht gar nicht mehr gewünscht. Was aber erreicht worden ist, ist eine Vielfalt, die es einem ermöglicht sich zu entscheiden: Möchte ich eine Kleinfamilie, oder möchte ich eine Patch-Work-Familie, habe ich eine hetero-. homobioder transsexuelle Orientierung. All das ist heute in unserer Gesellschaft möglich. Mehr ist politisch auch nicht drinnen. Jeder Zwang zu Kollektivismus ist ja im Nachhinein oft auch als Fehlentwicklung erkannt worden.

Alfred: Otto Mühls Projekt war zum Beispiel so eine Fehlentwicklung. Mühl hat Reichs Ideen missbraucht und eine Diktatur in anderer Form erschaffen.

Alexander: Ich finde es spannend, dass in Systeme, die antiautoritär aufgebaut sind, oft über die Hintertüre intransparente Ordnungsstrukturen hineingebracht werden, die viel schwerer anzugreifen und zu kritisieren sind.

Alfred: Das meine ich mit der Angst vor dem Chaos. Otto Mühl hat diese Freiheit zwar zugelassen, aber gleichzeitig hat er auch bestimmt. Wenn Otto Mühl Demokrat gewesen wäre, hätte er sich zurück nehmen und sagen müssen: Ich bin ein Teil von vielen. Dagegen bewundere ich Alexander Sutherland Neill, der ein Teil der Summerhill-Schule war und genauso ein Stimmrecht hatte wie alle anderen auch.

Neill hat viel mehr an Demokratie probiert und hat ein Stück weit aufgezeigt, dass man sehr wohl alternativ, auch ohne körperliche Bestrafung, arbeiten kann. Neill ist aus meiner Sicht großteils missverstanden worden. Seine Erziehungsmethode ist ja nicht antiautoritär, sondern: nicht autoritär das ist ein Unterschied.

Alexander: Du bist Psychotherapeut und auch politischer Akteur. Wie psychopathologisch ist der politische Alltag in dem du dich bewegst?

Alfred: Sozialpädagogische Arbeit ist immer auch politisch. Anfang der 90er Jahre gab es für uns noch viel Freiheit und Freiraum. Mit der Heimreform im Jahr 2000 hat man systemische Strukturen geschaffen, in denen ich als Vertreter der Psychoanalyse nicht mehr willkommen war. Damit hat mir gegenüber das `Bossing´ begonnen. Meine Antwort darauf war, dass ich als Personalvertreter in der MA 11 und bei der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter eingestiegen bin. Seither bin ich geschützt und weisungsungebunden und kann meine Meinung äußern, was ich auch mache.

2006 wurde eine Organisationsänderung beschlossen, die eine Verschlechterung auf vielen Ebenen bedeutete. Wir als Dienststellenausschuss haben uns dagegen gestellt, und so kam von der gewerkschaftlichen Hierarchie die Mitteilung: Entweder spielt ihr mit, oder ihr seid „tot“.Und wir sind für „tot“ erklärt worden. Daraufhin sind wir bei der Wahl als eigene Gruppierung angetreten, als `Sozialdemokratische Alternative´, und haben ein Mandat geholt. Ich bin jetzt Personalvertreter und Gewerkschafter in der Hauptgruppe 1.

Alexander: Ermöglicht dir Demokratie ein Chaos, eine Rebellion?

Alfred: Ja, aber zu welchem Preis! Nur ein Beispiel: Nach der Wahl wurde mir ein Päckchen mit einem zerknüllten Werbezettel unserer Fraktion zugeschickt. Das war die Botschaft der Hauptgruppe 1 an mich als Gewerkschafter. Heftig und symbolisch.

Nach einer Absenz von sieben Jahren habe ich heuer wieder an einer Hauptausschuss-Sitzung teilgenommen. Der Niveau-Unterschied war für mich gigantisch. Ich war der einzige, der versucht hat, seine Meinung zu artikulieren. Alle anderen blieben still. Im Hauptausschuss wird, so meine derzeitige Wahrnehmung ein totes Pferd geritten. Das ist aber das einzige gemeinsame Gremium, wo man sich äußern kann.

Alexander: Das heißt, dass es keinen konstruktiven Meinungsaustausch gibt ….

Alfred: Für mich ist das Diktatur, und ich bin gespannt, wie es weitergeht. Ich bin für meine Exkollegen und für die gewerkschaftliche Hierarchie ein absolutes Feindbild. Die meiden mich wie der Teufel das Weihwasser. Ich habe jetzt noch fünf Jahre vor mir, in denen ich politisch einiges bewegen kann und mit meinen begrenzten Möglichkeiten bewegen werde. Es soll ja ein neues Berufsgesetz für Sozialarbeiter kommen, das ich äußerst kritisch sehe, weil es keine Verbesserung bringen wird. Die eigentliche Problematik liegt in der Betriebswirtschaft und ihren Konsequenzen.

Alexander: Die Ebenen, in denen du engagiert bist, scheinen nicht gerade von demokratischem Geist durchflutet zu sein. Wie erklärst du dir diese Kultur bzw. Unkultur?

Alfred: Ich kann es mir momentan nur so erklären, dass Strategien außerhalb von Strukturen gesetzt werden.

Alexander: Dein Reformgeist scheint aber ungebrochen ….

Alfred: Ja, klar. Meine Energie setze ich dafür ein, dass ich das so nicht mittragen will. Und ich werde auch weiterhin ein „Stachel“ bleiben; das ist auch reichianisch. Ich könnte mich ja schon bequem zurück lehnen, habe aber auch väterliche Gefühle für meinen Beruf. Ich bin zutiefst überzeugt, dass man durch eine andere Struktur zwei Drittel der BurnOut-Fälle der Sozialpädagogen verhindern könnte.

Alexander: Ich finde es seltsam, dass auf Kritik so sensibel reagiert wird ….

Alfred: Für mich ist das schon klar, weil der Magistrat sich dem New Public Management verschrieben hat. Das ist ein neoliberales Konzept, das knallhart nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtet ist. Es gibt Controlling, Contract Management, etc. Mein Leitsatz ist: `Wo Betriebswirtschaft drauf steht, ist Burnout drinnen´. Und die Gewerkschaft geht Hand in Hand mit dem Magistrat. Bürgermeister Häupl wettert zwar gegen den Neoliberalismus, hat ihn sich aber selbst einverleibt.

Alexander: Was sind deine Forderungen?

Alfred: Im zwischenmenschlichen Bereich sind ganz andere Qualitäten gefragt. Wenn ich Kindern und Jugendlichen Partizipation vermitteln möchte, muss ich diese natürlich zuerst den Sozialpädagogen zukommen lassen. Wir sind ja die `Eltern´, wir sind die Vorbilder.

Dort, wo wir größtmögliche Mitbestimmung gehabt haben das war für mich einerseits in Vorarlberg und teilweise in Krisenzentren in Wien -, sind wir von den Kindern und Jugendlichen ernst genommen worden. Sie haben gemerkt, dass wir Kompetenz haben: Wir bestimmen und das hat eine ganz andere Wirkung auf Jugendliche.Und dazu ein Gegenbeispiel: 2009 ist im Krisenzentrum Augarten die Gewalt explodiert. Da sagte ein Jugendlicher zu den Sozialpädagogen: Ihr seid ja selber die „Gfickten“ im System.

Das war sehr treffend. Die Gewalt dort ist genau deshalb so eskaliert, weil sie mitbekommen haben, dass wir SozialpädagogInnen an der Basis selber keine Unterstützung und keine Macht hatten. Wenn man solche autoritäre Strukturen und solche `Hilfskräfte´ hat, treibt das die Gewalt an. Für Gewaltprävention braucht man Kompetenz, und man braucht einen sicheren äußeren Rahmen.

Alexander: Zum Schluss noch ein paar Fragen zu deinem Reich-Verständnis: Worin siehst du die Rivalität von Freud und Reich in den Therapierichtungen begründet?

Alfred: Es war für mich interessant, dass Reich sogar im „Entwurf einer Psychologie“, die Freud 1896 geschrieben hat, die ganzen Verästelungen der Neurosen für sein Konzept der Charakterpanzerungen übernommen hat. Es ist reiner Zufall, dass Freud vom Entwurf einer Psychologie her kein Körpertherapeut geworden ist. Er hat sich auf die Sprache als therapeutisches Mittel bezogen. Das war halt seines. Darum gibt es jetzt auch so unzählig viele therapeutische Schulen. Körperliche Phänomene wie in der Körpertherapie spielen sich ja auch in Psychoanalyse auf der Couch ab. Nur wird nicht damit gearbeitet.

Alexander: Was ist für dich der politische Mensch Reich?

Alfred: Er hat meine Bewunderung dafür, dass er in seiner Zeit versucht hat Psychoanalyse und Marxismus zu verbinden. Von beiden Gruppierungen wurde er ausgeschlossen. Die Marxisten haben ihn abgelehnt, weil er Psychoanalytiker war, die Psychoanalytiker haben ihn abgelehnt, weil er Marxist war. Er ist ja auch geopfert worden, um die Nationalsozialisten zu beruhigen. Von der Neurosenprophylaxe hat er auf die politische Ebene gewechselt. Ich würde sagen, dass er dann später `Antipolitiker´, eigentlich `Anarchist´ geworden ist.

Anarchie kann auch ein Weg der Befreiung sein. Für sein Projekt „Kinder der Zukunft“ mahnte Reich einen besonderen Schutz für Babys und Kinder ein, um eine neue, möglicherweise bessere Gesellschaft entwickeln zu können. Vielleicht ist das auch für mich eine Sehnsucht und ein Motiv für meine Verrücktheit, mit Jugendlichen zu arbeiten. Ich glaube schon, dass jede junge Generation einen Erneuerungsansatz ausprobiert, und dass man sie darin unterstützten sollte. Das wäre mir jedenfalls ein wichtiges Anliegen.

Alexander: Arbeitsdemokratie?

Alfred: Ich verstehe Arbeitsdemokratie als soziale Selbstregulierung, in der die `Sache´ führt und die keiner Hierarchie unterworfen ist. Vielleicht wird es mitunter drunter und drüber gehen, man kann aber darauf vertrauen, dass sich aus dem Chaos etwas Positives entwickelt. Würde ich mich noch einmal für eine Bewegung engagieren, würde ich zuerst die Strukturierer stoppen und sagen: „Lasst den Prozess zu, glaubt nicht, das Strukturen Verbesserungen bringen lassen wir das Chaos zu!“ Das ist übrigens in der Gruppendynamik das Ziel gewesen in den 70er Jahren. Das Alpha soll sich entwickeln aufgrund der Situation und nicht aufgrund der Personen. Ich glaube das Rotationsprinzp, das wäre eine Möglichkeit Richtung Arbeitsdemokratie zu gehen. Damals als die ALÖ davon weggegangen ist, sind hunderte Personen weggegangen.

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    Bukumatula 1/2015

    Das Orgonakkumulator Handbuch

    Rezension des 2015 in erweiterter Neuauflage erschienenen Buches von James DeMeo
    Günter Reissert:

    Das Buch beginnt mit einer Persönlichkeitsskizze Wilhelm Reichs sowie mit einer Hinführung zu Reichs Arbeitsweise, die sich wie ich meine, stark aus seiner spezifischen Art Fragen zu stellen, entwickelt hat. DeMeo zeigt anhand der geschichtlichen Entwicklung von Reichs Werdegang auf, wie er auf seiner wissenschaftlichen Reise die Fachbereiche Medizin, Psychotherapie, Soziologie, Chemie, Biologie und Physik durchschritt. Der Bereich der Psychotherapie spielt dabei in der ursprünglich psychoanalytischen Ausprägung eine integrierende Rolle.

    Auch DeMeos Darstellung lässt die Interpretation zu, dass die Psychoanalyse ausgelöst durch die Lernund Schaffensphase bei Sigmund Freud, die Initialzündung für Reichs wissenschaftliche Reise war. Initialzündung in dem Sinn, dass in all den weiteren Fachgebieten, denen sich Reich nach und nach annäherte, die Psychoanalyse nicht mehr als eigene Disziplin behandelt wurde, sondern vielmehr mit allen darauffolgenden Entdeckungen und Fachgebieten vernetzt, manchmal sogar darin integriert war.

    DeMeo konzentriert sich bei der einleitenden Darstellung der Reichschen Biografie auf die Geschehnisse jenes Lebensabschnitts, den Reich in den USA verbracht hatte und ergänzt bekannte Tatsachen vornehmlich um Fakten und politische Zusammenhänge, die erst im Zuge der Archivöffnung im Jahr 2007 bekannt wurden.

    Aus den biografischen Passagen sind sowohl die politische Gesinnung des Autors als auch die Bejahung einer differenzierten Sicht, die auch von Reich selbst stammen könnte, herauszulesen. Die „Emotionale Pest“, wie Reich sie postulierte, ist in allen Gesellschaftsschichten, Geistesrichtungen, Religionen und politischen Systemen wirksam. Deren Durchdringung ist derart wirksam und allgegenwärtig, dass sie scheinbar entgegengesetzte Gruppierungen und politische Richtungen gleichermaßen zu destruktiven Positionen und Handlungen leitet. DeMeo skizziert z.B., wie in den antikommunistischen USA Medien und

    öffentliche Ämter von kommunistischen Kräften infiltriert waren, die keinesfalls den gesellschaftlich vorherrschenden, puritanischen Meinungen im Sinne einer sachlichen Aufklärung Widerstand entgegensetzten. Sie trugen im Gegenteil wesentlich dazu bei, Reichs Werk zu diffamieren und alle Ansätze, die eine Verbesserung von persönlicher Selbstbestimmung, psychisch-physischer Gesundung und gesellschaftlicher Gleichsetzung zum Ziel hatten, als Hirngespinst, ja sogar als schädlich anzuprangern.

    Das subversive Wirken der kommunistischen Bewegung gegen die Erkenntnisse und Arbeiten Reichs soll ja bereits in Europa begonnen haben. DeMeo erwähnt dazu etliche Ereignisse, wobei sein Motiv für mich nicht klar herauszulesen ist. Die gängige Vermutung, dass die Hetzpropaganda gegen Reich mit seiner Analyse des „Linken Faschismus“ ausgelöst wurde, ist eine der möglichen Interpretationen.

    Beim Lesen des ersten Abschnitts war ich unwillkürlich an Reichs Schlussfolgerung erinnert: „Faschismus ist kein Ausdruck einer Gesinnung, sondern eine Charakterstruktur, die sich im Alltag auch im `un-faschistischen´ Menschen äußert“ (Wilhelm Reich: „Die Massenpsychologie des Faschismus“; Kiepenheuer&Witsch, Köln 1997).

    DeMeo war es offensichtlich ein Anliegen, diese historischen Zusammenhänge voranzustellen. LeserInnen, die mit Leben und Werk Reichs vertraut sind und auf Details zum Buchtitel brennen, können dabei schon ein wenig ungeduldig werden. Es gelingt ihm dann aber gut, auf das Hauptthema, die Entdeckung der „Orgonenergie“ und den Umgang damit zu kommen.

    Mit Teil 1 „Orgonbiophysik“, ist er am Kernthema angelangt, das er quasi „zwiebelschalenartig“ abhandelt. Er beginnt nach einem kurzen Exkurs zur Entdeckung der „Orgonenergie“, der Namensgebung sowie Erläuterungen über allgemeine Qualitäten dieser Energieform, Querverbindungen zu anderen Wissenschaftlern und Entdeckern herzustellen, die ähnliche Beobachtungen machten.

    Er hält sich in diesem Teil um beim „Zwiebelschalenbild“ zu bleiben, an der äußeren Schale auf und behandelt das Thema allgemein und populär. Er stellt einige Behauptungen auf, z.B. über die physikalischen Wirkungen von Orgon, die er erst in den nachfolgenden Kapiteln konkretisiert: Aufzählungen über

    Anwendungsfälle, Nachweise der Energie in der Wetterbeobachtung und schließlich die Querverbindungen mit Erkenntnissen jener Wissenschaftler, die den Äther als lebendiges, Materie durchdringendes und auch im Vakuum vorkommendes „Substrat“ postulieren, verdichten sich ab der zweiten Hälfte des Buches bis zum Anhang. Hier wird es auch für LeserInnen, die Grundsätzliches vom Orgonkonzept und den Anwendungen (Orgon-Akku, -Decke, -Shooter, etc.) bereits kennen, wieder spannend. Hervorzuheben ist jedenfalls der umfangreiche Teil der Literaturund Quellenangaben. Der ist absolut bemerkenswert!

    In den Kapiteln 7 bis 9 geht es um den sicheren Umgang mit der Orgonenergie und den dazu bekannten Geräten. DeMeo hat eine leicht verständliche und praktisch orientierte Art zu schreiben; die Kapitel sind mit Aufzählungen und Zusammenfassungen gut strukturiert. Eine seiner Aufzählungen behandelt die Umgebungsparameter für Orgonapparate. Die Anforderungen an eine „gesunde Anwendung“ dieser Hilfsmittel hatte Reich bereits beobachtet, als er seine Versuche mit Akkumulator und radioaktivem Material machte.

    DeMeo greift diese Versuche auf und führt die verschiedensten, in der heutigen industrialisierten Umgebung möglichen Irritationen des Orgonfeldes an. Er gibt sehr praktische Hinweise auf Einflüsse, die bei der Anwendung vermieden werden sollen. Allerdings entsteht dabei unwillkürlich der Eindruck, dass es im städtischen Gebiet gar nicht mehr möglich ist, Orgon-Konzentratoren irgendeiner Art zu benutzen. Selbst im ländlichen Umfeld wird es bereits zusehends schwieriger z.B. die empfohlene Distanz von mehreren Kilometern zum nächsten Mobilfunkmast einzuhalten. Er führt die Einflüsse von störenden bis schädlichen Umgebungseinflüssen an und bekennt sich auch zum idealen Platz eines Orgon-Akkumulators im „ländlichen Heustadl“.

    Hier muss ich meine pragmatische Sichtweise einflechten und DeMeo teils zustimmen, weil es wichtig ist, dass die Anwendung dieser Technologie nicht als allzeit anwendbares „Zaubermittel“ dargestellt wird. Besonders im Hinblick auf die mächtigen Wirkungen, die damit z.B. zur Wetterbeeinflussung erzielt werden können (wovon ich mir übrigens im Buch mehr Warnhinweise erwartet hätte), sind differenzierte Hinweise auf Randbedingungen und Nebenwirkungen erforderlich.

    Es ist auch folgerichtig, die „Idealumgebung“ zur Anwendung von Orgon-Konzentratoren zu skizzieren. Aber abgesehen von den absoluten

    „No-No’s“ (z.B. radioaktive Substanzen in unmittelbarer Nähe eines Orgon-Akkus) werden keine „Schädlichkeitsstufen“ angeführt. Wahrscheinlich wäre das auch zu kompliziert, weil auch Abschirmungsfaktoren und persönliche Empfindlichkeit dabei eine Rolle spielen. Es bleibt also den LeserInnen im Wesentlichen selbst überlassen, ob man

    z.B. eine Orgondecke verwendet, wenn vor den Fenstern Straßenlaternen mit Neonröhren leuchten.

    Noch drei weitere Aspekte möchte in DeMeos Neuerscheinung hervorheben, weil sie mir besonders positiv auffielen.

    Der erste wäre der im Kapitel 11 beschriebene Themenbereich der biomedizinischen und physiologischen Wirkungen der Orgonenergie, die er mit verwandten Effekten alternativer Heilverfahren verknüpft. Er bricht eine Lanze für das althergebrachte Kurwesen, das zu recht schon in alten Kulturen bekannt war und kundig angewendet wurde. Er erklärt, dass in den USA die „Food an Drug Administration“ das Kurwesen beinahe ausgerottet hätte, um gleich wieder mit Feuereifer an deren schändliches Treiben gegen Reich zu erinnern.

    In Europa hat sich das Kurwesen ja erhalten und sogar seinen Platz in der Schulmedizin behaupten können. DeMeo nimmt dabei Bezug zu den Wirkmechanismen und erweitert in diesem Zusammenhang den Kreis auch auf die Qualität von Nahrungsmitteln und Wasser. Er erwähnt im Zusammenhang mit den spezifischen Orgonwirkungen auch Parallelen zu Belebungsverfahren des Wassers, wie es z.B. der Österreicher Viktor Schauberge postulierte.

    Sein Exkurs in die Behandlungsszenarien, sprich Indikationen, Fallbeispiele und Statistiken im Tierversuch, runden die Anwendung für den therapeutisch-medizinischen Einsatz ab. Interessierte, die dazu mehr Details erfahren möchten, finden dazu wenig im vorliegenden Handbuch, werden allerdings über Quellenangaben auf weiterführende Literatur verwiesen.

    Der zweite noch zu erwähnende Aspekt ist DeMeos Art, Anleitungen zum Bau von Orgon-Akkus zusammenzustellen. Die Bauanleitung in diesem Buch ist die vierte, die ich jemals in Händen hielt und mit Sicherheit jene, der ich am ehesten Folge leisten würde. DeMeo verzichtet

    dabei auf maßstabgetreue Skizzen in dreidimensionaler Darstellung und bemaßten Aufund Grundrissen. Perfekt! Er beschreibt die Bauschritte als textliche Handlungsanweisung mit genauen Angaben der Teile und ihren Ausmaßen. Er erläutert, wo erforderlich, welche Teile warum welche Variationen haben können, beginnt seine Handlungsanweisung mit einer Aufzählung beim ersten Bauabschnitt und endet damit beim letzten. Fast wie bei Ikea.

    Fehlt nur noch, dass er die Anleitungen auf eine Konstruktion umstellt, die nur mehr einen Inbusschlüssel benötigt … Last but not least ist mir wichtig zu erwähnen, dass DeMeo sich am Ende des Handbuchs, nämlich erst nach den Quellenund Literaturangaben, man könnte auch sagen „nach dem offiziellen Teil“, mit jenen Wissenschaftlern befasst, die aufgrund Ihrer Experimente einen kosmologischen Äther postulieren. Ich hatte es weiter oben bereits erwähnt. Der „Anhang“ im Buch hielt für mich einige neue Informationen parat.

    Zum besseren Verständnis fehlen mir leider Kenntnisse in Astronomie oder Geographie. DeMeo operiert mit einigen sehr fachspezifischen Begrifflichkeiten, die er nicht weiter erläutert. Dennoch oder gerade wegen der offenen Fragen weckt er damit Interesse, mehr über die möglichen Querverbindungen zwischen Physik, Geo-Physik und Astronomie und letztlich auch zu Biologie und Medizin zu erfahren.

    Fazit: Für Personen, die eine klare und leicht nachzubauende Anleitung eines Orgon-Akkumulators suchen, ist das Buch sicher ideal und auch für jene, die ihren Fundus mit anderen teilen wollen oder Wert auf seriöse Referenzen legen. In der Bibliothek des WRI sollte es alleine schon auf Grund der umfangreichen Quellenangaben nicht fehlen!

    James DeMeo, „Das Orgonakkumulator Handbuch“; Erste, erweiterte Neuauflage 2015.
    Verlag: Natural Energy Works Orgone Biophysical Research Lab/ OBRL.
    PO Box 1148, Ashland, Oregon 97520,USA
    ISBN: 978-0989139038

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    Bukumatula 1/2015

    Himmel – Erde – Mensch

    Teil 2 von 3 – San Cai Jian – Erde
    Teil 1 – Himmel: Bukumatula 2/14, Teil 3 – Mensch: Bukumatula 2/15
    Irene Kain & Franz Robotka:


    Mit der Bukumatula-Ausgabe 2/2014 begann eine mehrteilige Artikel-Serie zur Publizierung der feinstofflichen Energetisierungsund ChiMeridian-Öffnungstechniken, welche Heiko Lassek in Wien unterrichtete. Die meisten davon hatte er von seinem taosistischen Lehrer Prof. Lu Jinchuan (=Großmeister Fang Fu) erhalten. Hier folgt der 2. Abschnitt der Übungsreihe „Himmel – Erde – Mensch“ (San Cai Jian), die ERDE.

    Diese taoistische Praxisserie ist als Wiederholung, Erinnerung und Auffrischung für diejenigen unter euch Lesern gedacht, die bei Heiko die Ausbildung zur Orgontherapie begonnen oder seine weiterführenden Seminare besucht haben. Die Übungsfolge sollte regelmäßig praktiziert werden, idealer Weise täglich (alle drei Teile unmittelbar hintereinander, die Entspannungsund Ruhephase folgt danach). Die Übungsanleitung ist ausschließlich für die Eigenanwendung gedacht. Neueinsteiger sollten

    „San Cai Jian“ im Rahmen eines Workshops oder im Einzelunterricht direkt von einem erfahrenen Lehrer vermittelt bekommen. Die persönliche Anwendung unterliegt der absoluten Eigenverantwortung.

    Der folgende Text wurde von Irene Kain (irene.kain@gmail.com, +43-699-12230648) und Franz Robotka (itamar@drei.at, +43-660-7627930) verfasst und ist Bestandteil des Itamaryoga-Ausbildungsprogramms.

    HIMMEL – ERDE – MENSCH

    2. ERDE

    Allgemeines:

    Arme und Hände sind noch immer unter Spannung, alle Bewegungen werden nach wie vor wie in Zeitlupe ausgeführt.

    Teil 1 (1x):

    Drehe die flachen Hände langsam so, dass die Handrücken nach hinten und die Handinnenflächen nach vorne weisen [Abb. E1]. Bewege nun die ausgestreckten Arme und Hände langsam nach oben [Abb. E2], bis sie schulterbreit voneinander entfernt waagrecht nach vorne zeigen [Abb. E3], sodass die Hände gleichsam flach und fest wie ein Tablett sind. Dann

    Abb. E1
    Abb. E1
    Abb. E2
    Abb. E2
    Abb. E3
    Abb. E3
    Abb. E4
    Abb. E4

    führe sie langsam auseinander, bis die Arme und tellerflachen Hände seitlich stehen und mit dem Rumpf ein Kreuz bilden [Abb. E4].

    Arme und Hände schreiten in der Rückwärtsbewegung weiter fort, bis sie mit den Handrücken leicht schräg nach hinten zeigend zur Ruhe kommen [Abb. E5].

    Teil 2 (insgesamt 3x):

    Der gesamte Körper beugt sich nun nach unten, um einen imaginären Chi-Ball von Luftballongröße vom Boden hochzuheben, indem die Beine einknicken, der Oberkörper möglichst aufrecht und der Kopf erhoben bleiben; gleichzeitig bewegen sich beide Arme aufeinander zu [Abb. E6]. Die Hände schieben sich unter den imaginären Ball, sodass die beiden Mittelfinger einander gerade nicht berühren [Abb. E7].

    Der Körper richtet sich langsam wieder auf und kommt in eine Position, in der zwischen den herabhängenden Armen die nach wie vor flachen und aufeinander zuweisenden Hände den Chi-Ball halten [Abb. E8].

    Abb. E5
    Abb. E5
    Abb. E6
    Abb. E6
    Abb. E7
    Abb. E7
    Abb. E8
    Abb. E8
    Abb. E9
    Abb. E9
    Abb. E10
    Abb. E10

    Anmerkung: Die Finger können, müssen aber nicht mehr geschlossen sein, sind aber durchgestreckt und weisen aufeinander zu. Die gesamte Handmuskulatur ist nach wie vor stark, die Armmuskulatur leicht unter Spannung. Oberkörper und Kopf sind gerade, die Beine stabil und gestreckt, die Fußsohlen fest auf dem Boden.

    Der Chi-Ball wird nun langsam angehoben [Abb. E9]. Wenn die Hände in Höhe der Schlüsselbeine angelangt sind, drehen sie sich nach außen, um die Anhebebewegung fließend fortsetzen zu können [Abb. E10]. Der imaginäre Chi-Ball wird nun leichter und leichter und schwebt von selbst nach oben. Um ihn oben abzufangen, bewegen sich die Arme auseinander [Abb. E11]. Der entschwebende Ball wird gleichsam von den Händen überholt und abgestoppt, indem die Mittelfingerspitzen einander fast berühren, während die Arme mit leicht abgewinkelten Ellbogen nach oben hin gestreckt sind [Abb. E12].

    Nun wird der Chi-Ball ebenso langsam sanft nach unten gedrückt [Abb. E13]. Je weiter er nach unten gelangt, desto schwerer wird er wieder [Abb. E14]. Deshalb bewegen sich die Hände, wenn sie bis auf Nabelhöhe herabgesenkt sind, auseinander, um den Ball abzufangen, damit er nicht nach unten fällt [Abb. E15]. Der nach unten fallende Ball wird also wiederum gleichsam überrundet und am untersten Punkt aufgehalten, wobei die Arme wieder nach unten gestreckt sind und die gestreckten Finger aufeinander zu zeigen [Abb. E16].

    Insgesamt findet das Anheben und Absenken dreimal statt. Beim dritten Mal Absenken wird der Chi-Ball auf Nabelhöhe stehen gelassen, weil er dort in der Schwebe bleiben kann [Abb. E17]. Die Arme und Hände bewegen sich langsam so auseinander, dass sie wie zu Beginn dieser Teilübung (= II. ERDE, Teil 1) stehen: die flachen Hände mit geschlossenen Fingern zeigen mit den Handflächen nach vorne [vgl. Abb. E1].

    Teil 3 (1x):

    Nun wiederholt sich die Anfangssequenz: Arme und „Tablett-Hände“

    bewegen sich [vgl. Abb. E2] bis Schulterhöhe nach oben [vgl. Abb. E3],

    Abb. E11
    Abb. E11
    Abb. E12
    Abb. E12
    Abb. E13
    Abb. E13
    Abb. E14
    Abb. E14
    Abb. E15
    Abb. E15
    Abb. E16
    Abb. E16
    Abb. E17
    Abb. E17
    Abb. E18
    Abb. E18
    Abb. E19
    Abb. E19
    Abb. E20
    Abb. E20

    klappen dann auseinander, bis sie mit dem Körper ein Kreuz bilden [vgl. Abb. E4]. Dann gehen sie auf die gleiche Art und Weise wieder auf Schulterhöhe in Schulterbreite zurück [vgl. Abb. E3]. Beim Absenken der Arme und Hände kann der Handrücken das Körperenergiefeld spüren. Ab diesem Zeitpunkt werden die beiden Arme und Hände, die noch immer unter Spannung stehen, in zwei Viertelkreisen um den Körper herumgeführt [Abb. E18], bis sie genau seitlich mit nach vorne zeigenden Handflächen neben den Oberschenkeln stehen [Abb. E19]. Dann tauchen die Arme in das Körperenergiefeld ein, während sich die Hände langsam den Körperseiten zuwenden und knapp neben den Oberschenkeln zum Stillstand kommen [Abb. E20 – vgl. Abb. H1].

    Es ist sehr wichtig, sich nach dieser Übungsabfolge einige Minuten zu entspannen, um die Wirkung zu vertiefen und physioenergetisch zu integrieren. Eine bereitliegende Decke und weiche Liegeunterlage sind dafür ideal geeignet.

    Teil 1 – der Himmel: Bukumatula 2/14
    Teil 3 – die Erde: Bukumatula 1/15

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    Bukumatula 2/2015

    Bindung braucht Herz

    Interview mit Thomas Harms
    Claudia Haarmann:

    Claudia: Was war der Hintergrund, dass Sie die „Erste Emotionelle Hilfe“ gegründet haben?

    Thomas: Während meiner Studienzeit in Berlin machten wir im Rahmen eines Projektes der Universität eine Interviewserie mit Müttern, die Kaiserschnittentbindungen hatten. Dabei wurde deutlich, was die typischen Problemstellungen dieser Frauen waren: Und zwar die große Zahl an Säuglingen, die exzessiv heulten oder schrien, und dass es selbst in so einer großen Stadt wie Berlin, keine Anlaufstellen für eine Hilfestellung gab. Die Mütter berichteten, dass sie viele Tipps bekamen, oder nicht ernst genommen wurden.

    Unerfahren wie ich damals war, wurde mir schnell klar, dass diese Frauen in immenser Not und in einem extremen Angst- und Ohnmachtserleben mit verzweifelten Handlungsstrategien waren, die nicht fruchteten. Die Dinge drehten sich förmlich im Kreis, und viele Mütter waren in Sorge, dass sie ihren Kindern auf irgendeine Art Schaden zufügen würden. Diese Erfahrungen haben mich dazu bewogen, mir das genauer anzusehen. Mit meiner Ausbildung in Körperpsychotherapie und mit den Erfahrungen aus der Bindungsforschung ging ich mit der Idee ans Werk, wie körperbasierte Werkzeuge im Bereich der frühen Bindung eingesetzt werden könnten.

    C: Sie haben Mütter kennen gelernt, die nicht wussten, wie sie sich verhalten sollen.

    T: Genau. Das Entscheidende war dieses „Mit-dem-Rücken-zur-Wand-Stehen“ der Eltern, die meinten: „Wir wissen einfach nicht weiter, wir verstehen das Kind nicht, und wir können mit der Heftigkeit der Gefühle nicht umgehen“.- „Emotionelle Erste Hilfe“ ist – auch wörtlich genommen – eine akute Erstversorgung, um Beziehungsintelligenz und Beziehungsfähigkeit wieder herstellen zu können.

    C: Wenn ich das richtig verstehe, bilden Sie Hebammen aus, die bundesweit und auch in Österreich damit arbeiten.

    T: Wir bilden mittlerweile europaweit aus. Nicht nur Hebammen, auch Psychotherapeuten und Menschen in Arbeitsfeldern, in denen man mit Eltern und Säuglingen oder Kleinkindern zu tun hat.

    C: Ich schreibe gerade ein Buch zum Thema „Kontaktabbruch“. Meine Annahme ist, dass Kontaktabbruch eigentlich schon sehr früh passieren kann, bzw. Kontakt gar nie bestanden hat. Können Sie dem folgen?

    T: Ja. Wir erleben in unserer Arbeit Eltern, bei denen sich selbst bei neugeborenen Säuglingen ein bestimmtes Beziehungsgeschehen, eine bestimmte Beziehungsqualität gar nicht entfaltet hat, bzw. kurzfristig da war und dann wieder abgerissen ist. Wir haben beides.

    Letztere Gruppe ist wohl die häufigere: Die haben als Ressource so etwas wie eine Beziehungsfähigkeit, eine gewisse Anlage, die wir sowieso als Menschen haben, intuitive, elterliche Anlagen, und die ist auch ins Klingen gebracht worden, aber dann durch äußere Stressfaktoren, z.B. hohe Belastungen familiärer, finanzieller oder emotioneller Art, außer Kraft gesetzt worden.

    Und dann schlittern die Eltern mit dem Säugling in eine zunehmend größere Spirale von Anspannung und Belastung, wodurch der Beziehungsfaden gänzlich aus dem Blick gerät. Die andere Gruppe sind Eltern, wo sich das „Bonding“ nicht entfalten hat können – also keine Liebesbeziehung, kein Gefühl von getragenem Feld zwischen Mutter und Kind richtig entfalten hat können.

    C: Mir wäre wichtig, dass wir nach der Definition von „Kontakt“ gucken.

    T: Wichtig ist festzuhalten, dass Bindung etwas anderes ist als Beziehung: Bindung ist immer Beziehung, aber Beziehung ist nicht immer Bindung. Bindung charakterisiert sich dadurch, dass sie einen sicherheitsspendenden Effekt hat.

    Das heißt für den Säugling, das Kind oder den Jugendlichen, dass ich im Nahfeld einer Bindungsperson das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit erleben kann und physiologisch in der Lage bin, mich „herunterzufahren“ und zu entspannen und ich nicht ständig gezwungen bin, mich oder meine Umwelt zu kontrollieren. Kontakt habe ich mit vielen Menschen, z.B. mit dem Verkäufer im Supermarkt oder zu meinen Nachbarn: das sind Kontakte, aber keine Bindungsbeziehungen – und zwar deshalb nicht, weil ich sie auch nicht kontaktiere, wenn es mir schlecht geht. Beim Säugling kann es auch zu anderen Kontaktpersonen intensiven Kontakt geben.

    Das sind aber keine Bindungsbeziehungen. Wenn das Kind Stress hat, würde es in der Bindungshierarchie immer die stärkste und feinfühligste Person aufsuchen. Das ist ganz wichtig, weil Bindungskontakt oft mit Beziehung vermischt wird.

    C: Wohin entwickelt sich das im Laufe des Lebens hin, wenn das Kind eine gute Bindung zu den Eltern hat? Wird das eine „Liebesbeziehung“?

    T: Die Verankerung von fürsorglichen und feinfühligen Beziehungsmomenten wird Teil meines Selbsts, womit ich liebevolle Erfahrungen auch weitergeben kann. Das sind Grundlagen, um mich von meinen Eltern als zentrale Beziehungspersonen zu entbinden und mich dann anderen, z.B. einem Liebespartner, zuwenden zu können.

    C: Ich habe geschmunzelt, weil schon das Wort „Kontaktabbruch“ in Ihrer Definition eine Unverbindlichkeit enthält. Wir beide haben keine Bindungsbeziehung, aber Kontakt.

    T: Physiologisch und bindungsbasiert gibt es eine klare Definition, ob eine Bindung besteht oder nicht. Wir müssen auf den Eltern-Säugling-Kontakt schauen, ob die Einstellung der erwachsenen Personen gegenüber dem Säugling hinreichend gelingt. Wir reden nicht davon, dass es immer so sein muss, sondern dass es hinreichend oft sein muss, wie es z.B. Winnicott einfordert. Wir sehen, dass sich das Kind im Kontaktgeschehen mit seinen Eltern wirklich „runterregeln“ kann – oder als Gegenstück -, dass es sich voll der Welt öffnet.

    In unserem körperpsychotherapeutischen Verständnis sprechen wir von „Schwingungsfähigkeit“: Also öffnungsbereit, beziehungs-, lern- und aufnahmebereit zu sein. Und im Gegenzug auch die Fähigkeit des Hinbewegens nach Innen, zum Selbst, zur Innenempfindung zu haben. Das kann aber nur gelingen – man kann das als „abseilen“ nach Innen benennen -, wenn ich mich gänzlich sicher fühle.

    C: Ich kann mich nur „abseilen“, wenn ich mich sicher fühle….
    T: Nach unserem Verständnis und dem Modell der Emotionellen Ersten Hilfe, sind die Außenexplorationsfähigkeit, die Erkundungsfähigkeit, das lustvolle Sein mit mir selbst und damit die Selbstverankerung zwei Seiten des gleichen Prozesses, die in bindungsbasierten Beziehungen begründet sind. Einem Kind, das diese Basissicherheit nicht erfahren hat, steht diese Fähigkeit nicht zur Verfügung.

    C: Und es zieht sich zurück….

    T: Genau. Ein Kind, das den sicheren Hafen eines Bindungserlebens nicht genügend erfahren hat, wertet das Leben als massives Gefahrenmoment. Das ist evolutionsbiologisch nicht vorgesehen. In unserer Säugernatur sind wir seit Millionen von Jahren darauf geprägt, dass dieses ökologische Nahfeld in gesichertem Maße gegeben ist.

    Also Stress sollte in diesem Fall eigentlich eher der Ausnahmezustand sein. Geborgenheit, Bindung, Öffnungsbereitschaft, Entspannung, all diese Aspekte sollten der Normalzustand sein. Aber wir haben heute in unserer westlichen Welt eher alles anders rum, d.h. Isolation, Trennung, Verlassenheit.

    C: Säugetiere sorgen für ein ruhiges, sicheres Umfeld, wenn sie ihr Kleines säugen.

    T: Man könnte sagen, dass die Verbindung der tierischen Säuger zu den Elterntieren so „gepasst“ ist, wie es auch die jeweiligen Entwicklungsanlagen sind. Das ist ein evolutionäres Modell; und da gibt es natürlich einen gewissen Reifungsplan. Die kindlichen Strukturen sind in der Regel instinktiv aber so festgelegt, dass es eine gute „Passung“ gibt.

    Der Mensch ist das einzige Tier, wo diese Art von Passung durch verschiedene innere und äußere Faktoren so aus dem Lot geraten kann, dass eine Grundversorgung quasi nicht mehr gegeben ist. Man könnte sagen, dass die emotionale Grundversorgung völlig aus dem Ruder laufen kann – mit katastrophalen Folgen.

    C: Ist denn Bindung ein genetisches Programm?

    T: Ich würde sagen: Ja. Dass Bindungsbereitschaft oder Bindungsfähigkeit eine Anlage ist, ist klar. Das heißt aber nicht, dass sie per se funktioniert. Es gibt Eltern mit bestimmten Fähigkeiten, die tatsächlich auch genetisch angelegt sind und in Funktion treten, wenn sie Kinder sehen oder in der Nähe von Kindern sind. Umgekehrt haben Babys bestimmte sensorische und interaktive Grundanlagen, die dafür bestimmt sind, diesen Bindungsraum zu regulieren.

    Insofern könnte man sagen, dass es sowohl Anlagen als auch genetische Dispositionen gibt. Ob der Prozess einer Neuanpassung gelingt oder nicht, hängt mit Faktoren zusammen, die eher psychosozialer Natur sind, z.B. mit bestimmten Beziehungserfahrungen bzw. -prägungen der Eltern selbst.

    C: Es ist interessant zu beobachten, dass Menschen, die Problematiken mit ihren Eltern, insbesondere mit ihrer Mutter haben, berichten, dass die wiederum Probleme mit ihren Müttern hatten….

    T: Das können wir in unserer praktischen Arbeit, wenn wir Krisenprozesse begleiten, auch ständig beobachten. Die Mütter werden in ihren massiven Auseinandersetzungen mit ihrem Kind durch Erschütterungen, z.B. durch das Schreien des Kindes, sehr häufig mit den Irritationen und Verletzungen ihrer eigenen Kleinkinderzeit – auch mit der Zeit ihres Ungeborenseins -, wieder in Kontakt gebracht. Man könnte sagen, das Kind „verflüssigt“ diese Strukturen und produziert, bzw. setzt diese Stresserregung wieder frei. Dadurch wird die neurotische Schutzstruktur, die sich die Eltern in ihrer Kindheit angeeignet haben, wieder aktiviert.

    C: Sie meinen, dass der Körper sich erinnert….

    T: Das Baby ist ein so plastisches, lebendiges und berührbares Wesen, dass es in der Lage ist, die neurotischen Schutzstrukturen der Erwachsenen zu durchdringen. Es hat die Fähigkeit zwei Dinge auszulösen: es kann im besten Sinne berühren, die Kernpersönlichkeit der Mutter berühren – sie wird so sehr im Herz berührt, wie sie es vielleicht noch nie erfahren hat. Ebenso werden aber auch die verletzten Selbstanteile aktiviert und reaktiviert. Man könnte sagen, dass man mit einem Baby, ob man will oder nicht, außer Rand und Band geraten kann. Man verliert sozusagen die „Form“.

    C: Um das mit meinen eigenen Worten zu sagen: Es ist so, dass das Neugeborene mich an meinen eigenen Schmerz erinnert.

    T: Genau. Und auch an die ungeweinten Tränen. Es sind im Prinzip häufig einfach unverarbeitete Teile der eigenen Vergangenheit, die neu belebt werden, und die dann z.B. auch bedeuten, dass ich vor meinem Baby plötzlich Angst bekomme, sodass ich plötzlich Gefühle von Verzweiflung und Ohnmacht erlebe, die dann rationalisiert werden. Die Gefühle werden in einen bestimmten Kontext gesetzt, und daraus ergibt sich scheinbar eine Logik: „Ich weiß gar nicht, was ich tun soll, wenn das Kind so weint.“ Die Heftigkeit dieser Gefühle lässt sich in der therapeutischen Arbeit auf eigene, sehr frühe Trennungserfahrungen und Traumatisierungen, zurückverfolgen.

    C: Das heißT: Wenn ich als Baby keine, oder nur wenig Zuwendung von meiner Mutter erfahren habe, wird dieser Teil in mir berührt, und das macht es mir wiederum so schwer, meinem eigenen Kind Zuwendung zu geben.

    T: Exakt. Dieser verletzte Babyanteil, der Zuwendung fordert, ist selber noch total bedürftig. Man könnte sagen: das „innere“ Baby schreit, und die Mutter muss sich quasi aufspalten: Soll ich mich jetzt um das „äußere“ schreiende, oder das „innere“ schreiende Baby kümmern, um in diesem Bild zu bleiben.

    Wenn ich selber diese Verletzungen erfahren habe, wenden sich die meisten erstmal dem äußeren Baby zu, allerdings in einer Weise, die defensiv ist. Man könnte sagen, die Mutter muss das Baby zum Schweigen bringen, weil das „innere“, schreiende Baby sie so attackiert. D.h., dass das Baby einen Schmerz auslöst, den ich damals schon nicht ertragen konnte und den ich jetzt wieder nicht ertragen kann. Den Eltern ist das nicht bewusst. Häufig wissen sie gar nichts über die Heftigkeit dieser Gefühle, geschweige denn, welche Gefühle das überhaupt sind.

    C: Weil sie total abgespalten sind….
    T: Ja, weil sie komplett im Außen sind, weil sie sich gar nicht in ihrem Körper erleben. Das ist auch die Eröffnungsphase unserer Therapie: die Eltern behutsam in Verbindung mit diesem nicht erinnerten Anteil zu bringen.

    C: Es herrscht ja oft ein völliges Unverständnis zwischen den Eltern, die ihr „Bestes gegeben haben“ und den Kindern, die das überhaupt nicht so erlebt haben.

    T: Ja, das ist so, das erleben wir häufig und beobachten das schon sehr früh. Es gibt dieses Missverständnis der „Nichtpassung“. Wenn diese feinfühlige Abstimmung zwischen Mutter und Kind nicht läuft, d.h. die Abstimmung der Affekte, die Abstimmung der Verhaltensanlagen, der Motorik, dann haben wir sozusagen einen schlechten Tanz, bei dem sie sich ständig auf die Füße treten.

    C: Also das Kind fordert etwas ein, und die Mutter kann nicht adäquat reagieren.

    T: Wenn das Kind traurig ist und die Mutter nicht mit Trost antworten kann, aktiviert das in der Mutter ein großes Gefühl von Hilflosigkeit, weil diese Traurigkeit ein Versagensgefühl in ihr auslöst. Wir sehen, dass Mütter ihr Bestes für ihr Baby geben, man könnte sagen, sie opfern sich in gewisser Weise auf, Tag und Nacht sind sie sozusagen alert und beobachten und scannen das Baby, um allen schwierigen Situationen zuvorzukommen. Allerdings darf man diese Art von Zuwendung nicht mit wirklicher Bindung verwechseln.

    Die Eltern, die Mütter sind aufmerksam zu ihrem Kind, aber sie sind nicht herzverbunden; sie sind nicht in der Tiefe ihres Wesens und mit ihrem Körper in Verbindung. Ganz im Gegenteil: Wir sehen, dass Eltern in diesem Zustand massiv stressaktiviert sind, so als ob sie sich bedroht oder angegriffen fühlen. Diese Art von Gefahrenabwehr – wie beim einem Raubtier, das vor mir steht, ist nicht die beste Bedingung, um mit meiner Umwelt in Nähe zu treten. Es ist die schlechteste Bedingung.

    C: Stress verschließt….

    T: Die Sinneskanäle sind maximal auf Umweltkontrolle ausgerichtet, d.h., wir scannen die ganze Zeit, was das Kind macht. Ist das Versteifen der Beine schon ein Hinweis darauf, dass es gleich wieder zu schreien beginnt? Ist die Zuckung am Mund schon ein Hinweis darauf, dass es gleich quengeln könnte?- Also nehme ich das Kind ganz schnell an den Körper, oder gebe schnell den Schnuller oder die Brust. Das ist eine defensive Verhaltensweise, die etwas Schlimmeres abzuwehren versucht.

    C: Die etwas Schlimmeres abwehren möchte?

    T: erade dann, wenn Mütter erleben, dass eine weitere Eskalationsstufe droht und jetzt das Schreien haltlos werden könnte, sind sie ständig mit ihren Verhaltensmaßnahmen und mit ihren Angeboten auf dem Sprung, dem Kind das Beste zu geben, um eine Eskalationen zu vermeiden. Sie tun unheimlich viel, sie reißen sich die Seele dafür aus dem Leib, aber sie finden keine Gratifikation, sie bekommen nicht die Nähe, sie bekommen nicht das Wohlige – das kommt nicht.

    C: Angst und Stress verhindern also Bindung.

    T: Ja, definitiv. Das gilt nicht nur für Mütter und Eltern von Kindern, sondern das gilt für alle Formen von Bindung. Dort, wo ich in der Defensive bin und meine Stress- und Alarmsysteme aktiviert sind, verwende ich meine Energie für Flucht, Kampf oder Abwehr – und damit bin ich in den Innenschichten meines Organismus nicht mehr wirklich berührbar. „Bindung“ ist die Fähigkeit zur einer innigen Beziehung, d.h., ich brauche die Introzeption, ich brauche das innere Berührtsein, ich brauche die Verbindung zum Herzen, zu Empfindungen von Wohligkeit, Wärmeströmen, etc., die aber nur in „Aufgehobenheit“ entstehen kann.

    Wenn ich Angst habe, dass ich eine bestimmte Situation nicht hinreichend bewältigen kann, weil ich mich nicht orientiert fühle, weil ich finanziellen Stress habe, weil ich mich von meinem Partner bedroht fühle, dann verhindert das eben Nähebildung.

    C: Sie haben beschrieben, dass die Wahrnehmung der Mutter eine völlig andere ist als die des Kindes, und das zieht sich dann durch die Beziehung.

    T: Ja. Man muss das jetzt einmal von der anderen Seite betrachten. Der Säugling erlebt natürlich nicht so etwas wie: „Ah, meine Mama gibt sich ganz viel Mühe, die ist ja ganz toll, weil sie sich den ganzen Tag Gedanken macht, wie sie mir helfen kann.“ Nein, Babys sind total einfach in ihrem Funktionieren.

    Man kann es sich so vorstellen, dass die Mutter eine Art WLAN-Station ist und das Baby sich darin einloggt. Bindung könnte man metaphorisch auch so beschreiben: Sie ist wie ein Sendeturm, zu dem ich eine ganz bestimmte Frequenz finden muss, um einen emotionalen Informationsfluss zu ermöglichen – und gleichzeitig auch für alle sensorischen Informationen. Wenn diese Art des „Einloggens“ in einer stabilen Beziehung hinreichend gelingt, laufen alle möglichen Programme, sowohl bei Mutter als auch beim Kind relativ einfach ab – das sind sehr körperintelligente Systeme.

    Stress und Angst bewirken, dass diese Art von Sendebereitschaft einfach nicht mehr gegeben ist. Wir beobachten, dass das dazu führt, dass Mütter nur noch sehr unzureichend mit sich und ihrem Organismus bzw. mit dem Baby verbunden sind. Das Baby erlebt, dass seine Mama in diesem Zustand gar nicht anwesend ist und reagiert mit Trennungsangst. Das ist für die Meisten schwer zu verstehen. Das Baby hat Körperkontakt, Mama ist da, sie stillt, sie hat es im Tragetuch, sie tut unglaublich viel.

    Und trotzdem findet das Kind keine Ruhe. Beschleunigung, Schnelligkeit und Anspannung sind Zeichen von Gefahr und führen dazu, dass das Alarmsystem im Baby sofort anspringt. Evolutionär bedeutet Erregung, dass Gefahr für meine Gruppe besteht. Ein Baby merkt sofort, wenn dessen wichtigsten Personen in Gefahr sind, und deswegen reagiert das Kind nicht auf gute Vorsätze, sondern auf die Physiologie.

    C: Das bedeutet, dass das Kind „funkt“, es aber nicht die richtige Verbindung finden kann – es erlebt Trennung.

    T: Es erlebt Trennung, wenn es keine Resonanz auf die Signale gibt. Um ein Beispiel zu geben: Die Mutter ist kurz vor Weihnachten tagsüber unterwegs und hat sich eine lange Liste von Erledigungen vorgenommen. Das zwei Monate alte Baby ist bei ihr im Tragesack, und nach drei Stunden ist sie schon ziemlich erledigt und unter Druck, weil sie weiß, dass sie keine weiteren Einkäufe wird machen können.

    Das Kind wird die Anspannung und den Stress der Mutter wahrnehmen, irgendwann unruhig werden und zu quengeln oder zu weinen beginnen, weil der bindungsbasierte Teil der Beziehung unzureichend versorgt ist. Seine Reaktion würde in Worten ausgedrückt heißen: „Mama, bitte reagiere auf meine Äußerung, werte meine Signale aus, dass du gerade über den Toleranzkorridor hinweggehst, den ich ertragen kann. Korrigiere dein Handeln!“ Eine gestresste Person nimmt diese Signale viel schlechter wahr und reagiert defensiv, anstatt zu spüren, dass das Weinen eine Überforderung bedeutet und man eigentlich eine Pause einlegen sollte.

    Wenn die Mutter womöglich in ihrer Anspannung genervt, ablehnend oder gar unterdrückend auf das Weinen reagiert, verschlimmert das logischerweise die Situation. Das System ist im Prinzip ein Hinweis zum Lösungsbild. Das beste, was das Kind uns bietet, nämlich sein Weinen und sein Schreien, ist nicht das Problem, sondern das Symptom für eine „Nichtpassung“. Wenn ich das unterdrücke, dann habe ich eine zweite Schiene von Problemen.

    C: Kontaktabbruch bedeutet also Nichtpassung.

    T: Genau. Das ist im öffentlichen Bewusstsein nicht sehr verankert, aber wir erleben täglich in Therapien und Beratungen mit Eltern und Säuglingen, dass die Belastungen in der Zeit der Schwangerschaft und während der Geburt ihren Anfang haben. Z.B. eine Mutter, die aufgrund einer vorangegangen Fehlgeburt über Wochen und Monate hinweg in ständiger Angst lebt, ob ihr Baby überhaupt gesund zur Welt kommen wird. Die erste Lebensumwelt des sich entwickelnden Kindes kann eine gute oder eine schlechte Qualität haben.

    Eine dauerhafte Stress- und Angstbelastung ist eine denkbar schlechte Grundvoraussetzung für ein Gedeihen. Die prägendsten Erfahrungen sind Schrecken, Angst und Verzweiflung, etwa Frauen, die Krieg erleben. Wir wissen, dass diese Erfahrungen tatsächlich körperlich gespeichert werden, und dass diese strukturelle Eichung auf Angst und Stress beim Kind auch neurophysiologisch den Korridor der Beziehungsbereitschaft massiv einengt, obwohl das Kind noch gar nicht auf der Welt ist.

    Zum System gehören auch der Vater, die Oma und der Opa, die vielleicht das Kind oder die Beziehung nicht gut heißen. Das wichtigste für das Kind in der pränatalen Zeit ist, dass es „eingefaltet“ sein kann, dass es seine Energie ganz auf seine inneren Empfindungen konzentrieren kann. In der Pränatalzeit gestresste Babys gehen zu früh in eine Außenorientierung, wie es gewöhnlich Babys nachgeburtlich machen.

    C: Nach innen „gefaltet“ bedeutet, dass es sich gestattet, sich in Ruhe zu entwickeln.
    T: Ja, es ist sozusagen einfach nur „da“, es ist nur „bei sich“. Man könnte sagen, dass das eine Uranlage ist. Ein Kind, das bei verunsicherten Eltern zur Welt kommt, wird einen sehr schlechten Lebensbeginn haben.

    C: Das Baby kommt verunsichert auf die Welt….
    T: Eine ambivalent ängstliche, bindungsvermeidende Mutter hat große Probleme, Nähe zuzulassen. Und unsichere Bindungsmuster werden mit hoher Wahrscheinlichkeit an die Kinder weitergegeben.

    C: Ich selber habe einen Sohn. Ich war in der Schwangerschaft sehr belastet, weil ich Bluthochdruck hatte. Und da ist für mich noch einmal deutlich geworden, dass Ärzte Frauen oft Angst und Stress machen, was massive Folgen haben kann….

    T: Um die Feinfühligkeit der Eltern zu stärken und zu unterstützen, begleiten wir die Achtsamkeitsfähigkeit der Eltern. Nur wenn eine Mutter in der Lage ist in stabilem Kontakt mit dem eigenen Körper zu sein, ist sie auch in der Lage mit anderen zu sein. D.h., um den Kontakt mit dem Baby zu genießen, braucht man die Fähigkeit, mit einem selber „gut“ zu sein.

    Schon in der Schwangerschaft gibt es instrumentelle Eingriffe, wie etwa die Großen Ultraschalluntersuchungen. Dort sehen die Mütter auf großen Bildern ihre ungeborenen Kinder. Obwohl diese Techniken ganz neue Möglichkeiten bieten, die Bindung zum Ungeborenen zu fördern, so ist es doch so, dass sich durch den Einfluss dieser bildgebenden Verfahren, die Aufmerksamkeit von Mutter und Kind viel zu früh nach außen wenden. Dabei bräuchte es für die Mutter und das Baby vor allem eine starke Introzeption, d.h., ganz viel Schutz und Sicherheit im eigenen Umfeld, um sich nach innen zu wenden.

    C: Interventionen von außen bewirken gerade das Gegenteil….
    T: Ja. Nehmen wir einmal diese Aussage an: „Beim Kind wurde bei einer Ultraschalluntersuchung eine große Nackenfalte sichtbar, dann kann das jetzt bedeuten …“. Solche Information aktivieren das Stresssystem in einer fatalen Weise und können als dauernde Erwartungsangst durch die ganze Schwangerschaft geschleust werden.

    C: Wir haben ja immer noch diese dramatische Situation, dass Kinder nicht gewollt sind. Was passiert eigentlich, wenn die Mutter nicht schwanger werden wollte und sie ihr Kind abwehrt?

    T: Das ist fatal. Man deaktiviert sozusagen den Kanal zur WLAN-Station, das heißt: „Ich nehme keine Verbindung mit dir auf“. Das ist aus evolutionärer Perspektive ein Zustand, der in der Natur nicht vorgesehen ist. Für das Kind ist eine Nichtanbindung oder eine Nichtachtung ein „Supergau“. Diese Säuglinge sind massiv gestresst und reagieren mit Rückzug.

    Das muss nicht immer nur heißen, dass du gar nicht auf der Welt sein sollst, es kann schon ein „Nicht Willkommen Sein“ genügen – das tritt heute massenhaft auf. Die Eltern stellen sich die Frage: „Kann ich oder möchte ich überhaupt den vollen Raum zur Verfügung stellen? Möchte ich auf bestimmte Dinge in meinem Leben verzichten?“ Wir erleben häufig und sehr früh, dass durch innere oder äußere Belastungen implizit Aufträge an die Säuglinge vermittelt werden, die auch heißen können: „Ja, du kannst da sein, aber nur, wenn du dich klein und unscheinbar machst.

    Du bist willkommen, wenn du deinen kleinen Platz einnimmst und nicht viel rummuckerst und auch nicht zu viel einforderst“. Das ist natürlich nicht so bewusst, wie ich das jetzt formuliere, aber es wird postnatal oft sehr deutlich. Dann, wenn die Kinder einfordernder werden, dann gibt es extreme Konflikte, die im Prinzip heißen: „Ich regele dich herunter, bis du auf das Niveau des Lebens kommst, das ich mir vorstelle.“

    C: Ich glaube, Sie haben eben gemeint, dass da die Würde des kleinen Wesens schon angetastet ist.

    T: Ja, aber das Baby braucht gar keine großen Sperenzien und es braucht auch keine Mama, die sich dauernd um es kümmert, sondern es braucht einen Menschen, der Lust auf sein eigenes Leben hat, der lebendig ist, der auch Konflikte hat, all das normale Leben eben, aber dass es dennoch einen Vollplatz einnehmen darf.

    C: Im Gegensatz dazu gibt es Mütter, die sich unbedingt ein Kind wünschen, weil sie etwas zum „Liebhaben“ brauchen.

    T: Das ist eine andere Form emotionalen Missbrauchs, weil hier eine ungestillte Bedürftigkeit der Mutter durch das Baby kompensiert wird. Der Auftrag heißT: „Sei für mich da, sei lieb und fürsorglich zu mir und fülle mich mit Wärme und schönen Erlebnissen aus.“ Das Kind wird damit zu einem oralen Substitut – und ist ständig gestresst, weil es spürt, dass es die Erwartungen nicht erfüllen kann.

    C: Ich finde es interessant, dass Eltern Anklagen und Wahrnehmungen ihrer Kinder verleugnen und darauf insistieren, dass doch alles so schön war….

    T: Das geschieht, wenn ich mich anstrenge und ein bestimmtes Bild gegenüber dem Kind zu erfüllen versuche. Anstrengung und Aufopfern sind ein Hinweis darauf, dass ich alles gegeben habe, aber kein Empfinden für die süßlichen Momente der Beziehung mitbekommen habe; diese schönen, berührenden, herzstärkenden Momente, die man mit einem Kind erleben kann.

    Wenn ich so etwas Tragendes nicht erlebe, oder eben nur erlebe, wenn das Kind meinen Erwartungen gemäß funktioniert, dann gibt es natürlich ein massives Missverständnis; dann wird das aus Unverständnis als Undankbarkeit bedacht, was eigentlich heißT: „Meine tiefsten Wünsche sind nicht aufgegangen und ich reagiere mit Enttäuschung auf das Kind, weil es nicht dem entspricht, wie ich es mir vorgestellt habe“.

    C: Es ist ja unglaublich, wie viel an Wut und Hass daraus entstehen kann.

    T: Es ist fast immer eine narzisstisch begründete Wut, eine Kränkungswut, so nach dem Motto: das Kind entspricht nicht, was sein Aussehen betrifft, seine Leistungen betrifft, seine Partnerwahl betrifft, etc. Das kreiert einen zunehmenden Beziehungsverlust, ähnlich wie bei einem Säugling mit einer Mutter. Das ist nicht so komplex veranlagt, aber auch da ist das Baby nicht so wie es eigentlich sein sollte.

    „Ich habe immer weniger Nähe zu meinem Kind, ich verstehe mein Kind immer weniger und erlebe es nur noch als Gefahr.“ Selbstverständlich fängt die Mutter auch an, Ablehnungsempfindungen dem Kind gegenüber zu erleben und entwickelt dann Gedanken, dass es besser gewesen wäre, wenn sie es gar nicht bekommen hätte.

    C: Narzisstische Wut heißt, dass das Kind meinen Erwartungen nicht entspricht.

    T: Genau, das ist die entscheidende Form einer Zerstörung in der frühen Bindungsbeziehung. Wenn sie narzisstisch durchdrungen ist, heißt das, dass ich mein Kind für meine eigene Selbstwertstabilisierung brauche. Sein Lächeln, seine Leistungen in der motorischen Entwicklung, seine Spielfreude, sein friedliches Zusammensein mit anderen Kindern, all das gibt mir das Gefühl, alles richtig zu machen, dass ich gut bin. Hart formuliert ist das schon der Beginn emotionalen Missbrauchs. Das Kind wird nicht um seiner selbst willen geliebt, sondern nur, wenn es in einer bestimmten Weise funktioniert.

    C: Nun haben wir nicht nur narzisstische Bedürfnisse von Müttern, sondern es gibt auch depressive Mütter. Was bedeutet das eigentlich für das Kind?

    T: In der Depression herrscht oft ein Mangel an Sprache und Tonisieren. Die depressive Mutter kann oft gar nicht in aufhellende, aktivierende und spannungsanreichernde Momente gehen. Das hat zur Folge, dass viele Kinder schon früh in eine Art Hypotonus wechseln. Wenn die Vitalisierung sehr gering ist, sind sie still, zurückgezogen, zurücknehmend. Sie werden sozusagen auf die Verzagtheit und die sorgenreiche Schwere, die sie umgibt, „geeicht“.

    Im Prinzip ist das auch eine Form der Nichtpassung, eine stille Form des Auseinanderrückens, die meist mit Aufträgen verbunden isT: „Helle mich auf, sei für mich keine Last, bitte mach mich glücklich. Du bist das Kind, das mich zum Strahlen bringt“. Wir sehen in der Therapie, dass diese Kinder häufig wenig anspruchsvolle, ganz pflegeleichte Dauerstrahler sind, die schnell merken: „Das kommt gut an, da ist meine Mama gut drauf, da ist sie ein Stück bei mir“. Das ist ein Überlebensmechanismus dieser Kinder.

    C: Spielen die Spiegelneuronen eine Rolle, dass das Kind genau spürt, was die Mutter in sich trägt?

    T: Es gibt gute Argumente dafür, dass neuronale Netzwerke die Aufgabe übernehmen, auch die affektiven Anlagen der Mutter im Kind spontan zu spiegeln, also zu kopieren. Das wäre ein Erklärungsansatz, warum emotionale Befindlichkeiten schon sehr früh und sehr schnell als neuronales Programm übernommen werden. Wir bekommen dadurch eine Art naturwissenschaftliche Begründung für unsere Beobachtung, dass Kinder schon eine bestimmte Stimmung mit weitertragen, die sie aus dem elterlichen Umfeld kennen.

    C: Das ist ja unglaublich, wie das funktioniert.

    T: Dennoch finde ich, dass es ein „Aber“ gibt, denn man muss den anderen Teil auch benennen. Es ist nicht alles Spiegelung. Es stimmt zwar, dass das Prägefeld und die Eichung sehr abhängig von der zentralen Bindungsperson sind, aber nichts desto trotz ist ein Baby vom ersten Moment an eine eigene Persönlichkeit – und das ist faszinierend. Denn Babys sind nicht allein Abbilder und Spiegelungen ihrer Umwelt.

    Manche Kinder haben sich trotz eines multitraumatisierenden Umfeldes, trotz extremer Frühchengeschichte, langen Klinikaufenthalten etc., ein inneres Feuer, ein Strahlen, eine Lebenszuversicht erhalten, die total verblüfft. Das ist der Teil, der unbeantwortet bleibt – ein bleibender Zauber, wenn man so will. – Gott sei Dank!

    C. Es scheint, dass Kontaktabbrüche oft erst im Alter von 30, 40 Jahren wahrgenommen werden. Ich denke, dass das damit zu tun hat, dass diese Menschen auch gute Erfahrungen gemacht haben, um dann doch zu spüren, dass ihnen etwas fehlt und in eine Krise kommen.

    T: Wir leben in einer Zeit der Vereinzelung der Lebensformen. Durch die vielen Singlehaushalte, die kleinen familiären Strukturen und die Entfernung der Familien gibt es immer weniger Bezug zueinander. Es ist anders als noch vor 50 Jahren, wo stärkere Konventionen und ökonomische Gegebenheiten diese Öffnung gar nicht erlaubt hätten. Wenn ich gute Erfahrungen mache und gleichzeitig Defizite spüre, ist das Steckenbleiben an dieser Stelle ein Verbleiben in einem unreifen Zustand.

    Damit spricht der erwachsene Mensch mit der Stimme des verletzten Kindes. Und so lange ich Anklage nach außen, an die Eltern erhebe, werde ich keine Lösung und keinen Frieden finden. Dazu gehört auch, dass der Erwachsene die Verletzung nicht an jemand anderen adressiert, sondern zu sich selber sagen kann: „Ich habe Verlassenheit und Trennungsangst gespürt. Ich habe Angst vor Kontakt, und es hat mit meinen Eltern zu tun. Und ich werde beginnen, diesen verletzten Teil in mir zu betreuen.“

    C: Ich delegiere und verweigere selber genau zu spüren….

    T: …. und beschuldige und klage an. Es läuft in beide Richtungen: Die Eltern klagen: „Du bist nicht so wie wir dich wollten“ – und die Kinder: „Was seid ihr für schreckliche Eltern!“ Damit ist natürlich überhaupt nichts gewonnen.

    C: „Erinnern, fühlen, durcharbeiten“, wie Freud einmal gemeint hat….

    T: Erinnern und Bewusstwerden sind ein erster Schritt. „Durcharbeiten“ heißt eine reife Form der Regulation zu finden, die sich in der Erkenntnis auflöst, dass ich heute Herr meiner eigenen Geschicke bin. Was wir verändern können, ist ja nicht die reale Beziehung zu unseren Eltern, sondern die Neuformierung unserer Introjekte.

    C: „Durcharbeiten“ heißt, sich Defiziten und Schmerzen zu stellen….

    T: Das passive Erleben ist der einfachere Teil. Man merkt, wie sehr verletzt man wurde und wie tief der Schmerz sitzt. Schwieriger zu erkennen ist, dass man damit seinen eigenen Schmerz an andere weitergibt, z.B. zu wenig feinfühlig gegenüber dem Partner oder den Kindern ist. Wo die Schatten der Vergangenheit wirken, wird man wieder zum „Täter“.

    C: Signifikant in dieser Problematik ist die „Sprachlosigkeit“, z.B. in der Partnerschaft. Können Sie das erklären?

    T: Sprachlosigkeit ist das Endprodukt unendlich vieler Enttäuschungen. Wenn ich trotz Kommunikationsanstrengungen keine Auflösungen erfahre – keine Nähe und Geborgenheit erlebe, nicht gehört werde, mich nicht ernst genommen fühle und zudem mit Vorwürfen und Rückzug konfrontiert bin, erzeugt das in den Partnern die Gewissheit, dass die Beziehung keinen Sinn mehr hat.

    Man kann das irgendwann auch gar nicht mehr in Worte kleiden, weil wir uns dann schon auf der dritten, vierten Ebene des Konflikts befinden. Man wünscht sich vom anderen eigentlich nur Nähe und Berührung, aber man unterhält sich über etwas ganz anderes. Sprachlosigkeit ist die Folge immer wiederkehrender Enttäuschungen und der Verlust der Zuversicht, dass man noch etwas bewirken kann.

    C: Das macht Sinn und ist die beste Erklärung, die ich dazu bisher gehört habe. In welchem Zusammenhang stehen Bindung und Selbstwert?

    T: Zusammengefasst: Es braucht das Erleben „wert“ zu sein, und es braucht eine körperliche Selbstverankerung, d.h., mit dem Körperselbst verwoben zu sein, was sich nur entwickeln kann, wenn ich die Sicherheit erfahre, immer wieder durch Liebes- und Bindungserfahrungen zur Ruhe kommen zu können. Wenn ich aber in einem Umfeld lebe, das mir das nicht gewährt, heißt das: „Stabilisiere dich selbst und kontrolliere die Umwelt!“

    C: Kontrolliere die Umwelt?

    T: Wenn ich zu wenig Nähe und Sicherheit erfahren habe, muss ich den Selbstschutz schon sehr früh selber übernehmen; das geht aber immer damit einher, dass die Fülle des Erlebensreichtums in meinem Körper nicht ausgekostet werden kann, weil das Aufmerksamkeitsfeld ständig nach außen gerichtet ist. Meine These ist, dass Bindungsverlust entweder zu einem massiven Rückzug nach innen, oder zu einer äußeren Verflüchtigung führt.

    C: In der Körperpsychotherapie werden Selbstwahrnehmung, Ausdruck und Entspannung forciert….

    T: Ich glaube an die Körperarbeit mehr im Sinne einer körperbasierten Achtsamkeitsarbeit. Körperbezug, Achtsamkeit und Verhaltensbeobachtung sind die drei Säulen, auf denen meine Arbeit beruht. Was ein Mensch, der schwierige Startbedingungen hatte, in einer Therapie wieder erleben muss, ist das Erschließen seiner inneren Räume und eine Art Verlebendigung, vor allem aber von Erfahrungsräumen, die körperliches Geschehen überhaupt erst bewusst machen; Entspannung allein ist sicher nicht ausreichend. Wichtig ist, dass die Eltern ein körperliches „Markieren“ erlernen, wie Damasio das nennt – also somatische Marker der gelingenden oder auch nicht gelingenden Beziehung zu erspüren.

    Wenn ich spüre, dass ich eine Passung habe, dann beginnt mir die Brust weit zu werden, dann strömt Wärme in meinen Bauch. Aber dort, wo mein Kind nicht mehr verstanden wird, wenn es anfängt zu schreien und mich anzustrengen, dann erlebe ich einen Krampf, eine Enge in der Stirn, einen Kloß im Hals, also ganz konkrete körperliche Empfindungen im Kontext von gestärkter oder geschwächter Bindung. Die Schulung besteht darin, innere Zustände mit Beziehungszuständen zu verknüpfen, so dass ein „Embodiment“ stattfinden kann.

    C: Ich habe Frauen interviewt, die sagten, dass sie schon ganz früh angefangen haben ihre Mutter zu stabilisieren und zu schützen.

    T: Das ist im Grunde das, was ich vorhin als „Auftragsmodell“ beschrieben habe. Ich glaube, dass Babys absolute Detektoren dafür sind, wo von den Eltern nicht selbst versorgte Anteile delegiert werden. Wenn z.B. Aufträge erteilt werden wie „ich bin depressiv, ich brauche dich, es macht mich glücklich, dich so freudestrahlend zu erleben“, dann ist das ein Stück zu viel. Parentisierung ist so etwas wie eine Aufmerksamkeitsdezentrierung des Kindes. Viel zu früh beginnt es sich um seinen „Sicherheitsspender“ zu kümmern – in dem Sinne, dass es den Versorger versorgt. Das ist eine Verdrehung und bewirkt eine Selbstschwächung.

    C: Das sind oft Menschen, die sehr schnell in ein Burnout kommen….

    T: Das sind Menschen, die häufig eine narzisstische Grundstörung haben. Sie lernen sich auf die elterlichen Erwartungen auszurichten und entwickeln eine Art „Selbstwertstruktur“, die sich nur dann gut anfühlt, wenn Leistungserwartungen, z.B. über sportliche Aktivitäten, genüge getan wird. Man könnte sagen, dass es zu einer Entfremdung des Erlebens von Zufriedenheit und Wohlbehagen im eigenen Körper kommt. Menschen, die das so erleben, haben mit der Fähigkeit zur Selbstanbindung mit ihren Kindern ganz große Mühe.

    C: Was ich noch nicht ganz verstanden habe: Ich bin noch dort, wo ich als Kind für den Versorger sorge….

    T: Die Ressourcen werden ganz früh angezapft, in einer Phase, in der das Kind noch in einer saugenden Bewegung ist und es gar nicht schaffen kann, einem erwachsenen Menschen zur Verfügung zu stehen. Menschen, die das erfahren haben, ist das in der Regel meistens völlig unbewusst. Sie sind darauf geeicht, für andere da zu sein und sich für andere aufzuopfern.

    Wenn sie später selber Kinder bekommen, beobachten wir, dass sie große Mühe haben, eine gute Verbindung, eine duale Aufmerksamkeit zum Baby herzustellen. Körperintelligentes Zusammensein mit einem Baby heißt, dass ich meinen Körper scanne, ob ich in Passung, in Stimmigkeit bin; Nichtstimmigkeit wird zu Spannungen im Körper führen. Menschen, die diese Art von Parentisierung zu früh erlebt haben, können das überhaupt nicht. Sie sind ständig beim Kind, wie es damals bei ihrer Mutter oder ihrem Vater war.

    C: Das sind diejenigen, die im Dauerstress sind….

    T: Sie sind im Dauerstress und verausgaben sich total. Mit ihrer Aufmerksamkeit sind sie ständig im Außen und damit extrem gefährdet, in ein „Burnout“ zu kommen.

    C: Wenn ich selber gestresst bin, bin ich in einer Verteidigungshaltung; das gilt sowohl für die Mutter, als auch für das Kind.

    T: Das kann man prototypisch an den frühen Eltern-Kind-Beziehungen studieren. Da sehen wir zwei hochaktive Systeme, die wie zwei gleich gepolte Magnete umeinander herumtanzen und sich viel Mühe geben zueinander zu kommen.

    Es gelingt nur nicht. Fatal daran ist, dass die Sympathikusaktivierung in dem Nichtkontakt, in der Nichtfindung, einen Verschluss erfährt, der keine Empfindung mehr zulässt und sich dann Sekundär- und Tertiärstrukturen aufbauen, die nur dem „Beziehungspanzer“ dienen; d.h., die Eltern justieren sich auf einen sehr eingeengten Kanal, der gerade noch so funktioniert, dass sie irgendwie mit dem Kind in Verbindung bleiben.

    Unsere Arbeit besteht darin, diesen Kanal wieder zu einem Fluss zu machen. Bindungsarbeit ist ein Öffnen und Berühren des Herzens. Bindung ist Herz und Herz ist Bindung. Was die Leute wieder finden müssen ist ihr Herz, das ist alles.
    ______________________________________________

    Dipl.Psych. Thomas Harms ist Initiator und Leiter des Zentrums für Primäre Prävention und Körperpsychotherapie (ZEPP) in Bremen (Homepage: www.zepp-bremen.de).

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    Bukumatula 2/2015

    Himmel – Erde – Mensch

    Teil 3 von 3 – San Cai Jian – Mensch
    Teil 1 – Himmel: Bukumatula 2/14, Teil 2 – Erde: Bukumatula 1/15
    Irene Kain & Franz Robotka:

    Hier folgt der letzte Teil dieser taoistischen Übungsreihe. Wie schon in den vorangegangenen Bukumatula-Ausgaben (Himmel: Buk. Nr. 2/2014, Erde: Buk. Nr. 1/2015) erwähnt, unterliegt die persönliche Anwendung der absoluten Eigenverantwortung. Diese Praxisserie ist als Wiederholung, Erinnerung und Auffrischung für diejenigen gedacht, die bei Heiko Lassek die Ausbildung zur Orgontherapie begonnen, oder seine weiterführenden Seminare besucht haben. Die Übungsfolge sollte regelmäßig praktiziert werden (alle drei Teile unmittelbar hintereinander mit anschließender Entspannungsphase).

    Am 27. und 28. Februar 2016 besteht im Rahmen eines Workshops die Möglichkeit, diese Serie in der Gruppe noch einmal gründlich zu wiederholen und zu vertiefen (s. Veranstaltungshinweis auf S. 27). Auch Neueinsteiger sind herzlich willkommen.

    Der folgende Text wurde von Irene Kain (irene.kain@gmail.com; +43-699-12230648) und Franz Robotka (itamar@drei.at; +43-660-7627930) verfasst, die auch für Fragen und Rückmeldungen gerne zur Verfügung stehen.

    MENSCH

    Alle nun folgenden Bewegungen finden quasi in Zeitlupe statt (so langsam, als würdest du von einer höheren Kraft gelenkt werden):

    Die sich seitlich am Körper befindlichen ausgestreckten Arme samt den unter Spannung stehenden Fingern und Händen [Abb. M1] bewegen sich in Schulterbreite nun langsam nach oben während die beiden Handflächen einander zugewandt bleiben. Sobald die Hände über die Höhe des Nabels gehen, klinkt sich der dort noch befindliche Chi-Ball zwischen den beiden Handflächen ein [Abb. M2].

    Da die beiden Hände und Arme schulterbreit entfernt voneinander sind, muss der Chi-Ball ungefähr die Größe eines Medizinballes oder kleinen Luftballons besitzen. Mit dem Chi-Ball zwischen den Handflächen bewegen sich die natürlich nach wie vor unter Spannung stehenden Arme und flachen Hände (geschlossene Finger!) so lange nach oben, bis der Chi-Ball auf Schulterhöhe gehalten wird [Abb. M3]. Nun beginnen mit den Beinen und den Armen synchron folgende zwei Bewegungen:

    Abb. M1
    Abb. M1
    Abb. M2
    Abb. M2
    Abb. M3
    Abb. M3
    Abb. M4
    Abb. M4

    Der Chi-Ball wird auf Schulterhöhe langsam auf die rechte Seite bewegt, sodass sich der gesamte Rumpf und Kopf mitbewegen [Abb. M4]. Während der Schwerpunkt also jetzt nach rechts verlagert wird, muss mit den Beinen und Hüften eine Ausgleichsbewegung stattfinden, um die Balance der senkrechten Achse stabil zu halten. Das rechte Bein streckt sich durch, das linke Bein knickt leicht ein, während sich der gesamte Hüftbereich nach links verschiebt und die Drehung des Rumpfes 1:1 mitmacht.

    Die Lage der beiden Arme verändert sich mit fortschreitender Rechtsbewegung. Der Chi-Ball wird um 90° gedreht, sodass der linke Arm oben liegt und der rechte Arm unten, während beide Arme den Chi-Ball haltend noch immer schulterbreit voneinander entfernt sind [Abb. M5].

    Wenn der Chi-Ball ca. 120° schräg rechts hinten zum Stehen kommt, also knapp hinter der seitlichen Körperachse, beginnt eine neue Bewegung. Die Arme samt der flachen Hand und den angespannten Fingern bewegen sich so aufeinander zu, als sollte der Chi-Ball auf Tennisballgröße komprimiert werden [Abb. M6].

    Anschließend wird der Chi-Ball wieder vergrößert, indem sich die steifen Arme, Hände und Finger wiederum auseinander bewegen und den Chi-Ball gleichsam wieder auf Medizinballgröße zurechtziehen [vgl. Abb. M5].

    Dieser Komprimierungs- und Expandierungsvorgang wird insgesamt drei Mal durchgeführt. Die Finger müssen dabei nicht unbedingt geschlossen bleiben, aber unter Spannung sein, damit das elektrische Feld besser gespürt wird. Nachdem nun der Chi-Ball drei Mal komprimiert und wieder auseinander gezogen wurde, findet eine 100%ig genaue Rückwärtsbewegung statt, während welcher der Chi-Ball um 90° in seine ursprüngliche Position rückgedreht wird, und Hüfte und Beine sich in ihre ursprüngliche Position bewegen [vgl. Abb. M4].

    Das bedeutet, dass der Chi-Ball, der sich nach wie vor auf Schulterhöhe befindet, sich am Ende dieser Rückwärtsbewegung genau gegenüber des Kehlbereiches befindet, während die ausgestreckten Arme, Hände und Finger noch immer unter Spannung stehen [vgl. Abb. M3].

    Ohne dass es jetzt zu einer Unterbrechung des Bewegungsflusses kommt, werden alle Bewegungen, die soeben auf der rechten Körperseite stattfanden, nun auf der linken spiegelgleich wiederholt. Das bedeutet, dass sich während der dreimaligen Komprimierung links der rechte Arm oben und der linke unten befindet [Abb. M7 und Abb. M8].

    Nachdem der linksseitige Vorgang beendet ist, werden die Komprimierungs-vorgänge nochmals wiederholt, sodass insgesamt auf der rechten und auf der linken Seite jeweils drei Mal gearbeitet wurde. Nach dem dritten Mal landet also der sich nach wie vor auf Schulterhöhe befindliche Chi-Ball wieder genau in der Mitte, eine Armlänge von der Kehle entfernt [vgl. Abb. M3].

    Abb. M5
    Abb. M5
    Abb. M6
    Abb. M6
    Abb. M7
    Abb. M7
    Abb. M8
    Abb. M8

    Die nun folgende Abschlussbewegung läuft analog zu den Abschluss-bewegungen wie bei I. (Himmel) und II. (Erde) ab:
    Der Chi-Ball wird langsam nach unten gesenkt (nach wie vor Spannung in den ausgestreckten Armen, Händen und nun jedenfalls geschlossenen Fingern!) [vgl. Abb. M2] und wird auf Nabelhöhe wieder gleichsam in die freie Schwebe entlassen.

    Sobald an den Handkanten das Aurafeld des Körpers gespürt wird, bewegen sich die Arme entlang der Feldgrenze in zwei Viertelkreisen [Abb. M9], bis sie jeweils seitlich zum Stehen kommen. Nun tauchen die noch immer unter Spannung stehenden Arme und Hände in das Körperenergiefeld ein und werden seitlich angelegt, ohne die Kleidung zu berühren [vgl. Abb. M1].

    Die Beine werden nun geschlossen, sodass sich wieder die Grundhaltung wie zu Beginn von I. (Himmel) ergibt. Hiermit ist die Gesamtübung beendet und Arme, Finger und Hände entspannen sich [Abb. M10].

    Es ist sehr wichtig, sich nach dieser Übungsabfolge einige Minuten zu entspannen, um die Wirkung zu vertiefen und physioenergetisch zu integrieren. Eine bereitliegende Decke und weiche Liegeunterlage sind dafür ideal geeignet.

    Abb. M9
    Abb. M9
    Abb. M10
    Abb. M10

    Teil 1 – der Himmel: Bukumatula 2/14
    Teil 2 – die Erde: Bukumatula 1/15

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