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Über die Individualisierung in der Homöopathie

Ein Gespräch mit Thomas Teichmann, praktischer Arzt, Facharzt für physikalische Medizin und Rehabilitation und Homöopath führten
Beatrix Wirth und Wolfram Ratz :

Wolfram: Lieber Thomas, seit 20 Jahren bist du mit der Homöo-pathie befaßt und lebst mit einer Reichschen Therapeutin zusammen. Habt ihr da einen gemeinsamen energetischen Ansatz?

Thomas: Also privat geht’s ja nur über die gemeinsame Energie (Lachen), in der Praxis können wir uns mit unseren Methoden gut ergänzen, theoretisch habe ich, so glaube ich, den differenzierteren Ansatz.

Die Energien, die Reich beschreibt sind allgemeine Fluids, die nicht spezifiziert sind. Da gibt es eine Fülle oder einen Mangel, eine gute oder eine schlechte Energie. Das homöopathische Medikament gibt im Gegensatz dazu eine differenzierte Anregung auf den verschiedenen energetischen Ebenen. Die Grundidee der Homöopathie, das Ähnlichkeitsprinzip, ist ja vor 200 Jahren durch Zufall entdeckt worden, indem Hahnemann einen Selbstversuch gemacht hat mit Chinarinde und dabei gemerkt hat, daß er bei Einnahme von Chinarinde dieselben Symptome entwickelt wie jemand, der Wechsel-fieber, also Malaria, hat. Diese Symptome traten immer auf, wenn er China eingenommen hat und sie verschwanden, wenn er mit der Einnahme aufhörte. In der Folge hat er sie Menschen verabreicht, die an Wechselfieber erkrankt waren, und die sind symptomfrei geworden. So ist das „Simile-Prinzip“ entstanden: Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt. Dieses Prinzip ist dann im Laufe der 200 Jahre in unzähligen Arzneimittelprüfungen mit den verschiedensten Substanzen ausgearbeitet und verifiziert worden; es entstanden umfangreiche Symptomenverzeichnisse und Arzneimittellehren, mit denen ich als Homöopath arbeiten kann.

Das heißt, daß jede Substanz, die in der Natur vorkommt – homöo-pathisch aufbereitet – die Möglichkeit, die Kraft, die Energie in sich birgt, im menschlichen Körper diese ähnliche Energie auszugleichen oder ihre Funktion zu übernehmen.

Beatrix: Wie wird denn nun in der Homöopathie Krankheit ver-standen? Im Reichschen Ansatz wird Krankheit als Ausdruck eines gestörten energetischen Flusses verstanden und die Spezifität, die „Organwahl“ als Ausdruck des Ortes, wo die Stauung am stärksten auftritt.

Thomas: Die Krankheit wird als Pathologie beschrieben, was meines Erachtens nicht exakt ist; sie ist für mich sozusagen eine Besonderheit eines Menschen. Ich sehe die Krankheit nicht als eine mechanische Störung oder eine Abartigkeit, sondern sie ist durch die individuelle Lebensgeschichte bedingt, durch den kulturellen Umkreis, durch den Einfluß von Vater und Mutter, durch Erbgutübertragungen – es ist jedenfalls ein sehr charakteristisches Bild. Und was mich an der Homöopathie so fasziniert ist, daß ich auf all dies in sehr spezifischer Weise mithilfe der Arzneimittel eingehen kann.
Ich unterscheide im Grunde genommen – und das ist mir sehr hilfreich – nach der Anthroposophie Rudolf Steiners -, vier Ebenen, vier Quali-täten des Seins.

Zunächst einmal die physische Ebene, das ist einfach das, was wir an materiellem Körper an uns tragen. Das sind die Knochen, Muskeln und die Gewebe, die sich gebildet haben. Eine Disziplin der Schul-medizin, die sich damit beschäftigt, ist die Chirurgie. Die arbeitet hauptsächlich auf einer physischen Ebene. Ist ein Knochen gebrochen, richtet man ihn gerade, schient ihn und wartet dann bis er wieder zusammenwächst. Dann die zweite Ebene – die funktionelle – mit einem „übergeordneten“ Leib, der uns formt, der unsere Substanz organisiert, der bewirkt, daß der Knochen entlang der Schwerkraft-linien zusammenwächst, der die Stoffwechselfunktionen und die Abwehrfunktionen innehat.

Der wird in der Anthroposophie ”Lebensleib” genannt. Und ich denke, daß Reich sehr viel mit diesen Lebensenergien gearbeitet hat und natürlich auf der dritten Ebene, der emotionalen, der Gefühlsebene, dem Bereich der Empfindung, der Begierde, des Gefühls, der Wahrnehmung. Dieser „Empfindungsleib“ ist zutiefst verwoben nehmung schmerzhaft oder gar nicht auf; derartige Situationen und Reaktionen darauf beschreibt Reich, wenn er „emotional pestilente Charaktere“ und ihre Kontakte mit Lebendigkeit charakterisiert.

Wie kann der Weg in einen ganzheitlichen Heilungsprozeß be-schritten werden? Meine erste Antwort darauf ist: Konsequent die Beurteilungskompetenz wieder an die Wahrnehmungskompetenz zu koppeln. Sehr hilfreich ist es dabei, Entscheidungen und Handlungen zu versinnlichen. Damit meine ich, die sinnliche Wahrnehmung als Kontrollkriterium engmaschig zu befragen, auf welchen Informationen meine handlungsbestimmenden Entscheidungen fußen. Theoretische Konzepte treten dann als nur mehr oder weniger interessante Zusatz-informationen in den Hintergrund.

Weiters erkenne ich als unumgänglich, das Konzept und die Technik der Teilung des Ganzen fallen zu lassen. Was sonst für einen Sinn kann „Ganzheitlichkeit“ denn haben. Es wird nicht mehr darum gehen, Spreu vom Weizen zu trennen, um die „Spreu“ zu verwerfen, was eine Metapher einer Feldkultur ist, wobei bereits lange vor diesem Verarbeitungsschritt die Wahl einer Frucht (die Wahl einiger weniger Früchte) stattgefunden hat und die weiteren Entscheidungen merklich beschränkt.- Das Nicht-Teilen beziehungsweise Wieder-Zusammen-fügen als Akt der Anerkennung der prinzipiellen Unteilbarkeit des Seins bedeutet Verzicht auf eine bestimmte Anwendung des Ver-standes und ein Zurücknehmen seiner Bedeutung für Entscheidungen. Die tiefe Identifizierung mit der Verstandsfunktion, ja das Anbinden des Selbstverständnisses als Mensch an den vorrangigen Gebrauch des Denkens (und damit des Teilens) scheint mir ein Grundsymptom menschlicher Krankheit zu sein.

Das Reichsche Konzept der Funktionalen Identität, konsequent angewandt, erleichtert das praktische Herantasten an eine ungeteilte Weltwahrnehmung. „Spreu“ und „Weizen“ (also z.B. „Körper“ und „Psyche“) funktionell gleichzusetzen bedeutet, sie einander nicht vorzuziehen, sie nicht zu beurteilen, sondern zu beobachten. Auf einmal haben wir es dann nicht mehr mit zwei konkurrenzierenden, vielleicht sogar gegeneinander wirkenden Elementen zu tun, sondern erkennen die Verbundenheit, welche letztlich zwischen allen denkbaren Teilen erkenntnismöglich ist. Bei dem Beispiel des Weizens haben wir einen Samen, potentiell eine ganze Pflanze, andererseits den die Bedeutung Wilhelm Reichs und seiner Arbeit für die Heil-berufe liegt ganz wesentlich in der sich aus ihr eröffnenden Möglich-keit, sich derartige Kriterien radikal ganzheitlich zu erarbeiten. Ich sage: „sich zu erarbeiten“, denn es ist das kein Wissen, das ausschließlich durch datentechnische Weiterreichung übermittelt werden kann, sondern Wissen, das erst durch eigene Heilung klar und einsetzbar wird (Parallele zu schamanistischem Initiationsprinzip). Auch jeder Gedanke, den ich hier niederschreibe, kann also auch nur dann in einem anderen Menschen auf mehr als intellektuelle Aufnahme und damit auf wirkliches Verstehen stoßen, wenn eine bereits vorhandene Erfahrung zur Resonanz gebracht wird und ein Erleben des (Wieder-)Erkennens einleitet. Eine Zunahme der Ordnung im Wahrnehmen, Einordnen, Entscheiden und Handeln kann dann daraus folgen.

Schon im Verlauf einer einsetzenden Heilsbemühung eines Heilers, Hexers, Arztes, Medizinmannes, einer Priesterin, Therapeutin oder ähnlich sich abgrenzend Definierenden, müssen von ihm oder ihr Fragen beantwortet und Entscheidungen getroffen werden, also noch bevor ein eindeutiges Ergebnis der Bemühungen zu bestimmen ist. Auch in diesen Schritten bedarf es funktioneller Kriterien, die ohne Zeit- und Energieverlust einen förderlichen Weg in jedem indivi-duellen Fall erkennen lassen; und schließlich auch noch des Werk-zeugs, der Kenntnis und Erfahrung von und mit konkreten Möglich-keiten der Einflußnahme auf die Menge und das Muster des ener-getischen Prozesses.
Eine Heilungsbemühung kann an jedem dieser Funktionsbereiche kranken und scheitern. Die eigene Wahrnehmungsverzerrung und Einschränkung gebiert die Verkennung von Schwäche und energie-armer Notfunktion (chronische Krankheit) als Gesundheit, läßt zu Handlungsabläufen keine Alternativen erkennen und vermeidet die praktische Überprüfung bereits bestehender oder sich entwickelnder Hypothesen. Lediglich die aufbauende Grundtendenz des Wirkens der Lebensenergie verschleiert die unbefriedigenden und „Lebens-fernen“ Ergebnisse der meisten Methoden.

Das orgonotisch relativ gut funktionierende Individuum ist in seiner Qualität durch andere Individuen qualitativ erkennbar. Ist das erkennende System qualitativ mehr beeinträchtigt, so tritt die Wahr- mit den beiden anderen Ebenen. Das Übergeordnetste ist das „Ich“, das alle diese Leiber zentriert, die wahrnehmende Instanz, wo wir unsere Ziele haben, unsere Ideale, unser kreatives Potential. Das Ich ist das, was tut, das was in Bewegung setzt und das „Schauende“ ist, das ist das Ich.

Spannenderweise ist es so, daß in den homöopathischen Arzneimitteln immer alle vier Ebenen repräsentiert sind. Ein Arzneimittelbild hat einen physischen Aspekt, einen funktionellen, einen emotionellen und einen Ich-haften, also einen wahrnehmensmäßigen, willensmäßigen, biographischen Aspekt. So ist diese Energie wesentlich differenzierter zu handhaben. Es ist keine quantitative Vorstellung, daß da etwas zuviel ist, von dem ich etwas wegnehme oder hinzufüge, wie es z.B. in der Akupunktur durch das Tonisieren und Detonisieren der Fall ist. Vielmehr stellt sich immer die Frage: was ist das für ein Mensch, wo steht er, was ist die Grundstörung, was steht im Vordergrund. In der Regel steigt die Pathologie von den „höheren“ Ebenen bis in den physischen Leib ab, z.B. Kränkung – emotionaler Rückzug – funktio-nelle Starre – Tumor, wie es sowohl bei Reich als auch bei Hahne-mann beschrieben ist. Die Krankheitsphänomene stellen eine Einheit dar, so wie das Arzneimittel selbst eine Einheit ist. Hahnenmann hat herausgefunden, daß diese verschiedenen Ebenen beeinflußbar sind durch die Art, wie er das Medikament verdünnt oder besser: dynamisiert.

Beatrix: Könntest Du das genauer beschreiben?

Thomas: Um diesen Potenzierungs- oder Dynamisierungsvorgang verständlich zu machen, gebrauche ich das Beispiel vom Holz: Ein normaler Baumstamm hat eine Stützfunktion, und der brennt nicht so leicht, da muß man schon ordentlich Feuer machen, damit er zu brennen anfängt. Wenn du ihn allerdings als Brennholz verwenden möchtest, mußt Du ihn zerkleinern, das heißt, du mußt die Oberfläche vergrößern im Verhältnis zur Materie. Wenn du Späne machst, dann mußt du aufpassen, die brennen schon sehr leicht und beim Holzstaub kann es sogar zu Explosionen kommen. Das Verhältnis von Stoff und Raum, von Verdünnungsmedium zur Arznei gibt die Potenz an. In der Homöopathie ist ein Mittel um so stärker, je öfter an ihm dieser Verdünnungs- bzw. Potenzierungsvorgang vorgenommen wurde. Du kannst es aber auch als Information sehen: die Substanz, wenn du sie
verschüttelst in einer 1:10-Verdünnung, das ist die D-Potenz – oder 1:100, das ist die C-Potenz -, dehnt sich aus und gibt damit die Information an das Medium weiter. Das ist bewiesen, darüber gibt es Untersuchungen, daß sich ein Medium dadurch verändert, wenn eine Substanz darin verschüttelt wird.- Rudolf Steiner sagt, daß die Substanz ein festgewordener Prozeß ist. Es ist Energie, eine charakteristische Energie, die festgeworden ist in einem Kristall, in einem Metall, in einer Pflanze oder auch in einem Tier. Und durch diesen Verdünnungsvorgang hole ich diese spezifische Energie wieder heraus und übertrage sie mit dem so dynamisierten Arzneimittel auf den Menschen.

Beatrix: Wie findet nun konkret die Arzneimittelwahl statt?

Thomas: Zunächst schaue ich, wo das Schwergewicht der Störung ist. Das verlangt eine tiefe Empathie, um nicht zu sagen: eine vegetative Identifikation mit dem Patienten. Das heißt, ich muß durch die Art, wie ich die Fragen stelle, so tief in den Patienten hinein-fühlen, daß ich dann über dieses vegetative Mitschwingen mit dem Patienten und auf der anderen Seite durch die Vertrautheit, die ich mit den Arzneimitteln entwickelt habe – eigentlich sind sie ja Freunde und Begleiter des Lebens – das passende Mittel finden kann. Wenn man jahrelang homöopathisch arbeitet, dann kennt man die Arzneimittel sehr gut; man weiß welche Qualitäten sie schwerpunktmäßig haben, man „fühlt“ diese Arzneimittel in sich. Manchmal ist es auch schwierig, z.B. dann, wenn der Patient sehr verschlossen ist, oder wenn man selbst eine Störung hat, unkonzentriert oder ungeduldig ist, dann ist der Prozeß erschwert. Oft wirkt der Prozeß selbst schon; das Gespräch und die Identifizierung bewirken, daß die Patienten oft sagen „das ist mir noch nie eingefallen – den Bezug habe ich noch nie hergestellt – ich spür´ das jetzt plötzlich“, etc. Das wirkt schon an sich, doch dann „befestige“ ich es mit dem gefundenen Mittel. Insofern bietet sich die Homöopathie als Begleittherapie für einen psychotherapeutischen Prozeß an. Man kann ihn sehr gut stützen, z.B. eine Öffnung von sehr verschlossenen Menschen fördern, indem ich diesen Menschen beispielsweise das „gemeine Kochsalz“, Natrium muriaticum gebe, das ist ein großes ”Kummermittel” in der Homöo-pathie. Sie berichten dann öfters, sie hätten tagelang weinen müssen und wüßten nicht warum. Ich weiß dann, daß das Natrium muriaticum auslösend war.

Es hat sich etwas gelöst.- Durch die Arbeit mit den homöopathischen Arzneimitteln, mit diesen spezifischen Energien, ist mir bewußt geworden, daß wir eine tiefe Beziehung zu den Sub-stanzen haben, die draußen in der Natur sind, daß sie sozusagen mit uns „verwandt“ sind.

Beatrix: Diese energetische Übereinstimmung, der Umstand, daß die Lebensenergie in allem Lebendigen ist, ob Pflanze, Tier, Mensch, bildet ja in der Reichschen Therapie das Kernstück.

Thomas: Es sind nur andere Formen unserer eigenen menschlichen Existenz; so als ob der Mensch ausgebreitet wäre in der Natur. Es muß da eine Übereinstimmung geben, weil sonst könnte ich mir die Wirkung eines Arzneimittels nicht erklären. Wir stehen auf einer energetischen Eben alle miteinander in Verbindung; nicht nur mit anderen Menschen, sondern mit der ganzen Natur.

Wenn ein Kind z.B. die Tendenz hat, sehr viel Flüssigkeit zu reti-nieren und es einen Infekt hat, bekommt es in der Schulmedizin ein Antibiotikum. In der Homöopathie gibt man, um diesen Flüssigkeits-stau abzuleiten, „Austernschalenkalk“, Calcium carbonicum. Die Substanz stammt von dieser weichen Muschel, die nach außen ihre harte Schale absondert und sich dadurch von der Umwelt trennt. Bei diesen Kindern ist der Trennungsprozeß gestört – diese Kinder sind sehr symbiotisch im Psychischen, pastös, lymphatisch im Körper-lichen mit einer Tendenz zu Flüssigkeitsansammlungen und der Un-fähigkeit durch die Nase zu atmen. Nach Gabe des Arzneimittels Calcium carbonicum kommt es auf der körperlichen Ebene zu einer Ausscheidung des Wassers und zu einer Rückbildung der Drüsen; und auf der seelischen Ebene zu einer Festigung, zu einer Abgrenzung gegenüber den Eltern.

Beatrix: Es ist also so: eine Einflußnahme in der Homöopathie wirkt über ein Arzneimittel, in der Reichschen Arbeit über panzerlösende Interventionen auf beide Ebenen – die Körperliche und die Psychi-sche.

Thomas: Ich möchte sagen: man kommt von einer physischen über eine funktionelle auf eine psychosomatische Ebene und sieht, das passiert über einen spezifisch energetischen Prozeß. Und bei mir führte das dann zu einer prinzipiellen und einfach göttlichen Erkenntnis, daß das Calcium carbonicum einem hilft, die Trennung von außen und innen zu vollziehen.

Wolfram: Was kann die Homöopathie und wo sind ihre Grenzen?

Thomas: Wenn man das definieren will, kommt es auf den zugrunde-liegenden Gesundheitsbegriff an. Also mein Gesundheitsbegriff ist kein schulmedizinisch-klinischer. Ich denke zum Beispiel, ein gesun-des Sterben, ein menschenwürdiges Sterben – wofür es auch homöo-pathische Arzneimittel gibt -, gehört zur Gesundheit dazu. Gesundheit heißt für mich, das Leben intensiv zu leben. Und überall dort, wo das Leben aufhört, ins Stocken gerät – in einer Routine zum Beispiel, in Freudlosigkeit, da finde ich, da müßte die Medizin einsetzen.- Krisen dagegen sehe ich als etwas Gesundes an, als etwas unbedingt Notwendiges, was uns zu Veränderungen mehr oder weniger zwingt. Das ist mein Ansatz.

Und da hilft mir die Homöopathie, Ver-änderungen herbeizuführen. Die klassische Auffassung ist ja, das Leben zu regulieren und nicht zu manipulieren. Die Homöopathie ist eine Regulationsmedizin; und sie ist überall dort – wenn man schul-medizinisch verpflichtet ist und Leben retten will -, wo nicht mehr reguliert werden kann, nicht mehr sinnvoll.

Da ist für mich die Grenze, die wohl für jeden Homöopathen je nach Begabung, Fähigkeit und therapeutischen Mut individuell zu ziehen ist. Aber eine homöo-pathische Therapie geht häufig durch Krisen, das ist auch beschrieben in der homöopathischen Literatur. Wenn das Medikament gut gewählt ist, dann kommt es entweder zu einer schlagartigen Besserung oder zu einer Erstverschlimmerung.

Da sieht man, daß die Beschwerden oft durch das homöopathische Arzneimittel sozusagen „verschoben“ werden und auf einer tieferen Ebene dann erst richtig ausbrechen. Mein homöopathischer Lehrvater, Mathias Dorcsi, hat einmal die Geschichte eines Patienten erzählt, der als Kind einen Milchschorf hatte – das ist ein Ausdruck an der Haut. Wenn man das mit Kortisonsalben wegschmiert, dann kann es sein, daß später Asthma auftritt. Wenn man auch dieses Symptom mit Kortison behandelt, kann es sein, daß der Prozeß noch weiter nach innen geht und man als Erwachsener eine Colitis Ulcerosa entwickelt, also eine Dickdarm-entzündung, die schwer zu behandeln ist.

Beatrix: Man könnte auch sagen, daß der Ausdruck immer mehr erstickt wird und damit ein „Sich Zurückziehen nach innen“ zu teilen. Und auch, zum Beispiel, um zu erkennen, daß jemand sterben möchte. Ich habe beispielsweise bei Drogenkranken oft den Eindruck, daß es sich dabei um einen protrahierten Selbstmord handelt; und dieser ist auch kaum zu verhindern, das kann man nur begleiten. So einem Menschen kannst du nur sagen: „Ich merke, Sie haben sich entschlossen, Ihr Leben auf diese Art zu vollziehen. Ich kann das nicht verstehen, aber ich kann Sie dabei begleiten.“ Das ist das, was ich ihm anbieten kann. Und das ermöglicht mir, mit dem Patienten offen zu sein. Wahrheit finde ich ganz wichtig in der Therapie. Ich würde nie einen Patienten anlügen, außer ich merke, daß die Wahrheit für ihn wirklich unerträglich ist. Es gibt Leute, die wollen das gar nicht wissen, das durchbreche ich dann auch nicht.- Dies setzt natürlich voraus, daß man auch selbst eine Beziehung zu dem hast, was man tut. Wenn man das Sterben als eine Geburt in eine andere Seinsebene betrachtet und die letzten Atemzüge wie die Schreie bei einer Geburt …, dann kann man ihn begleiten, indem man dabeisitzt und sagt: „Ja, gut, atme noch einmal, ja gut, jetzt hast du es gleich geschafft”.- Verstehst du, es geht darum, dies – auch dies – als eine Vorwärtsbewegung zu begreifen und mit dabei zu sein. Und das tut einem selbst gut, und das tut dem Patienten gut, weil er nicht mehr festgehalten wird. Ich habe schon viele Menschen in der Todesstunde begleitet und ich weiß, es ist gut, wenn man es so macht, es gehört zum Leben dazu.

Wolfram: Hast Du noch einen Rat für unsere BUKUMATULA-Leser? Mir fällt dazu ein: ”Nichts rauchen, nichts trinken, g´sund essen”, so wie aus dem Fernsehen; ich glaube, das war einmal eine Folge mit dem Bankhofer in der ”Wir”-Sendung (Lachen).

Thomas: Ja, das kann ich, das kann ich. Ich wünschte, es wäre mein Lebensmotto, aber ich leb´s nicht, ich muß ehrlich sein, ich leb´s nicht. Ja, also der Rat heißt: tu was du willst, aber spür genau, was du tust.
Deshalb liebe ich auch am meisten in der bewegungstherapeutischen Szene Moshe Feldenkrais, welcher sinngemäß sagt: es gibt nichts Richtiges und nichts Falsches, nur Dinge, die stimmig sind oder nicht stimmig sind, die passen oder nicht passen. Und mein Rat an die BUKUMATULA-Leser wäre: Tut es, aber tut es so intensiv, daß ihr spürt, wohin es euch bringt; ob es euch hebt oder drückt, vor oder zurück, hinauf oder hinunter. Wenn man das spürt, dann reguliert sichnicht gut aufgehoben. Mit abhängigen, orientierungssuchenden Patien-ten kann ich schlecht umgehen. Die schicke ich dann lieber zu einem Kollegen, von dem ich weiß, daß er eine gute Struktur vorgibt, wo sie sich dann anzuhalten haben.

Wolfram: Soll ich meiner krebskranken Klientin sagen, daß sie wieder zu den Untersuchungen gehen soll?

Thomas: Nein. Ich würde ihr das überlassen, weil das würde ja wieder einen Druck erzeugen. Es geht um eine Druckminderung bei einem Karzinom, das sind oftmals ohnehin schuldbewußte Menschen. Du müßtest sagen, ja ich sehe das, sie haben sich dafür entschieden, das ist gut, wir arbeiten weiter. Ob diese Entscheidung richtig ist, das wird sich auch in der Arbeit zeigen. Und vielleicht zweifelt sie dann dran und dann kannst du ihr anbieten, eine andere Methode der Behandlung zu wählen.- Jeder Mediziner, der glaubt, er hat das einzig Richtige und alle anderen sind blöd, der ist von vornherein für mich suspekt.

Wolfram: Du meinst jetzt Dr. Hamer?

Thomas: Ja. Er kann Richtiges sagen, aber die Art, dieses größen-wahnsinnige Agieren, lehne ich ab. Es ist nicht menschlich, wie er Menschen unter Druck setzt, daß sie nicht zu anderen gehen dürfen. Ich würde das nie machen. Prinzipiell mache ich es immer so, daß ich schulmedizinisch abklären lasse, ob sich ein Prozeß bereits im Körperlichen manifestiert, auch schon aus forensischen Gründen, bevor ich etwas Homöopathisches mache. Wenn ich das nicht täte, würde ich mir auch persönlich einen Vorwurf machen, daß ich etwas unterlassen habe. Hier sind wir wieder bei den zuvor angesprochenen Ebenen. Auf der physischen Ebene muß man naturwissenschaftlich genau und gründlich arbeiten. Auf der funktionellen Ebene muß man homöopathisch sehr versiert sein, um die verschiedenen Formen der Reaktionen zu kennen. Auf der emotionalen, also auf der seelischen Ebene, ist mir der personenzentrierte Ansatz von Carl Rogers am naheliegendsten, weil es wirklich um eine Begegnung von Mensch zu Mensch geht. Da geht es um Offenheit und Transparenz und Authentizität. Das finde ich ganz wichtig, um sich seelisch öffnen zu können. Auf der spirituellen oder individuellen Ebene muß man viel Phantasie und Kreativität und viel Offenheit und auch Verrücktheit für den Patienten haben können, um ihn zu erkennen und das mit ihm
stattfindet – und damit eine Verstummung. Reich spricht in diesem Zusammenhang auch von der Notwendigkeit, diese Energien wieder herauszulösen.

Thomas: Ja, dies geschieht ebenso in der Homöopathie. Wenn man exakt homöopathisch behandelt, verschwindet die Colitis, aber der Patient bekommt wieder sein Asthma; dann muß man das ausheilen. Wenn er dann noch seinen „Ausdruck“ auf der Haut zeigen darf und wenn man dann den korrekt ausheilt, dann ist der Patient gesund. Das heißt, man muß den Weg wieder zurückgehen, diesen biographischen Weg durch die Schichten der Person. Es ist ja in der Psychotherapie auch so, daß man versucht die Situationen im Leben, die besonders krankmachend und belastend waren, noch einmal hervorzuholen, noch einmal erlebbar zu machen und auszudrücken. Und so ist es in der Homöopathie auch. Es gibt zum Beispiel spezielle Medikamente, die den Ausdruck fördern. Wenn zum Beispiel der Ausschlag bei einer Kinderkrankheit nicht herauskommt, gibt man Schwefel, und dieser fördert den Ausschlag auf der Haut und das Kind fiebert manchmal hoch, und beides ist gut. Es ist ein Prozeß von innen nach außen, also ein zentrifugaler Prozeß, der dem Schrumpfungsprozeß und der Verhärtung entgegenwirkt.

Wolfram: Also ist Krankheit ein Selbstheilungsversuch des Körpers.

Thomas: Ja, natürlich. Der Körper hat die Tendenz, seine Indivi-dualität und Integrität zu erhalten. Wenn du dir zum Beispiel einen Schiefer einziehst, wird dieser als Fremdkörper erkannt. Durch viele weiße Blutkörperchen bildet sich dann Eiter; dieser geht zentrifugal zur Oberfläche, bricht auf und wird mit dem Fremdkörper aus-gestoßen. Und diesen Prozeß kann man mit homöopathischen Medikamenten beschleunigen. Man kann natürlich auch ein Messer nehmen und ihn herausschneiden. Das ist auch ein Weg. Aber wenn man dem Körper seine Gesetzmäßigkeit läßt, dann reguliert er sich das eigentlich selbst.

Wolfram: Was ist für dich eigentlich Gesundheit?

Thomas: Das weiß ich nicht genau. Der Schein trügt manchmal. Ist Claudia Schiffer gesund?- Das einzige was ich möchte – und vielleicht manchmal vermag – ist, dem Klienten die Verantwortung für seinen Zustand bewußt zu machen, nein spürbar zu machen, bewußt ist ja was Moralisches, sondern spürbar und erlebbar zu machen und an
diesem Erlebnis zu arbeiten. Und damit bin ich wieder deckungsgleich mit Reich im Grunde genommen. Und aus diesem Erleben kristalli-sieren sich Möglichkeiten einer anderen Lebensweise heraus. Das ist Gesundheit für mich. Auch wenn das zum Beispiel Sterbebegleitung ist: zu spüren, daß sich der Mensch jetzt verabschieden muß und daß das schmerzhaft ist oder daß das auch beglückend sein kann. Ihn da zu begleiten – psychisch, aber auch mit homöopathischen Medika-menten, das ist Leben, eine Form des Lebens.
Voraussetzung für eine korrekte homöopathische Behandlung ist, daß man den Patienten physisch genau untersucht. Man muß wissen, wo die Störungen sind. Wenn jemand einen Kniegelenkserguß hat, dann muß man das erkennen und behandeln können, das ist klar.- Man muß funktionell wissen, was in einem Patienten passiert, und das ist eine vegetative Identifizierung. Also, wie ist die Atmung, wie ist der Herzschlag, wie ist der Stoffwechsel; ist der Patient blaß, ist er kalt, ist er warm, ist er feucht, ist er trocken, wie ißt er, trinkt er, liebt er, wie bewegt er sich, etc. Also diese ganzen elementaren Lebenssachen, das ist die funktionelle Ebene. Und dann die emotionale: Was heißt das für den Patienten, was für ein Gefühl entwickelt er, welche Ängste, welche Lüste, welche Träume – die sind manchmal sehr wichtig für die Arzneimittelfindung. Zuletzt: wohin geht denn sein Leben, was will er noch, was steht an? Es ist ganz wichtig, die Sinnfrage zu stellen als letzte und als tiefste, als Arzt.

Wolfram: Gibt es Patienten, die gar nicht gesund werden wollen?

Thomas: Ja. In diesem Fall muß man schauen, ob der Patient das Symptom als Ausdrucksmittel noch braucht, ob es z.B. der letzte Ausdruck seiner Individualität ist, z.B. alles ganz in Ordnung, alles unter Kontrolle, nur leider fürchterlich schweißige Hände -, und wenn man ihm das nehmen würde, dann würde er meines Erachtens ein anderes, vielleicht schwereres Symptom entwickeln. Es gibt viele Patienten, die ein Symptom wie ein Notsignal haben und brauchen. Ich denke überhaupt, daß wir Krankheiten brauchen; wir brauchen sie, um der Umwelt etwas mitzuteilen über uns, um in Kontakt zu treten.- Da hat es einen zauberhaften Film gegeben mit Maxi Böhm, der einen Pensionisten spielt, der niemanden mehr hat und immer eine Krankheit vorschützt, damit er ins Krankenhaus kommt. Da hat er
Schwestern, die lieb sind und Ärzte, die mit ihm reden. Bei jeder psychosomatischen Krankheit braucht der Patient das Symptom. Manchmal erkennt man diese Patienten leicht: sie waren schon bei unzähligen Ärzten, und niemand hat ihnen helfen können – davon berichten sie mit einem „gewissen Lächeln“. Es ist, um mit dem Psychosomatiker Dieter Beck zu sprechen – ein, wenn auch nicht geglückter Lösungsversuch. So denke ich auch, daß Krankheiten notwendig sind und gebraucht werden und man sie erst heilen darf, wenn sich auf der psychosomatischen Ebene etwas verändern kann. Das sind dann Patienten, denen ich dringend eine psychothera-peutische Behandlung in Kombination mit einer homöopathischen Behandlung empfehle.

Wolfram: Jetzt möchte ich dich noch persönlich etwas fragen. Ich habe eine Klientin, die hat Brustkrebs. Im letzten Herbst wurde sie das zweite Mal operiert. Und dann hat sie sich der Neuen Medizin des Dr. Hamer zugewandt. Sie geht jetzt nicht mehr zu den Kontroll-untersuchungen die für sie stets äußerst entwürdigend waren. Sie hat Chemotherapie, Hormontherapie, etc. bekommen und es ist ihr dabei so schlecht gegangen, daß sie das von sich aus nach einer Woche abgesetzt hat. Es ging ihr elendig. Jetzt hat sie den Dr. Hamer gefunden…

Thomas: Eine andere Form der Elendigkeit meines Erachtens nach.

Wolfram: Meinst Du?

Thomas: Was ich nie mache ist, daß ich jemanden mit meiner Methode unter Druck setze, indem ich sage, sie dürfen das und das nicht. Dadurch erzeugt man erstens Angst beim Patienten, daß er einen Fehler machen kann, und das ist ganz schlecht, gerade bei Karzinompatienten. Zweitens käme ich mir dann vor wie der Liebe Gott. Ich bin ja als Arzt eher der ”Ermöglicher”, der Facilitator, der die Gesundheitsprozesse fördert, und da gehört auch die freie Entscheidung dazu, und das muß dann der Patient machen. Der Patient muß sagen, ich spüre, das tut mir gut und das mache ich gerne. Die Freiheit des Patienten nicht einzuschränken ist für mich eines der obersten Gebote. Also ich biete immer an und erwähne auch Alternativen. Manchmal sind damit Patienten allerdings überfordert. Es kommt darauf an, auf welche Charakterstruktur man trifft. Es gibt Patienten, die wollen ganz genaue Richtlinien haben. Die sind bei mir

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