Bukumatula 6/1992

10 Jahre Wilhelm Reich Institut in Wien

Dokumentiert von
Wolfram Ratz:


1968, als die Studenten die hierarchisch versteinerten Universitäten in Basare kritischer Ideen verwandelten und auf den Straßen Parolen von einer gerechteren Welt skandierten, war Wilhelm Reich, nachdem von ihm eine kleine Ewigkeit niemand mehr Notiz genommen hatte, in aller Munde.

Seine vergessenen Bücher gingen über Nacht in Raubdrucken von Hand zu Hand, und sein Name wurde plötzlich in einem Ton ausgesprochen, den Reich zu seinen Lebzeiten wohl eher selten vernommen hat: im Ton einer gewissen Verehrung.

Trotz der Reich-Renaissance seit 1968 brauchte es noch eine ganze Weile, bis sich diese Aufbruchstimmung auch in Österreich in Initiativen niederschlug.

Die erste Gruppierung in Österreich, die sich zu einem guten Teil der Ideen Wilhelm Reichs annahm, war die 1975 gegründete AIKE (Arbeitskreis für individuelle und kollektive Emanzipation). Nach den in Österreich erstmals abgehaltenen Reich-Tagen an der Universität Salzburg unter Igor Caruso fand im gleichen Jahr in Wien, im November 1982, eine zweieinhalb Wochen dauernde Reich-Tagung mit Experten aus dem In- und Ausland statt. Sie wurde von der AIKE organisiert und fand große Beachtung.

In dieses Jahr der Aktivitäten fiel auch die Gründung des Wilhelm Reich Institutes in Wien.

1982 – 1986

1980 hatte Peter Bolen, Facharzt für Psychiatrie und damals Chefarzt der Wiener Gebietskrankenkasse, begonnen, seine Erfahrung und sein Wissen, das er in Reichscher Körpertherapie in den USA erworben hatte, einer ersten Ausbildungsgruppe weiterzugeben. Die Teilnehmer dieser Ausbildungsgruppe waren auch die Gründungsmitglieder des Wilhelm Reich Institutes.

Im Dezember 1982 wurden die Statuten bei der Vereinsbehörde eingereicht. Darin finden sich als vorrangige Zielsetzungen:

die Erforschung, Ausbildung und Anwendung körperorientierter Psychotherapie

die Integration psychotherapeutischer Verfahren

die Neurosenprophylaxe und die Hilfestellung für Therapiesuchende

die Wiederbelebung und die Konfrontation einer breiteren Öffentlichkeit mit Reichschem
Gedankengut.

In den Protokollen steht nachzulesen, daß sich die Ausbildung in körperorientierter Psychotherapie „im wesentlichen an ursprünglich von Reich entwickelten Ideen und therapeutischem Handeln zu orientieren hat“ und „daß das Bekenntnis zu einem von Reich formulierten Menschenbild und zu seinen gesellschaftspolitischen Anschauungen ein gemeinsames Fundament darstellt.“

Die ursprünglich 12 Mitglieder wurden durch Absolventen der insgesamt drei von Peter Bolen geleiteten WRI-Ausbildungsgruppen im Laufe der Jahre „verstärkt“. Zur Generalversammlung im Jänner 1985 fanden sich 26 Mitglieder ein – eine bisher nie erreichte Teilnehmerzahl.

Neben internen Initiativen wie Intervisions- und Supervisionsgruppen, Vorträgen, etc. gab es in dieser Zeit auch eine Reihe von externen Theorieveranstaltungen mit Vortragenden wie Alfred Pritz, Gernot Sonneck, Richard Picker, Martin Wolkersdorfer, Hans Zimprich, Hans-Peter Bilek u.a.

Das Vereinsleben hatte damals einen vorläufigen Höhepunkt erreicht; tatsächlich gingen die Aktivitäten aber von einigen wenigen Mitgliedern aus. Waren es in der ersten Zeit neben Peter Bolen vor allem Peter Schiller, Frank Boos, Ingeborg Scheer, Wolfgang Kicher, Susanne Gibs u.a., die sich mit großem Einsatz betätigten, folgten dann Renate Grossauer-Schnee und die „Jungen“ wie Monica Lieschke, Marlies Garbsch, Monika Gürtler, Barbara Heitger, Renate Wieser, Katja Rainer u.a. Seinen Unwillen über viel Arbeit und mangelndes Interesse tat dann auch Wladimir Zalozieckjy in seiner Eigenschaft als „Schriftführer“ im Nachsatz eines monatlich ausgesandten Rundbriefes im September 1985 kund:

„In mir verdichtet sich der Verdacht, daß meine Aussendungen niemand liest. Das letzte Indiz dafür war die Ankündigung einer Vorstandssitzung im September, an der außer Marlies Garbsch, die den Termin festgesetzt hatte und mir, der ich ihn angekündigt hatte, niemand teilnahm (außerdem war die Sitzung bei mir, was eine Nicht-Teilnahme schwer gemacht hat).“

Die Reaktion darauf beschreibt Wladimir Zalozieckjy in der Aussendung des darauffolgenden Monats: „Ich gebe mich geschlagen. Überwältigt von einer Lawine von Briefen, Postkarten und Anrufen kann ich wohl nicht umhin, diese Briefe weiterzuschreiben – offenbar werden sie doch gelesen.“

Und in der November-Ausgabe 1985 ist Wladimir auf Mitarbeitersuche. Da heißt es: „Der Schriftführer des WRI sucht jemanden, der Zeit und Lust hat, bei der Arbeit des WRI-Brief-Versandes zu helfen (kopieren, falten, kuvertieren etc.). Wenn sich jemand immer schon eine derartige Tätigkeit gewünscht hat, sich aber bisher nie zu fragen getraut hat: Jetzt ist DIE Gelegenheit da! Bitte sich bei mir zu melden.“

Und Wolfram Ratz, Absolvent der „zweiten“ Ausbildungsgruppe kam, sah und kopierte, faltete, kuvertierte, etc.

Im November 1986 wurde Wolfram Ratz über die „Aktion 8000“ und auf vehementes Betreiben der damaligen Obfrau Renate Grossauer-Schnee als geschäftsführender Sekretär des WRI angestellt.

Ein neuer Abschnitt begann.

1987 – 1992

Der Schwung in die „neue Zeit“ wurde jäh gebremst. Aufgrund unterschiedlicher inhaltlicher Auffassungen bezüglich der Durchführung weiterer Ausbildungsgruppen kam es zu Differenzen zwischen dem WRI-Vorstand und dem Ausbildungsleiter Peter Bolen.

Peter Bolen begann daraufhin seine eigene Ausbildung anzubieten. Diese Entscheidung hinterließ jedoch eine große Lücke. Das WRI stand plötzlich – nach der Zurücklegung der Mitgliedschaft von Inge Bolen im Jahr 1983 -jetzt auch ohne „Vater“ da. Unter den „alleingelassenen Kindern“ machte sich einige Ratlosigkeit breit. 1986 endete die vorläufig letzte WRI-Ausbildungsgruppe. Das WRI begann sich nach außen zu öffnen.

Als Gelegenheit dazu bot sich das Jahr 1987, in das der neunzigste Geburtstag bzw. der dreißigste Todestag Wilhelm Reichs fielen, geradezu an.

Die Medien in Österreich widmeten aus diesem Anlaß Wilhelm Reich doch einiges an Aufmerksamkeit. Artikel zu seiner Person und seinem Werk erschienen unter anderem im profil, in der AZ, im Falter und in MOZ. In der ORF-Sendung Radio Diagonal gab es am 21. März 1987 einen ausführlichen Beitrag „Zur Person Wilhelm Reichs“; weiters ein von John Winbigler aufgenommenes Interview mit Wolfram Ratz in einer Sendung von „Blue Danube Radio“.

Am 9. September 1987 fand die deutschsprachige Uraufführung des Filmes über Wilhelm Reich, „Viva Kleiner Mann“ von Digne Meller-Marcovicz in der VHS Stöbergasse statt.

Am Burgtheater und im Akademietheater wurde Reichs 1948 erschienenes Werk „Rede an den kleinen Mann“ auf den Spielplan gesetzt, das in dem Schauspieler Ignaz Kirchner einen ausgezeichneten Interpreten fand und bis zum heurigen Sommer wiederholt aufgeführt wurde.

Eine Reihe von Reich-Symposien wurde ebenfalls in diesem Jahr abgehalten: in Berlin, in Zürich, in Neapel, in Mexico City und schließlich, im November 1987, in Wien.

Mit mehreren Veranstaltungen schloß sich das WRI dem Gedenkjahr an:

Am 4. April 1987 fand ein Symposium mit dem Titel „Wilhelm Reich – vergessen – verdrängt?“ mit Kurzreferaten, Arbeitsgruppen und einer Podiumsdiskussion mit Martin Wolkersdorfer, Alfred Pfabigan, Beatrix Wirth, Susanne Gibs und Frank Boos statt.

Am 20. Juni folgte die Veranstaltung „Wilhelm Reich lebt“ mit Peter Bolen im Budo-Center in Wien, an der mehr als einhundert Leute teilnahmen.

Im November 1987 gab es die vom WRI organisierten „Wilhelm Reich-Tage“ in Wien Oberlaa (die bis dahin letzte Reich-Tagung in Österreich hatte 1984 an der Universität Innsbruck stattgefunden) mit Referenten aus den USA (Will Davis), der

Schweiz (Hanspeter Seiler) und aus Deutschland (Bernd Senf, Heiko Lassek, Rainer Gebauer, Dorothea Opermann-Fuckert u.a.).

1988

Im Sommersemester 1988 begann eine vierteilige Vortragsreihe an den Wiener Volkshochschulen Floridsdorf, Ottakring und Hietzing, an denen neben Alena Skrobal und Nadine Hauer von unserem Institut Susanne Gibs, Beatrix Wirth und Wolfram Ratz themenspezifische Vorträge zu Wilhelm Reich hielten.

Unserer Einladung folgend kam im Oktober 1988 erstmals der Psychotherapeut und Autor der Reich-Biographie „Fury on Earth“, Myron Sharaf, zu einem Vortrag und einem Workshop nach Wien; des weiteren Al Bauman, der Lehrer Michael Smiths.

Im November 1988 wurde zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Faschistische Tendenzen in der Psychotherapie“ in die Wiener Urania eingeladen, an der auch der „Seelenarzt der Nation“, Erwin Ringel, teilnahm.

Aus den monatlich versandten Briefen an die Mitglieder des Wilhelm Reich Institutes entstand im April 1988 die erste Ausgabe unserer Zeitschrift „BUKUMATULA“. Dieser eigentümliche und fast unmerkbare Name wurde von Alfred Preindl vorgeschlagen, wobei er auf Reichs 1932 erschienenes Buch „Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral“ Bezug nahm. Beate Riimmele, in dieser Zeit in Mailand arbeitende Graphikerin, entwarf das neue WRI-Logo (Wellenlinie).

Im gleichen Jahr wurden nach einem Beschluß der Generalversammlung die Statuten geändert. Dies führte dazu, daß das WRI als „Wissenschaftliches Institut“ vom Ministerium für Wissenschaft und Forschung Anerkennung fand; seither können Spenden an das WRI auch steuerlich abgesetzt werden.

1989

Workshops fanden wieder mit Myron Sharaf, Al Bauman und Jürgen Christian statt.

Am 17. Dezember 1989 war von uns der bekannte Psychotherapeut und Reich-Biograph David Boadella zu einem Vortrag zum Thema „Body Therapy and Spirituality“ geladen, der auf großes Interesse stieß.

1990

Im Jänner 1990 hielt Eva Reich, Wilhelm Reichs 1924 in Wien geborene Tochter, einen Vortrag zum Thema „Vom Christusmord und der natürlichen Geburt“. Im Dezember 1990 fanden ein Vortrag und ein zweitägiges Seminar mit James DeMeo, dem ; Leiter des „Orgone Biophysical Research Laboratory“ in Kalifornien, statt. Weitere Workshops folgten mit Chris Bartuska, Jürgen Christian, Al Bauman und Emily Derr.

1991

Am 7. März 1991 wurde Eva Reich im Rahmen einer festlichen Veranstaltung im Rathaus die Silberne Ehrendmedaille der Stadt Wien überreicht; gleichzeitig hat Eva Reich die Ehrenmitgliedschaft des Wiener Wilhelm Reich Institutes angenommen.

Im selben Monat dieses Jahres kam es zu einer Buchprüfung durch das Finanzamt für Körperschaften, die mit einem katastrophalen Ergebnis endete. Wegen des Verabsäumnisses, für ausländische Vortragende und Therapeuten „begrenzte Einkommenssteuer“ abzuführen, wurden wir zu einer Nachzahlung in Höhe von 103.308.-Schilling „verurteilt“.

Durch großzügige Spenden konnte im Mai 1991 eine
„Vorauszahlung“ von 36.000.- Schilling getätigt
werden. Da die steuerrechtliche Situation sehr komplex ist, haben wir eine Steuerberatungskanzlei zu Hilfe gerufen. Derzeit läuft das zweite Berufungsverfahren. Ein endgültiger Bescheid steht noch aus. „Das kann sich über Jahre hinziehen“, meinte dazu tröstend der Geschäftsführer Udo Stalzer.

Aufgrund der ungeklärten steuerlichen Rechtslage haben sich die Aktivitäten, „Reich-Experten“ – vornehmlich bisher aus den USA und Deutschland -nach Wien zu bringen, verringert.

Ein therapeutisches Stelldichein in Wien gaben sich 1991 Al Bauman und Emily Derr.

1992

Am 3. Oktober hielt Heiko Lassek an der VHS Hietzing einen Vortrag zum Thema „Energetische Medizin“.

Auf Anregung des WRI fanden im Laufe des Jahres mehrere Workshops mit Loil Neidhöfer, dem Autor des Buches „Intuitive Körperarbeit“ und Schüler Michael Smiths statt. Das Interesse an dieser Art ursprünglicher Reichscher Körperarbeit erwies sich als so groß, daß eine zweijährige SKAN-Trainingsgruppe mit Loil Neidhöfer zustande gekommen ist.