Bukumatula 5/1991

Interview mit Thaddäus Rothe am 27.9.1991

Peter Bolen:


Peter Bolen ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut in freier Praxis in Brunn am Gebirge. Er ist Gründungsmitglied des Wiener Wilhelm Reich Instituts, des Arbeitskreises für Emotionale Reintegration und hat seit 1981 etwa 150 Therapeuten ausgebildet.

Menschen suchen also Hilfe in dem speziellen Setting der Therapie, aber sie verstehen darunter wohl kaum Sexualität innerhalb der Therapie – die könnten sie ja auch in Partnerschaften haben. Mir erscheint eine Debatte um die Frage sexueller Beziehungen mit Klientinnen gerade in Wien wichtig – und zwar nicht vor einer sensationsbegierigen Öffentlichkeit wie dem WIENER, der jaeir solche Stories Tophonorare bietet, sondern gerade innerhalb des Kreises jener Leute, die in ihrem Leben mit dieser Frage in Berührung kommen. Daher bukumatula. Herr Bolen, wie stehen Sie zu den Grenzen therapeutischer Beziehungen?

Die Grenzen sind klar. Eine psychotherapeutische Beziehung ist eindeutig dadurch definiert, daß der Therapeut die Sitzung nicht zur Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse verwendet, sondern da ist zur Klärung der – und für die Bedürfnisse des Klienten. Ich glaube, die beste Definition des Therapeuten ist Er ist kein Richter, kein Ankläger, er ist der Anwalt Aber er ist eben nicht Mitbeteiligter. In Hinblick auf Sexualität bedeutet das: Abstinenz.. Klarheit muß auch darin herrschen: Wenn Sexualität beginnt, ist keine Therapie mehr möglich. Das geht sogar noch viel weiter. Dahin, daß man weder ehemalige noch Sexualpartner überhaupt therapeutisch in Behandlung nehmen kann.

Wir müssen davon ausgehen, daß der Klient ödipal, präödipal projiziert auf den Therapeuten und ihn nicht wahrnimmt als reale Person. In jeder Psychotherapie geschieht Regression und – ich betone das ganz deutlich – auch in einer Ausbildungssituation. Obwohl hier Leute sind, die schon erwachsen sind. Dennoch ist hier ein Abhängigkeitsverhältnis vorhanden und zweitens kommt es zu diesen sehr starken Projektionen. Und ich würde annehmen – das ist eine Annahme! – daß sich diese Projektionen nie im Leben ganz auflösen gegenüber einem Therapeuten. Also von Seiten eines Lehrers oder Therapeuten würde ich nie empfehlen, auch viele Jahre nach einer Therapie oder Ausbildung, mit einer/m Klientin/en eine sexuelle Beziehung anzufangen. Aber natürlich – wie Sie vorher ganz richtig gesagt haben -, wenn Unklarheiten in der Vergangenheit waren, hängt einem das natürlich dramatisch nach. Das ist ganz klar. Dag man keine sexuelle Beziehung mit Patienten/Klienten zu haben hat, ist eine Position, die immer zu allen Zeiten relevant war in – ich glaube – allen Psychotherapien.

Viele Bewegungen in Europa und in Amerika, die so in der Nach-Reich-Ära sich manifestiert haben, als Körpertherapeuten, körperorientierte Therapeuten, haben zunächst keinen tiefenpsychologischen Ansatz gehabt, waren zum Teil übende, zum Teil stützende Verfahren. Und ich muß sagen, ich komme selbst auch aus dieser Richtung und habe erst in den letzten fünf Jahren diesen psychotherapeutischen Teil integriert in das. Aus der nichtpsychotherapeutischen Richtung gibt es mehr Unklarheit in dieser Richtung, allerdings nicht auf die Klient/Patient-Beziehung sondern auf die Trainee/ Auszubildenden-Beziehung. Die Nichttabuierung sexueller Grenzen läßt sich sehr gut am Beispiel der SannyasBewegung darstellen: Die Menschen haben einander nicht nur trainiert, sie lebten auch in der Kommune zusammen und es gab hier eine wesentlich größere sexuelle Freiheit als außerhalb der Kommune. Es gab kein Verbot der Beziehungen Trainer-Trainee. Und ich bin auch durch eine Periode dieser Unklarheit gegangen, wo diese Grenzen eben nicht klar waren. Ich habe mit Menschen gearbeitet im Sinn von Ausbildung, mit denen ich sexuelle Beziehungen hatte. Also ich hab das nicht als ausgeschlossen, als unmöglich gesehen. Trotz der Tatsache, daß es in der Gruppe besprochen war – und die Gruppe war auch als Regulativ hier – kritisch, ablehnend oder zustimmend – würde ich es heute als eine Unschärfe bezeichnen und mache es ganz sicher nicht mehr. Die Klienten-Therapeuten-Beziehung – zum Unterschied von der Ausbildungskandidaten-Ausbildner-Beziehung – stand glaube ich nie in Frage.

Ich komme jetzt gerade aus einem internationalen Kongreß der Europäischen Körperpsychotherapeutischen Vereinigung, die sich jetzt erstmals konstituiert hat mit Regeln und einen ethischen Verhaltenskodex entwickelt hat, der der umfangreichste Teil der ganzen Satzung ist. Der sehr detailliert beginnt mit Zahlung, Pünktlichkeit, Stundenverschiebung, Dauer der Therapie, Form der Therapie, Sexualität, Macht, Geld. Sehr, sehr präzise. Man könnte sich fragen, warum das so einen Schwerpunkt gehabt hat. Offensichtlich ist es problematisch oder war es problematisch bei vielen Schulen. Zum Beispiel, weil sie den Ken Speyer im Vorgespräch erwähnt haben: Er hat sich auch dazu bekannt und distanziert sich auch heute von dieser Unklarheit in bezug auf Ausbildungsteilnehmer und persönlicher Beziehung, sexueller oder freundschaftlicher Art. Also das hat er früher nicht getrennt, hat sich aber auf diesem Kongreß sehr deutlich distanziert davon. Interessant für mich war: Bis jetzt sind diese ethischen Regeln eine Empfehlung, aber noch keine Pflicht Und daran entzündeten sich am Kongreß die Meinungen.

Der Trend geht dahin, es in zwei Jahren zur Pflicht zu machen. Da hieß es: Noja, Pflicht kann man sagen, aber was sind die Konsequenzen. Ein Drittel war der Meinung: Ja, wenn man es als Pflicht machen muß, heißt das, man hat es nicht internalisiert, ist es dann wertvoll? Zwei Drittel des Kongresses haben gesagt, wenn es nicht zur Pflicht wird, treten sie aus der Vereinigung aus. Ich finde letzteres gut und hilfreich und fand mich nicht zufällig in einer Bewegung, die Klarheit schaffen will. Die Unklarheit kommt sicher aus dem anderen Zugang als zum Beispiel bei den Psychoanalytikern, die sich ja in einer Körperdistanz bewegen, die ja ganz andere Voraussetzungen der menschlichen Kommunikation bedingt. Obwohl die Schwierigkeit, daß es in allen Therapieformen immer wieder vorgekommen ist, daß ein Therapeut oder eine Therapeutin mit einer/ m Klientin geschlafen hat, – Analytiker, Körpertherapeuten -, die hat es immergegeben. Aber gleichzeitig war es immer allen Beteiligten klar, daß das nicht o.k. ist – den Betroffenem der Organisation. Da waren nie Unklarheiten. Die Unklarheiten gab es nur bei einigen körpertherapeutischen Organisationen in bezug auf die Auszubildenden. So zumindest würde ich das heute sehen.

Sehen Sie bei der Sannyas-Bewegung noch eine andere Ursache als das Kommuneleben für das Verwischen der Grenzen von Ausbildung und sexueller Partnerschaft?

Ich glaube, es ist ein Unverständnis oder eine nicht aufgearbeitete narzißtische Störung. Ich sehe heute viel deutlicher meine narzißtischen Löcher, es liegt ja auch einige Eigentherapie zwischen heute und damals.

Bernd Laska hat Bhagwan nachgewiesen, daß er letztlich sexualfeindlich eingestellt ist, da er Sexualität fördert, damit sie ausgelebt mild dann überwunden wird. In dieser Finalität ist Sexualität mir mehr Mitte lzu einem ihr fremden Zweck

Diese Diskussion ist endlos, weil es für dieses „Überwunden° viele Zitate gibt und die Überwindung auch nicht bedeutet, daß es keine Sexualität mehr gibt. Meine Kritik an der Sannyas-Bewegung – und ich bin Bhagwan sehr nahe gestanden in einer bestimmten Periode meines Lebens – ist: Zunächst einmal das Faszinierende: Daß dieser Mann, der aus dem Osten kommt, aus der Meditation kommt, sehr viel Ahnung gehabt hat, daß Psychotherapie notwendig ist. Also daß Meditation allein nicht reicht zur Entwicklung des Menschen. Deswegen holte er aus dem Westen die Körpertherapeuten: Gestaltleute, Körpertherapeuten, Primärtherapeuten … Um eine Verschmelzung westlicher Psychotherapie und östlicher Meditation zu erreichen. Meine Kritik an ihm – und da gehe ich auch wieder mit ihm selbst konform: Er hat gesagt, man soll nie über etwas sprechen, was man nicht erfahren hat Er hat Psychotherapie nie erfahren und meinte nun ein Drei-Wochen-Intensivkurs müßte reichen – er nannte das Dry Clean – und dann sind die Leute durch und dann kann man sich seiner östlichen Entwicklung zuwenden – und da ist ein dramatischer Irrtum in der Zeitlichkeit – also ich würde saget

Minimum, daß Psychotherapie wirksam ist, zwei Jahre. Und das sind internationale Statistiken. Und das geht rauf bis zu sieben, acht, zehn Jahren. Bei mir sind das sieben Jahre und ich bin nicht stehen geblieben. Das braucht man mindestens um Klarheit zu gewinnen, um die alten Muster aufzudecken. Wobei man sich leicht vormachen kann, man sei schon drüber. Das war für mich persönlich auch das Drama, das Drama des Zusammenbruches der Bhagwan-Kommune, daß es nicht genügt hat, daß die Leute es mit viel Liebe, Arbeit und guten Willen angegangen sind. Sondern die faschistischen Muster sind plötzlich aufgetaucht und keiner hat gewußt woher. – Alle glaubten drüber zu sein. – Was sehr, sehr schade ist, weil es ein sehr schöner Platz war, wo sehr viel Dinge geschehen konnten, die sonst nicht geschehen. Auch in bezug auf freie Sexualität Also: ein positiver Aspekt und ein Aspekt der Unklarheit. Das Positive – die Idee der grenzenlosen Freiheit – ist natürlich sehr verführerisch, weil es die Verdrängung der Tatsache unterstützt, daß wir unfrei sind und in der Kindheit irgendwann einmal dramatisch unfrei waren Jeder, der das erlebt hat in der Kindheit, hat einen starken Drang nach sehr viel Freiheit Das ist wichtig, sich therapeutisch anzuschauen und nicht nur auszuleben. Letzteres ist auch ein mühsamer Weg – auch ein Try and Error -, aber es bleiben unter Umständen viel Scherben über.

Wollen sie um die Anerkennung Ihrer Ausbildung durch den Psychotherapiebeirat ansuchen?

Wir sind in Gesprächen mit dem Dachverband und dem Beirat. Das hat den Sinn Körperpsychotherapie erst einmal zu erklären. Wir haben im wesentlichen heute in Osterreich zwei Psychotherapie-schulen: Das ist der „Arbeitskreis für Emotionale Reintegration“, den ich gegründet habe und das ist die AIK, das aus der AIKE heraus gewachsene Ausbildungsinstitut. Beim Wilhelm-Reich-Institut fehlt es meiner Information nach noch an einem Curriculum und an Lehrtherapeuten. Radix bezeichnet sich strikt als Nicht-Psychotherapie. Die DÖK, die bioenergetischen Analytiker sind nicht vertreten.

Weil es nur drei sind?

Weiß ich nicht. Wir – die Mitglieder der europäischen Vereinigung – haben ein nationales Komitee gegründet und alle in Österreich tätige Therapeuten angesprochen, weil Einigkeit körperorientierten Schulen in bezug auf Ausbildung und auf ethische Codices eine der Forderungen des österreichischen Psychotherapiebeirats ist

• Anmerkung: „Der Arbeitskreis für Emotionale Reintegration“ bringt im November eine Zeitschrift mit einer Übersetzung der englisch abgefaßten Statuten der Europäischen Körperpsychotherapievereinigung heraus.

Die Niederschrift dieses Interviews wurde vor Abdruck von Peter Bolen gelesen und autorisiert.