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Bukumatula 4/1996

Vegetatives Nervensystem und Energetische Medizin, Teil 1

Bioenergetische und psychosomatische Ursachen von Gesundheit und Krankheit
Heike S. Buhl:

EINLEITUNG

Der vorliegende Artikel entstand aus einem Vortrag im Januar 1991. Ich überlegte damals, was ich zum Thema Körpertherapie aus meiner täglichen Arbeit als Ärztin mit den Reichschen Methoden besonderes beizutragen hätte. Falldarstellungen, emotionale Entladungstechniken, theoretische Konzepte der Arbeit – es schien alles richtig, aber eben nicht mein Thema. Daher versuchte ich mich zu erinnern, wie ich eigentlich „zu Reich“ gekommen war.

Ich war damals mitten in meinem Medizinstudium und hatte jahrelang alle möglichen Krankheitsbilder und Symptome auswendig gelernt. Auf die Frage, wie Krankheit eigentlich entsteht, wurde in meinem Studium nie eingegangen. Wir beschäftigten uns nur mit dem „Schaden“ und wie man ihn am besten repariert – ein bißchen wie bei einem kaputten Auto, das nicht mehr funktioniert, weil die einzelnen Teile eben nicht so gut gebaut sind. Bei vielen Krankheiten fand sich als Erklärung der Satz „Ätiologie ungeklärt“ oder „Autoimmunkrankheit“. Die großen Fragen – was eigentlich verbirgt sich hinter dem Ausdruck „Autoimmunkrankheit“, wie entsteht Krebs, wie kommt es zu Herz-Kreislauf-Krankheiten, – blieben ohne Antwort. Und die Alternativmedizin schien auf den ersten Blick auch nicht so überzeugend – statt Pillen die Nadel, die Hochpotenz oder das Heilkraut, alles nur zu oft im Rahmen einer Allgemeinarztpraxis ohne ausreichende Kenntnis des zugrundeliegenden Denksystems angewandt oder auch nur wieder Symptomkuriererei mit weniger gefährlichen Mitteln an Stelle von Ursachenforschung. Die Psychosomatiker ließen sich als Randwissenschaft ausgrenzen und führten ihrerseits nun wieder alles auf die Psyche zurück, ohne ein einheitliches Konzept für Psyche UND Soma anzubieten.

Dies fand ich erst, als ich mich mit den Schriften von Wilhelm Reich beschäftigte. Er sprach von ungehinderter Pulsation, der Bedeutung der Sexualität, funktioneller Identität von Körper und Psyche. Ich blieb „bei Reich hängen“, einem Konzept, das den Menschen auch in seinem sozialen Umfeld sah und ein radikal psycho-somatisches Modell anbot, in dem nicht Körper auf Psyche reduziert war oder umgekehrt.
Ich möchte hier daher nicht soviel über Körpertherapie an sich schreiben, sondern über Reichs Konzept von Gesundheit und Krankheit. Unter Gesundheit verstehe ich dabei nicht nur Freiheit von körperlichen Symptomen, sondern ebenso psychisches Wohlbefinden. Ich möchte ausführen, auf welche auch in der Schulmedizin bekannten Konzepte sich das Reichsche Modell stützt und dabei insbesondere die Funktion des vegetativen Nervensystems erläutern. Ich werde dann Reichs Begriff von Gesundheit als ungehinderter Pulsation und den Begriff der „Biopathie“ erläutern. Anhand einzelner Krankheitsbilder werde ich dann Störungen des vegetativen Nervensystems näher beschreiben und schließlich aus-führen, mit Hilfe welcher Techniken wir in der Körpertherapie auf das vegetative Nervensystem, die morphologische Grundlage der Pulsations-vorgänge, Einfluß nehmen können und damit ein gesundes Funktionieren des Gesamtorganismus Mensch anregen und unterstützen können.

Begriff des vegetativen Nervensystems

Wilhelm Reich beschäftigte sich anläßlich seiner Arbeiten zur Sexual-ökonomie in den Jahren 1934 bis 1938 mit der Erforschung der biologischen Grundlage von Sexualität und Angst. Dabei erkannte er die zentrale Bedeutung des vegetativen Nervensystems als Schnittstelle körperlicher und emotionaler Vorgänge: auf der einen Seite steht es in engem Zusammenhang mit den körperlichen Organfunktionen, auf der anderen Seite ist es über die Blut- und Plasmaströme Vermittler für das Empfinden von Emotionen, und es ist auch über die Verschaltungen des Zentralen Nervensystems mit den für Gefühlsempfinden verantwortlichen Hirnzentren verbunden.- Die Körpertherapie ist nach Reich Arbeit am körperlichen und seelischen Apparat zugleich. Die seelischen Energien werden aus der charakterlichen und muskulären Panzerung befreit.

Aufgrund der großen Bedeutung des vegetativen Nervensystems möchte ich an dieser Stelle etwas näher darauf eingehen, was das denn eigentlich ist, wie es funktioniert und was es mit Gesundheit und Krankheit zu tun hat.

Das vegetative Nervensystem ist ein Teil des Zentralen Nervensystems (ZNS) des Menschen. Dieses gliedert sich im wesentlichen in drei Teile, deren Funktionen eng miteinander verknüpft sind. Ein Teil regelt die Das Orgone Energy Institute wurde 1960 als Museum erstmals öffentlich zugänglich gemacht. Das Gebäude wurde von dem New Yorker Architekten James B. Bell entworfen und von S.A. Collins erbaut. Die Holzkonstruktion auf dem obersten Stock des Gebäudes war – und blieb – eine Interimslösung. Der Betonboden sollte später als Fundament für eine rotierende Kuppel eines 24cm Refraktor-Teleskops dienen. Die Geschehnisse ließen den Erwerb des Teleskops nicht mehr zu, wodurch diese provisorische Konstruktion erhalten blieb.

Am Boden vor der Eingangstüre findet sich die Inschrift „Orgone Institute“; über dem Eingang ist in Bronze eine Abbildung des Symbols des orgonomischen Funktionalismus. Betritt man das Gebäude und wendet sich im Vorraum nach rechts, findet man sich in einem großen Raum, der als Labor vorgesehen war und auch für Konferenzen diente. Er wurde später in einen Wohnraum – mit zweckmäßigen Möbeln und mit einer Wurlitzer-Orgel – umgewandelt. Durch die Fenster, die dem Dodge Pond zugewandt sind, ist Reichs erster erfolgreich eingesetzter Cloudbuster zu sehen. In einem weiteren Raum im Erdgeschoß kann man Instrumente und Apparate sehen, die von Reich in seiner Forschungsarbeit benützt bzw. entwickelt wurden.

Im ersten Stock befinden sich Reichs Arbeitszimmer, die Bibliothek, das Behandlungszimmer und die Sonnenterrasse. In seinen letzten Lebensjahren errichtete er ein kleines Labor im Vorraum seines Arbeitszimmers. Es ist so erhalten, wie er es verlassen hat.

Weitere wissenschaftliche Ausrüstungsgegenstände sind im obersten Stock des Gebäudes ausgestellt. Auch Reichs Staffelei; Reich begann das Malen 1951 als Hobby. Seine Bilder hängen überall im Museum. Sie drücken seine Freude an dieser Ausdrucksform aus und sein Interesse an Farben.

Außen, auf dem Dach, ist ein großer metallener Himmelskörper angebracht, der die verschiedenen astrophysikalischen Koordinaten anzeigt; der Wetterhahn am Schornstein stammt aus Zeiten, in denen in Orgonon noch Scheunen standen.
Reich selbst ist in Orgonon bestattet. Seine Grabstelle wurde 1961 von Ronald Sargent erbaut und befindet sich in der Nähe des Hauptgebäudes. Sie steht auf einer Felsenbank, von wo man einen schönen Blick auf Hunter Cove und auf die wunderschöne Landschaft „Während der Bauzeit war jener Tag im Monat, an dem die Rechnung kam, für alle, die 1948 und 1949 im Büro und Laboratorium arbeiteten, eine absolute Seelenqual. Wir versuchten an diesem Tag alle, Reich soweit wie möglich aus dem Wege zu gehen. Er schwenkte die Rechnung in der Hand – besonders in meiner Richtung, da ich die Buchführung besorgte – und schrie etwas über die Extraberechnungen, die kontrolliert werden müßten. Ich verbrachte endlose Stunden damit, jedes einzelne Detail der Rechnung und besonders der Extra-berechnungen zu kontrollieren. Ich habe das Gefühl, daß die paar Fehler, die ich gelegentlich fand, eine Zeitverschwendung und meiner Bemühungen nicht wert waren, aber bestimmt nicht der unnötigen Aufregungen, die sie Reichs anstrengender Tätigkeit hinzufügten. Aber er war überzeugt, daß dies die einzige Methode war, den Bauunternehmer zu zwingen, sich im Rahmen des Kostenvoranschlags zu halten.“

Die Widmung Orgonons in ein Museum wurde von Wilhelm Reich testamentarisch festgehalten:

„During the years following 1949 my life was running its course within and around the walls of the Orgone Energy Observatory. I supervised the building myself for two summers; I paid out upwards of $35.000 from my privately earned possessions for the construction. I have collected here all the pertinent materials such as instruments which served the discovery of the life energy, the documents which were witnesses to the labors of some 30 years and the library of a few thousand volumes, collected painstakingly over the same strech of time and amply used in my researches and writings, the paintings, some 25 of them, small items which I loved and cherished during my lifetime… All of these things … should remain where they are now in order to preserve some of the atmosphere in which the discovery of the life energy has taken place over the decades.“

Tätigkeit der willkürlichen Motorik, der Reaktion des Muskelsystems auf verschiedene Umwelteinflüsse; dieser Teil wird motorisches Nervensystem genannt. Ein anderer Teil verarbeitet die Informationen aus den Sinnes-organen, wie z.B. Auge, Nase, Tastsinn, zu bewußten Empfindungen. Dies ist das sogenannte sensorische Nervensystem.

Ein dritter Anteil des Nervensystems, mit dem wir uns hier eingehender beschäftigen werden, dient schließlich dazu, speziell die Funktionen innerer Organe aufeinander abzustimmen. Dieser Teil des ZNS wird als vegetatives Nervensystem bezeichnet. Es hat seinen Ursprung im Hirnstamm und Rückenmark und umfaßt die Nerven, die die glatte Muskulatur der inneren Organe, das Herz und die Drüsen versorgen. Die Regelkreise dieses vegetativen Nervensystems sind eng mit denen der beiden anderen Anteile vernetzt; es gibt daher zahlreiche Wechsel-wirkungen zwischen den einzelnen Systemen.

Innerhalb des vegetativen Nervensystems lassen sich zwei Teilstrukturen voneinander abgrenzen, die man als Sympathikus und Parasympathikus bezeichnet. Diese beiden Strukturen ziehen von Rückenmark und Hirnstamm zu den inneren Organen und regulieren deren Tätigkeit, d.h., sie regen sie an oder hemmen sie. In Rückenmark und Hirnstamm haben Sympathikus und Parasympathikus unterschiedliche Ursprungsorte, und sie unterscheiden sich auch in ihrer Reaktion auf biochemische Überträger-substanzen.
Das vegetative Nervensystem ist der willkürlichen Kontrolle weitgehend entzogen, daher wurde es auch als autonomes Nervensystem bezeichnet. So können wir die Tätigkeit der inneren Organe nicht willentlich steuern, also nicht zum Beispiel willkürlich das Herz schneller oder langsamer schlagen lassen.

Fortsetzung in BUKUMATULA 5/96

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