Bukumatula 4/1996

Das Wilhelm Reich Museum in Orgonon

Wolfram Ratz:

Im Sommer 1942 war es Jo Jenks gewesen – eine Bildhauerin, die damals bei Reich in Therapie war und deren Arbeiten er sehr bewunderte -, die in Maine eine leer stehende Farm entdeckte, die Reich noch im selben Jahr kaufte, „Orgonon“ nannte und zu seinem wissenschaftlichen Zentrum wurde. Die Farm lag ein paar Meilen westlich vom Dorf Rangeley und wenige Meilen östlich des Mooselookmeguntic Sees. Der Besitz bestand zum Teil aus Wäldern, zum Teil aus Wiesen. Es gab einen Brunnen und eine Quelle; das Land hatte etwa eine halbe Meile Ufer am Dodge Pond. Das Anwesen war 113 Hektar groß und kostete etwa 2000 Dollar.

Reichs aufwendigstes Gebäude entstand in den Jahren 1948/49: das Observatorium. Es wurde auf einem Hügel erbaut, von wo aus man einen wunderbaren Rundblick auf Berge und Seen hatte. Das Observatorium zeigte Reichs wachsendes Interesse an astro-physikalischen Phänomenen. Da er vorhatte, ein schweres Teleskop daraufzusetzen, wurde das Fundament auf festen Fels gelegt. Das ganze Gebäude wurde mit Feldsteinen erbaut, mit ungefähr einen halben Meter dicken Mauern. Reich war in den eigentlichen Bauprozeß fest eingebunden. Er beobachtete täglich den Fortgang und bewunderte die Geschicklichkeit der Arbeiter, besonders der Maurer, die die Naturfelsen verarbeiteten – ihr weitgehend intuitives Wissen, welcher Stein wohin passen würde. Reichs aktive Teilnahme an der Gestaltung des Gebäudes wird deutlich sichtbar in der Auswahl der Materialien, den hohen Räumen, den großen Fenstern und vielen weiteren Details. Da er zum Beispiel plante, hier auch seinen Lebensabend zu verbringen, ließ er die Stufen zum Eingang sehr niedrig bauen, damit „ein Mann mit achtzig Jahren das leicht schaffen kann“.

Reich finanzierte den Bau aus Eigenmitteln. Das Eintreffen von Rechnungen des Baumeisters versetzte ihn regelmäßig in mehr als moderate Erregung. Seine Frau Ilse Ollendorff-Reich erinnert sich:

„Während der Bauzeit war jener Tag im Monat, an dem die Rechnung kam, für alle, die 1948 und 1949 im Büro und Laboratorium arbeiteten, eine absolute Seelenqual. Wir versuchten an diesem Tag alle, Reich soweit wie möglich aus dem Wege zu gehen. Er schwenkte die Rechnung in der Hand – besonders in meiner Richtung, da ich die Buchführung besorgte – und schrie etwas über die Extraberechnungen, die kontrolliert werden müßten. Ich verbrachte endlose Stunden damit, jedes einzelne Detail der Rechnung und besonders der Extraberechnungen zu kontrollieren. Ich habe das Gefühl, daß die paar Fehler, die ich gelegentlich fand, eine Zeitverschwendung und meiner Bemühungen nicht wert waren, aber bestimmt nicht der unnötigen Aufregungen, die sie Reichs anstrengender Tätigkeit hinzufügten. Aber er war überzeugt, daß dies die einzige Methode war, den Bauunternehmer zu zwingen, sich im Rahmen des Kostenvoranschlags zu halten.“

Die Widmung Orgonons in ein Museum wurde von Wilhelm Reich testamentarisch festgehalten:

„During the years following 1949 my life was running its course within and around the walls of the Orgone Energy Observatory. I supervised the building myself for two summers; I paid out upwards of $35.000 from my privately earned possessions for the construction. I have collected here all the pertinent materials such as instruments which served the discovery of the life energy, the documents which were witnesses to the labors of some 30 years and the library of a few thousand volumes, collected painstakingly over the same strech of time and amply used in my researches and writings, the paintings, some 25 of them, small items which I loved and cherished during my lifetime… All of these things … should remain where they are now in order to preserve some of the atmosphere in which the discovery of the life energy has taken place over the decades.“

Das Orgone Energy Institute wurde 1960 als Museum erstmals öffentlich zugänglich gemacht. Das Gebäude wurde von dem New Yorker Architekten James B. Bell entworfen und von S.A. Collins erbaut. Die Holzkonstruktion auf dem obersten Stock des Gebäudes war – und blieb – eine Interimslösung. Der Betonboden sollte später als Fundament für eine rotierende Kuppel eines 24cm Refraktor-Teleskops dienen. Die Geschehnisse ließen den Erwerb des Teleskops nicht mehr zu, wodurch diese provisorische Konstruktion erhalten blieb.

Am Boden vor der Eingangstüre findet sich die Inschrift „Orgone Institute“; über dem Eingang ist in Bronze eine Abbildung des Symbols des orgonomischen Funktionalismus. Betritt man das Gebäude und wendet sich im Vorraum nach rechts, findet man sich in einem großen Raum, der als Labor vorgesehen war und auch für Konferenzen diente. Er wurde später in einen Wohnraum – mit zweckmäßigen Möbeln und mit einer Wurlitzer-Orgel – umgewandelt. Durch die Fenster, die dem Dodge Pond zugewandt sind, ist Reichs erster erfolgreich eingesetzter Cloudbuster zu sehen. In einem weiteren Raum im Erdgeschoß kann man Instrumente und Apparate sehen, die von Reich in seiner Forschungsarbeit benützt bzw. entwickelt wurden.

Im ersten Stock befinden sich Reichs Arbeitszimmer, die Bibliothek, das Behandlungszimmer und die Sonnenterrasse. In seinen letzten Lebensjahren errichtete er ein kleines Labor im Vorraum seines Arbeitszimmers. Es ist so erhalten, wie er es verlassen hat.

Weitere wissenschaftliche Ausrüstungsgegenstände sind im obersten Stock des Gebäudes ausgestellt. Auch Reichs Staffelei; Reich begann das Malen 1951 als Hobby. Seine Bilder hängen überall im Museum. Sie drücken seine Freude an dieser Ausdrucksform aus und sein Interesse an Farben.

Außen, auf dem Dach, ist ein großer metallener Himmelskörper angebracht, der die verschiedenen astrophysikalischen Koordinaten anzeigt; der Wetterhahn am Schornstein stammt aus Zeiten, in denen in Orgonon noch Scheunen standen.

Reich selbst ist in Orgonon bestattet. Seine Grabstelle wurde 1961 von Ronald Sargent erbaut und befindet sich in der Nähe des Hauptgebäudes. Sie steht auf einer Felsenbank, von wo man einen schönen Blick auf Hunter Cove und auf die wunderschöne Landschaft ringsum hat. Reichs Büste auf dem Grabstein stammt von Jo Jenks aus dem Jahr 1949.

Für eine Eintrittsgebühr von 3 Dollar kann das Museum in den Monaten Juli und August von Dienstag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr und im September an Sonntagen von 13 bis 17 Uhr besucht werden. Im angeschlossenen „Bookstore“ gibt es einiges zu erwerben: über fünfzig Buchtitel von bzw. über Reich und seine Arbeit, Zeitschriften, Tonband- und Videokassetten, Fotos, Postkarten und T-Shirts, etc.

Der Bookstore-Catalogue kann unter folgender Adresse angefordert werden:

The Wilhelm Reich Museum
Orgonon
P.O. Box 687
Rangeley, Maine 04970
USA
Tel.: 001/207/864/3443
Fax: 001/207/864/2007
(aus Österreich)

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Quellen:
Ilse Ollendorff Reich, Wilhelm Reich; Kindler TB2234, 1975
Myron Sharaf, Wilhelm Reich; Simon u. Leutner, 1994
The Reich Museum Catalogue