Bukumatula 4/1992

Zur Krebstheorie Wilhelm Reichs

Wilhelm Reich in Skandinavien (1933-1939
Heiko Lassek:

Die Weiterentwicklung der psychoanalytischen Technik zu einer auch körperliche Prozesse einbeziehenden und beeinflussenden Therapieform, der Vegetotherapie, führt Reich immer tiefer in das Studium der Physiologie und Biophysik des menschlichen Organismus.

Seinen Forschungsschwerpunkt bildet nun die Biochemie von Lust und Angst, die Elektrophysiologie der Körperflüssigkeiten und Organe sowie Plasmaströmungen in einzelligen Lebewesen, die keine dem menschlichen Organismus vergleichbaren morphologischen Entsprechungen zum Nervensystem aufweisen.

An den Universitäten von Kopenhagen und Oslo bekommt Reich die Möglichkeit, in umfassenden Laboruntersuchungen seine Hypothesen zu psychophysiologischen Prozessen unter dem Schwerpunkt der Erforschung der Rolle des vegetativen Nervensystems experimentell zu überprüfen.

Die mit zahlreichen Mitarbeitern erarbeiteten Ergebnisse publiziert Reich 1938 unter dem Titel „Experimentelle Ergebnisse über die bioelektrische Funktion von Sexualität und Angst“.

ENTDECKUNG EINER UNBEKANNTEN ENERGIEFORM

Im Zusammenhang mit der mikroskopischen Untersuchung von Zellen entdeckt Reich einen Zerfallsprozeß an der Grenze des mit Lichtmikroskopen darstellbaren Bereichs. Mehrere Jahre bilden die Untersuchungen von Plasmaströmungen und Zellverfallsprozessen im Grenzbereich zwischen organischer und anorganischer Materie nun seinen Forschungsschwerpunkt. In Zusammenarbeit mit der Universität Oslo und unter großzügiger finanzieller Unterstützung durch Kollegen und Wissenschaftler gelingt es Reich ein Laboratorium aufbauen, das die Erforschung dieser Prozesse mit den zur damaligen Zeit aufwendigsten Laborapparaturen ermöglicht und filmisch dokumentieren kann. Die Entdeckung von bläschenartigen Gebilden, die im Prozeß des Strukturverfalls lebender und zum Teil auch anorganischer Materie auftauchen, eine nicht mit herkömmlichen Mitteln zu erklärende Zellstrahlung aufweisen und die zur Organisation amöboid bewegter unbekannter Zellformen tendieren, bildet den Übergang zum naturwissenschaftlichen Hauptwerk Wilhelm Reichs, dessen Ausformulierung seine weitere Forschung bis zu seinem Tode im Jahre 1957 ausmachen wird. Diesen an den Grenzen der Auflösung auch heutiger Lichtmikroskope darstellbaren Gebilden gibt er den Namen „Bione“ und interpretiert sie als Übergangsformen zwischen toter und lebendiger Substanz. Reichs Beobachtungen zufolge strukturieren sich Bione spontan – unter Verschmelzung ihrer Membranen – zu größeren Einheiten, organisieren sich schließlich zu einzelligen Lebensformen und emittieren ein spezifisch biologisch wirksame Energie.

In Kontrollversuchen an verschiedenen europäischen Forschungsinstituten werden diese Beobachtungen bestätigt. Für die offizielle Veröffentlichung durch die französische Akademieder Wissenschaften wird jedoch ein Verzicht auf Reichs dialektisch-materialistischen Erklärungsansatz verlangt. Reich lehnt diese Auflage ab und publiziert die Originalarbeit mit sämtlichen Versuchsprotokollen und Mikrophotografien unter dem Titel „Die Bione – Zur Entstehung des vegetativen Lebens“ im Jahre 1938.

1939 muß Reich vor dem Faschismus auch aus Norwegen emigrieren; er nimmt das Angebot einer Professur für Medizinische Psychologie in New York an und überführt sein gesamtes Forschungslaboratorium in die Vereinigten Staaten.

Neben seiner Lehrtätigkeit setzt er die therapeutische Ausbildung von Ärzten in Vegetotherapie und seine biophysikalischen Untersuchungen fort und sichert in der Folgezeit durch zahlreiche Experimente den Nachweis einer Energieform, die er „Orgon“ nennt, wissenschaftlich ab.

Biologische, thermische, elektrostatische Experimente sowie physikalische Untersuchungen an vakuumisierten Röhren erbringen den Nachweis, daß diese Energieform auch in der Atmosphäre vorhanden ist, von lebenden Organismen in wechselnden Konzentrationen akkumuliert und entladen wird und in Wechselwirkung mit der Sonnenenergie und meteorologischen Prozessen steht.

Reich und seine Mitarbeiter entwickeln eine Apparatur, die die atmosphärische Orgonenergie akkumuliert; ab 1940 beginnen sie die Wirkung derart konzentrieter Orgonenergie auf biologische Systeme zu studieren.

BEHANDLUNG AN KREBS ERKRANKTER MENSCHEN

Bei der Untersuchung von Blut- und Körpersekreten von Labortieren, Mitarbeitern und freiwilligen Versuchspersonen zeigen sich morphologische und energetische Veränderungen an roten Blutkörperchen und entzündlich oder krebsartig veränderten Gewebeproben unter dem Einfluß konzentrierter Bestrahlung mit der „Orgonakkumulator“ benannten Apparatur.

Reich beginnt 1940 mit systematischen Bestrahlungsversuchen an Krebsmäusen; die an hunderten von Versuchstieren durchgeführten Orgonakkumulatorbestrahlungen führen in zahlreichen Fällen zur Zurückdrängung der Metastasierung, in einigen Fällen zum Verschwinden der Tumoren.

Gegenüber unbehandelten Kontrollgruppen von Krebsmäusen wird die Überlebenszeit der bestrahlten Tiere deutlich verlängert. 1942 beginnt Reich unentgeltlich mit Krebspatienten zu arbeiten, die von den medizinischen Institutionen als nicht weiter kurativ oder palliativ behandelbar erklärt wurden.

Bei der Untersuchung der charakterologischen Struktur, der Erforschung ihrer vegetativen Reaktionen auf Interventionen mit seiner in den dreißiger Jahren entwickelten therapeutischen Technik und der kontinuierlichen mikroskopischen Untersuchung von Nativblutpräparaten und Gewebeproben dieser Patienten fließen zwei Jahrzehnte seiner klinischen Erkenntnisse und seiner naturwissenschaftlichen Forschungen in ein umfassendes Verständnis von Gesundheit und Krankheit im menschlichen Organismus zusammen.

Unter dem Begriff der „Biopathie“ faßt Reich alle Krankheiten zusammen, die sich im Zusammenhang mit einer Störung vegetativer Prozesse im Organismus entwickeln.

Ausgehend von seinen experimentellen Untersuchungen in den dreißiger und vierziger Jahren, einer Zeit, in der die Erforschung der Grundfunktionen des autonomen Nervensystems auf einem nie wieder erreichten Höchststand der Kenntnis von funktionalen Zusammenhängen (und nicht auf morphologisch orientierter Klassifikation, wie seit der Erfindung der Elektronenmikroskopie) angelangt war, definiert Reich Gesundheit als Fähigkeit eines Lebewesens, in rhythmischer Oszillation zwischen Zuständen des Gerichtetseins auf die umgebende äußere Welt und der Orientierung auf innere Zustände des Organismus hin- und herzuschwingen. Das Erlangen bzw. Bewahren dieser z.B. beim Kinde von jedem menschlichen Beobachter unmittelbar wahrzunehmenden Funktion des Einwirkens und Erforschens der umgebenden Welt und der Integration des Neuerfahrenen, Neuerforschten betrachtet Reich auf allen Ebenen, auf denen sich diese Grundfunktion aller lebendigen, komplexorganisierten Substanz zu erhalten und neu zu strukturieren vermag, als Kennzeichen der seelischen und körperlichen Gesundheit.

„Die Gesundheit eines Menschen ist eben nicht ein Kapital, das man aufzehren kann, sondern sie ist überhaupt nur dort vorhanden, wo sie in jedem Augenblick erzeugt wird. Wird sie nicht erzeugt, dann ist der Mensch bereits krank.“ (Viktor von Weizsäcker, Soziale Erkrankung, soziale Gesundung; Göttingen 1955).- Reich definiert gleichermaßen „Gesundheit“ nicht als Abwesenheit von Einschränkungen, Symptomen, Krankheiten des menschlichen oder tierischen Organismus, sondern im Gegensatz dazu als eine Funktion des Wechselspiels, der Wechselwirkung von Subjekt und innerer und äußerer Welt, als ständig sich verändernde Auseinandersetzung des Organismus mit sich selbst und der ihn umgebenden Welt. Wie wenige Psychosomatiker seiner Generation ist Reich an der Erforschung der Auf- und Abwärtseffekte in der Entstehung von Krankheit interessiert und betrachtet den Organismus immer als eingebunden in gesellschaftliche kulturelle und politische Gegebenheiten, Gesundheit und Krankheit als Ausdrucksformen und Widerspiegelung dieser Einflüsse im Individuum.

„Erzeugen von Wirklichkeit und Erzeugen von Gesundheit gehen Hand in Hand. Gesundsein vollzieht sich als ständiger Auf- und Umbau de konkreten Beziehungen zwischen Lebewesen ur. Umgebung, welche die Befriedigung der vitale Bedürfnisse ermöglichen. Daher stellt die Summ der geglückten Beziehungen zwischen einem Lebe wesen und seiner Umgebung (das heißt die

Beziehungen, die Bedürfnisbefriedigung zur „Selbstverwirklichung“ ermöglichen) eine befriedigende individuelle Wirklichkeit für de Menschen dar. Auf den kleinsten Nenner gebrach ist also allgemeines Gesundsein das Meistern de Auf- und Umbaus der individuellen Wirklichkeit allgemeines Kranksein gestörte Wirklichkeitsbildung.“ (Thure v. Uexküll, Theorie der Humanmedizin; München 1988).

Reich bezeichnet diese Oszillation als „Urgegensatz vegetativen Lebens“, mithin als die elementarste Funktion der lebendigen Substanz auf diesem Planeten. Das Studium der polaren Zustände lebendiger Systeme unter dem Gesichtspunkt der Beeinflußbarkeit der Richtung und Amplitude ihrer Oszillation stellt sich als der Forschungsschwerpunkt Reichs in den Jahren 1934 bis 1957 dar. Die naturwissenschaftliche Beschreibung des dieser Oszillation zugrundeliegenden Prozesses, der diese Pulsation des Lebendigen hervorbringenden Energie, führt Reich zu einer grundlegend neuen Sicht psychosomatischer, besser: vegetativ-energetischer Prozesse im menschlichen Organismus.- Bis zu seinem Lebensende vertraute Reich zutiefst den Prinzipien der Selbstregulation und Selbstorganisation; ihre Erforschung und Beschreibung ist sein Beitrag zu einer Theorie des Lebendigen. Reichs Hauptwerk aber bildet die Herausarbeitung derjenigen Einwirkungen, die diese Funktionen einschränken, blockieren, ja zerstören können und dies fortwährend tun. Notwendigerweise damit verbunden war für ihn die Frage nach einer Umorientierung und Veränderung pädagogischer, medizinischer und sozialer Organisationen. All diese angeführten Einwirkungen beeinflussen die Pulsation des Organismus und vermögen seine Lebendigkeit einzuschränken. Reich definiert aus diesem Grunde eine Grunderkrankung des Lebendigen, die, einmal vorhanden, sich in verschiedensten – aus dieser Sicht – symptomatischen Erkrankungen wie Asthma, Herz-, Kreislauferkrankungen, Epilepsie bis hin zu Krebserkrankungen und schizophrener Psychose zu äußern vermag.

Die Pulsationsstörung beginnt nach Reich immer mit einem überwiegen der Kontraktion, mit einer akut auftretenden Sympathikotonie des vegetativen Nervensystems, einer Erstarrung des energetischen Systems des Organismus. Dieser Zustand geht physiologisch einher mit gesteigerter sympathischer Aktivität, erhöhtem Blutdruck erhöhter Herzfrequenz und gesteigertem Stoffwechsel.

Wir diese Sympathikotonie chronisch, so kommt es zu einer verminderten Reagibilität des autonomen Lebensnervernsystems, die im Gefäßsystem, in der Versorgung lebenswichtiger Organe, im endokrinologischen sowie im immunologischen System hinein zunächst funktionelle, später morphologische Veränderungen zeitigen kann. Das Endstadium einer solchen langanhaltenden chronischen Kontraktion stellt in der Terminologie Reichs die „Schrumpfungsbiopathie“, d.h. das fast vollständige Erlöschen der Pulsation durch Erschöpfung des sympathischen Systems dar, sie führt in kurzer Zeit zum Tode und spiegelt sich im psychischen System als Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit.

Um die unter dem Begriff der „Biopathie“ subsummierbaren Prozesse und Erkrankungen schärfer einzugrenzen sind die u.a. von dem amerikanischen Internisten Robert Dew entwickelten Kriterien als sinnvoll zu betrachten, die hier modifiziert und ergänzt genannt werden sollen:

Biopathien sind Erkrankungen unbekannter Ätiologie, d.h. nach heutiger medizinischer Kenntnis gibt es keine oder mehrere konkurrierende, einander zum Teil widersprechende Erklärungsprinzipien hinsichtlich der Ursache der Erkrankung, wie z.B. bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises und der Mehrzahl der Autoimmunkrankheiten. Bei Biopathien entstehen oft funktionelle Symptome/Syndrome zeitlich vor Ausbruch der medizinisch diagnostizierbaren Erkrankung. Biopathien zeigen auch aus traditioneller Sichtweise eine psychosomatische Komponente, die Auftreten, Dauer und Intensität der schließlich zu einzelligen Lebensformen und emittieren eine spezifisch biologisch wirksame Energie.

subjektiven und/oder objektiven Symptome beeinflußt.

Biopathien zeigen oft ausgedehnte Zeitspannen von Ausbrüchen und Verschwinden körperlicher Symptome, für die keine offensichtliche oder klinische Erklärung ausreichend ist. Strukturelle Veränderungen zeigen sich in dazu nicht eindeutig korrelierbarer Intensität Biopathien zeigen ihre Symptomatik im gesamten Organismus wie z.B. Arteriosklerose und Hypertonie. Es ist keine umschriebene anatomische Grundlage als krankheitsverursachend isolierbar, zunehmende morphologische Veränderungen begleiten den Prozeß.

Robert Dew listet den Schweregrad der biopathischen Erkrankung bezogen auf die folgenden verbreiteten Krankheitsbilder in der nachstehend angeführten Reihenfolge auf:

In seinem 1948 erschienen Hauptwerk „The Cancer Biopathy“ („Die Entdeckung des Orgons, Band II: Der Krebs“) definiert Reich den Begriff der Biopathie unter besonderer Berücksichtigung der Krebserkrankungen in folgenden Worten:

„Die Krebsgeschwulst ist nur ein Symptom der Krebserkrankung. Daher trifft die lokale Behandlung der Krebsgeschwulst, sei es durch Operation, sei es durch Radium- oder Röntgenbestrahlung, nicht die Krebserkrankung als solche, sondern nur eines ihrer sichtbaren Symptome.

Auch der Krebstod ist nicht dem Vorhandensein eines oder mehrerer Geschwülste zuzuschreiben. Der Krebstod ist vielmehr der letzte Ausdruck der biologischen Allgemeinerkrankung „Krebs“, die auf Zerfall des Gesamtorganismus beruht. über die Natur dieser biologischen Allgemeinerkrankung gibt die medizinische Literatur keine Auskunft. Die sogenannte „Krebsdisposition“ deutet nur an, daß sich im Hintergrund der Krebsgeschwulst bisher unerforschte Prozesse tödlichen Charakters abspielen. Die typische Krebs-Kachexie dürfen wir nur als letzte, sichtbare Phase des unbekannten Allgemeinprozesses „Krebs“ betrachten.

Das Wort Krebs – „Disposition“ ist irreführend und nichtssagend. Wir wollen es daher durch den Ausdruck „Karzinom-Biopathie“ ersetzen. Es ist Aufgabe dieser Abhandlungsreihe, den Prozeß nachzuweisen, der die Karzinom-Biopathie begründet. Unter Biopathien wollen wir alle Krankheitsprozesse zusammenfassen, die sich am autonomen Lebensapparat (d.h. am vegetativen Nervensystem und von diesem beeinflußten Geweben und Organen, Anm. des Verf.) abspielen. Es gibt eine typische Grunderkrankung des autonomen Lebensapparates, die – einmal in Gang gesetzt – sich in verschiedenen symptomatischen Krankheitsbildern zu äußern vermag. Die Biopathie kann in einem Karzinom resultieren („KrebsBiopathie“, aber ebenso in einer Angina pectoris, einem Asthma, einer kardiovaskulären Hypertonie, einer Epilepsie, Katatonie, paranoiden Schizophrenie, Angstneurose, multipler Sklerose, Chorea, chronischem Alkoholismus, etc.

Wir wissen noch gar nichts darüber, welche Umstände die Entwicklung einer Biopathie in der einen oder anderen Richtung bestimmen. Wichtig ist uns zunächst das Gemeinsame aller dieser Erkrankungen: Es ist eine Störung der natürlichen Pulsationsfunktion des lebenden Gesamtorganismus. Eine Fraktur, ein lokaler Abszeß, eine Pneumonie, gelbes Fieber, rheumatische Perikarditis, akute Alkoholvergiftung, infektiöse Peritonitis, etc. sind demnach keine Biopathien.

Sie beruhen nicht auf Störungen der Pulsation des autonomen Lebensapparates, sind bergrenzt und können eine Störung der biologischen Pulsation sekundär herbeiführen. Nur dort, wo der Krankheitsprozeß mit einer Pulsationsstörung beginnt, wollen wir von einer „Biopathie“ sprechen, gleichgültig, in welches sekundäre Krankheitsbild sie ausläuft. Wir können demnach eine „schizophrene Biopathie“ von der „kardiovaskulären Biopathie“, diese wiederum von der „epileptischen“ oder „karzinomatösen“ Biopathie, etc. unterscheiden.

Dieser Eingriff in die medizinische Terminologie rechtfertigt sich dadurch, daß wir keiner der vielen verschiedenen Erkrankungen des autonomen Lebensapparates beikommen, wenn wir nicht dreierlei tun:

  • Diese Erkrankungen von den typischen Infektionskrankheiten und chirurgischen Unfalls-Krankheiten abgrenzen;
  • ihren gemeinsamen Mechanismus, die Störung der biologischen Pulsation, aufsuchen und aufdecken;
  • ihre Aufsplitterung in die verschiedenen Krankheitsbilder begreifen lernen.

Die Krebserkrankung eignet sich besonders gut zur Erfassung der Grundmechanismen der Biopathie. In ihr fließen viele Störungen, die die medizinische Praxis angehen, in Eines.

Sie äußert sich in pathologischem Zellwachstum; eines ihrer wesentlichen Kennzeichen ist bakterielle Intoxikation und Putrifikation; sie beruht auf chemischen ebensowohl wie auf bioelektrischen Störungen des Organismus; sie erzeugt eine Reihe von sekundären Prozessen, wie z.B. die Anämie, die sonst Krankheiten für sich bilden; sie ist eine Erkrankung, in der das zivilisatorische Kulturleben eine entscheidende Rolle spielt; sie geht den Diätetiker ebenso an wie den Hormonforscher und den Virusforscher. „Das lärmende Vielerlei der Erscheinungen der Krebserkrankung verbirgt nur eine gemeinsame Grundstörung.“ (Wilhelm Reich, „Die Entdeckung des Orgon, Band II, Der Krebs“, S.167f., Fischer Verlag, Frankfurt, 1976).

Krebs ist also für Reich ein langsames Versiegen der Pulsationsfähigkeit des Organismus, dieses zeigt sich in einer lange vor der Diagnosestellung bereits bestehenden, chronisch gewordenen Sympathikotonie:

  • Organsysteme, Gewebe sind chronisch kontrahiert, in ihrer Funktion eingeschränkt;
  • im Blutsystem zeigt sich Anämie und/oder Poikylozytose;
  • Darm und Hohlorgane zeigen Spasmen;
  • an der Hautoberfläche zeigt sich die Kontraktion als Blässe;
  • in der Sexualfunktion als fehlende lustvolle Erregung;
  • im emotionalen Leben des Menschen als Affektsperre; Erlebnisunfähigkeit, charakterliche Rigidität und tiefe Resignation;
  • in der Atmung als chronische Inspirationshaltung.

Bezogen auf den zeitlichen Verlauf der Entwicklung der Krebskrankheit unterscheidet Reich drei ineinander übergehende Phasen:

  • Kontraktionsphase: Unfähigkeit zur vagotonen Expansion, muskuläre Spasmen, Anämie, charakterliche Resignation.
  • Schrumpfungsphase: Verlust an Körpersubstanz bis zur Kachexie, Schrumpfung der roten Blutkörperchen, Körperschwäche, Verlust der allgemeinen Widerstandskraft.
  • Fäulisphase: Energieverlust auf zellulärer Ebene, Überflutung des Organismus mit Tumorzellen und Tumorabbauprodukten, Tod.

BEHANDLUNG DURCH ORGONENERGIE

Der Ansatzpunkt der von Reich entwickelten therapeutischen Technik ist der Versuch, die chronische Symathikotonie/Kontraktion des Vegetativums bei an Krebs erkrankten Menschen aufzuheben.

„Das Wesen der Orgontherapie (nicht nur beim Krebs, sondern auch bei allen Biopathien, die einer Kontraktion oder Schrumpfung des Lebensapparates entsprechen) besteht nun zunächst in der Aufhebung der Kontraktion und der Erzeugung einer Expansion. Ist der Organismus befähigt wieder zu expandieren, die Gefäße zu erweitern, Blut in die Haut und in die Gewebe zu treiben, Wasser und Nährstoffe in die Gewebe aufzunehmen, den Darm wellenartig bewegen zu lassen, die gespannten Muskeln zu lockern, kurz das gesamte autonome Lebenssystem zu strecken,

dann folgt die Pulsation von selbst, dann stellt sich der Zustand des lebendigen Funktionierens ein, den wir als Pendeln zwischen Kontraktion und Expansion, eben als biologische Pulsation bezeichnen.“ (Reich, a.a.O., S 299).

Die Grundlage der Orgontherapie ist also eine Beeinflussung des organismischen Energiehaushaltes. Die Schrumpfungsbiopathie entwickelt sich über Jahre hinweg vor der Diagnosestellung einer malignen Entartung; Reich entwickelte diagnostische Verfahren auf der Grundlage seiner biologischen Forschungen, um diese Allgemeinerkrankung vor dem Ausbruch eines Tumorgeschehens zu erfassen und bereits in dieser Phase mit der Orgontherapie zu beginnen.

Reichs Behandlungsergebnisse an Patienten im finalen Stadium der Krebserkrankung faßt der Wiener Autor Dr. Gerald Pohler in einem 1989 publizierten Werk über psychosomatische Krebsentstehung folgendermaßen zusammen:

„Reich hat 1943 Ergebnisse seiner experimentellen Therapie mit Krebskranken veröffentlicht. 15 Patienten, von denen 13 von der Schulmedizin aufgegeben worden waren, erlebten alle zumindestens Erleichterung ihrer Schmerzen. Bei allen wurden die Tumore kleiner. Brusttumore verschwanden vollständig. Bei vier Patienten kam es zu normalem Knochenwachstum, das die Metastasen verdrängte. Sechs Patienten, die völlig arbeitsunfähig waren, konnten wieder ihrem Beruf nachgehen. Fünf Patienten – von ihren Arzten als hoffnungslos aufgegeben – mit inoperablen Tumoren, überlebten mindestens noch zwei Jahre und waren zur Zeit der Veröffentlichung bei guter Gesundheit.“ (G. Pohler, „Krebs und seelischer Konflikt“, S.109, Nexus Verlag, 1989).

Die experimentelle Krebstherapie Reichs bestand in seinen Tierexperimenten wie in der Therapie krebskranker Menschen, in dem Einsatz des Orgonakkumulators, in einzelnen Fällen begleitet von der psychosomatisch orientierten Vegetotherapie.

Die Begleiterscheinugen der Therapie zeigen sich

  • objektiv
    1.1. als erstes System reagiert das Blut; die Erythrozyten werden praller, zeigen eine stärkere Membrankohäsion, Strahlungsphänomene nehmen zu. Die Poikylozytose verschwindet.
    1.2. Tumoren werden (dies wurde durch zahlreiche von Reich hinzugezogene Pathologen dokumentiert), teilweise resorbiert
  • subjektiv
    2.1. Beginnende Expansion des Organismus: Appetitzunahme, Gewichtszunahme, Nachlassen von Schmerzen und Übelkeit, gesteigerte Hautdurchblutung, zunehmende Vitalität.
    2.2. Zunahme der Lebendigkeit, Empfindung lustbetonter Sensationen auch im Genitalbereich, teilweise auch reaktive Angst- und Schuldgefühle aufgrund der Empfindungen.

Reich beschreibt in seiner Kasuistik, daß es in der Orgontherapie einen, die Erfolge limitierenden „Umschaltpunkt“ gibt: wenn die Rufladung des Organismus erreicht wird, die für die Beeinflussung des Krankheitsgeschehens aufrechtzuerhalten weiter notwendig ist, die aber in gleicher Weise vom Organismus aufgrund seiner Gewöhnung an ein Funktionieren auf einem schwachen Energieniveau nicht tolerabel ist. An diesem Punkt muß der Versuch erfolgen, mit der charakteranalytischen Vegetotherapie dem betroffenen Menschen eine

Wahlmöglichkeit zum Umgang mit neuen Denk- und Verhaltensstrukturen zu ermöglichen, die mit einem dauerhaft gesteigerten Energieniveau des Organismus korrelieren können.

Die von Reich beschriebenen Behandlungserfolge sind beachtlich. Ein nicht abzuschätzender Vorteil gegenüber anderen Therapieverfahren liegt in der Zufuhr einer seinen Forschungen zufolge körpereigenen Energieform und nicht wie in der herkömmlichen Medizin zur Anwendung kommenden harten Röntgenstrahlung und/oder Chemotherapie.

Viele mit Krebskranken arbeitende Ärzte und Therapeuten kennen einen tiefen Ausdruck des „Nein zum Leben“ (besser: zu einem lustbetonten Leben bei schwerkranken Menschen, das biographisch weit länger zurückreicht als die Diagnose der Erkrankung). Für Wilhelm Reich war die Arbeit mit diesem unendlich tief im Organismus verankerten Ausdruck ein Schwerpunkt seines Lebenswerkes. Als Zusammenfassung seiner biophysikalischen und psychosomatischen Erkenntnisse formulierte er 1949: „Es ist tiefen-psychologisch korrekt zu sagen, daß der Affekt der Abwehr des Neinschreiens, in diesem (Schilderung eines Behandlungsverlaufs, Anm. d. Verf.) Falle ‚eingeklemmt‘ war. In der biologischen Tiefe dagegen ging es nicht um ein festgeklemmtes NEIN-NEIN, sondern um die Unfähigkeit des Organismus JA zu sagen. Positives, hingebendes Verhalten im Leben ist einzig und allein dann möglich, wenn der Organismus als ein totales ganzes funktioniert; wenn die plasmatischen Erregungen mit den dazugehörigen Emotionen ungehindert alle Organe und Gewebe passieren, wenn, kurzerhand, die Ausdrucksbewegungen des Lebendigen frei ablaufen können.“ (W. Reich, „Charakteranalyse“, S. 386; Kiepenheuer 8 Witsch, 1976).

(Erstveröffentlichung: „Krebsforum“, 17.10.90) Kontaktadresse: Dr. Heiko Lassek, W.R.I., D-1000 Berlin, Delbrück Str. 9)