Bukumatula 3/1992

Aids – Die dritte Auflage der Syphillis

INNENWELTEN Auch wenn es manche nicht gerne hören, die Wiener AIDS-Hilfe hält das HIV-Konzept für unbefriedigend
Thaddäus Rothe:

Dieser Artikel war gedacht als dritter Teil (nach „AIDS und die Zweifler“ und „ALM- die Strahlenkrankheit?“) einer losen Reihe über Aids in der FALTER-Kolumne INNENWELTEN. Er wurde von den Herausgebern als für diese Reihe zu wenig esoterisch und zu wenig Wien bezogen abgelehnt.

Diese Artikelreihe kann nur andere Perspektiven aufzeigen, hat aber keinen Platz, um wissenschaftliche Begründungen darzustellen. Bei Gelegenheit wird dort eine Literaturliste zum Thema erscheinen.
Wie sich die Bilder gleichen. Syphillis im 3. Stadium ruft in etwa dieselben Symptome und Krankheiten hervor wie „AIDS“. Damit würde das AID-Syndrom von Bakterien, nämlich dem Syphilliserreger Treponema pallidum, hervorgerufen. Am erstaunlichsten ist dabei, daß Syphillis-Forscher schon vor mehreren Jahrzehnten eine Wiederkehr der Syphillis vorausgesagt haben: Ihre Beschreibungen erinnern deutlich an die heutige „AIDS-Epidemie“. Syphillis verläuft in mehreren Phasen, zwischen der zweiten und der dritten Phase kann ein symptomfreies Jahrzehnt liegen. Nun sehen manche Forscher im HI-Virus nur die Ursache für die Verkürzung des Intervalls zwischen zweiter und dritter Phase. Die US-Gesundheitsbehörde hat nach langem Hinhalten HIV-Infizierte auch auf Syphillis zu testen begonnen. Jedoch auf eine Weise, daß der Test nicht ansprechen konnte, wie Kritiker meinen. Der Syphillis-Test ist schwierig, Antibiotika können ihn zusätzlich stören. Wie in vorherigen Artikeln beschrieben, existieren alle Varianten von Theorien über die AIDS-Ursache: Pilze und Strahlen, Fehlernährung, Gifte und eben auch Bakterien.

Es ist interessant, sich die Entstehung der HIV-Hypothese anzuschauen. Reagan wollte 1984 wiedergewählt werden. Ein wichtiger Vorwurf an ihn lautete: ‚Er hat nichts gegen AIDS getan.‘ Zwar war damals noch keine einzige wissenschaftliche Veröffentlichung über AIDS bekannt, aber Robert Gallo gelang es, Reagans Team seine Virushypothese schmackhaft zu machen und damit zum amerikanischen ‚AIDS-Papst‘ zu avancieren. So wurde, erstmalig in der schulmedizinischen Welt, eine Krankheitsursache ohne Vorhandensein wissenschaftlicher Literatur festgelegt. Der große Erforscher der DNS sowie des Atomkerns, der in Wien gebürtige Erwin Chargaff, meinte angesichts dieser und anderer Umstände später: „Die ‚AIDS-Forschung‘ hat verheerende Folgen für die Forschung überhaupt.“ Doch bald nachdem Reagan den Virus zur AIDS-Ursache gekürt hatte, mußte er Feuerwehr spielen. Gallo stritt mit seinem französischen Kollegen Luc Montagnier um die Patentgewinne. Reagan traf sich mit Mitterand, bzw. Chirac und man einigte sich auf 50:50. Mittlerweile steht Gallo unter Anklage wegen schweren Betruges. Und selbst die ehrwürdige „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hält für wahrscheinlich, daß – geht weiterhin alles mit rechten Dingen zu – Gallo fünf Jahre hinter Gitter muß. Sicher kein Renomme für die AIDS – Forschung.

Doch so eindeutig offizielle Stellen immer HIV als AIDS-Ursache verkaufen, so wenig eindeutig ist es für unabhängigere Menschen . Die Ärzte der Wiener AIDS-Hilfe empfinden die HIV-Theorie als nicht besonders überzeugend. Unter Ihnen läuft die Diskussion um HIV, Sinn oder Unsinn von AIDS-Tests und der „Frühbehandlung“ – die deutsche Schwester der AIDS-Hilfe lehnt Tests überhaupt ab. Auch das Verhältnis zu AZT, dem vielgepriesenen „AIDS-Medikament“, ist gespalten. Man rät nicht davon ab, aber zu einer Empfehlung entschließt man sich auch nicht. AZTHersteller Wellcome wollte sich vor einiger Zeit bei der „AIDS-Hilfe“ einkaufen.

Daß die „AIDS-Hilfe Wien“ dem widerstanden hat, ist ihr hoch anzurechnen und hat ihr ja auch die Unabhängigkeit erhalten.

Es ist ein trauriges, aber allem Anschein nach unvermeidliches Phänomen, daß HIV-Infizierte wie auch viele Homosexuelle dazu neigen, die HlVirus-Hypothese besonders unkritisch zu übernehmen. Auf die von den offiziellen Theorien abweichenden Erklärungen der „A-I-D-Seuche“ wird eine fast noch stärkere Hatz gemacht als auf HIV-Infizierte selbst. „AIDS“ ist in einer Zeit des politischen „Rollback“ in vielen Ländern Europas aufgekommen. Neben der Freude konservativer Kreise mit „Strafgerichts“-Erklärungen für das Aufkommen der A-I-D-Seuche hausieren gehen zu können, gibt es noch ein anderes, sehr wichtiges Moment: Die sechziger Jahre haben eine größere Freizügigkeit eingeleitet: Von der Pornographie bis zu Scheidung und Abtreibung wurde mehr erlaubt, wurden die Tabugrenzen verschoben. Wir alle sind aber Kinder von Eltern, die noch mit einer strikteren Sexualmoral aufgewachsen sind. Für viele war mit dem äußerlichen Verbot ein Schutz vor „zuviel sexueller Nähe“ weggefallen oder sie litten darunter, daß Liebe und Sexualität noch offensichtlicher zwei paar Stiefel wurden. Die Liberalisierung der Pornographie hat die meisten Menschen seelisch unvorbereitet getroffen. Insoferne waren Sie über einen Damm gegen den „sexuellen Leistungsdruck“ ganz glücklich. Safer Sex schützt gegen Promiskuitätsansprüche, die sowieso keiner erfüllen will. Solange wir unsere eigenen Ängste vor Sexualität und Kontakt nicht wahrhaben wollen, solange bedürfen wir eines Schutzes wie ihn die Angst vor einer venerischen Seuche darstellt. Und solange wir dieses Schutzes bedürfen, werden wir an Seuchen ä la „AIDS“ als Geschlechtskrankheiten glauben – unabhängig von deren wissenschaftlichen Erhärtbarkeit. Dadurch bleibt uns aber auch der Blick verstellt auf etwas anderes: Auf „AIDS“ als erste globale Seuche, die Folge unserer unökologischen Lebensweise ist.