Bukumatula 2/1990

Keine Spiritualität ohne Sexualität

30 Jahre nach Wilhelm Reich
Sissi Mikula:


Das erste Telefongespräch bereitete mir eine Überraschung: Mit erfrischend junger Stimme lud mich David Boadella, im deutschsprachigen Raum bekannt geworden durch seine hervorragende Biographie über Wilhelm Reich1) zu dem nachfolgenden Interview nach Wien ein, wo er am 17. Dezember 1989 einen Vortrag über „Körpertherapie und Spiritualität“ hielt. Als wir uns trafen, stand ein jugendlicher, sehr vitaler Mann vor mir, dem man seine sechzig Jahre nicht ansieht.

M: Können Sie in ein paar Worten ihre Arbeit beschreiben?

B: In ein paar Worten? Ja, ich will es versuchen: Ich mache Körpertherapie, basierend auf der Arbeit Wilhelm Reichs, habe sie aber weiterentwickelt. Ich habe Reichs Vegetotherapie und seine Entdeckung der Sexualität als Lebensenergie kombiniert mit Ideen der Embryologie. Der menschliche Körper teilt sich im frühesten embryonalen Stadium in drei Schichten: den Entoderm, den Mesoderm und den Ektoderm. Das Entoderm, die innere Keimzellenschicht, steht für die Verdauungsorgane, Lunge und Gefühle. Die mittlere Schicht – Mesoderm – für Knochen, Muskelgewebe und das Blut und die äußere Schicht – das Ektoderm – für die Haut, die Sinnesorgane, Gehirn und Nerven. Freie Sexualität erwächst aus dem freien Spiel dieser drei Schichten. Man kann keine volle Sexualität erleben, wenn etwa die Haut (Ektoderm) nicht empfindungsfähig ist. Diese Schichten sind beim Erwachsenen kaum noch miteinander verbunden, aber auch bei Kindern bereits oft durch Spannungszustände gestört. Meine Arbeit besteht in der Integration dieser drei Basisaspekte des Körpers. Ich mache die Arbeit in meinem Zentrum in Zürich, dort leite ich auch Ausbildungsgruppen.

M: Reich hat in den dreißiger Jahren die Sexpol-Bewegung gegründet. Die Studentenbewegung 1968 hat viele Gedanken davon aufgenommen, aber jetzt scheint es diesbezüglich still geworden zu sein.

B: Oh nein, hier in Wien etwa scheinen mir Reichs Ideen doch sehr lebendig. Es kommt natürlich darauf an, wohin man geht, aber in den Reichianischen Bewegungen sind seine Ideen nach wie vor lebendig.

M: Ich bin ein bißchen erstaunt über Ihre Antwort, denn ich empfinde es nicht so, daß die Sexpol-Idee lebendig ist.

B: Ja, wenn man die Gesellschaft als Ganzes anschaut, dann sieht man diese Art von Bewußtheit nicht. Man sieht die oberflächliche „Sexuelle Revolution“ mit einer bestimmten Art von Freiheit, aber die tiefe Befreiung, die Reich meinte, die sieht man nicht. Die tiefe Revolution hängt damit zusammen, wie wir mit der Geburt umgehen, wie wir die Kinder aufwachsen lassen, mit den sozialen Lebensformen überhaupt. Tatsache ist, daß wir noch an allen Fronten um bessere Bedingungen zu kämpfen haben.

M: Haben Sie Kinder?

B: Ja, ich habe zwei erwachsene und ein noch kleines Kind.

M: Leben Sie in einer Kleinfamilie, oder haben Sie andere Experimente gemacht?

B: Ich habe immer in einer Kleinfamilie gelebt, mit allen damit verbundenen Vorteilen und allen Nachteilen. Ich war jedoch immer Sympathisant von sozialen Experimenten.

M: Wilhelm Reich hat testamentarisch bestimmt, daß seine letzten Forschungsergebnisse erst fünfzig Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden. Wie sehen Sie die vergangenen dreißig Jahre seit seinem Tod, und wie sehen Sie die Zukunft bis zur Veröffentlichung?

B: Zu seinen Lebzeiten wurden die meisten Ideen Reichs als verrückt und gefährlich angesehen. Er kämpfte an vielen Fronten, in Organisationen, die ihn dann ausgeschlossen haben, er hatte Kämpfe mit den Freudianern, den Marxisten … In den dreißig Jahren seit seinem Tod haben etliche seiner Ideen, insbesondere Therapie-Ideen, wie Menschen geholfen werden kann die Probleme aus der Kindheit zu überwinden, Resonanz in mehr als dreißig Ländern der Erde gefunden; „jedes Jahr ein Land“ könnte man sagen.

Auf gesellschaftlicher Ebene haben wir noch einen langen, langen Weg zu gehen. Reichs Arbeit ist mit seinem Tod durchaus nicht gestorben.

Was die unveröffentlichten Manuskripte anbelangt: Ich glaube, die Haupterkenntnisse sind veröffentlicht. Was da im Jahre 2007 noch folgen wird, bezieht sich mehr auf seine späteren Forschungen; Spaceships, Wetterexperimente und so. Ich glaube nicht, daß wir eine Menge neuer Basiserkenntnisse zu erwarten haben. Die menschliche Botschaft, die er mitzuteilen hatte, die ist gesagt.

M: Warum glauben Sie, gibt es diesen großen Unterschied zwischen der persönlichen Erkenntnis, also eines Individuums, und der sozialen Erkenntnis, auf gesellschaftlicher Ebene?

B: Es ist sicherlich einfacher, sich selbst zu verändern als eine ganze Gesellschaft. Vielleicht fehlt der Mut, die persönlichen Erkenntnisse in die Gesellschaft hineinzutragen. Oder es fehlt die Erkenntnis, ein gesellschaftliches Wesen zu sein, um an der Veränderung der Gesellschaft mitzuwirken. Um ein Beispiel zu nennen: Reich hat sich unter anderem für die Selbstbestimmung der Homosexuellen eingesetzt, bereits 1927. Als ich vor einigen Jahren in Griechenland war, wurde ich mit dieser Frage während eines Vortrages konfrontiert. In Griechenland, fünfzig Jahre später, gibt es das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung noch immer nicht. Sie sehen, es braucht oft lange Zeit, bis sich Ideen auch durchsetzen.

M: Vielleicht ist es ein Problem, daß Therapie zu den sogenannten „Privatthemen“ gehört. Wenn man sich die Politiker anschaut, dann hat wahrscheinlich noch keiner von ihnen daran gedacht, eine Therapie zu machen. Sollte Therapie, im Sinne von Bewußtseinsarbeit, nicht viel mehr ein politisches Thema werden?

B: Therapie ist ein politisches Thema. Durch die Therapie ändert sich auch die Persönlichkeitsstruktur, die ja von gesellschaftlichen Normen beeinflußt ist. Wenn, wie Reich es sah, die soziale Konditionierung der Persönlichkeit verändert werden soll, dann kämpft man gegen die Gesellschaft, entweder man kämpft allein oder in irgendeiner Institution. Es ist unvermeidlich die soziale Konditionierung abzuarbeiten. Man kommt dadurch automatisch auf die Bereiche Arbeit, Familie, Gesellschaft, Moral etc. Und damit verstößt man gegen gesellschaftliche Gesetze, auch bei den Linken, wie es Reich bei den Marxisten seinerzeit so schmerzlich erfahren mußte. Reich hat den Wahnsinn des Stalinismus früher erkannt als irgendjemand sonst. Jetzt – in der Ära Glasnost – sieht jeder die Auswirkungen des Stalinismus, sogar die Führung.

M: Was sagen Sie zur Öffnung der Grenzen im Osten?

B: Vor drei Jahren habe ich in Ostberlin einen Vortrag gehalten. Damals war Honnecker noch an der Macht. Und jetzt hatte ich eine Einladung von der Karl-Marx-Universität in Leipzig, um über Methoden der Streß-Reduzierung zu sprechen. Ich habe über Geburtstraumata und deren Bezug zur Paranoia gesprochen. Die schwierigen Bedingungen, die wir Kindern bereits bei der Geburt bereiten, stellen den ersten gesellschaftlichen Eindruck dar; und der erste Eindruck ist oft der tiefste. Dieser Druck produziert oft schon die erste Spaltung, den ersten Dualismus in „ihr und ich“, „wir und sie“. Da beginnt bereits die Paranoia. Und das zieht sich dann durch, Mutter-Kind-Beziehung, Mann-Frau-Beziehung, diese oder jene Organisation und es pflanzt sich fort bis hin zu den Machtblöcken wie Ost und West. Ein paranoider Prozeß, der von der individuellen Geschichte bis in die Politik fortgepflanzt wird. Und dann habe ich darüber gesprochen, wie das rückgängig gemacht werden kann durch das „nicht paranoide Individuum“. Ich nannte Gorbatschow als Beispiel, wie soziale Fragen nicht-paranoid angepackt werden können. Er hat ja ein Muttermal direkt auf der Stirn, sein -Geburtsweg‘ ist sozusagen nicht versteckt, sondern offengelegt. Ich habe Visionen entworfen für eine Politik der Kooperation und Kommunikation. Und jetzt ist es für mich sehr erfreulich und beeindruckend, die Ereignisse im Osten mitzuverfolgen.

M: Was denken Sie über die Ursache von Aids. Haben Sie dazu irgendeine spirituelle Idee? Zum Beispiel sagen die Mediziner: „Wir haben ein Virus gefunden, das ist schuld“. Und die Katholiken sagen: „Das ist die Strafe Gottes für unkeusches Verhalten“.

B: Ich glaube, niemand leugnet, daß Aids eine Viruserkrankung ist, oder?

M: Ja, aber was ist das Virus?

B: Tja, ich kann nicht mehr über das Virus sagen als andere Leute. Klar ist, daß Aids übertragbar und daher gefährlich ist. Ich habe keine weiteren Theorien darüber. Wie jemand auf dieses Virus reagiert, hängt von seinem Immunsystem ab. Manche Leute sind sehr anfällig, etwa durch ihren Lebenswandel, andere haben das Virus und entwickeln die Krankheit nie. Ich arbeite daran das Immunsystem von Menschen zu stärken, ob sie jetzt Aids haben oder nicht. Manche der Aids-Kranken sind selbstzerstörerisch, zum Beispiel durch Drogenkonsum, daran würde ich arbeiten. Es gibt das Beispiel einer Londoner Klinik, wo sehr viel mit Meditation gearbeitet wird und die damit große Heilungserfolge erzielen.

Das ist die Verbindung zum Thema Spiritualität. Die Menschen sind konfrontiert mit dem Thema Tod, beziehungsweise mit der Frage: „Was ist Leben und was ist Tod?“ Für manche Menschen ist Aids der Beginn, sich mit etwas Tieferem zu verbinden. Und wenn sie in Kontakt kommen können mit einem tieferen Wertesystem und dies mit anderen Wegen der Immunsystem-Stärkung verbinden können, Früh genug, dann können sie vielleicht auch mehr Widerstandskraft entwickeln. Aber wir brauchen Langfristige Studien hierzu, und doch sind diese Ergebnisse der Londoner Klinik vielversprechend. Es gibt eine Anzahl von Patienten, die im klinischen Sinn Aids haben, aber keine Symptome mehr zeigen. Der verantwortliche Arzt dort ist ein Indianer. Es ist gut, neben all den Horrorgeschichten über Aids auch einmal etwas Positives zu hören.

M: Reich hat die Krebserkrankung einmal die „Sexualhungerseuche“ genannt. Orthodoxe Mediziner sprechen auch beim Krebs von einem Virus, trotz Reichs intuitiver Erforschung von Lebensenergien.

B: Reichs Krebstheorie basiert auf einer fehlgeleiteten, unterdrückten Sexualität. Aber es gibt auch Beweise, daß zum Beispiel durch Radioaktivität, Nikotinkonsum etc, Krebs entstehen kann. Also keine soziale oder sexuelle Frage, sondern durch äußere Einflüsse. So gibt es innere und äußere Voraussetzungen, die die Entstehung der Krebserkrankung begünstigen. Dasselbe gilt für Aids. Einerseits wurde das Virus gefunden, andererseits stirbt nicht jeder daran, je nach sozialen und energetischen Umständen.

M: Reich war damals mit seiner Krebstheorie eine gesellschaftliche Gefahr, weil er die sozialen Bedingungen als krankheitsfördernd bezeichnete. Und er hat den Zusammenhang mit der Sexualität gesehen. Aids ist zu einer Zeit, wo die Menschen immer isolierter in immer kleineren Einheiten leben und wo der freie sexuelle Kontakt immer unmöglicher wird, so etwas wie eine Steigerung von Krebs, nur auf einer tieferen kosmischen Ebene. Würde man die Virus-theorie in Zweifel ziehen, käme man in die Situation, als verrückt oder wahnsinnig bezeichnet zu werden. Liegt das tiefere Verständnis von Krebs und Aids nicht auf einer Ebene, auf der man spirituell eher einen Zugang finden würde als nur medizinisch?

B: O.k., es gibt Parallelen und Unterschiede. Krebs gibt es seit Tausenden von Jahren, Aids seit zehn Jahren. Reichs Forschung in Bezug auf Krebs ergibt klar, welche Art von Persönlichkeit einem Krebsrisiko ausgesetzt ist. Aber eine krebstypische Persönlichkeit etwa in Tschernobyl steht bestimmt unter erhöhter Erkrankungsgefahr. Beides ist mitbestimmend, sozusagen der äußere, wie auch der innere ‚Streß‘.

M: Würden Sie Ihre Arbeit mit Menschen als politische Arbeit bezeichnen?

B: Was meinen Sie mit ‚politisch“?

M: Alles, was der Gesellschaft zu mehr Humanität verhilft.

B: Reich glaubte nicht an Politik. Er glaubte an Liebe, Arbeit und Wissen. Er sagte, seine Arbeit bringe Menschen in Kontakt mit ihrer Liebe, ihrer produktiven Arbeit und ihrem Wunsch, Neues wissen zu wollen. Mit ihrer Fähigkeit zu lernen, für neue Ideen offen zu sein und ihrer Fähigkeit zu lieben, ihre Liebe in Beziehungen auszudrücken. Das ist für mich politisch.

M: Danke für das Gespräch.

ANHANG:
1) David Boadella, „Wilhelm Reich; Leben und Werk“ (Fischer Taschenbuch 6760).