Bukumatula 1/1990

Neue Formen des Zusammenlebens

Aus einem Gespräch mit Al Baumann im Juni 1989
Übersetzung Sylvia Amsz:


Ich habe mir die Ideologie zugelegt: Je älter
man ist, desto mehr Zeit hat man. Ein Zehn-
jähriger denkt zehn Jahre voraus, ein Dreißigjähri-
ger kann schon dreißig Jahre vorausdenken.

Im Sommer 89 leitete Al Baumann ein Workshop. Am Abend baten wir ihn um ein Interview. Wir wollten mehr über die verschiedenen Experimente des Gemeinschaftslebens erfahren, die Al im Laufe seines Lebens (er ist jetzt 70) gemacht hat. Und vor allem baten wir ihn, von der Synergia Ranch zu berichten, wo er mit einer kleinen Gemeinschaft zusammenlebt. Aber du kannst Al nicht interviewen. Er schlüpft dir aus dem Fragenetz und erzählt, was ihm wichtig ist. Schön zum Zuhören, denn da kannst du selber steuern, was du genau hören willst, was weniger genau, und wann du beim Zuhören einen Schluck Bier nimmst und dem

Nachbarn zulächelst. Schwerer zu lesen wahrscheinlich. Wir versuchen, mit Zwischentiteln zu signalisieren, was als nächstes kommt, damit sich alle Leserinnen jeweils ihre Schmankerl raussuchen können.

All jene, die sich besonders für die SYNERGIA-RANCH interessieren, finden auf der letzten Seite des Interviews einen Brief von Al aus dem Jahr 1988 mit genaueren Angaben über die Ranch und mit ihrer Adresse.

Eine wesentliche Frage für mich ist: Wie können
wir Reichs Erkenntnisse über Gemeinschafts-
leben in die Praxis umsetzen?

Seit Wilhelm Reichs Tod im Jahr 1957 gibt es Leute, die in seinem Sinne Therapie machen, und immer wieder versuchen Leute nachzuweisen, daß Reichs wissenschaftliche Erkenntnisse wirklich beweisbar sind.

Reichs Therapieansatz hat sich aber von Beginn an bis zu den letzten Lebensjahren immer auch mit der Gesellschaft befaßt. In seinen frühen Schriften, z.B. „Die Sexuelle Revolution“, „Massenpsychologie des Faschismus“ oder in der späteren Arbeit „People in Trouble“ ging es ihm vor allem um das Verhalten des Menschen in der Zivilisation. Er hat eindringlich aufgezeigt, daß Einschränkungen und Unterdrückungen aus einer gesellschaftlich vorgegebenen Situation entstehen, daß sie kulturell bedingt sind. Unsere Kultur hier beruht auf der Idee des „Privaten“ (lat. privo = auch „rauben“) und des „Eigentums“. Diese zwei Grundideen werden hauptsächlich von der Kleinfamilie (nuclear family) aufrechterhalten: Mama, Papa, Kinder, zwei Autos und ein großes Haus. Jeder ist Privatbesitz des anderen: Die Ehefrauen sind Besitz der Ehemänner und umgekehrt, die Kinder sind Privatbesitz beider.

Dieses Streben nach Besitz und Absicherung hat mit den Ängsten zu tun. Die Versicherungen leben recht gut davon.

Zeit meines Lebens beschäftigt mich die Frage:
Wie können wir miteinander leben?

Wenn jemand heute eine Therapie gemacht hat, gerade dann, wenn die charakterliche Panzerung weg ist, brauchen wir echte Intimität. Und diese Intimität kann nur dort entstehen, wo alles Einander-Besitzen-Wollen und das Sicherheitsdenken wegfällt.

Damit ich ohne „Versicherung“ leben kann, muß ich erst erleben, daß jede größere Gruppe gemeinsam all die Informationen zur Verfügung hat, die man zum Leben braucht.

Einmal bat ich Teilnehmer einer Therapiegruppe, mir ihre wildesten Träume zu erzählen. Zuerst sagten sie: „Wir haben keine wilden Träume“ aber dann rückten sie damit heraus.

Und dabei stellte sich heraus, daß einige von ihnen die nötigen Verbindungen herstellen konnten, damit andere ihre Träume verwirklichen konnten. Wir alle haben wilde Träume. Da hängt es dann eben davon ab, zu wievielen Menschen wir Verbindung haben, und wie jeder bereit ist, seine Verbindungen den anderen zur Verfügung zu stellen. Wenn wir unsere Wünsche ausdrücken, dann können wir sie gemeinsam leichter verwirklichen, wir können die nötigen Verbindungen herstellen.

Aber dazu müssen wir lernen, uns auszudrücken. Die Vorstellung ist falsch, daß derjenige, der Therapie gemacht hat, sich von selbst wieder richtig ausdrücken kann, daß er dann ehrlich mit den anderen umgehen kann.

Eine der traurigsten Erfahrungen in den Workshops ist für mich z.B., daß selbst ausgebildete Therapeuten nicht ehrlich miteinander umgehen können. Wenn zum Beispiel einer fragt: „Wie gehts?“ antwortet der andere „gut“; das ist genauso wie in der gepanzerten Welt.

Wenn jetzt jemand eine Therapie gemacht hat, dann geht er nachher wieder in genau diese alten Strukturen der Kleinfamilie zurück. Aber gerade dann erhebt sich ja die Frage: Wie schlage ich jetzt eine Brücke, damit ich mit einem funktionierenden Körper in einer realen Umwelt leben kann? Aber vor diesem Schritt machen viele Halt. Sie sagen: Halte dich an das, was ich sage, nicht an das, was ich tue. Aber das ist eine große Lüge. Wir müssen einfach etwas Neues finden.

Eine der schwierigsten Unternehmungen ist,
wie man in seinem Leben das, was man glaubt,
auch modellhaft ausdrückt.

Also wir haben jetzt eine Ranch, da in Santa Fe, wo zur Zeit ungefähr 12 Erwachsene und einige Kinder leben. Und dort gibt es einen Menschen, in meinem ganzen Leben den einzigen, dem ich mit geschlossenen Augen vertraue, und das ist Michael Smith. Ich weiß ganz genau, daß er mir Unterstützung gibt, wann immer ich sie brauche, und er weiß das auch von mir. Michael und ich, wir können uns absolut alles sagen; wir spielen miteinander. Das ist für mich die wichtigste Erfahrung der Welt. Ich finde, es ist schon sehr viel, wenn sich zwei Menschen gänzlich ihr Vertrauen schenken. Das Wichtigste ist, wir können uns alles sagen – was wir voneinander denken, was wir mögen, was wir nicht mögen. Es ist die Art von Intimität, die sich jeder wünscht.

Intimität entsteht da, wo man sich selbst aus-
drücken kann, und wo man den anderen erken-
nen kann.

Und wann kennen wir einen Menschen am besten? Beim Tanz. Wenn Leute tanzen, dann denken sie nicht darüber nach, ob das, was sie von sich zeigen, gut oder schlecht ist. Daher sehen wir einander beim Tanz – und es gibt Intimität.

Aber in vielen anderen Bereichen müssen wir erst lernen, uns auszudrücken, weil wir uns dort die starren Verhaltensweisen als Kinder schon angeeignet haben. Kinder bekommen ausschließlich zu hören: „kämpfe!“ und nie „sei traurig“.

Auf der Ranch verbringe ich daher sehr viel Zeit mit dem Theater. Beim Theaterspielen lernen wir unseren Körper so zu verwenden, daß er sich auf natürliche Weise ausdrücken kann. Wir erleben das Strömen der Lebendigkeit und der Gefühle. Deshalb habe ich mein Theater auch „Streaming Theater“ (Theater des Strömens) genannt. Theater umfaßt alles, worin man sich ausdrücken kann, sei es nun durch Tanz, durch Sprache, durch Singen, etc.

Deshalb funktionieren ja auch viele Kommunen
nicht: Sie haben irgendein Ziel vor Augen, ir-
gendeine Idee – aber der Charakter der Mitglie-
der ändert sich nicht.

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß sich die meisten Menschen nicht ausdrücken können, schon gar nicht direkt. Ihr Panzer kommt ihnen dazwischen, und so drücken sie sich hinten herum, auf versteckte Weise aus – und das ist destruktiv. Wenn wir ausdrucksfähige Menschen sind, haben wir keinen Wunsch, jemandem etwas Schlechtes anzutun. Brauchen wir also zuerst eine Therapie, um fähig zu werden, in einer Gemeinschaft zu leben? Wenn man unter Therapie versteht:

lernen, sich ständig zu verändern, dann sage ich, ja, das brauchen wir. Diese Veränderung ist nie abgeschlossen. Es geht nicht darum, unseren Charakter zu verändern. Diese ganze Idee, daß Menschen transformiert werden können – das ist einfach lächerlich. Der Charakter

ist ziemlich fixiert, wenn du einmal älter als 5 Jahre bist. Aber dieser Charakter kann in seiner Stärke zurückgedrängt werden, wenn wir lernen, auf neue Arten zu fühlen. Darum schlage ich den Leuten vor, etwas zu tun, was sie noch nie vorher getan haben, z.B. zu tanzen. Dadurch werden sie fähig, eine neue Energie zu spüren. Wir müssen uns selbst verändern, um die Gemeinschaft zu verändern.

Es wird eine Menge guter Arbeit für die Öko-
logie geleistet, aber ganz, ganz wenig für die
„menschliche Ökologie“

Der Charakter besteht nur aus einer Aneinanderreihung von gewöhnlichem verrücktem Verhalten. Wenn Therapie nur bedeutet: Seine Vergangenheit klären, um dann wieder in die alten Gewohnheiten zurückzukehren, dann lehne ich Therapie ab.

Es gibt eine ganz andere, eine wunderbare Veränderung: Wenn wir akzeptieren, daß wir einander brauchen. Wir stammen alle von dem gleichen Energieozean ab. Es ist ein lebendiger Organismus.

Die Erweiterung der Kleinfamilie ist beson-
ders für Kinder bereichernd

Wilhelm Reich hat das Projekt „Kinder der Zukunft“ gehabt. Aber er durfte es nicht fortführen. Sie ließen ihn darüber schreiben, das ja. Aber das Projekt selbst hat man voller Überheblichkeit abgewürgt. Unsere Kommune nenne ich eine „erweiterte Familie“. Hier lernen die Kinder das Leben nicht nur aus dem Blickwinkel von einer Mutter und einem Vater kennen. Wenn man viele Mütter und Väter hat, dann gibt es verschiedene Meinungen. Die Summerhill-Schule von A.S. Neill beruht ja auch auf der Grundidee, die Kinder von den Neurosen der Eltern fernzuhalten. Aber ein Problem dieser Art von Schulen scheint für mich, daß die Kinder nicht in ihrer natürlichen sozialen Umgebung, sondern isoliert zu dieser Erfahrung kommen.

Wir haben es auch geschafft, eine Schule zu gründen, damit die Kinder nicht in eine öffentliche Schule gehen müssen.

Einige Deutsche, denen ich davon erzählte, meinten, bei ihnen wäre das unmöglich. Also ich meine, es ist überall möglich. Man braucht einen guten Anwalt, der die Gesetze entsprechend hinbiegt – das ist alles.

Natürlich müssen wir auf der Ranch klug sein, weil wir ja immer von der Gesellschaft umgeben sind. Wir respektieren die Gesellschaft, und wir schützen uns davor. Bei uns ist es z.B. selbstverständlich, auf der Ranch ohne Kleider rumzulaufen – aber wir passen auf, daß wir niemanden schockieren, damit nicht irgendwelche Geschichten über uns verbreitet werden.

Einige, die zu uns auf die Ranch kamen, konn-
ten unsere Einfachheit, unsere Lebendigkeit und
unsere Vielfalt des Lebens nicht ertragen.

Es ist äußerst schwierig, die richtigen Leute zu finden, die in unserer Kommune leben sollen. Die Kommune auf der Ranch gibt es jetzt seit zwei Jahren. Es hat Leute gegeben, die sind nach drei Monaten wieder weggegangen.

Z.B. kam eine Frau mit drei Kindern zu uns, die keine Achtung vor Kindern hatte. Da ergab sich die Situation, daß der Mann, der unsere Hühner betreut, für eine Woche wegmußte. Er bat den neunjährigen Sohn dieser Frau, sich um die Hühner zu kümmern, und der war mächtig stolz. Seine Mutter hat aber gleich gemeint, sie möchte das lieber selber machen. Damit hat sie ihren Sohn herabgesetzt. Also, die hats nicht ausgehalten, dort zu leben, es war zu schwer für sie, zu ertragen, daß sie die Kinder achten muß, sie konnte ja nicht einmal ihre eigenen Kinder achten.

Manchmal bemerkte ich, daß Kinder, die auf unsere Ranch kamen, ein pornographisches Verhalten an den Tag legten. Wir setzten alles daran, das so schnell wie möglich abzuschaffen. Überhaupt haben solche Verhaltensweisen in unserer Gemeinschaft keine Chance. Unser Zusammensein wird von Ehrlichkeit und Offenheit getragen.

Ob’s in unserer Kommune freie Sexualität gibt?
Es gibt freie Sexualität auf der ganzen Welt!

Nur Regierungen und Kirchen haben das eine-Frau-ein-Mann-Konzept. Sexualität heißt nicht einfach, mit jemandem zu schlafen. Sexualität beginnt damit, daß wir einander kennenlernen, daß wir uns ausdrücken können, uns nicht zurückhalten. Dies wird manchmal ein genitales Spiel, das wir in unserem Sprachgebrauch eben Sex nennen. Am schwierigsten ist diese Einheit von Selbstausdruck und Sexualität bei Kindern anzunehmen. Die Kinder spielen einfach ganz natürlich miteinander – sie spielen auch mit ihren Genitalien. Und wenn die Erwachsenen das sehen, dann sagen sie: das geht doch nicht, was werden die Nachbarn dazu sagen?

Auf der Ranch hat jede einzelne Person ihr eigenes Schlafzimmer. Und jeder entscheidet selbst darüber, ob er oder sie alleine oder mit jemandem anderen schlafen will. Jeder aber hat seinen eigenen Raum, seine eigene Sphäre. Was sie da tun, weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht. Wenn man das „freie Sexualität“ nennen will – o.k., dann ist es halt das.

Die meisten von unserer Kommune arbeiten
außerhalb der Ranch

Reich nannte die Gesellschaft „die große Bühne“. Auf der Ranch lernen wir, wieder „auf die grüne Wiese“ zurückzukommen. Manchmal verändert sich unsere Energie schon, wenn wir beim Nachhausekommen die Kleider wechseln, die „Uniform ablegen“. Die Kommune-Mitglieder lernen auch, sich gegenseitig dabei zu unterstützen.

Die Ranch hat einen Status erreicht, wo sie sich selbst erhalten kann. In den nächsten zwei Jahren hoffen wir, daß die Leute, die auf der Ranch leben, sich durch die Einkünfte auf der Ranch erhalten können. Diesen Sommer haben wir drei große Workshops auf der Ranch laufen, das bringt ungefähr $ 25.000. Damit können wir das Land und die Bäume rundherum besser bewirtschaften, und die Leute können dort wohnen und studieren. Jeder gibt monatlich einen Betrag ab, um die Ranch funktionsfähig zu erhalten. Jetzt haben wir auch einen Ranchmanager, der versteht sich aufs Bauen und kann das Land bearbeiten. Er ist einer von denen, denen man erst beibringen muß, reich zu sein. Als er auf die Ranch kam, nahm er sich nur ein kleines Zimmer, und ich hab ihm gesagt: ein Ranchmanager muß ein gutes Beispiel geben, er muß gut und schön und großräumig leben, sonst kommen die Leute ja nicht auf unsere Ranch. Es war schwer, ihm das beizubringen, aber er hat sich ein größeres Zimmer gebaut und es gefällt ihm auch viel besser jetzt. Und so machen wir es: Schritt für Schritt nehmen wir Veränderungen im Menschen und um den Menschen herum vor.

Al Baumann
R.R. Box 271
Santa Fe, N.M. 87505
505-473-7828

Liebe Freunde,

ich gebe Euch gern Auskunft über unsere Ranch: Unsere Ranch ist in Santa Fe, in New Mexico, 20 Meilen südlich der Stadt Santa Fe, auf einer Hochfläche in ungefähr 1000 m Höhe. Die Ranch wird von Eco World *) geführt und wird durch die Leute, die bei uns leben, unterstützt. Das Grundstück ist 160 Morgen (ca. 65 ha) groß und enthält Obstgärten, Stallungen, Unterkünfte, Küche, Eßzimmer, Bücherei, Theater, Räume für Handwerk und Kunst, Gemeinschaftsräume – und unermeßlich viel Himmel drüber. Wir erhalten dauernd viele Besucher und bitten Euch, uns rechtzeitig mitzuteilen, wenn Ihr uns besuchen wollt, damit wir Platz für Euch haben. Von den Besuchern erbitten wir einen Beitrag von ca. $10 pro Tag für die Erhaltungskosten der Ranch. Die Besucher können auch an dem „Theater des Strömens“ und anderen Workshops teilnehmen. Auskünfte darüber erhaltet ihr auf Anfrage.
Von uns allen sendet Euch Grüße mit Wärme und Zuneigung
Al