Zurück zu Bukumatula 2017

Bukumatula 1/2017

Der Struwwelpeter

eine analytische Aufarbeitung
von
Peter Bolen:


Der Arzt und Psychiater Dr. Heinrich Hoffmann schrieb und zeichnete zum Geburtstag seines dreijährigen Sohnes Carl 1845 jenes Buch, welches unter dem Namen „Lustige Geschichten und drollige Bilder“ 1845 erstmals verlegt wurde und seit seiner vierten Auflage unter dem Namen „Struwwelpeter“ weltbekannt werden sollte. Seit 1858 erschien es mit veränderten Darstellungen. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt, ins Englische z.B. von Mark Twain unter dem Titel “The Slovenly Peter“ („Der schlampige Peter“).

Für die damalige Zeit handelte es sich um ein Familienund Erziehungsbuch, welches vor allem auf die Folgen unbedachten Verhaltens bei Kindern hinweisen sollte. Heute stößt dieses Buch auf allgemeine Kritik und würde in dieser Form nicht mehr publiziert werden.

Die Kritik richtet sich gegen die repressive Strafpädagogik und die autoritär dogmatische Unbedingtheit, mit der die ethische Erziehung verfolgt wurde. Alice Miller würde dieses Buch sicher als Paradebeispiel der „Schwarzen Pädagogik“ bezeichnen. Der erste Aspekt, der mich an diesem Buch interessierte, ist die Tatsache, dass sich vor allem Erwachsene dafür begeisterten, weniger die Kinder, denen das Buch geschenkt wurde.

Meine Überlegungen dazu sind einerseits, dass es sich beim Lesen durch einen Erwachsenen um eine Verarbeitung traumatischer Ereignisse in der eigenen Kindheit handelt, ähnlich dem Geisterbahnfahren, wo wir uns schrecken lassen, um den inneren Schrecken früherer kindlicher Traumata zu überwinden. Wir sind ja jetzt erwachsen und haben andere Ressourcen zur Abwehr und zur Verarbeitung, als wir sie als Kinder gehabt haben.

Andererseits handelt es sich um einen Wiederholungszwang eines masochistischen Erlebnisses durch das frühere Opfer, welches sich jetzt mit dem Aggressor identifiziert. Auch kann ein Täter, welcher Gewalt gegenüber Kindern ausübt oder ausgeübt hat, Rechtfertigung in der offensichtlich allgemein akzeptierten Form der Strafpädagogik finden. Die Gewalt wird ja im „Struwwelpeter“ legitimiert.

Es kann auch entlastend wirken, wenn ich sehe, dass das Leid nicht mir (dieses Trauma wurde abgespalten), sondern jemandem anderen zustößt. Im Sinne Helmut Qualtingers, wo der „Herr Karl“, der als unbeteiligter Zeuge eines Unfalles bemerkt: “I bin´s ned!“ Letztlich wirkt die Erkenntnis der Universalität des Leidens (Irvin D. Yalom, „Wirksamkeitsfaktoren der Gruppentherapie“) heilungsfördernd.

Ein weiterer Aspekt dieses Buches, welches von Hoffmann als einem Pionier der Kinderund Jugendpsychiatrie geschrieben wurde und der mir und anderen Fachärzten aufgefallen ist: dass es sich bei den meisten Geschichten um die Beschreibung bekannter psychiatrischer Krankheitsbilder handelt, so wie wir sie auch heute kennen.

Als Neurologe und Psychiater sind auch mir früh diese Zusammenhänge aufgefallen. Als Psychotherapeut wurde mir auch bewusst, warum mich persönlich dieses Buch so fasziniert hat. 1940 geboren, habe ich meine jüdische Mutter früh verloren.Ähnliches finden wir in der Biographie von Heinrich Hoffmann, dessen Mutter ein halbes Jahr nach seiner Geburt gestorben ist.

Der Leser wird in diesem Artikel Bezüge zum Judentum und dem Ersten (im hebräischen „Alten“) Testament finden. Besonders faszinierte mich immer die letzte Geschichte, die vom „fliegenden Robert“. Meine persönliche Deutung findet sich am Ende dieses Aufsatzes.

Heute klassifizieren wir Psychiater, zumindest gegenüber den Sozialversicherungen und im klinischen Alltag psychische Störungen nach dem sogenannten ICD-10 Code, herausgegeben von der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, die sämtliche Krankheitsbilder

international zu vereinheitlichen versucht, um vergleichbare Studien erstellen zu können. Es erscheint zunächst überraschend, dass auf die Ursache der einzelnen Störungen nicht mehr eingegangen wird, sondern man sich bloß auf die Beschreibungen der Störungen geeinigt hat. Offensichtlich bestehen international weitgehende Unterschiede in der Auffassung über die Ursachen der Krankheitsbilder. Es war früher nie selbstverständlich, dass ausgebildete Psychiater auch ausgebildete Psychotherapeuten waren, was in Österreich zur Folge hatte, dass 1992 das Psychotherapiegesetz eingeführt wurde und Psychiater ohne entsprechende Ausbildung sich nicht mehr als

„Psychotherapeuten“ bezeichnen durften. Die Situation hat sich verändert. In Österreich gibt es seit einigen Jahren den Facharzt für

„Psychiatrie und Psychotherapie“ mit entsprechender, wenn auch

gegenüber den “Nicht-Psychiatern“ verkürzter Ausbildung.

Das, was mich schmerzlich berührt, ist die Tatsache, dass das gesamte tiefenpsychologische Wissen bei dieser neuen Klassifizierung verloren gegangen ist. Es bedarf keiner Verschwörungstheorie, um zu erkennen, dass neue Krankheitsbilder geschaffen wurden (z.B. wurde aus der „Angstneurose“ die Angsterkrankung), um ihnen ein bestimmtes Medikament zuordnen zu können. Der Einfluss der Pharmaindustrie auf die Klassifizierung ist hier von großer Bedeutung.Für interessierte Leser möchte ich auf ein Buch hinweisen, welches den „Struwwelpeter“ aus dem Blickwinkel der Psychoanalyse betrachtet. Die Autorin ist sowohl Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie als auch Psychoanalytikerin: Anita Eckstaedt: „Der Struwwelpeter“ Dichtung und Deutung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1998.

Ich habe in einigen Passagen dieses Werk als Quelle herangezogen, in anderen Abschnitten habe ich meine eigenen Deutungen eingebracht.

Der Struwwelpeter

Heinrich Hoffmann hatte früh seine Mutter verloren, und es besteht die Möglichkeit, dass das Buch autobiographische Züge aufweist. Durchgehend wird vermutet, dass es sich in den Geschichten fortlaufend um ein und dieselbe Person handelt. In den aufeinanderfolgenden Geschichten würde es sich um die Entwicklung psychisch und altersmäßig um Heinrich (= Struwwelpeter) handeln.

Die Verwahrlosung bei Kindern und Jugendlichen ist in der Kinderund Jugendpsychiatrie bekannt, wird jedoch im ICD 10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen) nicht gesondert angeführt. Wir müssen Kinder von Jugendlichen unterscheiden, da Kinder sich z.B. noch nicht selbst kämmen oder sich die Haare schneiden können. Üblicherweise tragen diese Kinder, die durch Erwachsene vernachlässigt werden, oft zu kleines und verschmutztes Gewand. (Interessanterweise ist dies bei Struwwelpeter nicht der Fall.)

Des Weiteren fällt in diesem Bereich die allgemeine Körperhygiene auf. Besonders gut erkennen lässt sich dies an den Haaren und den Fußund Fingernägeln. Insbesondere ungeschnittene und vielleicht schon eingewachsene Nägel sind ein deutlicher Hinweis auf Vernachlässigung. Bei Jugendlichen kann die Verwahrlosung ein Protest gegen das Alleingelassen sein, es kann sich dahinter auch eine Suchtproblematik verbergen. Die Ursachen sind Alleingelassenwerden, Vernachlässigung, Misshandlung durch die Erziehungspersonen und sexueller Missbrauch.

Die pathologischen Eigenschaften von Friedrich finden wir im ICD10 unter der Nummer F91.1. Bezeichnung: Störung des Sozialverhaltens bei fehlenden sozialen Bindungen. Die in den diagnostischen Leitlinien angeführten Eigenschaften dieser Störung sind: Tyrannisieren, exzessives Streiten und Erpressung oder Gewalttätigkeiten, extreme Ausmaße von Ungehorsam, Grobheit, Fehlen von Kooperationsbereitschaft und Widerstand gegen Autorität.

Ausgeprägte Wutund unkontrollierte Zornesausbrüche, Zerstörung von Eigentum (Friedrich zerstört Stühle), Feuerlegen und Grausamkeit gegenüber Tieren (bei Friedrich das Ausreißen der Flügel von Fliegen, das Quälen von Vögeln, Katzen und dem Hund) und anderen Kindern. In der Geschichte peitscht er sogar sein Gretchen. Nach Anita Eckstaedt handelt es sich hierbei um die eigene Mutter, die ihn verlassen hat und die er in seiner Phantasie dafür bestraft.

Die Deutung der einzelnen Personen bezieht sich, wie auch in den anderen Geschichten bei Anita Eckstaedt auf die Farbe (und Form) ihrer Kleidung. Ich frage mich allerdings, wie viele Farben Hoffmann damals in seiner Buntstiftsammlung hatte und wie groß seine Auswahlmöglichkeit daher tatsächlich war. Außerdem änderten sich die Farben in den verschiedenen Neuauflagen.

Im ICD-10 finden wir unter der Nummer F63.1 die Diagnose: Pathologische Brandstiftung Pyromanie. Die Beschreibung lautet: Beschäftigung mit allem, was mit Feuer und Brand in Zusammenhang steht. Starkes Interesse an der Beobachtung von Bränden. Die betreffende Person berichtet über Gefühle wachsender Spannung vor der Handlung und von starker Erregung sofort nach ihrer Ausführung.

Anita Eckstaedt stellt sich die Frage, weshalb der Held plötzlich als Mädchen auftaucht. Ihre Deutung besteht darin, dass der Hund (das eigene schlechte Gewissen) durch seinen Biss Friedrich quasi kastriert hat und er jetzt ohne Penis (als Mädchen) auftritt. Er opfert seinen weiblichen Anteil durch einen Suizid, der durchaus auch Elemente eines autoerotischen Trostes hat. Siehe oben im ICD-10 die Beschreibung von wachsender Spannung und starker Erregung.

Diese Geschichte erzählt von der Fremdenfeindlichkeit der drei Buben gegenüber einem schwarzen Kind. Interessant für mich ist die Tatsache, dass Hoffmann gegen Rassendiskriminierung eintritt und das im Jahre 1845! In den USA trat erst nach dem Ende des Bürgerkrieges, am 18. Dezember 1865 der 13. Zusatzatrtikel zur Verfasung in Kraft, mit dem die Sklaverei auf dem gesamten Gebiet der Vereinigten Staaten endgültig abgeschafft wurde. Durch den 14 Zusatzartikel zur Verfassung erhielten die Afroamerikaner 1868 ihre Bürgerrechte formal zugesprochen.

Dass Hoffmann sich gegen Rassendiskriminierung und auch gegen die Diskriminierung der Juden eingesetzt hat geht daraus hervor, dass er in der 1859 erschienenen Neuausgabe die Arabesken in dieser Geschichte durch Davidsterne ersetzte. (Rechts und links auf dem ersten Bild.) Ein weiterer Hinweis dafür findet sich in seiner Biographie, wo er 1836 Mitglied der Freimaurerloge „Zur Einigkeit“ wurde, diese aber nach einigen Jahren verließ, weil sie keine jüdischen Freimaurer aufgenommen haben.

Die Person des Nikolas ist eine Anspielung auf den Russischen Zaren und die Tinte Symbol für seine Unterdrückung der Pressefreiheit. In Russland wurde dieses Buch auch verboten, Nikolas später durch einen „Grauen Mann“ ersetzt.

In dieser Geschichte nimmt Hoffmann das Töten von Wild aus purer Freude aufs Korn. In der Geschichte wird der Hase durch List zum Jäger, und der Jäger wird lächerlich gemacht. Dem Kind, welches sich mit dem Hasen identifiziert wird Mut gemacht, sich durch List gegen Gewalt zu verteidigen.

Anita Eckstaedt sieht im Kampf Hase-Jäger den ödipalen Konflikt Sohn-Vater. Letztlich endet dieser Kampf dadurch, dass der kleine Hase nass wird. Er ist klein, hat sich also nicht durchsetzen können und erwacht durch eine Pollution aus seinem Übermächtigkeitstraum.

Diese Geschichte ist sicherlich die grausamste des ganzen Buches. Das Symptom „Daumenlutschen“ finden wir tatsächlich im ICD-10 unter der Nummer F98.8 (wie immer ohne das Verständnis der Ursache).

Durch das Nichtverstehen der Bedürftigkeit des oral gestörten und in der Beziehung vernachlässigten Kindes, wird diesem das Daumenlutschen unter Androhung des Abschneidens beider Daumen verboten. Es handelt sich hierbei nach Anita Eckstaedt auch um das Verbot der Masturbation und die symbolische Androhung der Kastration.

Als junger Psychiater und Psychotherapeut fand ich diese Deutung ein wenig übertrieben, bis ich eines Tages Zeuge folgenden Vorfalls wurde: Ein Kindermädchen sagte damals zu meinem dreijährigen Sohn wörtlich: „Wenn du das noch einmal tust, dann schneide ich dir deinen Zipfel ab!“ Zur Rede gestellt, was sie da gerade gesagt hatte, erschrak sie maßlos und konnte sich selbst nicht erklären, wieso sie diese Worte verwendet hatte.

Im ICD-10 gibt es eine ausführliche Beschreibung der Anorexia nervosa, der nervösen Magersucht. Sie ist eine durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Sie ist häufiger bei heranwachsenden Mädchen als bei Buben anzutreffen.

Eine große englische Studie ergab, dass bei eintausend Personen, welche unter Anorexie litten, 5,1 Todesfälle im Jahr auftraten.

In der Körperpsychotherapie gibt es die Charakter-Bezeichnung „kompensiert oral“. Ein Kind, welches durch Mangel an Liebe durch die Mutter (Liebe ist am Beginn des Lebens auch mit Nahrung identisch) traumatisiert ist, kann als Abwehrmechanismus die Haltung entwickeln: „Ich brauche das (Essen = Mutter) ohnehin nicht“. Selbst der drohende Tod bringt Jugendliche nicht von dieser Einstellung ab.

Als junger Assistent an der psychiatrischen Universitätsklinik in den Jahren 1967 bis 1970 erlebte ich neben dem sporadischen Versuch einer tiefenpsychologisch orientierten Therapie (an der Klinik gab es damals einen einzigen Kollegen mit Psychoanalyse-Erfahrung, und der arbeitete in der EEG-Abteilung) die brutale Therapie der Zwangsfütterung. Nicht wie heute mit einer Nasensonde. Drei korpulente, kräftige Krankenschwestern nahmen die Patienten zwischen sich, hielten sie fest und fütterten sie.

Es war ein Brechen der Persönlichkeit. Interessanterweise begannen die Patientinnen nach etwa drei Wochen selbst zu essen, ja man könnte sogar sagen zu fressen. Alle verließen nach etwa sechs Wochen übergewichtig die Klinik. Nachbeobachtungen ergaben keinerlei Rückfälle. Weder zur Zeit des Hungerns noch zur Zeit des unkontrollierten Essens konnten sie erklären, weshalb sie dies taten. War es ein endgültiges Brechen der Persönlichkeit, dass sie anschließend nicht mehr die Kraft und den Mut hatten, sich zu widersetzen?

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gehört zur Gruppe der Verhaltensund emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend; nach ICD-10: F90 F98. Sie äußert sich in Aufmerksamkeitsdefiziten, durch Impulsivität, sowie manchmal auch durch ausgeprägte körperliche Unruhe (Hyperaktivität).

Für die Diagnose von ADHS als „Hyperkinetische Störung“ nach F90.0, F90.1 oder F90.9, sind in der ICD-10 die „beeinträchtigte Aufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität“ notwendig. Dieser Gruppe ist wohl der Zappel-Philipp zuzuordnen. Heute wissen wir, dass diese Störungen im Erwachsenenalter nicht sistieren.

Für mich ist die psychoanalytische Deutung für dieses, heute mehr beachtete Phänomen alleine nicht ausreichend.

Wenn „Aufmerksamkeitsstörung“ ohne ausgeprägte Hyperaktivität verbunden ist, handelt es sich um Kinder, die als „Träumelein“ bezeichnet werden. Viele Psychiater meinen, dass „Hans Guck-in-dieLuft“ so ein Kind sei, welches durch seine Unaufmerksamkeit über einen Hund stolpert und schließlich in den Fluss fällt.Ich teile diese Meinung nicht. Alleine der Ausdruck „Guck-in-die Luft“ ist ein Hinweis darauf, dass das Kind nach oben blickt, was sowohl im Text als auch in den Zeichnungen zum Ausdruck kommt. Hans macht also eine retropulsive Bewegung (Rückwärtsbewegung mit dem Kopf).

„Retropulsive Anfälle“ gehören in den Bereich der sogenannten „kleinen“ epileptischen Anfälle. Sie treten besonders im Schulalter auf, und in den Zeichnungen und im Text sehen wir, dass es sich um

ein Schulkind handelt, welches seine Schulmappe bei sich trägt.Bei kleinen epileptischen Anfällen, den sogenannten „Petit Mal“, kommt es lediglich zu sekundenlangen Bewusstseinsstörungen, die bis zu hunderten Malen am Tag auftreten können. Der Betroffene merkt selbst nichts davon, lediglich aufmerksame Beobachter registrieren diese Aussetzer. Manchmal kommt es zu Kauund SchmatzBewegungen und bei Temporallappenanfällen (Schläfenlappenanfälle) auch zu kurzen Drehbewegungen des Kopfes zu einer Seite. Auch hier ist die psychoanalytische Deutung alleine nicht ausreichend für dieses, für mich hirnorganische Syndrom.

Insbesondere wegen dieser letzten Geschichte, deren Inhalt sich deutlich von den anderen unterscheidet, habe ich diesen Artikel geschrieben.

Die längste Zeit meines Lebens fand ich keine Antwort auf ihre Bedeutung. Dass ein Kind sich ins Freie wagt, während die anderen ängstlich „hübsch daheim“ in der Stube hocken, ist für mich ein positives Zeichen eines persönlichen Freiheitsdranges. Es erinnert mich an Wilhelm Reichs Metapher vom „Menschen in der Falle“. Er sitzt mit Anderen in ihr und sucht den Ausgang.

Dieser ist natürlich mit dem Eingang identisch. Das besondere an der

„Falle“ ist, dass die Tür nicht verschlossen ist. Niemand traut sich aber hinauszugehen, aus Angst vor den möglichen Gefahren dort draußen. Es entsteht in der Gruppe der Gedanke: Wenn wir schon hier eingesperrt sind, sollten wir es uns wenigstens gemütlich machen; die Wände tapezieren, Blumentöpfe aufstellen und so weiter. Ab und zu steht aber ein Mitglied dieser Gruppe auf und will hinausgehen. Die Reaktion der Gruppe besteht darin, ihn für verrückt zu erklären, oder ihn gar zu töten, um dadurch die eigene Feigheit und Beschränktheit zu verdecken.

Mut ist also keine Persönlichkeitsstörung. Des „fliegenden Roberts“ Gedanke ist: „Es muss draußen in der Freiheit herrlich sein“. Einige psychoanalytische Überlegungen gehen dahin, dass Robert in seinem Flug über die Moral und die elterliche Bestrafung hinwegfliegt und letztlich am Himmel anstößt (im Himmel landet). Neuere Untersuchungen mit Schulkindern, denen die Geschichte vorgelesen wurde und die sie selbst malen und interpretieren sollten, zeigten, dass sie diese Geschichte durchaus positiv aufnahmen. Und dass Migrantenkinder„beim Anstoßen an den Himmel“ an die Wiederkehr in ihre Heimat dachten.

Für mich persönlich fand ich einen Schlüssel zu dieser Geschichte im ersten Buch Mose, Genesis hebräisch Bereschit: 5/24. Es handelt sich um die Geschichte des Propheten Enoch, hebräisch Henoch oder Chenoch. Im Text heißt es: „Und Chenoch wandelte mit Gott und er war nicht mehr, denn Gott hatte ihn genommen.“ Die Auslegung dieses Textes lautet übereinstimmend, dass der Prophet nicht gestorben ist, sondern direkt zu Gott aufgestiegen ist.

Diese Entrückung in den Himmel geschieht ein zweites Mal im Alten Testament (im Hebräischen Erstes Testament), wo auch der Prophet Elias (hebräisch Eliahu) durch einen Sturmwind in den Himmel entrückt wird, ohne dass sein Tod erwähnt oder betrauert wird. Wir finden diese Stelle im 2. Buch der Könige 1-18 im hebräischen Tanach, welcher ein Teil des Alten Testamentes ist. Allerding wurde in der griechischen Übersetzung der Septuaginta das Buch der Könige in fünf Teile aufgegliedert, da der griechische Text länger als der hebräische ist.

Ein Hinweis auf den Satz „Und Gott hatte ihn genommen“ findet sich im Text des „fliegenden Roberts“ in dem Reim: „Und sein Hut fliegt weit voran, stößt zuletzt am Himmel an.“ Die Gegenwart (des gütigen) Gottes wird durch das Kirchengebäude symbolisiert, welches auf allen drei Bildern sichtbar ist.

Für mich hat der Abschluss des Buches durchaus tröstliche Gedanken: Robert rebelliert gegen die aufgezwungene Moral und das Nichtverstehen seines Leides mit dem Mut seiner Sturmund Drangperiode. Er lässt durch seinen befreienden Flug das Leid hinter sich und wird ohne die Qualen des Sterbens gütig von Gott im Himmel aufgenommen.

Zurück zu Bukumatula 2017