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Archiv ‘2002’ Kategorie

Diesmal mach ich´s anders: keine gründliche Lektüre, kein mich ausweisen müssen über profunde Kenntnis. Diesmal mach ich`s anders. Ich beginne, wo es begann und lasse mich unseren gemeinsamen Weg beschreiben – den von Wilhelm Reich und mir. Eigentlich bin ich gegangen mit ihm, so wie das die Jugendlichen zu meiner Zeit und auch jetzt noch immer sagen – „willst du mit mir gehen?“ – eigentlich schön, ein Stück gehen zusammen. Das will ich beschreiben – unseren gemeinsamen Weg, den von Wilhelm Reich und mir.

Mein Wilhelm Reich.

Es begann wie jede Liebesgeschichte – zumindest für mich. Ich verliebte mich und das auf den ersten Blick, damals als ich für ein Projekt Reich studierte und die „Funktion des Orgasmus“ las und hell entflammt war von der Radikalität, dem Umfassenden und Ganzen und dem Wissen, das sich darin offenbarte – und ich las und las und wollte das auch lernen. Und so begann ich das, was man eine Ausbildung nennt; und es war eine große Herausforderung von Anbeginn an, schon am ersten Wochenende im Waldviertel unter der Leitung von Peter Bolen. Es waren auch einige aus vorhergehenden Ausbildungsgruppen da, welche sich sogleich sexuell mit einigen aus der Gruppe vergnügten. „So ist das hier“, dachte ich und war erschrocken und beschämt – auch über meine Moral – „das kann man doch nicht“. Noch erschrockener war ich über das „Body-Reading“, welches am zweiten Tag stattfand, und wo ich mich wie alle anderen – einschließlich Peter und der „tapferen“ Ingeborg Scheer – vollständig zu entkleiden hatte. Und ich – schizoider Charakterzug sei Dank – mich dort sogleich „abstellte“ und mich innerlich ins letzte Eck verzog – was ich noch öfter tat im Zuge meines Lehrweges, meine Scham nicht respektierend. Es hatte ja auch Reich schon geschrieben, sein Ansatz wende sich gegen die Schamhaftigkeit in der Welt. Ob er wohl auch schamhaft war, so ganz im Grunde? Fast denke ich, daß es so gewesen sein mag, etwas was ich natürlich nicht begründen kann und an dieser Stelle auch nicht will. Die Feuertaufe war überstanden und viele andere darauffolgende auch – das Ausziehen vor jeder Körperarbeit vor der ganzen Gruppe und das mich mit kalten, schwitzenden Händen und roten Flecken zeigen.

Das war im Jahre 1985, im Jahre 1986 traf ich dann Michel, Michael Smith, und immer noch schmerzt mein Herz, wenn ich an ihn denk´; und dankbar bin ich ihm, denn durch ihn habe ich erlebt, was es heißt liebend und mit ganzem Herzen anwesend zu sein. Und auch wenn es sich hier um die Liebesgeschichte mit Wilhelm Reich handelt, möchte ich dennoch dieses erste Begegnen mit Michel beschreiben; ich hab es hundertmal erzählt und will es nochmal tun. Es war an einem Freitag im Jahre 1986, das Wetter war strahlend, es mag wohl ein Frühlingstag gewesen sein, und wir waren natürlich rechtzeitig im Buddhistischen Zentrum in Scheibbs. Franz Ritter wohnte dort und andere auch noch. Die Schlafräume waren groß und nicht besonders einladend und für mich, die „Alleinschlafgewohnte“, sowieso schrecklich. Wir nützten die Zeit für einen Spaziergang. Der liebe, „verrückte“ Helmut Jelem und ich, hatten uns selbstverständlich von der Arbeit freigenommen, um von Beginn an hier zu sein. Doch da war niemand, mit dem zu beginnen war, kein Michel. Meine Empörung wuchs – heute mit Fortschritten in ayurvedischem Wissen würde ich sagen, „mein Pitta“ stieg, und ich war bald soweit abzureisen. Dann plötzlich hieß es, er sei da und erwarte uns im Gruppenraum – „na dem werd ich´s sagen“. Und dann saß er da, in der Mitte des Raumes, und ich dachte, was willst du da mit deiner Empörung?- Und das ist auch eine Liebesgeschichte, die damals begann, die ich jetzt nicht weiter ausführen will, nur den unsäglichen Schmerz erwähnen, als er dann im Jahre 89 von der Welt ging und ich das erste mal Verlust empfand und weinte und weinte. Und Michel lehrte mich auch, daß das nicht so ganz streng zugeht mit den Reich´schen Gesetzen – er war Alkoholiker und hatte Krebs im fortgeschrittenen Stadium – und das versetzte viele in Erstaunen, und manche sprachen ihm sein Heilpotential empört ab. Lieber Michel, danke!

Und jetzt heute morgen – dem Göttlichen in Schuberts Musik lauschend – vermag ich zu sagen, da war was zutiefst Christliches in Michel, er stellte sich ganz „in den Dienst“, erkannte mich und andere in ihrer Schönheit und Einzigartigkeit und das war heilsam.

Begierig und atemlos aufgeregt lernte ich. Ich lernte, daß Angst Energie ist, gebundene Energie, und so gesehen verfügte ich über ein ungeheures Ausmaß an Energie; ich erfuhr am eigenen Leib wieviel Terror in einem Körper stecken kann und wie sich diese Ladung zwar kurzzeitig abführen läßt, dauerhafte Entspannung sich jedoch nicht einstellt. Jetzt mit meiner Kenntnis über Trauma-Heilung weiß ich auch, dass es hier anderer Bedingungen braucht: absolutes Fehlen einer Bedrohung, ein Aufsuchen der Ressourcen und nicht so sehr der Abgründe, ein Festigen und nicht Auflösen, eine Deeskalierung und nicht noch mehr Aufladung, letztendlich ein bedingungsloses Vertrauen in den Organismus, was auch bedeutet, dass mehr dem Prozess zu folgen ist als ihn zu forcieren.

Und doch bin ich dankbar, über das gute Handwerkszeug, das ich vermittelt bekam, vor allem durch den wandelbaren und stets erneuerungsfähigen Peter Bolen. Lange habe ich mich ans klassische Setting „brav“ und auch überzeugt gehalten, habe die KlientInnen oder wie Reich, der Arzt, sie nannte „PatientInnen“, nackt ausziehen lassen, wohl erst nach geraumer Zeit, begründet durch die bessere Erreichbarkeit der Hautebene in diesem Zustand. Oft – denke ich – waren nicht nur die KlientInnen überfordert sondern auch ich. Das strikte Gebot der Nacktheit, im Buch von Loil Neidhöfer noch befestigt, mag bei Wilhelm Reichs PatientInnen vielleicht ein nicht so großer Tabubruch gewesen sein. Sich einem Arzt gegenüber auszuziehen ist mehr im Sinne der Konvention als dies einer Psychotherapeutin gegenüber zu tun, wo Gefühle und vor allem die Beziehung im Vordergrund stehen. Auch hat Reich – man braucht dazu nur seine minutiös geführten Fallbeschreibungen in der „Charakteranalyse“ zu lesen oder die Aufzeichnungen darüber im Buch „Der Traumvater“ seines Sohnes Peter Reich – behandelt. Da ging es in wunderbarer Weise um eine wissenschaftlich begründete Arbeit an der Abtragung von Panzerschichten, was dem Ganzen einen eher formalen Behandlungs-Rahmen gab.

Vergegenwärtige ich mir meinen Arbeitsstil von damals, so war da mehr direkte, bisweilen wahrscheinlich invasiv anmutende Berührung; es ging heftiger und lauter zu als nun, und das ist wohl auch bei anderen KörperpsychotherapeutInnen der Fall, falls überhaupt noch Berührung oder die körperliche Ebene ansprechende Interventionen stattfinden. Eigentlich mag ich den Begriff „Körperpsychotherapie“ nicht, geht er doch hinter die Überwindung der Dichotomie zurück, welche Reich in der Vegetotherapie fand. Und es geht letztendlich ja nicht um den Körper, der auf die Psyche wirkt und auch nicht umgekehrt, um den Einfluß der Psyche auf den Körper im Reich´schen Ansatz, sondern um die Berührung der tieferen, zugrundeliegenden Ebene, der Orgon-Energie. Diese ist über beides, über Interventionen, welche die Psyche betreffen ebenso möglich wie über körperliche Berührungen oder Übungen, wiewohl ich die körperliche Ebene nach wie vor für geeigneter finde, um hinter die festgefahrenen Erlebensmuster durch Denk-Konzepte zu kommen. Wie schon Reich sagte: „Die Menschen kommen voller Nöte …“

Dies will wiederum nicht heißen, dass für mich die Gleichung Denken-Wort = Starre, Strukturgebundenheit, Panzerung und auf der anderen Seite Körper = Lebendigkeit, Authentizität, Ursprünglichkeit in jedem Fall gilt. Zu oft habe ich erlebt, wie selbst starkem Ausdruck von Gefühlen in Form von Schlagen, Schreien oder anderen heftigen Körperäußerungen etwas Gemachtes, seinerseits (in therapeutischen Erfahrungen) Gelerntes anhaftet.

Dies zu unterscheiden erlaubt mir die wunderbare Fähigkeit der „vegetativen Identifikation“. Sie ist das, was über all das Wissen und Handwerkszeug hinausgehend der größte Schatz all meiner Erfahrungen in meinen Reich´schen Ausbildungen – hier vor allem bei Loil Neidhöfer und Petra Matthes – ist. Sie ist die Grundlage für mein therapeutisches Sein. Die Fähigkeit, durch meine Körperempfindungen mit dem anderen in Resonanz zu sein, erlaubt mir zu unterscheiden, ob etwas aus dem lebendigen Kern kommt oder aus der Panzerung. Es zeigt mir in der Regel, ob ich am Pfad bleiben soll, damit es sich ganz entfalten kann oder nicht.

Meistens zeigt es sich mir in einer Art Aufregung, in einer Wachheit, welche sagen will: Hej, da ist was wesentlich, etwas was noch unentdeckt sich äußern will, wenn auch nur kleinlaut.
Mit diesem Instrument der „vegetativen Identifikation“, ich habe es einmal auch organismische Resonanzfähigkeit genannt, weil ich den ganzheitlichen Charakter dieser Wahrnehmungsfähigkeit unterstreichen wollte -, ist das Wort dem Körperausdruck in der therapeutischen Realität gleichgültig gegenübergestellt. Ich habe lange gebraucht, um mir das in diesem Sinne zu gestatten und weiß nicht, ob dieses Dogma, daß die einzig richtige und wirksame Arbeit am und durch den Körper erfolgt, im Sinne eines therapeutischen Imperativs, schon ganz aus mir verschwunden ist. Bisweilen fühle ich mich jedoch frei, im Sinne des personenzentrierten Ansatzes nach Carl Rogers, den ich mehr und mehr zu schätzen und zu würdigen begann, das Risiko einzugehen, hier diese Person zu beantworten. Ich-Wir-Hier in diesem Moment, wie auch immer.

Betrachte ich dieses „Wie auch immer“ in der empirischen Realität meines TherapeutInnen-Alltags, so ist das Setting nicht mehr so starr festgelegt; oftmals beginnt die Stunde auf der Matte schräg gegenübersitzend und endet im Liegen. Es erweist sich auch nicht mehr als unbedingt notwendig, mit starkem Aufladen zu beginnen, oft ist schon so viel energetische Ladung im Raum, dass der Ausdruck von Gefühlen wie von selbst geschieht. Dies geschieht auch in größerer innerer Verbundenheit – die Klientin bleibt immer auch da, hat ein Gefühl, drückt es aus und bewahrt dennoch eine Art Zeugenschaft. Das kathartische Ausdrücken von Gefühlen, wo kein oder nur wenig „Ich“ wahrnehmbar ist, welches bezeugt, wurde im Laufe der Jahre weniger.
Das Geschehen ist unspektakulärer, einfacher, in einer Art normaler, was immer das heißen mag. Schon sehe ich ihn wieder – den erhobenen Zeigefinger der VertreterInnen der Reich´schen reinen Lehre, schon höre ich sie, die Mahnung. gipfelnd in der Anklage der Verwässerung. Ich merke mein Kopfeinziehen und will es diesmal nicht tun, sondern hinsehen und „es“ vertreten.

Nein, ich lasse die Klientinnen nicht mehr ausziehen, ich lasse sie nicht mehr auf die Matte legen, weil ich immer mehr realisierte, dass diese Vorgabe zu einer massiven Kontraktion führt, zu einem Starr- und Stummwerden und besonders bei traumatisierten, missbrauchten oder schizoiden Menschen ein Wegtreten, ein aus dem Körper gehen, auslöst. Das Liegen auf der Matte ist zwar energetisch betrachtet hingabefördernd, und der von Reich beschriebene Orgasmusreflex kann sich so optimal entfalten. Auf der anderen Seite wird dies aber als eine Geste der Unterwerfung und Auslieferung erlebt, was den Energiefluss sofort bremst.

Zuletzt machte ich diese Erfahrung bei einer Klientin, welche mit Symptomen von starker Überladung zu mir kam, die sich in Unruhe, Rastlosigkeit, Gedankenkreisen und Angst ausdrückte. Ich hielt in diesem Fall Reich´sche Therapie für indiziert und freute mich, wieder einmal „klassisch reichianisch“ arbeiten zu können. Auch sie fühlte sich sofort von dem, was ich ihr darüber erzählte angesprochen, und schon in der ersten Stunde schlug ich ihr vor – nachdem sie bereits mit starken Gefühlen „kämpfte“, sich hinzulegen. Doch siehe da – wie ein Käfer lag sie auf dem Rücken, und es war augenblicklich nicht einmal die kleinste Bewegung zu erkennen. Früher hätte ich nun begonnen, diese Tatsache leugnend, die Atmung wieder anzuregen und wahrscheinlich hätte sie auch „brav“ mitgemacht. Die Emotionen wären, weil nicht mehr haltbar, zum Ausdruck gekommen, oder besser „durchgebrochen“, was sie zumindest für den Moment entlastet hätte; und auch ich hätte mich besser gefühlt, hab ich doch meine Kompetenz mehr oder weniger spektakulär unter Beweis gestellt. Ich will das, was ich damals in meiner Hochzeit als Reichianerin tat, nicht abwerten. Ich denke es war zu seiner Zeit gültig und auch wirksam, weil ich mich ganz mit dieser Methode identifiziert habe. Und dies ist wahrscheinlich der wesentliche Unterschied zu jetzt. Ich bin nicht mehr mit einer Methode identifiziert, schon gar nicht mehr eine Vertreterin von ihr. Indem ich das schreibe empfinde ich eine leise Wehmut, war es doch auch schön, so ganz in etwas aufzugehen, ganz im Dienste einer Sache zu stehen und ihr auch ganz anzugehören.

Ich denke, das spricht fundamentale menschliche Bedürfnisse an – an etwas Großem mitzuwirken, einer Berufung oder vielleicht mehr noch einem Ruf zu folgen, einer Gemeinschaft anzugehören. Jetzt bin ich allein.

Jedenfalls: Die Kontraktion der oben beschriebenen Klientin verursachte keine Kontraktion mehr in mir. Wenn dies der Fall ist, nehme ich es wahr und greife nicht sogleich zur Methode als Heilmittel. Im gegebenen Fall habe ich es auch angesprochen und die Klientin ermuntert für sich zu schauen, was ihr wieder Sicherheit geben würde, so daß Ausdehnung und Ausdruck stattfinden können. Da sich diese junge Frau in einem hohen Maß ihrer selbst gewahr sein konnte, war das leicht: sie setzte sich auf und experimentierte mit Haltungen, bis es „richtig“ war. Die von mir zuvor prospektiv angenommene Richtung des starken Ausdrucks von Gefühlen wie Trauer, Ärger, etc. fand nicht statt. Vielmehr sammelten sie sich in ihr zu einer stark empfundenen Kraft, das Leben anzugehen und der Überzeugung, dass sie es schafft.
Jetzt, beim Schreiben, merke ich, wie schwer es ist, über die Beschreibung dieser Erfahrung hinausgehend allgemeingültige und dennoch spezifizierte und konkrete Aussagen zur therapeutischen Vorgangsweise zu machen. Da gibt es für mich nach wie vor einen Anspruch nach einer Wissenschaftlichkeit, die für ein weiteres Vorgehen eine Grundlage und auch eine Richtlinie gibt. Und gleichzeitig vollzog und vollziehe ich noch immer einen Abschied von der unumstößlichen Allgemeingültigkeit von einmal durch eine Person gefundenen Wahrheiten – auch wenn diese Person so groß und „weit“ war wie Wilhelm Reich.

Doch wenn ich wieder zurückgehe zum Herz-Stück des Reichschen Therapiewerks, zur „vegetativen Identifikation“ und dies ganz ernst nehme, so ist keine Übertragung von einer Erfahrung auf eine andere in dem Sinne möglich, dass ich weiß, welcher Verlauf wodurch gefördert wird.

Und dennoch findet sich in der Tiefe meines urpersönlichen Vorgehens eine Gemeinsamkeit mit anderen TherapeutInnen, so wie Carl Rogers sagt „das Persönlichste ist das Allgemeinste“, oder Reich folgend: wenn man über die verschiedenartigen Formen und Ausprägungen an der Oberfläche in die Tiefe gelangt, so finden sich allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten des Lebens.

So will ich nun zum Schluss versuchen, jene Grundsätze zu formulieren, welche nach 20-jähriger Erfahrung mein therapeutisches Verständnis begründen. Dies kann auch im Sinne eines persönlichen Credos verstanden werden.

– Ich bin das (therapeutische) Instrument.

Das will heißen, dass mein Körper ein Resonanzraum ist, wo sich das von der Klientin Geäußerte abbildet – und nicht nur das. Durch die höhere Schwingungsfrequenz meines Körpers lade ich ein – oder, um es mit Reich´schen Worten auszudrücken: Ladung mit niedrigerer Frequenz wird von solcher mit höherer Frequenz angezogen. Das bedeutet, dass ich auf die Reinheit und Gestimmtheit dieses meines Arbeitsinstruments zu achten habe, in dem, was ich zu mir nehme, in dem, womit ich mich umgebe und auch in dem, was ich denke und welchen Emotionen ich unreflektiert Platz in mir gewähre. Mit größerer Klarheit und Reinheit dieses Instruments wirke ich schon allein durch mein Sein. Dies so zu schreiben mag verwegen und im Reich´schen Sinne mystifizierend klingen, aber es entspricht meiner Erfahrung, dass dann nichts mehr zu tun ist und Prozesse wie von selbst ablaufen.

– Ich habe nichts zu tun und alles wird getan.

Ich habe erfahren, daß „der Organismus des Menschen vertrauenswürdig“ ist, um es mit Carl Rogers zu sagen. Ich brauche mich nicht mehr soviel mit der Abtragung von Panzerschichten zu befassen. In Verbindung mit dem oben Gesagten über die höhere Schwingungsfrequenz des Therapeuten bahnt sich aus dem Kern des Menschen das Gesunde, das Lebenwollende, die Ausdrucksbewegung seinen Weg. So hat sich mein Fokus von der Betrachtung des Hinderlichen auf das kräftig Pulsierende verschoben. Und da folge ich in erster Linie mehr als ich führe. Und wieder ist es die Fähigkeit der vegetativen Identifikation, oder der von mir so benannten organismischen Resonanz, die mir erlaubt eine Weiterentwicklung oder auch Verlängerung dieser Ausdrucksbewegung zu erkennen und zu fördern.

Ich erlebe immer wieder staunend das Wunder, dass, wenn ich etwas ganz bejahe, wenn ich also „anerkenne was ist“, dass dann Wandlung geschieht. Ja das ist wunderbar und auch unbegreiflich, meint es doch ein Annehmen in einem ganz existentiellen Sinn:

– Das was ist, ist.

Ich brauche dem nichts hinzuzufügen, ich brauche es nicht zu erläutern, ja bisweilen verstellt sogar der Versuch des Verstehens den Weg zu dieser im wörtlichen Sinn gemeinten radikalen Annahme. Für mich als Therapeutin bedeutet das auch, dass ich mich in meiner Menschlichkeit anerkenne, in meiner Verwundbarkeit und genauso die Ebenbürtigkeit der Klientin.

Ich habe erlebt, wie heilsam es ist, wenn sich Momente der Begegnung mit KlientInnen ereignen, wenn nichts mehr trennt.

– Wir beide hier in diesem Raum.

Das setzt voraus, dass ich jenseits aller Formen und Methoden gegenwärtig bin, rückhaltlos kenntlich.

Letztlich bin ich dankbar, wenn ich den Anschluss an den von Michel Smith zu mir gesprochenen Satz „Life is bigger than you“ finde, wenn ich die Qualität der Demut vor dem Größeren in Anerkennung meiner Größe wahrnehmen darf.

Schon höre ich ihn, meinen lieben Wilhelm Reich, wie er poltert – Mystizismus, Unwissenschaftlichkeit, Ungenauigkeit… Aber vielleicht ist dem ja auch nicht so.

Jetzt, am Ende dieses Beitrags angelangt, kommt es mir vor, als ob aus der Beschreibung dieser, meiner Liebesgeschichte mit Wilhelm Reich, auch eine Anerkennung meines Wissens über Therapie geworden ist.
Nach der anfänglichen, vollkommenen Hingabe an diesen wunderbaren Ansatz und meinem Ringen um Autonomie und Selbstbestimmung erscheint es mir, als hätte ich dem Männlichen im Reich´schen Ansatz das Weibliche angefügt. – In Liebe.

P.S.: Viel gäbe es noch zu sagen: wie das so ist mit der Wissenschaftlichkeit zwischen relativierendem Subjektivismus und verallgemeinernder Linearität, über das Potential von Erkrankungen, über die Sexualität jenseits des Orgasmusreflexes und Liebes-Beziehungen jenseits vegetativen Prickelns, über das Göttliche im Menschen und die Spiritualität… Damit würde ich auch meinem Anspruch nach Vollständigkeit und Geschlossenheit gehorchen,
aber diesmal mach ich´s ja anders…

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  • Kategorie: 2002
  • Der österreichische Holzweg

    Mag sein, dass es mir als hauptberuflicher Sozialpädagoge leicht fällt, die Entwicklungen in der Psychotherapieszene distanziert kritisch zu beleuchten, ich stecke nicht im Existenzkampf der hauptberuflichen PsychotherapeutInnen. Ich denke, es sind hier Entwicklungen im Gange, die das Grundgerüst einer emanzipatorischen Psychotherapie – egal welcher Ansatz vertreten wird – schwer erschüttern. Ich möchte mich aus meinem eigenen, subjektiven Erleben diesem Thema nähern, ohne den Anspruch auf Objektivität zu erheben.

    Das Rad der Zeit zurückgedreht auf 1986:

    Ich war damals Studienrichtungsvertreter für Pädagogik (linke alternative Basisliste).- Der BÖP (Berufsverband der österreichischen PsychologInnen) versuchte gerade das Psychologengesetz durchzusetzen, das verkürzt dargestellt vorsah, jegliches Bewirken von Verhaltensänderung im psychosozialen Bereich beruflich für die PsychologInnen zu beanspruchen. Wir von der Pädagogik, aber auch die KollegInnen der Psychologie, lehnten diese Vereinnahmung durch den BÖP ab und organisierten gesamtösterreichische Treffen, um wirksam dieses Gesetz zu verhindern.
    Dem BÖP ging es ja nicht um den Berufsschutz, sondern darum, im Psychomarkt eine dominierende Position zu erhalten, ähnlich wie die rigide Ärztekammer, die ja auch starke Macht nach außen mit dem „hohen Preis“ des Drucks nach innen jahrzehntelang „erfolgreich praktiziert“.

    In der Gesetzesbegutachtung holte sich der BÖP von allen Seiten eine gewaltige Abfuhr.
    Letztlich gab die gesetzliche Regelung dem BÖP die Macht in die Hand zu bestimmen, wer GesundheitspsychologIn werden darf und wer nicht.
    Auf das Drängen des BÖP reagierte der Dachverband für Psychotherapie mit der Absicht, ein für PsychotherapeutInnen ähnlich „günstiges“ Gesetz einzubringen. Es gab wilde Konflikte, Univ. Prof. Strotzka (ein Vertreter des Ansatzes, Psychotherapie gesetzlich bei den Ärzten zu belassen) und mit ihm die Wiener Psychoanalytische Vereinigung stiegen aus. Alfred Pritz war damals schon die treibende Kraft für das Psychotherapiegesetz. Wir von der Studienrichtungsvertretung setzten uns mit ihm auseinander. Mir fiel dabei auf, dass für ihn die benachteiligte Bezahlung als Psychologe und Psychotherapeut gegenüber den Ärzten in der Wiener Gebietskrankenkasse ausschlaggebend war, warum er so in Richtung Psychotherapiegesetz drängte.

    Das Rangeln um Anerkennung und Nichtanerkennung bestimmte von Anfang an bis heute die Dynamik im Psychotherapiebereich.
    Das Psychotherapiegesetz schlug 1990 wie eine Bombe ein. Die ganzseitige „Warnung“ der Ärztekammer in fast allen Tageszeitungen sprachen eine deutliche Sprache.

    1990/91 überlegte ich ernsthaft aus meinem Hauptberuf als Sozialpädagoge auszusteigen, doch meine inneren Zweifel über die Abhängigkeit den Markt-Mechanismen gegenüber siegten; außerdem liebte ich meinen Beruf, die Arbeit mit den therapieresistenten schwer traumatisierten MA11-Jugendlichen (ungefähr 90 % der Therapien zum sexuellen Missbrauch scheitern kläglich), machte mir zu viel Freude, um ihn aufzugeben. Für mich war bald klar, Psychotherapie nur nebenberuflich ausüben zu wollen.

    Diese Anfangszeit war trotz allem aus meiner Sicht und Empfindung vom Geiste einer emanzipatorischen Psychotherapie geprägt.
    Wenige Jahre später, im Hin und Her des Ringens um den Gesamtvertrag, schieden sich die Geister. Alfred Pritz, Präsident des österreichischen Berufsverbands für Psychotherapie (ÖBVP) und Co-Tak-tiererInnen glaubten über Beziehungsarbeit hier einen guten Vertrag auszuhandeln. Leider wurde aus meiner Sicht übersehen, dass Alfred Pritz als kleiner karenzierter Gebietskrankenkassenangestellter im Spiel der Mächtigen unbewusst nur ein schlechter Verhandler sein kann, vor allem wenn man weiß, dass hierarchisch stark geprägte Institutionen meist mit dem Eltern-Kind-Muster arbeiten. D.h., vom „Kind“ Pritz lässt man sich keine Bedingungen diktieren. Da nützt ihm auch der Weltpräsidenttitel nichts. Auch wenn man an den Putsch der Vizepräsidentin des ÖBVP zurückdenkt läuft es einem kalt über den Rücken runter. Als logische Konsequenz dieser „Spiele“ entstand die demokratische Offensive (AQUA) rund um Dr. Stemberger, die meine Sympathien hat, aus meiner Sicht als letzte Bastion einer emanzipatorischen Psychotherapie.

    Februar 2001:

    Das Präsidium des ÖBVP lädt alle Mitglieder des WLP (Wr. Landesverband für Psychotherapie) ein, um offene Fragen zu diskutieren. Erschienen sind neben dem dezimierten WLP Vorstand noch ca. 10 Personen.

    Die Präsidentin und die Vizepräsidentin wirken sehr kompetent und klar. Für mich sehr verwunderlich: Mitglieder des WLP-Vorstands führen sich auf wie „ungezogene kleine Kinder“, einer schreit: „Das ist eine Lüge“, ohne darauf später einzugehen, die Ex-Obfrau des WLP agiert extrem untergriffig: „Na, nutzt doch eure guten Beziehungen für den Gesamtvertrag“, etc. Für mich war der WLP-Vorstand einfach widerlich. Ich trug mich damals mit dem Gedanken, aus dem ÖBVP auszutreten, diesen Schwachsinn der letzten Jahre zu beenden. Jedoch beeindruckten mich diese beiden Frauen derart, dass ich jetzt noch dabei bin, um diesem Funken Hoffnung, neben der demokratischen Offensive, eine Chance zu geben.

    Frühjahr 2001, WLP-Landesversammlung:

    Schwer verdaulich – fast 2/3 der Anwesenden (ca. 150) sind Anhänger der Vereinslösung mit der Wiener Gebietskrankenkasse, der Gesamtvertrag ist ihnen wurscht, sämtliche Versuche diesen „Holzweg“ zu verlassen werden mit satten Mehrheiten niedergestimmt. Ich leide mit dem schwachen Drittel, das aus meinem Gespür jene repräsentiert, die den Grundbegriff der Emanzipation für die Psychotherapie ernst nehmen und genau wissen, dass die Rahmenbedingungen der Psychotherapie auch auf die Beziehungsgestaltung starken Einfluss haben und somit die Qualität der Psychotherapie mindern oder stärken. Der „Gipfel“ war für mich die Aussage eines hochgeschätzten Psychotherapeuten, der den Konflikt als einen zwischen Fundis und Realos deutete, ohne zu kapieren, dass die Realos in Wirklichkeit die Irrealos sind, denn es müssten eigentlich jedem die Konsequenzen der Vereinslösung klar sein: Psychotherapie degradiert sich selbst zum zusätzlichen Symptombehandlungsinstrument des österreichischen Gesundheitswesens neben schulmedizinischen Medikamenten etc. Die Alternative „Psychotherapie“ als ein möglicher gesamtheitlicher Ansatz ist somit in der Versenkung verschwunden. Die Krankenkassen können Psychotherapie nach Belieben für ihre Zwecke als Steuerungsinstrument einsetzen oder auch nicht. Psychotherapie hat somit keinen wesentlichen Einfluss mehr im Gesundheitssystem.

    Sprung ins Jahr 2002:

    Symptomatisch für die „Neue Psychotherapie“ ist die Aussage eines Systemischen Psychotherapeuten und Organisationsberaters in einem Standard-Leserbrief vom 16. März 02 als Antwort auf den Psychoanalytiker Walter Hoffmann vom 26. 2. 02. Ich zitiere:
    „In meiner Praxis als Systemischer Psychotherapeut liegt der langjährige Durchschnitt der Klienten bei zehn bis 15 Stunden (manche Klienten schließen etwas früher, manche etwas später die Therapie ab).“

    „Tolle Leistung!“, ich brauche ca. 10 Stunden, um mit dem vegeto-therapeutischen Ansatz in die Charakterstruktur des Klienten vertieft angedockt zu haben. Zu diesem Thema interessiert mich auch die Meinung von „Bukumatula“-Lesern.

    Letztendlich sind für mich Rückzugsorte wie das Wilhelm Reich Institut von eminenter Wichtigkeit, um nicht völlig zu verzweifeln. Das Nicht-Anstreben von Anerkennung des WRI im Psychotherapiebereich ist für mich die richtige Positionierung, damit der Begriff Emanzipation weiter lebt, auch wenn er immer neu definiert werden muss.

  • Kommentare deaktiviert für 1/02, Alfred Zopf: PSYCHOTHERAPIE QUO VADIS?
  • Kategorie: 2002
  • Der Titel wendet sich bereits klar an den spirituell und an Selbstentwicklung Interessierten, auf dem Informationsmeer surfenden Metropolenbewohner.

    Für diesen serviert der Autor glossenkurze Häppchen an Entwicklungswahrheiten, Krisenmanagementratschlägen, Denkum- und -anstößen und Hinweisen zum praktischen Verhalten im Sein.

    Beim Abfragen von Stichworten erfreut der kompetente Umgang mit den Anregungen aus unterschiedlichen Traditionen, die entspannte Praxisverbundenheit, eine lebensenergetisch begründete Weltwahrnehmung und verlässliches Eingehen auf die Möglichkeiten und Grenzen unserer körperlichen Existenz.

    Der ‚ Barfussdoktor ‚ führt durch jeweils wechselnde Blickwinkel, Pointen werden hauptsächlich durch die lustvolle Enttäuschung der Erwartung des Lesers gesetzt, mit der kalkulierten Gefahr, die Denkgewohnheit durch Verwirrung zu beenden und dessen eigene Erkenntnisfähigkeit zu aktivieren.

    Natürlich kann man das Buch auch als leichte Aufwachlektüre, als einschlägige Geschichtensammlung benutzen, die Präzision der Aussagen, die Wahl der Stichworte, das konsequent tiefe Erfassen von Polaritäten und die Vermeidung billigen Trostspruchs (-ist ja schließlich für Krieger-), empfehlen die Lektüre trotz und wegen der vergnüglichen Form aber auch im Fall ernstlicher Ratsuche und Entscheidungsfindung.

    Auf jeden Fall ist es sehr witzig.

    Der Barfussdoktor, Handbuch für den gewitzten Stadtkrieger – Ein spiritueller Überlebensführer. Rororo 60812, Rowohlt Verlag, Hamburg, 2000.

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  • Kategorie: 2002
  • Meinem 15-jährigen „Sternenfünkchen“ Angela, ihrer Liebe zum Leben und ihrer Abneigung gegenüber komplizierten Theorien gewidmet.

    Vorbemerkung:
    Dieser Artikel verdankt seine Entstehung dem einhundertsten Geburtstag des Philosophen Sir Karl Raimund Popper, der im Juli 2002 an der Universität Wien mit einem, so weit mir bekannt, öffentlich zugänglichen Kongress gefeiert wird. Ich möchte mit diesem Essay dafür werben, sich mit der Philosophie Poppers auseinander zu setzen. Das ist mir selbst lange Zeit schwer gefallen, firmiert sie doch unter dem Etikett „kritischer Rationalismus“, einem sehr kopflastigen Begriff. Doch „kopflastig“ allein bedeutet weder moralisch schlecht noch für das lustvolle Leben überflüssig. Es ist in den vergangenen Heften der Bukumatula ein vielfacher Brückenschlag von den Lehren Wilhelm Reichs zur chinesischen Lebensphilosophie und Medizin, gar zur Mystik des Mittelalters versucht worden. Ein solcher Brückenschlag scheint mir auch zu einer der vorherrschenden Schulen unserer westlichen Philosophie möglich und nötig. Denn gerade Poppers Wissenschaftstheorie und Grundlagenforschung entstammen derselben Wurzel wie Reichs orgonomische Biophysik: einem auf Überlegung, Begründung, Überprüfung und klarer, geordneter Darstellung fußenden Wissenschaftsbegriff. Diesen Boden westlichen, wissenschaftlichen Denkens hat Reich nie verlassen. Er kämpfte bis zu seinem Tod vor Gericht dafür, sein Lebenswerk der wissenschaftlichen Kritik stellen zu dürfen. Reich hätte in Popper, wären sie einander je begegnet, sicher einen unvoreingenommeneren Beobachter und Kritiker gefunden als in Albert Einstein, dem er seinen Orgonakkumulator zur physikalischen Begutachtung anvertraute. Reich hätte, wäre sein Werk nach den Kriterien Poppers geprüft worden, nicht für seine Theorien ins Gefängnis und in den Tod gehen müssen. Denn was immer Reich und Popper trennen mag – und darüber wird im folgenden einiges zu lesen sein -, beide hätten sich in Poppers Zusammenfassung seines Denkens leicht eins finden können: „Theorien sollen sterben – nicht Menschen oder die Menschlichkeit für eine Theorie.“

    Popper und Reich – zwei österreichische Lebensläufe

    Wilhelm Reich lebte vom 24.3.1897 bis zum 3.11.1957, Karl Raimund Popper vom 28.7.1902 bis zum 17.9.1994. Beide waren Österreicher, beide stammten von jüdischen Vorfahren ab, beide lebten und arbeiteten in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Wien, Poppers Geburtsstadt: Reich als Arzt und Psychoanalytiker, Popper als Hauptschullehrer für Mathematik, Chemie und Physik. Beide waren in ihrer Wiener Zeit Reformer: Reich als Therapeut, Popper als Pädagoge. Beide waren ungemein hellsichtig gegenüber den politischen Erscheinungen der Zeit, beide flüchteten vor dem Nazi-Terror ins Ausland: Reich unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung über Dänemark und Norwegen in die USA, Popper über England nach Neuseeland und 1946 nach London zurück. Der Anlass für Popper zur Emigration war die Ermordung seines Freundes und Lehrers Moritz Schlick (1882-1936), Professor für Philosophie an der Wiener Universität, durch einen fanatisierten antisemitischen jungen Mann, der Schlick auf der Treppe zum Hörsaal, in dem er seine Schlußvorlesung im Sommersemester 1936 über die „Philosophie der Physik“ halten wollte, erschoss. Popper wie Reich starben in ihrem englischen bzw. amerikanischen Exil, blieben aber bis zum Lebensende ihrer österreichischen Herkunft, insbesondere der österreichischen Küche treu. Beide waren impulsive, energische, kraftvolle, bestimmte, lebensfrohe Persönlichkeiten, aktiv der Musik und der Kunst zugetan und hinterließen auf ihre Mitmenschen nicht nur fachlich, sondern auch menschlich bleibenden Eindruck. Beide leisteten in ihren Forschungsgebieten grundlegend Neues, beide hatten die Fundamente ihres Lebenswerkes schon vor ihrer Emigration in den 1930-er Jahren gelegt: Reich in seiner „Charakteranalyse“ (1933), Popper in seinem Werk „Die Logik der Forschung“ (1934).
    Damit enden die Parallelen. Denn während Reich in den USA zuerst erwartungsvoll begrüßt, dann mit Skepsis geduldet und schließlich mit politischem Hass verfolgt wurde, bis er im Alter von nur 60 Jahren unter mysteriösen Umständen im Gefängnis starb, wurde Popper im Exil vom Hauptschullehrer zum Professor, zuerst in Christchurch (Neuseeland) und ab 1946 an der renommierten liberalen Elite-Universität „London School of Economics“. Hier lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1969 und war danach gesuchter und geehrter Gastredner wissenschaftlicher Kongresse in aller Welt, Gesprächspartner des Dalai Lama und Berater des deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt in dessen Amtszeit 1974-1982. Von Queen Elisabeth II 1965 in den persönlichen Adelsstand erhoben, mit Sitz im House of Lords, war aus dem Reformpädagogen und Wissenschaftsrevoluzzer der Establishment-philosopher Sir Karl geworden, der 92 jährig hochbetagt und hochberühmt starb und von sich selbst sagte, er sei der „glücklichste Philosoph“. Anders als der vier Mal verheiratete und oft verliebte Wilhelm Reich heiratete Popper 1930 seine Studienkameradin Josefine Henninger und lebte mit ihr in harmonischer, doch kinderloser Ehe bis zu Lady Poppers Tod im Jahre 1985. Anders als der zuweilen schroffe, harsche, mit Menschen und Konventionen brechende, Zeitvergeudung hassende Reich, blieb Popper im alltäglichen, menschlichen Umgang stets höflich und verbindlich und kümmerte sich als Respekt erheischende, gesellschaftliche Autorität durchaus warmherzig und gewissenhaft um Details. In einer Talk-Show im deutschen Fernsehen berichtete kürzlich eine Reporterin, wie sie als 15-jähriges Mädchen 1992 an den 90-jährigen Philosophen einen lediglich an „Karl Popper, Großbritannien“ adressierten Brief schrieb und ihn darin bat, ihr das Scheitern des Kommunismus in der ehemaligen DDR zu erklären. Sie erhielt einen freundlichen, ausführlichen, jugendlichem Denken gerecht werdenden Brief zurück; schwer vorstellbar beim vielbeschäftigten, konzentrierten Reich der späten Jahre. Bei allen Unterschieden bleibt zum Schluss jedoch noch eine ganz entscheidende Gemeinsamkeit nachzutragen: Popper wie Reich waren Zeit ihrer Leben leidenschaftliche Verfechter ihrer Theorien und verwandten viel Sorgfalt darauf, sich in einer klaren und einfachen, verständlichen Sprache auszudrücken. Das ist nicht selbstverständlich im westlichen Wissenschaftsbetrieb.

    Leben, Erleben, Erdenken, Erschaffen

    Den vergleichenden Abriss der Lebensläufe Wilhelm Reichs und Karl Poppers habe ich nicht ohne Grund an den Anfang dieses Essays gestellt. In den Wissenschaften, wie sie in abendländischer Tradition seit der Renaissance verstanden und gepflegt werden, ist es nicht üblich, sich ausgiebig mit der Persönlichkeit der jeweiligen Forscher zu beschäftigen. Es ist für das Durchdenken der Gesetze der Schwerkraft nicht nötig, sich mit der Person ihres Entdeckers Sir Isaac Newton zu befassen; man muß nicht das Geringste über das Leben von Madame Curie wissen, um die Auswirkungen der Radioaktivität zu erforschen. Die Medizin und die Psychoanalyse machen da keine Ausnahme. Chirurgen, die eine Magenresektion nach Billroth vornehmen, vernehmen die Anekdoten über die Schrulligkeiten dieses großen Arztes, wenn überhaupt, am ehesten durch die ausgiebigen Erzählungen über seinen Komponistenfreund Johannes Brahms; für das Operieren nach Billroths Methode ist die Kenntnis seines Lebens ohne jeden Belang. Selbst Sigmund Freud verbrannte in regelmäßigen Zeitabschnitten seine autobiographischen Zeugnisse und Dokumente, weil er wollte, dass seine Wissenschaft als Objekt der Forschung völlig losgelöst von der Person des Entdeckers existiere. Und das, obwohl die Psychoanalyse doch wie kaum eine andere Disziplin Wissenschaft vom Menschen für den Menschen ist.
    Auch die autobiographischen Dokumente Reichs sind eher spärlich. Sie wären ganz und gar dürftig, lägen nicht der Briefwechsel mit A.S. Neill und die von Mary Boyd-Higgins unter dem Titel „Leidenschaft der Jugend“ herausgegebenen Jugenderinnerungen Reichs in gedruckter Form vor.
    Nicht anders verhält es sich ganz allgemein in der Philosophie. Martin Heidegger (1889-1976), immerhin einer der führenden Vertreter der
    sogenannten Existenzphilosophie, also einer Schule, die den Menschen als Ausgangs- und Mittelpunkt ihres Denkens nimmt, begann im Wintersemester 1924/25 eine mit vier Wochenstunden angesetzte Vorlesungsreihe unter dem Titel „Aristoteles – Leben und Werk“ in der ersten Stunde mit den folgenden zwei Sätzen: „Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb. Wenden wir uns seinem Denken zu.“ Deutlicher kann nicht zum Ausdruck gebracht werden, für wie unwesentlich Philosophen die Lebensumstände, unter denen und auf deren Boden ein Denken entstanden ist, oft halten. Das Ideal der Sachlichkeit scheint dies zu fordern: ein Denken deuten zu können, ohne dem Denker selbst Bedeutung zuzumessen. Dabei ist das Denken der Philosophen immer von ihrer persönlichen Erfahrung geprägt. Der englische Schriftsteller Somerset Maugham (1874-1965) spottet in seiner Autobiographie darüber, dass Philosophen kurioserweise sehr oft Zahnschmerzen als Beispiel heranziehen, wenn sie vom Bösen sprechen und erklären wollen, wie dieses in die Welt gekommen sei. Maugham folgert daraus, dass sich das Problem des Bösen wohl durch den Fortschritt der amerikanischen Zahnheilkunde bald lösen werde. Maugham weiter (ich zitiere aus: „Die halbe Wahrheit“, Kap. 68): „Ich habe manchmal gedacht, dass es doch sehr gut wäre, wenn Philosophen, bevor sie ihre Diplome bekämen, die sie in die Lage versetzten, ihr Wissen der Jugend zu vermitteln, ein soziales Jahr in einem Großstadtslum ableisten oder ihren Lebensunterhalt durch manuelle Arbeit verdienen müssten. Hätten sie je ein Kind gesehen, das an Meningitis stirbt, würden sie so manches ihrer Probleme mit anderen Augen betrachten.“
    Wilhelm Reich hat in seinem Buch „Äther, Gott und Teufel“ eine andere, ähnliche Forderung erhoben: dass man bei der Beurteilung eines Forschungsergebnisses zuerst nach der orgonomischen Potenz des Forschers fragen müsse, d.h. nach der Fähigkeit eines Wissenschaftlers, die Wirklichkeit unverzerrt durch neurotische Störungen oder Projektionen wahr zu nehen. Hinter jedem wissenschaftlichen Resultat steht ein Mensch mit Mängeln, Schwächen, Unzulänglichkeiten, mit frei und offen gelebten oder mehr oder weniger verdrängten, unterdrückten Erlebnissen und Gefühlen. Newtons Schwerkraftgesetze entstanden durch das Erlebnis eines vom Baum herabfallenden Apfels an einem schwülen Herbsttag, die Philosophie des Heiligen Augustinus durch ein Kinderlied, das der Philosoph aus einem offenen Fenster im Garten wandelnd hörte und ihm ins Herz drang; Artur Schopenhauer wurde als 17-jähriger beim Anblick der Galeerensträflinge in Toulon „vom Jammer des Lebens“ ergriffen und brachte diesen in ein System, wie es pessimistischer und erlösungssüchtiger kaum gedacht werden kann. In Büchern über diese Wissenschaftler werden diese Erlebnisse und das Erleben durch die Person meist mit einigen Sätzen abgetan, dann heißt es: „Wenden wir uns seinem Denken zu.“
    Zu welch überraschenden Erkenntnissen man gelangen kann, wenn man den persönlichen, emotionalen Hintergrund eines Denkers zusammen mit seinen Gedanken betrachtet, hat Alice Miller in ihrem Buch „Der gemiedene Schlüssel“ am Beispiel Friedrich Nietzsches in herausragender interpretatorischer Arbeit geleistet.
    Reich hat sich nicht gescheut, seine Urerlebnisse, die ihn zu seinem Denken brachten, zu benennen: sein Erleben der Natur in der Weite der Bukowina in seiner Kindheit, das Erlebnis einer vollkommenen sexuellen Umarmung mit einer Italienerin als Soldat im ersten Weltkrieg 1916, seine Begegnung mit Sigmund Freud und sein Erleben der Resignation Freuds angesichts eines Patienten, den er trotz mehrjähriger Analyse nicht von seiner Depression zu heilen vermochte. Erst dieser, Reich zu Herzen gehende Anblick eines traurigen Patienten, der von einem resignierenden Professor Abschied nimmt, brachte Reich dazu, bei seinen eigenen Patienten genauer hinzuschauen. Er nahm wahr, dass diese oft grausamste Gewalttaten, die einen mit Wut oder Trauer erfüllen müssten, mit einem Grinsen oder teilnahmslos erzählten. Er begann hinter die Worte zu hören und mit den Muskelverspannungen seiner Patienten zu arbeiten. Daraus entstand seine Vegetotherapie, aus dieser seine biophysikalischen Versuche, daraus die orgonomische Medizin und seine Klimaforschung. Ohne seine Urerlebnisse wäre Reichs Forschung niemals das geworden, was sie wurde. Reich sah Kinder an Meningitis sterben, er behandelte Jugendliche und Arbeiter aus den Vorstädten Berlins und Wiens. Seine Wissenschaft blieb lebensnah und konkret.
    Karl Popper ist einer der wenigen Philosophen, den Maughams Spott nicht treffen kann. Popper unterbrach sein Studium, um von 1922 bis 1924 eine Ausbildung als Tischler zu absolvieren. Schon vorher hatte er auf Grund der Notlage nach dem ersten Weltkrieg sich seinen Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeiten im Straßenbau verdient. Popper hat nie verleugnet, wie sehr ihn die Lebenspraxis und die Tischlerausbildung bei seinem Meister Adalbert Pöschl geprägt haben. Er bekannte offen, dass er seine „Liebe zur Arbeit an Mahagonischreibtischen“ im doppeldeutigen Sinn seinem Meister verdanke, der ihn lehrte, dass die „einzige Weisheit, die ich zu erwerben hoffen konnte, das sokratische Wissen von der Unendlichkeit meines Nicht-Wissens war“ (Ausgangspunkte S. 2).
    Poppers Lebenswerk gilt der philosophischen Grundlagenforschung. Darunter versteht er die rationale Begründung und kritische Überprüfung wissenschaftlicher Theorien und ihrer Grundlagen, mit dem Ziel, die Theorien zu bestätigen, zu verbessern, ihre Mängel aufzudecken oder sie zur Gänze als unhaltbar zu erweisen. Zu diesem Thema wurde er durch ein dreifaches Erlebnis gebracht, das ihm als 17-jährigem widerfuhr. In diesem denkwürdigen Jahr 1919 machte Popper hautnah die Erfahrung der Begegnung mit drei wissenschaftlichen Theorien: dem wissenschaftlichen Sozialismus in seiner revolutionären Praxis, der Individualpsychologie Alfred Adlers und der Einstein´schen Relativitätstheorie. Diese dreifache Begegnung, ihr Erleben und ihre Interpretation durch den emotional und geistig wachen jungen Menschen, prägten von da an Poppers Denken.
    Popper hatte sich als Mittelstufenschüler dem Marxismus verschrieben und nahm 1919 an mehreren von der kommunistischen Partei Österreichs geführten Aufständen gegen die Regierung teil. Dabei kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, die Polizei schoß in die Menge. Popper wurde Zeuge davon, wie in seiner unmittelbaren Nähe ein Arbeiter auf dem Asphalt durch eine Polizeikugel starb und dessen Frau, Mutter von nun vier verwaisten Kindern, sich in herzergreifender Klage über die Leiche ihres Mannes warf. Dieses Erlebnis erschütterte Popper tief. Es machte ihn ein für alle Mal skeptisch gegenüber seiner Theorie, die als Frucht der brutalen Kampfhandlungen eine klassenlose Gesellschaft für alle versprach. Die grausame Erfahrung des 17-jährigen war eine andere: hier wurden fünf Menschen durch den „geschichtlich notwendigen“, von Marx zur Gesetzmäßigkeit erhobenen Kampf für Frieden und Glück in größeres Elend gestürzt als zuvor. Mußte einer solchen Theorie, die das Gegenteil dessen hervorbrachte, was sie als ihr Resultat versprach, nicht ein elementarer Denkfehler zu Grunde liegen? Unter welchen Voraussetzungen, Umständen und Bedingungen würde sich Marx´ Revolutionstheorie, vor allem: für wen würde sie sich im Einzelfall als tödlicher Irrtum erweisen? Dieses Falsifizierungskriterium hatte der Begründer der Theorie des dialektischen Materialismus offenbar übersehen anzugeben.
    Nicht übersehen, sondern klar benannt hatte hingegen ein solches Kriterium der Vater der Relativitätstheorie. Poppers Lieblingsfach in der Schule war Physik: leidenschaftlich interessiert hatte er den Streit um die 1916 von Einstein aufgestellte Relativitätstheorie verfolgt.
    Einsteins Theorie vom Vakuum im Weltall und vom Zusammenhang von Raum und Zeit war von anderen Physikern heftig widersprochen worden. Doch hatte Einstein selbst erklärt, seine Theorie würde, unabhängig von allen für diese sprechenden Nachweisen, unhaltbar werden, wenn anlässlich einer Sonnenfinsternis nicht eine Krümmung von 1,7 Bogensekunden der Lichtstrahlen an der Corona beobachtbar wäre. Im Sommer 1919 wurde in Brasilien mit Spannung die dortige Sonnenfinsternis beobachtet und in der Tat exakt die von Einstein vorhergesagt Lichtstrahlenkrümmung festgestellt. Dies hinterließ auf Popper tiefen Eindruck: hier hatte ein Wissenschaftler den Mut gehabt, präzise anzugeben, unter welchen Umständen seine Theorie sich als fehlerhaft erweisen, vielleicht als gänzlich unhaltbar herausstellen würde. Welch ein Unterschied zum Dogmatismus des Karl Marx.
    Das dritte Erlebnis betrifft Poppers spätere Kritik der Psychoanalyse und der von ihr abgeleiteten Schulen wie z.B. der von Jung oder Adler. Freuds ehemaliger Schüler und späterer Gegner, Alfred Adler (1870-1937), war mit Poppers Eltern befreundet. Der 17-jährige Exmarxist und Einstein-Adept fragte Adler eines Sonntags nachmittags nach dem Tee bei einem Besuch des Arztes im Hause Popper um Rat wegen eines Klassenkameraden, der unter psychischen Problemen litt. Adler entwickelte aus Poppers Beschreibung eine spontane Diagnose nebst Therapievorschlag für den Mitschüler. Als Popper Adler fragte, wie er denn, ohne den Jungen gesehen und gesprochen zu haben, eine solche Einschätzung vornehmen könne, verwies der Psychologe auf seine „1000-fache Erfahrung“ mit ähnlich gelagerten „Fällen“. Popper antwortete sarkastisch: „Ach, dann ist die wohl ihr 1001 Fall?“ Die hier auf den Punkt gebrachte Kritik formulierte Popper später etwa so aus: die Individualpsychologie Adlers ist wohl, wie der Marxismus auch, eine Theorie, die kein Falsifizierungskriterium kennt. Jede Erfahrung gesellschaftlicher oder persönlicher Natur kann offenbar mühelos in das Schema einer einmal entwickelten Terminologie eingeordnet werden. Ein Irrtum in der Diagnostik, ein ausbleibender Therapieerfolg widerlegen eine solche Theorie als ganze scheinbar gar nicht, sondern erfordern lediglich eine Neuinterpretation im Lichte des Schemas. Mit dieser Erkenntnis stand der Teenager, dessen Lieblingslektüre die „wundersame Reise des kleinen Nils Holgerson mit den Wildgänsen“ war, am Beginn einer langen Reise ins unendliche Wunderland der wissenschaftlichen Logik.

    Poppers Formel: P1 – VT – FE – P2

    Etwa zwei Fünftel des Umfangs meines Essays habe ich nun den Leben und den Erlebnissen Wilhelm Reichs und Karl Poppers gewidmet. Das ist nicht üblich in wissenschaftlichen Aufsätzen. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass wissenschaftliche Denkbewegungen durch Ur-Erlebnisse der Wissenschaftler in Gang kommen. Diese Ur-Erlebnisse sind oft krisenhaft. Krisis bedeutet im Griechischen nichts anderes als Wende. Es muß sich also nicht um ein dramatisches Erlebnis handeln, obwohl dies der Fall sein kann. Der Philosoph Richard Wisser (*1927) sieht den Menschen als das Wesen an, das in einer kritisch-krisischen Grundbefindlichkeit lebt. Krisen führen zur Kritik, das heißt: zur Entscheidung, auf welchem Weg ich nun weiter denken will. Wenn ich dabei nicht stehen bleibe, werde ich in immer neue Krisen, an immer neue Wendepunkte gelangen. Wenn die eigene Krise mit der Krise einer Epoche oder einer Wissenschaft zusammenfällt und der Denker seine Kritik in die öffentliche Krise einbringt, entspringt daraus wissenschaftlicher Fortschritt. Der Fortschritt, der durch Reichs Kritik der Krise der klassischen Psychoanalyse und der Krebstherapie erzielt wurde, dürfte für die Leserschaft der Bukumatula auf der Hand liegen.
    Um die Bedeutung der Lebensleistung Karl Poppers annähernd zu begreifen, ist es nötig, einen Blick auf die Krise zu werfen, in die die Philosophie zu Beginn des 20. Jahrhunderts geraten war. Diese Krise hatte sich über vier Jahrhunderte hin entwickelt. Sie betraf in ihrem Kern das Selbstverständnis der Philosophie als Wissenschaft.
    Mit der Renaissance begann die, in der Zeit der sogenannten Aufklärung sich fortsetzende Befreiung der abendländischen Philosophie „aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit“, wie Immanuel Kant (1724-1804) formulierte, von der Bevormundung durch die katholische Theologie. Diese Befreiung ist untrennbar mit dem Namen von René Descartes (1596-1650) und Francis Bacon (1561-1626) verbunden. Unglücklicherweise entwickelten diese beiden Denker auf ihren Wegen zur Befreiung des Denkens zwei unterschiedliche wissenschaftliche Methoden. Das Methodenproblem an sich war gar nicht neu, schon Platon (427-347 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.) hatten es aufgeworfen, und im Universalienstreit des Mittelalters war es zwischen den sogenannten Nominalisten und Realisten heftig diskutiert worden. Neu war, dass die Neubegründung der Philosophie durch Bacon und Descartes sich auf alle übrigen Wissenschaften in Form einer Spaltung in der Auffassung von der Richtigkeit wissenschaftlichen Forschens und Vorgehens auswirkte.
    Descartes begründete die deduktive Methode, die seither die Argumentationsform der Mathematik und vieler Geisteswissenschaften geworden ist. Die deduktive, auch rationale Methode genannt, geht von Axiomen aus, also unmittelbar einsichtigen Sätzen, die jedoch nicht weiter beweisbar sind. Von diesen Axiomen aus wird ins Detail hin abgeleitet. Die gesamte Mathematik mit all ihren algebraischen Formeln und Logarithmen, Differentialgleichungen und Funktionen, beruht auf den fünf Peano-Axiomen: 1) Null ist eine Zahl 2) Der Nachfolger einer Zahl ist eine Zahl 3) Es gibt nicht zwei Zahlen mit demselben Nachfolger 4) Null ist nicht Nachfolger irgendeiner Zahl und 5) Jede Eigenschaft der Null, die auch der Nachfolger jeder Zahl mit dieser Eigenschaft besitzt, kommt allen Zahlen zu. Die gesamte Philosophie des Rationalisten Baruch de Spinoza (1632-1677), ein großartiger Entwurf eines völlig in sich geschlossenen Welterklärungssystems, ist abgeleitet aus dem einen Axiom: „Alles was ist, ist entweder in sich oder in einem anderen.“
    Die von Bacon entwickelte Methode ist als Induktion oder Empirismus bekannt. Sie wurde im Laufe der Zeit zur beherrschenden Methode der Physik, Chemie, Biologie, Medizin und der Soziologie. Die induktive Methode geht genau umgekehrt vor wie die deduktive. Sie sammelt Einzelergebnisse, die aus systematischer Beobachtung und aus Experiment und Erfahrung gewonnen werden. Nach dem Verfahren von „trial and error“ leitet sie aus diesen im Experiment geprüften Einzelbeobachtungen allgemeine Gesetzmäßigkeiten ab.
    In der Philosophie führte die gleichzeitige Anwendung beider Methoden zu immer größeren Widersprüchen und zu geradezu unlösbaren Problemen. Ein Beispiel: während mich die Erfahrung lehrt, dass ich die Distanz von meinem Schreibtischstuhl zur Tür, etwa zwei Meter, in ca. drei Sekunden zurücklege, werde ich diese Entfernung aus dem Gesichtspunkt der deduktiven Methode niemals überwinden, weil die Strecke unendlich teilbar ist. Bevor ich die zwei Meter zurücklege, muß ich zuerst die Hälfte, dann davon die Hälfte und wieder erst davon die Hälfte und so weiter ad infinitum zurücklegen, mit anderen Worten: ich komme vom Stuhl erst gar nicht hoch, und jede Bewegung ist nichts anderes als eine Sinnestäuschung. Wer dagegen einwendet, das sei doch wohl Spinnerei, möge bedenken, dass die Kernspaltung auf dasselbe deduktive Prinzip zurückgeht und zu sehr empirisch wahrnehmbaren Folgen führt.
    Der Philosoph Georg F.W. Hegel (1770-1831) unternahm den großartigen Versuch, die beiden Methoden im Rahmen der Philosophie, die „Wissen schafft“, in einer einzigen, der dialektischen Methode zu vereinen und so den Rang der Philosophie als Universalwissenschaft wieder herzustellen. Seine Methode übernahm Karl Marx (1818-1883), indes mit dem Ziel, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern zu verändern, wie er in seiner 11. These über Feuerbach schrieb. Ein Ziel, dass seine Nachfolger Lenin und Stalin mit beachtlichem Erfolg verwirklichten.
    Hegels Dialektische Methode brachte die Philosophie noch tiefer in die Krise statt den Methodenstreit endgültig, wie Hegel gehofft hatte, zu
    lösen. Denn Hegel opferte für seinen Versuch der Erneuerung der Philosophie als Universalwissenschaft den bis dato gültigen Hauptsatz der formalen Logik, den Satz vom Widerspruch. Bis zu Hegel galt die Widerspruchsfreiheit philosophischer Aussagen als Grundprinzip aller Logik. Hegel hingegen behauptete, jeder Satz bringe aus sich selbst den Gegensatz hervor, der als dessen Gegenteil mit dem ursprünglichen Satz auf einer höheren Ebene in einer Synthese vermittelt werden müsse. Damit machte Hegel den Widerspruch selbst zur Grundlage seiner dialektischen Logik, die er als Selbstbewegung der Vernunft auffasste.
    Dieses Verfahren rief von mehreren Seiten Widerspruch hervor. Die sogenannten Lebensphilosophen, an ihrer Spitze der schon genannte Artur Schopenhauer (1788-1860), Friedrich Nietzsche (1844-1900) und Henri Bergson (1859-1941), letzterer Literaturnobelpreisträger des Jahres 1927, verwarfen zugunsten einer neuen, der intuitiven Methode, den bislang in der Philosophie vorherrschenden Primat der Vernunft. Der Irrationalismus, der „blinde Wille“, der „elan vital“ wurde die Grundlage ihrer Denksysteme. Damit kam die Philosophie natürlich in eine absurde Situation. Der gleichfalls schon erwähnte Martin Heidegger brachte diese Situation auf die Spitze, indem er, im doppeldeutigen Sinn des Wortes „Aufgabe“, die „Aufgabe der Philosophie“ im „Anfang des Denkens“ fordern zu müssen glaubte. Das von ihm beschriebene „Seins-Denken“ als „An-Denken an das Sein“, das wir diesem dankend denkend als Andenken schenken, sah er der Poesie und der Mystik näher verwandt als dem zur „Technologie“ degradierten Wissenschaftsbegriff. Wie immer: mit dieser Deutung starb die wissenschaftliche Philosophie, der Anspruch der Philosophie, Wissenschaft zu sein, einen sanften Tod durch Resignation.
    Ganz anders der von Auguste Comte (1798-1857) begründete Positivismus. Er sah das Heil der Philosophie darin, sich als Wissenschaft selbst abzuschaffen und durch Soziologie zu ersetzen. Diesen Weg der aktiven Selbstvernichtung wollten wiederum die „Neopositivisten“ des 20. Jahrhunderts nicht gehen, insbesondere nicht der „Wiener Kreis“ um den schon erwähnten Moritz Schlick, um Ludwig Wittgenstein (1889-1951) und Rudolf Carnap (1891-1971). Sie versuchten die Philosophie als Fundamentalwissenschaft wieder her zu stellen. Dies geschah, indem sie die Philosophie statt zur Soziologie zur logischen Analyse der Sprache umformten.
    Der Grundgedanke dieses Unterfangens ist folgender: Nach neopositivistischem Verständnis besteht das Hauptkennzeichen von Wissenschaft in eindeutigen, klaren, formelhaften und allgemein gültigen Begriffsbestimmungen. Jeder Physiker, gleichviel, ob er in Kapstadt, Sao Paulo, Singapur oder Budapest studiert hat, der die Formel E = mc2 liest, jeder Chemiker weltweit, der sich mit der Frage NaCl + H2O = ? beschäftigt, versteht unter diesen Gleichungen dasselbe. Philosophen hingegen, die über Wahrheit, Schönheit, Freiheit, Glück, Gut und Böse sprechen, sehen sich in einer ganz anderen Lage: von diesen Begriffen existieren tausende sich widersprechende Definitionen. Entweder, so folgerten die Analytiker des Wiener Kreises, müssten diese Begriffe eindeutig definiert oder aber aus einer wissenschaftlichen Philosophie ganz und gar eliminiert werden. Damit wird ganzen philosophischen Disziplinen, insbesondere der Ethik, der Ästhetik und der Metaphysik, das wissenschaftliche Rückgrat gebrochen. Statt Selbstmord durch Soziologie begeht die Philosophie damit Selbstmord durch Sprachwissenschaft.
    Popper war kein Selbstmordkandidat und auch nicht wissenschaftlich lebensmüde. Er begriff Philosophie als Prozess des Problemlösens. Gleichviel ob nach deduktiver oder induktiver Methode vollzieht sich nach Popper dieser Prozess in den folgenden Schritten:

    P1 – das Ausgangs-Problem wird klar benannt und definiert

    VT – eine Versuchs-Theorie zur Lösung des Problems wird erstellt
    und systematisiert

    FE – Fehler-Elimination ist das wichtigste Element des kritischen
    Diskurses der Tauglichkeit einer Theorie. Indem nach Fehlern
    in einer Theorie gesucht wird, entsteht

    P2 – ein neues Problem, für dessen Lösung neue Theorien entwickelt
    werden.

    So simpel diese Überlegung scheint, sie führt zu weitreichenden Folgen, die Popper thesenartig in seinem vielkritisierten Aufsatz „Die Logik der Sozialwissenschaften“ zusammengestellt hat. Ich will die 27 Thesen Poppers an dieser Stelle nicht im Einzelnen vorstellen. Aus der einfachen Formel P1 – VT – FE – P2 ergibt sich als wesentlichste Schlußfolgerung, dass der Philosoph nie arbeitslos wird, weil er stets neue Probleme erzeugt.
    Popper sah darin ein großes Glück, denn dank seiner Problemproduktion wird dem Philosophen nie langweilig. Mit jedem Fortschritt seines Wissens vermehrt sich sein Nichtwissen, er kommt nie an ein Ende. Aber ist das Wissenschaft? Oder nicht vielmehr ein auf die Dauer ermüdendes, deprimierendes intellektuelles Spiel für Kinder, die nie erwachsen werden wollen? Wird so die Wissenschaft nicht selbst zum Spiel? – Das Gegenteil ist der Fall.

    Die Folgen

    Karl Popper kommt der unermeßliche Verdienst zu, mit seinem Forschungsbeitrag die Philosophie als wissenschaftliche Disziplin in ihrem vollen Umfang gerettet zu haben. Mit seiner Wissenschaftstheorie, die er auf den Punkt und in eine Formel brachte, hat er nicht nur dem philosophischen Denken neue Wege gezeigt, sondern mit seiner Methode des „kritischen Rationalismus“ auch die Sozialwissenschaften, die Physik und die Psychologie neu befruchtet. Folgen seines Denkens sind:
    1) Indem Popper das Schwergewicht seiner Methode nicht, wie vor ihm üblich auf die schlüssige Beweisführung, d.h. die Verifizierung einer Theorie legte, sondern im Gegenteil auf das Erspüren von Fehlern, verschob er entscheidend die Sichtweise wissenschaftlicher Betrachtung. Eine Versuchstheorie gewinnt in Poppers Augen an Wert, wenn sie von sich aus klare Kriterien enthält, die angeben, unter welchen Bedingungen sie Irrtümer aufweist.
    2) Indem Popper jede Theorie als Versuchstheorie auffasst, bekräftigt er die Überzeugung, dass es eine objektive Wahrheit gibt, der wir uns jedoch nur schrittweise durch Vermutungen und Verwerfungen annähern können. Damit verwirft Popper sowohl den Konstruktivismus, der Wahrheit als Erzeugnis zwischenmenschlicher Übereinkunft betrachtet, ebenso wie den Existentialismus, der nur die persönlich gefärbte Wahrheit des Einzelnen gelten lässt. Der Konstruktivismus scheitert als Versuchstheorie zur Lösung von Problemen, weil er das Falsifizierungskriterium umgeht, sich nicht an der mühsamen Suche nach der objektiven Wahrheit, sondern an einem pragmatischen Opportunismus orientiert. Der Existentialismus kann keinen wissenschaftlichen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben.
    3) Die zur Sprachwissenschaft degenerierte analytische Philosophie erweist sich in Poppers Sichtweise gleichfalls als ein Weg des „geringsten Widerstandes“, indem sie ureigenste Probleme der Philosophie in andere Disziplinen verweist. Darüber führte Popper am 14.10.1946 eine heftige Diskussion mit Wittgenstein vor einem erlauchten Publikum im Moral Science Club an der Universität Cambridge. Als ureigenste Probleme der Philosophie benannte Popper in dieser Diskussion z.B. das Unendlichkeitsproblem, das Problem vom Ursprung allen Seins und das Problem der Methode, wie wir lernen und Erkenntnisse gewinnen. Wittgenstein verwies die drei genannten Probleme in die Mathematik, die Kosmologie – als Teil der Physik – und die Lernpsychologie. Als Popper auf die ethischen Probleme zu sprechen kam, brach Wittgenstein die Diskussion erregt ab; er sah darin nur das Problem persönlicher Lebensführung oder juristischer Normengesetzgebung.
    4) Gerade der Ethik hat Popper wissenschaftlichen Rang beigemessen. Aus seiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber jeder Theorie ergibt sich für Popper Duldsamkeit und Wachsamkeit gegenüber jeder Versuchstheorie, also auch einer Theorie der Begründung allgemein gültiger Werte und Normen, als ethisches Grundprinzip. Diese Toleranz beruht nicht, wie beim Konstruktivismus, auf der Annahme, jede Perspektive sei von vornherein gleich gut oder wahr und es gäbe gar keine objektiv wahren Werte, sondern auf der Anerkenntnis der Annahme, jede Theorie, also auch die eigene, enthalte Irrtümer, deren Erforschung sie aber der objektiven Wahrheit näher bringt.
    5) Jedes totalitäre politische System ist, wie jeder totalitäre Versuch der Welt- und Geschichtserklärung, laut Popper als „unwiderlegbar
    aber falsch“ abzulehnen. Zu diesen „unwiderlegbaren, aber falschen Theorien“ zählen nach Popper philosophische Theorien wie Platons Ideenlehre, Hegels Dialektik, die Revolutionstheorie und Geschichtsdeutung eines Karl Marx ebenso wie der Faschismus und – man erschrecke sich durchaus – die Psychoanalyse. Allesamt geben diese Theorien keine Falsifizierungskriterien an, sondern pressen die beobachtbaren Tatsachen in das Schema einer Sinn stiftenden Interpretation. Damit dienen diese Theorien, so Popper, nichts anderem als der Rechtfertigung von schon bestehenden oder herzustellenden Machtverhältnissen. Diese Aussage, Grundessenz von Poppers zweibändigem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, hat nicht nur bei Psychoanalytikern Ärgernis und Widerspruch hervorgerufen. Von der Hand zu weisen ist Poppers Kritik jedoch nicht, macht man sich klar, was er unter essentialistischer oder totalitärer Welterklärung versteht. Dazu ein Beispiel; es stammt von Popper selbst:
    Wenn ich die Theorie aufstelle, es gäbe irgendwo in der Welt ein Allheilmittel gegen Krebs oder einen Diamanten, der doppelt so groß sei wie der größte bisher gefundene, so habe ich es mit einer rational nicht diskutierbaren Behauptung zu tun, denn der Bezugsrahmen für diese Theorie ist total, zu groß gewählt für unsere vorhandenen Forschungswerkzeuge. Gebe ich hingegen einen klaren Bezugsrahmen an, so ist meine Theorie falsifizierbar und damit diskutierbar, etwa wenn ich sage: ich habe hier eine Kiste, die eine bestimmte, abzählbare Anzahl von Diamanten enthält, deren größter doppelt so groß wie der nächst größere in der Kiste ist. Das ist meßbar, das ist nachprüfbar. Der größte Diamant auf der Welt oder das Allheilmittel gegen Krebs hingegen können sich immer gerade dort befinden, wo ich nicht suche. An diesem Punkt setzt auch Poppers Ablehnung der Psychoanalyse, über die er sich dezidiert geäußert hat und scheinbar auch der Reichschen Orgonomie, über die ich keine Äußerung Poppers kenne, an. Darauf gehe ich noch eigens ein.
    6) Mit Hilfe von Poppers Falsifizierungsprinzip konnte der Determinismus in der Physik überwunden werden; Poppers philosophische Überlegungen fanden ihre Bestätigung im Heisenbergschen Unschärfeprinzip. Damit erhielt auch das alte philosophische Problem von Schicksal und Freiheit eine neue Diskussionsgrundlage. Wunderbar nachzulesen ist dies im Kapitel „Über Wolken und Uhren“ in Poppers Buch „Objektive Erkenntnis“. Er stellt in diesem Kapitel die physikalische Welt in den Blick von größtmöglicher Vorhersehbarkeit (Uhren) und größtmöglicher Unvohersehbarkeit (Wolken), bezogen auf das Verhalten dieser beiden Phänomene in der kommenden Minute. Es ist im Licht dieser Betrachtung durchaus spannend zu überprüfen, welcher Seite ich selbst näher stehe und warum dem so ist.
    7) In seinen Diskussionen mit dem Neurophysiologen und Nobelpreisträger für Medizin, Sir John Eccles, dargelegt in dem von Eccles und Popper gemeinsam verfassten Buch „The Self and it´s Brain“ gelang der – vorläufige – Nachweis, dass das Bewußtsein unabhängig vom Nervensystem zu existieren in der Lage ist und sich des Nervensystems lediglich als Werkzeug bedient. Dies widerspricht einer der Grundannahmen Sigmund Freuds. Damit ist zumindest auch in wissenschaftlicher Sicht möglich geworden, eine Fortexistenz des Bewußtseins nach dem physischen Tod, wie sie von vielen Philosophen seit Platon angenommen wurde, rational als Versuchstheorie zu diskutieren.
    8) Poppers Unterscheidung zwischen Welt 1 – 2 – 3 ermöglicht ein tieferes Verständnis der Wechselwirkung von Körper und Geist und auch der Entstehung widersprüchlicher Interpretationen von Fakten. Unter Welt 1 versteht Popper die Welt der materiellen Gegenstände, unter Welt 2 die seelischen und geistigen, bewußten wie unbewußten Vorgänge und unter Welt 3 im platonischen Sinn die ewigen Werke des Geistes und der Kunst. In diesem Augenblick der Lektüre dieses Essays wirken Papier und Buchstabenanordnung der Bukumatula mit der Sitzgelegenheit und den Klimaverhältnissen, auf der und unter denen dieser Aufsatz gelesen wird (Welt 1) mit der Philosophie Poppers (Welt 3) auf die Welt 2, nämlich die zunehmenden Lust- und Unlustempfindungen, die Erschöpfungs- oder Belebungszustände, möglicherweise von Zahnschmerzen begleitet, meiner Leserinnen und Leser unmittelbar ein. Die Resultate der Lektüre werden durch dieses Zusammenwirken erzeugt, gleichviel, ob die Bukumatula nun zornig an die Wand geklatscht, resigniert bei Seite gelegt oder mit Entzücken weiter gelesen wird.
    9) Wir lernen, so Popper, nicht durch Induktion, also durch Erfahrung und vom Hörensagen. Als kritischer Rationalist sah Popper den Lernprozess und jeden wissenschaftlichen Erkenntniszuwachs als Verknüpfung rationaler Überlegungen mit blitzartigen Einfällen, als Verknüpfung von nicht unmittelbar zusammenhängenden Elementen an. Ein nicht von Popper sondern von mir gewähltes Beispiel mag dies illustrieren. Jahrelang hatte sich der ungarische Ingenieur Lázlo Biró über seine kratzende Schreibfeder und die stets abbrechenden Bleistifte geärgert, bis er eines Tages seine Tochter beim Murmelspiel beobachtete: die Murmel rollte durch eine Pfütze und hinterließ auf dem Asphalt eine lange, flüssige Spur. Aus der Verknüpfung dieser Beobachtung mit den Überlegungen zur Verbesserung seines Schreibgerätes entstand der Kugelschreiber. Tausende von Menschen haben vor Biró Murmeln durch Pfützen rollen sehen und sich über Schreibfedern, die kratzen, geärgert, aber durch die blitzartige, intuitive Verbindung der Beobachtung mit der zuvor von dem Ingenieur geleisteten Gedankenarbeit wurde die Erfindung geboren. Diese Betrachtung überwindet den uralten Gegensatz von rationaler und empirischer Methode und führt zu einem neuen Verständnis der Intuition.

    Popper und Reich – zwei österreichische Versuchstheorien

    Die Psychoanalyse gehörte für Popper, wie gezeigt, zu den unwiderlegbaren, aber falschen essentialistischen Theorien. Wilhelm Reichs Orgonomie scheint Popper nicht begegnet zu sein. Es ist die Aufgabe, die ich mir selbst gestellt habe, diesen Essay mit einer Betrachtung der Orgonomie im Lichte des kritischen Rationalismus, insoweit ich beide Theorien richtig verstehe, zu beschließen. Damit setze ich zwei österreichische Versuchstheorien, wie zu Beginn zwei Exillebensläufe zweier Österreicher des vergangenen Jahrhunderts in einen Bezug, den ich bisher noch nicht vorgefunden habe, der mir aber mehr als nützlich erscheint.
    Reichs P1 war: wie gelingt es, seelische Krankheiten wirkungsvoll und nachhaltig zu heilen? Er übernahm die VT Freuds, dass alle seelischen Erkrankungen auf eine Störung in der sexuellen Entwicklung eines Menschen zurück gehen. Er übernahm auch das von Freud zusammen mit dieser Theorie vorgelegte therapeutische Verfahren. Als sich zeigte, dass die Psychoanalyse in vielen Fällen nicht die gewünschten Heilungserfoge zeitigte, stellte sich das Problem der Fehlerelimination. Sándor Ferenczi (1873-1933), einer von Freuds treuesten Paladinen, versuchte eine solche Fehlerelimination im methodischen Vorgehen, nämlich im Durchbrechen der Abstinenzregel und wurde dafür von Freud scharf zurechtgewiesen. Freud selbst legte im Jahr 1929 in seiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ eine modifizierte neue Versuchstheorie vor, in der er den Todestrieb als Ergänzung zum Sexualtrieb einführte. Diese neue Theorie wurde von Reich schroff verworfen. Popper hätte ihn, jedoch aus einer ganz anderen Sichtweise heraus, entschieden unterstützt.
    Die Psychoanalyse im ursprünglichen wie modifizierten Entwurf gibt nämlich kein Falsifizierungskriterium an. Ein solches würde nach Popper darüber Aufschluß geben, unter welchen Bedingungen, bei welchen oder bei wie vielen therapeutischen Fehldiagnosen und meßbaren Therapiemißerfolgen die Theorie zu modifizieren oder gar ganz aufzugeben sei. Der Vorwurf, den, wie eingangs gezeigt, der 17-jährige Popper Alfred Adler machte, trifft auch Freud: mit dem diagnostischen Handwerkszeug der Psychoanalyse kann jede, absolut jede gesellschaftliche oder individuelle Äußerung und Handlung in ein Interpretationssystem gebracht und durch einen bestimmten Vorrat an Fachbegriffen beschrieben und erläutert werden. Die Fachbegriffe sind nicht eindeutig wie physikalische Formeln; messbar und naturwissenschaftlich oder soziologisch nachprüfbar sind diese Beschreibungen im Sinne von Poppers „Logik der Forschung“ nicht. Der Todestrieb ist, wie Freud selbst bekannte, nichts als eine Hypothese. Man kann damit vom II. Weltkrieg bis zum Erfurter Massaker im April dieses Jahres alle Arten von Destruktion erklären. Wissenschaftlich gewonnen ist damit nichts.
    Reichs Suche den Fehlern in Freuds Theorie führte ihn zu seinem neuen Problem 2: wenn es nicht gelang, seelische Erkrankungen nachhaltig auf dem Weg der Analyse, also durch das therapeutische Gespräch zu heilen, oder wenn dies nur in Einzelfällen und in bestimmten Bevölkerungsschichten gelang, woran konnte das liegen? Reichs Vermutung, aus therapeutischer Beobachtung gewonnen, war, dass der Körper über eine eigene Weisheit und eine eigene Erinnerung jenseits der Worte, also jenseits der Grenze des analytischen Gesprächs verfügt. Davon ausgehend stellte Reich seine neue Versuchstheorie auf: die der muskulären Panzerung und die damit verbundene Therapieform der Vegetotherapie. Reich war sein ganzes Leben hindurch bemüht, Fehler aus seiner Theorie zu eliminieren. Dieses Streben nach Fehlerelimination führte ihn zur Entdeckung der Bione und der Orgonenergie.
    Er legte seine Forschungsergebnisse renommierten Wissenschaftlern wie Professor du Teil von der französischen Akademie der Wissenschaften vor, so lange Reich in Norwegen lebte und arbeitete, und Albert Einstein, als er in den USA war. Reich gab exakte Falsifizierungskriterien an, unter denen er seine Theorie über die Entstehung der Bione und die Auswirkungen der Orgonenergie verändern oder zurückziehen müsste. In dem Briefwechsel mit den beiden genannten Wissenschaftlern stehen nicht vieldeutige Begriffe wie der Oedipuskomplex oder der Todestrieb zur Diskussion, sondern naturwissenschaftlich diskutierbare Phänomene wie die Brownsche Molekularbewegung als mögliche Erklärung der Plasmazuckung oder die physikalische Erklärung der Temperaturdifferenz im Orgonakkumulator zur Raumumgebung.
    Daraus entstanden neue Probleme, die Reich im Oranurexperiment von 1951 überprüfen wollte, mit verheerendem Ergebnis, wie wir wissen: die Vermutung Reichs, dass die Orgonenergie die Atomenergie neutralisieren würde, bewahrheitete sich nicht, im Gegenteil, die Uranstrahlung wurde im Orgonakkumulator um ein vielfaches verstärkt, Reich und seine Tochter Eva erkrankten in Folge des Experiments schwer und das gesamte Gebiet von Reichs Forschungszentrum in Rangeley wurde verseucht. Reich war freimütig genug, die Fehlerhaftigkeit seiner Überlegungen zuzugestehen und weiter zu forschen. Mit Hilfe der Klimaforschung versuchte er nun in einem neuen Forschungsansatz die Probleme zur Erklärung der Wirkung der Orgonenergie zu lösen. Ich finde es in höchstem Maße faszinierend zu beobachten, wie aus Reichs ursprünglicher Versuchstheorie, die sich auf die psychotherapeutische Behandlung seelisch kranker Menschen bezog, nach und nach eine biophysikalische und klimatologische Theorie wurde. In diese biophysikalische Theorie von der Entstehung und Wirkung der Orgonenergie wurde von Reich seine medizinische Theorie zur Entstehung der Krebsbiopathien und deren Heilung eingebettet. In seiner Beschreibung der Anwendung der Orgonenergie bei krebskranken Patienten gab Reich ganz exakte statistische Zahlen an und legte sie der Food-and-Drug-Administration vor. Diese Zahlen sind Falsifizierungskriterien im Sinne Poppers: denn bei bestimmten Prozentzahlen kann man von Heilungserfolgen nicht sprechen oder muß die Mißerfolge, die wieder ein neues Problem darstellen, durch einen neuen theoretischen Ansatz erklären.
    Die gesamten letzten 30 Jahre des Wirkens von Wilhelm Reich halten meines Erachtens der wissenschaftstheoretischen Kritik Poppers absolut stand. Reichs Forschungen stehen ganz und gar auf der von Popper beschriebenen Basis von wissenschaftlicher Diskutierbarkeit, d.h. rationaler Überprüfbarkeit von Forschungsansätzen. Gegenüber der Reichschen Biophysik, Klimatologie, onkologischen Medizin und der Vegetotherapie kann der Vorwurf, es handle sich um unwiderlegbare, aber falsche Theorien, nicht erhoben werden. Im Gegenteil: die mit Reichs Verurteilung 1956 abgebrochene Diskussion seiner Theoriebildung ist noch gar nicht in dem Ausmaß erfolgt, das sie verdiente, das aber der Gentechnologie, der Kernphysik, der Palliativmedizin oder der Tiefenpsychologie durchaus zugestanden wird.
    Darauf sollte aufmerksam gemacht werden! Wer anders als das Wilhelm-Reich-Institut, wer anders als die Leser der Bukumatula ist dazu berufen? Der kritische Rationalismus Sir Karl Raimund Poppers bietet, wie ich hoffe aufgezeigt zu haben, eine philosophische Grundlage für die Grundlagenforschung, die Wilhelm Reichs Herzensanliegen war. Die Verankerung von Reichs wissenschaftlicher Arbeit in dieser Grundlage bietet die Möglichkeit einer klaren Abgrenzung und zu einer Wertsetzung gegenüber psychologischen und psychotherapeutischen Theorien, die der „Logik der Forschung“ nicht Stand halten. 45 Jahre nach seinem Tod halte ich die Zeit für mehr als gekommen, nicht durch einen Gnadenakt des amerikanischen Präsidenten, sondern durch einen Rehabilitierungsakt von Seiten der Wissenschaftler, Wilhelm Reich vom Makel esoterischen Spinnertums, der ihm immer noch anhaftet, zu befreien. Als einen solchen wissenschaftlichen Rehabilitierungsakt auf der Grundlage der Fachdisziplin der Philosophie, für die ich hier spreche, verstehe ich meinen hier vor-gelegten Essay.
    Reich starb für seine Theorie. Es ist eine Theorie, auf deren Grunde Liebe, Arbeit und Wissen gedeihen, weil sie dieser dreifaltigen Quelle entspringt. Es ist eine Theorie, die Menschen heilt, die unsere kranke Umwelt heilen kann und durch die mehr Menschlichkeit möglich wird. „Theorien sollen sterben, nicht Menschen oder Menschlichkeit für eine Theorie.“ Das war die Quintessenz des Denkens von Karl Popper, sein Vermächtnis an uns, das Vermächtnis eines leidenschaftlichen Verfechters wissenschaftlicher Theoriebildung. Sorgen wir dafür, dass, wenn schon der Mensch Wilhelm Reich an seiner Theorie zu Grunde ging, Menschlichkeit und Menschen gerettet und beschützt werden können, indem seine Theorie, und zwar nicht im wissenschaftlichen Abseits, weiterlebt.

    _________________________

    Literaturempfehlungen:
    Ich habe mich in meinem Essay insbesondere auf folgende Werke Wilhelm Reichs und Karl Poppers bezogen:

    Wilhelm Reich:
    1) Charakteranalyse (1933)
    2) Der Krebs. Die Entdeckung des Orgons (1948)
    3) Jenseits der Psychologie (Tagebuchaufzeichnungen Reichs aus den Jahren 1934-1939 im skandinavischen Exil, in denen es um die Bionexperimente geht, darin auch um den Briefwechsel mit Prof. du Teil)
    alle erschienen im Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln

    4) Die Bionexperimente (1938)
    5) Das Oranur-Experiment I (1951) und II (Nachwirkungen) (1956)
    erschienen im 2001-Verlag, Frankfurt/Main

  • Kommentare deaktiviert für 2/02, Eberhard Krumm: Die Orgonomie: P1 – VT – FE – P2
  • Kategorie: 2002
  • Kritik und Antwort auf Bernhard Harrers Artikel: „Die Orgonenergie nach Wilhelm Reich – und was daraus geworden ist. – Persönliche Anmerkungen zu Wilhelm Reichs Orgontheorie zwischen wissenschaftlicher Überprüfung und Vermarktung.“

    Vorwort:

    Vor mehr als 12 Jahren begann ich, meine Vorbereitungen für meine Diplomarbeit im Fach Psychologie zu konkretisieren und schaute mich für ein geeignetes Thema um. Die Wahl fiel auf eine psychologisch-physiologische Untersuchung der Auswirkungen des Orgonakkumulators (OA) auf eine Gruppe unwissender Versuchspersonen im sog. Doppel-Blind-Versuch. Ich hatte gerade auch das Buch von Gebauer und Müschenich gelesen, die an der Uni Marburg eine solche Studie als Diplomarbeit durchgeführt hatten. Doppel-Blind heißt, dass im speziell angewendeten Versuchsdesign weder Versuchspersonen, noch Versuchsleiter über den Sinn und Zweck der Untersuchung wissen. Dazu kommt eine weitere Sitzung der Testpersonen in einem optisch identen Kontrollkasten (KK).
    Im Zuge der Vorbereitungen hatte ich mit einem in Berlin lebenden Grazer, eben Bernhard Harrer Kontakt aufgenommen. Ich weiß nicht mehr, wer ihn mir empfohlen hat, aber im Zusammenhang mit meiner Kontaktaufnahme stand der Hinweis, dass Harrer sich gut mit Messelektronik auskennen würde. Ich rief ihn an, und er zeigte sich an meiner wissenschaftlichen Untersuchung zum OA interessiert. Wir hatten über längere Zeit einen regen Austausch bezüglich des Baus von Messgeräten für orgonomische Experimente. Die erste Reihe an Geräten fiel ziemlich ins Wasser: Wir hatten dabei viel Zeit verloren, denn von den 6 verschiedenen elektronischen Schaltungen (Atem, Puls, Hautwiderstand, Hautpotential, Muskelspannung, Temperatur) funktionierte nur eine, das Temperaturmodul. Ich sah mich dann doch auf dem professionellen – und auch teuren – Messgerätemarkt um. Durch einen glücklichen Zufall gelangte ich zu einer in Mödling ansässigen Firma, die neben allerlei psychologischer Tests und medizinischen Gerätschaften auch Biofeedbackgeräte herstellte und vertrieb. Die erforderlichen Messplatinen wurden mir freudlicherweise von der Fa. Schuhfried zur Verfügung gestellt, tlw. sogar mit entsprechenden Sensoren. Bernhard Harrer wiederum baute die Schaltungen derart zusammen, dass man damit auch Messungen durchführen konnte. Er war sozusagen der Hauptbeteiligte am Bau meiner Messgerätebox.

    Doch das alleine stellte noch keine fertige Messanlage dar. Dies mussten wir einsehen, als nach rund eineinhalb Jahren die von Harrer unterstützte Lösung mit einem AtariST-Computer und billiger Wandlerkarte einfach nicht funktionieren wollte. Die Elektronik-Wandlerkarte, die die Messsignale digitalisieren sollte, damit diese für den Computer lesbar werden, war zu störanfällig, ja lieferte bisweilen Lottozahlen nach dem Zufallsprinzip, aber keine Messdaten.

    Enttäuscht darüber ortete ich nochmals am professionellen Markt eine Wandlerkarte. Bernhard indes war bemüht, sein Atari-Programm auf eine PC-Plattform zu bringen, da ich keinen Atari hatte und auch keinen kaufen konnte. Daran scheiterte er, das Programm lief einfach nicht gut, heute würde man sagen, es war zu „buggy“, hatte zu viele Fehler. Da ich in Wien wohnte, er aber in Berlin, wurde die Distanz zum Hauptproblem. Was wahrscheinlich für uns beide offensichtlich war, musste ich aussprechen: Ich bedankte mich für die Zusammenarbeit und stellte die Schwierigkeiten aus meiner Sicht dar. Ich erklärte ihm, dass ich doch besser in Wien nach einer geeigneten Softwarelösung suchen würde. Was sich logisch ankündigte, war für ihn aber auch sehr enttäuschend. Obwohl die Zusammenarbeit nicht direkt von Erfolg gekrönt war (bis auf die Messbox), konnte ich dennoch viel lernen: z.B. Basic-Programmierung, eine Menge im Bereich der Messtechnik und über Elektronik, so dass beim zweiten Anlauf schließlich alles funktionierte. Aber hier kam es zu einem Bruch in der Beziehung mit Bernhard Harrer, der bestehen blieb.

    Kurze Zeit später wandte ich mich an einen damaligen Arbeitskollegen, der Informatiker war und Erfahrung in der Programmierung meiner zwischenzeitlich gekauften Wandlerkarte hatte. Er baute mir ein Rohprogramm, das ich – inzwischen Basic-Programmierer geworden – für meine speziellen Messvorhaben adaptierte. Bingo – es funktionierte! Nun konnte ich beginnen, erste Vorversuche zu machen. Nach ca. 2 ½ Jahren an Vorarbeit machte ich meine Messungen für die Diplomarbeit, schrieb die Ergebnisse auf 400 Seiten nieder und schloss mein Studium ab.

    Wir – Bernhard und ich – hatten bis dahin kaum, danach so gut wie keinen Kontakt mehr. Jedenfalls tüftelte er an seiner Atari-Messanlage weiter herum und arbeitete später damit an einem von der Wilhelm-Reich-Gesellschaft in Berlin mitgesponserten Projekt über den Nachvollzug der orgon-biophysikalischen Experimente Reichs, mit. Die Zeit verstrich und Bernhard veröffentlichte eine Reihe von Artikeln in Zeitschriften und im Internet zu seinen Untersuchungen.
    Im wesentlichen will ich mich hier auf einen im Internet abrufbaren Artikel von Bernhard Harrer beziehen, der vor allem den Nachvollzug der Reichschen Orgonakkumulator-Experimente zum Inhalt hat
    (http://www.datadiwan.de/netzwerk/index.htm?/harrer/ha_003d2.htm; auch die folgenden kursivschriftlich gekennzeichnete Zitate stammen aus dieser Arbeit).

    In diesem Artikel zitierte Harrer auch meine Arbeit über den Orgonakkumulator (Hebenstreit 1995). Jedoch gab er Ergebnisse aus meiner Arbeit falsch oder in falschem Zusammenhang wieder.
    Ich schrieb ihm eine Richtigstellung der von ihm verwirrend und verfälscht wieder gegebenen Untersuchungsergebnisse. Dabei wandte ich mich direkt an das dafür richtige Diskussionsforum der o.a. Homepage. Da – nach zweimaliger Übermittlung – meine Darstellung nicht publiziert wurde, möchte ich nun endlich das längst Fällige nachholen. Auf den folgenden Seiten möchte ich Harrers Argumente kritisch beleuchten und über meine Schlussfolgerungen aus diesem Prozess der Auseinandersetzung mit Harrers Artikel schreiben.
    Für mich fand die Auseinandersetzung mit dem Thema auf mehreren Ebenen statt: Sie konnte mir erhellen, in welcherlei Sackgassen man bei der Auseinandersetzung mit Reichs Thesen und Konzepten zur Lebensenergie geraten kann. Ich setzte mir zum Ziel:

    1. Kritik der experimentellen und inhaltlichen Ebene:
    Bezugnahme auf die Argumente Harrers

    2. eine sexualökonomische Kritik von Harrers Argumenten

    3. Aufzeigen der wissenschaftstheoretischen Position Harrers und seiner „immanenten“ Kritik; dies soll vor allem in Bezugnahme zu Reichs Erkenntnisansatz des sog. Orgonmischen Funktionalismus untersucht werden.

    Den vierten Punkt „Schlussfolgerungen für die Erkenntnis- und Forschungsmethode des energetischen bzw. orgonomischen Funktionalismus“, reiche ich zu einem späteren Zeitpunkt nach.

    Lassen wir zu Beginn Bernhard Harrer selbst seine Motive für seine Arbeiten darstellen:

    „In den Jahren 1990 bis 1994 analysierte und reproduzierte eine Arbeitsgruppe an der Freien Universität Berlin fast alle der biophysikalischen Experimenten von Reich.“

    Angezogen von Reichs naturwissenschaftlicher Auffassung und seinen wissenschaftlich formulierten Konzepten, wollte er – wie einleitend bemerkt – den Versuch unternehmen, Reich auf diesem Weg zu folgen:

    „Gerade dieser Ansatz einer physikalischen Messbarkeit von Lebensenergie war es, der mich persönlich an Reichs Arbeit am meisten faszinierte.

    Dieser vorliegende sowie weitere Texte beruhen auf den Erfahrungen, die ich in den Jahren 1990 bis 1994 während meines Meteorologiestudiums an der Freien Universität Berlin (FU-Berlin) als Initiator und Leiter der ‚Arbeitsgruppe Orgon-Biophysik‘ gesammelt habe. In dieser Zeit wurden fast alle biophysikalischen Experimente Reichs unter kontrollierten Versuchsbedingungen und mit moderner Messtechnik nachvollzogen.“ (Hervorhebung Günter Hebenstreit)

    Er habe dadurch, dass er die Ergebnisse seit 1992 dann auch veröffentlicht und in Vorträgen bekannt gemacht hat, „Reichs Forderung nach systemimmanenter Kritik“(ebd.) erfüllt.

    Wie wir sehen werden, ist Harrers Interpretation von Reichs Forderung nach „systemimmanenter Kritik“ nicht ausreichend. Reich hat sehr deutlich und an mehreren Stellen in seinem Werk Hinweise zur Durchführung von orgonomischen Experimenten gegeben (siehe z.B.: Der Krebs; Die Bione; Orgonomic Diagnosis of Cancer Biopathy; Äther Gott und Teufel; die Artikelserie „Orgonomic Functionalism“ – veröffentlicht im „Orgone Energy Bulletin“): Und zwar, dass der Versuchsleiter mit seiner Motivation und seinen Gefühlen eine wesentliche Rolle beim Durchführen der Experimente spielt, bzw. dass die Reflexion der eigenen Gefühle mit zum Experiment gehört.

    Also ist die Absicht, „streng kontrolliert“ zu experimentieren und mit genauen Messgeräten zu arbeiten eine wesentliche, aber noch keine hinreichende Voraussetzung für das wissenschaftlich-orgonomische Arbeiten!

    „Abgeleitet von den Begriffen Orgasmus und Organismus nannte Reich diese Energie ORGON. Er schrieb ihr ausdrücklich physikalische Eigenschaften zu und veröffentlichte etwa 20 Meßexperimente, mit denen er seine Theorie zu untermauern versuchte.“

    Harrer vergisst, dass Reich zwischen der Methodik und Wissenschaftlichkeit der primordialen Biophysik des Orgons und jener der mechanistischen Physik unterscheidet. Letztere bezieht sich auf die materiellen Gegebenheiten der zumeist anorganischen Welt. Hier stehen einander zwei verschiedene Paradigmen, zwei unterschiedliche wissenschaftliche Weltbilder gegenüber. Wissenschaftlich betrachtet, lassen sich solche Weltbilder nicht direkt bestätigen oder widerlegen, sondern nur deren Konzepte und Thesen.

    So weit so gut. Die Conclusio Bernhard Harrers aus seinen vielen Untersuchungen lautet:

    „Wenn es eine meßbare spezifische Lebensenergie geben sollte, so ist Reich ihr Nachweis leider nicht geglückt.“ … und:

    „Diese Erkenntnis wurde durch die Analyse aller von Reich hierzu veröffentlichten Texte bestätigt.“

    Warum, das führt er folgendermaßen aus:

    „Im baugleichen Nachvollzug der Experimente konnten tatsächlich die selben Phänomene beobachtet werden, wie sie von Reich beschrieben wurden. Die Analyse der Versuchsdesigns und der Einsatz moderner Meßtechnik zeigte jedoch, daß alle auftretenden Phänomene durch klassische physikalische Effekte erklärbar sind. Ein Hinweis auf eine spezifische Lebensenergie konnte nicht gefunden werden. Die Untersuchung von Reichs Originalgeräten im Wilhelm Reich Museum in Rangeley, USA, brachte gravierende Mängel der von ihm verwendeten Meßtechnik zu Tage und ließ vermuten, daß Reich sich nicht genügend in Grundlagen und Methodik der experimentellen Physik insbesondere der Meßtechnik eingearbeitet hatte, um die von ihm beobachteten Effekte in geeigneter Weise zu interpretieren. An mehreren Stellen konnte gezeigt werden, daß Reich durchgehend Meßfehler und Experimentator-Effekte unterliefen. Entsprechend erscheint die von ihm aus den Experimenten abgeleitete Theoriebildung unhaltbar.“ (Hervorhebung G. Hebenstreit)

    Harrer belegt Reichs Orgonthese nun mit dem Stigma des „Nicht mehr aktuell Seins“:
    „Nach jahrelanger naturwissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Thema der Lebensenergie halte ich persönlich Reichs Orgontheorie für überholt. Ich sehe in ihr den Ausdruck einer Sackgasse, in die man leicht gerät, wenn die Präzision naturwissenschaftlichen Forschens und die Kritikfähigkeit zu kurz kommen.“

    Ich schwankte lange Zeit hin und her zwischen ignorieren und Stellung nehmen. Ignorieren stellte mich nie wirklich zufrieden, ich war immer wieder irritiert, wenn ich den Namen Harrer hörte. Somit wurde mir klar, dass es besser sei, die Mühe auf mich zu nehmen und die Aussagen Harrers detailliert zu kritisieren, als dieses Unbehaglichkeitsgefühl weiter mit mir herumzuschleppen.

    Einerseits schreibt Bernhard Harrer, dass er die selben von Reich beschriebenen Effekte beobachten konnte. Andererseits habe Reich Experimentatorfehler begangen und mit Geräten gearbeitet, die der heutigen Technik nicht entsprechen und die darüber hinaus noch mit Messfehlern behaftet bzw. „kaputt“ waren. Das alles soll ein wirkliches und verlässliches Messen unmöglich machen, denn hier lägen gravierende Mängel vor. Wenn aber Harrer die von Reich gemessenen Effekte auch beobachtet hat, was bedeutet das dann? Womit hat denn Bernhard Harrer gemessen?

    Was Messfehler, was Experimentatorfehler und was ein verlässliches Messen bedeutet, wird durch das jeweilige theoretische Konzept definiert. Harrer orientiert sich ausschließlich an den Konzepten der herrschenden mechanistischen Wissenschaft über Messbarkeit und den Festschreibungen, was Messung und was „Messfehler“ und „Fehlerquellen“ sind. Gerade aber dort, wo „Meßfehler“ definiert werden, bedeutet diese Be-Grenzung auch das Sichtbarwerden der Grenzen des Erklärungsvermögens der jeweiligen Theorie.
    Der Forscher und noch stärker die „Scientific Community“ definieren, was das zu Messende sein soll und was Messfehler sind. So halte ich Harrers Versuch, Reichs Theorie ausschließlich unter dem Blickwinkel der mechanistischen Physik oder Medizin zu betrachten für seinen persönlichen Kardinalfehler. Was im Konzept nicht implizit möglich ist, das findet der Forscher in den Untersuchungsergebnissen nicht wieder!
    Vielmehr hätte Harrer die z.T. mühevolle Arbeit des Beziehungen-Herstellens zwischen den Konzepten auf sich nehmen müssen, wenn er einerseits Reich gerecht werden will und seine Konzepte auch im Rahmen der experimentellen Physik so gut wie möglich verstehen möchte. Schließlich brächte diese Herangehensweise mehr Transparenz und, was noch viel wichtiger ist, die Möglichkeit, Neues zu erkennen und zu beschreiben.

    Letztlich ist auch unser heutiges Weltbild, das durch die mechanistischen Wissenschaften vermittelt wird, in der Praxis genauso relativ (und unsicher), wie das von Reich präsentierte Orgonmodell. In dieser Unsicherheit leben wir Menschen ungefragt. Nicht das „Was“, sondern das „Wie“ bestimmt unser Handeln.- Kommen wir jetzt zu den Details, zu den einzelnen Kritikpunkten Harres.

    Es wird heiß im Orgonakkumulator I.

    „Der Orgonakkumulator ist ein enger Kasten aus verzinktem Eisenblech, der nach außen hin wärmeisoliert ist und nur durch eine kleine Öffnung einen geringen Luftaustausch mit der Umgebung erlaubt. Man betritt ihn im allgemeinen nackt und nimmt darin eine aufrecht sitzende Position ein.“

    Ein Orgonakkumulator (OA) muss nicht „eng“ sein. Die Betonung des „engen“ Kastens ist die Vermittlung eines subjektiven Eindrucks, der bedeuten könnte: „Jetzt wird´s aber eng.“ – In der Orgonomie deuten wir dies als einen Ausdruck von biophysikalischer Angst.
    Die Beschreibung könnte ja auch so oder ähnlich lauten: „Ein kleiner, kuscheliger oder angenehm entspannender Kasten, der einen wärmt und wo man sich nachher gut `aufgeladen´ fühlt.“ Aber warum eng? Eng ist keine objektive Beschreibung (auch nicht im Sinne der experimentellen Physik), sondern suggeriert Angst im Sinne einer biophysikalischen Kontraktion. Reich hat immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, zwischen Beobachtung und Interpretation zu unterscheiden.- So leicht kann ein derartiger Fehler trotz beteuerter Wissenschaftlichkeit und Unvoreingenommenheit passieren!

    Und dann geht das noch mit Nacktheit einher! Da ist bestimmt eine Schweinerei im Gange. Schämt Euch, Ihr „überholten“ Reichianer! Weiß Bernhard Harrer nicht, dass der OA auch wirkt, wenn die Testperson leicht bekleidet in den OA geht, sofern die Person nicht dicke Pullover und Mäntel trägt? Sogar dann wirkt der OA noch, jedoch langsamer. Erstaunlich, dass aufeinanderfolgend Angst und Nacktheit suggeriert werden.

    Harrer fragt sich: „Warum erleben nun Menschen darin spezifische Wärmeempfindungen?“

    Er führt dabei die Diplomarbeiten von Müschenich und Gebauer (1987) und meine (Hebenstreit 1995) an. Diese Studien zeigen …

    „… einen signifikanten Unterschied zwischen einem Orgonakkumulator und einer Vergleichskiste, allerdings ohne wirklich zu verstehen, wie dieser Unterschied zustande gekommen sein kann: Durch die Wärmeabgabe des Körpers von etwa 140 Watt in Ruheposition (entspricht etwa zwei Glühbirnen) erhöht sich im Inneren die Lufttemperatur, und durch die Feuchte von Haut und Atem nimmt auch die Luftfeuchtigkeit zu.“

    Nach H.V. Ulmer (S. 652, in Schmidt Thews – Hrsg. – Physiologie des Menschen, 24. Auflage, Springer, 1990) bedeuten 150 Watt Energieabstrahlung bereits den Zustand kontinuierlicher Arbeit. Der Ruheumsatz eines 70 kg schweren Menschen wird mit ca. 76 Watt bei Frauen und 84 Watt bei Männern beschrieben, ist also auch vom Körpergewicht abhängig. Der Freizeitumsatz liegt zwischen 97 Watt (bei Frauen) und 110 Watt (bei Männern). Und das Sitzen im Orgonakkumulator ist eben eine Ruhetätigkeit, das tut man in der Freizeit, bedeutet also keine Arbeit! Hier sind die zitierten 140 Watt zu unspezifisch und zu hoch gegriffen.

    Warum die Erhöhung der Feuchte von Haut und Atem sowie der Luftfeuchtigkeit wichtig sein sollten, verrät Bernhard Harrer nicht. In den zitierten Doppel-Blind-Studien sind nämlich die Atemfeuchte und Luftfeuchtigkeit für die beiden baugleichen Kästen (OA und KK) als in etwa gleich anzunehmen. Anders würde die Sache aussehen, wenn man sich auf ein orgonomisches Konzept bezieht, das die Verlangsamung der Wasserverdunstungsgeschwindigkeit im OA (James De Meo: Orgone Energy Handbook) beschreibt. Hier könnte ein potentieller Effekt messbar sein. Auf diese Idee scheint Harrer aber nicht gekommen zu sein.

    Weiters kritisiert Harrer die Belüftung der Kästen:

    „Durch die Enge des geschlossenen Kastens sinkt die Luftbewegung gegen Null.“

    Sichtlich ist Bernhard Harrer entgangen, dass zumindest in meiner Studie (Hebenstreit 1995) sowohl der Orgonakkumulator, als auch der eingesetzte Kontrollkasten neben einem Fenster (20 X 25 cm) auch an der Ober- und Unterseite der Türe einen Lüftungsspalt von ca. 6 X 78 cm hatten. In der Studie von Gebauer und Müschenich gab es bei beiden Kästen (Orgonakkumulator und Kontrollbox) ein relativ kleines Fenster mit 15 X 12 cm ohne zusätzliche Lüftungsspalten. Also von wegen „keine Bewegung“ der Luft (für die Orgonomie eher bemerkenswert, da man vom mechanistischen Standpunkt aus meinen könnte, eine veränderte Luftzirkulation hätte doch einen Einfluss auf Temperatureffekte im OA). Die Luftbewegung ist in beiden Studien unterschiedlich und hätte eventuell die Messungen beeinflussen können. Bei BEIDEN Untersuchungen gab es jeweils deutliche und signifikante Temperaturunterschiede trotz unterschiedlicher Belüftung! Diesen Umstand erwähnt Harrer undifferenziert und führt ihn falsch an.

    Die physikalische Wärmebewegung setzt sich aus der Wärmekonvektion und Wärmekonduktion zusammen. Konvektierte Wärme bedeutet, dass sie vom warmen Körper abgestrahlt wird. Dabei pflanzt sie sich als Wärmewelle bzw. als elektromagnetische Welle fort („Infrarot-Strahlen“). Diesen Teil beschreibt Harrer auch in seiner Kritik am Orgonakkumulator.

    Harrers Sichtweise zu Folge würde die durch die „Enge“ entstandene Wärme vom Menschen abgestrahlt, an den Wänden reflektiert und wieder an die Körperoberfläche des Menschen im OA zurückgeworfen werden, dann wieder abgestrahlt, auf den Organismus zurückgelenkt, dann wieder von diesem zurückgestrahlt, usw. Dabei häuft sich im Laufe von einigen Minuten viel Wärme an, die zwischen Organismus und Metallwand hin und her pendelt. Im vorliegenden „entorgonisierten“ Modell Harrers müsste eine mechanische Wärmequelle, z.B. eine Glühbirne im OA eine wesentlich steilere Temperaturkurve erzeugen und eine höhere Endtemperatur erreichen als in einem baugleichen Kontrollkasten (KK), denn nur der OA besitzt die wärmereflektierenden Metallwände an der Innenseite. Der KK hingegen hat statt der Metallwände eine Hartfaserplatte aus Holz mit darunter liegender Wärmedämmwolle. Da dieses Modell Harrers aber in der experimentellen Überprüfung versagt, ist anzunehmen, dass er sein Erklärungsmodell gar nicht einer experimentellen Untersuchung unterzogen hat, sondern bloß drauf los vermutet hat.
    Ich selbst habe unter http://www.wilhelmreich.at/ im Science Corner unserer Homepage (Hebenstreit 2001: „Die Thermodynamik des Orgonakkumulators“) anhand dreier Versuche ausführlich dargestellt, dass OA und KK ein sehr ähnliches mechanisches thermodynamisches Verhalten an den Tag legen.

    Als Vorversuch zu meiner Diplomarbeit untersuchte ich mit meiner Messanlage das mechanische thermodynamische Verhalten der beiden Kästen in 3 Schritten: In verschieden langen Aufwärm- und Abkühlungsversuchen, die zwischen 30 Minuten und 3 Stunden dauerten, ließ ich eine 60 Watt Glühbirne im jeweiligen Versuchskasten (OA oder KK) über eine Zeitspanne, die auch eine OA-Sitzung dauern könnte, eingeschaltet. Dann schaltete ich die Glühbirne ab und maß, wie schnell oder langsam die Kästen auskühlten. Bei einem Versuch mit 2 parallelen Messungen verwendete ich pro Kasten eine 60 Watt Glühbirne, machte aber eine Messwiederholung, indem ich nach einer Auskühlungsphase die Glühbirnen der beiden Kästen zur Kontrolle gegeneinander austauschte.
    Als wesentlichstes Ergebnis erhielt ich weitgehend synchrone Temperaturverläufe in der Anwärmphase, wobei der Orgonakkumulator nach Abschalten der Glühbirne deutlich schneller auskühlte als der Kontrollkasten.

    Ein drittes Argument zum physiologischen Wärmeausgleich des Organismus im Orgonakkumulator bezieht sich auf folgende Beobachtungen: Erst im Laufe der Zeit, das heißt nach mehrmals wiederholten Sitzungen im OA pflegen sich beim Organismus allmählich immer deutlicher die bekannten Wärmeempfindungen einzustellen. Reich macht dies abhängig vom Funktionszustand der biologischen Pulsation des Organismus am Beginn der Sitzungsserie.

    Diese Beobachtungen widersprechen Harrers mechanistischer These der Wärmeregulation. Folgt man Harrer weiter in seiner Argumentation, so müsste im Grunde für die Testperson jede Sitzung im OA gleich oder sehr ähnlich sein, schon von der 1. Sitzung an und sollte bei unterschiedlichen Menschen trotzdem ziemlich gleich sein (bis auf den Umstand dass Herr X, weil müde und unterladen – einer 75 Watt-, Frau Y evtl. mehr einer 110 Watt Glühbirne entspricht, weil evtl. überladen). Zumeist jedoch berichten Versuchspersonen über subjektiv sich verstärkende Wärmegefühle und Hitzewallungen im Orgonakkumulator nach einer Anzahl von Sitzungen. Wäre dies ein mechanisches Phänomen, dann wäre dies ziemlich konstant über die Zeit.- Außer Harrer hat auch hier „entorogonisierte“ Erklärungen zur Hand, so führt er z.B. „Suggestionseffekte“, „Placeboeffekte“ oder „Pawlowsche Reflexe“ als „Ersatzerklärungen ohne Orgonenergie“ an.
    Harrer vergisst dabei, dass er sein Heil in den zerteilten Einzelwissenschaften sucht, die ihrerseits um Erklärungen kämpfen, was denn in Wirklichkeit hinter dem Etikett „Placebo“ oder „Pawlowscher Reflex“ steht ….

    Harrer berücksichtigt in seiner Argumentation offenbar nicht den zweiten, sehr wesentlichen Faktor der Wärmeübertragung, den der Wärmekonduktion: die Wärme pflanzt sich direkt in festen oder flüssigen Medien fort, seien dies nun organische Gewebe, Flüssigkeiten oder feste Stoffe, wie hier eben Holz- oder Metallplatten. Auch an der Metallplatte des OA findet eine solche Wärmeweiterleitung ins Innere der Kastenwand statt. Nur ein Teil der Wärme des Organismus bleibt dadurch im Inneren des Kastens.

    Mensch = Glühbirne?

    Kann man bei Mensch und Glühbirne im Orgonakkumulator ein gleiches thermodynamisches Verhalten beobachten? Aufgrund der statistisch signifikanten Unterschiede im Menschenversuch (Gebauer& Müschenich 1985 und Hebenstreit 1995) ist diese Frage zu verneinen: Glühbirnen „verhalten“ sich im Vergleich der Temperaturkurven im OA und im Kontrollkasten anders als der menschliche Körper! Verursachen Organismen im Vergleich zu mechanischen Wärmequellen doch eine andere Thermodynamik im OA? In Harrers mechanischem Argumentationskonzept fände solch eine orgonomische Hypothese keine geeignete Erklärungsgrundlage.

    Also ist seit dem Stand des Wissens von 1995 folgende Aussage mit Bedenken zu betrachten:

    „Die Wärmeabstrahlung der Haut fällt wieder auf die Haut zurück, denn Infrarotstrahlung wird von Metallblech weitestgehend reflektiert.“

    Harrers Bild ist dabei der nackt im OA sitzende Mensch, denn dieses Modell versagt, wenn die Person angezogen ist. Daher ist diese Aussage einfach unzureichend, weil zu kurz gedacht.
    Vom erkenntnistheoretischen Ansatz her betrachtet versucht Harrer Messergebnisse aus dem Bereich der Psychophysiologie mit mechanistisch-physikalischen Prinzipien zu erfassen, um damit die Orgonthese zu beurteilen. Er vermischt dabei Forschungsgebiet und Forschungsmethode.

    Um zu differenzieren: Zwar lassen sich verschiedenste Temperaturen (der Haut, des Körpers, der Kasteninnenluft, der Kastenwände, etc.) messen, nur muß vom Forschungsstandpunkt her klar sein, dass man damit keine experimental-physikalischen Grundaussagen treffen kann. Und daher geht der Versuch, damit die Orgonthese zu widerlegen ins Leere. Das Geschehen im OA bei lebenden Organismen ist für die mechanische Physik zu komplex und nicht „kontrollierbar“, weil es auch in einem „abgeschlossen“ System stattfindet. In der Orgonomie stellt dieser Umstand kein Problem dar, nur liegen die Problempunkte anderswo.

    In Bezug auf die Wärmestrahlung widerspricht sich Harrer schließlich selbst: Lesen wir seine Argumente über den OA im Zusammenhang mit der Temperaturdifferenzmessung To-T. Unter: http://www.datadiwan.de/harrer/ha_002d2.htm meint er, dass sich das Eisenblech des Orgonakkumulators doch schneller als die Holzoberfläche der Kontrollkiste erwärme, denn das Blech leitet die Wärme schneller als Holz. Also was nun? Da kommen sich Wärmeleitung und Wärmestrahlung in die Quere! Zumindest argumentiert Harrer mal mit diesem Aspekt, mal mit jenem. Nutzt der OA nun die Wärmestrahlung dazu, um sich selber schneller aufzuheizen, oder reflektiert er sie nun schneller, um die darin befindliche Person zu erwärmen (im Vergleich zum baugleichen Kontrollkasten ohne Eisenblech)?

    Die sexualökonomische Kritik zum Thema Wärme im OA

    Regt der OA mit seinen Doppelschichten (Eisenwolle und Isolationsmaterial) das Energiefeld des Organismus an, so führt dies zur bioenergetischen Erstrahlung des Organismus – seines biologischen Kerns, seiner vegetativ-biologischen Peripherie und seines organismischen Energiefelds. Körperlich wird dieser Prozess begleitet von einer Blutgefässweitung, einer sog. Vasodilatation – Wärme wird vom Körperinneren an die Hautoberfläche transportiert. Eine vergrößerte Menge an abgestrahlter Wärme ist die Folge. Geht man von einem rein mechanischen Modell der Wärmekonvektion im OA aus, so lässt sich – auch beim besten Willen – die potentielle Wirkung des OA nicht erfassen, da in diesem Modell das Augenmerk rein auf die Wärmekonvektion begrenzt ist und der evtl. vorhandene „Orgon“-Effekt nicht einmal in die Überlegung der Messbarkeit einfließt. Wie soll sich etwas messen oder erfassen lassen, das nicht einmal in die Überlegungen mit einbezogen wurde? Ein Zufall, dass man dann tatsächlich nichts findet!?

    Orgonomisch gesehen entsteht im Orgonakkumulator ein Pulsationsprozess, der mit einer zentralen Aktivierung beginnt und dann sowohl in die energetische als auch in die vegetative Peripherie mündet, wobei einer der physiologischen Effekte eben die Erhöhung der Hauttemperatur ist.

    Dabei empfiehlt es sich durchaus, mechanische Aspekte der Wärmeleitung und Wärmestrahlung mit in das Untersuchungsschema einzubeziehen; warum nicht, wenn Wissen daraus entsteht? Im Mittelpunkt muss aber die sexualökonomische bzw. orgonomische Fragestellung mit einem sexualökonomischen bzw. orgonomischen Modell an Ursache, Wirkung, Rückwirkung und Wechselwirkung (Funktionsbeziehungen) stehen, wenn die Untersuchung fruchtbar und unvoreingenommen sein soll.

    Harrer reduziert Reichs Orgonomie auf ausschließlich experimentell untersuchbare Teile und ignoriert die Sexualökonomie gänzlich. Dass hinter Orgonomie und Sexualökonomie ein Weltbild steht, das von der Psychologie und Psychoanalyse, der Naturphilosophie und dem dialektischen Materialismus geprägt ist, findet keinen Eingang in seine Versuchsplanung! Meines Erachtens ist dies aber nötig für eine Orientierung und Bezugnahme im Wissenschaftsbereich.

    Die meteorologische Schwüle

    Harrer fährt fort, einen neuen Begriff in die Diskussion einzuführen:

    „Die vier Größen `Temperatur, Feuchtigkeit, Luftbewegung und Wärmestrahlung´ definieren gemeinsam den meteorologischen Begriff der Schwüle, und nach einiger Zeit hat sich im Orgonakkumulator ein Klima eingestellt, das so schwül ist, wie man es sonst nur in den Tropen finden kann.“

    Abb. 1

    Die Abbildung 1, die Harrer von der österreichischen Stromwirtschaft entliehen hat, ist sicherlich technisch zutreffend für Räume mit zumindest mehreren Quadratmetern Fläche und unterschiedlichen Wandtemperaturen. Die Frage ist, ob dieses Schema auf einen „engen“ Raum mit nicht einmal einem Kubikmeter Rauminhalt anwendbar ist, dessen Wände aus Metall und nicht aus Ziegel bestehen und in dem die einzige Wärmequelle der eigene Körper ist. Wo bleiben aber Harrers eigene Messungen? Er führt keine an.
    Der Abbildung zufolge müsste die OA-Innenwand, also die Metallplatte, zu einer Herdplatte mutieren und eben viel mehr Wärme abstrahlen, als im Vergleich dazu die Holz-Innenwand des KK. Dies widerspricht dem Ergebnis meiner „Glühbirnenuntersuchung“.
    Aus der Erfahrung heraus fühlen sich die Metallwände des OA kühl an, was zeigt, dass auch hier das Schema nicht zutrifft: bei einer kühlen Wand des OA würde die Person, die im OA sitzt weniger „Schwüle“ empfinden als im KK.

    Ist sich Harrer bewusst, dass von den 4 Größen, die er hier aufzählt, bei den Studien von Gebauer/Müschenich und meiner eigenen in Bezug auf OA und KK zumindest 2 (Feuchtigkeit und Luftbewegung) in den experimentellen Untersuchungen konstant gehalten wurden? Seinem eigenen Konzept (Vergleichbarkeit von Mensch und Glühbirne) zufolge wäre die Wärmestrahlung in beiden Kästen annähernd gleich. So bleiben von den 4 Größen eindeutig nur die im OA erhöhten Temperaturen übrig. In den Experimenten waren dies die Hauttemperatur des Zeigefingers und des Fußrückens sowie die Körperkerntemperatur der Testperson (Gebauer/Müschenich), zuletzt natürlich auch die Raum-Innentemperatur des OA im Vergleich zum KK.

    Nun die Frage: Was soll dann der Begriff der meteorologischen Schwüle, wenn nach Harrers mechanistischer Argumentation 3 von 4 Größen konstant sind?
    Harrer untermauert mit seinen Vermutungen unfreiwillig das orgonomische Konzept der unterschiedlichen Wirkungsweisen von OA und KK, da die meteorologische Schwüle – auf den OA-KK-Versuch angewendet eine weitgehend konstante Größe darstellt.

    Das Elektroklima und die Schwüle

    „Darüber hinaus ist das Elektroklima in den beiden Kästen sehr unterschiedlich, dessen Bedeutung allerdings schwer einzuschätzen ist. Diese Unterschiede drückten sich in den genannten Studien aus.“

    Hier stimme ich mit Harrer überein, dass noch Studien fehlen, die das Verhältnis der Orgonerregung zur elektrostatischen Ladung des OA aufzeigen könnten. Hier wären z.B. der Einfluss des OA als Faradaysche Käfig-Anordnung mit und ohne Erdung, die elektrostatische Ladung der Luft im Inneren eines OA im Vgl. zur Umgebung etc. von Interesse (alles natürlich im Vergleich zu einem Kontrollkasten mit einer größeren Anzahl an Versuchspersonen bzw. Anzahl von Messungen).
    Aber wie kann Harrer auf der einen Seite die Nicht-Untersuchtheit eines Phänomens aufzeigen, um sie dann im gleichen Satz dazu zu verwenden, die Unterschiede zwischen OA und KK damit zu „erklären“?

    Zu den subjektiven Empfindungen während der Kastensitzungen

    „Bild 1 (Abbildung 1, Anm. Günter Hebenstreit) zeigt, daß Lufttemperatur und Wärmestrahlung gleich bedeutend für das Wärmeempfinden des Menschen sind. Ein Orgonakkumulator, in dem zum Beispiel eine Lufttemperatur von 25 Grad herrscht und in dem ein Mensch mit einer Hauttemperatur von z.B. 32 Grad sitzt, hätte eine Wärmerückstrahlung auf den Körper, die einer Wandtemperatur nahe 30 Grad entspricht. Bild 1 verdeutlicht, daß diese Situation im allgemeinen als zu warm empfunden wird. Erhöhte Luftfeuchtigkeit und fehlende Luftbewegung verstärken diese Wahrnehmung noch weiter.“

    Also ich kann mich an keine einzige subjektive Aussage einer Versuchsperson erinnern, die gesagt hätte, im Verlaufe einer Kastensitzung sei ihr zu (i.S.v. unangenehm) warm geworden. Jedoch war die Wärmeempfindung bzw. die gemessene Hauttemperatur im OA statistisch signifikant erhöht im Vergleich zum Kontrollkasten. Trotzdem fühlten sich die meisten Versuchspersonen laut Befindlichkeitsfragebogen (BBF) im Orgonakkumulator nicht unwohler (!!) (Hebenstreit 1995). Dass OA und KK in diesem Punkt sich nicht unterscheiden, widerspricht dem Harrerschen Denkansatz.

    Wie kann das nach Abbildung 1 sein? Manche Menschen gaben an, daß sie sich im OA besser entspannt hätten und nicht so müde geworden wären, wie im Kontrollkasten. Trotz höherer, stärkerer oder vermehrter meteorologischer Schwüle? Das ist eben das Problem: Eine rein mechanistische Herangehensweise an die Frage der Wirkungsweise des Orgonakkumulators ist nicht zielführend, ja führt sogar in die Irre, wie man sieht.
    Warum hat Harrer der Begriff der „meteorologischen Schwüle“ überhaupt eingeführt?

    Es wird heiß im Orgonakkumulator II

    Auch im Kontrollkasten finden sich erhöhte Temperaturen im Vergleich zur umgebenden Raumtemperatur. Die Ergebnisse aus meiner Akkumulatorstudie (1995) zeigen aber in eine andere Richtung als Harrers Argumentationsweg: Dort wo Harrer Unterschiede beim OA im Vergleich zum KK vermutet, gibt es keine bzw. nur funktionell verstehbare Unterschiede (z.B. Glühbirnenexperiment); ebenso beim Wohlbefinden bzw. der Befindlichkeit bei OA- und KK-Sitzungen. Andererseits müssten dort, wo Unterschiede auftreten, die Differenzen von einem mechanistischen Standpunkt aus gesehen regelmäßig und von Beginn an vorhanden sein, was aber nicht zutrifft.

    Harrer hat im meiner Arbeit (Hebenstreit 1995) sicherlich nachgelesen, dass sich die Kasteninnentemperaturen von OA und KK statistisch gesehen tatsächlich signifikant unterscheiden (im Mittel 24,9 °C im OA, 23,8°C im KK).

    Bei der weiteren statistischen Untersuchung interessierte, inwieweit die gemessenen körperlich-physiologischen Parameter, darunter auch die Hauttemperatur als Maß für den vegetativen Aktivierungs- bzw. Funktionszustand der Versuchsperson, mit der Höhe der Kasteninnentemperaturen in Beziehung stehen. Dabei fand sich kein (!) signifikanter Zusammenhang im Wirkungsgefüge „Erhöhte Hauttemperatur führt zu erhöhter Kasteninnentemperatur“ – beim OA im Vergleich zum KK. Es besteht also kein wesentlicher Zusammenhang zwischen der Höhe der Temperatur in den Kästen und den physiologischen Parametern, auch nicht der Hauttemperatur. Die unterschiedlich warme Haut im KK und OA hat keinen statistisch nachweisbaren Effekt auf eine unterschiedlich hohe Kasteninnentemperatur!

    OA – Effekte in der vegetativen Physiologie

    „Um seinen Wärmehaushalt auszugleichen muß der Körper nun einige Regulationsmechanismen aktivieren: Die Blutgefäße der Haut weiten sich, um vermehrt Wärme abzustrahlen, und schließlich tritt ein deutliches Wärmeempfinden im Körper auf, allerdings ohne daß hierfür zwingend eine Lebensenergie zur Erklärung herangezogen werden müßte.“

    Obwohl Harrers physiologisches Modell in der Kausalkette korrekt sein mag, hält er sich auf der rein physiologischen Ebene auf. – Und hier braucht wirklich niemand die These einer Lebensenergie, da sich die Lebensenergie nie, bzw. nie direkt in einer einzelnen Funktion zeigt. Wir messen immer nur die Auswirkungen der Lebensenergie, jedoch steht hinter der Messung das geeignete Messkonzept, hier also das Konzept der Orgonenergie. Welches Konzept vertritt Harrer?

    Die Lebensenergie macht z.B. selbst keine warmen Hände, sondern wirkt über biophysikalische Funktionen auf den Organismus. Diese Wirkungen laufen dann über das vegetative Nervensystem ALS EIN FUNKTIONELL IDENTES WERKZEUG ZUR VERMITTLUNG VON EFFEKTEN UND WIRKUNGEN, DIE SCHON VORHER AUF DER BIOENERGETISCHEN EBENE EINGELEITET WURDEN.

    Sexualökonomische Kritik

    Die Deutung der Vasomotorik des „Die Blutgefäße der Haut weiten sich, um vermehrt Wärme abzustrahlen ….“ stellt eine teleologische Interpretation dar. Reich lehnte solch finalistische Sinnzuschreibungen durch den Betrachter strikt ab, da Interpretationen und Beobachtungen nicht mehr auseinander gehalten werden können. Im nächsten Schritt ist dann diversen mystischen Aussagen der Weg geebnet. Mit dem Finalismus des „um … zu“ in der Tasche erspart man sich letztlich die Einbeziehung der Sexualität, des Wohlbefindens, des Drangs einmal erlebte Lust immer wieder zu erleben, also die Berücksichtigung jenes Drangs, den bereits Freud als das Wesen der Sexualität beschrieb. Nach Reich führt genau dieses „Mit-Ein-Beziehen“ zu einer wirklich ganzheitlichen Betrachtung.- Und diese Fragen liegen im Bereich der Sexualökonomie, nicht aber im Bereich der mechanistischen Physik.

    Kritik der mechanistischen Herangehensweise Harrers

    1. Harrer vermischt – wie einleitend unterschieden – Einzelprozesse aus der Spezialdisziplin (Physiologie) mit den Aussagen über die bioenergetischen Wirkungen des Orgons im Orgonenergiemodell, die den gesamten Organismus betreffen.

    Beschränkt man sich freiwillig auf das Fachgebiet der Physiologie, dann braucht man kein Lebensenergie-Modell, um warme Hände zu erklären. Man definiere ein paar vegetative Sympathicus-Nervenfasern und die von glatten Muskelzellen umgebene innere Öffnung der kleinen Arterien (Arteriolen), und schon hat man die morphologische Basis zur Erklärung was hier grundsätzlich organisch abläuft.- Ohne Lebensenergie.

    Ein anderes, schon komplexeres Konzept stellt z.B. das Modell des Autogenen Trainings oder das des Biofeedbacks dar. Wenn etwa eine Person das Autogene Training erlernt hat, so nimmt sie bequem Platz und „konzentriert“ sich mit ihrem „passiven Willen“ auf die Wärmeformeln, um Arme, Beine und schließlich den ganzen Körper zu erwärmen. Physiologisch gesehen passiert das, was oben erwähnt wurde, nur erhebt sich dann die Frage, was denn in diesem Zusammenhang „konzentrieren“ bedeutet. Was konzentriert sich, wer konzentriert womit? Darüber gibt es eine Reihe von Theorien, unter denen auch die Orgontheorie einiges zu erklären vermag, sobald das „Bewusstsein“ ins Zentrum der wissenschaftlichen Betrachtung tritt. Gerade hier wird die Brüchigkeit psychologischer oder psychophysischer Konzepte sichtbar. Wenn man das bei Reich kritisiert, muss man aber auch sehen, dass dieses wissenschaftliche Grundsatzproblem nicht allein auf die Sexualökonomie und Orgonomie beschränkt ist!

    Es gibt mittlerweile eine kaum überschaubare Anzahl an ähnlichen bis sehr unterschiedlichen miteinander konkurrierenden Konzepten. Diese stehen auch miteinander in Verbindung durch ähnliche Begriffe und Grundannahmen. Kennt der Forscher mehrere solcher Konzepte, so kann er diese miteinander verknüpfen, Beziehungen zwischen ihnen herstellen. Damit wird die Kommunikation und das, was vermittelt werden soll, gefördert.

    Im Humanexperiment lassen sich physikalische Größen messen, jedoch lässt das erhaltene Ergebnis keine Schlüsse im Sinne von physikalisch-mechanistischen Konzepten zu, da die Physik keine Sprache für die Komplexität des Menschen hat. Umgekehrt können aber die aus solchen Untersuchungen erhaltenen Ergebnisse orgonbiophysikalische Erkenntnisse bringen. Erst in einem nächsten Schritt ließen sich dann mit geeigneten Designs die Beziehungen der Biophysik zur mechanischen Physik unter Berücksichtigung der orgonomischen Theorie und des orgonomischen Funktionalismus untersuchen.

    2. Harrer suchte sein Heil im Versuch, Reich mittels mechanistischer „Logik und systemimmanenter Kritik“ zu widerlegen. Das was Harrer Reich vorwirft, praktiziert er selbst: unsauberes wissenschaftliches Arbeiten, mehrfache Vermischung von Ergebnis und Interpretation, Designfehler und Experimentatorfehler im Sinne von „Was nicht sein darf, das kann nicht sein!“ Die Alternative zum orgonomischen wissenschaftlichen Handeln ist das mechanistische Planen, Durchführen und Interpretieren von Experimenten, bei denen der Projektleiter durch seine Einzeldeutungen widersprüchlich agiert und „neue“ Einwände nichtssagend und irreführend einbringt. Letztlich verschleiert diese Vorgehensweise, dass ohne geeignete Bedingungen die mechanistischen Wissenschaften und Reichs Ansatz nicht verglichen werden können.
    Selbst nach „Orgon-freien“ Erklärungen suchend, nimmt Harrer Zuflucht bei von Körper und materiellem Geschehen abgekoppelter Mystik und Spiritualität (Pawlow, Placebo, Meditation, Psychokinese; (s. auch: www.datadiwan.de/harrer/ha_003d1.htm)!

    Die als Verschleierung dienenden „Erklärungen“ haben den Zweck, die Bruchlinien, die in der mechanistischen Wissenschaft mehr und mehr zu Tage treten, noch zusammen zu halten, zu verbergen und zu verdecken, anstatt aufzuzeigen, wo sie liegen und nach einer besseren – wirklich ganzheitlichen – Alternative zu suchen, ohne dasselbe alte Spiel auf neuer Ebene fortzusetzen. Wenn das die dahinter stehende wirkliche Motivation ist, dann gilt dir großes Lob: In diesem Sinne: Gut gemacht, Bernhard!

    __________________

    (Literaturliste auf Anfrage oder unter www.wilhelmreich.at/Science Corner.)

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  • Kategorie: 2002
  • 3/02, Ortwin Rosner: Der ANTI-ÖDIPUS

    Erinnerung an eine Freud-Kritik aus den frühen 70er-Jahren, die auf Wilhelm Reich zurückgreift

    Der „Anti-Ödipus“ ist eine Schrift, die von zwei französischen Philosophen, Gilles Deleuze und Felix Guattari, 1972 verfasst wurde. Entstanden ist er hauptsächlich als eine Reaktion auf den Lacanismus, der sich zur dieser Zeit gerade durchzusetzen begann. Jacques Marie Lacan (1901-1981) wiederum kann als der Erneuerer der Psychoanalyse nach Freud angesehen werden, er begründete die STRUKTURALE Psychoanalyse: ursprünglich Arzt für Psychiatrie und Neurologie, entwickelte er in den 50er-Jahren seinen eigenen Weg der Psychoanalyse, in dem er den STRUKTURALISMUS auf die Psychoanalyse anwendete. Lacan bemühte sich um eine neue Konzeption der Theorie des Unbewussten, das er als von der Sprache hervorgebrachtes und nach Art einer Sprache strukturiertes (symbolisches) Ordnungssystem verstand. Er forderte eine strenge Orientierung der Psychoanalyse an der strukturellen Linguistik und wandte seine psychoanalytischen Methoden auch auf literarische Texte an (E.A. Poe, M. Duras). 1964 begründet er in Paris die „École Freudienne“. Er gilt als der größte zeitgenössische Psychoananalytiker – manchen sogar als DER bedeutendste seit Freud – und prägte mit seinen Theorien maßgeblich den französischen Strukturalismus.
    Der klassischen Psychoanalyse, die den Ödipuskomplex als EMPIRISCHES Faktum betrachtet, das beim Kind zwischen drei und vier Jahren virulent wird, wohnt ja immer schon eine gewisse Krise inne. Die Realität weicht, wie wir wissen, oft von dem klassischen Familienkonstrukt, an dem Freud sich orientiert hat, ab: Was etwa sind Freuds Aussagen wert, wenn ein Kind ohne Vater aufwächst? Oder was, wenn – wie ja auch Reich gegen die Annahme eines universellen Ödipuskomplex argumentiert hat – es fremde Kulturen gibt (z. B. die Trobriander), in denen rigide, verbietende Vatergestalten überhaupt nicht vorkommen? Lacan, ein strikter Gegner Reichs, tauchte im Zusammenhang mit diesen Fragen gewissermaßen als Retter des Ödipuskomplexes auf. Er erklärte Ödipus zu einer von empirischen Fakten unabhängigen und allgemeingültigen STRUKTUR des menschlichen Unbewussten. „Vater“, „Mutter“, „Sohn“, „Kastration“, das sind nun vom realen Vater, der realen Mutter und einer realen Kastrationsdrohung unabhängige Kategorien. In die Position des Vaters kann genauso der Onkel oder ein älterer Bruder eintreten wie der Lehrer, der Arbeitgeber, der Vorgesetzte oder sonst jemand anderer. Der „Vater“, das ist schließlich in der Auslegung Lacans „ALLES, WAS DAS KIND VON DER MUTTER WEGZIEHT“.

    Gegen diese Argumentation ergreift nun der „Anti-Ödipus“ das Wort. Deleuze und Guattari werfen dem Lacanismus vor, den Freudschen Ödipuskomplex damit endgültig total gemacht und zur allein gültigen Wahrheit erklärt zu haben. Sie kritisieren, dass nun ALLES nur mehr „Vater“ oder „Mutter“ ist, mit anderen Worten: alles ist nur mehr „FAMILIE“, das gesamte Erleben des Subjekts wird nur mehr auf dieses Raster reduziert, auf die familiaren Begriffe, kurz: auf das „ÖDIPALE DREIECK“. Demgegenüber entwerfen Deleuze und Guattari – und darin besteht ihre große Leistung – einen ganz, ganz anderen Begriff des Unbewussten, als wir ihn gemeinhin seit Freud kennen und anerkennen. Das ursprüngliche Unbewusste, so ihre zentrale These, ist nichts aus den Begriffen „Vater“ und „Mutter“ gebildetes, sondern das Unbewusste besteht aus – man höre und staune – „MASCHINEN“, aus sogenannten WUNSCHMASCHINEN. Das ist nun ein sehr missverständlicher Begriff, den ich bei meinem Referat zu erklären versuchen werde. Vorweg: damit ist nicht das gemeint, was wir uns gemeinhin unter Maschinen vorstellen, also nichts industriell Mechanisches. Gemeint ist damit viel mehr eine elementare vorgesellschaftliche, das Gesellschaftliche jedoch durchziehende quasi kosmische Grundkraft, die sich ständig zu verwirklichen trachtet, die jedoch vor allem die beschränkten Begriffe von „Vater“ und „Mutter“ und generell das System „Familie“ sprengt. Zur Beschreibung der MASCHINENPROZESSE, aus denen ihrer Meinung nach das Unbewusste besteht, greifen Deleuze und Guattari wie gesagt auch auf zentrale Begriffe und Vorstellungen Reichs in Bezug auf das Unbewusste zurück. Das sind unter anderem:

    1.) ein ENERGETISCHER Grundbegriff des Unbewussten: das Unbewusste stellt sich als ein STRÖMEN und FLIESSEN dar (Orgon?)

    2.) das Unbewusste ist damit etwas JENSEITS DER SPRACHE, jenseits der symbolischen Ordnung der Gesellschaft, damit auch jenseits der gesellschaftlichen Begriffe von „Vater“ und „Mutter“ Existierendes.

    3.) das Unbewusste ist letztlich das ERLEBEN VON INTENSITÄTEN AM KÖRPER, das Ereignis eines auf ihm stattfindenden Realitätsstromes. Der Säugling, so eine zentrale Argumentation von Deleuze und Guattari, begehrt ja nicht die „Mutter“ als solche (wie Freud meint), wenn er nach der Mutterbrust fasst; was er wünscht, ist die Erfahrung eines bestimmten STROMS: des Milchstroms, der sich von der Brust der Mutter (dass es sich gerade um diese handelt, ist aber für ihn gar nicht so wichtig) in seinen Mund gießt. Mit anderen Worten: indem er seinen Mund an ihre Brust anschließt, bildet er so etwas wie eine WUNSCHMASCHINE.

    4) „Vater“ und „Mutter“ als gesellschaftliche Instanzen spielen für das Unbewusste natürlich eine Rolle, aber, so die Kernaussage von Deleuze und Guattari, nicht als ein originärer Ausdruck des Unbewussten, sondern als Instanzen der REPRESSION DES UNBEWUSSTEN.
    Soweit kurz gefasst die Verbindungen zwischen dem „Anti-Ödipus“ und Wilhelm Reich. Ich darf an dieser Stelle allerdings darauf verweisen, daß Deleuze und Guattari in ihrer Schrift nicht nur auf Reich zurückgreifen. Die beiden Autoren berufen sich ebenso auf die Psychoanalysekritik von D. H. Lawrence und Henry Miller, auf das Werk von Antonin Artaud, auf Georg Büchner, Marx, Nietzsche, und nicht zuletzt enthält das Buch auch ein ausgedehntes ethnologisches Kapitel.

    Für all jene, die sich vorher einlesen wollen: der „Anti-Ödipus“ ist als Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft erschienen. Ich möchte nur vorsorglich warnen: es ist ein ziemlich theoretischer und manchmal eher schwer verständlicher Text. Wer sich aber durchkämpfen will, für den lohnt es sich. Und vor allem eines: er hat immer noch POWER, auch nach 30 Jahren!

    _______________

    ORTWIN ROSNER, geboren am 13. 10. 1967 in Wien, aufgewachsen und Schule in Baden, Matura 1986.
    Nach Zivildienst ein Semester Jus-Studium, danach Studium der Germanistik und Philosophie; daneben schon seit vielen Jahren intensive Beschäftigung mit Wilhelm Reich und seinem Werk.

    Künstlerische Produktionen:
    · Experimentalkurzfilm „Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie“ bei der Viennale 1995;
    · Ausstellung „Die Wanderschaft der herrenlosen Schirme“ (Bilder: Winfried Wessely, Texte: O. Rosner) in der Creative Galerie 1996;
    · 1994 Veröffentlichung eines Beitrags in dem Sammelband „Philosophie auf der Couch. Psychoanalytische Exkursionen in philosophische Texte“ (WUV-Verlag) zu den „Meditationen über die Erste Philosophie“ von René Descartes unter dem Titel „Die Maske des reinen Geistes“.
    Von 1994 bis 2001 auf der Fachbibliothek Philosophie/Uni Wien als Bibliothekstutor beschäftigt, im Wintersemester 2001/2002 ebd. auch als Studienassistent.
    Zur Zeit Diplomarbeit über die Erzählung „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann, basierend auf der psychoanalytischen Deutung durch den „Anti-Ödipus“ von Gilles Deleuze und Felix Guattari.

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  • Kategorie: 2002
  • Beschreibung eines Wochenendseminars mit Heiko Lassek im Juni 2002 in Wien von Romi Schulmeister

    Dies ist ein Versuch eines absoluten Laien (was China und Taoismus betrifft) über ein „EnergieErfahrungsWochenende“ mit Dr. Heiko Lassek zu schreiben. Es ist mir aber ein Herzenswunsch, da nicht nur zahlreiche Freunde und Bekannte von meinen Schilderungen sehr berührt waren, sondern auch weil es mir etwas näher gebracht hat, das mein Leben außerordentlich bereichert hat.
    Am Samstag in der Runde gab ich gleich zu, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, was da wohl auf mich zukommt. Heikos Artikel hatte ich zwar gelesen, sie haben mich auch angesprochen, aber das war´s schon.- Die familiäre, humorvolle Stimmung hat mir sofort gut getan. Wir fingen mit den „spontanen Bewegungen“ an. Da steht man mit geschlossenen Augen im Raum und lässt geschehen was geschieht. Von Heiko hörte ich zeitweise ein Zischen und in Abständen Musik.
    Ich stand also da und „wurde“ bewegt. Hauptsächlich wurde ich nach hinten gezogen und bekam Angst zurückzufallen. Die Angst (die ich bei mir schon in einer vorigen Ausbildung erlebt habe) war aber insofern anders, als ich sie dieses Mal nicht als einengend, zusammen-ziehend oder einschränkend empfand; sie war einfach da.
    Überhaupt ist mir aufgefallen, dass Worte in dem Sinn wie ich sie bisher verwendet habe, nicht mehr wirklich anwendbar sind! Wenn ich ein Wort wie z.B. Angst ausspreche, so hat es plötzlich eine andere Bedeutung – trifft also nicht mehr wirklich so die Empfindung die ich bisher kannte. Worte sind natürlich wichtig, aber ich hatte noch nie vorher dieses starke Gefühl, dass Worte auch so überflüssig sein können. So ging es mir das ganze Wochenende. – Ich hoffe das klingt alles nicht zu verwirrend, aber es ist wirklich schwer das halbwegs verständlich auf Papier zu bringen.
    Also – nachdem die „Angst“ zurückgezogen zu werden sich verflüchtigt hatte, zog es mich mit zitterndem, vibrierendem Körper zu Boden. Da lag ich dann und fühlte mich „angekommen“! Nach einer Weile bat mich Heiko wieder aufzustehen, und sofort fing dieses nach „Hinten gezogen werden“ wieder an.- An diesem Tag lernten wir auch noch den „Cranewalk“ kennen. Das ist ein harmonischer Bewegungsablauf (gleichzeitig werden Arme und Beine bewegt), mit dem Energie im Körper mobilisiert wird (hat mich an Tai Chi erinnert). So sind wir also „herumstolziert“ und die Bewegungen wurden flüssiger und flüssiger. In Momenten, wo ich meinen Kopf fast „ausschalten“ konnte, nicht mehr an den Bewegungsablauf denken musste, fühlte ich mich in absoluter Harmonie mit mir und meiner Umwelt – getragen und bewegt von und mit Energie.
    Am Sonntagmorgen wachte ich energiegeladen in Ruhe und Stille auf; obwohl meine Kinder schon voll Tatendrang und laut waren blieb dieser „Zustand“ bestehen – und das fiel mir auch an diesem Wochenende auf, nämlich dass – hatte ich bei früheren Workshops oft beim nach Hause kommen Probleme in die „reale“ Welt zurückzufinden – so war das dieses Mal völlig anders. Überhaupt nicht „abgehoben“ oder „woanders“ konnte ich „weiterleben“.

    Was mich an diesem Tag noch so beeindruckt hat, war der „kleine Kreislauf“. Heiko bat uns ihn nur im Sitzen zu mobilisieren und machte uns auf eventuelle Gefahren aufmerksam und bei Befürchtung eines Kontrollverlusts (durch Abspalten) sofort abzubrechen. Nachdem wir intensiv durch einige von ihm beschriebene Punkte atmeten, „verselbständigte“ sich mein Körper – ich gab diesen Bewegungen nach und bei Heikos Zischen oder Musik veränderten sie sich oder wurden intensiver; Heiko nannte meine Bewegung später scherzhaft „Boden aufwischen“.
    Bei den folgenden spontanen Bewegungen im Stehen hatte ich MEIN Bewusstsein erweiterndes Erlebnis: An diesem Tag (diesmal ohne Angst) wurde ich nicht mehr „nur“ nach hinten gezogen sondern bewegte mich tanzend, schlängelnd, kreisend und in absoluter Harmonie. Ein Energietanz!

    Weiter ging´s so: ich drehte mich im Kreis (einmal links- einmal rechtsherum, immer abwechselnd), fühlte mich wie einspinnend (kokonartig), war aber – trotz irgendwie „etwas“ um mich aufbauend – nicht von meiner Umwelt dadurch getrennt. Als Heiko um das Beenden der Bewegungen bat, sank ich zu Boden und den „Zustand“ möchte ich so beschreiben (folgende Zeilen habe ich aus dem Buch „Der Taoismus“ von J. Blofeld):

    Gedanken zum Tao

    Kennt man die wahre Leere nicht,
    So rede man nicht davon.
    Beim Erfassen der Leere
    Verliert man sein altes Ich.
    Will man die Wahrheit der Leere wissen:
    Sie liegt im Ununterschiedenen.

    Hohl sind die zehntausend Dinge,
    Doch leer ihr Wesen.
    In wahrer Leere ist Schöpfung;
    Kein Platz dort für ein Staubkorn.
    In der Halle goldenem Licht
    Zeigt sich die Zauberperle.

    Zu lernen das Tao,
    Muss man Leben und Tod wissen.
    Sonst ist vergebens
    Unsterblichkeitsstreben.
    Wer Leben erfährt,
    Weiß auch um Tod.
    Lebt fortan frei
    Durch sich selbst.

    Im Ursprung ist Tod nicht,
    Nicht Leben.
    Ein einziger Gedanke
    Schafft zahllose Formen.
    Weiß man, wo Gedanken werden,
    Wo sie vergehen,
    Strahlt hell der Mond
    In der Tempelhalle.

    Klar vor Augen,
    Wie sinnlos das Streben:
    Von selbst ist, dass die Berge grünen,
    Von selbst ist, dass die Wasser fließen.
    Bewahre in allen Stunden
    Diesen einen Gedanken.
    Zu denken ohne Gedanken:
    Das ist die Übung, der Weg.

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  • Kategorie: 2002
  • Ländlich/bodenständige Erfahrungen mit der Lebenskraft aus der Atmosphäre

    Orgonenergie kann man haben wie Wasser oder Luft und sie ist in unbegrenzten Mengen vorhanden. Alles was man tun muss, ist, dem Benutzer einen Mechanismus zu bringen, um sie zu konzentrieren. Wilhelm Reich, 1951

    Ignaz Falle aus Kärnten hatte ein schmerzhaftes Problem: „Meine 39jährige Tochter war schwer an Krebs erkrankt und wurde schul-medizinisch als austherapierte Terminalpatientin eingestuft.“ Also hoffnungslos. Aber der Unternehmer i.R. gab nicht auf. „Bei der Suche nach `Wundern´ oder zumindest echter Hilfe stieß ich auf die Orgon-Energie nach Wilhelm Reich und baute umgehend einen Or-gon-Akkumulator. Fazit: Meine Tochter konnte durch Orgon-Energie auf die üblichen schweren Schmerzmittel verzichten und ihre Lebensqualität bekam noch ein halbes Jahr den Charakter des normalen Lebens.“
    Diese Erfahrung bestätigt die auch im Internet nachzulesenden Erkenntnisse von Dr. Heiko Lassek, der die Orgon-Akkumulator-Therapie bei 17 Terminal-Patienten anwendete, damit deren Leben verlängern und in einer Weise verbessern konnte (Appetit, Hobbys etc.), dass von einer wirklichen Hilfe gesprochen werden kann.

    Freie Energie: Die Wirkkraft des ORAC muss einem von der Schul- und Apparatemedizin „verwöhnten“ Interessenten ja erst einmal plausibel gemacht werden: Ein Kammerl, in dem ein Mensch gerade so Platz hat, innen nacktes Blech, außen Weichholz, dazwischen ein paar Schichten Stahlwolle und Steinwolle. Kein Rechner, kein Bildschirm, null Chemie und nicht einmal eine Steckdose in der Nähe. Und das soll helfen, bei der Wundheilung, bei degenerativen Prozessen der Gelenke, gegen Asthma, am End’ gar noch bei Krebsleiden? Nur, wenn man ein paar Wochen ein- bis zweimal täglich eine halbe oder dreiviertel Stunde da drinnen sitzt?

    Fallbeispiele: Von dramatischen Ereignissen einmal abgesehen haben wir Menschen ja alle unsere „Wehwehchen“, die eben mit Orgon-Energie äußerst günstig beeinflusst werden können. Aus der ansteigenden Schar von Interessenten an Ignaz Falle’s Orgon-Akku erzählt die 40jährige Hausfrau Hildegard Rauter aus Rosegg, Ktn., dass ihre Probleme mit den Nebenhöhlen praktisch verschwunden sind. Falle’s Kollege Oskar Glawuschnig kam, weil ihm sein Arzt wegen Überarbeitung dringend Erholungsurlaub empfahl. Nach ca. zehn Sitzungen hatte er subjektiv seine Batterie wieder aufgeladen. Kleiner Nebeneffekt: Die hässlichen Altersflecken auf seinen Handrücken waren zu kleinen Pünktchen geschrumpft.
    Die junge Mutter und Farbtherapeutin Gabriela Resch aus Pressbaum verspürte bei nur einer Sitzung ein wohliges Gefühl in ihrer persönlichen Problemzone – ein chronisches Leiden im rechten Trommelfell. Allein diese kleine Erfahrung hat sie motiviert, weiterzumachen.
    Falle selbst ist im Siebzigsten und stand kurz vor einer Operation, weil er wegen Schulterschmerzen die Arme kaum noch heben konnte. Das kann er jetzt wieder – ohne Operation. Schlimmer sein Problem mit den Bronchien: Nach 15 Jahren mit dem üblichen Inhalator braucht er das ziemlich giftige Medikament nur mehr bei gröberem Ärger und gleichzeitig ungünstiger Biowetterlage.
    Man soll(te) ja nicht über etwas schreiben, wovon man keine Ahnung hat. Also hat der Autor des vorliegenden Berichts unerschrocken einen Selbstversuch in 7 Sitzungen unternommen. Insgesamt beschwerdenfrei war anfangs nicht mehr als angenehmes „wattiges“ Gefühl und entspanntes Gluckern im Bauch wahrzunehmen. Bei Sitzungen am frühen Abend – so um die blaue Stunde herum (wenn der gelernte Wiener zum Heurigen geht und der Yuppie auf zwei Drinks zur Happy Hour) – war der übliche Leistungs- und Stimmungseinbruch wie weggeblasen. Besser Orgon als Alkohol, könnte man postulieren. Apropos Alkohol: Im doppelten Blindversuch an rund einem Dutzend Versuchspersonen wurde eindeutig festgestellt, dass Bier anders – besser – schmeckt und auch nicht so müde macht, wenn es einige Zeit im Orgon-Akkumulator aufgeladen wurde.

    Kommentar von Dr. Andreas Dabsch, Wien:
    Der praktische Arzt und Energetische Mediziner besitzt selbst einen Orgonakkumulator, ist mit den orgonotischen Wirkungsweisen vertraut und wird das Gerät nach der Vergrößerung seiner Ordination in Wien auch in die medizinische Praxis mit einbeziehen.

    „In erster Linie kann man damit das Energieniveau heben und damit alles, an dem ein Arzt ansetzen kann, optimieren: Wachheit, Kraft für Veränderungen, Durchblutung, Stoffwechsel, im weiteren Entgiftung, Auflösung von Blockaden, Belebung von Organsystemen und vieles mehr.“

    Aber der Arzt warnt auch vor leichtfertigem Umgang mit dieser Energie, die sozusagen unseren Planeten „umweht“: „Die Wirkung muss verkraftbar sein; ein stark mit beispielsweise Schwermetallen vergifteter Mensch kann seine Ausleitungsorgane überfordern, wenn er mit dem Orgon- Akkumulator seinen Stoffwechsel zu schnell in Schwung bringt.“
    Das Beispiel mit dem besser schmeckenden Bier aus dem Akkumulator überraschte den Mediziner keineswegs. Aber, schmunzelnd: „Das geht auch mit reinem Wasser.“

    WAHRNEHMUNGEN IM ORGONAKKUMULATOR:
    Aus: Der Orgonakkumulator von Jürgen F. Freihold, der seit 1976 diese Geräte baut und seine Erfahrungen veröffentlicht hat.

    Die Wahrnehmungen, die man selber im Orgonakkumulator macht, sagen natürlich etwas darüber aus, in welcher energetischen Verfassung der Mensch ist. Zuallererst, wenn man die ersten Male in den Orgonakkumulator geht, sind die Wahrnehmungen rein emotionelle „Beweise“, dass der Akkumulator tatsächlich funktioniert. Es ist verständlich, dass jeder, der die orgonotischen Funktionen nicht in ihrer Direktheit kennt, dem Funktionieren des Orgonakkumulators misstraut. Und die Zweifel über die orgonotischen Funktionen können letztlich auch nur über die direkte körperliche Wahrnehmung beseitigt werden.

    Wärmegefühl ist die häufigste Reaktion.
    Prickeln und Kitzeln ist eine typische Reaktion des autonomen Hautsystems.
    Die Erstrahlung selber ist die zentrale Wahrnehmung im Orgonakkumulator und sie ist im allgemeinen sehr angenehm. Es ist nicht übertrieben, wenn man sie mit einem Sonnenbad im Mai vergleicht, aber es sind auch die Gefühle enthalten, die man hat, wenn man in einer klaren Nacht zu den Sternen aufschaut und sich der unendlichen Weite und der gleichzeitigen Nähe des Universums bewusst wird. Es ist das deutliche Gefühl, von einer lebendigen Energie, von einer Kraft im Sinne des Wortes durchdrungen zu werden.

    Die obenstehenden Wahrnehmungen bestätigt auch Dr. Hans Gerber aus Niederösterreich, der über den „Umweg“ als studierter Physiker heute als Geistheiler arbeitet. „Die freie Energie ORGON ist vorhanden und wirksam, aber nur dann wertvoll, wenn der Benutzer „mitschwingen“ kann, das heißt, wenn er diese Energie für sein eigenes Wohl transformieren kann.“
    In Villach lebt und arbeitet Dr. Diethard Stelzl als HUNA-Lehrer und –Heiler (HUNA ist die hawaiianische Philosophie der praktischen Lebensweisheit. „In der HUNA-Lehre ist Orgon als MANA bekannt und bedeutet jene Energie, die durch polare Kräfte im Kosmos entsteht und von dort auf die Erde „hereinweht“. Diese Energie lässt beispielsweise bei toten Menschen noch Haare und Nägel wachsen und sie ist nicht gleichzusetzen mit CHI, das man etwa aus der Nahrung bezieht.“
    Als oberste „Instanz“ zum Thema Orgon darf die Physikerin Dr. Neomi Kempe bezeichnet werden. Die Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts in Graz experimentiert und therapiert seit Jahren mit Orgonenergie und auch sie beschreibt diese als eine Kraft des Universums, die höher anzusehen ist als das allgemein bekannte CHI. „Der menschliche Körper ist so gebaut, dass er Orgonenergie braucht und aufnehmen kann, was sich experimentell gut nachvollziehen lässt.“

    Aber wie die obengenannten Fachleute warnt auch Dr. Kempe vor leichtfertigem Umgang: „Weniger ist mehr. Eine Überdosierung kann auf verschiedenen Ebenen schädlich sein, aber im richtigen Maß ist es die beste Möglichkeit, einem energetisch schwachen Organismus sozusagen auf die Beine zu helfen.“ Die Physikerin ist froh, dass die Zahl der energetischen Mediziner wächst, denn: „Orgonenergie gehört in erfahrene Hände.“

    Ignaz Falle lebt in der Nähe von Velden, hat schon mehrere ORACs gebaut (zuletzt einen mit Eisenerz) und hat mit dem Shooter und einem Akupunkturrohr experimentiert. Sein Wissen und die Geräte stellt er idealistisch und kostenlos zur Verfügung.
    Interessenten können mit Ignaz Falle schriftlich Kontakt aufnehmen: A-9220 Velden, Selpritsch, Kogelweg 2

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