Bukumatula 4/1994

Wien, wo sonst!

Wolfram Ratz:

„War es einfach Zufall, daß die Anfänge der Zwölftonmusik, der modernen Architektur, des Rechtspositivismus, der abstrakten Malerei und der Psychoanalyse oder auch des Wiederauflebens des Interesses an Schopenhauer und Kirkegaard alle in der gleichen Zeit entstanden und daß sie so weitgehend auf Wien konzentriert waren?‘ (Alan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien, München 1984, S.21.). Auch soziale und politische Bewegungen von so großer Gegensätzlichkeit wie Nationalsozialismus und Antisemitismus auf der einen Seite und der Zionismus auf der anderen hatten ihre Wurzeln im damaligen Wien ebenso wie wesentliche Elemente der modernen katholischen Soziallehre oder jene originelle Adaption der Marxschen Theorie, die als Austromarxismus bekannt wurde. Wien um die Jahrhundertwende – das späte habsburgische, das neue Wien der aufkeimenden Großbourgeoisie und der gebildeten Mittelschichten: hier war kulturelles Leben die Angelegenheit eng kommuniziernder Gruppen von Künstlern, Musikern und Schriftstellern. Das Wien der Jahrhundertwende: ein Kraftfeld, das von so unterschiedlichen Persönlichkeiten gebildet wurde wie etwa Hofmannsthal und Schnitzler, Musil und Broch, Freud, Klimt und Moser, umrahmt von der zelebrierenden Ausstellungsarchitektur eines Urban, Ulbrich und Hoffmann, während gleichzeitig Kokoschka und Schiele, Gerstl und Schönberg, letzterer als Komponist und Maler, Loos und Otto Wagner, ein Rilke oder Kraus auftraten, die das „Ungeborgen-Sein“ des Künstlers in ihrer Zeit und Gesellschaft betonten. Dieses alte Österreich war ein Fundus, von dem nicht nur die Erste Republik zehrte, sondern auch heute noch Anregungen aufgenommen werden. Die wehmütige Nostalgie, mit der Chronisten und Kulturinteressierte diese so bedeutende, aber auch schicksalsschwere Epoche beweihräuchern, bezieht sich tatsächlich auf eine Glanzzeit Wiens.“

Dieses Vorwort entstammt dem im Juni dieses Jahres erschienenen Buch „Wien, wo sonst! Die Entstehung der Psychoanalyse und ihrer Schulen“ (Hrsg. Oskar Frischenschlager, 254 S., Böhlau Verlag, öS 398.-).- Vorgestellt werden darin 26 Psychoanalytikerinnen, die in Wien (und Budapest) um und nach der Jahrhundertwende tätig waren. In dem Kapitel „Auf den Spuren der ersten Psychoanalytiker“ werden auch Spaziergänge zu deren ehemaligen Wohn- und Wirkungsstätten angeboten. Nachfolgend ist aus diesem Buch der Beitrag über Wilhelm Reich nachzulesen:

WILHELM REICH (Wolfram Ratz)

Wie zu seinen Lebzeiten lösen Wilhelm Reichs Schriften, aber auch er selbst heftige Reaktionen aus. Er wird geliebt oder verehrt, gehaßt oder abgelehnt, nur gleichgültig bleibt niemand, der auf ihn stößt. Mit seinem Leben sind wissenschaftliche Entdeckungen und gesellschaftliche Niederlagen verbunden, die eigentümlich und faszinierend erscheinen. Er entdeckte das organische Fundament der Neurose, die muskuläre Panzerung und wurde damit zum Vater der modernen körperorientierten Psychotherapie. Er entdeckte die Mechanismen, durch die die Gesellschaft neurotische und unterwürfige Bürger produziert, er war auf der Suche nach gesellschaftsverändernden politischen Mitteln und erforschte die Existenz einer „Lebensenergie“ (Orgon).

Seine wissenschaftlichen Thesen waren provokant und seine politischen Forderungen radikal. In Österreich wurde er aus der Sozialistischen Partei, in Deutschland aus der Kommunistischen Partei und in der Schweiz aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen. Zweimal wurden seine Bücher verbrannt: nach Hitlers Machtergreifung im nationalsozialistischen Deutschland und 1956 in den USA. Fünfmal war er gezwungen, seinen Wohnsitz zu wechseln.

Wilhelm Reich wurde am 24. März 1897 im deutschukrainischen Teil Österreichs, in der Ortschaft Dobrcanica, als Sohn wohlhabender Gutsbesitzer geboren. 1909 beging seine Mutter, Cecilia Reich, Selbstmord. Als fünf Jahre später sein Vater, Leon Reich, an Tuberkulose starb, übernahm Wilhelm Reich, gerade siebzehn, die Leitung des Gutes. Im Jahr seines Abiturs, 1915, wurde auch der Familienbesitz durch Kriegseinflüsse zerstört.- Von 1916 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges diente Reich als Leutnant in der österreichischen Armee an der Italienfront. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg begann er sein Studium an der medizinischen Fakultät an der Universität Wien. 1922 legte er mit überwiegend. hervorragenden Noten das Staatsexamen ab und promovierte im Juli 1922 zum Doktor der Medizin. Reich zeigte sich in jener Zeit vor allem von Friedrich Nietzsche beeindruckt, „dessen Ahnungen und Einsichten“ mit den Worten Freuds „sich oft in der erstaunlichsten Weise mit den mühsamen Ergebnissen der Psychoanalyse decken“.1) Des weiteren interessierten ihn die Schriften Albert Langes, Henri Bergsons und Henrik Ibsens.

Der bei weitem stärkste Einfluß auf Wilhelm Reich, bestimmend für sein ganzes Leben, ging jedoch von Sigmund Freud aus. Seine erste Begegnung mit Freud fand 1919 statt, als sich Reich Literatur für das von ihm organisierte und geleitete „Wiener Studentenseminar für Sexologie“ besorgte. In diesem Zusammenhang begann sich Reich für die Psychoanalyse zu interessieren. „Man muß die Atmosphäre in der Sexologie und Psychiatrie vor Freud kennen, um die Begeisterung und Erleichterung zu begreifen, die mich erfaßte, als ich ihm begegnete. Freud hatte eine Straße zum klinischen Verständnis der Sexualität gebahnt.“2) Wilhelm Reich warentschlossen mit „Liebe, Arbeit und Wissen“ in Wien sein Glück zu machen.

Zunächst hatte er ein armseliges Studentendasein gefristet. Mit seinem um drei Jahre jüngeren Bruder Robert und einem anderen Studenten teilte er eine kleine Wohnung in der Berggasse 4. Er besaß keine Zivilkleidung und ging mit seiner Uniform und seinem Militärmantel in die Vorlesungen. Von Paul Federn, seinem späteren Lehranalytiker, wurde Reich damals häufig zum Essen in dessen Haus eingeladen. Schon zu dieser Zeit machte sich eine Eigenschaft Reichs bemerkbar, von der seine Frau und Biographin Ilse 011endorff schreibt, daß sie in all ihren Gesprächen mit Freunden und Gegnern immer an erster Stelle genannt wurde, „seine große Vitalität, sein Elan, seine Energie, seine fast überwältigende Kraft. Wenn er in einer Idee, einer Bewegung, einer Theorie aufging, galt für ihn nur das Absolute als Möglichkeit. Die Dinge waren entweder schwarz oder weiß; man war entweder für ihn oder gegen ihn, kein Kompromiß war erlaubt. „3)

Nach einer kurzen Lehranalyse bei Isidore Sadger und Paul Federn wurde Reich 1920 aufgrund seiner klinischen und theoretischen Beiträge als weitaus jüngstes Mitglied in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. „Sie wirkte wie eine Gemeinde von Menschen, die geschlossen gegen eine Welt von Feinden kämpfen mußte. Es war schön. Man mußte Achtung vor solcher Wissenschaft haben. Ich war der einzige junge Mediziner unter den um zehn bis zwanzig Jahre älteren „Erwachsenen“.“4) Bald galt Reich – neben Otto Fenichel – als die Begabung der Vereinigung. Nach dem frühen Umzug Fenichels nach Berlin 1922, wußte Reich diesen Ruf auch alleine einzulösen. Er selbst bezeichnete sich als „Hecht im Karpfenteich“. Freud faszinierte Reich nicht nur als Mensch: „… er war anders, vor allem einfach im Auftreten. Die anderen spielten im Gehaben irgendeine Rolle, den Professor, den großen Menschenkenner, den distinguierten Wissenschaftler“5) -, sondern auch als Theoretiker: „Den Trieb können wir eigentlich nicht fassen. Was wir erleben sind nur Triebabkömmlinge: sexuelle Vorstellungen und Affekte. Der Trieb selbst ruht tief im biologischen Grunde des Organismus. Dieser Gedanke blieb von den Freunden und Feinden der Psychoanalyse unverstanden und bildete das naturwissenschaftliche Denkfundament, auf dem man sicher bauen konnte.“6)

Nach seiner Promotion begann Reich als Assistenzarzt an der Universitätsklinik für Neurologie und Psychiatrie unter Wagner-Jauregg zu arbeiten. Gleichzeitig nahm er regelmäßig an Biologieseminaren und -vorlesungen von Kammerer teil. Von Anfang an widmete er seine Aufmerksamkeit der Triebenergetik von Lust und Angst; sein Interesse galt der naturwissenschaftlichen Untermauerung der Freudschen Libidotheorie. Noch vor seiner Promotion hatte Reich begonnen, als Psychoanalytiker zu praktizieren. Als 1922 Freuds Psychoanalytische Poliklinik seine Arbeit aufnahm, wurde er dort erster Assistent und 1928 klinischer Direktor. Unter seinen damaligen Studenten waren auch viele Psychiater aus Amerika. Bei Reich studierten sie die Technik der Psychoanalyse und der‘ Charakteranalyse.

1922 nahm das von Freud initiierte „Technische Seminar“ seine Arbeit auf. Im ersten Jahr wurde es von Edbard . Hitschmann und im zweiten von Hermann Nunberg geleitet. 1924 wurde Reich zum Leiter. gewählt und blieb in dieser Funktion bis 1930. Freuds Problemstellung, an deren Lösung man im Seminar arbeiten wollte läßt sich in zwei Fragen kleiden. Die erste war: Was bedeutet eigentlich Heilung in der psychoanalytischen Therapie? Die zweite: Wann gelingt die Heilung? Oder besser: Warum gelingt die Heilung oft nicht? Etwa zehn Jahre dauerte es, bis eine neuentwickelte Therapietechnik, Reichs Charakteranalyse, diese Probleme zugänglich machte.

Die Entwicklung von Orgasmustheorie und charakteranalytischer Therapie, die zeitlich parallel stattgefunden hat, führte Reich nicht unerwartet in den somatischen Bereich. Die von ihm nun „Vegetotherapie“ genannte Technik bezeichnete er als „… die Antwort auf die Fragestellung der Psychoanalyse von 1922“.7)

1924 begann Reich an der Psychoanalytischen Poliklinik seine Forschungen über die soziale Ätiologie der Neurosen. Später führte er diese Arbeiten an den Sexualberatungsstellen fort, die er zwischen 1928 und 1930 in verschiedenen Bezirken Wiens gründete. Reichs Familienleben verlief in dieser Zeit geordnet. Drei Jahre nach seiner Heirat mit der Medizinstudentin Annie Pink kam 1924 deren erstes Kind, Eva, und 1928 Lore zur Welt_ Mit seiner Familie zog er in eine größere Wohnung in den achten Wiener Gemeindebezirk, in die Blindengasse 46a, die er aufwendig mit eleganten Möbeln einrichten ließ.- Wilhelm Reich war „pushy“ und liebte das offene Wort. Er selbst hielt sich für eine therapeutische Begabung. Die Psychoanalytische Therapie sei in dem von ihm geleiteten Seminar kollektiv erarbeitet worden.

Reich lehnte Freuds Theorie vom Todestrieb ab und hielt konsequent an dessen Libidotheorie fest. Er trat nicht nur für eine aktivere Rolle des Therapeuten gegenüber den Patienten ein, sondern auch für die Notwendigkeit eines politischen Engagements zur Änderung der krankmachenden gesellschaftlichen Verhältnisse. 1928 schrieb Freud an Lou Andreas-Salome über Reich: „Wir haben hier einen braven, aber impetuösen jungen passionierten Steckenpferdreiter, der jetzt im genitalen Orgasmus das Gegengift jeder Neurose verehrt. Vielleicht könnte er aus Ihrer Analyse der K. etwas Respekt vor den Komplikationen des Seelischen lernen.“

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit machte die aufregende politische Stimmung jener Zeit einen tiefen Eindruck auf Wilhelm Reich. Der Einfluß der Russischen Revolution auf die österreichischen Sozialisten und die vielen hochbegabten Intellektuellen, die über Marxismus schrieben und diskutierten, ließen den aktiven und forschenden Geist Reichs nicht unberührt. Er begann mit der ihm eigenen Gründlichkeit Marx und die marxistische Philosophie zu studieren. Seine Erfahrungen aus den Sexualberatungsstellen überzeugten ihn immer mehr, daß die Psychoanalyse eine an bürgerliche Verhältnisse gebundene Therapie sei. Reich trat der Sozialdemokratischen Partei österreichs bei.

Als 1927 Reichs Buch „Die Funktion des Orgasmus“ erschien, war seine Position innerhalb der psychoanalytischen Bewegung bereits umetritten. Er ließ sich aber von Freud nichts sagen und befolgte auch den Rat der Parteigenossen nicht, sich des Umgangs mit Kommunisten zu enthalten. Nach dem Brand des Justizpalastes am 15. Juli 1927 trat Reich in die Kommunistische Partei Österreichs ein und agitierte öffentlich für sie und für den Gewaltgebrauch gegen den aufziehenden Faschismus. Nach dem Erscheinen von Reichs Zeitung „Der revolutionäre Sozialdemokrat“, erfolgte am 16. Jänner 1930 sein Ausschluß aus der Sozialdemokratischen Partei Österreichs. Im selben Jahr übersiedelte Wilhelm Reich nach Berlin. Reich hatte sich bis dahin stets um das Ver- ständnis Freuds bemüht. Ihre Wege hatten sich aber nun endgültig getrennt.

Reich trat der Kommunistischen Partei Deutschlands bei, erhielt deren Unterstützung und eröffnete eine Arbeitersexualklinik, gründete den Sexpol-Verlag sowie den „Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik“. Er deckte damals die psychologische Basis des Faschismus auf und verwies in diesem Zusammenhang warnend auf die anfällige seelische Struktur des Durchschnittsmenschen (siehe „Massenpsychologie des Faschismus“). Durch diese Analyse, wegen seiner Forderung nach einem Primat der sexuellen

Befreiung und einer ständig wachsenden Anhängerschar wurde Reich sowohl zu einer Gefahr für die Kommunisten, die ihn aus der Partei ausschlossen, als auch für die Nazis, die ihn gleich nach der Machtübernahme auf die Fahndungsliste setzten.

Auf dem 13. Internationalen Kongreß der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1934 in Luzern wartete eine gut vorbereitete Intrige auf ihn. Aus Rücksicht auf die politische Entwicklung in Deutschland wurde Reichs „Verdrängung“ in Form seines Ausschlusses durchgesetzt. Während seines Exils in Skandinavien faßte Reich sein Konzept der Funktionsweise des Organismus zusammen; er formulierte die Vegetotherapie, untersuchte die elektrophysiologischen Zusammenhänge von Sexualität und Angst und begann mit seiner Krebsforschung. Die Veröffentlichung seiner Bionversuche lösten neue Diffamierungskampagnen aus.

Der Anthropologe Bronislaw Malinowski erlöste Reich von seiner insgesamt sechs Jahre dauernden Reise durch die Angst und holte ihn nach Amerika. 1939 nahm Reich an der New School for Social Research in New York einen Lehrauftrag für medizinische Psychologie an. 1942 erwarb er ein Grundstück im Bundesstaat Maine, wo er sein neues Forschungslaboratorium etablierte, das er „Orgonon“ nannte. Reichs Forschungsarbeiten nahmen hier eine stürmische Entwicklung. Neben der Fortsetzung seiner psychotherapeutischen Unterrichtstätigkeit, führte er eine Vielzahl von Versuchen mit der von ihm so benannten „OrgonEnergie“ durch_ Die letzten acht Monate seines Lebens verbrachte Reich im Gefängnis. Die staatliche „Food and Drug Administration“ hatte gegen Reich bezüglich der von ihm postulierten Heilwirkung des Orgon-Akkumulators und dessen Einsatzes Anklage erhoben. Reich lehnte es ab, sich vor Gericht gegen diese Klage zu verteidigen und wurde dafür zu zwei Jahren Haft verurteilt. Per Gerichtsbeschluß wurden sämtliche Orgon-Akkumulatoren zerstört und alle Bücher, die von der Orgon-Institut-Press vei öffentlicht worden waren, tonnenweise verbrannt Wilhelm Reich verstarb am 3. November 1957 staatlichen Gefängnis von Lewisburg.- In seine Testament verfügte er über seinen wissenschaftlichen und dokumentarischen Nachlaß, daß diese erst im Jahre 2007 geöffnet werden dürfe.

Quellenverzeichnis:

Sigmund Freud, Selbstdarstellung, Frankfurt/M. 1989, S_87
Wilhelm Reich, Die Funktion des Orgasmus, Köln 1969, S.38
Ilse 011endorff-Reich, Wilhelm Reich, München 1975, S.19
Wilhelm Reich, Die Funktion des Orgasmus, Köln 1969, S.51
Ders., S.42
Dere., S.38
Dere., S.61