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Bukumatula 4/2007

Biofeedback-Therapie

Buchbesprechung
Dario Lindes:

von Winfried Rief und Niels Birbaumer
Schattauer Verlag: 2. Auflage (April 2006)
Geb. Ausgabe: 330 Seiten; Preis: 49,95 €
ISBN-13:978-3794523955

Die Methode:

Mit dem englischen Begriff Biofeedback(dt. „Lebensrückmeldung“) wird eine Methode aus der psychosomatischen Forschung und der Verhaltenstherapie bezeichnet, bei der Veränderungen biologischer Zustandsgrößen von Körpervorgängen, die der unmittelbaren Sinneswahrnehmung nicht zugänglich sind, mit technischen (elektronischen) Hilfsmitteln beobachtbar, d.h. dem eigenen Bewusstsein wahrnehmbar gemacht werden. Biofeedback wird häufig zur Entspannung, aber auch zur Rehabilitation (z.B. erlahmter Muskeln) eingesetzt.

Körpereigene Vorgänge, die der Homöostase dienen, sind dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich, so dass bei Dysregulationenauch nicht bewusst auf den Regelkreis eingewirkt werden kann. Biofeedback dient dazu, mittels physiologischer Messungen eine Körperfunktion (wie zum Beispiel Puls, Hautleitwert oder Hirnströme) dem Bewusstsein zugänglich zu machen. Dies geschieht im allgemeinen durch Töne (Lautstärke, Tonhöhe oder Klangfarbe) oder Visualisierungen (Zeiger oder Balkengraphiken). Der Patient versucht durch diese Rückkopplung eine Verbesserung der Regulation durch operante Kontrolle zu erzielen.

Eine mögliche Umsetzung in der Praxis sieht folgendermaßen aus: Der Patient sitzt vor einem Computer. An seinem Finger ist eine Messsonde angebracht, die den Hautleitwert und damit indirekt den Grad des Sympathikotonus, also der inneren Erregung misst. Dieser Messwert wird auf dem Monitor angezeigt, so dass der Proband ein Feedback über seine biologische Sympathikotonus-Funktion erhält. Bei Migränepatienten wird zusätzlich ein Messgerät an einer Stelle der Stirn angebracht, an der der Puls fühlbar ist. Auf dem Bildschirm werden vier Angaben als Kurvendiagramm gezeigt: Wohlfühllinie, Körpertemperatur, Pulsschlag und wenn der Proband einen speziellen Gürtel trägt, zusätzlich die Atemkurve. So lernt der Proband „in den Bauch“ zu atmen, und wird feststellen, dass sich im entspannten und kontrollierten Zustand der Puls der Atmung anpasst. Ein weiteres Programm zeigt die Weite der bei Migräne geweiteten Adern als vergrößerten roten Kreis auf schwarzem Hintergrund. Der Migränepatient lernt durch anfängliches Probieren und späteres vertieftes Üben den Durchmesser der Adern nur mit seiner Willenskraft deutlich zu verringern. Die Übungen werden erst mit Bildschirm erlernt und später ohne Sicht auf die Werte trainiert. Die Methode ist sogar für Kinder mit Migräneanfällen als geeignet belegt worden und kann auch von Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen (Taubheit, körperliche Behinderung, etc.) praktiziert werden.

Für die Rückkopplung an das menschliche Bewusstsein kommt eine Reihe von biologischen Ist-Werten in Frage:

  • Atemfrequenz
  • Blutdruck
  • Pulsfrequenz
  • Gehirnströme mit Hilfe des EEG
  • Hauttemperatur
  • Hautwiderstand, Hautleitwert (Hautfeuchtigkeit durch Schweiss-produktion)
  • Magnetfelder der Gehirnströme mit Hilfe der MRI
  • Muskelpotentiale mit Hilfe der Elektromyographie
  • Sauerstoffgehalt des Blutes

Mit Biofeedback können Patienten lernen, eigene körperliche Prozesse zu beeinflussen. Dies ist bei verschiedenen Krankheiten sehr hilfreich wie z.B. bei (Kopf-, Rücken-) Schmerzen, Bluthochdruck, Inkontinenz, Tinnitus, verschiedenen psychischen und psychosomatischen Störungen, Schlafstörungen oder ADHS. Dieses sehr praxisorientierte Buch stellt neben den wissenschaftlichen Grundlagen und den Indikationen für eine Behandlung vor allem auch das praktische Vorgehen ausführlich dar.

Auf diese Weise eröffnet Biofeedbackdem Leser faszinierende Einblicke in die Welt des psychosomatischen Funktionierens: es zeigt, wie wir durch Lernprozesse und willentliche Einflüsse eigene Körperfunktionen beeinflussen können, um zur Heilung von Krankheiten und zum Erhalt unserer Gesundheit beizutragen. Ferner ermöglicht Neurofeedback, dass z.B. Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose wieder mit der Umwelt in Kontakt treten können. Ergänzt wird das Werk durch diagnostische Interviews, Therapieleitfäden und Selbstbeobachtungsbögen.

Die Methodik des Biofeedback erinnert frappant an Wilhelm Reichs Osloer Labor-Versuche, mit seiner Total-Verkabelung von Probanden mit Elektroden an den Körperoberflächen – sogar erogenen Zonen – zur Messung deren Hautpotentials bei Impulsen von Lust und Unlust. So erscheint mir Wilhelm Reich als Pionier und Vorläufer des Biofeedbacks. Schon allein deshalb ist das Studium dieses Buches für uns Reichianer eine methodische Pflichtübung.

Ein Buch für die Praxis:

Das Buch schließt für den deutschen Sprachraum erstmals die Lücke zwischen psychophysiologischem Grundlagenwissen und angewandten verhaltensmedizinisch-psychotherapeutischen Verfahren. Es vermittelt dem interessierten Leser – nach kurzen theoretischen Einführungen – praktische „Handanweisungen“ für das therapeutische Arbeiten mit Biofeedback. Die Autoren sind erfahrene Biofeedbacktherapeuten, die sich seit Jahren mit den von ihnen beschriebenen Krankheitsbildern in der Praxis befassen. Die einzelnen Kapitel beschreiben u.a. Biofeedbackverfahren in der Behandlung von:

  • chronischen Rückenschmerzen
  • Inkontinenz und Obstipation
  • essentieller Hypertonie
  • Somatisierungsstörungen
  • Angsterkrankungen · chronischem Tinnitus
  • Spannungskopfschmerz und Migräne
  • Lähmungen und anderen neurologischen Erkrankungen
  • epileptischen Anfällen

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