Bukumatula

Körperpsychotherapie in Österreich

Zur Lage der Körperpsychotherapie in Österreich
Zusammenstellung Wolfram Ratz:

Das nachfolgende Interview mit dem in Wien praktizierenden Psychotherapeuten Christian Bartuska führte Teresa Perz. Teresa Perz ist Journalistin und freie ORF-Mitarbeiterin. In der ORF-Hörfunksendung „Moment, Leben heute“ wurden am 4. Jänner 1994 in ö1 Teile dieses Interviews gesendet.

Teresa Perz: Seit wann beschäftigen Sie sich mit Körpertherapie?

Christian Bartuska: Seit 1975.

P: Wie sind Sie dazgekommen?

B: Einerseits über die Literatur von Wilhelm Reich, die ich schon anfangs der siebziger Jahre gelesen habe und andererseits über Kollegen, die auch Körperpsychotherapie in Workshops, zum großen Teil im Ausland damals, kennengelernt hatten.

P: Was ist Körperpsychotherapie, können Sie das definieren?

B: Körperpsychotherapie ist eine Psychotherapieform, die den Körper als zentralen Ansatzpunkt verwendet, aber in einer sehr weit gefaßten Form. Wir brauchen unseren Körper, um zu sprechen, das heißt Worte, Stimme und auch der Inhalt unserer Worte und auch die Gedanken sind etwas Körperliches, oder zumindest, sie sind verkörpert. Wenn unser Körper versteift ist, dann sind auch unsere Gedanken versteift; in dem Sinn gibt es nicht nur eine Parallelität, sondern eine “funktionale Identität“, wie das Wilhelm Reich nennt, zwischen Psyche und Körper. Es gibt sehr viele andere theoretische Ansätze, die im Prinzip dasselbe beschreiben. Allein aus unserem gängigen Sprachgebrauch ist bekannt, daß, wenn jemand halsstarrig ist, dann ist das einerseits eine ganz körperliche Beschreibung, aber gleichzeitig ist es ein psychischer Ausdruck. Jemand ist stur. Und das ist die Grundlage aller Körperpsychotherapieformen. Das Wissen darum, daß der Körper ausdrückt und zeigt und zugleich verkörpert, was die Seele an Schwierigkeiten, aber auch zugleich an Möglichkeiten hat.

P: Wann ist Körperpsychotherapie in Europa publik geworden?

B: Daß sie bekannt geworden ist, fällt etwa in den Anfang der siebziger Jahre. Zu diesem Zeitpunkt haben mehrere Lehrer begonnen Schulen aufzubauen, die eine große Schülerschaft angezogen haben; das hatte natürlich auch mit den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Die 68er Jahre waren vorbei, die revolutionäre Phase war irgendwie ausgelaufen und zum Teil als hoffnungslos zu sehen, und da war der Ansatz der Körperpsychotherapie eine echte Hilfe und eine echte Neuentwicklung für diese Leute. Es hat eine große Gruppe von Linken gegeben, aber auch völlig unabhängig davon Leute, die mit Politik überhaupt nichts zu tun hatten, die aus der Meditation gekommen sind oder sich aus anderen Gründen mit dem Körper beschäftigt haben, bzw. eine Gruppe von Psychotherapeuten, die mit den Ergebnissen, die sie mit ihrer erlernten Methode bis dahin erzielt hatten, unzufrieden waren. Das war übrigens auch der Ansatz wie Wilhelm Reich auf Körperpsychotherapie gekommen ist.- Reich hat seine Arbeit nie so benannt. Damals wurde überhaupt nicht von Psychotherapie gesprochen sondern von Psychoanalyse. Es hat schon damals verschiedene psychoanalytische Richtungen gegeben. Wilhelm

Reich hat bemerkt, dass es bei etlichen Patienten keinen Erfolg gab, daß der Widerstand mit verbalen Methoden unüberwindbar war; und er hat bemerkt, daß in der körperlichen Spannung bzw. in der Veränderung der körperlichen Spannung ein Werkzeug zur Verfügung stand, mit dem man den normalen psychoanalytischen Therapievorgang beschleunigen konnte. Er hat bemerkt, daß Leute verkrampft waren, ihren Kopf z.B. im Nacken nicht bewegen konnten, und wenn er das durch Massage gelöst hat, ist die Therapie plötzlich weitergegangen. Das war der Beginn. Von dem aus hat er sehr viel weiterentwickelt.

P: Können Sie beschreiben, was Körperpsychotherapie alles kann und wo ihre Grenzen sind?

B: Körperpsychotherapie kann an erster Stelle Leuten ermöglichen, sich in ihrem Körper besser zuhause zu fühlen; sich vertraut zu machen mit ihren körperlichen Aspekten. Und das bezieht Gefühle mit ein. Gefühle sind die Nahtstelle zwischen Körper und Seele, wenn wir ein Modell einer getrennten Einheit von Körper und Seele verwenden. Die Körperpsychotherapeuten verwenden oft ein Modell, in dem die Seele, die Gefühle und der Körper die verschiedenen Schichten einer Einheit sind. Aber wenn wir es getrennt sehen, wie das bei uns noch üblich ist, dann brauchen wir ein gutes Körperbewußtsein, um unsere Gefühle wahrnehmen zu können und um sie leben zu können. Wenn wir unseren Körper zu wenig intensiv wahrnehmen, dann kann es sein, daß die Gefühle uns überschwemmen, was noch einmal Probleme macht. Wenn unser Körper zu rigide ist, ist es umgekehrt; wir nehmen unsere Gefühle zu wenig wahr und fühlen uns leblos, leer, oder haben das Gefühl, das Leben geht an uns vorbei. Das wichtigste ist, daß wir mit unserem Körper mit allen Möglichkeiten, sowohl mit den Gefühlen als auch mit den Impulsen – die Impulse beziehen sich auf diesen ganzen Bereich von Hemmung und Angst -, umgehen können. Hemmung heißt, daß der Körper verkrampft ist und wir nicht in der Lage sind, spontan den inneren Impulsen zu folgen. Und Angst hat mit Enge, schon von der Sprache her, zu tun. Die Enge erlaubt unserer inneren Erregung keinen freien Fluß, keinen Ausdruck und ist einfach zutiefst unangenehm. Wenn die Enge -weit“ wird, dann fließt die Erregung, und wir fühlen uns entweder frei oder erregt, im Sinne von positiv erregt, von angenehm aufgeregt, oder es tauchen Gefühle auf oder der Wunsch und die Möglichkeit zu handeln. Diese ganzen Bereiche, sowohl Gefühle als auch Hemmung und körperliche Beweglichkeit, berühren alle Formen der Neurosen, wie sie in der Psychotherapie bekannt und beschrieben sind, berühren aber auch die sogenannten Psychoneurosen, narzistische Borderline-Störungen, berühren natürlich auch schizoide und psychotische Zustände, wiewohl die Körperpsychotherapie im Moment kein Instrumentarium entwickelt hat, welches durchgängig und leicht die Arbeit mit Psychotikern ermöglicht. Es gibt immer wieder Einzelfälle, die beschrieben sind, aber die meisten Körperpsychotherapeuten arbeiten mit dem, was im normalen Sprachgebrauch „Neurose“ heißt, aber auch mit sehr vielen sozialen Störungen. Es geht oft um Kontakt. Ober den Kontakt zu meinem Körper kann ich den Kontakt zur Umwelt – sowohl zur materiellen als auch zur sozialen Umwelt -finden. Die verschiedenen Körpertherapien haben dafür unterschiedliche Möglichkeiten. Aber es geht immer wieder um Kontakt. Wie ist zum Beispiel mein Gesichtsausdruck, und wie kann ich erreichen, daß Sie, wenn Sie mir jetzt zuhören, mich wahrnehmen, mitfühlen, mich verstehen, mich begreifen können – das sind alles körperliche Ausdrücke -, worum es mir geht.

P: Können Sie mir beschreiben, wie man das konkret anwendet, was für Leute kommen da zu Ihnen und was lernen sie hier? Können Sie ein paar konkrete Fälle schildern?

B: Im Moment ist es so, daß die meisten Leute
zu mir kommen, weil sie persönlich von meiner Arbeit gehört oder über Körperpsychotherapie gelesen haben und speziell an der Arbeit mit dem Körper interessiert sind. Ein Drittel davon hat andere Psychotherapieformen ausprobiert – mit Erfolg, ohne Erfolg oder mit Teilerfolg – und ist angezogen von den Möglichkeiten, die die Körperpsychotherapie bietet. Und ein geringerer Teil kommt einfach aus dem Wunsch heraus, psychotherapeutische Hilfe anzunehmen und hat von Körperpsychotherapie keine Ahnung. Ein Großteil der Klienten leidet an depressiven Zuständen. Sie fühlen sich elend, traurig, ausgeliefert, hilflos oder haben Angst vor bestimmten Dingen oder vagen Situationen, oft nicht einmal beschreibbar. Was ich anbieten kann ist einerseits ein offenes Ohr. Aber ich höre nicht nur mit meinen Ohren zu, sondern mit meinem ganzen Körper. Mit meinen Ohren, mit meinen Augen, mit der Resonanz meines Körpers. Und ich versuche in diesem Zuhören herauszufinden, was an Wahrnehmung in der Existenz des Menschen, der mir da gegenübersitzt, fehlt. Also was blendet er aus seiner Wahrnehmung aus, was ignoriert er, was will er nicht wahrhaben, welchen Illusionen läuft er nach oder wo ist er ängstlich und wo braucht er Unterstützung, um sich erlauben zu können, das zu spüren. Als Beispiel: Wenn jemand in Illusionen schwebt -und Illusionen machen immer Probleme, vor allem, wenn sie zerbrechen – heißt das, daß seine Wahrnehmung hauptsächlich im Kopf, in seiner Vorstellung ist und nahezu immer viel zu wenig im Körper und in den Beinen, die ihn tragen und die ihn mit der Schwerkraft und dem Boden verbinden. Was ich in diesem Fall neben dem Zuhören und dem Eingehen auf seine Problematik tue, ist, daß ich ihm vorschlage: „Steh auf und fang an Deine Beine zu bewegen und den Boden zu spüren“. Und in dem Maß, in dem das möglich ist, sagt jemand dann plötzlich: „Ah, jetzt spüre ich wieder wie ich stehen kann, wie ich standhalten kann, wie ich zu mir stehen kann oder wie ich eigene Schritte gehen kann, nicht mehr abhängig davon bin, was mir jemand anderer aufgezwungen hat“.

P: Werden da auch manchmal über den Körper Emotionen frei, die durch irgendwelche – also das sind Erfahrungen, die ich gemacht habe – ganz einfache Übungen wie z.B. den Arm in einer bestimmten Weise zu heben, manchmal recht heftig sein können?

B: Es gibt viele Menschen, die als Kinder gelernt haben, ihre Gefühle aus Not, aus Lebensnotwendigkeit zu unterdrücken.

In der Körperpsychotherapie gibt es bestimmte Übungen, die diese Spannungen lösen können, und in diesem Moment werden die Emotionen frei, werden lebbar, fühlbar und drücken sich aus. Oft völlig unwillkürlich, so wie ein kleines Kind einfach seinen Gefühlen folgen muß. Ein Erwachsener nicht. Und ein Teil unserer Arbeit ist sicher, ganz gezielt diese blockierten Emotionen zu befreien. Wenn zum Beispiel Wut im Hals steckt, dann erleben wir sie als Angst. Und wenn die Angst sich lösen soll, dann ist es notwendig, die Muskeln, die diese Spannung halten, zu lockern oder loszulassen, vom Klienten her gesprochen, und dann kann die Wut sich ausdrücken. Jemand brüllt, jemand schreit, jemand zittert, jemand erlebt Lust, Liebe, Offenheit, alle möglichen Gefühle, die normal nicht unter Gefühl laufen, die aber Körpergefühle sind; das ist ein wesentliches Element in unserer Arbeit, aber es ist nicht das Ziel. Das reine Befreien von Emotionen bewirkt zwar, daß ich mich im Moment frei fühle, aber das hat – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nie eine dauerhafte Wirkung.

P: Was hat dann eine dauerhafte Wirkung?

B: Eine dauerhafte Wirkung beruht darauf, daß ich mich in meiner Gesamtheit wahrnehme, annehme, und das bewußt in meinem Leben umsetze. Also z.B. wahrzunehmen, wie ich mich eng fühle und wie gut es ist, wenn ich loslassen kann.

P: Wann soll jetzt ein Klient zu Ihnen kommen und wann soll man eine verbal orientierte Therapieform wählen?

B: Das läßt sich schwer so allgemein sagen. Es ist sinnvoll, wenn sich jemand angesprochen fühlt von der Vorstellung, daß da mit dem Körper gearbeitet wird, in der weiten Form, wie ich es zuvor dargestellt habe; wo es möglich ist, daß jemand auch körperlich berührt wird, das heißt, daß ich mit meinen Händen den Körper des Klienten berühre, ihn halte, ihn massiere, ihn bewege, z.B. indem ich im Liegen seinen Kopf in die Hände nehme und den Kopf ganz langsam bewegen, was ja aus der Physiotherapie stammt, aber in diesem Zusammenhang, wie wir arbeiten, psychische Wirkung hat, dann ist das ein Kriterium. Das zweite Kriterium ist, daß die körpertherapeutische Arbeit, wenn sie langfristig geplant ist, eine sehr tiefgreifende Wirkung hat und sehr frühe traumatische Ereignisse und chronische traumatische Situationen auflösen kann. Also nicht, wie es in der Psychoanalyse heißt, daß es die Grenze zum Verbalisieren mit zwei Jahren gibt, sondern wir gehen auch weiter zurück in die frühe orale Phase und in das Geburtstrauma und zum Teil in Traumen, die vor der Geburt stattgefunden haben, bis hin zur Zeugung. Dies ist über körperbezogene Methoden zugänglich und auflösbar. Das passiert auch in anderen Psychotherapien. Otto Rank hat zum Beispiel auch an Geburtstraumen gearbeitet, rein verbal; das ist meiner Erfahrung nach aber schwerer zugänglich. Eine verbale Therapie würde ich jemandem empfehlen, der Probleme in seiner Vorstellungswelt hat und diese besprechen möchte und der es nicht mag, daß sein Körper miteinbezogen wird, dem das im Moment unangenehm ist.

Gleichzeitig ist diese Trennung aber gar nicht so kraß zu ziehen. Ich habe viele Stunden an Körperpsychotherapie gegeben, die so ausschauen, daß ich sitze und der Klient sitzt mir gegenüber und wir sprechen. Nichts sonst, oberflächlich betrachtet. Und umgekehrt passiert es in psychoanalytischen Sitzungen – jetzt nur als Beispiel -, daß der Klient liegt, über etwas spricht, berührt ist, weint, schreit, seinen Körper bewegt und dabei sehr viel an Spannung loswird. Und der Psychoanalytiker sitzt hinter ihm und nimmt den Körper des Klienten natürlich wahr und bezieht sich auch darauf in seinen Formulierungen, auch wenn er es nicht explizit tut. Also es passiert auch dort etwas mit dem Körper.

Unabhängig davon, was ich gerade gesagt habe, denke ich, daß es wichtiger ist, wie ich mich mit einem Therapeuten fühle, wie ich einen Arbeitskontrakt schließen kann, wie ich mich aufgehoben und angenommen fühle. Das ist wichtiger als die Therapieform. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, daß gute Therapeuten, gleichgültig welche Methode sie anbieten, gute Ergebnisse erzielen und schlechte Therapeuten, gleichgültig welche Methode sie verwenden, schlechte Ergebnisse erzielen bzw. Störungen bewirken. Wichtig dabei ist, daß der Therapeut seine persönlichen Grenzen kennt, also spürt, wo es für ihn heikel wird, wo er nicht weitergehen kann und das entweder in seiner eigenen Supervision oder Therapie zum Aufarbeiten verwendet oder mit dem Klienten beschließt, hier aufzuhören. Eine Grenze der Körperpsychotherapie gibt es auch dort, wo eine Technik überdimensional angewendet wird. Es gibt Techniken, die sind sehr provozierend, und wenn jemand zu wenig Grenzen hat, zu überprovoziert ohnehin schon ist, dann ist das natürlich gefährlich, nicht gut für diesen Menschen. Es gibt auf der anderen Seite auch Techniken, die Grenzen aufbauen, die den Körper so stärken, daß jemand sagt, ah, jetzt fühle ich mich besser abgegrenzt, jetzt fühle ich mich sicherer in mir. Die wären dann anzuwenden. Das ist keine allgemeine Grenze, sondern das ist eine Grenze der Körperpsychotherapie, die im Moment gerade entwickelt wird und in den letzten 5 bis 10 Jahren mehr Aufmerksamkeit bekommen hat; wie kann man jemandem helfen seine Gefühle zu halten, nicht festzuhalten, sondern einzubehalten, es gibt ein englisches Wort dafür, „containment“. In dem Sinn kann ein guter Körperpsychotherapeut mit einer großen Vielzahl von Klienten arbeiten, abhängig davon, wie er auf die Notwendigkeiten und die Bedürfnisse des Klienten konkret eingehen kann.

P: Es ist ja an und für sich doch eine ungewohnte, unübliche Vorgangsweise, wenn man im Zuge einer Therapie mit dem Körper zu arbeiten beginnt. Stoßen Sie da nicht auch auf viel Mißtrauen, Vorurteile usw.?

B: Es ist nur ungewöhnlich, wenn man von den Psychotherapieformen ausgeht, die in Österreich vor 20 Jahren das übliche waren. Es ist dann ungewöhnlich, wenn man aus einer längerfristigen psychoanalytischen Therapie heraus plötzlich mit dem Körper zu arbeiten beginnen würde. Es würde auch mir Probleme machen, wenn ich mit jemandem verbal arbeite und nach zwei Jahren bzw. 80 oder 100 Stunden sage, so und jetzt berühre ich dich. Es macht kaum Probleme, wenn jemand kommt und sagt, er ist an Körpertherapie interessiert. Er kommt deshalb, weil er weiß, daß ich das mache und wenn ich im Rahmen der ersten paar Stunden Körperübungen vorschlage, ist derjenige bereit, diese Übungen anzunehmen, weil das für ihn stimmt. Es macht natürlich Probleme, wenn ich jemandem eine Übung vorschlage, die für ihn nicht paßt. Es kommen auch Leute in Therapie, die große Schwierigkeiten haben sich berühren zu lassen, die davor Angst haben, Ekelgefühle haben und die trotzdem kommen, gerade deshalb. Die meisten aber sind ausgehungert nach Kontakt und genießen es sehr, wenn sie berührt werden. Häufig ist es eine Schwierigkeit, wie sie das, was sie da bei mir zulasssen können, auch in ihrem Alltag sich erlauben können. Da gibt es natürlich sehr oft körperfeindliche Einstellungen , die heißen: benimm dich, halte dich so und so, beiß die Zähne zusammen usw., und das wird sozial zum Teil auch hart exekutiert. Und da muß man lernen sich durchzusetzen oder sich abzugrenzen. Das ist eine Schwierigkeit, die bei mir herinnen in der direkten Arbeit oft nicht so auftaucht. Oft kommt dann nach vielen Monaten der Auflösung: aha, wenn ich das draußen mache, um Himmels willen, dann werde ich bestraft. Und dann bin ich im Zwiespalt. Die alten Verbote, die von den Eltern oft nie ausgesprochen wurden, kommen plötzlich ans Licht. Wir lernen sehr viel von den Eltern, indem wir sie einfach imitieren; ganz unbewußt, oder auch absichtlich. Und das aufzulösen ist oft schwierig. Aber das projiziert sich nicht auf meine Person oder auf meine Arbeit, nicht so direkt.

P: Kann man sagen, aus welchem Gedankenhintergrund diese Körperpsychotherapie den Menschen sieht?

B: Es gibt verschiedene Ansätze die zum Teil verbunden sind bzw. nebeneinander stehen. Einer davon ist sicher der von Hans Driesch mit seiner Theorie über den -Elan Vital“, auf Deutsch „Lebensenergie“: Lebenskraft durchfließt uns und erlaubt alle Aspekte unserer Existenz. Reich geht darin noch weiter: nicht nur die energetischen Aspekte – also Gefühle oder Impulse oder Gedanken – , sondern auch das Materielle ist eine Manifestation des Energetischen. Daneben gibt es Ansätze, die aus asiatischen Philosophien stammen: Energievorstellungen von verschiedenen Schichten. Es gibt das höhere Selbst, die Seele, die sich verkörpert hat, so daß das tiefste Element die tiefste Schwingung wäre -das Physisch-Materielle -, die nächst höhere Ebene das Emotionale, die nächst höhere das Energetische, das nächst höhere das Mentale und dann die höheren Stufen, wie das in den indischen Weisheitslehren beschrieben wird. Es gibt viele Körperpsychotherapeuten, die mit der Vorstellung von aurischer Energie arbeiten; das ist etwas, was man nach relativ kurzer Übung ganz einfach wahrnehmen kann, die meisten Klienten auch an sich selber wahrnehmen können und in dieses Modell der Schichten sehr gut hineinpaßt. Die Aura ist die Schicht des materiellsten Energiefeldes. Das Energiefeld ist trotzdem immateriell. Diese Ausdrücke entsprechen nicht denen der Physik, wiewohl es Obereinstimmungen gibt. Es gibt Messungen vom menschlichen Energiefeld, die schon vor 50 Jahren von Saxon und Burr durchgeführt wurden. Auch von japanischen Forschern gibt es eine Reihe von Untersuchungen darüber. Dieses Schichtenmodell impliziert, daß es ein nichtmaterielles Existenzfeld gibt, aus dem wir heraus gezeugt werden und in das wir wieder zurückkehren, bis hin zu Reinkarnationsvorstellungen; das fällt nicht mehr unter Körperpsychotherapie, schließt aber nahtlos daran an. Dann gibt es natürlich die ganzen philosophischen Hintergründe über die ‚primäre Persönlichkeit‘, z.B. daß der Mensch von Natur aus gut ist, was ein schwieriger Begriff ist. Was heißt gut? Von Natur aus ist der Mensch frei, lebendig und in der Lage völlig sinnvoll auf jedweden Umstand zu reagieren. Und sinnvoll reagieren kann auch heißen, daß ich mörderisch wütend werde und etwas zerstöre, wenn es etwas ist, was mein Leben bedroht.

P: Also so wie sie das erzählen, würde ich meinen, daß das Weltbild, das da dahinter steht in keiner Weise vergleichbar ist z.B. mit NLP, wo es um den ‚verwertbaren‘ Menschen geht, der möglichst auch im gesellschaftlichen Kontext erfolgreich sein soll. Ich würde meinen, daß es da mehr darum geht, daß man auf die Gefühle hört, etc. Wie kann man das beschreiben…?

B: Der zentrale Begriff, den ich immer wieder verwende, wenn ich es für mich formuliere, ist, wie authentisch ist ein Mensch oder wie ist er ‚da‘. Ist es möglich, diesen Menschen wirklich zu spüren, ist es möglich, diesen Menschen in seiner Gesamtheit, in seinen unendlich vielen Möglichkeiten, in seinen vielen sozialen Aspekten, in seinem Potential lebendig zu spüren, oder gibt es da Beschränkungen, Abgrenzungen, Probleme, Widerstände usw. Wie authentisch ist ein Mensch, wenn er sich mitteilt. Klingt das nach bla, bla oder berührt es mich wirklich, was er sagt?

P: Wohin versuchen Sie die Leute zu bringen? Zu einem spontaneren Ausdruck oder so?

B: Ja, also ich bringe niemanden irgendwo hin. Ich bin da, begleite jemanden und unterstütze ihn auf der Suche nach bzw. bei der Entwicklung nach dem, wo ich annehme, daß jeder Mensch sowieso dorthin will, nämlich zu seiner Ganzheit. Zur Gesamtheit aller seiner Existenzebenen und Möglichkeiten. Ich nehme an, daß jemand darunter leidet, daß er bestimmte Bereiche nicht wahr-’nimmt, nicht lebt. Das ist meine Arbeitshypothese. Und ich nehme an – das ist meine zweite Arbeitshypothese -, daß er wahrnehmen möchte, aber im Moment alleine dazu nicht in der Lage ist. Und es ist meine Aufgabe ihn dabei zu begleiten, ihn zu unterstützen, ihm Mut zu machen, ihm es zu ermöglichen, z.B. über eine Provokation …, aber er selbst geht dorthin, er macht das, ich bringe ihn nicht dorthin, ich kann auch mit zehn Pferden niemanden dorthin bringen. Das Wesen der Ganzheit – Körper, Seele, höhere Existenz – bedeutet Einheit, und wenn jemand in dieser Einheit lebt, dann hat er keine Probleme in diesem Sinne. Dann gibt es natürlich Herausforderungen, Schwierigkeiten, dann gibt es Gefühle – viele Leute kommen in Therapie und sagen – ich bin so traurig“ oder ‚ich bin so wütend, und ich möchte das loswerden“, daß ist absurd. Man ist tot, wenn man die Gefühle los ist. Was er braucht, ist, daß er sie annehmen kann, um in Harmonie leben zu können. Auch die indischen Meister werden von Zeit zu Zeit wütend oder leiden oder haben Angst, aber sie sehen es von einer Ganzheit aus, sie sind integer damit. Sie haben es nicht notwendig, jemanden zu beschuldigen, jemand anderen zu zwingen, daß er für sie was tut usw. Es macht uns leidend, wenn wir nach außen projizieren, wenn wir nicht sagen können, das bin ich auch. Dann bin ich es nicht los, aber ich bin eins mit mir, und das ist unglaublich beglückend. Eines der verblüffendsten Erlebnisse zu Beginn meiner Therapeutentätigkeit war, daß ich jemanden gesehen habe, der tief geschluchzt hat, wirklich tief. Und auf die Frage: „Wie fühlst du dich?“ kam die Antwort: „So gut wie nie zuvor!“. Und das war echt, das hat gestimmt. Wirklich frei zu fühlen ist unglaublich beglückend.

P: Ein Einwand, auf den ich Sie ansprechen möchte: Sie haben vorher angedeutet, daß hier in diesem geschützten Rahmen Platz für bestimmte Dinge ist. Wenn man dann aber konfrontiert wird mit der Außenwelt, mit den gesellschaftlichen Anforderungen, so wie sie sich normalerweise stellen, dann … das haben Sie auch gesagt, dann gibt es eine Diskrepanz, daß die Leute nicht wissen, wie sie-s integrieren sollen usw. Das sehe ich problematisch. Die Aufgabe der Psychotherapie liegt doch darin, die Menschen dahin zu bringen, daß sie das Leben möglichst gut bewältigen können und nicht sowas, was ein bißchen weltfremd ist, nicht?

B: Davon, daß wir etwas Weltfremdes fördern, davon sollte keine Rede sein, auch wenn das natürlich vereinzelt passieren kann. Psychotherapie soll helfen, daß der Mensch sein Leben möglichst gut bewältigen kann, und das beinhaltet, daß er in seinem Alltag, in seiner sozialen Situation, in seiner Arbeit, Dinge verändert. Daß er unter Umständen den Job kündigt oder zum Chef geht und auf den Tisch haut, daß er – zum ersten Mal vielleicht in seinem Leben – seiner Ehefrau die Wahrheit über das, was in ihm vorgeht, sagt und daß er lernt, damit umzugehen. Daß er tatsächlich so viele Veränderungen durchführt, daß sein Leben für ihn stimmig wird. Und es mag viele Jahre brauchen

und er bedarf unter Umständen sehr viel an Unterstützung, sowohl vom Therapeuten als auch von anderen, ihm nahestehenden Menschen. In dem Rahmen, wie ich zum Beispiel mit den Leuten arbeite, kommen die Klienten immer wieder und sagen: „Ich habe das meiner Freundin erzählt, und es war so gut, dieser Abend“. Oder: „In der Arbeit ist es mir ganz mies gegangen, und plötzlich ist eine Kollegin zu mir gekommen und hat ihre Hand um meine Schultern gelegt. Und dann haben wir geredet“. Und aus dem heraus entwickelt sich etwas völlig Neues, was bisher nicht möglich war.

P: Hm, kommen auch Leute mit falschen Erwartungen zu Ihnen?

B: Wer kommt nicht mit falschen Erwartungen? Nahezu alle Leute erwarten mehr oder weniger stark, daß ich etwas für sie tun kann, und dann ist ihr Problem für sie gelöst; ich nehme es ihnen weg, sozusagen. Das ist meistens nicht bewußt. Früher oder später kommen sie zu dem Punkt, wo sie sich damit auseinandersetzen müssen, wo sie dann „negative Übertragung“ auf mich durchleben, böse auf mich sind, weil ich nicht das tue, was sie erwartet haben. Wenn dann herauskommt, was sie erwartet haben, dann können sie, wenn sie ihre Erwartungen selber betrachten, sehen, daß das eine Illusion ist, daß das nicht möglich ist.

P: Ja, Entschuldigung, aber das, was sie gerade gesagt haben, das sagen mir alle Psychotherapeuten. Was ist dann bei der Körperpsychotherapie ….

B: Es ist eine Illusion wenn man glaubt, daß sich über die körperliche Spannungslösung auch alles andere löst. Das ist im Prinzip dasselbe Thema, aber wenn jemand von mir erwartet, daß ich mit seinem Körper “tue“, ihn repariere wie ein Auto und die Sache hat sich, dann kommt das weitgehend

aus der Vorstellung der Schulmedizin, wo jemand eine „Krankheit“ hat und der Arzt diese oder jene Tablette verschreibt. Es ist oft schwer, jemandem zu ermöglichen, daß er seine innere Selbstregulation findet bzw. überhaupt begreift, worum es hierbei geht. Manche Menschen sind relativ frei aufgewachsen; wenn sie einen Impuls hatten, dann konnten sie dem als Kind folgen und spüren, daß das gut ist und wenn sie gestört wurden dabei, dann ist das eben eine Störung und muß irgendwie gelöst werden. Aber viele von uns sind in einer Familienkultur aufgewachsen, wo es heißt: alle vier Stunden wird gefüttert, ich weiß, was für dich gut ist, Kind, dir ist doch kalt, du mußt dir was anziehen und jetzt gibt es was zu essen und du willst doch, usf. Die haben den Zugang zu den inneren Impulsen vollkommen verloren. Die wissen entweder nicht, was sie wollen oder sie wissen nicht, was sie im Moment zu tun brauchen, damit es ihnen gut geht. Und das von außen zu geben ist nicht möglich. Es ist eine sehr schmerzliche Erfahrung, diesen Mangel zu spüren; das muß durchgelebt werden, bis jemand draufkommt, aha, jetzt brauche ich aufzustehen und mich zu bewegen, damit es mir gut geht. So absurd das klingt, aber es gibt Leute, die nehmen das nicht wahr. Und es gibt Leute, die nehmen nicht wahr, daß sie zu atmen brauchen. Sie atmen irgendwie auf einem Minimum dahin und sind völlig lufthungrig. Das ist es, was mir zu dieser Frage einfällt.

P: Ich würde annehmen – das habe ich Sie auch am Telefon schon gefragt -, daß die Gefahr sexueller Obergriffe relativ größer ist als bei anderen Psychotherapieformen. Wie grenzen Sie sich als Therapeut ab, bzw. hört man von anderen Kollegen, daß da Dinge in dieser Richtung häufiger passieren?

B: Ich sehe das zweiseitig. Einserseits ist die Gefahr von sexuellen Obergriffen größer, weil wir mit sexueller Energie, mit sexueller Problematik arbeiten, weil wir körperliche Nähe von vornherein akzeptieren und fördern; andererseits ist die Gefahr sehr viel geringer, weil es immer wieder darum geht, einen echten, realen Kontakt zuzulassen und ganz klar ist, daß in dem Moment, wo ich einen sexuellen Zyklus mit dem Klienten beginne, egal jetzt ob als Therapeut mit einer Klientin oder als Therapeutin mit einem Klienten, daß dies eine „eins zu eins gleichwertige Beziehung“ ist. Ich bin gleichermaßen beteiligt, gleichermaßen bedürftig, gleichermaßen ängstlich usw. – und daher abhängig. Das macht jede Therapie unmöglich und ist, wenn es im Rahmen einer Therapie passiert, eine tiefe Verletzung, die sehr schwer heilbar ist. Es zeigt sich, daß solche Dinge fast immer dann passieren, wenn Klienten das mit ihren Eltern erlebt haben, wenn diese Verletzung also schon da ist, wird sie in der Therapie wiederholt. Und Psychotherapeuten, die anfällig sind oder dieses Problem nicht durchgearbeitet oder gelöst haben, können leicht in diesen Fehler verfallen. In der Körperpsychotherapie kommt dies aber nicht häufiger vor als in anderen Psychotherapien. Der Unterschied ist der: In der Körperpsychotherapie wird dieses Problem offen diskutiert. Es gibt z.B. ein Buch „Verführung auf der Couch“, wo nur verbale Psychotherapien zitiert werden, wo hauptsächlich Klientinnen über sexuellen Mißbrauch in ihren Therapien berichten. Gerade durch die körperliche Distanz schaukelt sich die sexuelle Energie oft so auf, daß es dann zu Übersprungshandlungen kommt und die Sexualität ausagiert wird. Wenn ich jemanden real begreife, kann ich gar nicht daran vorübergehen, daß der ein erwachsener Mensch ist, der gerade fühlt wie ein kleines Kind und mich als Erwachsenen braucht. Es ist nicht mein echtes Bedürfnis mit einem kleinen Mädchen zu schlafen; das ist ein neurotisches Bedürfnis. Das wird natürlich in unserer Gesellschaft immer wieder ausagiert. Daher ist die Gefahr in einer Psychotherapie dasselbe zu wiederholen auch gegeben. In der Körperpsychotherapie ist das als Problem sehr heftig diskutiert worden; es gibt in der EADP, in der Europäischen Vereinigung für Körperpsychotherapie, eine lange Liste von ethischen Regeln, die zum Großteil darauf Bezug nehmen. Meines Wissens nach wurde die Diskussion zu diesem Thema in den anderen Psychotherapierichtungen noch gar nicht geführt – ausgenommen die ethische und pragmatische Ebene. In der Körperpsychotherapie wird sehr oft in Gruppen gearbeitet, und in der Gruppe kann ich als Therapeut bestimmt Fehler machen, aber die Gruppe hat ein ganz anderes Gegengewicht mich zu kritisieren bzw. mich auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen. Diese Auseinandersetzung wurde in Gruppen begonnen und geführt. In der Einzeltherapie ist das Risiko verwickelt zu werden natürlich größer, aber so wie ich das jetzt von den Kollegen sehe bzw. höre, ist das Problem in den Grundlagen weitgehend gelöst. Viele von uns arbeiten individuell nach wie vor daran, und ich würde allen Psychotherapeuten sehr empfehlen, das auch zu tun, weil es enorm bereichernd ist, genau dieses Thema von Mißbrauch, das sich ja nicht nur auf Sexualität beschränkt, sondern vor allem ein Machtmißbrauch ist, durchzuarbeiten. Machtmißbrauch ist etwas, was sich in unserer Kultur von A bis Z durchzieht, aber nicht wirklich wahrgenommen wird. Wir Psychotherapeuten haben da auch einen Auftrag an die Gesellschaft. Etwa offenzulegen wie z.B. Werbung, wie die gängige Art, Politik zu betreiben, wie das Schulsystem etc. in unser Leben in mißbräuchlicher Art eingreifen und wie wir geneigt sind mit der Macht, die wir haben, mißbräuchlich zu antworten. Jemanden zu konfrontieren, jemandem die Wahrheit ins Gesicht zu sagen ist ungeheuer mächtig, macht mich auch offen für die echte Antwort, aber macht mich auch verletzlich, wenn der andere weiter auf seinen Machtmißbrauch besteht. Darum ist die offene Auseinandersetzung der einzige Weg, um zu einer echten, liebevollen Beziehung zu kommen.

P: Wie war die Entwicklung der Körperpsychotherapie in den siebziger Jahren, wenn Sie das mit heute vergleichen.

Hat sich da der Aufgabenbereich geändert?

B: Die Körperpsychotherapie ist vielfältiger geworden. Es gibt mehr Techniken, um mit verschiedenen Neurosenformen umgehen zu können, das heißt, daß wir jetzt auch mit Borderline Störungen und narzißtischen Syndromen gut arbeiten können. Die Körperpsychotherapie ist wissenschaftlicher geworden, die einzelnen Schulen fangen an sich auseinanderzusetzen und die Erfahrungen auszutauschen. Es gibt langsam aber doch mehr Untersuchungen über die Wirksamkeit, über die Vorgehensweisen, über Beobachtungen etc. Es ist natürlich eine sehr junge Wissenschaft. Wilhelm Reich hat sehr viel geforscht, war aber ein monomanischer Einzelgänger. Erst ab den siebziger Jahren hat es Leute gegeben, die Untersuchungen parallel bzw. Nachuntersuchungen gemacht haben, die wissenschaftlich nachgearbeitet haben.- Neu ist auch, daß die Ausbildungslehrgänge einen stabileren Rahmen bekommen, sodaß man ungefähr vergleichen kann, diese Ausbildung ist gleichwertig mit jener. In den Beginnjahren war die Entwicklung so rasch, daß jeder Ausbildungslehrgang fast immer was Neues gelernt hat. Die Situation ist übersichtlicher geworden, auch durch den EABP. Man weiß, welche Schulen es gibt und wer die Lehrer bzw. Ausbildner sind. Es gibt zum Teil ganz krasse Unterschiede in den körperpsychotherapeutischen Schulen, sowohl die Theorie, als auch die praktische Vorgehensweise betreffend, wobei aber der Hintergrund bei allen gleich ist, in der Weise, daß sie den Körper im Zentrum der Aufmerksamkeit sehen. Und was auch neu ist, ist eine Verknüpfung mit anderen psychotherapeutischen Schulen, was zum Teil damit zu tun hat, daß viele ausgebildete Psychotherapeuten anderer Schulen Körperpsychotherapie erlernen und das wieder in ihre alten Schulen zurücktragen. Es besteht zum Teil großes Interesse an diesem Austausch.

P: Was sind die häufigsten Vorurteile, die der Körperpsychotherapie entgegengebracht werden?

B: Was ich in letzter Zeit höre, ist, daß es doch unmöglich sei, jemanden zu berühren, weil, das hätte nur mit Sexualität zu tun. Das zweite Vorurteil lautet, man würde Menschen manipulieren. Da sehe ich aber keinen Unterschied, weil ich mit Worten genauso gut manipulieren kann; natürlich kann ich, aber warum sollte ich, das ist nicht meine Aufgabe als Therapeut. Das nächste Vorurteil, die Körperpsychotherapie sei nicht wissenschaftlich, besteht aus Unkenntnis. Sie ist genauso wissenschaftlich oder unwissenschaftlich wie die meisten anderen Psychotherapierichtungen auch, wiewohl vielleicht die Meter an Literatur unterschiedlich sind; aber das ist kein Kriterium. Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit kommt vielleicht auch von daher, ( daß wir Begriffe anders verwenden. Das kann geschehen, wenn sich eine Gruppe eigenständig entwickelt, dann variieren die Bedeutungen von Begriffen, und es ist dann schwer zu kommunizieren. Ich sage A und der andere sagt A und meint aber etwa anderes. Es ist notwendig das zu klären, und erst dann können wir weiter diskutieren. Das hat aber nichts mit meiner Wissenschaftlichkeit zu tun und nichts mit seiner. Aber es hat mit Wissenschaftlichkeit zu tun, diese Diskrepanz zu überbrücken. Ich kann nicht etwas, das sich aus der Tradition bei uns entwickelt hat, über Bord werfen, nur weil eine andere Gruppe denselben Begriff anders verwendet. Obwohl die Grundbegriffe sehr ähnlich in der Psychoanalyse, genauso wie bei den Jungianern oder den Gesprächspsychotherapeuten verwendet werden, gibt es krasse Unterschiede.- Der Vorwurf der Manipulation, der Vorwurf des sexuellen Ausagierens kommt immer wieder, zum Teil weil das tatsächlich passiert ist; ich kann nur offen zugeben, daß einzelne Gruppenleiter das getan haben. Aber da gibt es keinen Unterschied zu anderen Psychotherapierichtungen, wo das genauso passiert ist. Ich kann Ihnen ad hoc einige Gruppierungen aufzählen, wo ich das persönlich weiß, daß es passiert ist und aus der damaligen sozio-kulturellen Entwicklung zu verstehen ist. Das war in den siebziger Jahren einfach üblich in der Humanistischen Psychologie. Es ist aber auch in den nicht-humanistischen Psychotherapierichtungen passiert, schon zwanzig oder fünfzig Jahre früher. Freud selbst schreibt, daß er nur mit Glück und Geschick dem Problem entkommen ist, wie es etwa Jung passiert ist, der zweimal mit Klientinnen sexuelle Beziehungen hatte. Wichtig scheint mir unsere heutige Einstellung dazu und wie wir es bearbeiten und durcharbeiten.

P: Noch ein paar Zahlen: es gibt derzeit drei Richtungen in der Körperpsychotherapie?

B: In Österreich sind mir derzeit vier Ausbildungseinrichtungen bekannt, die alle nicht anerkannt sind. Die einen sind die Bioenergetiker, im Prinzip Schüler von Alexander Lowen, dann die Konzentrative Bewegungstherapie, die Emotionale Reintegration von Dr. Peter Bolen, und es gibt unser Institut, das AIK, das an sich ein Dachverband für mehrere Ausbildungen ist, aber im Moment nur die Biodynamische Körperpsychotherapie, die im wesentlichen von Gerda Boyesen entwickelt worden ist, als Ausbildung anbietet.

P: Ist das dasselbe wie Bioenergetik?

B: Nein, Bioenergetik ist vom Stil her sehr unterschiedlich, vom Verständnis ist 50% dasselbe und 50% anders. Die Bioenergetik ist eine Analyse, die immer wieder therapeutenzentriert arbeitet, während die Biodynamische Körpertherapie eine Förderung der inneren Selbstheilungskräfte ist, also klientenzentriert arbeitet, sehr nach dem Modell von Rogers

P: Ist jetzt Biodynamik und Bioenergetik einer einzigen Richtung zuzuordnen?

B: Nein. Bioenergetik ist einerseits ein Sammelbegriff – viele Leute, die irgendeine Körperpsychotherapie machen, nennen sich Bioenergetiker, aber andererseits ist es ein Fachausdruck, der sich auf die Arbeiten Alexander Lowens bezieht. Und das ist etwas Spezifisches. Die Biodynamik ist naturgemäß auch vielfältig, weil jeder von uns einen anderen Stil hat, aber es ist die Methode, die Gerda Boyesen entwickelt hat. Das, was sie im Moment lehrt nennt sie allerdings Gerda Boyesen-Methode, um sich deutlicher abzugrenzen von Leuten, die sich auch Biodynamiker nennen, aber verschiedene andere Sachen dazugenommen haben.

P: Wie viele Menschen nehmen an so einer Ausbildung teil; können Sie da Zahlen nennen?

B: Die Ausbildungsgruppen beginnen in unregelmäßigen Abständen; einmal ist eineinhalb Jahre Abstand, einmal vier Jahre. In so einer Ausbildungsgruppe sind vielleicht einmal 15, 25, oder 30 Teilnehmer.

P: Wie viele anerkannte Psychotherapeuten haben heute Erfahrung bzw. eine Ausbildung in Körperpsychotherapie?

B: Da ist die Frage „anerkannt von wem?“. Anerkannt von einer Ausbildungseinrichtung oder vom Staat? Das ist ein Unterschied.

P: Also sagen wir so: wie groß ist der Anteil von Körperpsychotherapeuten am österreichischen Psychotherapiemarkt?

B: Ich würde sagen ungefähr 15%, einfach um die Zahl von 50 bis 150 zu nennen, die mit Körperpsychotherapie primär arbeiten.

P: Letzte Frage: was interessiert Sie persönlich an Ihrer Arbeit, was macht Ihnen da besonderen Spaß, was ist für Sie das Schöne an der Arbeit?

B: Ich hatte verschiedene berufliche Tätigkeiten vorher und diese ist die einzige, die mich wirklich erfüllt. Es ist die einzige Tätigkeit, wo ich in der Arbeit mit Menschen direkt sehe, was diesem Menschen das nützt, wo er sagt, ah ja, das ist mir wirklich recht, und wo ich mich unglaublich glücklich schätze, daß Leute so vertrauensvoll sein können, so intensive Erfahrungen mit mir zu teilen; das ist etwas, was in der normalen Gesellschaft kaum vorkommt

P: Bitte, was kommt in der normalen Gesellschaft nicht vor?

B: Daß jemand tiefe Erfahrungen mit jemanden teilt. Das kommt in Beziehungen vor und das beschränkt, weil die meiste Zeit ist man mit Arbeit und Haushalt etc. beschäftigt; in der Verliebtheit kommt das vielleicht vor. Es ist schön mitzuverfolgen, was sich in einem Menschen entwickeln kann; darin sehe ich auch einen Sinn für mein Leben. Natürlich ist es auch sinnvoll Kartoffeln zu pflanzen oder Wasserleitungsrohre zusammenzuschrauben, und die Leute sind auch dankbar und brauchen das, aber es ist in keiner Weise vergleichbar mit einer Erfahrung, wenn jemand ein altes Trauma wirklich auflöst. Für mich ist die Körperpsychotherapie, mehr noch als die anderen Psychotherapierichtungen, die ich vorher gelernt und ausgeübt hatte, das, worin ich meine Lebensaufgabe sehe, wo ich sagen kann, es lohnt. Ich könnte mir vorstellen, so wie ich es heute sehe, genauso gut in einer Umweltschutzorganisation zu arbeiten, vom inhaltlichen her. Aber das Organisatorische liegt mir nicht so.

P: Gut. Danke für das Gespräch.