Versuch einer Beschreibung über Identität und Verschiedenheit westlicher und östlicher Verständnisebenen von lebensenergetischen Funktionen in zwei Teilen.

Erster Teil: Das Chi im Daoismus

Das Fischnetz ist da, um Fische zu fangen. Wir wollen die Fische behalten und das Netz vergessen. Die Schlinge ist da, um Kaninchen zu fangen. Wir wollen die Kaninchen behalten und die Schlinge vergessen. Worte sind da, um Gedanken zu vermitteln. Wir wollen die Gedanken behalten und die Worte vergessen. Oh welch ein Vergnügen mit einem Menschen zu sprechen, der die Worte vergessen hat. (Chuang Dzu, Kap XXVI)

1. Zum Daoismus

Der Dialog zwischen Europa und der Volksrepublik China wird im 21. Jahrhundert mit Sicherheit an großer Bedeutung gewinnen. Kulturell ist dabei auf ein im Westen seit langem bestehendes, in den Ursprüngen auf Einschätzungen der jesuitischen Missionare zurückzuführendes Missverständnis hinzuweisen: keinesfalls ist die Bevölkerung der 1,2 Milliarden Menschen umfassenden Republik an konfuzianistische oder sogar marxistische Traditionen so stark gebunden wie an die jahrtausende alte Überlieferung des Daoismus und an zweiter Stelle der chinesischen buddhistischen Schulen. Ein weiterer Grund dieser Fehleinschätzung liegt darin, dass konfuzianistische Tugenden, da sie im staatstragenden Beamtentum besonders verbreitet waren und sind, für Europäer leichter erkennbar und nachvollziehbar sind als die einerseits zahlreichen religiösen und manchmal okkulten daoistischen und buddhistischen Traditionen.

„Für die Zukunft Chinas kann die Idee und Bedeutung daoistischer Auffassungen vom Umgang mit der Natur und vom sozial verträglichen Zusammenleben bedeutsam werden, wobei immer wieder auf den symbiotischen Charakter des Daoismus („Viele Flüsse fließen in den Strom“) hingewiesen wird. Die daoistischen Praktiken haben auch wegen ihrer heilenden Wirkungen gesellschaftliche Bedeutung, vor allem eben auch in Notzeiten. Letztlich zielen viele Praktiken auf die Erreichung des Ideals einer „Gesellschaft des Großen Friedens“ ab und hierin liegt neben den Urtexten des Daoismus auch heute noch eine immense gesellschaftsgestaltende Kraft.“ (Zum Dialog mit der VR China verweise ich auf das von Josef Thesing u. Thomas Awe herausgegebene Buch „Dao in China und im Westen – Impulse für die moderne Gesellschaft aus der chinesischen Philosophie“, Bouvier Verlag, Bonn 1999, das auf einem von der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierten Konferenz zu diesem Thema basiert; diese war die erste ihrer Art in Europa seit mehr als 25 Jahren – siehe das Vorwort der Herausgeber zu dieser Publikation.)

Die philosophischen Hauptprinzipien des Daoismus bilden drei Begriffe:

wuwei: Nicht-Handeln, Handeln ohne zu tun;
ziran: Natürlichkeit, den Gesetzen der Natur folgend;
fanben: Orientierung und Rückkehr zu den Wurzeln – und der Umgang mit dem „Chi“.

2. Zum Begriff des „Chi“

Chi wurde und wird im angloamerikanischen Raum fast immer mit „Energie“ übersetzt und allgemeinsprachlich dem Begriff einer „Lebensenergie“ gleichgesetzt. In Wirklichkeit bezeichnet Chi – nur im Kontext übersetzbar -, den gesamten Kreislauf der Transformation des Wassers vom Grundwasser hinauf in die Welt der Pflanzen, vom Tautropfen zum Nebel über den Feldern, vom Nebel bis zum Aufstieg durch Verdunstung zur Bildung von Wolken am Himmel, von der Verdichtung der Wolken bis zum Herabregnen auf die Erde, vom Einsickern bis zum Grundwasser in der Tiefe, vom Aufstieg in die pflanzliche Welt bis zur Verdunstung… Die chinesische Kalligraphie für Chi zeigt symbolisch die Nebeltropfen über den Reisfeldern… Weitere in der westlichen Literatur zu findende Übersetzungen von Chi sind: „lebensspendendes Prinzip“, „Veranlagung“, „Kraft“, „Gas“, „Dampf“, „Wetter“, „Luft“, „Einflüsse“, „Atem“ oder „materielle Kraft“.
Im Vergleich dazu sind in der Gesamtenzyklopädie der chinesischen Sprache, dem „Zhongwen Dazidian“, 21 verschiedene Eintragungen zu der Bedeutung von „Chi“ als einzelnes Zeichen zu finden:

(1) Einen der drei physikalischen Zustände (wie gasförmige, flüssige oder feste Körper). Das, was keinen festen Körper hat, was flüssig ist und in der Lage ist, sich zu sammeln und zu verstreuen, ist Chi…
(2) Es sind die Wolken.
(3) Es ist die Erscheinung der Natur zwischen Himmel und Erde und bezeichnet die Qualitäten Yin und Yang, Luft und Wasser, Dunkelheit und Helligkeit…
(4) Abdampfendes und aufsteigendes Chi…
(5) Dunst, Rauch…
(6) Der ein- und austretende Atem…
(7) Die Lebenskraft des Körpers…
(8) Das ursprüngliche Chi. Die dem Erzeugen und Wachsen der 10000 Wesen zugrundeliegende Kraft.
(9) Das äußere Erscheinungsbild des Feinstgeistes „jingshen“ (am Körper) heißt Chi, wie zum Beispiel ein „tapferer Ausdruck“ „yong-qi“, ein „verwahrloster Ausdruck“ „muqi“ (wörtl. Übers.: „Grabes-Chi“), ein „mächtiger Ausdruck“ „haoqi“, „eitler Ausdruck“ „Yiqi“.
(10) Kraft.
(11) Emotion.
(12) charakterliche Veranlagung.
(13) Gestank, Duft.
(14) riechen (verbal), Geruch.
(15) Das, was Dinge „beeinträchtigt und auf sie einwirkt“.
(16) Der Volksmund sagt, dass Ärger und Melancholie (eine Art) von Chi sind.
(17) Körperliche Gestalt.
(18) Klima, im Sinne der Chinesischen Klimaperioden „qieqi“ (von denen es nach chinesischer Theorie 24 gibt).
(19) Im Altertum wurde das Zeichen qi auch so geschrieben: (unten „Feuer“, oben „Dunst“).
(20) Im Altertum wurde das Zeichen qi auch so („Sonne mit Dunst“), oder so (unten „Feuer“, oben „das Nichts“) geschrieben.
(21) Es kann auch Bambusgefäß oder Gefäß heißen.

Interessant ist auch die Verwendung des Wortes „Chi“ in Binomen, hier einige Beispiele:

Barometer „qijaji“
Lufttemperatur „qiwen“
Luft schnappen „qiji“
Wetter „qixiang“ (wörtl. Übers.: „Qi-Bild“)
ärgerlich sein „shengqi“
Hass „qihen“
psychische und physische Disposition „qixing“
natürliche Begabung/Veranlagung „qibin“
Melancholie „qijie“ (wörtl. Übers.: „Qi-Verklebung“)
moralische und charakterliche Veranlagung „qizhi“
angeborene Konstitution „yuanqi“ (im klassischem Kontext: „ursprüngliches Qi“)

Neben den philologischen Erklärungen des Piktogramms „Chi“ im Wörterbuch „Shouen“ scheint sich das Bedeutungsspektrum von Chi innerhalb der traditionellen chinesischen Medizin und in den Naturwissenschaften in einem außerordentlich großen Spektrum verbreitert zu haben. Die Verwendbarkeit als Binomen führte zu einer Anwendung in verschiedensten Wissensbereichen, damit aber auch zu einer Vermischung von Bedeutungserteilungen. So wurden unterschiedlichste Konzepte unter einem Dach – dem Begriff des „Chi“ – zusammengeführt, welche weitgehend unklar erscheinen und bisher keine einheitliche Definition in westlichen Sprachen zulassen. „Das gilt auch für die traditionelle chinesische Medizin, denn wenn man die beiden Bücher des wohl ältesten und wichtigsten Gesamtwerkes der chinesischen Medizin, des „Huangdi Neijing“ (Der innere Klassiker des gelben Kaisers) und seine beiden Teile „Suwen“ (Reine Fragen) und „Lingshu“ (Geisthafte Problemstellungen) untersucht, so wird man feststellen, dass in diesem Werk zwar mit einem Konzept von Chi gearbeitet wird, allerdings niemals und nirgends je erklärt wird, was Chi als solches eigentlich ist. Spezifizierungen in der Kategorisierung von Chi werden lediglich hinsichtlich der Wirkung von Chi oder der verschiedenen Ausformungen des natürlichen Erscheinungsbildes von Chi in der Natur oder innerhalb des Körpers gemacht.“ (Kubny, M. qi, Lebenskraftkonzepte in China: Definitionen, Theorien und Grundlagen, Heidelberg : Haug 1995)

Im Folgenden werde ich den Versuch einer philosophischen Klärung des Begriffs „Chi“ in der Tradition der bis in die Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geheimgehaltenen Schule des „Taiji Men“ versuchen. Taiji bedeutet vor dem Anfang und nach dem Ende der Existenz, Men bedeutet Tor. Diese Schule ist in der VR China die anerkannt höchste philosophische Schule des Daoismus.
Taiji Men unterteilt den Bereich der gesamten, auch der für uns nicht wahrnehmbaren Welt in zwei verschiedene Sphären:

der des Wu (des Nichts) und der des You (der Existenz). Alle Dinge, d.h. auch die menschliche Existenz, kommen aus dem wu, existieren nach der Zeugung für einige Zeit im you, um dann im Verlöschen, dem Tod, zurückzukehren in das wu.
Das diesen Prozess (vom wu zum you zum wu) vermittelnde und überbrückende Agens ist Chi.

Je näher das Chi sich dem Bereich der Materie (you, der Existenz) nähert, desto dichter wird es und interagiert mit den Gesetzen der für uns erfahrbaren Wirklichkeit. So ist das Chi, das bestimmte chinesische Heiler und Kampfkünstler durch ihre Hände abstrahlen können („waiqi“, das harte Chi) wissenschaftlich nachweisbar und wird seit mehr als zehn Jahren von der staatlichen Untersuchungskommission für Qigong-Wissenschaften erforscht. Tatsächlich handelt es sich hier um eine sehr einfache, lenkbare Funktion. Sanftes, heilendes Chi fortgeschrittener Heiler dagegen kann bisher nicht wissenschaftlich messbar erfasst werden; seine Effekte in Bezug auf die Hemmung von Bakterienwachstum und der Steigerung der Sprossung von Samen verschiedenster Pflanzenarten ist jedoch einwandfrei dokumentiert – Infrarot- und Magnetfeldmessungen zeitigen hier im Gegensatz zum harten Chi kein Ergebnis. Um einen (zu) einfachen Vergleich zu versuchen: wenn Chi einige Eigenschaften des Wassers haben sollte, so hätte es auch flüssige, gasförmige und kristalline Aggregatzustände – es hat zahlreiche mehr. Menschen können das Chi unter besonderen, aber einfach herzustellenden Umständen wie einen bewegten Ozean von Wasser oder Luft erfahren, jedoch es im übertragenen Sinne zu Eis frieren zu lassen und mit diesem in Kampfkunst und Medizin umzugehen, erfordert jahrelange Übung; dies gilt erst recht für den subtilen, gasförmigen Zustand.

Der Philosophie des Taiji Men entsprechend werden die Menschen vom Universum erschaffen und der menschliche Körper stellt einen Mikrokosmos dieses Makrokosmos dar. Die Strukturen des Organismus korrespondieren mit den Strukturen der natürlichen Welt. In der Natur unterstützt das Wasser der Flüsse und Seen alle lebenden Dinge, so wie das Blut im Körper alle Zellen und Organe nährt. In diesem Bild entsprechen das Wasser und die Flüsse dem Blut und den Adern der organischen Welt. Darüber hinaus gibt es noch die Luft, unsichtbar, aber von fundamentaler Bedeutung für den überwiegenden Teil der Existenz auf diesem Planeten. Metaphorisch entspricht sie dem Chi. Wie können wir die Luft erfahren, wie kann man das Chi erfahren? Normalerweise können wir die Existenz der Luft nicht fühlen, solange wir oder sie unbewegt ist. In dem Moment, in dem sich die Luft in Bezug auf uns bewegt und zu einem Luftzug oder Wind anschwillt, können wir sie fühlen. Metaphorisch verhält es sich in gleicher Weise mit dem Chi. Wenn das Chi den Körper bewegt, wird der Körper in bestimmte Bewegungen kommen und der Mensch ist in der Lage, es zu fühlen. Die Übungsmethode hierzu bilden die sogenannten „spontanen Bewegungen des Taiji Men“ – „Shi Fang Wu Ji Dang“ (spontane Bewegungen in einem besonderem Zustand); sie und die Praxis von Wu wei sind die Hauptmethode der Selbstbehandlung in der Qi Dao Medizin. Nach vollständiger, durchgehender Entspannung werden die Selbstheilungskräfte der Patienten wieder aktiviert, so dass diese Krankheiten sich selbst ausheilen lassen können. Diese Methode kann einen sehr großen Bereich von Erkrankungen heilen. Insgesamt betrachtet, beeinflusst sie jede menschliche Krankheit. Die entscheidenden Faktoren sind erstens der Grad der Entspannung, die ein Patient erreichen kann und der Schweregrad der Erkrankung.“ (zitiert nach: Tom Zhang und Carol Yeung, „The Science of Qui Dao Medicine“, 1999 in: Heiko Lassek (Hrsg.), „Wissenschaft des Lebendigen“, Verlag Simon und Leutner, Berlin)

Wie oben erwähnt, kann Chi auch zur Behandlung menschlicher Erkrankungen eingesetzt werden. Vereinfachend skizziert sind die Unterschiede zwischen westlicher Medizin, traditionell chinesischer Medizin (TCM) und Chi-Medizin jedoch bedeutsam.

Die westliche Medizin beruht auf der Behandlung vorliegender körperlicher Störungen. (Im letzten Jahrzehnt wurde versucht, nahezu alle psychischen Erkrankungen auf eine physische Störung der Überträgerstoffe im Gehirn zurückzuführen.) Sie beruht auf naturwissenschaftlichen Vorstellungen und Ergebnissen, wo sich ein Organ befindet und wie es zellulär funktioniert; man kann sie als „Organmedizin“ bezeichnen.

Die traditionelle chinesische Medizin basiert auf den funktionellen Erscheinungen der Organe.

Diese Medizin bezieht sich nicht auf die physische Existenz der Organe, sondern auf ihre Funktionen. In der TCM befindet sich z.B. die Leber auf der linken Seite; obwohl die physische Leber auf der rechten Seite lokalisiert ist, erscheinen ihre Funktionen auf der Linken. Für diese medizinische Richtung ist es nicht ausschlaggebend, wo exakt ein Organ sich im menschlichen Körper befindet; wichtig sind seine, den gesamten Organismus beeinflussende Funktionen. Die TCM kann also als eine „Organerscheinungsmedizin“ betrachtet werden.

Für die Chi-Medizin ist weder die nach westlicher Ansicht bedeutsame Lage noch der Blickwinkel der TCM auf die Funktion das Entscheidende; bedeutsam ist das Chi-Feld des Organs, man könnte sogar sagen: der Geist des Organs. Nicht die exakte Lokalisation z.B. der Leber, noch die Funktionen sind in dieser Herangehensweise das Wesentliche; entscheidend ist die Lage und die Ordnungsstruktur des Chi-Feldes.

3. Exkurs über die Chi-Medizin.

Um diesen zentralen, im Westen unbekannten Ansatz zu vertiefen, werde ich im Folgenden auf die Vorstellung der Chi-Medizin am Beispiel des menschlichen Herzens eingehen:
Dabei wird der geistige Aspekt als Kraft dafür angesehen, die dafür sorgt, dass verschiedene Elemente als Einheit zusammenarbeiten. (Diese Definition ist relativ und vereinfachend; im Kern sind in der daoistischen Philosophie der geistige und der körperliche Aspekt eins.) Beide Begriffe haben Auswirkungen aufeinander, entwickeln und durchdringen einander; ohne das Geistige gibt es nichts Körperliches. Ohne das Körperliche gibt es nichts Geistiges. Wenn es etwas Geistiges in der körperlichen Form gibt, muss es auch etwas Körperliches in der geistigen Form geben. Die grundlegenden daoistischen Vorstellungen über das Leben bilden den Schlüssel zum Verständnis der Chi-Medizin:

„Wir kennen die folgenden Fakten über unser Leben: es gibt ein Leben in einem menschlichen Körper. Unser Körper besteht aus vielen Zellen. Da wir sicher sind, dass Punkt 1 wahr ist, hat dann nicht auch jede Zelle ein Leben? Wenn keine Zelle ein Leben hat, wie kann dann ein ganzer und vollständiger Körper ein Leben haben? Daher müssen wir einen weiteren Punkt hinzufügen: Jede Zelle hat ein Leben. Aus den oben aufgeführten Punkten ziehen wir die Schlussfolgerung A, die besagt, dass das Leben des Körpers sich aus den Leben von vielen Zellen zusammensetzt. Genauso ist jeder Teil des Universums eine „Zelle“ des Universums. Somit kommen wir zur Schlussfolgerung B, die besagt, dass jedes einzelne Leben im Universum auch ein Teil des Lebens des Universums ist. Gemäß den Schlussfolgerungen A und B können in der Qi Dao-Medizin alle Formen des Lebens auf drei Ebenen analysiert werden. Die erste Ebene der Lebensformen sind die Dinge und Wesen, so wie wir ihnen begegnen. Sie werden ‚He Sheng‘ (zusammengesetztes Leben) genannt, denn alles Leben ist aus einfachen, primären Leben zusammengesetzt. Die zweite Ebene der Lebensformen sind jene, die noch einfacher sind. Sie werden ‚Fen Sheng‘ (geteilte Leben) genannt, und aus ihnen ist ‚He Sheng‘ (zusammengesetztes Leben), die erste Ebene der Lebensformen zusammengesetzt. Die dritte Ebene der Lebensformen, die ‚Zong Sheng‘ (universelle Leben) genannt wird, setzt sich aus der ersten Ebene der Lebensformen (zusammengesetztes Leben) zusammen. Die erste Ebene der Lebensformen sind die Leben, die universellen Leben zugrunde liegen. (‚He Sheng‘ sind die ‚Fen Sheng‘ der ‚Zong Sheng‘.) Das Leben eines menschlichen Körpers, zum Beispiel, ist das ‚He Sheng‘ (zusammengesetztes Leben), die Leben der Körperzellen sind die ‚Fen Sheng‘ (geteilte Leben) und das Leben des ganzen menschlichen Wesens ist das ‚Zong Sheng‘ (universelles Leben). Nachdem wir alle Lebewesen mittels dieser Methode analysiert haben, kommen wir zu den folgenden Schlußfolgerungen: Die Erzeugung eines Lebens bringt gleichzeitig viele andere Leben hervor. Der Vorgang der Erzeugung eines Körperlebens zum Beispiel, ist auch der Vorgang der Erzeugung der Leben vieler Zellen. Es gibt Leben in einem Leben. Im Leben eines Körpers, zum Beispiel, der körperlichen und biologischen Existenz einer Person, gibt es die Leben vieler Zellen. In einem Leben gibt es viele Geburten und Tode von Leben. Jeden Tag entstehen und sterben Zellen in einem Körper. Folgerichtig entsteht ein Leben aus einer Ansammlung von Leben. Was ist zum Beispiel mein Leben? Es ist eine Zusammenkunft der Leben von vielen Lebewesen, wenn wir annehmen, dass es viele Leben in einem Leben gibt. Auf die gleiche Weise besteht das Leben eines Körpers aus dem Leben der Organe. Da der geistige und körperliche Aspekt eines sind, gibt es darüber hinaus körperliche Formen in einer körperlichen Form und geistige Formen in einer geistigen Form. Daraus können wir schließen, dass der physische Körper auch geistig ist und die körperlichen Organe oder Gewebe auch geistig sind. Denn wenn ein Organ keinen Geist hat, wie können dann alle Zellen der Organe zusammenarbeiten, um ihre Aufgaben zu erfüllen? Der menschliche Körper besteht physisch aus Zellen, Gewebe und Organen. Der Geist des menschlichen Körpers besteht auch aus den „Geistern“ der Zellen, der Gewebe und der Organe. Auf höherer Ebene der Qi Dao-Medizin konzentriert sich die Forschungstätigkeit hauptsächlich auf die „Geister“ der Organe. Subjektive und objektive Forschung: einer der offensichtlichsten Unterschiede in den Ergebnissen, die durch physikalische – im Gegensatz zu geistigen Methoden – gewonnen wurden, ist die Ansicht, welcher Teil des menschlichen Wesens denkt. In der westlichen Medizin ist bekannt, dass das Denken durch das Gehirn geschieht, welches auch die Kommandozentrale des menschlichen Körpers ist. Die traditionelle chinesische Medizin und die Qi Dao-Medizin sind dagegen der Ansicht, dass das Herz (Xin) die Gedanken kontrolliert. Die Aufmerksamkeit und das Herz sind hier nicht der Ort des Denkens. sondern der Ort, von dem aus das Denken kontrolliert wird. Das Herz ist nicht das Herzorgan, welches hauptsächlich für den Blutkreislauf verantwortlich ist, sondern die Herzgegend, die in der Nähe des Herzens und in der Mitte der Brust ist. Um Missverständnisse zu vermeiden, werden wir Xin, das chinesische Wort für Herz, verwenden, um diese Bedeutung zu vermitteln. Wenn wir untersuchen wo die Kommandozentrale des menschlichen Körpers ist und wenn subjektive Erfahrungen eine wesentliche Rolle spielen, dann stellen wir fest, dass Xin der gesuchte Ort ist. Im allgemeinen beobachten wir, dass es uns glücklich macht, wenn wir etwas Gutes hören und dass es uns traurig macht, wenn wir etwas Schlechtes oder Bestürzendes hören. Die erste Reaktion des menschlichen Körpers wird nicht vom Kopf her gesteuert, sondern von Xin her. Als erstes werden wir gewahr, dass sich in unserer Brustgegend Gefühle oder Empfindungen regen. Dies löst dann eine Kettenreaktion aus. Unser Verstand fängt an zu denken. Wenn das Xin nicht ruhig und friedlich ist, kann der Denkprozess in unserem Verstand nicht ruhig sein. Zorn, zum Beispiel, hört nicht auf die Argumente des Verstands, sondern auf unser Xin. Wenn wir zornig werden, spürt unser Xin das als Erstes. Auch wenn unser Verstand manchmal gewahr wird, dass weder Zeitpunkt noch Situation für Zorngefühle gut gewählt sind, können diese Zorngefühle nur sehr schwer von uns gewiesen werden. Der Verstand wird noch durch das Zorngefühl beeinflusst. Wenn das Herz (Xin) sich nicht beruhigt, wird der Zorn nicht verschwinden. Ein anderes Beispiel ist ein Fußgänger, der eine Straße überquert. Wenn plötzlich direkt vor ihm ein schnelles Motorrad auftaucht, wird als erstes sein Xin reagieren und er wird einen anfänglichen Schock oder Schrecken bekommen. Diese Reaktion wird dann auf das Gehirn übertragen, welches ihm sagen wird, dass er aus dem Weg gehen soll. Warum betrachtet die objektive Methode der abendländischen Medizin das Gehirn als Ort des Denkens und als Kontrollstelle des ganzen Körpers? Die folgenden Punkte sollen helfen diese Theorie zu erklären: Das Gehirn ist der komplizierteste Teil des menschlichen Körpers; es ist das Nervenzentrum, von wo aus alle Nerven über den ganzen Körper verteilt und ausgesendet werden. Der Großteil des Informationsaustauschs im Nervensystem wird durch das Gehirn gesteuert. Wenn ein Teil des Gehirns abgeschnitten oder blockiert ist, bedeutet das für den korrespondierenden Teil der menschlichen Körperfunktionen, dass sie lahm gelegt werden.- Was ist das wahre Zentrum des menschlichen Körpers, das Xin oder das Gehirn? (…) Die menschliche Forschung kann in drei Bereiche unterteilt werden. Der makroskopische Forschungsbereich, in dem Gegenstände viel größer sind als im normalen alltäglichen Leben. Der mikroskopische Forschungsbereich, in dem Gegenstände viel kleiner sind als im normalen alltäglichen Leben. Und die standardisierte alltägliche Ansicht des Lebens. Die meisten abendländischen Wissenschaftler ziehen nur aus dem dritten Bereich Erfahrungen spiritueller Tiefe und Verständnis. Der erste und zweite Bereich erscheint ihnen zu physisch. Gehirnforschung oder die Suche nach dem Zentrum des menschlichen Körpers gehört hauptsächlich in den zweiten Bereich. Um den Lesern zu helfen eine Vorstellung davon zu bekommen, wie Forschung der spirituellen Art betrieben wird und um deren Blickpunkt klarzustellen, werden wir ein Beispiel, das zum dritten Bereich gehört verwenden, um den spirituellen Charakter der zum zweiten Bereich gehörenden Dinge zu erläutern.- Als Beispiel analysieren wir die Struktur eines Wirtschaftsunternehmens: Die physische Struktur sind die Vermögensgegenstände dieses Unternehmens, wie das Gebäude, die Anzahl der Angestellten und Arbeiter, etc. und die Kommunikationswege, d.h., wie die Kabel und Kommunikationskanäle verteilt sind. Die geistige Struktur ist der Managementstil, die Intelligenz der Arbeitgeber, etc. Mit der physischen Forschungsmethode kann man verschiedene Instrumente benutzen, um die Bewegungen in diesem Unternehmen zu beobachten. Sie können zum Beispiel alle Kabelsignale analysieren, aber sie können sich nicht mit einer Person in dieser Firma verständigen. Mit der spirituellen Forschungsmethode dagegen können Sie alle Dokumente der Firma lesen und mit dem Personal sprechen. Wo ist die Kommandozentrale dieser Firma? Nach Untersuchung mit der physischen Methode können Sie zu dem Schluss kommen, dass die Kommandozentrale sich in dem Büro befindet, in dem sich die meisten Computer befinden. Die Gründe dafür sind: das Büro in dem sich die meisten Computer befinden, ist der komplizierteste Bereich in dem Unternehmen. Die Kommunikationskabel, Kanäle und Systeme des ganzen Unternehmens laufen vielleicht in diesem zentralen Büro zusammen. Der Großteil des Informationsaustauschs findet auf Befehle hin statt, die von diesem Büro ausgehen. Wenn einige Computer und Informationen in diesem Büro abgetrennt oder blockiert sind, sind die mit ihnen zusammenhängenden Unternehmensteile handlungsunfähig. Diese Art von Analyse kann in Wirklichkeit jedoch nicht beweisen, dass dieses Büro die Kommandozentrale des Unternehmens ist (korrekt wäre die Analyse nur, wenn es sich zufälligerweise um das Büro des Vorstandvorsitzenden handelte). Wenn wir die Anzahl der Kabel und Verbindungen im ganzen Unternehmen untersuchen, so mag vielleicht nur ein Kabel in das Büro des Vorstandsvorsitzenden gehen. Wenn wir die Anzahl der Telefonate des Vorstandsvorsitzenden mit denen in anderen Büros getätigten vergleichen, so stellen wir vielleicht fest, dass der Vorstandsvorsitzende weniger telefoniert als seine Angestellten. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass Telefonate des Vorstandsvorsitzenden viel wichtiger und entscheidender sind. Diesen Unterschied können wir nicht mittels physischer Forschung feststellen, sondern nur durch Kenntnis des Inhalts. Es ist sogar möglich. dass der wahre Eigentümer dieses Unternehmens nicht dort arbeitet. Vielleicht setzt er sich nur einmal im Monat oder in bestimmten Abständen mit dem Vorstandsvorsitzenden in Verbindung. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Eigentümer nicht die Kontrolle über das Unternehmen hat. Nun verstehen wir, dass wir nicht spirituelle Forschung durch physische Forschung ersetzen können. Um mehr von der wahren Essenz der Existenz zu verstehen, müssen wir sie von so vielen Blickwinkeln aus wie nur irgend möglich beobachten, und das schließt sowohl die spirituellen als auch den physischen Weg ein. Verglichen mit den physischen Elementen, sind die spirituellen Aspekte nicht greifbar, sondern abstrakt und unsichtbar.“ (Tom Zhang, Carol Yeung, The Science of Chi Dao Medicine, teilweise unveröffentlichtes Vortragsscript; siehe auch Heiko Lassek (Hrsg.), Wissenschaft vom Lebendigen, a.a.o.

In dieser kurzen Darstellung habe ich aufzuzeigen versucht, dass kein im Westen eindeutig übertragbares oder benennbares Konzept von Chi entworfen werden kann. Der einzig unmittelbare Weg bleibt die Erfahrung, das Erleben des bewegten Chi. Shi Fang Wu Ji Dang, die spontanen Bewegungen des Taiji Men sind ein Weg dieser Erfahrung; sie ermöglichen die Durchdringung des Seins (You) durch das Nichts (Wu).

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Teil 2 dieses Artikels über die Beziehung von „Chi“ und „Orgon“ ist in der nächsten BUKUMATULA-Ausgabe nachzulesen.