Erinnerung an eine Freud-Kritik aus den frühen 70er-Jahren, die auf Wilhelm Reich zurückgreift

Der „Anti-Ödipus“ ist eine Schrift, die von zwei französischen Philosophen, Gilles Deleuze und Felix Guattari, 1972 verfasst wurde. Entstanden ist er hauptsächlich als eine Reaktion auf den Lacanismus, der sich zur dieser Zeit gerade durchzusetzen begann. Jacques Marie Lacan (1901-1981) wiederum kann als der Erneuerer der Psychoanalyse nach Freud angesehen werden, er begründete die STRUKTURALE Psychoanalyse: ursprünglich Arzt für Psychiatrie und Neurologie, entwickelte er in den 50er-Jahren seinen eigenen Weg der Psychoanalyse, in dem er den STRUKTURALISMUS auf die Psychoanalyse anwendete. Lacan bemühte sich um eine neue Konzeption der Theorie des Unbewussten, das er als von der Sprache hervorgebrachtes und nach Art einer Sprache strukturiertes (symbolisches) Ordnungssystem verstand. Er forderte eine strenge Orientierung der Psychoanalyse an der strukturellen Linguistik und wandte seine psychoanalytischen Methoden auch auf literarische Texte an (E.A. Poe, M. Duras). 1964 begründet er in Paris die „École Freudienne“. Er gilt als der größte zeitgenössische Psychoananalytiker – manchen sogar als DER bedeutendste seit Freud – und prägte mit seinen Theorien maßgeblich den französischen Strukturalismus.
Der klassischen Psychoanalyse, die den Ödipuskomplex als EMPIRISCHES Faktum betrachtet, das beim Kind zwischen drei und vier Jahren virulent wird, wohnt ja immer schon eine gewisse Krise inne. Die Realität weicht, wie wir wissen, oft von dem klassischen Familienkonstrukt, an dem Freud sich orientiert hat, ab: Was etwa sind Freuds Aussagen wert, wenn ein Kind ohne Vater aufwächst? Oder was, wenn – wie ja auch Reich gegen die Annahme eines universellen Ödipuskomplex argumentiert hat – es fremde Kulturen gibt (z. B. die Trobriander), in denen rigide, verbietende Vatergestalten überhaupt nicht vorkommen? Lacan, ein strikter Gegner Reichs, tauchte im Zusammenhang mit diesen Fragen gewissermaßen als Retter des Ödipuskomplexes auf. Er erklärte Ödipus zu einer von empirischen Fakten unabhängigen und allgemeingültigen STRUKTUR des menschlichen Unbewussten. „Vater“, „Mutter“, „Sohn“, „Kastration“, das sind nun vom realen Vater, der realen Mutter und einer realen Kastrationsdrohung unabhängige Kategorien. In die Position des Vaters kann genauso der Onkel oder ein älterer Bruder eintreten wie der Lehrer, der Arbeitgeber, der Vorgesetzte oder sonst jemand anderer. Der „Vater“, das ist schließlich in der Auslegung Lacans „ALLES, WAS DAS KIND VON DER MUTTER WEGZIEHT“.

Gegen diese Argumentation ergreift nun der „Anti-Ödipus“ das Wort. Deleuze und Guattari werfen dem Lacanismus vor, den Freudschen Ödipuskomplex damit endgültig total gemacht und zur allein gültigen Wahrheit erklärt zu haben. Sie kritisieren, dass nun ALLES nur mehr „Vater“ oder „Mutter“ ist, mit anderen Worten: alles ist nur mehr „FAMILIE“, das gesamte Erleben des Subjekts wird nur mehr auf dieses Raster reduziert, auf die familiaren Begriffe, kurz: auf das „ÖDIPALE DREIECK“. Demgegenüber entwerfen Deleuze und Guattari – und darin besteht ihre große Leistung – einen ganz, ganz anderen Begriff des Unbewussten, als wir ihn gemeinhin seit Freud kennen und anerkennen. Das ursprüngliche Unbewusste, so ihre zentrale These, ist nichts aus den Begriffen „Vater“ und „Mutter“ gebildetes, sondern das Unbewusste besteht aus – man höre und staune – „MASCHINEN“, aus sogenannten WUNSCHMASCHINEN. Das ist nun ein sehr missverständlicher Begriff, den ich bei meinem Referat zu erklären versuchen werde. Vorweg: damit ist nicht das gemeint, was wir uns gemeinhin unter Maschinen vorstellen, also nichts industriell Mechanisches. Gemeint ist damit viel mehr eine elementare vorgesellschaftliche, das Gesellschaftliche jedoch durchziehende quasi kosmische Grundkraft, die sich ständig zu verwirklichen trachtet, die jedoch vor allem die beschränkten Begriffe von „Vater“ und „Mutter“ und generell das System „Familie“ sprengt. Zur Beschreibung der MASCHINENPROZESSE, aus denen ihrer Meinung nach das Unbewusste besteht, greifen Deleuze und Guattari wie gesagt auch auf zentrale Begriffe und Vorstellungen Reichs in Bezug auf das Unbewusste zurück. Das sind unter anderem:

1.) ein ENERGETISCHER Grundbegriff des Unbewussten: das Unbewusste stellt sich als ein STRÖMEN und FLIESSEN dar (Orgon?)

2.) das Unbewusste ist damit etwas JENSEITS DER SPRACHE, jenseits der symbolischen Ordnung der Gesellschaft, damit auch jenseits der gesellschaftlichen Begriffe von „Vater“ und „Mutter“ Existierendes.

3.) das Unbewusste ist letztlich das ERLEBEN VON INTENSITÄTEN AM KÖRPER, das Ereignis eines auf ihm stattfindenden Realitätsstromes. Der Säugling, so eine zentrale Argumentation von Deleuze und Guattari, begehrt ja nicht die „Mutter“ als solche (wie Freud meint), wenn er nach der Mutterbrust fasst; was er wünscht, ist die Erfahrung eines bestimmten STROMS: des Milchstroms, der sich von der Brust der Mutter (dass es sich gerade um diese handelt, ist aber für ihn gar nicht so wichtig) in seinen Mund gießt. Mit anderen Worten: indem er seinen Mund an ihre Brust anschließt, bildet er so etwas wie eine WUNSCHMASCHINE.

4) „Vater“ und „Mutter“ als gesellschaftliche Instanzen spielen für das Unbewusste natürlich eine Rolle, aber, so die Kernaussage von Deleuze und Guattari, nicht als ein originärer Ausdruck des Unbewussten, sondern als Instanzen der REPRESSION DES UNBEWUSSTEN.
Soweit kurz gefasst die Verbindungen zwischen dem „Anti-Ödipus“ und Wilhelm Reich. Ich darf an dieser Stelle allerdings darauf verweisen, daß Deleuze und Guattari in ihrer Schrift nicht nur auf Reich zurückgreifen. Die beiden Autoren berufen sich ebenso auf die Psychoanalysekritik von D. H. Lawrence und Henry Miller, auf das Werk von Antonin Artaud, auf Georg Büchner, Marx, Nietzsche, und nicht zuletzt enthält das Buch auch ein ausgedehntes ethnologisches Kapitel.

Für all jene, die sich vorher einlesen wollen: der „Anti-Ödipus“ ist als Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft erschienen. Ich möchte nur vorsorglich warnen: es ist ein ziemlich theoretischer und manchmal eher schwer verständlicher Text. Wer sich aber durchkämpfen will, für den lohnt es sich. Und vor allem eines: er hat immer noch POWER, auch nach 30 Jahren!

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ORTWIN ROSNER, geboren am 13. 10. 1967 in Wien, aufgewachsen und Schule in Baden, Matura 1986.
Nach Zivildienst ein Semester Jus-Studium, danach Studium der Germanistik und Philosophie; daneben schon seit vielen Jahren intensive Beschäftigung mit Wilhelm Reich und seinem Werk.

Künstlerische Produktionen:
· Experimentalkurzfilm „Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie“ bei der Viennale 1995;
· Ausstellung „Die Wanderschaft der herrenlosen Schirme“ (Bilder: Winfried Wessely, Texte: O. Rosner) in der Creative Galerie 1996;
· 1994 Veröffentlichung eines Beitrags in dem Sammelband „Philosophie auf der Couch. Psychoanalytische Exkursionen in philosophische Texte“ (WUV-Verlag) zu den „Meditationen über die Erste Philosophie“ von René Descartes unter dem Titel „Die Maske des reinen Geistes“.
Von 1994 bis 2001 auf der Fachbibliothek Philosophie/Uni Wien als Bibliothekstutor beschäftigt, im Wintersemester 2001/2002 ebd. auch als Studienassistent.
Zur Zeit Diplomarbeit über die Erzählung „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann, basierend auf der psychoanalytischen Deutung durch den „Anti-Ödipus“ von Gilles Deleuze und Felix Guattari.