Kritik und Antwort auf Bernhard Harrers Artikel: „Die Orgonenergie nach Wilhelm Reich – und was daraus geworden ist. – Persönliche Anmerkungen zu Wilhelm Reichs Orgontheorie zwischen wissenschaftlicher Überprüfung und Vermarktung.“

Vorwort:

Vor mehr als 12 Jahren begann ich, meine Vorbereitungen für meine Diplomarbeit im Fach Psychologie zu konkretisieren und schaute mich für ein geeignetes Thema um. Die Wahl fiel auf eine psychologisch-physiologische Untersuchung der Auswirkungen des Orgonakkumulators (OA) auf eine Gruppe unwissender Versuchspersonen im sog. Doppel-Blind-Versuch. Ich hatte gerade auch das Buch von Gebauer und Müschenich gelesen, die an der Uni Marburg eine solche Studie als Diplomarbeit durchgeführt hatten. Doppel-Blind heißt, dass im speziell angewendeten Versuchsdesign weder Versuchspersonen, noch Versuchsleiter über den Sinn und Zweck der Untersuchung wissen. Dazu kommt eine weitere Sitzung der Testpersonen in einem optisch identen Kontrollkasten (KK).
Im Zuge der Vorbereitungen hatte ich mit einem in Berlin lebenden Grazer, eben Bernhard Harrer Kontakt aufgenommen. Ich weiß nicht mehr, wer ihn mir empfohlen hat, aber im Zusammenhang mit meiner Kontaktaufnahme stand der Hinweis, dass Harrer sich gut mit Messelektronik auskennen würde. Ich rief ihn an, und er zeigte sich an meiner wissenschaftlichen Untersuchung zum OA interessiert. Wir hatten über längere Zeit einen regen Austausch bezüglich des Baus von Messgeräten für orgonomische Experimente. Die erste Reihe an Geräten fiel ziemlich ins Wasser: Wir hatten dabei viel Zeit verloren, denn von den 6 verschiedenen elektronischen Schaltungen (Atem, Puls, Hautwiderstand, Hautpotential, Muskelspannung, Temperatur) funktionierte nur eine, das Temperaturmodul. Ich sah mich dann doch auf dem professionellen – und auch teuren – Messgerätemarkt um. Durch einen glücklichen Zufall gelangte ich zu einer in Mödling ansässigen Firma, die neben allerlei psychologischer Tests und medizinischen Gerätschaften auch Biofeedbackgeräte herstellte und vertrieb. Die erforderlichen Messplatinen wurden mir freudlicherweise von der Fa. Schuhfried zur Verfügung gestellt, tlw. sogar mit entsprechenden Sensoren. Bernhard Harrer wiederum baute die Schaltungen derart zusammen, dass man damit auch Messungen durchführen konnte. Er war sozusagen der Hauptbeteiligte am Bau meiner Messgerätebox.

Doch das alleine stellte noch keine fertige Messanlage dar. Dies mussten wir einsehen, als nach rund eineinhalb Jahren die von Harrer unterstützte Lösung mit einem AtariST-Computer und billiger Wandlerkarte einfach nicht funktionieren wollte. Die Elektronik-Wandlerkarte, die die Messsignale digitalisieren sollte, damit diese für den Computer lesbar werden, war zu störanfällig, ja lieferte bisweilen Lottozahlen nach dem Zufallsprinzip, aber keine Messdaten.

Enttäuscht darüber ortete ich nochmals am professionellen Markt eine Wandlerkarte. Bernhard indes war bemüht, sein Atari-Programm auf eine PC-Plattform zu bringen, da ich keinen Atari hatte und auch keinen kaufen konnte. Daran scheiterte er, das Programm lief einfach nicht gut, heute würde man sagen, es war zu „buggy“, hatte zu viele Fehler. Da ich in Wien wohnte, er aber in Berlin, wurde die Distanz zum Hauptproblem. Was wahrscheinlich für uns beide offensichtlich war, musste ich aussprechen: Ich bedankte mich für die Zusammenarbeit und stellte die Schwierigkeiten aus meiner Sicht dar. Ich erklärte ihm, dass ich doch besser in Wien nach einer geeigneten Softwarelösung suchen würde. Was sich logisch ankündigte, war für ihn aber auch sehr enttäuschend. Obwohl die Zusammenarbeit nicht direkt von Erfolg gekrönt war (bis auf die Messbox), konnte ich dennoch viel lernen: z.B. Basic-Programmierung, eine Menge im Bereich der Messtechnik und über Elektronik, so dass beim zweiten Anlauf schließlich alles funktionierte. Aber hier kam es zu einem Bruch in der Beziehung mit Bernhard Harrer, der bestehen blieb.

Kurze Zeit später wandte ich mich an einen damaligen Arbeitskollegen, der Informatiker war und Erfahrung in der Programmierung meiner zwischenzeitlich gekauften Wandlerkarte hatte. Er baute mir ein Rohprogramm, das ich – inzwischen Basic-Programmierer geworden – für meine speziellen Messvorhaben adaptierte. Bingo – es funktionierte! Nun konnte ich beginnen, erste Vorversuche zu machen. Nach ca. 2 ½ Jahren an Vorarbeit machte ich meine Messungen für die Diplomarbeit, schrieb die Ergebnisse auf 400 Seiten nieder und schloss mein Studium ab.

Wir – Bernhard und ich – hatten bis dahin kaum, danach so gut wie keinen Kontakt mehr. Jedenfalls tüftelte er an seiner Atari-Messanlage weiter herum und arbeitete später damit an einem von der Wilhelm-Reich-Gesellschaft in Berlin mitgesponserten Projekt über den Nachvollzug der orgon-biophysikalischen Experimente Reichs, mit. Die Zeit verstrich und Bernhard veröffentlichte eine Reihe von Artikeln in Zeitschriften und im Internet zu seinen Untersuchungen.
Im wesentlichen will ich mich hier auf einen im Internet abrufbaren Artikel von Bernhard Harrer beziehen, der vor allem den Nachvollzug der Reichschen Orgonakkumulator-Experimente zum Inhalt hat
(http://www.datadiwan.de/netzwerk/index.htm?/harrer/ha_003d2.htm; auch die folgenden kursivschriftlich gekennzeichnete Zitate stammen aus dieser Arbeit).

In diesem Artikel zitierte Harrer auch meine Arbeit über den Orgonakkumulator (Hebenstreit 1995). Jedoch gab er Ergebnisse aus meiner Arbeit falsch oder in falschem Zusammenhang wieder.
Ich schrieb ihm eine Richtigstellung der von ihm verwirrend und verfälscht wieder gegebenen Untersuchungsergebnisse. Dabei wandte ich mich direkt an das dafür richtige Diskussionsforum der o.a. Homepage. Da – nach zweimaliger Übermittlung – meine Darstellung nicht publiziert wurde, möchte ich nun endlich das längst Fällige nachholen. Auf den folgenden Seiten möchte ich Harrers Argumente kritisch beleuchten und über meine Schlussfolgerungen aus diesem Prozess der Auseinandersetzung mit Harrers Artikel schreiben.
Für mich fand die Auseinandersetzung mit dem Thema auf mehreren Ebenen statt: Sie konnte mir erhellen, in welcherlei Sackgassen man bei der Auseinandersetzung mit Reichs Thesen und Konzepten zur Lebensenergie geraten kann. Ich setzte mir zum Ziel:

1. Kritik der experimentellen und inhaltlichen Ebene:
Bezugnahme auf die Argumente Harrers

2. eine sexualökonomische Kritik von Harrers Argumenten

3. Aufzeigen der wissenschaftstheoretischen Position Harrers und seiner „immanenten“ Kritik; dies soll vor allem in Bezugnahme zu Reichs Erkenntnisansatz des sog. Orgonmischen Funktionalismus untersucht werden.

Den vierten Punkt „Schlussfolgerungen für die Erkenntnis- und Forschungsmethode des energetischen bzw. orgonomischen Funktionalismus“, reiche ich zu einem späteren Zeitpunkt nach.

Lassen wir zu Beginn Bernhard Harrer selbst seine Motive für seine Arbeiten darstellen:

„In den Jahren 1990 bis 1994 analysierte und reproduzierte eine Arbeitsgruppe an der Freien Universität Berlin fast alle der biophysikalischen Experimenten von Reich.“

Angezogen von Reichs naturwissenschaftlicher Auffassung und seinen wissenschaftlich formulierten Konzepten, wollte er – wie einleitend bemerkt – den Versuch unternehmen, Reich auf diesem Weg zu folgen:

„Gerade dieser Ansatz einer physikalischen Messbarkeit von Lebensenergie war es, der mich persönlich an Reichs Arbeit am meisten faszinierte.

Dieser vorliegende sowie weitere Texte beruhen auf den Erfahrungen, die ich in den Jahren 1990 bis 1994 während meines Meteorologiestudiums an der Freien Universität Berlin (FU-Berlin) als Initiator und Leiter der ‚Arbeitsgruppe Orgon-Biophysik‘ gesammelt habe. In dieser Zeit wurden fast alle biophysikalischen Experimente Reichs unter kontrollierten Versuchsbedingungen und mit moderner Messtechnik nachvollzogen.“ (Hervorhebung Günter Hebenstreit)

Er habe dadurch, dass er die Ergebnisse seit 1992 dann auch veröffentlicht und in Vorträgen bekannt gemacht hat, „Reichs Forderung nach systemimmanenter Kritik“(ebd.) erfüllt.

Wie wir sehen werden, ist Harrers Interpretation von Reichs Forderung nach „systemimmanenter Kritik“ nicht ausreichend. Reich hat sehr deutlich und an mehreren Stellen in seinem Werk Hinweise zur Durchführung von orgonomischen Experimenten gegeben (siehe z.B.: Der Krebs; Die Bione; Orgonomic Diagnosis of Cancer Biopathy; Äther Gott und Teufel; die Artikelserie „Orgonomic Functionalism“ – veröffentlicht im „Orgone Energy Bulletin“): Und zwar, dass der Versuchsleiter mit seiner Motivation und seinen Gefühlen eine wesentliche Rolle beim Durchführen der Experimente spielt, bzw. dass die Reflexion der eigenen Gefühle mit zum Experiment gehört.

Also ist die Absicht, „streng kontrolliert“ zu experimentieren und mit genauen Messgeräten zu arbeiten eine wesentliche, aber noch keine hinreichende Voraussetzung für das wissenschaftlich-orgonomische Arbeiten!

„Abgeleitet von den Begriffen Orgasmus und Organismus nannte Reich diese Energie ORGON. Er schrieb ihr ausdrücklich physikalische Eigenschaften zu und veröffentlichte etwa 20 Meßexperimente, mit denen er seine Theorie zu untermauern versuchte.“

Harrer vergisst, dass Reich zwischen der Methodik und Wissenschaftlichkeit der primordialen Biophysik des Orgons und jener der mechanistischen Physik unterscheidet. Letztere bezieht sich auf die materiellen Gegebenheiten der zumeist anorganischen Welt. Hier stehen einander zwei verschiedene Paradigmen, zwei unterschiedliche wissenschaftliche Weltbilder gegenüber. Wissenschaftlich betrachtet, lassen sich solche Weltbilder nicht direkt bestätigen oder widerlegen, sondern nur deren Konzepte und Thesen.

So weit so gut. Die Conclusio Bernhard Harrers aus seinen vielen Untersuchungen lautet:

„Wenn es eine meßbare spezifische Lebensenergie geben sollte, so ist Reich ihr Nachweis leider nicht geglückt.“ … und:

„Diese Erkenntnis wurde durch die Analyse aller von Reich hierzu veröffentlichten Texte bestätigt.“

Warum, das führt er folgendermaßen aus:

„Im baugleichen Nachvollzug der Experimente konnten tatsächlich die selben Phänomene beobachtet werden, wie sie von Reich beschrieben wurden. Die Analyse der Versuchsdesigns und der Einsatz moderner Meßtechnik zeigte jedoch, daß alle auftretenden Phänomene durch klassische physikalische Effekte erklärbar sind. Ein Hinweis auf eine spezifische Lebensenergie konnte nicht gefunden werden. Die Untersuchung von Reichs Originalgeräten im Wilhelm Reich Museum in Rangeley, USA, brachte gravierende Mängel der von ihm verwendeten Meßtechnik zu Tage und ließ vermuten, daß Reich sich nicht genügend in Grundlagen und Methodik der experimentellen Physik insbesondere der Meßtechnik eingearbeitet hatte, um die von ihm beobachteten Effekte in geeigneter Weise zu interpretieren. An mehreren Stellen konnte gezeigt werden, daß Reich durchgehend Meßfehler und Experimentator-Effekte unterliefen. Entsprechend erscheint die von ihm aus den Experimenten abgeleitete Theoriebildung unhaltbar.“ (Hervorhebung G. Hebenstreit)

Harrer belegt Reichs Orgonthese nun mit dem Stigma des „Nicht mehr aktuell Seins“:
„Nach jahrelanger naturwissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Thema der Lebensenergie halte ich persönlich Reichs Orgontheorie für überholt. Ich sehe in ihr den Ausdruck einer Sackgasse, in die man leicht gerät, wenn die Präzision naturwissenschaftlichen Forschens und die Kritikfähigkeit zu kurz kommen.“

Ich schwankte lange Zeit hin und her zwischen ignorieren und Stellung nehmen. Ignorieren stellte mich nie wirklich zufrieden, ich war immer wieder irritiert, wenn ich den Namen Harrer hörte. Somit wurde mir klar, dass es besser sei, die Mühe auf mich zu nehmen und die Aussagen Harrers detailliert zu kritisieren, als dieses Unbehaglichkeitsgefühl weiter mit mir herumzuschleppen.

Einerseits schreibt Bernhard Harrer, dass er die selben von Reich beschriebenen Effekte beobachten konnte. Andererseits habe Reich Experimentatorfehler begangen und mit Geräten gearbeitet, die der heutigen Technik nicht entsprechen und die darüber hinaus noch mit Messfehlern behaftet bzw. „kaputt“ waren. Das alles soll ein wirkliches und verlässliches Messen unmöglich machen, denn hier lägen gravierende Mängel vor. Wenn aber Harrer die von Reich gemessenen Effekte auch beobachtet hat, was bedeutet das dann? Womit hat denn Bernhard Harrer gemessen?

Was Messfehler, was Experimentatorfehler und was ein verlässliches Messen bedeutet, wird durch das jeweilige theoretische Konzept definiert. Harrer orientiert sich ausschließlich an den Konzepten der herrschenden mechanistischen Wissenschaft über Messbarkeit und den Festschreibungen, was Messung und was „Messfehler“ und „Fehlerquellen“ sind. Gerade aber dort, wo „Meßfehler“ definiert werden, bedeutet diese Be-Grenzung auch das Sichtbarwerden der Grenzen des Erklärungsvermögens der jeweiligen Theorie.
Der Forscher und noch stärker die „Scientific Community“ definieren, was das zu Messende sein soll und was Messfehler sind. So halte ich Harrers Versuch, Reichs Theorie ausschließlich unter dem Blickwinkel der mechanistischen Physik oder Medizin zu betrachten für seinen persönlichen Kardinalfehler. Was im Konzept nicht implizit möglich ist, das findet der Forscher in den Untersuchungsergebnissen nicht wieder!
Vielmehr hätte Harrer die z.T. mühevolle Arbeit des Beziehungen-Herstellens zwischen den Konzepten auf sich nehmen müssen, wenn er einerseits Reich gerecht werden will und seine Konzepte auch im Rahmen der experimentellen Physik so gut wie möglich verstehen möchte. Schließlich brächte diese Herangehensweise mehr Transparenz und, was noch viel wichtiger ist, die Möglichkeit, Neues zu erkennen und zu beschreiben.

Letztlich ist auch unser heutiges Weltbild, das durch die mechanistischen Wissenschaften vermittelt wird, in der Praxis genauso relativ (und unsicher), wie das von Reich präsentierte Orgonmodell. In dieser Unsicherheit leben wir Menschen ungefragt. Nicht das „Was“, sondern das „Wie“ bestimmt unser Handeln.- Kommen wir jetzt zu den Details, zu den einzelnen Kritikpunkten Harres.

Es wird heiß im Orgonakkumulator I.

„Der Orgonakkumulator ist ein enger Kasten aus verzinktem Eisenblech, der nach außen hin wärmeisoliert ist und nur durch eine kleine Öffnung einen geringen Luftaustausch mit der Umgebung erlaubt. Man betritt ihn im allgemeinen nackt und nimmt darin eine aufrecht sitzende Position ein.“

Ein Orgonakkumulator (OA) muss nicht „eng“ sein. Die Betonung des „engen“ Kastens ist die Vermittlung eines subjektiven Eindrucks, der bedeuten könnte: „Jetzt wird´s aber eng.“ – In der Orgonomie deuten wir dies als einen Ausdruck von biophysikalischer Angst.
Die Beschreibung könnte ja auch so oder ähnlich lauten: „Ein kleiner, kuscheliger oder angenehm entspannender Kasten, der einen wärmt und wo man sich nachher gut `aufgeladen´ fühlt.“ Aber warum eng? Eng ist keine objektive Beschreibung (auch nicht im Sinne der experimentellen Physik), sondern suggeriert Angst im Sinne einer biophysikalischen Kontraktion. Reich hat immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, zwischen Beobachtung und Interpretation zu unterscheiden.- So leicht kann ein derartiger Fehler trotz beteuerter Wissenschaftlichkeit und Unvoreingenommenheit passieren!

Und dann geht das noch mit Nacktheit einher! Da ist bestimmt eine Schweinerei im Gange. Schämt Euch, Ihr „überholten“ Reichianer! Weiß Bernhard Harrer nicht, dass der OA auch wirkt, wenn die Testperson leicht bekleidet in den OA geht, sofern die Person nicht dicke Pullover und Mäntel trägt? Sogar dann wirkt der OA noch, jedoch langsamer. Erstaunlich, dass aufeinanderfolgend Angst und Nacktheit suggeriert werden.

Harrer fragt sich: „Warum erleben nun Menschen darin spezifische Wärmeempfindungen?“

Er führt dabei die Diplomarbeiten von Müschenich und Gebauer (1987) und meine (Hebenstreit 1995) an. Diese Studien zeigen …

„… einen signifikanten Unterschied zwischen einem Orgonakkumulator und einer Vergleichskiste, allerdings ohne wirklich zu verstehen, wie dieser Unterschied zustande gekommen sein kann: Durch die Wärmeabgabe des Körpers von etwa 140 Watt in Ruheposition (entspricht etwa zwei Glühbirnen) erhöht sich im Inneren die Lufttemperatur, und durch die Feuchte von Haut und Atem nimmt auch die Luftfeuchtigkeit zu.“

Nach H.V. Ulmer (S. 652, in Schmidt Thews – Hrsg. – Physiologie des Menschen, 24. Auflage, Springer, 1990) bedeuten 150 Watt Energieabstrahlung bereits den Zustand kontinuierlicher Arbeit. Der Ruheumsatz eines 70 kg schweren Menschen wird mit ca. 76 Watt bei Frauen und 84 Watt bei Männern beschrieben, ist also auch vom Körpergewicht abhängig. Der Freizeitumsatz liegt zwischen 97 Watt (bei Frauen) und 110 Watt (bei Männern). Und das Sitzen im Orgonakkumulator ist eben eine Ruhetätigkeit, das tut man in der Freizeit, bedeutet also keine Arbeit! Hier sind die zitierten 140 Watt zu unspezifisch und zu hoch gegriffen.

Warum die Erhöhung der Feuchte von Haut und Atem sowie der Luftfeuchtigkeit wichtig sein sollten, verrät Bernhard Harrer nicht. In den zitierten Doppel-Blind-Studien sind nämlich die Atemfeuchte und Luftfeuchtigkeit für die beiden baugleichen Kästen (OA und KK) als in etwa gleich anzunehmen. Anders würde die Sache aussehen, wenn man sich auf ein orgonomisches Konzept bezieht, das die Verlangsamung der Wasserverdunstungsgeschwindigkeit im OA (James De Meo: Orgone Energy Handbook) beschreibt. Hier könnte ein potentieller Effekt messbar sein. Auf diese Idee scheint Harrer aber nicht gekommen zu sein.

Weiters kritisiert Harrer die Belüftung der Kästen:

„Durch die Enge des geschlossenen Kastens sinkt die Luftbewegung gegen Null.“

Sichtlich ist Bernhard Harrer entgangen, dass zumindest in meiner Studie (Hebenstreit 1995) sowohl der Orgonakkumulator, als auch der eingesetzte Kontrollkasten neben einem Fenster (20 X 25 cm) auch an der Ober- und Unterseite der Türe einen Lüftungsspalt von ca. 6 X 78 cm hatten. In der Studie von Gebauer und Müschenich gab es bei beiden Kästen (Orgonakkumulator und Kontrollbox) ein relativ kleines Fenster mit 15 X 12 cm ohne zusätzliche Lüftungsspalten. Also von wegen „keine Bewegung“ der Luft (für die Orgonomie eher bemerkenswert, da man vom mechanistischen Standpunkt aus meinen könnte, eine veränderte Luftzirkulation hätte doch einen Einfluss auf Temperatureffekte im OA). Die Luftbewegung ist in beiden Studien unterschiedlich und hätte eventuell die Messungen beeinflussen können. Bei BEIDEN Untersuchungen gab es jeweils deutliche und signifikante Temperaturunterschiede trotz unterschiedlicher Belüftung! Diesen Umstand erwähnt Harrer undifferenziert und führt ihn falsch an.

Die physikalische Wärmebewegung setzt sich aus der Wärmekonvektion und Wärmekonduktion zusammen. Konvektierte Wärme bedeutet, dass sie vom warmen Körper abgestrahlt wird. Dabei pflanzt sie sich als Wärmewelle bzw. als elektromagnetische Welle fort („Infrarot-Strahlen“). Diesen Teil beschreibt Harrer auch in seiner Kritik am Orgonakkumulator.

Harrers Sichtweise zu Folge würde die durch die „Enge“ entstandene Wärme vom Menschen abgestrahlt, an den Wänden reflektiert und wieder an die Körperoberfläche des Menschen im OA zurückgeworfen werden, dann wieder abgestrahlt, auf den Organismus zurückgelenkt, dann wieder von diesem zurückgestrahlt, usw. Dabei häuft sich im Laufe von einigen Minuten viel Wärme an, die zwischen Organismus und Metallwand hin und her pendelt. Im vorliegenden „entorgonisierten“ Modell Harrers müsste eine mechanische Wärmequelle, z.B. eine Glühbirne im OA eine wesentlich steilere Temperaturkurve erzeugen und eine höhere Endtemperatur erreichen als in einem baugleichen Kontrollkasten (KK), denn nur der OA besitzt die wärmereflektierenden Metallwände an der Innenseite. Der KK hingegen hat statt der Metallwände eine Hartfaserplatte aus Holz mit darunter liegender Wärmedämmwolle. Da dieses Modell Harrers aber in der experimentellen Überprüfung versagt, ist anzunehmen, dass er sein Erklärungsmodell gar nicht einer experimentellen Untersuchung unterzogen hat, sondern bloß drauf los vermutet hat.
Ich selbst habe unter http://www.wilhelmreich.at/ im Science Corner unserer Homepage (Hebenstreit 2001: „Die Thermodynamik des Orgonakkumulators“) anhand dreier Versuche ausführlich dargestellt, dass OA und KK ein sehr ähnliches mechanisches thermodynamisches Verhalten an den Tag legen.

Als Vorversuch zu meiner Diplomarbeit untersuchte ich mit meiner Messanlage das mechanische thermodynamische Verhalten der beiden Kästen in 3 Schritten: In verschieden langen Aufwärm- und Abkühlungsversuchen, die zwischen 30 Minuten und 3 Stunden dauerten, ließ ich eine 60 Watt Glühbirne im jeweiligen Versuchskasten (OA oder KK) über eine Zeitspanne, die auch eine OA-Sitzung dauern könnte, eingeschaltet. Dann schaltete ich die Glühbirne ab und maß, wie schnell oder langsam die Kästen auskühlten. Bei einem Versuch mit 2 parallelen Messungen verwendete ich pro Kasten eine 60 Watt Glühbirne, machte aber eine Messwiederholung, indem ich nach einer Auskühlungsphase die Glühbirnen der beiden Kästen zur Kontrolle gegeneinander austauschte.
Als wesentlichstes Ergebnis erhielt ich weitgehend synchrone Temperaturverläufe in der Anwärmphase, wobei der Orgonakkumulator nach Abschalten der Glühbirne deutlich schneller auskühlte als der Kontrollkasten.

Ein drittes Argument zum physiologischen Wärmeausgleich des Organismus im Orgonakkumulator bezieht sich auf folgende Beobachtungen: Erst im Laufe der Zeit, das heißt nach mehrmals wiederholten Sitzungen im OA pflegen sich beim Organismus allmählich immer deutlicher die bekannten Wärmeempfindungen einzustellen. Reich macht dies abhängig vom Funktionszustand der biologischen Pulsation des Organismus am Beginn der Sitzungsserie.

Diese Beobachtungen widersprechen Harrers mechanistischer These der Wärmeregulation. Folgt man Harrer weiter in seiner Argumentation, so müsste im Grunde für die Testperson jede Sitzung im OA gleich oder sehr ähnlich sein, schon von der 1. Sitzung an und sollte bei unterschiedlichen Menschen trotzdem ziemlich gleich sein (bis auf den Umstand dass Herr X, weil müde und unterladen – einer 75 Watt-, Frau Y evtl. mehr einer 110 Watt Glühbirne entspricht, weil evtl. überladen). Zumeist jedoch berichten Versuchspersonen über subjektiv sich verstärkende Wärmegefühle und Hitzewallungen im Orgonakkumulator nach einer Anzahl von Sitzungen. Wäre dies ein mechanisches Phänomen, dann wäre dies ziemlich konstant über die Zeit.- Außer Harrer hat auch hier „entorogonisierte“ Erklärungen zur Hand, so führt er z.B. „Suggestionseffekte“, „Placeboeffekte“ oder „Pawlowsche Reflexe“ als „Ersatzerklärungen ohne Orgonenergie“ an.
Harrer vergisst dabei, dass er sein Heil in den zerteilten Einzelwissenschaften sucht, die ihrerseits um Erklärungen kämpfen, was denn in Wirklichkeit hinter dem Etikett „Placebo“ oder „Pawlowscher Reflex“ steht ….

Harrer berücksichtigt in seiner Argumentation offenbar nicht den zweiten, sehr wesentlichen Faktor der Wärmeübertragung, den der Wärmekonduktion: die Wärme pflanzt sich direkt in festen oder flüssigen Medien fort, seien dies nun organische Gewebe, Flüssigkeiten oder feste Stoffe, wie hier eben Holz- oder Metallplatten. Auch an der Metallplatte des OA findet eine solche Wärmeweiterleitung ins Innere der Kastenwand statt. Nur ein Teil der Wärme des Organismus bleibt dadurch im Inneren des Kastens.

Mensch = Glühbirne?

Kann man bei Mensch und Glühbirne im Orgonakkumulator ein gleiches thermodynamisches Verhalten beobachten? Aufgrund der statistisch signifikanten Unterschiede im Menschenversuch (Gebauer& Müschenich 1985 und Hebenstreit 1995) ist diese Frage zu verneinen: Glühbirnen „verhalten“ sich im Vergleich der Temperaturkurven im OA und im Kontrollkasten anders als der menschliche Körper! Verursachen Organismen im Vergleich zu mechanischen Wärmequellen doch eine andere Thermodynamik im OA? In Harrers mechanischem Argumentationskonzept fände solch eine orgonomische Hypothese keine geeignete Erklärungsgrundlage.

Also ist seit dem Stand des Wissens von 1995 folgende Aussage mit Bedenken zu betrachten:

„Die Wärmeabstrahlung der Haut fällt wieder auf die Haut zurück, denn Infrarotstrahlung wird von Metallblech weitestgehend reflektiert.“

Harrers Bild ist dabei der nackt im OA sitzende Mensch, denn dieses Modell versagt, wenn die Person angezogen ist. Daher ist diese Aussage einfach unzureichend, weil zu kurz gedacht.
Vom erkenntnistheoretischen Ansatz her betrachtet versucht Harrer Messergebnisse aus dem Bereich der Psychophysiologie mit mechanistisch-physikalischen Prinzipien zu erfassen, um damit die Orgonthese zu beurteilen. Er vermischt dabei Forschungsgebiet und Forschungsmethode.

Um zu differenzieren: Zwar lassen sich verschiedenste Temperaturen (der Haut, des Körpers, der Kasteninnenluft, der Kastenwände, etc.) messen, nur muß vom Forschungsstandpunkt her klar sein, dass man damit keine experimental-physikalischen Grundaussagen treffen kann. Und daher geht der Versuch, damit die Orgonthese zu widerlegen ins Leere. Das Geschehen im OA bei lebenden Organismen ist für die mechanische Physik zu komplex und nicht „kontrollierbar“, weil es auch in einem „abgeschlossen“ System stattfindet. In der Orgonomie stellt dieser Umstand kein Problem dar, nur liegen die Problempunkte anderswo.

In Bezug auf die Wärmestrahlung widerspricht sich Harrer schließlich selbst: Lesen wir seine Argumente über den OA im Zusammenhang mit der Temperaturdifferenzmessung To-T. Unter: http://www.datadiwan.de/harrer/ha_002d2.htm meint er, dass sich das Eisenblech des Orgonakkumulators doch schneller als die Holzoberfläche der Kontrollkiste erwärme, denn das Blech leitet die Wärme schneller als Holz. Also was nun? Da kommen sich Wärmeleitung und Wärmestrahlung in die Quere! Zumindest argumentiert Harrer mal mit diesem Aspekt, mal mit jenem. Nutzt der OA nun die Wärmestrahlung dazu, um sich selber schneller aufzuheizen, oder reflektiert er sie nun schneller, um die darin befindliche Person zu erwärmen (im Vergleich zum baugleichen Kontrollkasten ohne Eisenblech)?

Die sexualökonomische Kritik zum Thema Wärme im OA

Regt der OA mit seinen Doppelschichten (Eisenwolle und Isolationsmaterial) das Energiefeld des Organismus an, so führt dies zur bioenergetischen Erstrahlung des Organismus – seines biologischen Kerns, seiner vegetativ-biologischen Peripherie und seines organismischen Energiefelds. Körperlich wird dieser Prozess begleitet von einer Blutgefässweitung, einer sog. Vasodilatation – Wärme wird vom Körperinneren an die Hautoberfläche transportiert. Eine vergrößerte Menge an abgestrahlter Wärme ist die Folge. Geht man von einem rein mechanischen Modell der Wärmekonvektion im OA aus, so lässt sich – auch beim besten Willen – die potentielle Wirkung des OA nicht erfassen, da in diesem Modell das Augenmerk rein auf die Wärmekonvektion begrenzt ist und der evtl. vorhandene „Orgon“-Effekt nicht einmal in die Überlegung der Messbarkeit einfließt. Wie soll sich etwas messen oder erfassen lassen, das nicht einmal in die Überlegungen mit einbezogen wurde? Ein Zufall, dass man dann tatsächlich nichts findet!?

Orgonomisch gesehen entsteht im Orgonakkumulator ein Pulsationsprozess, der mit einer zentralen Aktivierung beginnt und dann sowohl in die energetische als auch in die vegetative Peripherie mündet, wobei einer der physiologischen Effekte eben die Erhöhung der Hauttemperatur ist.

Dabei empfiehlt es sich durchaus, mechanische Aspekte der Wärmeleitung und Wärmestrahlung mit in das Untersuchungsschema einzubeziehen; warum nicht, wenn Wissen daraus entsteht? Im Mittelpunkt muss aber die sexualökonomische bzw. orgonomische Fragestellung mit einem sexualökonomischen bzw. orgonomischen Modell an Ursache, Wirkung, Rückwirkung und Wechselwirkung (Funktionsbeziehungen) stehen, wenn die Untersuchung fruchtbar und unvoreingenommen sein soll.

Harrer reduziert Reichs Orgonomie auf ausschließlich experimentell untersuchbare Teile und ignoriert die Sexualökonomie gänzlich. Dass hinter Orgonomie und Sexualökonomie ein Weltbild steht, das von der Psychologie und Psychoanalyse, der Naturphilosophie und dem dialektischen Materialismus geprägt ist, findet keinen Eingang in seine Versuchsplanung! Meines Erachtens ist dies aber nötig für eine Orientierung und Bezugnahme im Wissenschaftsbereich.

Die meteorologische Schwüle

Harrer fährt fort, einen neuen Begriff in die Diskussion einzuführen:

„Die vier Größen `Temperatur, Feuchtigkeit, Luftbewegung und Wärmestrahlung´ definieren gemeinsam den meteorologischen Begriff der Schwüle, und nach einiger Zeit hat sich im Orgonakkumulator ein Klima eingestellt, das so schwül ist, wie man es sonst nur in den Tropen finden kann.“

Abb. 1

Die Abbildung 1, die Harrer von der österreichischen Stromwirtschaft entliehen hat, ist sicherlich technisch zutreffend für Räume mit zumindest mehreren Quadratmetern Fläche und unterschiedlichen Wandtemperaturen. Die Frage ist, ob dieses Schema auf einen „engen“ Raum mit nicht einmal einem Kubikmeter Rauminhalt anwendbar ist, dessen Wände aus Metall und nicht aus Ziegel bestehen und in dem die einzige Wärmequelle der eigene Körper ist. Wo bleiben aber Harrers eigene Messungen? Er führt keine an.
Der Abbildung zufolge müsste die OA-Innenwand, also die Metallplatte, zu einer Herdplatte mutieren und eben viel mehr Wärme abstrahlen, als im Vergleich dazu die Holz-Innenwand des KK. Dies widerspricht dem Ergebnis meiner „Glühbirnenuntersuchung“.
Aus der Erfahrung heraus fühlen sich die Metallwände des OA kühl an, was zeigt, dass auch hier das Schema nicht zutrifft: bei einer kühlen Wand des OA würde die Person, die im OA sitzt weniger „Schwüle“ empfinden als im KK.

Ist sich Harrer bewusst, dass von den 4 Größen, die er hier aufzählt, bei den Studien von Gebauer/Müschenich und meiner eigenen in Bezug auf OA und KK zumindest 2 (Feuchtigkeit und Luftbewegung) in den experimentellen Untersuchungen konstant gehalten wurden? Seinem eigenen Konzept (Vergleichbarkeit von Mensch und Glühbirne) zufolge wäre die Wärmestrahlung in beiden Kästen annähernd gleich. So bleiben von den 4 Größen eindeutig nur die im OA erhöhten Temperaturen übrig. In den Experimenten waren dies die Hauttemperatur des Zeigefingers und des Fußrückens sowie die Körperkerntemperatur der Testperson (Gebauer/Müschenich), zuletzt natürlich auch die Raum-Innentemperatur des OA im Vergleich zum KK.

Nun die Frage: Was soll dann der Begriff der meteorologischen Schwüle, wenn nach Harrers mechanistischer Argumentation 3 von 4 Größen konstant sind?
Harrer untermauert mit seinen Vermutungen unfreiwillig das orgonomische Konzept der unterschiedlichen Wirkungsweisen von OA und KK, da die meteorologische Schwüle – auf den OA-KK-Versuch angewendet eine weitgehend konstante Größe darstellt.

Das Elektroklima und die Schwüle

„Darüber hinaus ist das Elektroklima in den beiden Kästen sehr unterschiedlich, dessen Bedeutung allerdings schwer einzuschätzen ist. Diese Unterschiede drückten sich in den genannten Studien aus.“

Hier stimme ich mit Harrer überein, dass noch Studien fehlen, die das Verhältnis der Orgonerregung zur elektrostatischen Ladung des OA aufzeigen könnten. Hier wären z.B. der Einfluss des OA als Faradaysche Käfig-Anordnung mit und ohne Erdung, die elektrostatische Ladung der Luft im Inneren eines OA im Vgl. zur Umgebung etc. von Interesse (alles natürlich im Vergleich zu einem Kontrollkasten mit einer größeren Anzahl an Versuchspersonen bzw. Anzahl von Messungen).
Aber wie kann Harrer auf der einen Seite die Nicht-Untersuchtheit eines Phänomens aufzeigen, um sie dann im gleichen Satz dazu zu verwenden, die Unterschiede zwischen OA und KK damit zu „erklären“?

Zu den subjektiven Empfindungen während der Kastensitzungen

„Bild 1 (Abbildung 1, Anm. Günter Hebenstreit) zeigt, daß Lufttemperatur und Wärmestrahlung gleich bedeutend für das Wärmeempfinden des Menschen sind. Ein Orgonakkumulator, in dem zum Beispiel eine Lufttemperatur von 25 Grad herrscht und in dem ein Mensch mit einer Hauttemperatur von z.B. 32 Grad sitzt, hätte eine Wärmerückstrahlung auf den Körper, die einer Wandtemperatur nahe 30 Grad entspricht. Bild 1 verdeutlicht, daß diese Situation im allgemeinen als zu warm empfunden wird. Erhöhte Luftfeuchtigkeit und fehlende Luftbewegung verstärken diese Wahrnehmung noch weiter.“

Also ich kann mich an keine einzige subjektive Aussage einer Versuchsperson erinnern, die gesagt hätte, im Verlaufe einer Kastensitzung sei ihr zu (i.S.v. unangenehm) warm geworden. Jedoch war die Wärmeempfindung bzw. die gemessene Hauttemperatur im OA statistisch signifikant erhöht im Vergleich zum Kontrollkasten. Trotzdem fühlten sich die meisten Versuchspersonen laut Befindlichkeitsfragebogen (BBF) im Orgonakkumulator nicht unwohler (!!) (Hebenstreit 1995). Dass OA und KK in diesem Punkt sich nicht unterscheiden, widerspricht dem Harrerschen Denkansatz.

Wie kann das nach Abbildung 1 sein? Manche Menschen gaben an, daß sie sich im OA besser entspannt hätten und nicht so müde geworden wären, wie im Kontrollkasten. Trotz höherer, stärkerer oder vermehrter meteorologischer Schwüle? Das ist eben das Problem: Eine rein mechanistische Herangehensweise an die Frage der Wirkungsweise des Orgonakkumulators ist nicht zielführend, ja führt sogar in die Irre, wie man sieht.
Warum hat Harrer der Begriff der „meteorologischen Schwüle“ überhaupt eingeführt?

Es wird heiß im Orgonakkumulator II

Auch im Kontrollkasten finden sich erhöhte Temperaturen im Vergleich zur umgebenden Raumtemperatur. Die Ergebnisse aus meiner Akkumulatorstudie (1995) zeigen aber in eine andere Richtung als Harrers Argumentationsweg: Dort wo Harrer Unterschiede beim OA im Vergleich zum KK vermutet, gibt es keine bzw. nur funktionell verstehbare Unterschiede (z.B. Glühbirnenexperiment); ebenso beim Wohlbefinden bzw. der Befindlichkeit bei OA- und KK-Sitzungen. Andererseits müssten dort, wo Unterschiede auftreten, die Differenzen von einem mechanistischen Standpunkt aus gesehen regelmäßig und von Beginn an vorhanden sein, was aber nicht zutrifft.

Harrer hat im meiner Arbeit (Hebenstreit 1995) sicherlich nachgelesen, dass sich die Kasteninnentemperaturen von OA und KK statistisch gesehen tatsächlich signifikant unterscheiden (im Mittel 24,9 °C im OA, 23,8°C im KK).

Bei der weiteren statistischen Untersuchung interessierte, inwieweit die gemessenen körperlich-physiologischen Parameter, darunter auch die Hauttemperatur als Maß für den vegetativen Aktivierungs- bzw. Funktionszustand der Versuchsperson, mit der Höhe der Kasteninnentemperaturen in Beziehung stehen. Dabei fand sich kein (!) signifikanter Zusammenhang im Wirkungsgefüge „Erhöhte Hauttemperatur führt zu erhöhter Kasteninnentemperatur“ – beim OA im Vergleich zum KK. Es besteht also kein wesentlicher Zusammenhang zwischen der Höhe der Temperatur in den Kästen und den physiologischen Parametern, auch nicht der Hauttemperatur. Die unterschiedlich warme Haut im KK und OA hat keinen statistisch nachweisbaren Effekt auf eine unterschiedlich hohe Kasteninnentemperatur!

OA – Effekte in der vegetativen Physiologie

„Um seinen Wärmehaushalt auszugleichen muß der Körper nun einige Regulationsmechanismen aktivieren: Die Blutgefäße der Haut weiten sich, um vermehrt Wärme abzustrahlen, und schließlich tritt ein deutliches Wärmeempfinden im Körper auf, allerdings ohne daß hierfür zwingend eine Lebensenergie zur Erklärung herangezogen werden müßte.“

Obwohl Harrers physiologisches Modell in der Kausalkette korrekt sein mag, hält er sich auf der rein physiologischen Ebene auf. – Und hier braucht wirklich niemand die These einer Lebensenergie, da sich die Lebensenergie nie, bzw. nie direkt in einer einzelnen Funktion zeigt. Wir messen immer nur die Auswirkungen der Lebensenergie, jedoch steht hinter der Messung das geeignete Messkonzept, hier also das Konzept der Orgonenergie. Welches Konzept vertritt Harrer?

Die Lebensenergie macht z.B. selbst keine warmen Hände, sondern wirkt über biophysikalische Funktionen auf den Organismus. Diese Wirkungen laufen dann über das vegetative Nervensystem ALS EIN FUNKTIONELL IDENTES WERKZEUG ZUR VERMITTLUNG VON EFFEKTEN UND WIRKUNGEN, DIE SCHON VORHER AUF DER BIOENERGETISCHEN EBENE EINGELEITET WURDEN.

Sexualökonomische Kritik

Die Deutung der Vasomotorik des „Die Blutgefäße der Haut weiten sich, um vermehrt Wärme abzustrahlen ….“ stellt eine teleologische Interpretation dar. Reich lehnte solch finalistische Sinnzuschreibungen durch den Betrachter strikt ab, da Interpretationen und Beobachtungen nicht mehr auseinander gehalten werden können. Im nächsten Schritt ist dann diversen mystischen Aussagen der Weg geebnet. Mit dem Finalismus des „um … zu“ in der Tasche erspart man sich letztlich die Einbeziehung der Sexualität, des Wohlbefindens, des Drangs einmal erlebte Lust immer wieder zu erleben, also die Berücksichtigung jenes Drangs, den bereits Freud als das Wesen der Sexualität beschrieb. Nach Reich führt genau dieses „Mit-Ein-Beziehen“ zu einer wirklich ganzheitlichen Betrachtung.- Und diese Fragen liegen im Bereich der Sexualökonomie, nicht aber im Bereich der mechanistischen Physik.

Kritik der mechanistischen Herangehensweise Harrers

1. Harrer vermischt – wie einleitend unterschieden – Einzelprozesse aus der Spezialdisziplin (Physiologie) mit den Aussagen über die bioenergetischen Wirkungen des Orgons im Orgonenergiemodell, die den gesamten Organismus betreffen.

Beschränkt man sich freiwillig auf das Fachgebiet der Physiologie, dann braucht man kein Lebensenergie-Modell, um warme Hände zu erklären. Man definiere ein paar vegetative Sympathicus-Nervenfasern und die von glatten Muskelzellen umgebene innere Öffnung der kleinen Arterien (Arteriolen), und schon hat man die morphologische Basis zur Erklärung was hier grundsätzlich organisch abläuft.- Ohne Lebensenergie.

Ein anderes, schon komplexeres Konzept stellt z.B. das Modell des Autogenen Trainings oder das des Biofeedbacks dar. Wenn etwa eine Person das Autogene Training erlernt hat, so nimmt sie bequem Platz und „konzentriert“ sich mit ihrem „passiven Willen“ auf die Wärmeformeln, um Arme, Beine und schließlich den ganzen Körper zu erwärmen. Physiologisch gesehen passiert das, was oben erwähnt wurde, nur erhebt sich dann die Frage, was denn in diesem Zusammenhang „konzentrieren“ bedeutet. Was konzentriert sich, wer konzentriert womit? Darüber gibt es eine Reihe von Theorien, unter denen auch die Orgontheorie einiges zu erklären vermag, sobald das „Bewusstsein“ ins Zentrum der wissenschaftlichen Betrachtung tritt. Gerade hier wird die Brüchigkeit psychologischer oder psychophysischer Konzepte sichtbar. Wenn man das bei Reich kritisiert, muss man aber auch sehen, dass dieses wissenschaftliche Grundsatzproblem nicht allein auf die Sexualökonomie und Orgonomie beschränkt ist!

Es gibt mittlerweile eine kaum überschaubare Anzahl an ähnlichen bis sehr unterschiedlichen miteinander konkurrierenden Konzepten. Diese stehen auch miteinander in Verbindung durch ähnliche Begriffe und Grundannahmen. Kennt der Forscher mehrere solcher Konzepte, so kann er diese miteinander verknüpfen, Beziehungen zwischen ihnen herstellen. Damit wird die Kommunikation und das, was vermittelt werden soll, gefördert.

Im Humanexperiment lassen sich physikalische Größen messen, jedoch lässt das erhaltene Ergebnis keine Schlüsse im Sinne von physikalisch-mechanistischen Konzepten zu, da die Physik keine Sprache für die Komplexität des Menschen hat. Umgekehrt können aber die aus solchen Untersuchungen erhaltenen Ergebnisse orgonbiophysikalische Erkenntnisse bringen. Erst in einem nächsten Schritt ließen sich dann mit geeigneten Designs die Beziehungen der Biophysik zur mechanischen Physik unter Berücksichtigung der orgonomischen Theorie und des orgonomischen Funktionalismus untersuchen.

2. Harrer suchte sein Heil im Versuch, Reich mittels mechanistischer „Logik und systemimmanenter Kritik“ zu widerlegen. Das was Harrer Reich vorwirft, praktiziert er selbst: unsauberes wissenschaftliches Arbeiten, mehrfache Vermischung von Ergebnis und Interpretation, Designfehler und Experimentatorfehler im Sinne von „Was nicht sein darf, das kann nicht sein!“ Die Alternative zum orgonomischen wissenschaftlichen Handeln ist das mechanistische Planen, Durchführen und Interpretieren von Experimenten, bei denen der Projektleiter durch seine Einzeldeutungen widersprüchlich agiert und „neue“ Einwände nichtssagend und irreführend einbringt. Letztlich verschleiert diese Vorgehensweise, dass ohne geeignete Bedingungen die mechanistischen Wissenschaften und Reichs Ansatz nicht verglichen werden können.
Selbst nach „Orgon-freien“ Erklärungen suchend, nimmt Harrer Zuflucht bei von Körper und materiellem Geschehen abgekoppelter Mystik und Spiritualität (Pawlow, Placebo, Meditation, Psychokinese; (s. auch: www.datadiwan.de/harrer/ha_003d1.htm)!

Die als Verschleierung dienenden „Erklärungen“ haben den Zweck, die Bruchlinien, die in der mechanistischen Wissenschaft mehr und mehr zu Tage treten, noch zusammen zu halten, zu verbergen und zu verdecken, anstatt aufzuzeigen, wo sie liegen und nach einer besseren – wirklich ganzheitlichen – Alternative zu suchen, ohne dasselbe alte Spiel auf neuer Ebene fortzusetzen. Wenn das die dahinter stehende wirkliche Motivation ist, dann gilt dir großes Lob: In diesem Sinne: Gut gemacht, Bernhard!

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(Literaturliste auf Anfrage oder unter www.wilhelmreich.at/Science Corner.)