Wie ist es zur Entstehung von „Bukumatula“ gekommen?

Für mich persönlich gibt es dazu eine Vorgeschichte. In der Zeitschrift „Falter“ habe ich einmal ein Interview mit einem französischen Autor gelesen, der behauptete, dass er nie in eine Buchhandlung gehe, um sich ein Buch zu kaufen. Das hat mich erstaunt. Und auf die Frage, wie er das meint, sagte er: „Wenn ich eines lesen will, schreibe ich mir selber eines.“ Das hat mich damals sehr beeindruckt und mich auf die Idee gebracht – ich habe ja immer schon gerne geschrieben, mir eine eigene Zeitung zu machen.

Das entstand aus Deinem Wunsch heraus, schriftstellerisch tätig zu werden. Oder hast Du vielleicht den geheimen Wunsch gehabt, dass sich Dein Haus in der Simmeringer Hauptstraße zu einem „Bukumatula“ entwickeln könnte?

Also, an letzteres habe ich noch gar nicht gedacht, aber das ist ein schöner Gedanke.- Zur „Übung“ habe ich ja schon vorher eine Zeitschrift herausgegeben. Die hieß „Gustl“ und war eine Leserzeitschrift. Die Herstellung damals war unvorstellbar mühsam. Die Texte entstanden auf einer mechanischen Schreibmaschine. Bei Korrekturen musste ich entweder Zeilen neu schreiben und die alten überkleben, oder ganze Seiten neu schreiben. Das wurde mir bald zu blöd. Ich kaufte mir einen „Videowriter“. Das war in der EDV-Steinzeit eine großartige Errungenschaft. Erstmals konnte ich problemlos Korrekturen anbringen und Geschriebenes auf Disketten speichern.

Und wie kommt jetzt der „Gustl“ auf die Trobriander-Inseln?

Aufgrund zunehmender Informationen über nationale und internationale Reich-Aktivitäten hat es sich ergeben – 1987 war ja auch ein Reich-Gedenkjahr, dass in mir die Idee einer Zeitschrift entstand. Anlässlich einer Vorstandssitzung bei Monika Gürtler, bei der jahrelang das WRI-Zuhause war, wurde im Frühjahr 1987 beschlossen: Ja, gut, wir machen eine Zeitschrift und wir schauen, wie gut es uns damit geht. Ich fühlte mich als Vater, Beatrix Wirth fungierte als Mutter und der damalige WRI-Vorstand übernahm die Hebammenrolle Es war eine „Sanfte Geburt“ im Familienkreis, ganz im Sinne von Eva Reich.- Nach einem bereits abgeschlossenen „Brainstorming“ bezüglich der Namensgebung hatte Alfred Preindl die Idee, die Zeitschrift „Bukumatula“ zu nennen. Er bezog sich dabei auf das Buch „Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral“, in dem Reich seine Ideen zu einer gelungenen Sozialität – anhand der Forschungen Malinowskis auf den Trobriander-Inseln, darstellte.

Das war also die Geburt …

Ja, wir hatten einen Namen, die grafischen Gestaltung übernahm Beate Rümmele – und ab ging die Post. Das klingt jetzt einfacher als es war, aber Ende April 1988 erschien die erste Ausgabe. Ich machte mit der Journalistin Nadine Hauer, die die Ö1-Sendung in Radio Diagonal „Zur Person Wilhelm Reichs“ mitgestaltete, ein Interview.

Und an wen wurde Bukumatula verschickt?

An die Mitglieder unseres Instituts und an Leute, die an den Arbeiten Reichs interessiert waren. Wir hatten ja von vor angegangenen Veranstaltungen her eine relativ umfangreiche Adressenliste. Die erste Ausgabe haben wir allen zugeschickt; der Rücklauf in Form von Abo-Einzahlungen war ermutigend. Nach dem zweiten Jahr blieb die Auflagenhöhe von 250 Exemplaren bis heute ziemlich konstant. Das ist keine sehr hohe Auflage, aber es ist eben eine Zeitung „von Spezialisten für Spezialisten“. Der Arbeitsaufwand zur Herstellung bleibt der gleiche, ob jetzt einhundert oder eintausend Exemplare gedruckt werden. Es ist ja so, dass uns finanziell äußerst enge Grenzen gesetzt sind. Die Zeitschrift muss sich selbst erhalten. Alles ist sozusagen im „Kleinformat“ – ich meine das von meiner Zeit her, die ich dafür einbringen kann, von den technischen Herstellungsmöglichkeiten her, etc.- Bukumatula ist jedenfalls seit zehn Jahren regelmäßig und zeitgerecht alle zwei Monate erschienen, was doch einiges an Disziplin erfordert. Ich fühle mich den Lesern verpflichtet, dass sie ein möglichst gutes Produkt und das möglichst zeitgerecht bekommen.

Wenn Bukumatula so „diszipliniert“ erscheint, dann hast Du auch zeitlich …

… ja, auf die Erscheinungstermine Rücksicht zu nehmen. Ich habe sozusagen meinen Jahresplan darauf eingestellt, also, wann kann ich auf Urlaub gehen, etc.

Bukumatula war gedacht als Forum, wo man diskutieren kann, wo man Ideen einbringen kann, wo man sich „versuchen“ kann?

Ja, das war schon so gedacht, aber von sich aus bietet niemand Artikel an. Außer ein paar Leserbriefen kommt so gut wie nichts. Es war immer mein Bestreben, bislang noch un-veröffentlichte Artikel zu bekommen. Dafür muss man schon einigermaßen aktiv sein, muss Kontakte pflegen, Autoren streicheln, etc. Wir können keine Honorare zahlen und damit die Schreibenden bezüglich Abgabetermin, etc. unter Druck setzen. Das ist manchmal ziemlich mühsam. In der Praxis schaut das dann – günstigstenfalls – so aus, dass ich einen Artikel in „Reserve“ habe. Für die nächste Ausgabe hat mir z.B. Will Davis einen Beitrag über den schizoiden Charakter geschickt; da wartet noch eine sportliche Herausforderung in Form einer Übersetzung auf mich – und auf Regina Hochmaier, die mir in diesem Fall behilflich ist.

Schreibst Du auch selber Artikel?

Ich bin der „Artikeljäger“, und wenn es keinen gibt, dann schreibe ich manchmal selber einen oder mache Interviews. Das spreche ich aber immer mit Beatrix Wirth, unserer Obfrau, ab, die mir dabei sehr hilfreich und engagiert zur Seite steht. Sie weiß viel und kann auch gut schreiben. Auch Heiko Lassek in Berlin hat mir schon öfters entweder eigene Beiträge geschickt oder mir Informationen über infragekommende Autoren bzw. Artikel gegeben. Mein Wunsch ist, ein paar Leute mehr zu haben, die das ganze tragen, ein „fesches“ Redaktionsteam sozusagen. Vielleicht gibt es auch aus dem Leserkreis Interessenten, die mitmachen möchten. Das würde mich sehr freuen.

Bekommst Du über Artikel auch Impulse für Deine eigene Arbeit als Therapeut?

Schon, aber die Impulse gehen oft in der redaktionellen Arbeit unter. Meine Hauptaufgabe ist inhaltlich die des Redigierens und handwerklich die der technischen Herstellung, also des Umbrechens, etc. Mein Wunsch ist ein „Gesamtkunstwerk“, sozusagen in jeder Ausgabe einen Bogen von A-Z herzustellen, insbesondere was die Lesbarkeit betrifft. Was ich selbst nicht verstehe, möchte ich auch niemandem anderen zumuten. Und ich habe mich auch schon daran gewöhnt, nicht mehr verbittert zu sein, wenn ich eine fertiggedruckte Ausgabe durchlese und einen Fehler nach dem anderen darin finde.

Bist Du derjenige, auf den die anderen „setzen“?

Als geschäftsführender Sekretär sehe ich die Herausgabe von Bukumatula als einen Teil meines Arbeitsauftrages. Manchmal bin ich Autor, immer aber Layouter, Lektor, Redakteur, Herausgeber, etc. – also viel mehr als ich mir das in meiner „Gustl-Zeit“ je erträumt hätte. Der Arbeitsaufwand ist groß, und ich verbringe viele und oft sehr einsame Stunden vor meinem PC.- Vor ein paar Jahren – ich fühlte mich einigermaßen erschöpft – erschienen zwei Ausgaben über Makrobiotik, die von Brigitta Bolen, Bernhard Hubacek und Beatrix Wirth gestaltet wurden.- Da könnte man natürlich sagen, das hat mit Wilhelm Reich nichts zu tun. Vom Energetischen her hat es aber sehr wohl mit den Ideen Reichs zu tun. Es gab einige beißende Leserbriefe, aber ich habe mich über das Engagement der Gestalter sehr gefreut. Und von einer Leserin hörte ich im persönlichen Gespräch, dass sie aufgrund dieser Artikel ihre Ernährungsweise umgestellt hat. Wenn ein Artikel auch nur bei einem Leser oder bei einer Leserin eine Wandlung zum Positiven bewirkt, dann freut mich das schon sehr. Ich habe dann eh‘ wieder weitergemacht

Gibt es die Möglichkeit, dass Leute, die in Therapie sind, auch zu Wort kommen können?

Ja, da gab es zum Beispiel einen Beitrag einer Klientin von mir. Sie hat ihre Erfahrungen niedergeschrieben und für die Veröffentlichung die Bedingung gestellt, dass ich dazu Stellung nehme. Ich habe sie sehr geschätzt und habe das gerne gemacht. Es wurde auch ein sehr berührender Artikel („Die ersten zehntausend Sitzungen sind die härtesten“, Anm.d.Hsg.).- Ich mag den Begriff „Fallstudie“ nicht, aber man kann dabei sehr teilhaben an den Schicksalen anderer Menschen, weil die angesprochenen Themen ja jeden in irgendeiner Form berühren. Es gibt so viele interessante Menschen, die sehr viel wissen, dieses Wissen aber nicht in eine Schriftform bringen können oder wollen. Das ist schade. Ich denke da zum Beispiel auch an Michael Smith

Was sind die formalen Kriterien für die Veröffentlichung eines Beitrages?

Es muss in irgendeiner Form mit Wilhelm Reich zu tun haben, mit seinem Leben, mit seiner Arbeit …

Ich meine vom Schriftstellerischen her, von der Sprache her …

Eigentlich keine. Das diskutiere bzw. verhandle ich immer mit den jeweiligen Autoren aus. Das ist oft beschwerlich, aber da konnte immer eine Lösung gefunden werden. Einmal habe ich einen Beitrag von Beatrix Wirth – es war eine Buchbesprechung (Loil Neidhöfer: „Intuitive Körperarbeit“; Anm.d.Hsg.) – flugs und launisch nach meinem Fürguthalten – und ohne Absprache mit ihr – verändert. Das hat sie sehr geärgert. Ich bin da sehr vorsichtig geworden. Es gibt Artikel, die ich auf Diskette bekomme und nur zu umbrechen brauche – etwa der von Susanne Wittman in der letzten Ausgabe – das sind Glücksfälle. Normalerweise bekomme ich Manuskripte, die einiges an Bearbeitung bedürfen. Dann kommt es zu mühsamen Rückrufen, auch ins Ausland, was sowohl zeitlich als auch finanziell ziemlich aufwendig werden kann.

Ich wollte gerade fragen, ob der Name für Dich überhaupt noch passt

Du meinst Bukumatula?- Das ist ein Haus der Lebensfreude, oder sollte es zumindest sein …

So gesehen könnte man über alles schreiben, was Freude macht.

Ja, Reich hat sich ja mit sehr vielen Themen beschäftigt. Von der Psychoanalyse zur Wetterkunde, von den „Kindern der Zukunft“ bis zu den UFOs. Das ist natürlich für die Herausgabe einer Zeitschrift ein dankbarer Boden. Da passt der Otto Mühl genauso hinein wie der El Nino, die Marcovich oder der Krenn.

Eigentlich habe ich gemeint, ob das „Bukumatula“ auch ein bukumatula für Dich ist …

Naja, es gibt einen großen „unsichtbaren“ Teil meiner Arbeit, das Redigieren zum Beispiel. Das ist sehr zeitaufwendig. Wie ich dabei weiterkomme hängt auch von meiner jeweiligen „Tagesform“ ab. Da muss ich dann manchmal schon sehr mit meiner Motivation kämpfen. Peter Handke hat einmal das Schreiben mit der Tischlerarbeit des Hobelns verglichen, das hat mir sehr gefallen: Sätze müssen solange „gehobelt“ werden, bis ein „Feinschliff“ hergestellt ist. Ein von mir schön formulierter bzw. umformulierter Satz macht mir großes Vergnügen. Vor dem Erscheinen bin ich regelmäßig und ordentlich in Hektik, da erlebe ich sozusagen „die Angst des Herausgebers vor dem Redaktionstermin“. Es muss alles schnell, schnell gehen. Da noch ein Inserat hinein, dort einen Veranstaltungshinweis heraus. Irgendwann ist aber Schluss, obwohl es noch vieles zu verbessern gäbe. Und dann passiert es, dass am Samstag Nachmittag die Tintenpatrone leer wird, am Sonntag Vormittag keine Diskette zu finden ist und am Montag durch einen Systemfehler alle Korrekturen gelöscht werden. Oder in der Kopieranstalt: da ist auf einmal das Papier für den Umschlag nicht mehr vorrätig oder die Kopiermaschine außer Betrieb – oder es sind „Fenstertage“, die die Herstellungszeit unerträglich lang machen. Wenn ich aber den großen Billa-Sack voll „Bukumatulas“ zur Post bringe, geht es mir wieder gut. Dann überfällt mich eine feine „Entladung“ – nicht nur von der zu schleppenden Last her.

Hast Du Wünsche für Dein „Kind“?

Fast wollte ich sagen „dass es groß und stark wird“ …

Aber das ist es doch …

Ja, mit Liebe betreut ist „klein und zart“ auch „groß und stark“.