Das Interview führte Ingeborg Scheer im September 1999 in Wien.

Das Leben kann erfüllt und einfach sein

Ingeborg: Meine erste Frage an Dich wäre: Weißt Du noch, wann Du das erste Mal nach Wien gekommen bist?

Emily: Zu einem Workshop war ich mit Al 1990 das erste Mal in Wien. Zuvor war ich aber auch schon hier, das muss in den siebziger Jahren gewesen sein. Eine Freundin von mir hat damals im Schönbrunner Schlosstheater gesungen und mich hierher eingeladen. Sie hat mich durch die Parks geführt, wir haben Kaffee getrunken, es war wunderschön …

I: Kannst Du Dich noch an Euren ersten Workshop in Österreich erinnern?

E: In einem Jahr, ich weiß nicht in welchem, habe ich Erika Stengl kennen gelernt – sie war so begeistert vom Singen. Sie ist gekommen und hat gesagt: „Uh, das war gut, ich möchte mehr mit der Stimme machen“. Daran erinnere ich mich – natürlich war da Wolfram und zwei Frauen aus München. Ich erinnere mich noch an das zweite Jahr; da hatten wir im Gasthof Flackl nur einen Raum zur Verfügung, und das war schwer für mich, weil ich nicht viel arbeiten konnte. Jeder wollte eine Sitzung mit Al.

I: Wie ist denn Deine Zusammenarbeit mit Al entstanden?

E: Es begann damit, dass wir in Kalifornien viel miteinander musiziert haben. Am Anfang tat ich mir schwer, weil ich nach der Geburt meines Sohnes Zacharias drei Jahre lang nicht mehr gesungen hatte. Zu meinen Selbstzweifeln hat Al gemeint: „Oh, lass das, das macht nichts“. Und ich ungläubig: „Was, das macht nichts?“ – „Ja, was fühlst Du dabei?“. Das tat mir sehr gut.

I: Al hat Dich ermutigt …

E: Ja, er hat mich ermutigt, es war als ob sich in meinem Herzen eine Tür öffnete; es begann mir großen Spaß zu machen. Nach ein paar Monaten gaben wir unser erstes „Living-Room-Concert“ in unserer Gemeinschaft.

I: Hast Du damals schon Körperarbeit gekannt?

E: Also – nicht dem Namen nach. Durch das Singen verstand ich natürlich deren Dynamik, aber ich hatte mit Al kein gemeinsames Vokabular. Ich möchte zuvor noch auf meine Zeit in New York zurückkommen: In den siebziger Jahren bewohnte ich ein großes Loft in Greenwich Village. Und in diesem schönen, hellen Raum begann sich eine Theatergruppe zu bilden. Wir waren acht, neun Sänger und nannten unser Projekt „Theater der Heilung“. Wir hatten alle das Bedürfnis, mehr Ausdruck in unsere Darstellung zu bringen und suchten nach Möglichkeiten dafür. Jeden Samstag kamen wir zusammen und jedes Mal übernahm ein anderer die Leitung. Eigentlich brachte jeder auch seine eigenen Probleme mit dorthin. Ich erinnere mich z.B. an John, der einmal die Leitung innehatte und mit den Worten „Ich bin Jesus Christus“ hereinstürmte. Und alle stöhnten: „Oh, nein, das darf nicht wahr sein!“ und er beharrend: „Ja ich spiele Christus, und du bist Maria Magdalena, und du spielst Petrus, etc.“ Er war der Sohn eines Pfarrers und war entschlossen seine Sache durchzuziehen. Bei einem anderen „Regisseur“ hatte ich einmal mein „dreijähriges Kind“ zu spielen. Ich sagte: „Nein, nein ich will nicht!“ Diesen Satz musste ich immer wieder einbringen. Alle waren von meinem „Nein“ sehr bald überfordert, aber sie akzeptierten es. Ich musste einfach „Nein“ sagen, musste mein „Nein“ spielen. Manchmal komponierten wir Musik zu unserem Schauspiel und führten es als Oper auf. Damals, das war etwa 1974, begann ich mit „Stimmarbeit“ zu experimentieren, um herauszufinden, was der Ton, die Melodie in mir ist und wie sich das anfühlt. Heraus kam dabei eine Kombination von „wie fühlt es sich an“ und „ich bin Körper“; das war also der Körperarbeit schon ähnlich.

I: War das eine Erfahrung, die Du an andere weitergeben wolltest?

E: In gewisser Weise arbeite ich immer für mich selbst, wenn ich etwas Neues ausprobiere. Ich wollte erforschen, wie etwa Vokale den Körper beeinflussen. Freunde kamen also zu mir, und wir begaben uns gemeinsam auf Forschungsreise. Ich sagte etwa: „Okay, wir legen uns jetzt alle hier auf den Boden und lassen den Vokal `e´ aus uns tönen und schauen, was passiert.“

I: Das war also Deine Erfahrung mit Körper und Stimme, bevor Du Al kennen gelernt hast?

E: Ja. Al habe ich erst kennen gelernt, nachdem ich umgezogen bin. Ich musste New York verlassen. Die Luft war zu dick zum atmen, ich fühlte mich krank. Ich nahm einen Atlas zur Hand und erklärte meinen Freunden, dass ich in die Mitte der USA ziehen wollte. Und in der Mitte liegt Kansas. Kansas bedeutete aber: flach und Getreide und Fundis. Nein – also nein, da wollte ich nicht hinziehen; jemand schlug dann vor: „Na, gut, ein bisschen weiter westlich liegt Colorado“ – und das bedeutet Berge und da gibt es in Boulder eine Universität. Das war ein attraktiver Vorschlag. Um meine Sachen loszuwerden organisierte ich einen Flohmarkt und zog mit drei Koffern, einer Katze und einem Baby nach Colorado – und mit einer Flöte.

I: Ganz alleine und ohne Ahnung, was Du dort tun könnest?

E: Ja, ich wollte in die Berge, um mich wieder zu „finden“. Geträumt habe ich von einem Haus mit einer Veranda hoch oben in den Bergen. Die erste Zeit lebte ich in einem Motel. In einer Zeitung fand ich dann ein Inserat einer Frau, die einen zehnjährigen Sohn hatte, Alleinerzieherin war und ein Hausmädchen suchte. Ich rief sie an – und zog bei ihr ein. Es war nicht genau das, was ich mir vorgestellt hatte, aber es war in den Bergen, ohne Vorhängen an den Fenstern und ohne Veranda, aber ich hatte einen herrlichen Ausblick auf die Wälder und die Natur rundherum. Nach einem halben Jahr ging mir das Geld aus. Ich machte also wieder Lehrvertretungen an einer öffentlichen Schule. Wieder hatte ich einfach Glück. Ich meine, es war wie so oft in meinem Leben: ich war einfach zur rechten Zeit am rechten Ort.

I: Wie alt war Zacharias damals?

E: Zach war drei Jahre alt. Er war bei einer Tagesmutter. Es was eine schwere Zeit für mich. Ich war vollkommen allein mit einem Kind, das ich selbst aufziehen wollte, was ich aber nicht schaffte. Ich musste mir eingestehen, einen großen Fehler gemacht zu haben. Das war eine harte Erfahrung. Ich zog dann in die Stadt hinunter, weil ich im Winter oft mit meinem Auto nicht den Berg hinauffahren konnte. Zach war bei einer Nachbarin in den Bergen oben, und ich musste in der Stadt bleiben. Ich zog also nach Boulder und teilte ein Haus mit einer Frau, die keine Kinder hatte. Sie war bei einer Gruppe, in der Körperarbeit praktiziert wurde. Und durch sie habe ich Al kennen gelernt.

I: Ah!

E: Er kam alle sechs Wochen in unser Haus und hielt Workshops.
I: Und daran hast Du teilgenommen?

E: Nun, ich war einfach beschäftigt; das Wochenende war die Zeit, die ich mit Zach verbringen konnte. Bei den Workshops mitzumachen hieß einen weiteren Babysitter bezahlen zu müssen. Nach einigen Monaten ging ich eines schönen Samstagmorgens doch in die Gruppe – und war „hin-und-weg“. Al machte gerade eine Mattensitzung, und ich kannte die Frau, mit der er arbeitete. Ich saß da mit weit geöffnetem Mund. Noch nie hatte ich einen Mann so intuitiv agieren gesehen. Da war etwas in seiner Arbeitsweise, das mich die Verbindung zwischen den beiden „sehen“ ließ, so dicht war das „Feld“. Nach der Sitzung erzählte er uns von der Gemeinschaft, in der er in Kalifornien lebte, wo die Kinder „vierundzwanzig Stunden am Tag zur Schule gingen“. Ich wusste, dass ich dort hin wollte. Auf die Idee in einer Kommune zu leben war ich noch gar nie gekommen. Es dauerte wieder einige Monate, bis ich mich zusammenpackte und mit Zach zu Besuch hinflog. Es war wie in einem Sommerlager. Wir wurden sehr herzlich willkommen geheißen. Wir schliefen in einem Zelt, das konnten wir uns leisten – Zach war ganz begeistert. Obwohl ich Al in Boulder meinen Besuch angekündigt habe, war er bei einer Männergruppe in Los Angeles. Ich fühlte mich so gut aufgehoben, dass ich beschloss, hierher zu ziehen – und sie konnten mich auch gut brauchen, weil ich eine Lehrbefähigung hatte. Ich hatte das richtige „Papier“, um ihre Schule zu legalisieren.

I: Du warst also Musiklehrerin, das hast Du eigentlich gelernt – und Sängerin?

E: Als ich jung war, sagte mein Vater zu mir: „Es ist besser, du wirst Lehrerin, das ist ein sicherer Beruf“. Was ich aber wirklich wollte, war nach New York zu gehen, um zu singen. Ich traute mich aber nicht, es wirklich zu machen. Ich hatte dafür keine Unterstützung. Im College erhielt ich die „Reife“ in Musik. Anschließend begann ich die Lehrerausbildung. Ich wollte aber immer noch nach New York. Daher belegte ich im letzten Jahr an meiner Schule mehr Kurse in „Gesang“; das kann man vergleichen mit denen bei Euch in Wien an der Musik-Hochschule.

I: Wann hattest Du Deine erste Sitzung in Körperarbeit?

E: Die erste Sitzung bekam ich von Al in Boulder. Ich erinnere mich nicht mehr an die Sitzung selbst, nur dass ich am Ende auf der Matte zu singen begann. Von Anfang an fühlte ich mich Al verbunden. Al sprach über New York City – das Leben dort und wie er dort aufgewachsen ist. Und ich dachte mir: ja, ja, das kenne ich auch, dort war ich auch schon, und La Traviata habe ich auch dort gesehen. Es gab einfach viele Gemeinsamkeiten. Mit Al zusammenzuarbeiten war relativ einfach. Er machte seine Mattensitzungen und ließ Theater spielen – Sitzungen im Stehen sozusagen – und ich konzentrierte meine Arbeit hauptsächlich auf die Stimme. Nach und nach begann sich das dann zusammenzufügen. Unsere Zusammenarbeit begann in Kalifornien, als wir – Randy Turner, einer der besten Körperarbeiter in Kalifornien, Al und ich eine Trainingsgruppe anboten. Wir verstanden uns gut und verbrachten viel Zeit miteinander.

I: Seid ihr sehr bald als Paar zusammengekommen?

E: Wir waren überhaupt kein „Paar“. Ich bin ganz und gar nicht mit dem Gedanken in die Kommune eingezogen, dass Al und ich ein Paar werden könnten. Al war ja verheiratet und seine Frau lebte auch dort. Die beiden waren sozusagen die Säulen der Gemeinschaft, sie haben das ganze zusammengehalten. Seine Frau hat sich für alle sozialen Aktivitäten eingesetzt; sie fühlte sich für die Gemeinschaft sehr verantwortlich. Ich hatte keine Ahnung, dass sie sich damals nicht mehr gut verstanden. Als wir im Mai unser Konzert gaben, war das der Punkt, wo seine Frau bemerkte, dass etwas zwischen ihr und Al steht. Sie meinte: „Nun kann ich gehen“. Ich hatte von ihren Problemen wirklich keine Ahnung und fühlte mich gänzlich unschuldig. Einige Monate später waren wir dann tatsächlich zusammen.

I: War Al ein schwieriger Partner?

E: Ja und nein. Was ich an Al sehr schätzte war, dass er mir, wenn wir zusammen waren, seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Wir hatten eine wunderschöne Zeit und oft viel Spaß miteinander. Al war sehr kontaktfreudig und zog viele Menschen an. Das war manchmal schwierig für mich. Einerseits hat es mich erleichtert, weil es mir Freiraum verschaffte, andererseits verspürte ich manchmal große Eifersucht. Ich hatte daran zu arbeiten, viel zu arbeiten, aber ich glaube, dass ich dadurch gewachsen bin. Oder: Al konnte Geld sehr leicht ausgeben und wieder sehr schnell verdienen. Aber er hatte kein besonderes Besitzdenken. Er liebte es gut zu essen, Leute einzuladen und gute Zigarren zu rauchen. Er warf das Geld nicht beim Fenster hinaus, aber es floss sehr leicht. Mich beeindruckte, wie man mit Geld auf diese Art umgehen kann. Einmal kam Al zu mir und sagte: „Ich weiß nicht, wofür ich mein ganzes Geld ausgegeben habe, aber ich habe im Moment überhaupt keines“. Ich war entsetzt. Aber für ihn war das kein Problem. Wir gingen weniger oft aus, er arbeitete mehr und hatte wieder Geld. Er hat das immer wieder mit großer Leichtigkeit geschafft.

I: Hast Du da von ihm gelernt?

E: Na ja, da bin ich schon viel besorgter. Al strahlte großes Selbstbewusstsein aus, er war von sich überzeugt. Einmal saßen wir auf der Ranch – mit einem wunderschönen Ausblick auf die Berge – beim Frühstück beisammen. Al pflegte den Tag immer mit einem Kaffe und einer Zigarre zu beginnen. Manchmal bin ich dann ausgerastet, worauf er zu mir sagte: „Komm, setz Dich und beruhige Dich“. Er sprach zu mir wie zu einem Kind. Wenn Leute außer sich waren, konnte er sie schnell auf sich selbst zurückbringen. So habe ich auch begonnen Orgon-Kissen herzustellen. Ich konnte sitzen, konnte nähen – und blieb ruhig.

I: Ist er immer so gewesen?

E: Nein, das hatte er zu lernen. In seinen jüngeren Jahre war er von Unruhe getrieben, rannte von einem Termin zum anderen. Er bekam eine Kolitis. Sein Arzt forderte ihn auf, das Rauchen sofort einzustellen – er rauchte damals bis zu achtzig Zigaretten am Tag. In dieser Zeit begann er seine Therapie bei Simeon Tropp.

I: Und wie seid Ihr dann nach Europa gekommen?

E: Da muss ich auf Michael Smith zurückkommen, den Al von Kalifornien her kannte. Michael war Gestalttherapeut und wurde von Al in Reichscher Körperarbeit ausgebildet. Nachdem Michael die „Lomi Foundation“ verlassen hatte ging er nach Hamburg, um dort zu arbeiten. Er leitete in Deutschland eine Reihe von Ausbildungs-Gruppen. Im Sommer trafen sich dann die Teilnehmer zu einem mehrwöchigen Workshop in Frankreich. Nach zwei Jahren lud er Al und mich erstmals zu einem Workshop nach Aix en Provence ein. Ich glaube, das war 1983.- Nach etlichen Jahren in Deutschland hat Michael beschlossen zu uns nach Santa Fe zu ziehen. Dort lebte Michael eineinhalb Jahre, bevor er starb.

I: Er hatte ein Alkoholproblem?

E: Das kann ich nicht so sagen, vielleicht auch. Weder Al noch ich haben gewusst, dass ein Arzt in Hamburg schon vor Jahren bei ihm eine Leberzirrhose diagnostiziert hat. Der Arzt meinte, dass er nur mehr ein paar Jahre zu leben hätte, wenn er seinen Lebensstil nicht ändern würde. Michael war entsetzt, änderte aber seinen Lebensstil nicht. Wir hatten keine Ahnung, dass er so krank war, er hat nie darüber gesprochen. Er hat sich makrobiotisch ernährt und nach dem Essen kam er zu Al, um mit ihm einen Whiskey zu trinken. Das war Michael.

I: Wann hast Du mit der Craniosacralen-Arbeit begonnen?

E: Das hat damit begonnen, dass ich in der Menopause war. Ich hatte Depressionen, aber keine körperliche Beschwerden. So ging ich zu meiner Freundin Ann, die Akupunktur praktizierte. Sie meinte, dass ich mit einem Mann arbeiten sollte und verwies mich an ihren Lehrer. Natürlich glaubte ich, daß ihr Lehrer ein Akupunkteur ist und fuhr nach Albuquerque. „New Mexico School of Natural Therapeutics“ stand über seinem kleinen Büro, in dem nur ein Massagetisch stand. Er sagte: „Legen Sie sich hin“. Er stellte überhaupt keine Fragen sondern begann gleich zu arbeiten. Ich hatte damals keine Ahnung, dass das Craniosacrale Arbeit war. Ich ließ mich sehr schnell darauf ein – ließ meinen Kopf fallen und dachte, so könnte das Paradies sein. Nach einer Stunde sagte er: „Das war’s“. Ich machte mir also weitere Termine mit ihm aus. Drei Wochen später rief mich Ann an und machte mich auf eine Workshopreihe mit Robert Stevens aufmerksam, was mein Einstieg in die Craniosacrale Arbeit war. Robert war ein sehr herzlicher Mensch mit wunderbaren Händen und außerdem ein guter Lehrer. Ich war ganz angetan, ich mochte das Gefühl in meinen Händen, die sehr schnell auf diese Art von Arbeit reagierten. In unsere Küche hängte ich einen Zettel: „Ich brauche Deinen Kopf, melde Dich“. Innerhalb eines Monats gab ich an die dreißig Sitzungen. Damit hatte ich die ganze Sequenz bald in meinen Händen. Ich begann diese Arbeit weiterzugeben. Ich erzählte einigen Leuten in Hamburg, dass ich Craniosacrale Arbeit lerne und dass sie das auch lernen sollten. Es wurde ein Workshop organisiert und ich hielt meinen ersten Kurs, obwohl ich selbst erst seit kurzer Zeit damit vertraut war. Es hat sehr gut geklappt und hat mich selbst weiter gebracht. „Learning by teaching“ möchte ich das nennen. Meine Arbeit besteht aus lauter Dingen, die ich gerne tue und für die ich auch noch bezahlt bekomme. Besser kann es nicht sein. Ich komme in der ganzen Welt herum und habe viele Freunde; ich fühle mich zum Beispiel auch hier in Wien bei Dir ganz wie Zuhause, Ingeborg, es ist wie in einer Familie.

I: Du hast also viele Familien in dieser Welt …

E: Einige. Zur Zeit habe ich wenige Freunde auf der Ranch. Ich weiß, dass sich das ändern wird, aber das ist momentan eine sehr wichtige Phase in meinem Leben. Es ist wichtig für mich zu erfahren, dass ich alleine bin. Ich lebe alleine und ich lebe gerne alleine. Zumindest die meiste Zeit. Es ist für mich so, als ob ich wieder Boden unter meinen Füßen spüren kann und selbst entscheide, wann und welche Leute ich treffen will. Aber ich bin noch nicht ganz soweit. Al ist tot, er ist wirklich weg. Manchmal, wenn Menschen verstorben sind, spürt man noch ihre Anwesenheit und träumt oft von ihnen. Al verabschiedete sich wie eine Rakete – er flog weit ins Weltall hinaus. Er hat sich auch im Leben nie umgedreht und zurückgeschaut. Das war auch die Art, wie er starb.

I: War das schwer für Dich?

E: Nein, erst etwa ein halbes Jahr später. Damals musste ich die Ranch verlassen, weil andere Leute einziehen wollten. Es war schwer für mich zu akzeptieren, dass ich etwas tue, was ich nicht wirklich wollte. Ich konnte es mir jedoch nicht aussuchen. Ich hatte aber den Willen hier durchzukommen. Ein Jahr nach Al’s Tod ging es mir wesentlich besser; ich wusste nicht, dass es mich so lange gefangenhalten würde. Sein Tod kam ja nicht ganz plötzlich, wie bei einem Unfall oder so, sondern Al wurde schwächer und schwächer.

I: Wie alt war er?

E: Er war 79 Jahre alt und wäre in drei Monaten achtzig geworden.

I: Das ist ein schönes Alter …

E: Er hat viel länger gelebt, als alle anderen in seiner Familie. Das hätte er auch gesagt. Er hatte diese Art von Humor. Er pflegte solche Sachen gerne zu sagen.

I: Woran ist er eigentlich gestorben?

E: Sein Herz wurde schwächer und schwächer, sein Körper wurde schwächer. Er hatte die letzten drei Tage Schmerzen, hauptsächlich im Rücken.

I: Wenn Du aufreihen willst, welche Deiner Tätigkeiten Dir besonders am Herzen liegen, also Körperarbeit, Singen, Schauspielen, Craniosacrale Arbeit, etc., welche Reihenfolge würdest Du wählen?

E: Ich denke nicht auf diese Art. Ich würde das nie linear reihen. Es ist wie ein Teppich, der verwoben ist; für mich passt das alles zusammen und ergibt ein Ganzes – und sie alle sind Teile meines Lebens. Es gibt Zeiten, wo ich mich mehr auf einen Bereich konzentriere. In Einzelsitzungen kann es passieren, dass einer eine Gesangstunde und der nächste eine Arbeit auf der Matratze haben will. Ich mache nie drei gleiche Sitzungen hintereinander. Mir ist also nie langweilig, was ich an meiner Arbeit auch sehr schätze. Man weiß auch nie, was dabei herauskommt.

I: Kannst Du die Craniosacrale Arbeit mit der Körperarbeit vergleichen? Was ist jeweils der Schwerpunkt?

E: Der Schwerpunkt von beiden ist es, das Leben der Menschen „erfüllter“ zu machen. Es geht nicht nur darum, was in den einzelnen Sitzungen passiert, sondern darum, dass die Erfahrung ihr Leben bereichert. Durch mehr an Bewusstheit über ihre Person, ihre Arbeit und darüber, wie sie leben wollen, wie ihre Beziehungen aussehen sollen. Sie lernen sich so wie sie sind zu akzeptieren. Dadurch fühlen sie sich gestärkt in der Welt zu bestehen. Oder sie erkennen, dass sie ihr Leben so nicht leben können und finden etwas, was Al „living in the cracks“ genannt hat, das heißt ihre eigene Wahrheit in einer Gesellschaft, die andere Regeln hat, zu leben. Ein Unterschied zwischen den beiden Arbeitsweisen liegt im Fokus. Bei einer Mattensitzung schaue ich auf den Körper, schaue ich wie die Person atmet, wo sie blockiert und was sie durch ihre Blockierung ausdrückt. Für mich hat das eine Nähe zur Schauspielerei, es geht um den Ausdruck. In der Craniosacralen Arbeit geht es darum, wie tief ich in die Person „eindringen“ kann. Es geht nicht wirklich um ein Eindringen, sondern darum, wie ich sie dazu bringen kann sich in sich selbst zu Hause zu fühlen. Beide Methoden haben einen unterschiedlichen Zugang, insgesamt aber ergänzen sie sich. In der Craniosacralen Arbeit arbeiten wir hauptsächlich mit dem Kopf und können dadurch auch die Panzerung im Becken lösen. Wenn ich in der Körperarbeit irgendwie „hängen“ bleibe, wende ich oft Craniosacrale Arbeit an. Dann achte ich auf den Gesichtsausdruck. Wenn ich in der Craniosacralen Arbeit einen ganz tiefen, vielleicht auch unbewussten Ärger spüre, dann verlagere ich die Arbeit auf die Matte und fordere die Person auf, gegen einen Polster zu treten und zu schreien.

I: Auch wenn er es nicht so fühlt?

E: Ja, ich weiß, dass dieses Gefühl in ihm ist. Man kann das nicht verallgemeinern, es kommt auf die Beziehung zum Klienten an. Natürlich sage ich nicht in der ersten Sitzung: „Leg dich auf die Matte und schrei“. Aber wenn ich mit jemandem regelmäßig arbeite, würde ich das schon tun. Ich bin alt und erfahren genug, um solche Sachen sagen zu können und damit durchzukommen. Damit meine ich den Widerstand dieser Person durchdringen zu können und die Frage zu klären, wozu das jetzt gut ist. Dann sage ich etwa „mach es einfach, das erkläre ich Dir später“. Für mich funktioniert das, aber das gilt sicherlich nicht für jeden.

I: Ich reagiere da ganz anders als Du. Ich erkläre es schon, oder zumindest ein bisschen was davon, so dass auch der Widerstand schmelzen kann. Aus eigener Erfahrung habe ich für Menschen, die sehr im Kopf sind, viel Verständnis; und das geht dann auch gut. Die Arbeit ist geprägt von zwei Wesen, also dem von mir und dem des Klienten, und daher ist das Ergebnis der Arbeit immer unterschiedlich. Deshalb ist es auch so schwer, das haargenau zu übernehmen. Wenn ich zu meinem nächsten Klienten sagen würde „mach es einfach, das erkläre ich Dir später“, dann würde er möglicherweise total in den Widerstand gehen, wenn er merkt, dass das ist nicht ganz meines ist. Wenn es ganz meines ist, dann macht er es.

E: Ich neige dazu, das ebenso zu halten. Manchmal bin ich auf halbem Weg und denke dann „was tue ich da und warum“, aber normalerweise passiert mir das nicht. Ich springe einfach hinein und tu’s. Im nachhinein weiß ich dann, ob es gut war, oder dass ich das nicht noch einmal so machen würde. Aber ich stimme mit Dir überein: Jeder muss seinen eigenen Weg in der Arbeit selber finden.

I: Mich fasziniert an der Craniosacralen Arbeit, dass unterschiedliche Partner unterschiedliche Beobachtungen machen.

E: Und sie liegen nicht falsch, das ist genau dasselbe wie bei einer Mattensitzung. Je nachdem, wer die Sitzung gibt, sieht man andere Dinge. Das ist etwas, was ich an dieser Arbeit schätze. Sie ist ganz individuell. Es ist eine Methode, aber nichts Mechanisches; es ist organisch.

I: Es braucht aber viele Jahre, um dorthin zu kommen.

E: Für Dich?

I: Ja, es ist eine Entwicklung, es war ganz anders früher. Wenn mich jetzt Leute fragen, was ich mache, dann sage ich „schwer zu sagen“.

E: Mir geht’s genau so, es ist schwer zu erklären.

I: Ich mache „Ingeborg“, eine Mixtur aus allem was ich gelernt und erfahren habe. Es ist nicht mehr nur eine Arbeit, also SKAN oder so.

E: Das ist wahr, und das trifft auf jeden Therapeuten zu. Jeder macht aus seinen eigenen Erfahrungen etwas Einzigartiges.

I: Ich bin keine geübte Interviewerin, aber gibt es etwas, was Dir für dieses Interview am Herzen liegt?

E: Es geht mir darum, dass es leicht und angenehm zu lesen ist; ihr werdet viel herausschneiden müssen. Aber für den Leser ist es wichtig, dass er ein Gefühl für ein sprudelndes, sich bewegendes Leben bekommt. Leben kann erfüllt und einfach sein. Das kann mit Freude einhergehen und genug Geld einbringen, um damit leben zu können.

I: Das wäre ein guter Titel für das Interview …

E: Das Leben ist ein Schauspiel. Al hat immer gesagt, das Leben ist nur eine große Bühne. Ich habe sehr viel von Al über die Leichtigkeit des Lebens gelernt.

I: Hast Du Angst vor dem Älterwerden?

E: Manchmal, nicht sehr, aber ich würde gerne mein Leben in Leichtigkeit gestalten. Wie ich das mache, weiß ich nicht. Ich plane nicht voraus, aber ich fühle, wie sich mein Körper verändert. Ich reise gerne und möchte, solange ich Arbeit habe, das auch weiterhin tun. Je älter ich werde, desto mehr möchte ich mit Menschen aller Altersstufen zusammenleben.

I: Glaubst Du, dass das möglich ist, wo Du jetzt lebst, in Santa Fee?

E: Nein. Die Leute dort sind sehr projekt- und nicht familienorientiert. In letzter Zeit bin ich immer mehr daran interessiert, mehr Kontakt zu jungen Menschen zu haben.

I: Und warum?

E: Weil sie auf der Suche sind. Und weil sie ehrlich sind in ihrer Suche. Natürlich sagen einige, ich weiß nicht, was ich in dieser Welt soll, das kann ich auch verstehen. Viele aber sind optimistisch, manchmal sogar unrealistisch optimistisch. Mir gefällt das. Junge Menschen um die zwanzig – Zach ist gerade in diesem Alter – brauchen eine Führung, um ihren Körper besser akzeptieren zu können. In diesem Alter sind viele mehr darauf bedacht, wie sie von außen gesehen werden. Das ist wichtig, aber ich möchte ihnen Wege aufzeigen, wie sie zu ihrem Inneren kommen. Es ist ein schönes Alter. Als ich zwanzig war, habe ich natürlich nicht so gedacht, aber jetzt wo ich sechzig bin …

I: Mit einundzwanzig Jahren habe ich eine sehr depressive Phase durchlebt mit vielen Selbstzweifeln, ob ich gut oder schön genug wäre. Ich habe mich dabei total alleine gelassen gefühlt. Ja, andere haben gesagt, na bitte, du bist doch gescheit genug, du bist doch schön genug. Aber das war nicht das, was ich wissen musste. Einerseits war ich sehr aktiv und hoffnungsvoll und andererseits nahe am Selbstmord, so schlecht habe ich mich gefühlt. Etliche Jahre hat es gedauert, bis es mir wieder halbwegs besser ging. Ich hätte damals Unterstützung gebraucht von jemandem der „weiß“, mich aber nicht manipuliert – diesbezüglich bin ich besonders empfindlich -, sondern mein Wesen wertschätzt so wie es ist und dass man auf diese Weise das selber lernen kann. So wie es ist, ist es nicht in Ordnung – einmal zuviel, einmal zuwenig. Ich glaube dieses Problem haben viele junge Leute. Das kenne ich auch von meinen Klienten. Eine Freundin von mir unterrichtet Gesang an einer Musicalschule, und sie liebt ihre Tätigkeit dort. Sie ist mit lauter jungen Leuten zusammen die kreativ und lustig sind, aber auch Selbstwertprobleme bis obenhin haben und Unterstützung brauchen. Sie ist so um die Vierzig und die lebt und ist lebendig, und die Schüler lieben sie.

E: Ja, das kann ich gut verstehen.

I: Möchtest Du noch einmal zwanzig sein?

E: Nein, das möchte ich nicht noch einmal sein. Jedes Jahr ist anders und hat seine eigene Qualität. Ich merke, dass ich älter werde – das habe ich zuvor nie so wahrgenommen.

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Übersetzung und Bearbeitung: Robert Federhofer, Wolfram Ratz