Meinem 15-jährigen „Sternenfünkchen“ Angela, ihrer Liebe zum Leben und ihrer Abneigung gegenüber komplizierten Theorien gewidmet.

Vorbemerkung:
Dieser Artikel verdankt seine Entstehung dem einhundertsten Geburtstag des Philosophen Sir Karl Raimund Popper, der im Juli 2002 an der Universität Wien mit einem, so weit mir bekannt, öffentlich zugänglichen Kongress gefeiert wird. Ich möchte mit diesem Essay dafür werben, sich mit der Philosophie Poppers auseinander zu setzen. Das ist mir selbst lange Zeit schwer gefallen, firmiert sie doch unter dem Etikett „kritischer Rationalismus“, einem sehr kopflastigen Begriff. Doch „kopflastig“ allein bedeutet weder moralisch schlecht noch für das lustvolle Leben überflüssig. Es ist in den vergangenen Heften der Bukumatula ein vielfacher Brückenschlag von den Lehren Wilhelm Reichs zur chinesischen Lebensphilosophie und Medizin, gar zur Mystik des Mittelalters versucht worden. Ein solcher Brückenschlag scheint mir auch zu einer der vorherrschenden Schulen unserer westlichen Philosophie möglich und nötig. Denn gerade Poppers Wissenschaftstheorie und Grundlagenforschung entstammen derselben Wurzel wie Reichs orgonomische Biophysik: einem auf Überlegung, Begründung, Überprüfung und klarer, geordneter Darstellung fußenden Wissenschaftsbegriff. Diesen Boden westlichen, wissenschaftlichen Denkens hat Reich nie verlassen. Er kämpfte bis zu seinem Tod vor Gericht dafür, sein Lebenswerk der wissenschaftlichen Kritik stellen zu dürfen. Reich hätte in Popper, wären sie einander je begegnet, sicher einen unvoreingenommeneren Beobachter und Kritiker gefunden als in Albert Einstein, dem er seinen Orgonakkumulator zur physikalischen Begutachtung anvertraute. Reich hätte, wäre sein Werk nach den Kriterien Poppers geprüft worden, nicht für seine Theorien ins Gefängnis und in den Tod gehen müssen. Denn was immer Reich und Popper trennen mag – und darüber wird im folgenden einiges zu lesen sein -, beide hätten sich in Poppers Zusammenfassung seines Denkens leicht eins finden können: „Theorien sollen sterben – nicht Menschen oder die Menschlichkeit für eine Theorie.“

Popper und Reich – zwei österreichische Lebensläufe

Wilhelm Reich lebte vom 24.3.1897 bis zum 3.11.1957, Karl Raimund Popper vom 28.7.1902 bis zum 17.9.1994. Beide waren Österreicher, beide stammten von jüdischen Vorfahren ab, beide lebten und arbeiteten in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Wien, Poppers Geburtsstadt: Reich als Arzt und Psychoanalytiker, Popper als Hauptschullehrer für Mathematik, Chemie und Physik. Beide waren in ihrer Wiener Zeit Reformer: Reich als Therapeut, Popper als Pädagoge. Beide waren ungemein hellsichtig gegenüber den politischen Erscheinungen der Zeit, beide flüchteten vor dem Nazi-Terror ins Ausland: Reich unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung über Dänemark und Norwegen in die USA, Popper über England nach Neuseeland und 1946 nach London zurück. Der Anlass für Popper zur Emigration war die Ermordung seines Freundes und Lehrers Moritz Schlick (1882-1936), Professor für Philosophie an der Wiener Universität, durch einen fanatisierten antisemitischen jungen Mann, der Schlick auf der Treppe zum Hörsaal, in dem er seine Schlußvorlesung im Sommersemester 1936 über die „Philosophie der Physik“ halten wollte, erschoss. Popper wie Reich starben in ihrem englischen bzw. amerikanischen Exil, blieben aber bis zum Lebensende ihrer österreichischen Herkunft, insbesondere der österreichischen Küche treu. Beide waren impulsive, energische, kraftvolle, bestimmte, lebensfrohe Persönlichkeiten, aktiv der Musik und der Kunst zugetan und hinterließen auf ihre Mitmenschen nicht nur fachlich, sondern auch menschlich bleibenden Eindruck. Beide leisteten in ihren Forschungsgebieten grundlegend Neues, beide hatten die Fundamente ihres Lebenswerkes schon vor ihrer Emigration in den 1930-er Jahren gelegt: Reich in seiner „Charakteranalyse“ (1933), Popper in seinem Werk „Die Logik der Forschung“ (1934).
Damit enden die Parallelen. Denn während Reich in den USA zuerst erwartungsvoll begrüßt, dann mit Skepsis geduldet und schließlich mit politischem Hass verfolgt wurde, bis er im Alter von nur 60 Jahren unter mysteriösen Umständen im Gefängnis starb, wurde Popper im Exil vom Hauptschullehrer zum Professor, zuerst in Christchurch (Neuseeland) und ab 1946 an der renommierten liberalen Elite-Universität „London School of Economics“. Hier lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1969 und war danach gesuchter und geehrter Gastredner wissenschaftlicher Kongresse in aller Welt, Gesprächspartner des Dalai Lama und Berater des deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt in dessen Amtszeit 1974-1982. Von Queen Elisabeth II 1965 in den persönlichen Adelsstand erhoben, mit Sitz im House of Lords, war aus dem Reformpädagogen und Wissenschaftsrevoluzzer der Establishment-philosopher Sir Karl geworden, der 92 jährig hochbetagt und hochberühmt starb und von sich selbst sagte, er sei der „glücklichste Philosoph“. Anders als der vier Mal verheiratete und oft verliebte Wilhelm Reich heiratete Popper 1930 seine Studienkameradin Josefine Henninger und lebte mit ihr in harmonischer, doch kinderloser Ehe bis zu Lady Poppers Tod im Jahre 1985. Anders als der zuweilen schroffe, harsche, mit Menschen und Konventionen brechende, Zeitvergeudung hassende Reich, blieb Popper im alltäglichen, menschlichen Umgang stets höflich und verbindlich und kümmerte sich als Respekt erheischende, gesellschaftliche Autorität durchaus warmherzig und gewissenhaft um Details. In einer Talk-Show im deutschen Fernsehen berichtete kürzlich eine Reporterin, wie sie als 15-jähriges Mädchen 1992 an den 90-jährigen Philosophen einen lediglich an „Karl Popper, Großbritannien“ adressierten Brief schrieb und ihn darin bat, ihr das Scheitern des Kommunismus in der ehemaligen DDR zu erklären. Sie erhielt einen freundlichen, ausführlichen, jugendlichem Denken gerecht werdenden Brief zurück; schwer vorstellbar beim vielbeschäftigten, konzentrierten Reich der späten Jahre. Bei allen Unterschieden bleibt zum Schluss jedoch noch eine ganz entscheidende Gemeinsamkeit nachzutragen: Popper wie Reich waren Zeit ihrer Leben leidenschaftliche Verfechter ihrer Theorien und verwandten viel Sorgfalt darauf, sich in einer klaren und einfachen, verständlichen Sprache auszudrücken. Das ist nicht selbstverständlich im westlichen Wissenschaftsbetrieb.

Leben, Erleben, Erdenken, Erschaffen

Den vergleichenden Abriss der Lebensläufe Wilhelm Reichs und Karl Poppers habe ich nicht ohne Grund an den Anfang dieses Essays gestellt. In den Wissenschaften, wie sie in abendländischer Tradition seit der Renaissance verstanden und gepflegt werden, ist es nicht üblich, sich ausgiebig mit der Persönlichkeit der jeweiligen Forscher zu beschäftigen. Es ist für das Durchdenken der Gesetze der Schwerkraft nicht nötig, sich mit der Person ihres Entdeckers Sir Isaac Newton zu befassen; man muß nicht das Geringste über das Leben von Madame Curie wissen, um die Auswirkungen der Radioaktivität zu erforschen. Die Medizin und die Psychoanalyse machen da keine Ausnahme. Chirurgen, die eine Magenresektion nach Billroth vornehmen, vernehmen die Anekdoten über die Schrulligkeiten dieses großen Arztes, wenn überhaupt, am ehesten durch die ausgiebigen Erzählungen über seinen Komponistenfreund Johannes Brahms; für das Operieren nach Billroths Methode ist die Kenntnis seines Lebens ohne jeden Belang. Selbst Sigmund Freud verbrannte in regelmäßigen Zeitabschnitten seine autobiographischen Zeugnisse und Dokumente, weil er wollte, dass seine Wissenschaft als Objekt der Forschung völlig losgelöst von der Person des Entdeckers existiere. Und das, obwohl die Psychoanalyse doch wie kaum eine andere Disziplin Wissenschaft vom Menschen für den Menschen ist.
Auch die autobiographischen Dokumente Reichs sind eher spärlich. Sie wären ganz und gar dürftig, lägen nicht der Briefwechsel mit A.S. Neill und die von Mary Boyd-Higgins unter dem Titel „Leidenschaft der Jugend“ herausgegebenen Jugenderinnerungen Reichs in gedruckter Form vor.
Nicht anders verhält es sich ganz allgemein in der Philosophie. Martin Heidegger (1889-1976), immerhin einer der führenden Vertreter der
sogenannten Existenzphilosophie, also einer Schule, die den Menschen als Ausgangs- und Mittelpunkt ihres Denkens nimmt, begann im Wintersemester 1924/25 eine mit vier Wochenstunden angesetzte Vorlesungsreihe unter dem Titel „Aristoteles – Leben und Werk“ in der ersten Stunde mit den folgenden zwei Sätzen: „Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb. Wenden wir uns seinem Denken zu.“ Deutlicher kann nicht zum Ausdruck gebracht werden, für wie unwesentlich Philosophen die Lebensumstände, unter denen und auf deren Boden ein Denken entstanden ist, oft halten. Das Ideal der Sachlichkeit scheint dies zu fordern: ein Denken deuten zu können, ohne dem Denker selbst Bedeutung zuzumessen. Dabei ist das Denken der Philosophen immer von ihrer persönlichen Erfahrung geprägt. Der englische Schriftsteller Somerset Maugham (1874-1965) spottet in seiner Autobiographie darüber, dass Philosophen kurioserweise sehr oft Zahnschmerzen als Beispiel heranziehen, wenn sie vom Bösen sprechen und erklären wollen, wie dieses in die Welt gekommen sei. Maugham folgert daraus, dass sich das Problem des Bösen wohl durch den Fortschritt der amerikanischen Zahnheilkunde bald lösen werde. Maugham weiter (ich zitiere aus: „Die halbe Wahrheit“, Kap. 68): „Ich habe manchmal gedacht, dass es doch sehr gut wäre, wenn Philosophen, bevor sie ihre Diplome bekämen, die sie in die Lage versetzten, ihr Wissen der Jugend zu vermitteln, ein soziales Jahr in einem Großstadtslum ableisten oder ihren Lebensunterhalt durch manuelle Arbeit verdienen müssten. Hätten sie je ein Kind gesehen, das an Meningitis stirbt, würden sie so manches ihrer Probleme mit anderen Augen betrachten.“
Wilhelm Reich hat in seinem Buch „Äther, Gott und Teufel“ eine andere, ähnliche Forderung erhoben: dass man bei der Beurteilung eines Forschungsergebnisses zuerst nach der orgonomischen Potenz des Forschers fragen müsse, d.h. nach der Fähigkeit eines Wissenschaftlers, die Wirklichkeit unverzerrt durch neurotische Störungen oder Projektionen wahr zu nehen. Hinter jedem wissenschaftlichen Resultat steht ein Mensch mit Mängeln, Schwächen, Unzulänglichkeiten, mit frei und offen gelebten oder mehr oder weniger verdrängten, unterdrückten Erlebnissen und Gefühlen. Newtons Schwerkraftgesetze entstanden durch das Erlebnis eines vom Baum herabfallenden Apfels an einem schwülen Herbsttag, die Philosophie des Heiligen Augustinus durch ein Kinderlied, das der Philosoph aus einem offenen Fenster im Garten wandelnd hörte und ihm ins Herz drang; Artur Schopenhauer wurde als 17-jähriger beim Anblick der Galeerensträflinge in Toulon „vom Jammer des Lebens“ ergriffen und brachte diesen in ein System, wie es pessimistischer und erlösungssüchtiger kaum gedacht werden kann. In Büchern über diese Wissenschaftler werden diese Erlebnisse und das Erleben durch die Person meist mit einigen Sätzen abgetan, dann heißt es: „Wenden wir uns seinem Denken zu.“
Zu welch überraschenden Erkenntnissen man gelangen kann, wenn man den persönlichen, emotionalen Hintergrund eines Denkers zusammen mit seinen Gedanken betrachtet, hat Alice Miller in ihrem Buch „Der gemiedene Schlüssel“ am Beispiel Friedrich Nietzsches in herausragender interpretatorischer Arbeit geleistet.
Reich hat sich nicht gescheut, seine Urerlebnisse, die ihn zu seinem Denken brachten, zu benennen: sein Erleben der Natur in der Weite der Bukowina in seiner Kindheit, das Erlebnis einer vollkommenen sexuellen Umarmung mit einer Italienerin als Soldat im ersten Weltkrieg 1916, seine Begegnung mit Sigmund Freud und sein Erleben der Resignation Freuds angesichts eines Patienten, den er trotz mehrjähriger Analyse nicht von seiner Depression zu heilen vermochte. Erst dieser, Reich zu Herzen gehende Anblick eines traurigen Patienten, der von einem resignierenden Professor Abschied nimmt, brachte Reich dazu, bei seinen eigenen Patienten genauer hinzuschauen. Er nahm wahr, dass diese oft grausamste Gewalttaten, die einen mit Wut oder Trauer erfüllen müssten, mit einem Grinsen oder teilnahmslos erzählten. Er begann hinter die Worte zu hören und mit den Muskelverspannungen seiner Patienten zu arbeiten. Daraus entstand seine Vegetotherapie, aus dieser seine biophysikalischen Versuche, daraus die orgonomische Medizin und seine Klimaforschung. Ohne seine Urerlebnisse wäre Reichs Forschung niemals das geworden, was sie wurde. Reich sah Kinder an Meningitis sterben, er behandelte Jugendliche und Arbeiter aus den Vorstädten Berlins und Wiens. Seine Wissenschaft blieb lebensnah und konkret.
Karl Popper ist einer der wenigen Philosophen, den Maughams Spott nicht treffen kann. Popper unterbrach sein Studium, um von 1922 bis 1924 eine Ausbildung als Tischler zu absolvieren. Schon vorher hatte er auf Grund der Notlage nach dem ersten Weltkrieg sich seinen Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeiten im Straßenbau verdient. Popper hat nie verleugnet, wie sehr ihn die Lebenspraxis und die Tischlerausbildung bei seinem Meister Adalbert Pöschl geprägt haben. Er bekannte offen, dass er seine „Liebe zur Arbeit an Mahagonischreibtischen“ im doppeldeutigen Sinn seinem Meister verdanke, der ihn lehrte, dass die „einzige Weisheit, die ich zu erwerben hoffen konnte, das sokratische Wissen von der Unendlichkeit meines Nicht-Wissens war“ (Ausgangspunkte S. 2).
Poppers Lebenswerk gilt der philosophischen Grundlagenforschung. Darunter versteht er die rationale Begründung und kritische Überprüfung wissenschaftlicher Theorien und ihrer Grundlagen, mit dem Ziel, die Theorien zu bestätigen, zu verbessern, ihre Mängel aufzudecken oder sie zur Gänze als unhaltbar zu erweisen. Zu diesem Thema wurde er durch ein dreifaches Erlebnis gebracht, das ihm als 17-jährigem widerfuhr. In diesem denkwürdigen Jahr 1919 machte Popper hautnah die Erfahrung der Begegnung mit drei wissenschaftlichen Theorien: dem wissenschaftlichen Sozialismus in seiner revolutionären Praxis, der Individualpsychologie Alfred Adlers und der Einstein´schen Relativitätstheorie. Diese dreifache Begegnung, ihr Erleben und ihre Interpretation durch den emotional und geistig wachen jungen Menschen, prägten von da an Poppers Denken.
Popper hatte sich als Mittelstufenschüler dem Marxismus verschrieben und nahm 1919 an mehreren von der kommunistischen Partei Österreichs geführten Aufständen gegen die Regierung teil. Dabei kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, die Polizei schoß in die Menge. Popper wurde Zeuge davon, wie in seiner unmittelbaren Nähe ein Arbeiter auf dem Asphalt durch eine Polizeikugel starb und dessen Frau, Mutter von nun vier verwaisten Kindern, sich in herzergreifender Klage über die Leiche ihres Mannes warf. Dieses Erlebnis erschütterte Popper tief. Es machte ihn ein für alle Mal skeptisch gegenüber seiner Theorie, die als Frucht der brutalen Kampfhandlungen eine klassenlose Gesellschaft für alle versprach. Die grausame Erfahrung des 17-jährigen war eine andere: hier wurden fünf Menschen durch den „geschichtlich notwendigen“, von Marx zur Gesetzmäßigkeit erhobenen Kampf für Frieden und Glück in größeres Elend gestürzt als zuvor. Mußte einer solchen Theorie, die das Gegenteil dessen hervorbrachte, was sie als ihr Resultat versprach, nicht ein elementarer Denkfehler zu Grunde liegen? Unter welchen Voraussetzungen, Umständen und Bedingungen würde sich Marx´ Revolutionstheorie, vor allem: für wen würde sie sich im Einzelfall als tödlicher Irrtum erweisen? Dieses Falsifizierungskriterium hatte der Begründer der Theorie des dialektischen Materialismus offenbar übersehen anzugeben.
Nicht übersehen, sondern klar benannt hatte hingegen ein solches Kriterium der Vater der Relativitätstheorie. Poppers Lieblingsfach in der Schule war Physik: leidenschaftlich interessiert hatte er den Streit um die 1916 von Einstein aufgestellte Relativitätstheorie verfolgt.
Einsteins Theorie vom Vakuum im Weltall und vom Zusammenhang von Raum und Zeit war von anderen Physikern heftig widersprochen worden. Doch hatte Einstein selbst erklärt, seine Theorie würde, unabhängig von allen für diese sprechenden Nachweisen, unhaltbar werden, wenn anlässlich einer Sonnenfinsternis nicht eine Krümmung von 1,7 Bogensekunden der Lichtstrahlen an der Corona beobachtbar wäre. Im Sommer 1919 wurde in Brasilien mit Spannung die dortige Sonnenfinsternis beobachtet und in der Tat exakt die von Einstein vorhergesagt Lichtstrahlenkrümmung festgestellt. Dies hinterließ auf Popper tiefen Eindruck: hier hatte ein Wissenschaftler den Mut gehabt, präzise anzugeben, unter welchen Umständen seine Theorie sich als fehlerhaft erweisen, vielleicht als gänzlich unhaltbar herausstellen würde. Welch ein Unterschied zum Dogmatismus des Karl Marx.
Das dritte Erlebnis betrifft Poppers spätere Kritik der Psychoanalyse und der von ihr abgeleiteten Schulen wie z.B. der von Jung oder Adler. Freuds ehemaliger Schüler und späterer Gegner, Alfred Adler (1870-1937), war mit Poppers Eltern befreundet. Der 17-jährige Exmarxist und Einstein-Adept fragte Adler eines Sonntags nachmittags nach dem Tee bei einem Besuch des Arztes im Hause Popper um Rat wegen eines Klassenkameraden, der unter psychischen Problemen litt. Adler entwickelte aus Poppers Beschreibung eine spontane Diagnose nebst Therapievorschlag für den Mitschüler. Als Popper Adler fragte, wie er denn, ohne den Jungen gesehen und gesprochen zu haben, eine solche Einschätzung vornehmen könne, verwies der Psychologe auf seine „1000-fache Erfahrung“ mit ähnlich gelagerten „Fällen“. Popper antwortete sarkastisch: „Ach, dann ist die wohl ihr 1001 Fall?“ Die hier auf den Punkt gebrachte Kritik formulierte Popper später etwa so aus: die Individualpsychologie Adlers ist wohl, wie der Marxismus auch, eine Theorie, die kein Falsifizierungskriterium kennt. Jede Erfahrung gesellschaftlicher oder persönlicher Natur kann offenbar mühelos in das Schema einer einmal entwickelten Terminologie eingeordnet werden. Ein Irrtum in der Diagnostik, ein ausbleibender Therapieerfolg widerlegen eine solche Theorie als ganze scheinbar gar nicht, sondern erfordern lediglich eine Neuinterpretation im Lichte des Schemas. Mit dieser Erkenntnis stand der Teenager, dessen Lieblingslektüre die „wundersame Reise des kleinen Nils Holgerson mit den Wildgänsen“ war, am Beginn einer langen Reise ins unendliche Wunderland der wissenschaftlichen Logik.

Poppers Formel: P1 – VT – FE – P2

Etwa zwei Fünftel des Umfangs meines Essays habe ich nun den Leben und den Erlebnissen Wilhelm Reichs und Karl Poppers gewidmet. Das ist nicht üblich in wissenschaftlichen Aufsätzen. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass wissenschaftliche Denkbewegungen durch Ur-Erlebnisse der Wissenschaftler in Gang kommen. Diese Ur-Erlebnisse sind oft krisenhaft. Krisis bedeutet im Griechischen nichts anderes als Wende. Es muß sich also nicht um ein dramatisches Erlebnis handeln, obwohl dies der Fall sein kann. Der Philosoph Richard Wisser (*1927) sieht den Menschen als das Wesen an, das in einer kritisch-krisischen Grundbefindlichkeit lebt. Krisen führen zur Kritik, das heißt: zur Entscheidung, auf welchem Weg ich nun weiter denken will. Wenn ich dabei nicht stehen bleibe, werde ich in immer neue Krisen, an immer neue Wendepunkte gelangen. Wenn die eigene Krise mit der Krise einer Epoche oder einer Wissenschaft zusammenfällt und der Denker seine Kritik in die öffentliche Krise einbringt, entspringt daraus wissenschaftlicher Fortschritt. Der Fortschritt, der durch Reichs Kritik der Krise der klassischen Psychoanalyse und der Krebstherapie erzielt wurde, dürfte für die Leserschaft der Bukumatula auf der Hand liegen.
Um die Bedeutung der Lebensleistung Karl Poppers annähernd zu begreifen, ist es nötig, einen Blick auf die Krise zu werfen, in die die Philosophie zu Beginn des 20. Jahrhunderts geraten war. Diese Krise hatte sich über vier Jahrhunderte hin entwickelt. Sie betraf in ihrem Kern das Selbstverständnis der Philosophie als Wissenschaft.
Mit der Renaissance begann die, in der Zeit der sogenannten Aufklärung sich fortsetzende Befreiung der abendländischen Philosophie „aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit“, wie Immanuel Kant (1724-1804) formulierte, von der Bevormundung durch die katholische Theologie. Diese Befreiung ist untrennbar mit dem Namen von René Descartes (1596-1650) und Francis Bacon (1561-1626) verbunden. Unglücklicherweise entwickelten diese beiden Denker auf ihren Wegen zur Befreiung des Denkens zwei unterschiedliche wissenschaftliche Methoden. Das Methodenproblem an sich war gar nicht neu, schon Platon (427-347 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.) hatten es aufgeworfen, und im Universalienstreit des Mittelalters war es zwischen den sogenannten Nominalisten und Realisten heftig diskutiert worden. Neu war, dass die Neubegründung der Philosophie durch Bacon und Descartes sich auf alle übrigen Wissenschaften in Form einer Spaltung in der Auffassung von der Richtigkeit wissenschaftlichen Forschens und Vorgehens auswirkte.
Descartes begründete die deduktive Methode, die seither die Argumentationsform der Mathematik und vieler Geisteswissenschaften geworden ist. Die deduktive, auch rationale Methode genannt, geht von Axiomen aus, also unmittelbar einsichtigen Sätzen, die jedoch nicht weiter beweisbar sind. Von diesen Axiomen aus wird ins Detail hin abgeleitet. Die gesamte Mathematik mit all ihren algebraischen Formeln und Logarithmen, Differentialgleichungen und Funktionen, beruht auf den fünf Peano-Axiomen: 1) Null ist eine Zahl 2) Der Nachfolger einer Zahl ist eine Zahl 3) Es gibt nicht zwei Zahlen mit demselben Nachfolger 4) Null ist nicht Nachfolger irgendeiner Zahl und 5) Jede Eigenschaft der Null, die auch der Nachfolger jeder Zahl mit dieser Eigenschaft besitzt, kommt allen Zahlen zu. Die gesamte Philosophie des Rationalisten Baruch de Spinoza (1632-1677), ein großartiger Entwurf eines völlig in sich geschlossenen Welterklärungssystems, ist abgeleitet aus dem einen Axiom: „Alles was ist, ist entweder in sich oder in einem anderen.“
Die von Bacon entwickelte Methode ist als Induktion oder Empirismus bekannt. Sie wurde im Laufe der Zeit zur beherrschenden Methode der Physik, Chemie, Biologie, Medizin und der Soziologie. Die induktive Methode geht genau umgekehrt vor wie die deduktive. Sie sammelt Einzelergebnisse, die aus systematischer Beobachtung und aus Experiment und Erfahrung gewonnen werden. Nach dem Verfahren von „trial and error“ leitet sie aus diesen im Experiment geprüften Einzelbeobachtungen allgemeine Gesetzmäßigkeiten ab.
In der Philosophie führte die gleichzeitige Anwendung beider Methoden zu immer größeren Widersprüchen und zu geradezu unlösbaren Problemen. Ein Beispiel: während mich die Erfahrung lehrt, dass ich die Distanz von meinem Schreibtischstuhl zur Tür, etwa zwei Meter, in ca. drei Sekunden zurücklege, werde ich diese Entfernung aus dem Gesichtspunkt der deduktiven Methode niemals überwinden, weil die Strecke unendlich teilbar ist. Bevor ich die zwei Meter zurücklege, muß ich zuerst die Hälfte, dann davon die Hälfte und wieder erst davon die Hälfte und so weiter ad infinitum zurücklegen, mit anderen Worten: ich komme vom Stuhl erst gar nicht hoch, und jede Bewegung ist nichts anderes als eine Sinnestäuschung. Wer dagegen einwendet, das sei doch wohl Spinnerei, möge bedenken, dass die Kernspaltung auf dasselbe deduktive Prinzip zurückgeht und zu sehr empirisch wahrnehmbaren Folgen führt.
Der Philosoph Georg F.W. Hegel (1770-1831) unternahm den großartigen Versuch, die beiden Methoden im Rahmen der Philosophie, die „Wissen schafft“, in einer einzigen, der dialektischen Methode zu vereinen und so den Rang der Philosophie als Universalwissenschaft wieder herzustellen. Seine Methode übernahm Karl Marx (1818-1883), indes mit dem Ziel, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern zu verändern, wie er in seiner 11. These über Feuerbach schrieb. Ein Ziel, dass seine Nachfolger Lenin und Stalin mit beachtlichem Erfolg verwirklichten.
Hegels Dialektische Methode brachte die Philosophie noch tiefer in die Krise statt den Methodenstreit endgültig, wie Hegel gehofft hatte, zu
lösen. Denn Hegel opferte für seinen Versuch der Erneuerung der Philosophie als Universalwissenschaft den bis dato gültigen Hauptsatz der formalen Logik, den Satz vom Widerspruch. Bis zu Hegel galt die Widerspruchsfreiheit philosophischer Aussagen als Grundprinzip aller Logik. Hegel hingegen behauptete, jeder Satz bringe aus sich selbst den Gegensatz hervor, der als dessen Gegenteil mit dem ursprünglichen Satz auf einer höheren Ebene in einer Synthese vermittelt werden müsse. Damit machte Hegel den Widerspruch selbst zur Grundlage seiner dialektischen Logik, die er als Selbstbewegung der Vernunft auffasste.
Dieses Verfahren rief von mehreren Seiten Widerspruch hervor. Die sogenannten Lebensphilosophen, an ihrer Spitze der schon genannte Artur Schopenhauer (1788-1860), Friedrich Nietzsche (1844-1900) und Henri Bergson (1859-1941), letzterer Literaturnobelpreisträger des Jahres 1927, verwarfen zugunsten einer neuen, der intuitiven Methode, den bislang in der Philosophie vorherrschenden Primat der Vernunft. Der Irrationalismus, der „blinde Wille“, der „elan vital“ wurde die Grundlage ihrer Denksysteme. Damit kam die Philosophie natürlich in eine absurde Situation. Der gleichfalls schon erwähnte Martin Heidegger brachte diese Situation auf die Spitze, indem er, im doppeldeutigen Sinn des Wortes „Aufgabe“, die „Aufgabe der Philosophie“ im „Anfang des Denkens“ fordern zu müssen glaubte. Das von ihm beschriebene „Seins-Denken“ als „An-Denken an das Sein“, das wir diesem dankend denkend als Andenken schenken, sah er der Poesie und der Mystik näher verwandt als dem zur „Technologie“ degradierten Wissenschaftsbegriff. Wie immer: mit dieser Deutung starb die wissenschaftliche Philosophie, der Anspruch der Philosophie, Wissenschaft zu sein, einen sanften Tod durch Resignation.
Ganz anders der von Auguste Comte (1798-1857) begründete Positivismus. Er sah das Heil der Philosophie darin, sich als Wissenschaft selbst abzuschaffen und durch Soziologie zu ersetzen. Diesen Weg der aktiven Selbstvernichtung wollten wiederum die „Neopositivisten“ des 20. Jahrhunderts nicht gehen, insbesondere nicht der „Wiener Kreis“ um den schon erwähnten Moritz Schlick, um Ludwig Wittgenstein (1889-1951) und Rudolf Carnap (1891-1971). Sie versuchten die Philosophie als Fundamentalwissenschaft wieder her zu stellen. Dies geschah, indem sie die Philosophie statt zur Soziologie zur logischen Analyse der Sprache umformten.
Der Grundgedanke dieses Unterfangens ist folgender: Nach neopositivistischem Verständnis besteht das Hauptkennzeichen von Wissenschaft in eindeutigen, klaren, formelhaften und allgemein gültigen Begriffsbestimmungen. Jeder Physiker, gleichviel, ob er in Kapstadt, Sao Paulo, Singapur oder Budapest studiert hat, der die Formel E = mc2 liest, jeder Chemiker weltweit, der sich mit der Frage NaCl + H2O = ? beschäftigt, versteht unter diesen Gleichungen dasselbe. Philosophen hingegen, die über Wahrheit, Schönheit, Freiheit, Glück, Gut und Böse sprechen, sehen sich in einer ganz anderen Lage: von diesen Begriffen existieren tausende sich widersprechende Definitionen. Entweder, so folgerten die Analytiker des Wiener Kreises, müssten diese Begriffe eindeutig definiert oder aber aus einer wissenschaftlichen Philosophie ganz und gar eliminiert werden. Damit wird ganzen philosophischen Disziplinen, insbesondere der Ethik, der Ästhetik und der Metaphysik, das wissenschaftliche Rückgrat gebrochen. Statt Selbstmord durch Soziologie begeht die Philosophie damit Selbstmord durch Sprachwissenschaft.
Popper war kein Selbstmordkandidat und auch nicht wissenschaftlich lebensmüde. Er begriff Philosophie als Prozess des Problemlösens. Gleichviel ob nach deduktiver oder induktiver Methode vollzieht sich nach Popper dieser Prozess in den folgenden Schritten:

P1 – das Ausgangs-Problem wird klar benannt und definiert

VT – eine Versuchs-Theorie zur Lösung des Problems wird erstellt
und systematisiert

FE – Fehler-Elimination ist das wichtigste Element des kritischen
Diskurses der Tauglichkeit einer Theorie. Indem nach Fehlern
in einer Theorie gesucht wird, entsteht

P2 – ein neues Problem, für dessen Lösung neue Theorien entwickelt
werden.

So simpel diese Überlegung scheint, sie führt zu weitreichenden Folgen, die Popper thesenartig in seinem vielkritisierten Aufsatz „Die Logik der Sozialwissenschaften“ zusammengestellt hat. Ich will die 27 Thesen Poppers an dieser Stelle nicht im Einzelnen vorstellen. Aus der einfachen Formel P1 – VT – FE – P2 ergibt sich als wesentlichste Schlußfolgerung, dass der Philosoph nie arbeitslos wird, weil er stets neue Probleme erzeugt.
Popper sah darin ein großes Glück, denn dank seiner Problemproduktion wird dem Philosophen nie langweilig. Mit jedem Fortschritt seines Wissens vermehrt sich sein Nichtwissen, er kommt nie an ein Ende. Aber ist das Wissenschaft? Oder nicht vielmehr ein auf die Dauer ermüdendes, deprimierendes intellektuelles Spiel für Kinder, die nie erwachsen werden wollen? Wird so die Wissenschaft nicht selbst zum Spiel? – Das Gegenteil ist der Fall.

Die Folgen

Karl Popper kommt der unermeßliche Verdienst zu, mit seinem Forschungsbeitrag die Philosophie als wissenschaftliche Disziplin in ihrem vollen Umfang gerettet zu haben. Mit seiner Wissenschaftstheorie, die er auf den Punkt und in eine Formel brachte, hat er nicht nur dem philosophischen Denken neue Wege gezeigt, sondern mit seiner Methode des „kritischen Rationalismus“ auch die Sozialwissenschaften, die Physik und die Psychologie neu befruchtet. Folgen seines Denkens sind:
1) Indem Popper das Schwergewicht seiner Methode nicht, wie vor ihm üblich auf die schlüssige Beweisführung, d.h. die Verifizierung einer Theorie legte, sondern im Gegenteil auf das Erspüren von Fehlern, verschob er entscheidend die Sichtweise wissenschaftlicher Betrachtung. Eine Versuchstheorie gewinnt in Poppers Augen an Wert, wenn sie von sich aus klare Kriterien enthält, die angeben, unter welchen Bedingungen sie Irrtümer aufweist.
2) Indem Popper jede Theorie als Versuchstheorie auffasst, bekräftigt er die Überzeugung, dass es eine objektive Wahrheit gibt, der wir uns jedoch nur schrittweise durch Vermutungen und Verwerfungen annähern können. Damit verwirft Popper sowohl den Konstruktivismus, der Wahrheit als Erzeugnis zwischenmenschlicher Übereinkunft betrachtet, ebenso wie den Existentialismus, der nur die persönlich gefärbte Wahrheit des Einzelnen gelten lässt. Der Konstruktivismus scheitert als Versuchstheorie zur Lösung von Problemen, weil er das Falsifizierungskriterium umgeht, sich nicht an der mühsamen Suche nach der objektiven Wahrheit, sondern an einem pragmatischen Opportunismus orientiert. Der Existentialismus kann keinen wissenschaftlichen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben.
3) Die zur Sprachwissenschaft degenerierte analytische Philosophie erweist sich in Poppers Sichtweise gleichfalls als ein Weg des „geringsten Widerstandes“, indem sie ureigenste Probleme der Philosophie in andere Disziplinen verweist. Darüber führte Popper am 14.10.1946 eine heftige Diskussion mit Wittgenstein vor einem erlauchten Publikum im Moral Science Club an der Universität Cambridge. Als ureigenste Probleme der Philosophie benannte Popper in dieser Diskussion z.B. das Unendlichkeitsproblem, das Problem vom Ursprung allen Seins und das Problem der Methode, wie wir lernen und Erkenntnisse gewinnen. Wittgenstein verwies die drei genannten Probleme in die Mathematik, die Kosmologie – als Teil der Physik – und die Lernpsychologie. Als Popper auf die ethischen Probleme zu sprechen kam, brach Wittgenstein die Diskussion erregt ab; er sah darin nur das Problem persönlicher Lebensführung oder juristischer Normengesetzgebung.
4) Gerade der Ethik hat Popper wissenschaftlichen Rang beigemessen. Aus seiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber jeder Theorie ergibt sich für Popper Duldsamkeit und Wachsamkeit gegenüber jeder Versuchstheorie, also auch einer Theorie der Begründung allgemein gültiger Werte und Normen, als ethisches Grundprinzip. Diese Toleranz beruht nicht, wie beim Konstruktivismus, auf der Annahme, jede Perspektive sei von vornherein gleich gut oder wahr und es gäbe gar keine objektiv wahren Werte, sondern auf der Anerkenntnis der Annahme, jede Theorie, also auch die eigene, enthalte Irrtümer, deren Erforschung sie aber der objektiven Wahrheit näher bringt.
5) Jedes totalitäre politische System ist, wie jeder totalitäre Versuch der Welt- und Geschichtserklärung, laut Popper als „unwiderlegbar
aber falsch“ abzulehnen. Zu diesen „unwiderlegbaren, aber falschen Theorien“ zählen nach Popper philosophische Theorien wie Platons Ideenlehre, Hegels Dialektik, die Revolutionstheorie und Geschichtsdeutung eines Karl Marx ebenso wie der Faschismus und – man erschrecke sich durchaus – die Psychoanalyse. Allesamt geben diese Theorien keine Falsifizierungskriterien an, sondern pressen die beobachtbaren Tatsachen in das Schema einer Sinn stiftenden Interpretation. Damit dienen diese Theorien, so Popper, nichts anderem als der Rechtfertigung von schon bestehenden oder herzustellenden Machtverhältnissen. Diese Aussage, Grundessenz von Poppers zweibändigem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, hat nicht nur bei Psychoanalytikern Ärgernis und Widerspruch hervorgerufen. Von der Hand zu weisen ist Poppers Kritik jedoch nicht, macht man sich klar, was er unter essentialistischer oder totalitärer Welterklärung versteht. Dazu ein Beispiel; es stammt von Popper selbst:
Wenn ich die Theorie aufstelle, es gäbe irgendwo in der Welt ein Allheilmittel gegen Krebs oder einen Diamanten, der doppelt so groß sei wie der größte bisher gefundene, so habe ich es mit einer rational nicht diskutierbaren Behauptung zu tun, denn der Bezugsrahmen für diese Theorie ist total, zu groß gewählt für unsere vorhandenen Forschungswerkzeuge. Gebe ich hingegen einen klaren Bezugsrahmen an, so ist meine Theorie falsifizierbar und damit diskutierbar, etwa wenn ich sage: ich habe hier eine Kiste, die eine bestimmte, abzählbare Anzahl von Diamanten enthält, deren größter doppelt so groß wie der nächst größere in der Kiste ist. Das ist meßbar, das ist nachprüfbar. Der größte Diamant auf der Welt oder das Allheilmittel gegen Krebs hingegen können sich immer gerade dort befinden, wo ich nicht suche. An diesem Punkt setzt auch Poppers Ablehnung der Psychoanalyse, über die er sich dezidiert geäußert hat und scheinbar auch der Reichschen Orgonomie, über die ich keine Äußerung Poppers kenne, an. Darauf gehe ich noch eigens ein.
6) Mit Hilfe von Poppers Falsifizierungsprinzip konnte der Determinismus in der Physik überwunden werden; Poppers philosophische Überlegungen fanden ihre Bestätigung im Heisenbergschen Unschärfeprinzip. Damit erhielt auch das alte philosophische Problem von Schicksal und Freiheit eine neue Diskussionsgrundlage. Wunderbar nachzulesen ist dies im Kapitel „Über Wolken und Uhren“ in Poppers Buch „Objektive Erkenntnis“. Er stellt in diesem Kapitel die physikalische Welt in den Blick von größtmöglicher Vorhersehbarkeit (Uhren) und größtmöglicher Unvohersehbarkeit (Wolken), bezogen auf das Verhalten dieser beiden Phänomene in der kommenden Minute. Es ist im Licht dieser Betrachtung durchaus spannend zu überprüfen, welcher Seite ich selbst näher stehe und warum dem so ist.
7) In seinen Diskussionen mit dem Neurophysiologen und Nobelpreisträger für Medizin, Sir John Eccles, dargelegt in dem von Eccles und Popper gemeinsam verfassten Buch „The Self and it´s Brain“ gelang der – vorläufige – Nachweis, dass das Bewußtsein unabhängig vom Nervensystem zu existieren in der Lage ist und sich des Nervensystems lediglich als Werkzeug bedient. Dies widerspricht einer der Grundannahmen Sigmund Freuds. Damit ist zumindest auch in wissenschaftlicher Sicht möglich geworden, eine Fortexistenz des Bewußtseins nach dem physischen Tod, wie sie von vielen Philosophen seit Platon angenommen wurde, rational als Versuchstheorie zu diskutieren.
8) Poppers Unterscheidung zwischen Welt 1 – 2 – 3 ermöglicht ein tieferes Verständnis der Wechselwirkung von Körper und Geist und auch der Entstehung widersprüchlicher Interpretationen von Fakten. Unter Welt 1 versteht Popper die Welt der materiellen Gegenstände, unter Welt 2 die seelischen und geistigen, bewußten wie unbewußten Vorgänge und unter Welt 3 im platonischen Sinn die ewigen Werke des Geistes und der Kunst. In diesem Augenblick der Lektüre dieses Essays wirken Papier und Buchstabenanordnung der Bukumatula mit der Sitzgelegenheit und den Klimaverhältnissen, auf der und unter denen dieser Aufsatz gelesen wird (Welt 1) mit der Philosophie Poppers (Welt 3) auf die Welt 2, nämlich die zunehmenden Lust- und Unlustempfindungen, die Erschöpfungs- oder Belebungszustände, möglicherweise von Zahnschmerzen begleitet, meiner Leserinnen und Leser unmittelbar ein. Die Resultate der Lektüre werden durch dieses Zusammenwirken erzeugt, gleichviel, ob die Bukumatula nun zornig an die Wand geklatscht, resigniert bei Seite gelegt oder mit Entzücken weiter gelesen wird.
9) Wir lernen, so Popper, nicht durch Induktion, also durch Erfahrung und vom Hörensagen. Als kritischer Rationalist sah Popper den Lernprozess und jeden wissenschaftlichen Erkenntniszuwachs als Verknüpfung rationaler Überlegungen mit blitzartigen Einfällen, als Verknüpfung von nicht unmittelbar zusammenhängenden Elementen an. Ein nicht von Popper sondern von mir gewähltes Beispiel mag dies illustrieren. Jahrelang hatte sich der ungarische Ingenieur Lázlo Biró über seine kratzende Schreibfeder und die stets abbrechenden Bleistifte geärgert, bis er eines Tages seine Tochter beim Murmelspiel beobachtete: die Murmel rollte durch eine Pfütze und hinterließ auf dem Asphalt eine lange, flüssige Spur. Aus der Verknüpfung dieser Beobachtung mit den Überlegungen zur Verbesserung seines Schreibgerätes entstand der Kugelschreiber. Tausende von Menschen haben vor Biró Murmeln durch Pfützen rollen sehen und sich über Schreibfedern, die kratzen, geärgert, aber durch die blitzartige, intuitive Verbindung der Beobachtung mit der zuvor von dem Ingenieur geleisteten Gedankenarbeit wurde die Erfindung geboren. Diese Betrachtung überwindet den uralten Gegensatz von rationaler und empirischer Methode und führt zu einem neuen Verständnis der Intuition.

Popper und Reich – zwei österreichische Versuchstheorien

Die Psychoanalyse gehörte für Popper, wie gezeigt, zu den unwiderlegbaren, aber falschen essentialistischen Theorien. Wilhelm Reichs Orgonomie scheint Popper nicht begegnet zu sein. Es ist die Aufgabe, die ich mir selbst gestellt habe, diesen Essay mit einer Betrachtung der Orgonomie im Lichte des kritischen Rationalismus, insoweit ich beide Theorien richtig verstehe, zu beschließen. Damit setze ich zwei österreichische Versuchstheorien, wie zu Beginn zwei Exillebensläufe zweier Österreicher des vergangenen Jahrhunderts in einen Bezug, den ich bisher noch nicht vorgefunden habe, der mir aber mehr als nützlich erscheint.
Reichs P1 war: wie gelingt es, seelische Krankheiten wirkungsvoll und nachhaltig zu heilen? Er übernahm die VT Freuds, dass alle seelischen Erkrankungen auf eine Störung in der sexuellen Entwicklung eines Menschen zurück gehen. Er übernahm auch das von Freud zusammen mit dieser Theorie vorgelegte therapeutische Verfahren. Als sich zeigte, dass die Psychoanalyse in vielen Fällen nicht die gewünschten Heilungserfoge zeitigte, stellte sich das Problem der Fehlerelimination. Sándor Ferenczi (1873-1933), einer von Freuds treuesten Paladinen, versuchte eine solche Fehlerelimination im methodischen Vorgehen, nämlich im Durchbrechen der Abstinenzregel und wurde dafür von Freud scharf zurechtgewiesen. Freud selbst legte im Jahr 1929 in seiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ eine modifizierte neue Versuchstheorie vor, in der er den Todestrieb als Ergänzung zum Sexualtrieb einführte. Diese neue Theorie wurde von Reich schroff verworfen. Popper hätte ihn, jedoch aus einer ganz anderen Sichtweise heraus, entschieden unterstützt.
Die Psychoanalyse im ursprünglichen wie modifizierten Entwurf gibt nämlich kein Falsifizierungskriterium an. Ein solches würde nach Popper darüber Aufschluß geben, unter welchen Bedingungen, bei welchen oder bei wie vielen therapeutischen Fehldiagnosen und meßbaren Therapiemißerfolgen die Theorie zu modifizieren oder gar ganz aufzugeben sei. Der Vorwurf, den, wie eingangs gezeigt, der 17-jährige Popper Alfred Adler machte, trifft auch Freud: mit dem diagnostischen Handwerkszeug der Psychoanalyse kann jede, absolut jede gesellschaftliche oder individuelle Äußerung und Handlung in ein Interpretationssystem gebracht und durch einen bestimmten Vorrat an Fachbegriffen beschrieben und erläutert werden. Die Fachbegriffe sind nicht eindeutig wie physikalische Formeln; messbar und naturwissenschaftlich oder soziologisch nachprüfbar sind diese Beschreibungen im Sinne von Poppers „Logik der Forschung“ nicht. Der Todestrieb ist, wie Freud selbst bekannte, nichts als eine Hypothese. Man kann damit vom II. Weltkrieg bis zum Erfurter Massaker im April dieses Jahres alle Arten von Destruktion erklären. Wissenschaftlich gewonnen ist damit nichts.
Reichs Suche den Fehlern in Freuds Theorie führte ihn zu seinem neuen Problem 2: wenn es nicht gelang, seelische Erkrankungen nachhaltig auf dem Weg der Analyse, also durch das therapeutische Gespräch zu heilen, oder wenn dies nur in Einzelfällen und in bestimmten Bevölkerungsschichten gelang, woran konnte das liegen? Reichs Vermutung, aus therapeutischer Beobachtung gewonnen, war, dass der Körper über eine eigene Weisheit und eine eigene Erinnerung jenseits der Worte, also jenseits der Grenze des analytischen Gesprächs verfügt. Davon ausgehend stellte Reich seine neue Versuchstheorie auf: die der muskulären Panzerung und die damit verbundene Therapieform der Vegetotherapie. Reich war sein ganzes Leben hindurch bemüht, Fehler aus seiner Theorie zu eliminieren. Dieses Streben nach Fehlerelimination führte ihn zur Entdeckung der Bione und der Orgonenergie.
Er legte seine Forschungsergebnisse renommierten Wissenschaftlern wie Professor du Teil von der französischen Akademie der Wissenschaften vor, so lange Reich in Norwegen lebte und arbeitete, und Albert Einstein, als er in den USA war. Reich gab exakte Falsifizierungskriterien an, unter denen er seine Theorie über die Entstehung der Bione und die Auswirkungen der Orgonenergie verändern oder zurückziehen müsste. In dem Briefwechsel mit den beiden genannten Wissenschaftlern stehen nicht vieldeutige Begriffe wie der Oedipuskomplex oder der Todestrieb zur Diskussion, sondern naturwissenschaftlich diskutierbare Phänomene wie die Brownsche Molekularbewegung als mögliche Erklärung der Plasmazuckung oder die physikalische Erklärung der Temperaturdifferenz im Orgonakkumulator zur Raumumgebung.
Daraus entstanden neue Probleme, die Reich im Oranurexperiment von 1951 überprüfen wollte, mit verheerendem Ergebnis, wie wir wissen: die Vermutung Reichs, dass die Orgonenergie die Atomenergie neutralisieren würde, bewahrheitete sich nicht, im Gegenteil, die Uranstrahlung wurde im Orgonakkumulator um ein vielfaches verstärkt, Reich und seine Tochter Eva erkrankten in Folge des Experiments schwer und das gesamte Gebiet von Reichs Forschungszentrum in Rangeley wurde verseucht. Reich war freimütig genug, die Fehlerhaftigkeit seiner Überlegungen zuzugestehen und weiter zu forschen. Mit Hilfe der Klimaforschung versuchte er nun in einem neuen Forschungsansatz die Probleme zur Erklärung der Wirkung der Orgonenergie zu lösen. Ich finde es in höchstem Maße faszinierend zu beobachten, wie aus Reichs ursprünglicher Versuchstheorie, die sich auf die psychotherapeutische Behandlung seelisch kranker Menschen bezog, nach und nach eine biophysikalische und klimatologische Theorie wurde. In diese biophysikalische Theorie von der Entstehung und Wirkung der Orgonenergie wurde von Reich seine medizinische Theorie zur Entstehung der Krebsbiopathien und deren Heilung eingebettet. In seiner Beschreibung der Anwendung der Orgonenergie bei krebskranken Patienten gab Reich ganz exakte statistische Zahlen an und legte sie der Food-and-Drug-Administration vor. Diese Zahlen sind Falsifizierungskriterien im Sinne Poppers: denn bei bestimmten Prozentzahlen kann man von Heilungserfolgen nicht sprechen oder muß die Mißerfolge, die wieder ein neues Problem darstellen, durch einen neuen theoretischen Ansatz erklären.
Die gesamten letzten 30 Jahre des Wirkens von Wilhelm Reich halten meines Erachtens der wissenschaftstheoretischen Kritik Poppers absolut stand. Reichs Forschungen stehen ganz und gar auf der von Popper beschriebenen Basis von wissenschaftlicher Diskutierbarkeit, d.h. rationaler Überprüfbarkeit von Forschungsansätzen. Gegenüber der Reichschen Biophysik, Klimatologie, onkologischen Medizin und der Vegetotherapie kann der Vorwurf, es handle sich um unwiderlegbare, aber falsche Theorien, nicht erhoben werden. Im Gegenteil: die mit Reichs Verurteilung 1956 abgebrochene Diskussion seiner Theoriebildung ist noch gar nicht in dem Ausmaß erfolgt, das sie verdiente, das aber der Gentechnologie, der Kernphysik, der Palliativmedizin oder der Tiefenpsychologie durchaus zugestanden wird.
Darauf sollte aufmerksam gemacht werden! Wer anders als das Wilhelm-Reich-Institut, wer anders als die Leser der Bukumatula ist dazu berufen? Der kritische Rationalismus Sir Karl Raimund Poppers bietet, wie ich hoffe aufgezeigt zu haben, eine philosophische Grundlage für die Grundlagenforschung, die Wilhelm Reichs Herzensanliegen war. Die Verankerung von Reichs wissenschaftlicher Arbeit in dieser Grundlage bietet die Möglichkeit einer klaren Abgrenzung und zu einer Wertsetzung gegenüber psychologischen und psychotherapeutischen Theorien, die der „Logik der Forschung“ nicht Stand halten. 45 Jahre nach seinem Tod halte ich die Zeit für mehr als gekommen, nicht durch einen Gnadenakt des amerikanischen Präsidenten, sondern durch einen Rehabilitierungsakt von Seiten der Wissenschaftler, Wilhelm Reich vom Makel esoterischen Spinnertums, der ihm immer noch anhaftet, zu befreien. Als einen solchen wissenschaftlichen Rehabilitierungsakt auf der Grundlage der Fachdisziplin der Philosophie, für die ich hier spreche, verstehe ich meinen hier vor-gelegten Essay.
Reich starb für seine Theorie. Es ist eine Theorie, auf deren Grunde Liebe, Arbeit und Wissen gedeihen, weil sie dieser dreifaltigen Quelle entspringt. Es ist eine Theorie, die Menschen heilt, die unsere kranke Umwelt heilen kann und durch die mehr Menschlichkeit möglich wird. „Theorien sollen sterben, nicht Menschen oder Menschlichkeit für eine Theorie.“ Das war die Quintessenz des Denkens von Karl Popper, sein Vermächtnis an uns, das Vermächtnis eines leidenschaftlichen Verfechters wissenschaftlicher Theoriebildung. Sorgen wir dafür, dass, wenn schon der Mensch Wilhelm Reich an seiner Theorie zu Grunde ging, Menschlichkeit und Menschen gerettet und beschützt werden können, indem seine Theorie, und zwar nicht im wissenschaftlichen Abseits, weiterlebt.

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Literaturempfehlungen:
Ich habe mich in meinem Essay insbesondere auf folgende Werke Wilhelm Reichs und Karl Poppers bezogen:

Wilhelm Reich:
1) Charakteranalyse (1933)
2) Der Krebs. Die Entdeckung des Orgons (1948)
3) Jenseits der Psychologie (Tagebuchaufzeichnungen Reichs aus den Jahren 1934-1939 im skandinavischen Exil, in denen es um die Bionexperimente geht, darin auch um den Briefwechsel mit Prof. du Teil)
alle erschienen im Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln

4) Die Bionexperimente (1938)
5) Das Oranur-Experiment I (1951) und II (Nachwirkungen) (1956)
erschienen im 2001-Verlag, Frankfurt/Main