Heiko Lassek (Hrsg.), 367 Seiten; Ulrich Leutner Verlag, Berlin 1999; (ISBN3-934391-00-1).

Mit Beiträgen von Arnim Bechmann, Marco Bischoff, Heike Buhl, Will Davis, Thomas Harms, Jochen Kirchhoff, Heiko Lassek, Susanne Wittmann, Carol Yeung und Tom Zhang.

In dieser Ausgabe zur Lebensenergieforschung werden die gegenwärtigen Entwicklungen, d.h. die Praxis einer auf den Forschungen Wilhelm Reichs fundierten Medizin und Therapie mit Traditionen der westlichen und östlichen Naturphilosophie in einem Werk vereint. In den Beiträgen wird offenbar, dass die Diskussion um die Möglichkeit einer zukünftigen bzw. wiedergewonnenen „Wissenschaft vom Lebendigen“ von der Realität selbst überwunden ist: Eine solche Wissenschaft existiert und wird praktiziert, ohne dass weitere Bereiche der Öffentlichkeit diesen Umstand in den vergangenen Jahren zur Kenntnis nehmen konnten. Die Grundlage dieser Praxis beruht zu einem großen Teil auf den Jahrzehnte langen Untersuchungen und Forschungen Wilhelm Reichs und seiner Wissenschaft. Eine Auswahl der Beiträge finden Sie nachfolgend beschrieben.

Orgonomische Selbstregulation und postmaterialistische Wissenschaft

In diesem Beitrag führt Prof. Dr. Arnim Bechmann in die Grundlagen der Orgontheorie ein und spricht im Folgenden über ein weiteres Feld der Anwendung der Reichschen Orgontheorie, in dem sich orgonenergetische, homöopathische und radionische Konzepte miteinander verbinden. Es handelt sich um die Anwendung sogenannter „transmaterialer Katalysatoren“.
Zunächst wird Wilhelm Reichs Konzept der orgonomischen Selbstregulation dargestellt, mit dessen Hilfe die Wirkungsweise transmaterialer Katalysatoren ansatzweise gedeutet werden kann. Nachfolgend wird der Begriff „transmaterialer Katalysator“ erläutert und ein einfaches Erklärungsmodell dafür skizziert. Daran reihen sich empirische Arbeiten, die Nutzungen und Risiken beschreiben.
Schon Wilhelm Reich hat sich die Frage gestellt, ob man Orgonfelder transportieren bzw. welchen Nutzen dies haben könnte. Tatsächlich hat der Transport von künstlich erzeugten Orgonfeldern eine erhebliche Bedeutung erlangt; dabei wird dem Qualitätsspektrum eines pulsierenden Orgonfeldes intensive Aufmerksamkeit gewidmet. Qualitätsspektren lebensenergetischer Felder spielen z.B. in der Homöopathie eine wichtige Rolle.- Nach Bechmann werden transmateriale Katalysatoren in Deutschland in den Bereichen Humanmedizin, Veterinärmedizin, Gartenbau, Landwirtschaft, Wasserenergetisierung, Wasserreinigung, und Nahrungsmittelverbesserung eingesetzt. Oft geschieht dies allerdings, ohne dass die Anwender eine konkrete Vorstellung davon haben, was ein transmaterialer Katalysator ist, wie er wirkt und welche Risiken er beinhalten kann. Mit Hilfe dieser Katalysatoren lassen sich auch größere Landflächen und bewegte Systeme gezielt beeinflussen. Diese Beeinflussung kann darauf ausgelegt sein, am Wirkungsort die Konzentration von Orgonenergie zu verändern oder spezifische Bereiche des Qualitätsspektrums zu überlagern.
Sie beeinflussen biologische Systeme, ohne mit diesen in einen Wirkungszusammenhang zu treten. Im Rahmen der herrschenden Naturwissenschaft ist die Wirkung dieser Katalysatoren weder zu erklären noch gezielt zu prognostizieren. Sie können weder physikalisch noch chemisch gedeutet werden. Ein transmaterialer Katalysator besteht aus folgenden Komponenten: einer Trägersubstanz, einem künstlich erzeugten Orgonfeld, das an diesen Träger gekoppelt wird und einer qualitativen Färbung, die diesem Feld eingeschrieben bzw. aufmoduliert wird.
Experimentelle Erfahrungen wurden in devitalisierten Ökosystemen gesammelt. Versuche zur Revitalisierung von Waldbäumen und anoxischen Gefährdungsbereichen im Nordseewatt, sowie Laborexperimente mit Grünalgen, Gülle, Keimlingen und mit Spontangärungsprozessen wurden durchgeführt.

Die transmateriellen Katalysatoren können Wachstumsprozesse von Pflanzen unterstützen und optimieren, die Selbstregulationsfähigkeit von Pflanzen, Tieren und Menschen erweitern und deren Lebensfunktionen, einschließlich der Immunabwehr stärken, energetisch gestörte kranke Organismen therapieren und revitalisieren, lebensenergetische Qualität und Haltbarkeit von pflanzlichen oder tierischen Produkten verbessern, oder Gewässer reinigen und lebendig erhalten.

Sie können aber auch eine lebensbeeinträchtigende Wirkung haben. Die Balance zwischen Aufladung und Entladung kann gestört werden. Werden z.B. transmateriale Katalysatoren mit Orgonenergie sehr hoch aufgeladen, so kann es geschehen, dass Systeme, in die sie eingeschleust werden, die Intensität der Energie nicht verarbeiten können. Es kann zu energetischen Blockaden bzw. zu chronischen Überladungen bzw. Übererregungen kommen. Bechmann meint, dass sich das naturwissenschaftliche Weltbild in den nächsten Jahrzehnten grundlegend ändern wird. Im Bereich der Biologie und der Medizin werden immer mehr Phänomene sichtbar, die sich konventionell-naturwissenschaftlich nur schwer oder gar nicht erklären lassen. Greift man hingegen auf Theorien zurück, die wie die Reichsche Orgontheorie Vorstellungen von Lebensenergien und lebensorganisierenden Kräften beinhalten, wird es möglich, diese Phänomene auch theoretisch zu erklären. Diese Art von Wissenschaft versucht Bechmann mit dem Begriff der „Nachmaterialistischen Naturwissenschaft“ zu erfassen und geht dabei von folgenden Annahmen aus: Vor und hinter Materie gibt es organisierende Kräfte, ohne deren Wirken Leben nicht vorstellbar ist. Die organisierenden Kräfte sind die Voraussetzung für die Bildung von Materie und Höherentwicklung. Die Naturwissenschaft wird sich in den kommenden Jahrzehnten auf ein neues Verständnis von Leben hinentwickeln.

Das innere und das äußere Licht

Der Wissenschaftsautor Marco Bischoff beschreibt in seinem Beitrag „Das innere und das äußere Licht“ die Geschichte des Zusammenhangs zwischen Licht, Leben und Bewusstsein im Spannungsfeld zwischen Mystik und Naturwissenschaft. Dazu über das innere Licht in Religion, Mystik und Philosophie:

Der Begriff Licht steht bis in die Renaissance nicht nur für das Sonnen- und Tageslicht, also das äußere Licht, sondern auch für Vorstellungskraft, Erkenntnis, Erkenntnisfähigkeit und Bewusstsein, für Leben und Seele und für Gott selbst. Inneres und äußeres Licht wurden zudem oft als zusammenhängend und identisch angesehen.

Licht, Sonne und Feuer wurden schon immer als Verkörperung oder Ausdruck des Göttlichen aufgefasst. In vielen Religionen wurde z.B. – entsprechend dem zyklischen Sonnengang des Lichts im Jahreslauf, das Zirkulieren einer feuer- und lichtähnlichen Lebensenergie in Erde und Vegetation wie auch im tierischen und menschlichen Organismus angenommen und mit dem Steigen und Fallen der Säfte, dem Vegetations- und Lebenszyklus mit Sexualität, Geburt, Wachstum und Tod in Verbindung gebracht.

Den Mystikern nach beginnt Erleuchtung mit einem ersten kurzen Moment der Augenöffnung, einem kurzen Erblicken des ungeschaffenen Lichts, des göttlich Transzendenten, für einen blendenden und unvergesslichen Augenblick. Dieses neue Auge muss nicht nur geöffnet werden, sondern muss auch lernen, offen zu bleiben, das göttliche Licht auszuhalten; der Liebe in die Augen zu schauen, muss erst trainiert, der Spiegel erst gereinigt werden. Der „normale“ Mensch ist absorbiert von den Illusionen der Sinne, seine Aufmerksamkeit abgelenkt durch die äußerlichen Dinge und bewegt sich deshalb immer an dem „Einen“, dem Herz der Wirklichkeit vorbei. Das Auge der Ewigkeit ist nicht aktiv.

Bischoff geht nicht nur auf die christliche Lichttheologie und Lichtmystik ein, sondern auch auf die islamische, hinduistische, buddhistische und taoistische. Ein Sufimystiker: „Wenn das Licht im Himmel des Herzen erstrahlt … und der Mensch im Inneren die Helle der Sonne oder vieler Sonnen erlangt …, dann ist sein Herz reines Licht, sein Körper ist Licht, was ihn bedeckt, ist Licht, sein Hören, sein Sehen, seine Hand, sein Äußeres, sein Inneres, alles ist Licht.“ Eine Art von Weiterleben hatte das „innere Licht“ in den Lebensenergietheorien des biologischen und medizinischen Vitalismus. Von Mesmer führt ein direkter Weg zur Hypnoseforschung und schließlich zur Psychoanalyse Freuds. Reich wurde durch seine Orgonenergieforschung zum wichtigsten Vertreter des Vitalismus. In den Lebensenergiekonzepten und -theorien lebt die alte, ursprünglich in der „ozeanischen Wahrnehmungsweise“ des Frühmenschen empirisch begründete Auffassung eines lebendigen und beseelten Universums bis in unsere Zeit weiter. Um zu verstehen, warum diese Konzepte trotzdem nicht Teil des naturwissenschaftlichen Weltbilds geworden sind, muss man sich klar machen, dass das Selbstverständnis und die Selbstdefinition der modernen Naturwissenschaft zu einem wesentlichen Teil im Abwehrkampf gegen Konzepte wie diejenigen der „Lebensenergie“ und des „Äthers“ entstanden sind – dem Kampf gegen das Nicht-Messbare, Metaphysische, aber wahrscheinlich noch stärker gegen alles, was an Lebendigkeit und Bewusstheit erinnert – und dass sich die Wissenschaft Jahrhunderte lang darum bemüht hat, die Lebendigkeit aus ihrem Weltbild auszutilgen. Die endgültige Abschaffung des Äthers in der Physik um 1900 markiert den Endpunkt dieser Entwicklung. Andererseits war aber dieser Kampf in einem gewissen Sinne doch gerechtfertigt, da diese Konzepte seit langem ihre ursprüngliche Lebendigkeit verloren hatten und zu bloßen „leeren Hülsen“ der ursprünglichen Vorstellungen geworden waren.
Bischoff widmet sich nach dem geschichtlichen Rückblick der Biologie und Biophysik des Lichts. Er schreibt über die vielfältigen positiven Wirkungen des Sonnenlichts, von farbigem Licht und dem Licht in der Zelle, der Lichtempfindlichkeit von Organismen, sowie den Lebewesen als Lichtspeicher mit licht gesteuerter Physiologie. Ein leuchtender Beitrag.

Einführung in eine lebensenergetische Medizin

Dr. Heike Buhl führt uns in die lebensenergetische Medizin ein, die sich – wissend ob der verschiedenen Lebensenergiekonzepte – mit dem wissenschaftlichen und an der westlichen Kultur orientierten Zugang zum Phänomen Lebensenergie, sowie der Art der Behandlung von Krankheiten befasst. Das Ziel der energetischen Medizin ist es, die Pulsation des vegetativen Nervensystems wieder anzuregen, um damit sowohl körperlichen als auch psychischen Erkrankungen den Nährboden zu entziehen. Damit wird nicht auf der Ebene der Krankheitssymptome, sondern auf der Ebene der energetischen Pulsationsvorgänge gearbeitet. Buhl zeigt in verständlicher Art und Weise Funktion und Wirkung des vegetativen Nervensystems auf und spricht von der Schnittstelle zwischen der Pulsationen der Außen- und der Innenwelt. Sie ist ein Vermittler zwischen den Gefühlen einerseits und der Tätigkeit aller inneren Organe andererseits, denn sie regelt sowohl die Tätigkeit aller inneren Organe als auch die Blut- und Plasmaströme, die den Gefühlen zugrunde liegen.
Weiters widmet sie sich den Biopathien. Diese weisen eine Störung der Pulsationsfähigkeit des vegetativen Nervensystems auf und zeigen sich entweder in einer emotionellen oder funktionellen Störung oder in einer Organerkrankung. Eine Biopathie beginnt in unserer Gesellschaft mit einem überwiegen des Sympathikus, also der Bereitschaft zu Kampf oder Flucht. Wenn es aber weder zu Kampf noch zur Entwarnung kommen kann, bleibt der Körper in einer inneren Alarmbereitschaft, einer chronischen Anspannung. Krankheiten wie grüner Star, Rückenschmerzen, Arthritis oder Bluthochdruck beruhen auf diesem Mechanismus übermäßiger Anspannung. Andere Krankheitsbilder beruhen primär zwar auch auf einer starken inneren Anspannung, am einzelnen Organ kommt es dann aber bei zusätzlichem Stress zu einem Umschlag ins andere Extrem, dem chronischen Parasympathikotonus. Erst dadurch entsteht das Symptom. Beispiele dafür sind Asthma, Migräne oder Durchfall. Manch einer kennt das Phänomen vor Prüfungen. In einem extremen Sympathikus- oder Stresszustand bekommt man plötzlich Durchfall – ein an sich parasympathisches Geschehen. Man kann in diesen Fällen Krankheit als einen Ausbruchsversuch des Organismus aus der Starre interpretieren. Es ist ein Versuch des Körpers, die chronisch eingeschränkte Pulsation doch noch rudimentär aufrecht zu erhalten, wenn auch nicht gerade auf optimale Weise. Entspannungsimpulse stauen sich an, die überschüssige Energie entlädt sich im Krankheitssymptom, zum Beispiel dem Migräne- oder Asthmaanfall. Ein anderes Beispiel für eine unteroptimale Entladung nach energetischem Stillstand in der Natur ist ein Gewitter nach drückender Schwüle.
In ihrem Beitrag geht Buhl auf einzelne somatische Krankheitsbilder genauer ein. Dabei erklärt sie mögliche Ursachen, Pulsationsverhältnisse, psychische Komponenten und die passende Therapie. Sie geht auf die verschiedenen Therapiephasen ein, die darauf abzielen, das menschliche Plasmasystem zu beeinflussen und beschreibt zum Schluss den Ablauf einer Behandlungsstunde.

Instroke und frühe Säuglingsentwicklung

In diesem Beitrag führt uns Thomas Harms, Psychologe und Körpertherapeut in der Arbeit mit Neugeborenen und Kleinkindern und in die Theorie und Praxis der bioenergetischen Säuglingsforschung ein. Er stellt folgende Fragen: Wie entstehen emotionelle und körperliche Panzerung am Beginn des menschlichen Lebens? Wie kann man verhindern, dass das Lebendige eines Neugeborenen in seiner Entfaltung behindert bzw. blockiert wird? Wie äußern sich frühe Formen der emotionellen Panzerung bei Säuglingen und Kleinkindern? Und wie kann man die von Reich entwickelten Methoden der Körperpsychotherapie nutzen, um Babies zu helfen, den vollzogenen emotionellen und körperlichen Rückzug von der Welt wieder umzukehren?
Zu Beginn widmet er sich der Säuglingsforschung von Reich. Er skizziert, welche Einflüsse Reich bewogen haben, in die Erforschung des neugeborenen Kindes einzudringen. Des Weiteren beschäftigt er sich mit den konkreten Inhalten des interdisziplinären Forschungsprojekts „Kinder der Zukunft“ das Reich in Zusammenarbeit mit 40 Mitarbeitern in New York gegründet hat.
Im zweiten Schritt beschäftigt sich Harms mit den bioenergetischen Voraussetzungen für gesunde emotionelle und körperliche Lebendigkeit von Säuglingen. Dabei gilt sein besonderes Interesse der Bedeutung des von Will Davis entwickelten Konzepts des „Instrokes“ für die frühe Säuglingsentwicklung. Die Hauptthese dieses Abschnitts lautet, dass die Dominanz des nach innen gerichteten Energiestromes Grundlage aller psychischen und somatischen Aufnahmeprozesse der Säuglingszeit ist. Für das Verständnis der frühen Panzerungen bei Babies folgert er, dass alle Pulsationsstörungen in der frühen Säuglingsentwicklung im Kern eine Blockierung der aufnehmenden Prozesse des Organismus – und damit des Instrokes – beinhalten.
In Schritt drei setzt er sich mit den bioenergetischen Grundlagen der Mutter-Kind-Beziehung auseinander. Er zeigt auf, dass die bioenergetische Verbindung des Säuglings zu seinen wichtigsten Bindungspersonen die Basis für seine biosoziale Absicherung in der Welt ist. Erst auf der Grundlage dieses Feldkontakts kann sich das Baby dem nach innen gerichteten Strom der Lebensenergie überlassen. Die zentrale Aussage lautet hier, dass die Entwicklung der Säuglingspanzerung und die Unterbrechung der bioenergetischen Verbindung von Mutter und Kind zwei Seiten eines einheitlichen Geschehens sind.
Im letzten Schritt erörtert Harms, wie er in seiner bioenergetischen Arbeit mit Säuglingen vorgeht. Dabei werden unterschiedliche Modelle diskutiert, wie Babies, die ein Schwangerschafts-, Geburts- oder nachgeburtliches Trauma erlebt haben, geholfen werden kann, die Folgen dieser schockierenden Erfahrungen wieder zu lösen, um letztlich die blockierte Lebensenergie wieder zum Fließen zu bringen.

Round-the-Clock-Holding

Der letzte Beitrag, der hier besprochen wird, beschreibt ein grundlegendes Bedürfnis des menschlichen Säuglings nach „Round-the-Clock-Holding“, nach ständigem Körperkontakt. Die Verfasserin ist die Ärztin und Orgontherapeutin Susanne Wittmann. Sie stellt einen weltweiten Kulturvergleich im Umgang mit Kleinkindern und Säuglingen unter dem Gesichtspunkt der Lebensenergieforschung an.
Wilhelm Reich wies darauf hin, dass es bei dem Ausmaß der Verbreitung von Neurosen in unserer Gesellschaft und dem erheblichen Aufwand, einzelne Personen zu therapieren, sehr wichtig sei, herauszufinden, wie die Entstehung von Neurosen verhindert werden kann. Entsprechend seinem Erklärungsmodell der Neurose als eine der möglichen Folgen einer gestörten Pulsation war es für Reich nahe liegend, die noch ungestörte Pulsation bei Neugeborenen zu beobachten und eventuell auftretende Blockierungen so früh wie möglich zu bemerken und zu beseitigen, um damit den ungehinderten Energiefluss und den allen lebenden Systemen zugrunde liegenden rhythmischen Wechsel zwischen Expansion und Kontraktion, welcher im Organismus über das vegetative Nervensystem koordiniert wird, wieder herzustellen.
Eine Störung des plasmatischen Energieflusses lässt sich beim Säugling wesentlich deutlicher beobachten als bei Erwachsenen. Ein entspannter Säugling zeichnet sich durch gesunde Hautfarbe, warme, gut durchblutete Hände und Füße, weiche Muskulatur, geschmeidige Bewegungen und glänzende, bewegliche Augen aus. Er atmet ruhig und tief und ist an den Vorgängen der Umgebung interessiert. Ein Säugling, dessen Energiefluss in der Expansion verharrt, ist unruhig, zeigt weit aufgerissene Augen und ruckartige Bewegungen der Extremitäten. In der chronischen Kontraktion sind die Augen glanzlos und starr, die Hautfarbe ist blass oder bläulich marmoriert, die Hände und Füße sind kalt, das Kind wirkt in sich zurückgezogen.
Eine besondere Bedeutung kommt dem kontinuierlichen Körperkontakt zwischen Bezugsperson und Kind zu. Die Aufrechterhaltung des Körperkontakts zwischen Bezugsperson und Kind bedeutet im orgonotischen Sinne das Belassen des Kindes im Energiefeld der Bezugsperson. Dies ermöglicht unter weitgehend günstigen Voraussetzungen ein Verschmelzen der beiden Energiefelder und damit eine vegetative Identifikation der Bezugsperson mit dem Kind, also ein „intuitives“ Erfassen der Bedürfnisse des Säuglings. Außerdem ist durch den Körperkontakt die Regulierung des kindlichen Energieniveaus durch das Energiefeld der Bezugsperson, z.B. durch Erdung überschüssiger Energien, möglich.
Im Kontakt kann sich eine Synchronisation des Wachheitsgrades von Bezugsperson und Kind einstellen, was sich z.B. durch nächtliches Aufwachen der Mutter gleichzeitig, oder kurz vor dem Baby und gemeinsames Weiterschlafen nach dem Stillen äußert. Der unmittelbare Kontakt zwischen Mutter und Säugling ermöglicht den ungestörten Ablauf vieler physiologischer Prozesse, die dem Prinzip der Selbstregulation unterliegen. Die Selbstregulation in der Neugeborenenphase und deren mögliche Störung sei anhand des Stillens veranschaulicht: Viele Neugeborenen saugen, wenn dies zugelassen wird, über einen sehr großen Zeitraum des Tages an der Brust der Mutter. Das Kind stillt auf diese Weise seinen Hunger, sein orales Bedürfnis und sein Bedürfnis nach Körperkontakt. Auch die Mutter kann dies als lustvoll empfinden und ist darüber hinaus froh, dass ihr Säugling zufrieden ist. Was das Verhalten von Säuglingen und deren Betreuungspersonen betrifft, zeigt sich, dass in unserer Kultur „normale“ Verhaltensmuster im Vergleich mit anderen Kulturen oder im historischen Kontext betrachtet eher ungewöhnlich erscheinen. So ist es zum Beispiel für die meisten Menschen in unserer Kultur völlig selbstverständlich, dass ein Säugling alleine in einem eigenen Bett schläft. Weint das Kind nachts, werden die verschiedensten Maßnahmen zur Beruhigung ergriffen, wobei diese Situation, wenn ein bestimmtes Maß nicht überschritten wird, als normal betrachtet wird.
Da menschliches Verhalten sehr anpassungsfähig ist, können Menschen unter unterschiedlichsten Umweltbedingungen leben und unterschiedlichste Kulturen entwickeln: Es sind promiske und monogame Sozialstrukturen möglich, es gibt aggressive und friedliche Kulturen, sesshafte Völker und Nomadenvölker.
Andererseits gibt es Verhaltensweisen wie Lachen und Weinen, welche universell, also bei Menschen aller Kulturen gleich sind. Bei diesen Verhaltensweisen geht man in der Verhaltensforschung von einer stammesgeschichtlichen Disposition aus.
Während die spätere Erziehung von Kindern je nach Kultur sehr stark variiert, zeichnet sich die Behandlung von Säuglingen durch ein hohes Maß an Wunscherfüllung und körperlicher Zuwendung aus, so dass von evolutionär vorgegebenen Bedürfnissen des Säuglings ausgegangen werden kann.
Das Round-the-Clock-Holding umfasst das Tragen des Säuglings am Tag sowie das gemeinsame Schlafen mit dem Säugling bei Nacht, vorrangig mit dem Ziel, dem Säugling durch Nähe Schutz und Geborgenheit zu vermitteln und ihm einen langsamen Übergang in das eigenständige Leben zu ermöglichen.
Der Körper der Bezugsperson wird von vielen Forschern als das Umfeld für den Säugling betrachtet, das seinen Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme und zum Ausdruck seiner Bedürfnisse in optimaler Weise entspricht. Im Folgenden soll erklärt werden, warum der menschliche Säugling als „Tragling“ bezeichnet werden kann. Es wird anschließend beschrieben, wie der Traglingsnatur in unterschiedlichen Kulturen Rechnung getragen wird. Die Kulturen, auf die ausführlicher eingegangen wird, zeichnen sich dadurch aus, dass ausführliche Beobachtungen bezüglich der Art, wie die Säuglinge dort aufwachsen, vorliegen, und dass sich diese Kulturen untereinander bezüglich sonstiger Aspekte wie der Lebensweise und der Lebensbedingungen sehr stark unterscheiden.
Weiters zeigt Wittmann historische Aspekte auf, wie sich in den verschiedenen Kulturen der Kontakt mit Säuglingen entwickelt hat. So sollen in der Antike die Säuglinge erstmals abgelegt worden sein. Durch das straffe Wickeln in Tücher wurde ein Halt vermittelt, der dem beim Tragen entstehenden Halt ähnlich war. Durch das Ablegen der Säuglinge wurden erstmals Maßnahmen zur Beruhigung notwendig. Das Wickeln der Säuglinge – wie auf Abbildungen antiker Gegenständen zu sehen – ist als Körperkontaktersatz eingesetzt worden. In der Literatur der Antike treten Ratschläge zur Beruhigung von Säuglingen auf, sowie Ermahnungen, Säuglinge nicht mit ins Bett zu nehmen. So gab im 2. Jahrhundert der griechische Arzt Galenus Galen Eltern den Rat, die Kinder nicht mit ins Bett zu nehmen und empfahl statt dessen Vorsingen und Schaukeln zur Beruhigung. Das Schaukeln wurde auch von anderen Ärzten, ebenso wie von Platon empfohlen. Ebenfalls ist in diesen Hochkulturen der Beginn des Ammenwesens anzusiedeln, was ein weiterer Hinweis auf eine zunehmende Distanz zwischen Mutter und Kind sein könnte.
Susanne Wittmann beschreibt, wie sich im Laufe der Geschichte unserer Kultur ein zunehmender Distanzierungsprozess zwischen Mutter und Säugling beobachten lässt, welche im Zeitalter der Aufklärung teilweise verringert wurde. Eine weitere Gegenbewegung zeichnet sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ab, in der das Tragen der Säuglinge eine Renaissance erlebte.
Sie schreibt weiters über die psychologischen Aspekte der Mutter-Kind-Bindung, der Persönlichkeitsentwicklung, der neurologischen und motorischen Entwicklung sowie der Auswirkung des Round-the-Clock-Holding in Bezug auf die Gesundheitsförderung.

____________________________

P.S.: Der Beitrag von Will Davis über „Instroke und Neuordnung“ wird von mir in einer der nächsten Bukumatula-Ausgaben besprochen; die beiden Artikel über die Qi Dao Medizin wird Alena Skrobal rezensieren.

Wissenschaft vom Lebendigen / Heiko Lassek (Hrsg.), 367 Seiten; Ulrich Leutner Verlag, Berlin 1999; (ISBN3-934391-00-1).