Bukumatula 5/1992

Die Todkranke Katze im Perpetuum Mobile

Nadine Hauer:


Ein Holzkasten mit Fensteröffnung, rund 1,40 Meter hoch, einem halben Meter breit und etwa 70 cm tief. Darin eine Sitzgelegenheit. Innenausstattung: Holzfaserplatten, verzinktes Eisenblech, Schichten aus Mineral- und Stahlwolle.

Wegen dieser „Holzhütte“, die als Orgonakkumulator bereits in die Geschichte der Medizin eingegangen ist, wurde seinem Erfinder Wilhelm Reich in den USA 1954 der Prozeß gemacht. Er endete mit der gerichtlich verordneten Zerstörung aller Orgonakkumulatoren und der Verbrennung aller einschlägiger Bücher auf dem Anwesen Reichs in Maine und einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren für den Orgonmediziner.

Der von der amerikanischen „Food and Drug Administration“ als gefährlich eingestufte und massiv verfolgte Orgonakkumulator gilt etablierten Analytikern, Therapeuten und Ärzten – auch Reich-Anhängern unter ihnen – als „Unsinn“, Hirngespinst“ und „Placebo wie viele Medikamente“. Er wird aber von Praktikern in der Alternativmedizin mit ähnlichen Erfolgen eingesetzt wie die Akupunktur und die Homöopathie.

So wie Reich politisch versuchte eine Brücke zwischen Psychoanalyse und Marxismus zu schlagen, so versuchte er in der Medizin, Seele und Körper miteinander zu verbinden.- Als Zweig der sogenannten „Bionversuche“ begann Reich mit der Krebsforschung, die in der Erkenntnis gipfelt, auch Krebs habe mit Psychosomatik zu tun.

Die Gegnerschaft ist stark geblieben. Sie reicht, wie gesagt, von „Schwachsinn“, „Einbildung“ bis zu „gefährlich“. Kein Wunder daher, daß es keine Laboratorien gibt, die großangelegte und längerfristige Versuche und damit brauchbare (Nicht) Ergebnisse ermöglichen könnten. Die nachweisbaren Erfolge entstehen durch die Praxis einiger weniger, die lieber im Verborgenen werken.

So auch ein bereits pensionierter Arzt in Oberösterreich, der nicht genannt werden will. Nennen wir ihn Dr. A. Wie ist Dr. A. auf Wilhelm Reich und den Orgonakkumulator gestoßen?

Er hat Medizin studiert und ist 1950 Arzt geworden. Schon 1953 hat ihn die Homöopathie interessiert, er bezeichnet sich selbst als „alter Grüner in der Alternativmedizin“. Sein ältester Sohn, der ebenfalls Arzt geworden ist, hat ihm vor einigen Jahren Schriften von Wilhelm Reich über den Orgonakkumulator gebracht. Dr. A. hat sich sofort dafür interessiert und sich nach Plänen von Reich in Tirol einen Orgonakkumulator bauen lassen. Dieser Tiroler hat ihm erzählt, daß er seine todkranke, vom Tierarzt bereits aufgegebene Katze, mit dem Akkumulator behandelt hat; nach drei Tagen war die Katze gesund und ist gesund geblieben.

Die Katze ist bereits ein Hinweis auf eine Voraussetzung für die Anwendbarkeit des Akkumulators: vegetative Sensibilität, die ja auch als Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung mit Akupunktur und Homöopathie gilt. Daher gibt es selbstverständlich auch viele, die auf den Orgonakkumulator nicht reagieren.

Die Erfahrungen von Dr. A. zeigen, daß der Orgonakkumulator vor allem bei psychosomatischen Erkrankungen wirken kann. Eine genaue Untersuchung und ein ausführliches Gespräch gibt dem Arzt die Möglichkeit festzustellen, ob ein Patient mit einer bestimmten Erkrankung ein „Akkumulatorfall“ ist oder nicht. Die Aktivierung des Sympathicus durch den Akkumulator bedeutet auch eine Aktivierung des Immunsystems. Diese positive Wirkung kann sich ins Gegenteil umkehren, wenn eine anlagemäßige Immunschwäche vorliegt, weil diese durch den Akkumulator ebenfalls verstärkt wird. Wird das übersehen, so kann eine Behandlung mit dem Akkumulator tatsächlich gefährliche Auswirkungen haben.

Eine erfolgreiche Verwendung des Akkumulators bei Brandwunden und anderen Verletzungen bestätigt auch Eva Reich, die Tochter Wilhelm Reichs, die in den USA lebt. Ihre Tochter setzt ihn in ihrem Beruf als Krankenschwester häufig ein. Ohne Medikamente werden damit Infektionen verhindert, auch der Heilungsprozeß verläuft schneller.

Dr. A. hat außerdem erfolgreich versucht, den Akkumulator nicht nur bei akuten Erkrankungen anzuwenden. Seit Jahren behandelt er ein gehirngeschädigtes Kind, bei dem als Folge der Gehirnschädigung immer wieder totale Schwächezustände auftreten. Mit dem Orgonakkumulator gelingt es ihm immer wieder, das Kind „aufzubauen“ und die Schmerzzustände zu erleichtern und abzukürzen. Ohne Nebenwirkungen und so oft wie erforderlich. Dr. A. bezeichnet den Akkumulator für sich selbst als „Liebhaberei“; fast niemand weiß, daß er damit arbeitet. Mit den sonstigen Ideen Reichs – politisch, therapeutisch – ist er nicht einverstanden, aber „an der Orgonenergie ist vielleicht doch etwas dran“.

Aber, so Dr. A., auch viele junge Ärzte, die sich während ihres Studiums „alternativ“ orientiert haben, beginnen sehr rasch, sich zu spezialisieren und die „Ganzheit“ zu vernachlässigen. Und so wird der Orgonakkumulator wohl noch lange Zeit eine Liebhaberei einiger weniger bleiben.

Erstveröffentlichung: „Mobil“ 1986; gekürzt