Bukumatula 5/1992

Interview mit Günther Hebenstreit

Vor allem schätze ich die Interpretation Reich´s
:

… interessiert hat mich von Beginn an die unterschiedliche Herangehensweise an Untersuchungen von seiten der Naturwissenschaft und der von Wilhelm Reich. Es gibt da Differenzen, die kaum zu überwinden sind. Das ist für mich jetzt sehr viel klarer geworden, wo ich meine Arbeit durchgeführt und einiges an Theorie geschrieben habe.- Reich hat ganzheitlich geforscht. Die Naturwissenschaften sind so im Detail, daß ich das Gefühl gehabt habe, daß ich, wenn ich nicht aufpasse, mich darin verstricke und das ganze so kompliziert wird, daß ich den Gesamtzusammenhang aus den Augen verliere. Was das Werk Reichs kennzeichnet ist seine Beschreibung von sehr einfachen Phänomenen, wo ich mir denke, ist eh klar, das leuchtet ein.

‚Seine Theoriebildung darf man dadurch aber keinesfalls unterschätzen. Er ist Schritt für Schritt vorgegangen und er ist sehr weit gegangen. Diesem Weg aber zu folgen ist für mich schon eine große Schwierigkeit. In der Naturwissenschaft, in den Einzeldisziplinen, gibt es dieses Problem nicht so. Da ist alles schon in einem festen, eingefügten Rahmen. Es gibt viel Sicherheit, es gibt eine Menge an definierten Methoden und die dazugehörigen Meßinstrumente. Das gibt es bei Reich in einem sehr viel geringerem Maße. Was das ganze erschwert ist, daß, wenn ich zum Beispiel Muskelspannungen messe, so wie es in der Psychophysiologie gehandhabt wird und das auf die Reichschen Untersuchungen anwende,

es zu Unklarheiten kommt, weil Reich mit Muskelspannung teilweise etwas ganz anderes assoziiert hat (Muskelspannung im Zusammenhang mit Emotionen) als das, wofür es in der herkömmlichen Naturwissenschaft entwickelt wurde. Die gesamtheitliche Herangehensweise und der energetische Blickpunkt beinhalten jedenfalls sehr große Unterschiede zur naturwissenschaftlichen Einzelwissenschaft.“

B.: Wie bist Du dazu gekommen den Orgonakkumulator zum Thema für Deine Diplomarbeit auszuwählen?

G.: Das geht relativ weit zurück. In meiner Oberstufenzeit im Gymnasium war ich daran interessiert, was es in der Humanistischen Psychologie so an Lebens- und Erziehungsstilen gibt. Ich habe damals viel von A.S. Neill gelesen. Und dort ist unter anderem auch Reich vorgekommen; Wilhelm Reich, Sexualität, die Orgontheorie etc. Dann ist mir ein Buch über Reich von David Boadellal) in die Hände gefallen. Das habe ich gleich durchgeschmökert und mir gedacht, hm, das klingt gut. Nach der Matura habe ich begonnen Psychologie zu studieren. Mit Reich setzte ich mich ab dem zweiten Semester intensiver auseinander. Es hat mich damals schon gereizt eine Diplomarbeit aus diesem Themenkreis auszuwählen. Einige Zeit später bekam ich die Arbeit von Stefan Müschen ich und Rainer Gebauer2) zum Lesen. Ich wußte, daß ich auch etwas in dieser Richtung machen möchte und daß das auch in Wien möglich sein sollte.

B.: Wie haben Deine Professoren darauf reagiert, daß Du den Reichschen Orgonakkumulator zum Thema Deiner Diplomarbeit ausgesucht hast?

G.: Das ist unterschiedlich aufgenommen worden. Ich habe auch zweimal meine Betreuer gewechselt. Mein erster Betreuer, Dozent Bauer, hat sich damit nicht ausgekannt. Ich habe ihm das Buch von Stefan und Rainer gegeben und er hat gemeint „ja, warum nicht“. Aber nach einiger Zeit, als ich ihn wieder fragte, ob er sich tatsächlich dazu entschieden hätte, schien er verunsichert. Es hat sich zwei, drei Monate hingezogen bis ich ihn wieder fragte, ob er mich grundsätzlich betreuen würde, worauf er sagte: „Nein!“. Ich war darüber anfangs ziemlich enttäuscht. Ich bin dann zu Professor Guttmann gegangen und habe ihm mein Konzept vorgelegt. Er hat gemeint, das Vorhaben klingt interessant, daß es aber nur bei einem seiner Assistenten möglich wäre. Mit ihm ging es aber auch nicht, wir ‚konnten nicht miteinander‘. Er hatte zwar einiges an Wissen über Reich, aber er hat sehr viel von sich selber, wie das viele andere ja auch tun, hineininterpretiert. So eigene Ansichten vermischt mit dem was Reich geschrieben hat über die Einstein-Affäre und die UFO’s. Er hat mir das so hingeschmissen, ohne zu wissen, worum es mir ging. Und dann habe ich nochmals meinen Betreuer gewechselt.- Ich muß dazu sagen, daß ich erst im Laufe der Zeit, nachdem ich diese unerfreulichen Erfahrungen gemacht habe, mir die Frage stellte: Was will ich eigentlich, was ist das Ziel meiner Arbeit? Ich habe leider einiges von mir selber an Unklarheit in die Situation eingebracht. Sobald ich mir darüber jedoch im klaren war, gab es kein Problem mehr mit meinem Professor auszukommen. Professor Vanecek war neutral bis positiv meinem Vorhaben gegenüber eingestellt und hat meine Arbeit angenommen.

B.: Was war das Ziel Deiner Untersuchung?

G.: Es war nicht mein Ziel Reich bestätigen oder widerlegen zu müssen, sondern einfach meine Lust am Experimentieren. Meine Arbeit habe ich doch sehr an die Schulpsychologie anlehnen müssen, da sie im Rahmen einer Diplomarbeit ablief. Wie schon erwähnt, bin ich dabei auf die Schwierigkeiten zur Überbrückung der ganzheitlichen Herangehensweise Reichs im Gegensatz zu den naturwissenschaftlichen Einzelwissenschaften, gestoßen. Ich stellte mir die Frage, ob dabei ein Konsens zu finden ist, bzw. wenn nicht, worin diese Unterschiede liegen. Das war für mich eine sehr interessante Herausforderung; geschrieben wurde ja darüber viel, aber es auch selbst zu erfahren ist etwas anderes.- Vor allem aber schätze ich die Interpretationen Reichs sehr. Auch in der Physiologie und in der Psychologie gibt es vieles, was bei Reich vorkommt, z.B. Elemente der Orgasmustheorie, der Lust und Angst Antagonismus etc., aber die zusammenfassende Sichtweise und Interpretation ist eine ganz andere und geht über die Einzelwissenschaft weit hinaus.

B.: Nach dem orgonomischen Funktionalismus sind eigentlich die Forschungen Reichs und die der Naturwissenschaft ident.

G.: So wie Reich geforscht hat stimmt das. Diese Herangehensweise ist der akademischen Naturwissenschaft, die sich intensiv mit Details und der Erscheinung ihres Untersuchungsobjekts beschäftigt, aber nicht bekannt. Vielleicht gibt es ansatzweise Ähnlichkeiten bei den Systemtheorien, aber da weiß ich zu wenig darüber. Dieses Schema von Gegensätzlichkeit bei gleichzeitiger funktioneller Identität hat Reich nur entwickeln können, weil er eine gesamtheitliche Sichtweise immer beibehalten hat.

G.: Ich habe versucht herauszufinden, ob es bei einmaligen Sitzungen im Akkumulator meßbare Effekte gibt, sei es in der subjektiven Wahrnehmung, der Befindlichkeit oder sei es bei physiologischen Parametern, wie der Fingertemperatur, dem Hautwiderstand, der Pulsfrequenz, etc. Stefan und Rainer haben zehn Personen zehnmal an aufeinanderfolgenden Tagen in den Akkumulator hineinsitzen lassen. Ich habe versucht möglichst viele Personen einmal den Akkumulator benutzen zu lassen und zu schauen, wenn es unterschiedliche Reaktionsmuster gibt – die einen fühlen sich darin wohl, die anderen unwohl – worin die Differenzen bestehen. Ich versuchte eventuelle Unterschiede über Persönlichkeitsfaktoren wie Kontrollverhalten und Ängstlichkeit, bzw. über die vegetative Grundorientierung – Sympathicotoniker oder Vagotoniker – festzustellen.

B.: Wie war die Versuchsanordnung?

G.: Im Vorversuch waren es 3 und im Hauptversuch 61 Personen, die ich den Akkumulator benutzen ließ. Ich wollte wie gesagt wissen, ob auch bei einer einmaligen Sitzung Wirkungen feststellbar sind. Eine Einschränkung dabei ist, daß es durch eine einmalige Anwendung keinen entsprechenden Aufladungseffekt gibt und ich z.B. die ganzen Blutparameter, die sich erst im Laufe der Zeit umstellen würden, dadurch nicht messen konnte. Gemessen wurden die Kerntemperatur, die Fingertemperatur, die Fußtemperatur und die Muskelspannung auf der Stirn, der Puls und der Hautwiderstand. Zum Teil habe ich dazu selber die Geräte aufgetrieben und gemeinsam mit Bernhard Harrer auf sinnvolle Weise zusammengesetzt. Die Meßwerte wurden automatisch über Computeranalyse aufgezeichnet.

B.: Kannst Du den Versuchsablauf genauer beschreiben?

G.: Es gab eine Attrappe und einen neunschichtigen Orgon-Akkumulator. Es war ein „Doppelblindversuch“, d.h. weder der Versuchsleiter, noch die Versuchspersonen wußten, ob jetzt der Akkumulator oder die Attrappe benutzt wird. Die Attrappe dürfte mir gelungen sein. Von den 61 Leuten haben lediglich vier bemerkt, daß sie in zwei verschiedenen Kästen gesessen sind.

Der Kasten stand hinter einem Vorhang, um nicht von vornherein Aufmerksamkeit zu erregen. Am Anfang gab es eine Instruktion, was auf sie zukommt. Offiziell ist das ganze unter dem Thema gelaufen – quasi eine

Fehlinformation für die Versuchspersonen – „Die Wirkung von elektromagnetischen Feldern auf den menschlichen Organismus“, als ein Versuch „den Organismus von elektromagnetischen Feldern zu isolieren“. Das hat für die meisten sehr plausibel geklungen, kaum jemand hat nachgefragt. Die meisten waren Studenten, aber auch einige Berufstätige waren dabei. Vor der Sitzung gab es eine etwa zehnminütige Ruhezeit. Dann haben meine Helfer die Versuchsperson in den Kasten gesetzt; ich selbst wußte nicht in welchen, ca. dreißig Minuten lang. Vor und nach dem ersten Versuch, bzw. vor und nach dem zweiten Versuch mußten Fragebögen über die subjektive Befindlichkeit ausgefüllt werden. Dazu verwendete ich Standardtests aus der Psychologie. Nach der ersten Sitzung hat die Versuchsperson einen Test ausgefüllt über mögliche subjektive Veränderungen während der Sitzung; Wahrnehmungen, Empfindungen wie Darmgeräusche, Wärme im Körper, Wärme von den Wänden, Langeweile, Müdigkeit, etc. In der Pause wurden – für die Versuchspersonen unbemerkbar – von meinen Helfern die Kästen ausgetauscht, so daß sie immer am selben Standplatz waren. Als Persönlichkeitstest habe ich den Giessen-Test verwendet, der eher auf psychoanalytischen Kriterien aufbaut und einen Angstfragebogen weil ja das Lust-Angst-Prinzip im Reichschen Modell sehr wichtig ist. Ich habe mir gedacht, daß es bei ängstlichen Leuten im Orgonakkumulator zu anderen Reaktionen kommen könnte als im Kontrollkasten. Und dann verwendete ich noch einen Test zur Ursachenzuschreibung. Insgesamt hat das ganze ca. drei Stunden gedauert.- Ich habe eben probiert, muß ich ehrlich sagen.

B.: Welche „vorläufigen Endergebnisse“ liegen bis jetzt vor?

G.: Beim statistischen Vorgehen, wie es eine solche Arbeit erfordert, habe ich bei den physiologischen Meßgrößen wie bei der Fingertemperatur und beim Hautwiderstand signifikante Veränderungen zwischen Akkumulator und Attrappe festgestellt. Der Hautwiderstand ist während der Sitzung im Akkumulator niedriger, das heißt die Personen sind aktivierter, wacher, präsenter. Die Fingertemperatur ist im Akkumulator deutlich erhöht. Und das mit einer 5% Irrtumswahrscheinlichkeit bei der Einzeltestung. Bei der multivarianten Testung – da werden alle meßbaren Parameter zusammengefaßt, ist der Unterschied zwischen Akkumulator und Attrappe bei 5% signifikant. Das heißt, ein Unterschied ist ersichtlich, jedoch nicht allzu überragend. Bei der Pulsfrequenz und der Kerntemperatur fanden sich keine Unterschiede, nur bei der Muskelspannung auf der Stirn gab es leichte Tendenzen zu Veränderungen, ebenso bei der Fußtemperatur.

B.: Das sind die Ergebnisse der physiologischen Messungen.

G.: Ja, dann gibt es noch Unterschiede bei den subjektiven Veränderungsfragebögen, die ich jeweils nach den Sitzungen vorgelegt habe; und zwar bei der Wärme aus dem Körperinneren, bei der Wärme von den Wänden mit einer 5%igen Irrtumswahrscheinlichkeit und bei Darmgeräuschen. Bei einem Befindlichkeitsfragebogen. wo man Polaritätskonflikte einstuft, etwa müde-wach, unruhig-gelassen, ängstlich-nicht ängstlich, etc.. etwa 16 Fragen, da gibt es keine signifikanten Unterschiede. Das ist individuell äußerst unterschiedlich.

B.: Wann wirst Du mit der Ausarbeitung fertig sein?

G.: Voraussichtlich Ende des Jahres. Die ganze Sache war sehr umfangreich und aufwendig. Bei weiteren Versuchen zur Orgonenergie – dazu ist auch eine

Arbeitsgruppe im Enstehen ist – würde ich mit möglichst einfachen Mitteln arbeiten, nicht mehr mit dem Akkumulator, das ist zu unpraktisch, eher mit Orgondecke oder -kissen. Ich würde das subjetive Erleben viel genauer berücksichtigen und schauen, ob es auch über einen zeitlichen Verlauf hin Effekte gibt.

B.: Wer hat das ganze Projekt finanziert?

G.: Anfänglich habe ich alles selber bezahlt. Ich habe aber viel an Unterstützung bekommen. Ich habe von der Universität ein Förderstipendium in Höhe von S 14.000.- erhalten. Weiters wurde mir ein Computer zur Verfügung gestellt, der für die Datenerfassung unerlässlich war, und zwar von Rudolfo Ferrari, einem guten Freund aus der Schweiz, dem ich zu großem Dank verpflichtet bin. Von einigen Firmen erhielt ich relativ teure Bauteile wie Elektroden, Meßplatinen etc. Bedanken möchte ich mich auch bei all den vielen Leuten, die mir Informationen gegeben haben und mir auch praktisch geholfen haben, zum Beispiel Albin Steck und Bernhard Harrer, allen Versuchspersonen und natürlich auch dem Reich Institut, das für mein Stipendium ein ermunterndes Schreiben formuliert hat.- Insgesamt habe ich etwa S 85.000.- dafür aufgewendet.

B.: An der Universität Innsbruck wurde vor kurzem von Albin Steck ein Experiment zur Orgontheorie Reichs durchgeführt.

G.: Ja, Albin Steck, der aus Südtirol stammt und in Innsbruck Psychologie studiert, hat im Rahmen des Versuchsplanungspraktikums, wo man im ersten Studienabschnitt kleinere Experimente zu selbstgewählten Themen machen kann, eine Untersuchung zum Medical-DOR-Buster mit einer ganz einfachen Vorrichtung durchgeführt.- Man kann auch mit sehr einfachen Mitteln durchaus sinnvoll forschen. Er hatte auch einen guten Professor, der ihn betreut hat. Es gibt sicher eine Reihe von Professoren, bei denen auch bei uns derartige vor, daß Reich nicht mehr so stigmatisiert ist.

B.: Du hast erwähnt, daß eine Arbeitsgruppe gegründet wurde …

G.: Ja, die ist im Moment im Aufbau begriffen. Es geht um das gesamte Werk Wilhem Reichs. Nicht nur Texte lesen und Reich diskutieren, sondern auch praktische Versuche sind geplant.

B.: Es gibt schon viele Untersuchungen zu den Reichschen Forschungen – ich denke da in erster Linie an die Aktivitäten in Berlin. Was kann bei weiteren Forschungen denn herauskommen?

G.: Zum ersten ist es ein Ziel unserer Arbeitsgruppe zu schauen, daß wir die Thematik, so wie sie Reich behandelt, selber verstehen und zur Überprüfung der orgonomischen Forschungen Reichs ein vernünftiges Inventar an Untersuchungsmethoden weiterentwickeln. Zweitens zu schauen, ob es Ansätze gibt, wo man weiterarbeiten kann, um vom ewigen Reproduzieren wegzukommen. Wir sind eine Gruppe von Psychologiestudenten und machen das einfach, weil es uns Spaß macht mit der Literatur Reichs zu arbeiten. Leute, die an dieser Gruppe interessiert sind, sind sehr herzlich eingeladen, daran teilzunehmen.

B.: Es hat ja in der Vergangenheit hier schon viele Arbeitsgruppen gegeben, die über kurz oder lang, meistens über kurz, sich wieder aufgelöst haben.

G.: Ich weiß nicht, wie lange sie bestehen bleiben wird; ich vertraue dem Prinzip der Selbstregulation und finde, daß es zumindest einen Versuch wert ist. Probieren geht allemal über Studieren.

Stefan Müschenich und Rainer Gebauer, Der Reichsche Orgonakkumulator, 266 S.; Nexus Verlag, Frankfurt, 1987.
David Boadella, Wilhelm Reich, 366 S.; Scherz Verlag, Bern, 1981.

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