Bukumatula 2/1991

Rede von Frau Dr. Eva Reich

anlässlich der silbernen Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien am 7. März 1991
durch Frau Vizebürgermeisterin Smejkal im Wiener Rathaus
:


Danke für diese Ehrung.

Ich bin gewohnt an Auswanderung, als eine Fremde zu gelten, eine Minorität in Opposition zu sein.

Es fällt mir nicht leicht meinen Lebenslauf kurz darzustellen, denn er ist vielfältig und bunt.

Und es ist nicht leicht für mich geehrt zu werden.

Dies also ist für mich eine Versöhnung, die die Verletzungen und Verfolgungen heilen hilft, die ich und meine Familie und insbesondere mein Vater, Wilhelm Reich, erlitten haben.

Ich frage mich, was ich eigentlich in meinen 66 Jahren auf Erden geleistet habe. Es fällt mir schwer zu beurteilen, was wesentlich war, was andauern wird.

Mein Großvater, Alfred Pink, war Kaufmann in Wien; er war auch Gemeinderat. Er war ein gütiger Mann, der Waisenkinder zu Weihnachten auf eigene Kosten im Gasthaus jedes Jahr ein Fest bereitete. Als er schon alt war, sagte er zu mir: „Die Arbeit für eine bessere Welt ist noch lange nicht beendet“. Dies wurde zu einem Leitthema für mein Leben. Und mein Vater, Wilhelm Reich, war ständig ein Kämpfer für das Neue, sein ganzes Leben lang. Er war Psychoanalytiker in Wien – er hat übrigens auch in der Berggasse gewohnt – und war Schüler von Sigmund Freud. Er arbeitete heraus, wie die neurotische Erkrankung, die „Neurose“ im menschlichen Körper verankert ist und widmete sich der Entdeckung der Energie, die sich auch im Sexualtrieb ausdrückt. über Jahrzehnte hinweg eröffneten sich ihm immer mehr neue Aspekte der „Lebensenergie“, die er „Orgon-Energie“ nannte. Die Forschungen zur wissenschaftlichen Orgonomie führten ihn auch zur Entwicklung von Geräten, die diese Energie konzentrieren können. Ich möchte da den Orgon-Akkumulatur erwähnen – ich selbst habe ihn in meiner Tätigkeit als praktische Ärztin angewandt -, den „Medical Dorbuster“ und den „Cloudbuster“, mit dem mein Vater stagnierende Atmosphäre, den sogenannten Smog, in Bewegung bringen konnte. Bei vielen seiner Experimente war ich selbst anwesend. Er unterhielt sich gerne mit mir und erzählte mir oft von seinen neuesten Forschungen. Er meinte, daß „Zivilisation noch nicht stattgefunden habe“ und daß diese Lebenskraft immer wieder in Generationen von neuen Babies und Kleinkindern systematisch unterdrückt und zerstört wird im Namen des Staates, der Religion, der Schule, etc. Daher redete er vom „Battle for the Human Race“, was ich für mich – als Pazifistin -umwandelte in „Humanising Humanity from Birth on“, das Vermenschlichen der Menschheit von Geburt an. Er empfand diese Arbeit zur Verhütung von Neurosen von entscheidender Bedeutung. Diese Ideen finden sich in dem Buch „Der Christusmord“, was für mich das wichtigste aller seiner Werke wurde; darin definiert er auch seine Ideen für die „Kinder der Zukunft“.

Ich habe also daran gearbeitet. Zuerst in meiner Praxis als Landärztin, wo ich – mit Erlaubnis der Eltern – verliebte Jugendliche über Empfängnisverhütung informiert habe; und ich habe schon im Jahre 1952 Sanfte Hausgeburtengemacht_ Ich habe dabei gelernt, daß derart geborene Babies, die nicht von der Mutter getrennt werden, nicht brüllen, eine warm-rosa Hautfarbe haben und zufrieden sein können. In meinem Turnusjahr im Harlem Hospital, 1951/52, wurde für mich klar, daß schon winzige Frühgeborene fühlende Menschen sind.

Ich entwickelte eine eigene Art von Vegetotherapie, eine sanfte Massage für neugeborene Babies zu deren Wiederbelebung, da alle damals routinemäßig narkotisiert auf die Welt kamen. Daraus entstand meine „Babymassage“, die die Babies entspannt, die sogenannte Kolik verhindert, die Autisten wieder aus sich herauskommen läßt, die eine körperliche Verbindung zwischen Eltern und Kind entstehen läßt und das gestörte Eltern-Kind Verhältnis wieder herstellen hilft. Ich möchte das „Rebounding“ nennen.

Seit 1975 war ich in mehr als dreißig Ländern zu Vorträgen und Seminaren eingeladen. Ich hatte Gelegenheit von verschiedensten sanften bioenergetischen Arbeiten zu lernen und konnte erfahren wie wirkungsvoll diese Prinzipien auch bei Erwachsenen sind. Und ich sehe auch, daß in jedem Land den Neugeborenen unterschiedliches Leid angetan wird. Ich denke immer daran, was man ändern könnte, was auch gar nichts kosten würde.- Interventionen am Anfang können viel an späterem Leid verhindern helfen.

Nur ein paar Beispiele derartiger Möglichkeiten der Bewußtseinsveränderung möchte ich anführen, die zur Verhütung der Panzerung, zur Entstehung von Neurosen beitragen können: Babies und Mütter sind als Dyade zu sehen; sie dürfen nicht getrennt werden, auch nicht im Falle einer Erkrankung.- Das kostet nichts. Kinder dürfen nicht geschlagen und gedemütigt werden, sondern man hat ihnen das volle Menschenrecht in einer demokratischen Familie zu geben.

Wir sind erst am Beginn des Zeitalters, in dem wir Frauen, die ja mehr als die Hälfte der Menschheit ausmachen, auch in der Politik und in den Regierungen mitwirken können. Dann werden wir auch nicht mehr die Hälfte der Gelder für Waffen und zerstörerische Kriege ausgeben.

Ich danke meinen Freundinnen Johanna Sengschmid, Ingeborg Hildebrandt und Irene Hocher, daß sie mir bei diesem vielmonatigen Aufenthalt in Wien so geholfen und mich unterstützt haben.

Und ich freue mich auf eine weitere Zusammenarbeit. Für Herbst dieses Jahres bin ich eingeladen u.a. im „Zentrum für Geburt und Elternschaft“ mitzuarbeiten.

Die „delikaten“ Anfänge des Lebens sind von größter Bedeutung; sie sind die Fundamente unseres Wohlbefindes für Leib und Seele.- Ich möchte Sie bitten, diese Bemühungen zu unterstützen. Wir brauchen Frieden auf Erden -und der beginnt im Mutterleib!