Bukumatula 2/1990

Auch Freud wusste schon davon …

Psychologische vs. Energetische Betrachtung zum Phänomen der Übertragung
Will Davis:


EINLEITUNG

Sigmund Freud und die frühen Analytiker entdeckten bei ihrer Arbeit mit Patienten das Phänomen der „Übertragung“. Zunächst waren sie ebenso verblüfft wie verwirrt über das, „was unter diesen bemerkenswerten Umständen“ geschah. Es führte dazu, daß Zweifel an den grundlegenden Erkenntnissen der Psychonanalyse laut wurden. Schließlich fand sich jedoch eine Erklärung, die den Übertragungsvorgang zu einem Grundpfeiler der psychoanalytischen Technik machte. Fast alle dynamisch orientierten Psychotherapieformen haben dann auch diese Erkenntnisse in ihre Arbeit integriert.

„Übertragung“ wird in der Regel verstanden als die Übertragung von Gefühlen und Wünschen des Patienten auf die Person des Therapeuten, der somit zur Verkörperung einer Person aus der Vergangenheit des Patienten wird» Für die Psychoanalyse ist dieser Prozeß absolut wesentlich; es gäbe sonst keine Möglichkeit wirksam mit Patienten zu arbeiten. Für viele andere Richtungen der Psychotherapie wurde die Übertragung ähnlich bedeutsam, während sie in einigen Therapiemodellen mit „Projektion“ verbunden bzw. verwechselt wurde.

„Das Vokabular der Psychoanalyse“ erklärt, daß es aufgrund der verschiedenartigen Verwendung, äußerst schwierig ist eine eindeutige Definition von Übertragung zu geben. Es gibt keinen Konsens der einzelnen Therapieschulen, was dazu führte, daß bis heute nicht nur Unklarkeit darüber besteht, was Übertragung wirklich ist – bis hin zur Frage, ob sie überhaupt existiert -, sondern auch darüber, ob Übertragung zu einem bestimmten Zeitpunkt der Therapie stattfindet, und wenn ja, wie man damit umgeht.

In „The Clinical Journal of the International Institute of Bioenergetic Analysis“ setzt sich Virginia Wink-Hilton, in einem Artikel mit den Problemen auseinander, die in der Übertragungsarbeit auftauchen. Wie kompliziert diese Thematik ist, zeigt dabei nicht zuletzt die Tatsache, daß der Artikel zwar den Titel trägt: „Arbeit mit sexueller Übertragung“, daß sie jedoch im Text fast nur darüber schreibt, wie man mit Gegen-Übertragung umgeht.

In einem früheren Artikel hatte ich geschrieben, daß Übertragung ein „Werkzeug“ oder eine „Form“ ist, die der Klient unbewußt einsetzt, um tiefere, verdrängte Prozesse durcharbeiten zu können. Darüberhinaus schrieb ich: „Wäre der Therapeut in der Lage, dem Klienten andere Formen anzubieten, um sich durch dieses Material durchzuarbeiten, wäre der Einsatz von Übertragung als Technik kaum notwendig. (Will Davis, Energy and Character, April 1989

Mit diesem Artikel möchte ich das gebräuchliche psychologische Konzept der Übertragung zu seinen Ursprüngen zurückverfolgen und gleichzeitig aufzeigen, wie sehr dieses Phänomen und seine Dynamik durch ein rein psychologisches Verständnis in seinem Einsatz begrenzt blieb. Darüberhinaus möchte ich zeigen, was es bedeutet, Übertragung aus energetischer Sicht – der ursprünglichen Definition entsprechend – zu sehen und welche Erweiterung dies für die Vielzahl der Anwendungsformen und -techniken für tiefgreifende, persönliche Arbeit bedeuten kann.

DIE „ENTDECKUNG“ DER ÜBERTRAGUNG

Ursprünglich wurde die Übertragung von Freud als energetisches Phänomen beschrieben. In einer Reihe von Vorlesungen, die Freud in Wien zwischen 1915 und 1917 hielt, meint er dazu: „Wenn wir von Übertragung sprechen, so meinen wir die Übertragung von Gefühlen auf die Person des Arztes. Wir können nicht annehmen, daß die Situation in der Behandlung für die Entstehung solcher Gefühle verantwortlich sein kann.“ Sie „…hat eine andere Quelle…“ und der Klient benutzt nur die Gelegenheit, welche die Therapie bietet, diesem Phänomen entsprechend zu handeln. Freud zeigt auf, daß Übertragung nicht nur bei neurotischem Verhalten auftritt, sondern ein menschliches Charakteristikum ist, das sowohl für ein gesundes Funktionieren, als auch für Heilungsprozesse von Bedeutung ist. Übertragungstendenz beim sogenannten Neurotiker ist einzig und allein eine außergewöhnliche Verstärkung eines universellen Charakteristikums.“

Für Freud war die Übertragung eine Funktion der Libido. Indem er sie von der energetischen Seite her beschrieb, benutzte er, genau wie Reich, den Vergleich mit den Funktionen von Pseudopodien, einfachen Organismen, die sich in die Welt hinaus ausdehnen, um Kontakt herzustellen und sich dann wieder zurückziehen.

„Gewiß ist das Einziehen der Objektlibido ins Ich nicht direkt pathogen;
wir sehen ja, daß sie jedesmal vor dem Schlafengehen vorgenommen
wird, um mit dem Aufwachen wieder rückgängig zu werden. Das Proto-
plasmatierchen zieht seine Fortsätze ein, um sie beim nächsten Anlaß wieder auszuschicken.“ (Psychoanalyse, S 406)

und:

„Das Ausstrecken der Fortsätze vergleichen wir nun mit der
Aussendung von Libido auf die Objekte, während die Hauptmenge
der Libido im Ich verbleiben kann…“ (Psychoanalyse, S 402; Betonung
vom Autor)

Das „Herausgehen“ der Libido ist ein zentraler Faktor in Freuds Definition zum Übertragungsphänomen. In der Folge stellt er fest, daß die Fähigkeit der Libido zu einem anderen Objekt hin auszuströmen der grundlegende Prozeß jeder Übertragung ist. Ohne diese Fähigkeit zur Aussendung von Energie ist keine Objektbindung möglich. – Dies ist auch Freuds Erklärung für die Schwierigkeiten, welche die Analytiker in der Arbeit mit narzißtischen Patienten hatten. Sie strömten ihre Energie zu sich selbst aus, wurden zum Objekt ihrer eigenen Libido und waren dadurch unfähig eine Übertragungsbeziehung mit dem Therapeuten einzugehen. Ohne eine Übertragungsbeziehung kann die Psychoanalyse aber nicht funktionieren. In der ersten Phase der Therapie wird versucht, die Libido von den neurotischen Symptomen abzuziehen und sie auf die Beziehung zum Therapeuten zu konzentrieren. Sobald dies geschehen ist, kann mit den unterdrückten Libido-Impulsen gearbeitet werden, so daß sie nicht mehr – als Wiederholung der Vergangenheit – unbewußt ausagiert werden und sich in Symptomen und neurotischem Verhalten manifestieren müssen.

„Vielleicht werfen wir ein weiteres Licht auf die Dynamik des
Heilungsvorganges durch die Bemerkung, daß wir die ganze,
der Herrschaft des Ichs entzogene Libido auffangen, indem wir
durch die Übertragung ein Stück von ihr auf uns ziehen.“
(Psychoanalyse S 437)

Bis auf die Betonung, die Freud auf die energetische Funktion der Übertragung legte, wird hier die Übertragung so beschrieben, wie sie auch heute allgemein verstanden wird. Der Therapeut repräsentiert ein Objekt aus der Vergangenheit des Patienten und all dessen Gefühle, Wünsche und Gedanken werden auf ihn gerichtet. – Freud fährt jedoch fort, sehr bemerkenswerte Dinge über dieses Phänomen zu sagen. Meines Erachtens blieben sie jedoch weitgehendst unbeachtet.

„Es ist auch die Mahnung nicht unangebracht, daß wir aus den Verteilungen
der Libido, die sich während und durch die Behandlung aufbauen keinen
direkten Schluß auf die Unterbringung der Libido während des Krankseins
ziehen dürfen. Angenommen, es sei uns gelungen, den Fall durch die
Herstellung und Lösung einer starken Vaterübertragung auf den Arzt aufzulösen so ginge der Schluß fehl, daß der Kranke vorher an einer solchen unbewußten Bindung seiner Libido an den Vater gelitten hat. Die Vaterübertragung ist nur das Schlachtfeld, auf welchem wir uns der Libido bemächtigen; die Libido des Kranken ist von anderen Positionen her dorthin gelenkt worden. Das Schlachtfeld muß nicht notwendigerweise mit einer der wichtigen Festungen des Feindes zusammenfallen. Die Verteidigung der Hauptstadt braucht nicht gerade vor deren Toren zu geschehen. Erst nachdem man die Übertragung wieder gelöst hat, kann man die Libidoverteilung, welche während des Krankseins bestanden hatte, in Gedanken rekonstruieren.“
(Psychoanalyse S 438; Betonung vom Autor)

Dies ist eine weitreichende Aussage, die zahlreiche Folgerungen und Deutungen möglich macht. Zunächst widerspricht Freuds Feststellung dem gesamten allgemeinen Verständnis zur Übertragung. Er zeigt nämlich, daß es sich eben nicht um die Substitution einer Person aus der Geschichte des Patienten auf die Person des Therapeuten handelt. Er sagt eindeutig, daß „… der Schluß fehlginge, daß der Kranke zuvor an einer solchen unbewußten Bindung seiner Libido an den Vater gelitten hat“. Dies läßt nicht die Folgerung zu, daß der Patient seinen Vater durch den Therapeuten ersetzt, selbst dann nicht, wenn es eine starke und erfolgreiche Vaterübertragung in der Arbeit gegeben hat. Als die Analytiker das Energie-Modell als die Grundlage ihres Konzeptes menschlichen Funktionierens aufgaben -während die Psychologen gar nie ein solches hatten -, blieben sie mit einem ausschließlich interpersonalen psychologischen Modell zurück. Sie blieben dort stehen, was sie heute unter Übertragung verstehen: ein gesellschaftlich bestimmtes Verhalten, das die Notwendigkeit beinhaltet, diesem Verhalten eine Bedeutung zu geben, um dieses dann interpretieren zu können. Die Schwierigkeit dabei ist, wie auch Freud feststellt, daß man sich die Bedeutung des Verhaltens erst wirklich vorstellen kann, „nachdem die Übertragung wieder aufgelöst wurde.“ (Betonung vom Autor). Dieser Feststellung zufolge ist es weder möglich noch notwendig das Verhalten eines Klienten zu interpretieren, oder ihm eine Bedeutung zuzuweisen, bevor nicht ein Großteil der „Übertragung“ durchgearbeitet wurde.

DER „ÖDIPUSKOMPLEX“

Die Aussendung von Libido, Objektwahl und Bindung sind natürliche und gesunde menschliche Qualitäten: Das Objekt wird – als Folge einer spontanen energetischen Funktion – ausgewählt und begehrt; erst dann findet eine Manifestation auf der psychischen Ebene statt. Das wer ist dabei nicht wichtig. Daß es geschieht ist von Bedeutung und darauf sollte auch in der Arbeit das Augenmerk gelegt werden.

Es mag ein Zusammenhang mit dem Vater oder der Mutter hergestellt werden, aber dies doch nur, weil sie die passendsten und ständig gegenwärtigen Objekte sind. War der Vater häufig abwesend, dann könnte das Objekt ebensogut ein älterer Bruder sein. Aber auch das muß nicht heißen, daß der Bruder entweder Vater-Ersatz war, und es sich insofern – im Falle eines Mädchens – um Inzestwünsche, oder – bei einem Jungen – um Homosexualität handeln muß. Der Prozeß der Objektwahl und der Objektbindung ist wesentlich. War er erfolgreich? Gab es dabei Störungen? Erst im Anschluß daran werden die Fragen nach der Störung, nach den Beteiligten, nach der Fehlentwicklung etc. wichtig.

In ihrem bereits erwähnten Artikel: „Die Arbeit mit sexueller Übertragung“ beschreibt Virginia Wink-Hilton das Übertragungs-Phänomen aus einer psychologischen und interpretierenden Position. Obwohl ich mit dem größten Teil ihrer Aussagen übereinstimme, kann ich ihr nur so weit folgen, als es die psychologische Ebene betrifft. Ich kann ihr dort nicht zustimmen, wo sie die energetische Grundlage des Phänomens außer acht läßt. Ihre Beschreibung der „idealen“ Lösung der ödipalen Phase hingegen, ist nicht nur korrekt, sondern auch sehr bewegend. Hier sind sich beide Elternteile ihrer eigenen Sexualität sicher. Sie bejahen die aufkeimende Sexualität ihres Kindes und setzen ihm klare Grenzen für das was möglich und was nicht möglich ist. Aber, wie sie selbst anführt, geschieht dies in Wirklichkeit so selten, daß es jeder Realität entbehrt. In der Regel gehen beide Elternteile äußerst ungeschickt mit der ödipalen Situation um.

Allgemeine Verwirrung ist die Folge. Beim Kind begleitet von unterschwelliger Angst und Wut. Der Therapeut steht dann einem verletzten und wütenden Erwachsenen gegenüber, der auf der unbewußten Ebene funktioniert wie ein Fünf- bis Dreizehnjähriger.

Verliebt sich ein Patient in seinen Therapeuten, dann glaubt er oder
sie, man habe im Therapeuten endlich den idealen Partner gefunden,
und wenn dieser die Liebe erwiderte, wären alle Probleme auf
wunderbare Weise gelöst. Auf der tiefsten Ebene jedoch, will
sie den Schaden wieder gutmachen, der ihr einst zugefügt wurde;
und wenn sie gewinnt, verliert sie … erneut. Die ödipale Situation kann
nur verloren werden. (S 80; Betonung vom Autor)

Ich muß eingestehen, daß ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich wirklich verstanden habe, was Wink-Hilton mit diesem letzten Satz meint. Sonst würde ich ihr an dieser Stelle sehr gründlich widersprechen. Über eines bin ich mir jedoch sicher, daß nämlich die Heilung des Schadens nicht die tiefste zu erreichende Ebene ist.

Gewiß, es ist wesentlich, und der Beginn der Lösung einer sogenannten ödipalen Übertragung, sich über all den damit verbundenen Schmerz und ärger klarzuwerden. Aus einer energetischen Perspektive ist dieser Ansatz jedoch nur auf der symptomatologischen Ebene wirksam. Er konzentriert sich auf die externalisierte interpersonale, persönliche Beziehung zwischen Kind und Elternteil, Klient und Therapeut, – und auf die damit verbundenen Gefühle.

Die Arbeit kann so nicht vollständig sein, denn der wichtigste Teil der Arbeit ist noch nicht geleistet. Die Quelle des Ödipuskomplexes, die Aussendung libidinöser Strömungen, die sich manifestieren und nach Erfüllung streben, ist noch nicht befriedigt. Um deutlich zu machen, worum es dabei geht, möchte ich noch einmal auf eine frühe Arbeit Sigmund Freuds aus dem Jahr 1891 zurückgreifen, wie er von Sulloway zitiert wird:

Das Verhältnis zwischen der Verkettung psychologischer
Ereignisse im Nervensystem und mentaler Prozesse folgt
vermutlich nicht dem Gesetz von Ursache und Wirkung.
Das erste endet nicht, wenn das zweite einsetzt; sie
wirken beide weiter. Von einem bestimmten Augenblick
an jedoch, findet ein mentales Phänomen seine Verbindung zu
jedem oder zu einzelnen Teilen der Kette.
Das Psychische ist demnach ein Prozeß, der parallel zum
physiologischen stattfindet, er ist ein abhängiger Begleiter.
(Sulloway, S 50, Betonung vom Autor)

Ich bin davon überzeugt, daß der Klient, oder die Klientin mehr wünscht und mehr braucht, als die Reparatur eines Schadens. Tatsächlich sucht sie ja immer noch nach dem libidinös ausgewählten Objekt, so, wie sie es trotz der ursprünglichen Enttäuschung und trotz aller vergeblicher Versuche und Aktionen immer getan hat. Dieses Streben nach Liebesobjekten ist ein lebendiger energetischer Prozeß, der auch dann nicht verschwindet, wenn die Patientin sie erkannt und die unterdrückten Gefühle wahrgenommen hat. Sicher, das Durcharbeiten der hier unterdrückten Emotionen ist notwendig für den Erfolg der Arbeit, die psychologische Ebene ist wichtig und wirksam, aber sie ist begrenzt. Die Erkenntnis, daß man etwa vom Vater auf dessen eigene Weise geliebt oder nicht geliebt wurde, befriedigt nicht die Quelle allen Aufruhrs – die spontane energetische Aussendung der Libido. Nachdem die Patientin sich durch ihre Geschichte, rund um die aufregende ödipale Thematik, gearbeitet hat, muß sie immer noch lernen zu lieben bzw. geliebt zu werden. Sie muß lernen passende Objekte zu finden und Verantwortung für die eigene Wahl, für ihre Wünsche und Bedürfnisse zu übernehmen. Bevor dies nicht geschehen ist, wird sie nicht handeln wie eine wirklich reife, sexuell erwachsene Frau.

Die Quelle des Problems liegt nicht „außen“, sondern innen. Es sind die unbefriedigten libidinösen Strömungen und Bestrebungen, die sich lösen müssen, nichts sonst. Die Patientin kann sich dann sehr wohl in den Therapeuten oder jeden anderen passenden Partner, verlieben, und dies wäre ein natürlicher Akt, entsprechend ihrer sogenannten ödipalen Übertragung, kein Ausagieren. Aber sie sucht dabei nicht den Vater, sie hat ihn nie gesucht. Sie bemüht sich zu lernen zu lieben und geliebt zu werden, sie bemüht sich ein sexuelles Wesen in der Welt zu sein und auch so gesehen zu werden. Wenn sie das als Fünfjährige oder als Dreizehnjährige nicht lernen konnte, dann muß sie es eben später lernen, damit sie auf der tiefsten Ebene dieses Prozesses Befriedigung findet. Und das ist im wesentlichen kein psychologisches Ziel. Es ist ein energetisches, das sich in diesem Fall in der psychologischen Gestalt des Ödipus-Komplexes manifestieren kann.

Fortsetzung in BUKUMATULA 3/90