Bukumatula 1/1996

Nichts geht mehr?

Bernhard Hubacek:

In BUKUMATULA 3/95 bin ich gerne der Einladung der Redaktion gefolgt und habe zum Thema „Mythos und Realität von Genitalität“ einige persönliche Auswirkungen auf mein Leben, die mir in Zusammenhang mit dem therapeutischen Prozeß bedeutsam erschienen, darzustellen versucht.

Dies geschah vor dem Hintergrund meiner gerade zu Ende gehenden SKAN-Ausbildungsgruppe. Das Reflexionsbedürfnis in unserer Gruppe darüber war erfreulich groß, und die persönlichen Beschreibungen vom „Weg zur Genitalität“ sollten, so habe ich es ver-standen, einer breiteren Debatte erst mal vorangestellt werden.

Im Folgenden soll daher nicht nur von Themen die Rede sein, die mein Verständnis von SKAN heute betreffen, sondern auch von Fragen, die das therapeutische Selbstverständnis berühren und von denen ich meine, daß sie im SKAN-Kreis zu Unrecht in ihrer Bedeutung herabgewürdigt oder überhaupt vernachlässigt werden. Es sind im wesentlichen Fragen, die das Verhältnis von SKAN zur Psycho-therapie betreffen, und hier wiederum vor allem den Umgang mit (sexuellen) Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen in der Gruppe.

Ich hoffe, daß eine Diskussion dieser Fragen auch dem WRI nützlich sein kann, das ja überwiegend von Psychotherapeuten getragen wird, heute aber in der Öffentlichkeit gerade mit den SKAN-Ausbildungen in Verbindung gebracht wird (siehe das neuerschienene Buch von Gerhard Stumm über die Ausbildungssituation psychotherapeutischer Schulen in Österreich).1)

Zum Verhältnis SKAN – Psychotherapie

Voranzustellen ist die vielfach sicherlich bekannte Tatsache, daß Loil Neidhöfer, Mitbegründer von SKAN, seine Arbeit bewußt außerhalb jeder Form konventioneller Psychotherapie, „einschließlich der soge-nannten humanistischen Verfahren“, positioniert. Ich glaube, Loil hat in den letzten Jahren kaum eine Gelegenheit ausgelassen, diese Abschottung voranzutreiben, seine Haltung diesbezüglich läßt da keinerlei Zweifel aufkommen: „Psychotherapie ist heute de facto in den allermeisten Fällen immer noch ein Instrument der sozialen Kontrolle. Das fällt oft nicht weiter auf. Aber sobald Leute in der Therapie wirklich mit ihrem Kern, ihrer Natur in Berührung kommen, ist Psychotherapie keine Unterstützung mehr, sondern kontrapro-duktiv.“2)

Da ich selbst aus der körperpsychotherapeutischen und familien-therapeutischen Tradition komme, also auch Leute wie Alexander Lowen, Virginia Satir, Carl Rogers oder Tilmann Moser achte und schätze, hatte ich es in diesem Punkt mit SKAN immer schon schwer. Dennoch habe ich es zunächst einmal auch als Attraktion und Herausforderung betrachtet, mich einer Richtung zuzuwenden, die sich so radikal verweigert. Zwar war mir das damit verbundene elitäre Gehabe von Anfang an etwas peinlich, doch überwogen in der ersten Phase, Anfang der Neunziger, doch die attraktiven Seiten dieses Angebotes bei weitem.

Ich vermute, dies hat auch damit zu tun, daß ich damals rund um die Beschlußfassung des Psychotherapiegesetzes Zeuge einer Unmenge von verletzenden und teilweise schon entwürdigend anmutenden Anpassungs- und Ausgrenzungsritualen unter Kollegen wurde. Da kam mir die polemisch übersteigerte Abgrenzung vom etablierten Psychobetrieb, wie Loil sie beschreibt und lebt, gerade recht. Es hatte fast etwas von einem „gerechten, heiligen Zorn“ an sich.

Dazu war meine Sehnsucht nach einem kontaktvolleren Zusammen-Sein angesprochen und aber auch mein Freigeist, der sich neue Inspirationen erhoffte.

Sätze von Loil wie: „Jede Therapie, die ihren Namen verdient, ist im Grunde eine Liebesgeschichte“, wirkten auf mich damals sehr anziehend und einladend. Heute verstehe ich sie – auch – als verführerisch. Dies bezieht sich vor allem auf den Mangel an Sorgfalt im Umgang mit der Übertragung.

Zum fehlenden Umgang mit der Übertragung

Ich vermute, meine positiven Übertragungsgefühle zu Loil begannen schon beim Lesen seines wunderschönen Buches „Intuitive Körper-arbeit“3), das ich auch vielen Leuten empfohlen oder geschenkt habe. Gesichert bewußt sind sie mir vom ersten Moment unserer Begegnung beim Auswahlworkshop. Diese ideale Übertragung wurde vor allem durch Einzelsitzungen auf der Matte gefördert, wo ich öfter einen, in der Tat idealen Zustand von uneingeschränktem Angenommensein in Verbindung mit liebevollen, aber doch konsequenten Hinweisen auf meine charakterlichen Verengungen erlebt habe.

Viele meiner daraus resultierenden kindlichen Gefühle gegenüber dieser guten Elternfigur blieben den größten Teil der Ausbildung aufrecht, manchmal mehr, manchmal weniger. Es spielt dabei auch keine Rolle, daß sich diese Gefühle mit fortschreitender Aus-bildungsdauer und beginnender Entfremdung in ihrer Färbung verändert haben. Sie blieben, da sie nicht bearbeitet werden konnten das was sie waren: aufrichtige, aber überwiegend ängstliche Gefühle eines heranwachsenden Kindes gegenüber einem Erwachsenen, der freilich mit der „kitschigen Verliebtheit, die fast zwangsläufig aus jeder Übertragung und Gegenübertragung resultiert“, nichts zu tun haben wollte.

Das persönliche Resümee meiner SKAN-Zeit sieht demnach heute ungefähr so aus: Sehr viel Innovation und Inspiration für die tägliche Arbeit, viele liebevolle und herausfordernde Begegnungen unter Freunden, aber als mögliche Folgetherapie für einen Therapie- geschädigten wie mich, der schon einmal mit Mißbrauch und sexuellen Übergriffen in einer Ausbildung zu kämpfen hatte, eine glatte Fehlbesetzung.

Der fehlende therapeutische Umgang mit der Übertragung in der SKAN-Arbeit, wie ich sie kennengelernt habe, bedingt natürlich auch ein schlampiges, teilweise sogar deutlich agierendes Verhalten in der Gegenübertragung.

Mit der Psychotherapie als Wissenschaft räumt Loil auch gleich in einem Aufwasch mit Begriffen und Haltungen wie etwa „Therapeut/Klient-Verhältnis“, „Projektion“, „Widerstand“, „Ausbildung“ und „Supervision“ auf. All dies wird kategorisch und konsequent als Ausdruck von Abpanzerung abgewertet. Die grundsätzliche Asymmetrie der Therapeut/Klienten-Beziehung wird nicht anerkannt.

Zuletzt ging Loil in diesem Punkt sogar noch ein Stück weiter und ließ der Reich-Forscherin Dorothea Fuckert via SKAN-Reader 4/95 ausrichten: „Wer mit den Vokabeln des konventionellen Ausbildungs-Betriebes in unserem Berufsfeld so identifiziert ist (Anm.: gemeint ist Dorothea Fuckert; genauso gut aber könnte ich gemeint sein), will letztlich auch Reichs `Arbeit am Lebendigen´ im Rahmen konventioneller Institutionalisierungen wie `Ausbildung´, `Supervision´, `Therapeut-Patient-Verhältnis´ oder grundsätzlich im Rahmen von `Therapie´ stattfinden lassen, was letztlich ein unauflöslicher Gegensatz ist.“

Ich halte dem die psychotherapeutische Haltung gegenüber, daß das Wissen, Erkennen und Durcharbeiten des grundsätzlich asymmetrischen Therapeut/Klienten-Verhältnisses selbstverständlicher Teil unserer Arbeit ist und bleibt. Glücklicherweise kann ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen, daß diese Arbeit durchaus in liebevollem Beziehungskontakt stattfinden kann und nicht Ausdruck von Panzerung zu sein braucht. Das gleiche gilt natürlich auch für Supervision: Eine fachlich fundierte kollegiale Supervision steht selbstverständlich nicht im Gegensatz zu natürlicher Autorität, Liebenswürdigkeit und Respektabilität.

Diese Sicherheit fehlt mir leider zur Zeit bei SKAN völlig – und auch die Bereitschaft zur gründlichen Reflexion darüber. Da sind die wach-gerüttelten Psychotherapeuten ein gutes Stück voraus, finde ich.

Virginia Wink-Hilton gibt in ihrem Aufsatz über sexuelle Übertragung anläßlich der 8. Konferenz des Instituts für Bioenergetische Analyse ein gutes Beispiel dafür, wie man so etwas merkt: „Wir … stellten fest, daß wir unseren Studenten zwar beigebracht hatten, wie man das Becken öffnet und mit den daraus direkt entstehenden Reaktionen arbeitet, aber kaum, wie mit dem Durcharbeitungsprozeß sexueller Themen umzugehen ist. Außerdem schienen wir zu nachlässig darin, die Probleme der Gegenübertragung und des Ausagierens von Therapeuten anzusprechen. Weil diese Themen so schwierig und so komplex sind und so tiefe Gefühle der Angst und Wut und Scham aufwühlen, ist es kein Wunder, daß sie von beträchtlicher Vermeidung umgeben sind. Wenn wir ihnen jedoch in unseren Ausbildungsprogrammen und Fortbildungen nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken, geben wir die ganze Unklarheit und `Unbewußtheit´ weiter, was nur allzu oft wiederum zu einem Mißbrauch der Patienten führt und manchmal auch der Studenten. Außerdem müssen sich Therapeuten ja geradezu isoliert und alleingelassen fühlen, wenn sie mit entsprechenden Fragen und Problemen konfrontiert sind. Das ähnelt der Behandlung von Inzest in der Familie: das Gefühl ist da, aber keiner wagt es, darüber zu reden.“4)

Wer aber Supervision nur mehr unter Anführungszeichen zu setzen vermag, muß sich auch die Frage gefallen lassen, wie es mit der eigenen Reflexionsbereitschaft beschaffen ist. Selbstzweifel habe ich jedenfalls in all den Jahren bei Loil nie erkennen können.

Schlüssig erscheint mir aber auch, daß jemand, der so wenig mit der therapeutischen Profession identifiziert werden will, auch nicht mehr mit den üblichen Maßstäben bei seiner therapeutischen Verantwortung genommen werden kann, wenn Fehlentwicklungen offensichtlich werden. Ich kann nur hoffen, daß dies nicht der Weg ist, wo SKAN sich künftig hinbewegen soll.

Letztlich bin ich überzeugt, daß wir diese schöne Arbeit „durch Himmel und Hölle“ sehr wohl in therapeutisch abgesicherten Räumen tun können und tun sollen. Nirgendwo sonst gibt es für den Klienten die nötige Sicherheit vor neuen Verletzungen und Übergriffen. Da helfen auch alle Hinweise auf die Eigenverantwortlichkeit des Klienten nichts.

Ein „strömender“ Therapeut, der sich nur auf sein Strömen verläßt und keine sichernden Grenzen setzt, ist auch ein gefährlicher Therapeut, denn: keiner strömt ständig!

Virginia Wink-Hilton, eine bedeutende amerikanische Bioenergetikerin, die sich viel mit dem Thema Sexualität im Rahmen des therapeutischen Prozesses beschäftigt hat, kommt zu folgendem Schluß: „Patienten können ihre frühen Konflikte nicht durcharbeiten, wenn es keine völlige Sicherheit gibt. Sicherheit bedeutet, daß der Therapeut unzweideutig und absolut als Sexualobjekt nicht zur Verfügung steht, genauso wenig wie der Elternteil unzweideutig nicht zur Verfügung hätte stehen sollen.“4)

Anzumerken wäre hier lediglich, daß das Lehrer/Schülerverhältnis in einer Ausbildung durchaus dem Therapeut/Klienten-Verhältnis seiner Dynamik nach gleichzusetzen ist. (Vgl. hierzu den Beitrag des Wiener Psychotherapeuten W. Wladika in: „Psychotherapieforum“, Suppl. 3/95.)5)

Literaturhinweise:

1) Stumm, G. (Hrsg.): Psychotherapie in Österreich, Falter Verlag

2) SKAN-Reader 2, 4: erschienen und zu bestellen bei: endless sky publications, D-22559 Hamburg, Marschweg 45

3) Neidhöfer Loil: Intuitive Körperarbeit, Transform Verlag

4) Wink-Hilton Virginia: Aufsatz zur Arbeit mit der sexuellen Übertragung; erschienen in: „Verführung in Kindheit und Psychotherapie“, Transform Verlag

5) Wladika W.: Übergriff und Mißbrauch in der fachspezifischen Psychotherapieausbildung; erschienen in: Psychotherapie Forum (Suppl.) 3, S.127-130.