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Bukumatula 4/1998

Die biologischen Grundlagen des schizoiden Prozesses, Teil 4

Fortsetzung von Bukumatula 4/98
Ein funktioneller Ansatz zur Charakterentwicklung
Will Davis

Der primär und der sekundär schizoide Charakter – zwei plasmatische Typen

Von der Geburt an bis zum fünften oder sechsten Lebensjahr ist das sich entwickelnde neuromuskuläre System instabil und die plasmatische Reaktion immer noch bestimmend. Solange das neuromuskuläre System nicht stark genug ist, Stresssituationen alleine zu bewältigen, kontrahiert der Organismus plasmatisch. Das erste Abwehrsystem, das kognitiv/neuromuskuläre, wird so geschwächt, dass das zweite, das plasmatische Abwehrsystem benötigt wird, um den Angriff abzuwehren.

Deshalb ist es möglich, dass ein schizoider Charakter während dieser Zeit eine plasmatisch-/kognitiv-neuromuskuläre Mischstruktur entwickelt. In diesem Fall bezeichnen wir den Charakter als „sekundär schizoid“ (im Gegensatz zum primär schizoiden Charaktertyp, der noch mehr von der plasmatischen Kontraktion abhängig ist). Abhängig davon, wie man orale-, narzisstische-, Borderline- und symbiotische Strukturen definiert, können diese Charakterstrukturen der sekundär schizoiden Kategorie zugeordnet werden.

Üblicherweise arbeiten beide Systeme zusammen. Hierbei entsteht eine Mischung, in der das plasmatische System überwiegt – dies wird als sekundär schizoider Prozess bezeichnet. Wird der Organismus z.B. durch einen Angriff gestresst, dann könnte das kognitiv/neuromuskuläre System völlig zusammenbrechen und das plasmatische System kontrahiert bleiben. Im wesentlichen handelt es sich dann um ein primäres schizoides Funktionieren.

Nachfolgend möchte ich einige Unterschiede zwischen dem primär und dem sekundär schizoiden Charakter anführen:

1) Primär schizoider Charakter: Die Störung fand sehr früh statt und war schwerwiegend. Er entsteht dann, wenn das plasmatische System das einzig zur Verfügung stehende Abwehrsystem ist. Emotional bewegt er sich mehr am Rande der Angst. Er lebt näher am existentiellen Terror der in ihm wohnt, und die Möglichkeit, dass dieser auch bei geringster Provokation ausbrechen kann, ist groß. Dementsprechend reagiert er auf eine empfundene Bedrohung mit Angst. Er ist nicht imstande sich durch gesunde Aggression zu verteidigen. Der Versuch, Ärger auszudrücken, endet in einem Gefühl der Ohnmacht.

Er ist physisch und psychisch fragil. Physisch ist dieser Mensch dünner, kleiner und weniger in seinem Körper geerdet. Mystizismus und Erfahrungen „außerhalb des Körpers“ sind unter diesen Strukturen verbreitet. Dies ist leicht verständlich: es ist nicht angenehm in so einem Körper zu „wohnen“.

2) Sekundär schizoider Charakter: Er lebt in großer Angst, an die er sich aber durch die emotionale und physische Entwicklung, die auf der kognitiv/neuromuskulären Ebene stattgefunden hat, einigermaßen anpassen kann. Dies ist ein Schizoider, dem Aggressionen zur Verfügung stehen. Wie auch der primär Schizoide, weiß er, dass ihm etwas Schreckliches widerfahren ist, aber die Fähigkeit, sich darüber auch zu ärgern unterscheidet ihn von ersterem. Das ist eine Entwicklungsgeschichte, die wir erst Jahre später sehen, weil die Ereignisse zu einem Zeitpunkt stattfanden, als er schon zum Ausdruck von Ärger als Selbstschutz fähig war. Wenn er, was oft vorkommt, eine Bedrohung erfährt, wehrt er sie mit kaltem und scharfem Ärger ab. Er hat einen beißenden und sarkastischen Humor. Es steht ihm eine besser entwickelte Muskelmasse zur Verfügung, womit er Angriffe von außen sowie die innere Erfahrung aufkommender Emotionen – vor allem Angst – besser als der primär schizoide Charakter bewältigen kann. Dieses mehr an physischer Masse gibt dem Körper ein Gefühl von Stärke und Sicherheit.- Er ist besser in seinem Körper „verankert“.

Die Empfindungen werden im wahrsten Sinne des Wortes durch den längeren Weg durch das Gewebe, verlangsamt. Aufgrund der Muskelmasse trifft ein Angriff nicht direkt das „Innerste“. Es gibt mehr Raum zwischen der Peripherie und dem „Core“. Wenn Angst aufkommt, wird sie von der Muskelmasse verlangsamt und kontrolliert.

Weil der primär Schizoide so „dünn“ ist, gibt es praktisch keinen „inneren Boden“. Die Peripherie – die äußere Grenze seines physischen und psychischen Seins – befindet sich direkt an seinem Core. Es gibt keine Masse und keinen Raum zwischen dem Core und der Peripherie, um Eindringendes zu filtern. Deshalb wird alles, was von außen mit der Peripherie in Berührung kommt, sofort das Innerste treffen. Das ist die physische Grundlage für seine Probleme mit Vertrauen und/oder Übergriffen. Es erklärt, warum er so verletzbar in dieser Welt lebt.

Auf der rein physischen Ebene erlebt der muskulär entwickelte sekundär schizoide Charaktertyp anderes. Er kann das von außen auf ihn Zukommende und die von innen aufkommenden Gefühle besser kontrollieren.

Dies gilt selbstverständlich auch für alle anderen kognitiven und psychischen Strukturen, die zumindest einiges an sekundärer Struktur aufbauen konnten. Wenn ein Kind z.B. lernt sich daran zu erinnern was geschieht, wenn der Vater betrunken nach Hause kommt, kann es sich darauf vorbereiten. Das Verhalten des Vaters wird das Kind immer noch überwältigen, aber um einiges langsamer. Das Geschehen wird besser verarbeitet und weniger schockieren. Das Kind empfindet sich im Recht, auch wenn es den Kampf mit dem Vater verliert, und es kann sich denken, dass es das nächste Mal vielleicht anders sein wird.

Wir können nun von drei Möglichkeiten der Charakterentwicklung sprechen: von einem vorwiegend plasmatischen Panzerungssystem, von einem vorwiegend kognitiv/neuromuskulären Panzerungssystem und einer Mischung aus beiden.

Entwicklung bei Spättrauma

Welchen anhaltenden Effekt kann ein schockierendes Ereignis haben, wenn es in späteren Jahren eintrifft? Obwohl es selten vorkommt, ist es doch möglich, dass sich ein schizoider Zustand erst in einem späteren Lebensabschnitt einstellt. Nur weil schizoides Verhalten sporadisch auftaucht, heißt dies nicht unbedingt, dass es sich auch um eine schizoide Charakterstruktur handelt. Es gibt einen Unterschied zwischen schizoidem Verhalten und schizoidem Charakter.

1) Die einfachste Erklärung für das späte Auftreten schizoiden Verhaltens ist die, dass es immer schon bestand, aber aufgrund von Kompensation und angepasstem Verhalten nicht erkennbar war. Es war gut verdeckt. Hier würde man ein spezifisches Ereignis, das den Organismus im Erwachsenenalter traumatisiert, leicht mißinterpretieren. Der schizoide Charakter hat sich nicht erst an diesem Punkt entwickelt, sondern erst ein schockierendes Ereignis bringt ihn zum Vorschein.

Ein Mensch lebt zum Beispiel einen Lebensstil, der schizoide Charakteristika vermeidet oder sogar belohnt. Alle Voraussetzungen, inklusive dem kontrahierten plasmatischen Zustand sind gegeben, aber er ist gut angepasst. Wenn sich dieser Lebensstil ändert, wird sein Verhalten in einem anderen Licht gesehen und erfahren. Models, Athleten oder Schauspieler könnte man als gut angepasste Schizoide bezeichnen. Ihr Erfolg ist von ihrer Jugend abhängig, und sie geraten in großen Stress, wenn sie älter werden. Worüber man in der einen Lebensphase hinweggesehen hat und sogar dazu ermuntert wurde, wird in einer späteren gänzlich unpassend.

2) Eine zweite mögliche Erklärung ist die, dass der Organismus in einem späteren Lebensabschnitt traumatisiert wird und das schizoide Verhalten nur in bestimmten Lebensbereichen, wie in der Arbeit, der Sexualität, etc., auftaucht. Dies muss sorgfältig beurteilt werden, da es nicht unbedingt Ausdruck einer schizoiden Haltung sein muss, sondern als ein ganz spezifisches Verhalten gesehen werden kann. Es gibt Situationen, in denen jeder „schizoid“ reagieren kann.

Wir wissen, dass eine wirklich schizoide Reaktion generell eine Ganzkörperkontraktion zur Folge hat. In diesem Fall kommt es aber zu einer lokalen Reaktion, die auf ein Körpersegment begrenzt ist – vergleichbar mit einem „Segment des Lebens“, wie z.B. in Beziehungen zum anderen Geschlecht. Ein Beispiel: Ein Klient erlebte in seiner Adoleszenz ein schockierendes Ereignis, das aber keine ganzkörperliche Kontraktion zur Folge hatte. Das kognitiv/neuromuskuläre System funktionierte und verteidigte den Organismus in bewährter Weise. Dennoch ist es möglich, dass ein Teil des Organismus empfindlicher reagierte,   als es dem   gegenwärtigen Entwicklungsstadium entsprach. Ein Teil könnte dann sozusagen geschockt sein, aber nicht der ganze Organismus.

Ein anderes Beispiel: Wenn ein gut entwickeltes Mädchen sexuell genötigt wurde, ist es möglich, dass es sich der sexuellen Reifung verschließt. Der Körper entwickelt sich ganz normal bis auf ein Segment – z.B. bleiben ihre Brüste, selbst als Frau, mädchenhaft. Sie wirkt so, als ob es ihr in vielen Lebensbereichen gut ginge, außer im Kontakt zu Männern, da reagiert sie dann sozusagen „schizoid“.

Schizoides Handeln würde sich also bei näherem Hinsehen auf ein bestimmtes Verhalten begrenzen (z.B. im Kontakt zu Männern). Das „Gespaltensein“ würde sich auf der Verhaltensebene und nicht auf der funktionalen Ebene abspielen. Wenn es sie organismisch auf der funktionalen Ebene getroffen hätte, dann würde man in allen Lebensaspekten Anhaltspunkte dafür finden.

Auf der Verhaltensebene würde z.B. eine Frau zu bestimmten Zeiten in der Lage sein, Männern zu vertrauen und tiefen Kontakt zulassen können. Sie könnte aber auch immer wieder zutiefst erschreckt werden. Manchmal wäre es möglich einem Mann nahe zu sein und ein anderes Mal überhaupt nicht. Sie selbst hat keine Ahnung warum sich das ändert. In diesem Fall antwortet der Organismus in einer spezifischen Situation so, als ob sie schizoid wäre, aber es ist keine allgemeine Reaktion auf alle Kontakte in ihrem Leben.

Diese Art schizoiden Verhaltens ist üblicherweise entwicklungsbezogen. Jeder Mensch durchlebt eine bestimmte Entwicklungsphase zum Zeitpunkt des Schocks. Das Mädchen in unserem Beispiel würde mit ihrer neu entdeckten Sexualität „nach außen“ gehen. Als Jugendliche mit ihrer auftauchenden Sexualität, würde sie in diesem Stadium durch einen Angriff stärker verletzt werden als im Erwachsenenalter, wenn sie weiter entwickelt ist und sich sicherer fühlt.

Die Bedeutung dieser Entwicklungsphase lässt sich anhand eines Kindes darstellen, das die Fähigkeit, auf einer höheren Ebene zu konzeptualisieren, entwickelt hat. Wenn es in diesem Lebensabschnitt einen Schock erlebt, stört das den Entwicklungsverlauf genauso, als würde z.B. der Vater das Zuhause verlassen. Das hätte zur Folge, dass es nie wirklich dahin zurückkehren kann, wo die unterbrochene Entwicklung sich vervollständigen könnte, nachdem sich sein Leben wieder beruhigt hat. Als Erwachsener würde man einfach über sich„hinausgehen“. Man ist aufgefordert, in einer spezifischen, konzeptionellen Weise zu funktionieren, wie z.B. Mathematik zu lernen oder logische Folgerungen aus einer Serie von Fakten zu ziehen. Dies wird gewöhnlich als Lernproblem interpretiert, obwohl das Kind ausreichend intelligent ist. Andererseits ist es dennoch ein Lernproblem. Das Kind hat durch die Störung in einer spezifischen Phase noch nicht „gelernt zu lernen“.

3) Ein schizoider Zustand entsteht im späteren Leben, wenn trotz eines gut ausgebildeten und gesunden kognitiv/neuromuskulären Systems dieses überwältigt wird. Schwerer sexueller Missbrauch, Quälerei, Kriegshandlungen, Naturkatastrophen, etc., können Menschen in extreme Situationen bringen. Diese Erfahrungen können den Organismus überwältigen, der dann den Ausweg über das primäre plasmatische Funktionieren nehmen wird – die Kontraktion des gesamten Systems.

Es gibt Untersuchungen über das Schicksal von amerikanischen Kriegsgefangenen im Koreakrieg. Die Nordkoreaner haben die U.S. Soldaten nicht physisch misshandelt, wurden aber verdächtigt, sie einer „Gehirnwäsche“ unterzogen zu haben. In Gefangenschaft starben etliche von ihnen, obwohl sie ausreichend versorgt waren – sie rollten sich in einer Ecke zusammen und starben. Dies waren junge, starke Männer, die bereits gewaltige Anforderungen während des Krieges bestanden hatten. Aber dann wurde ihre Abwehr systematisch bis zu einem autistischen Stadium hin überwältigt, und sie starben.

Behandlung

Die klassischen Reichianischen Techniken, die den Organismus stark aufladen, die Muskelpanzerung angreifen und große emotionale Erleichterung herbeiführen können, sind für Schizoide und auch andere Strukturen in ihrer Wirksamkeit begrenzt. Die klassischen Ansätze passen am ehesten für „Ich-starke Strukturen“, die den Anforderungen dieser Art von Arbeit gewachsen sind. Bei Schizoiden entspricht die plasmatische Kontraktion dem „Ich-Ersatz“, und dieses „Ich“ zu brechen ist gefährlich.

Wie schon erwähnt, stehen dem Schizoiden für den Fall, dass sich die Kontraktion lösen sollte, keine Reserven zur Verfügung. Er ist zu „dünn“ und kann zwischen Peripherie und Core nicht unterscheiden. Dies erklärt die Empfindlichkeit und die Verletzbarkeit dieser Menschen. Die Muskulatur ist schwach entwickelt, und äußere wie innere Erfahrungen werden sehr stark und sehr direkt wahrgenommen. Es gibt kein Gewebe, das die Erfahrung „verlangsamt“.

Für den Schizoiden gibt es weder einen Platz im eigenen Körper noch in der äußeren Welt. Der Körper ist zu dünn und zu kontrahiert. Obwohl er sehr zurückgezogen lebt, hat er nicht wirklich einen Raum, in dem er sich wohl und sicher fühlen kann. Auch wenn er immer wieder nach „Innen“ gehen muss, ist es dort dennoch hohl, dunkel und leer – erfüllt von Ängsten und Zweifeln. Er kann für ein Gefühl von Stärke, Wohlbefinden, etc., nicht auf seinen Körper zurückgreifen.

Die klassische Reichianische Arbeit ist ausdrucksorientiert. Der Schwerpunkt liegt auf dem Outstroke, was gut für kognitiv/neuromuskuläre Strukturen passt. Mit einer stärkeren Entwicklung der Muskulatur und einer projektiven, peripheren Orientierung, können kognitiv/neuromuskuläre Strukturen die körperlichen Anforderungen, die in der Ausdrucksarbeit verlangt werden, besser erfüllen.

Schizoide sind nach innen orientiert – unglücklicherweise auf kontrahierte Art. Wenn man bei Schizoiden kathartische Methoden anwendet, arbeitet man ihrem energetischen Funktionieren direkt entgegen. Sich der Welt zu öffnen ist das letzte, zu dem sie bereit sind. Alleine die Idee, die hinter den klassischen Methoden steht, wird schon als Bedrohung der Integrität des Organismus wahrgenommen. So läuft man Gefahr, dass der ursprüngliche Schock im therapeutischen Setting wiederholt wird.

In der Therapie braucht der Schizoide Sicherheit und nicht Bedrohung. Das Thema „Sicherheit“ ist von ganz zentraler Bedeutung. Seine größten Anliegen sind von existentieller Natur: zu „überleben“, sich sicher fühlen zu können und einen Platz in der Welt zu bekommen. Für den Schizoiden sind Vertrauensfragen das zentrale Thema, auf das er immer wieder auch in zwischenmenschlichen Beziehungen trifft – und besonders auch in der therapeutischen Beziehung.

Therapeutisch gesehen wird das Anwenden einer Methode, die den Outstroke fördert, das Problem nicht nur aufgrund der Sicherheitsfrage vergrößern, sondern auch deswegen, weil der Schizoide Probleme mit invasivem Verhalten hat.

Aufgrund fehlender Distanz vom Zentrum zur Peripherie reagiert er überempfindlich.- Kontakt wird im allgemeinen schnell als Angriff empfunden. Der Organismus reagiert mit einer Kontraktion; es tauchen Angst und Ärger auf. Klassische Reichianische Techniken werden von „instrokebetonten“ Menschen als überaus invasiv erlebt.

Um mit den besonders kontraktiven biologischen und psychischen Vorgängen im Schizoiden effektiver umgehen zu können, habe ich die Points & Positions Arbeit entwickelt. Sie setzt direkt an den Verspannungen des Bindegewebes an, während gleichzeitig der Instroke der Pulsation mobilisiert wird.

Es geht hier also nicht darum, den Muskelpanzer zu durchbrechen und die zurückgehaltenen Emotionen und Bewegungen zu befreien, sondern um die Remobilisierung des Instrokes. Durch den Kontakt zum wiederhergestellten Energiefluss kann der Schizoide seine eigene Stärke wieder zu erleben beginnen. Gleichzeitig entwickelt er ein Gefühl für Sicherheit, weil wieder Energie in den lang verlorenen, unterentwickelten Kern fließen kann. Nun können wir gleichzeitig mit der physischen und psychischen Struktur des Schizoiden sicher und kontrolliert arbeiten.

Bevor ich zur Arbeit mit dem Instroke und weiteren Ausführungen zur Points & Positions-Technik komme, möchte ich die Wichtigkeit von Reichs funktionalem Ansatz darstellen.

Funktionelle Bewertung

Der wichtigste Aspekt in Reichs Vermächtnis ist seine Differenzierung zwischen Verhalten und Funktionieren. Damit geht die Körperpsychotherapie weit über die Psychologie hinaus.

Das Funktionieren beruht auf der Organisation und dem Einsatz der Lebensenergie. Es handelt sich um eine spezifische, universelle Aktivität, die auch unter wechselnden Bedingungen – ungeachtet dessen, welche physische oder psychische Form die Lebensenergie annimmt – ,konstant bleibt. Der funktionelle Ansatz ermöglicht die Betrachtung der spontanen Organisation der Lebensenergie in all ihren unterschiedlichen Formen.

In der Points & Positions-Arbeit bewerten wir die Reaktionen des Klienten laufend funktional und nicht verhaltensbezogen. Wenn ein Klient Schlafprobleme hat und sich die Schlaflosigkeit nach einer Sitzung verschlimmert, müssen wir uns fragen, ob wir den Organismus nicht übererregt haben und er deshalb dem Geschehen nicht folgen kann. Wir erhalten eine pathologische Antwort in dem Sinne, dass das Abwehrsystem überwältigt wird, und – wenn dies länger anhält, werden wir Gegenreaktionen in Form von Muskelanspannungen, Projektionen, negativer Übertragung, etc., erleben. Zusätzlich sollten wir fragen: Haben wir den Outstroke der Pulsation aktiviert, wenn es in dieser Situation vielleicht besser gewesen wäre den Instroke zu mobilisieren?

Oder „erwecken“ wir den Organismus, indem wir die Kontraktion lösen und er mehr zu strömen und zu pulsieren beginnt? Und in welche Richtung erfolgt der Energiefluss – nach innen oder nach aussen?- Bleibt der Klient vielleicht in der Nacht wach, weil er jetzt fähig ist eine tiefere Pulsation zu tolerieren? Ist er fähig mehr an Erregung zu ertragen, weil sich die Depression aufhellt?- Dies wäre eine Betrachtungsweise, die die funktionale Ebene miteinbezieht.

Ich bin nicht so sehr am Verhalten oder am Symptom selbst interessiert – in diesem Fall an der Schlaflosigkeit, sondern an der Körpererfahrung. Dies hilft uns zu erkennen, aus welcher Ebene die Erfahrung stammt – aus der Verhaltensebene oder der tieferliegenden funktionalen Ebene. Und sie hilft uns auch zu unterscheiden, ob es sich um eine pathologische oder eine funktionelle Reaktion handelt.

Funktionell betrachtet würde ich die Aussagen dieses Klienten vorsichtig in Frage stellen. Obwohl er die ganze Nacht fast nicht geschlafen hatte, berichtete er, dass er sich am nächsten Tag ausgesprochen wohl fühlte. Er war sehr aktiv, aber nicht nervös, eher entspannt. Er nützte die Zeit für sich und ließ den Tag nochmals Revue passieren. Der Schlaf war dann tief und erholsam.

Bei dieser Schlaflosigkeit handelt es sich um eine funktionale Reaktion. Auf der Verhaltensebene wäre die Schlaflosigkeit zunächst ein sich verstärkendes, negatives Symptom. Funktional betrachtet sieht es jedoch so aus, als ob er sich auf einer tieferen Ebene wieder zu „bewegen“ beginnt – jedoch zu viel und zu schnell.

Ein anderes Beispiel handelt von einer Klientin, die berichtete, dass sie „depressiv“ sei. Sie bliebe immer zu Hause, wolle keine Freunde sehen, wäre müde und mache nichts, außer ganze Abende lang fernzusehen. Als ich sie fragte, wie es ihr mit ihrer „Depression“ ginge, meinte sie, dass sie sich eigentlich wohl fühle, aber ihr Verhalten in Frage stelle. Sie dachte, dass sie nicht soviel zu Hause sein und mehr ausgehen sollte.

Sie hatte mit einem ihrer Kinder wegen Schulproblemen Sorgen. Als ich sie dazu befragte, meinte sie, dass der Kontakt zu diesem Kind besser als je zuvor wäre und die Schulprobleme sich klärten. Sie berichtete auch, dass die Kontakte zu Freunden, obwohl sie diese weniger oft sehe, befriedigender als je zuvor wären.

Bei einem depressiven Mensch würde sich die Qualität des Kontaktes nach außen nicht intensivieren. Es liegt etwas anderes vor, was ihre „Depression“ erklären hilft: und zwar die Mobilisierung des Instrokes. Diese Frau ist eine nach außen orientierte Person, die eigentlich viele Interessen hat. Indem nun der Instroke mobilisiert wird, beginnt sie mehr nach innen zu gehen, sie kommt mehr zu sich „nach Hause“. Innerlich schätzt sie diesen Prozess und kann sich ihm anvertrauen. Äußerlich bzw. intellektuell ist sie verwirrt, dass vieles anders ist, als sie es gewohnt ist, und sie denkt, dass sie anders sein sollte. Aber dieser gedankliche Prozess ist nicht mit der funktionalen Ebene verbunden. Der Ursprung liegt auf der Verhaltensebene, auf der „Ich-Ebene“. Sieht man sich ihre „Symptome“ an, könnte man heraushören und sich denken, dass sie depressiv sei. Dies könnte sogar von unserer gemeinsamen Arbeit her stammen und uns veranlassen, das Therapiesetting zu verändern.

Funktional betrachtet geht es ihr jedoch gut. Die Arbeit zeigt Fortschritte, und wir können damit fortfahren, solange es ihr gut geht.

Points & Positions Körpertherapie

Die Points & Positions-Körperarbeit beruht auf der Reichschen Annahme einer Lebenskraft, die einem kreativen Prozess entspricht und psychische und körperliche Prinzipien vereint. Sie basiert auf diesem Verständnis, ist aber nicht auf den emotionalen Ausdruck beschränkt. Ich erachte jedes menschliche Verhalten als Ausdruck eines spezifischen energetischen Prozesses. Meine Arbeit stützt sich auf ein Pulsationsmodell, in dem sowohl physische Berührungen als auch verbale Arbeit von Bedeutung sind.

Physisch wenden wir sanften Druck auf bestimmte Punkte am Körper an. Und indem man den Körper in eine bestimmte Haltung bringt und dabei wieder sanften Druck ausübt, werden Spannungen gelöst und die Grundpulsation mobilisiert.

Das systematische Vorgehen erlaubt uns, mit dem Netzwerk- und Informationssystem, das vom Bindegewebe geschaffen wurde, in Kontakt zu treten. Auf diese Art kann der Organismus tief, langsam und sicher berührt werden.

Auch in der verbalen Arbeit folgen wir der Pulsation durch Fokussieren und Bewusstmachen.

Es macht keinen Unterschied, ob der Instroke oder der Outstroke remobilisiert wird. Beides wirkt zur rechten Zeit heilsam.

Verbale Techniken

Verbal arbeiten wir – wie in der Gestalttherapie nach Perls – hauptsächlich mit Fokussieren und mit dem Bewusstmachen des „Hier und Jetzt“. Wir arbeiten mit dem Klienten daran, dass er sich über Empfindungen, Gefühle und Gedanken bewusst werden kann und dass er sie benennen kann. (Um dazu Joseph Campel zu zitieren: „Wir suchen nicht nach der Bedeutung des Lebens, sondern nach der Erfahrung, lebendig zu sein.“)

Dies ermöglicht dem Klienten, dass er bewusster an seinem Heilungsprozess teilhaben und Verantwortung dafür übernehmen kann. Der Therapeut nähert sich der Rolle des teilnehmenden Beobachters. Die Bewusstseinsarbeit und das Fokussieren auf das „Hier und Jetzt“ hat auf der psychischen Ebene eine grenzbildende Wirkung.

Gerade bei Schizoiden ist es wichtig, auch das Körperbewusstsein in die Arbeit mit einzubeziehen, da er keinen direkten Kontakt zu seinem Körper hat. Entsprechend seiner starken Kontraktion spaltet er sich entweder von seinem Körper ab, oder missinterpretiert seine körperlichen Empfindungen und Erfahrungen. Es ist wichtig, ihn sicher „nach Hause“, in seinen Körper zurückzubringen, indem man ihn immer wieder auffordert, seinen Körper zu erspüren und die Empfindungen zu benennen. Es fällt ihm nicht leicht, Empfindungen, Gefühle, Gedanken und Beurteilungen auseinander zu halten.

Schizoide sind oft intellektuell bzw. intellektualisierend. Der dünne, kontrahierte Körper erlaubt nur wenig an Pulsation, weil die Lebenskraft von der Peripherie zurückgezogen ist. Das wenige an Pulsation, das er zulassen kann, fließt buchstäblich in den Kopf. Kopf und Augen sind „überladen“, was eine Überentwicklung bzw. Abhängigkeit von diesem Segment zur Folge hat.

dass der Intellekt überentwickelt ist, hat seine Ursache oft in einem fortschreitenden Panzerungsprozess. Deshalb versuchen wir diesen Aspekt in der Therapie zu umgehen bzw. auszuschalten. Wir verstehen den überentwickelten Intellekt als Ressource oder als einen „verlorenen Freund“. Durch das Bewusstmachen von Körperempfindungen und durch das Fokussieren in der verbalen Arbeit, kann man diese gut entwickelte Eigenschaft zum Vorteil nutzen.

Man schafft Sicherheit, indem man diesen Menschen hilft, ihre starken Seiten zu nützen. Wir möchten sie nicht bedrohen, indem wir etwas von ihnen verlangen, was sie nicht tun können oder wollen.

Versucht man einen intellektualisierten Schizoiden „aus seinem Kopf zu bringen“, lässt man ihn alleine und schutzlos, verletzbar und angreifbar zurück. Der Intellekt ist sein wichtigstes psychisches „Erdungssystem“. In die „Höhle des Löwen“ zu gehen und mit dem Löwen Freundschaft zu schließen, hilft ihm, seinen Intellekt mehr als nur zur Verteidigung einzusetzen. Das kann sowohl für den Klienten als auch für den Therapeuten zu einem erfüllenden Erlebnis werden.

Der Klient bleibt auf sicherem Boden und fühlt sich „gesehen“. Dadurch wird er sich mehr öffnen und die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten können.

Die Arbeit mit dem Instroke

Die Entwicklung einer Methode, die den Instroke der Pulsation systematisch mobilisiert, ist ein entscheidender Durchbruch in der Arbeit mit sämtlichen plasmatischen Charaktertypen: mit Schizoiden, Oralen, Borderline- und anderen Angst-Strukturen. Die Methode ermöglicht, das Energiesystem des Organismus sicher und kontrolliert zu mobilisieren. Sie erlaubt die Klienten tief und sicher zu berühren, ohne gleich ihre ganze Angst, Traurigkeit und Wut zu mobilisieren.

In ihrer Struktur gefangen, verhalten sich diese Menschen kontraktiv. Ursprünglich kontrahierten sie gegen einen tatsächlichen Angriff auf die Integrität ihres Organismus. Später, im Erwachsenenalter, kontrahieren sie sowohl bei tatsächlichen Angriffen, als auch bei Begegnungen, die sie lediglich dafür halten. Hier geht es um ein großes Maß an Angst, an Schrecken, Misstrauen und Verlorenheit. All das ist nicht verschwunden, weil sie es verdrängt haben. Es lebt noch in ihrem Inneren, und auf der Körperebene wissen sie das und fürchten sich davor.

Das einfache Auflösen der Kontraktion würde zu einer Entlastung führen, geht aber mit der Gefahr einher, dass der Organismus wieder überwältigt wird. Aufgrund fehlender innerer Sicherheit, eines klar definierten Körpers, vertraulicher persönlicher Beziehungen, etc., sind sie schnell überwältigt und kontrahieren noch stärker oder brechen überhaupt zusammen.

Sowohl der Instroke als auch die Kontraktion sind nach innen gerichtet. Der Instroke der Pulsation unterscheidet sich jedoch von einer Kontraktion dadurch, dass er eine kontinuierliche Bewegung ist. Eine Kontraktion ist das Anhalten einer nach innen gerichteten Bewegung, die eine Blockade („blocking pattern“) erzeugt. Der Instroke ermöglicht ein Verdichten, ein Sammeln und ein Fokussieren. Es ist ein offener Fluss zu etwas hin, während die Kontraktion eine Bewegung von etwas weg ist. Im Status der Kontraktion, der Panzerung, findet sich alles an Angst und Zorn, was sie fühlen können. Der Instroke schließt diese sogenannten „negativen“ Gefühle auch mit ein, ebenso aber ihre Stärken – ihr Potential.

Die Mobilisierung des Instrokes erlaubt dem Organismus sich langsam und sicher nach innen zu öffnen, ohne das ganze innere Trauma zu aktivieren. Die ursprüngliche Pulsation wird kontaktiert und mobilisiert, nicht die Panzerung. Einmal „innen“ angekommen, fühlen sich Schizoide gefestigt und sicher – sowohl in sich selbst als auch in der Welt. Sie sind dann in einer stärkeren Position und können für sie bedrohliche Situationen besser handhaben. Sie bekommen wieder ein Gefühl von Kraft, das ihnen verloren gegangen ist – und ein Gefühl, wie sie in der Welt sein sollten. Nun sind sie vielleicht getrennt, aber nicht mehr isoliert; sie sind vielleicht zurückgezogen, aber nicht kontrahiert.

Neben dem nun mobilisierten Gefühl von Sicherheit und Kraft, schafft der Instroke zusätzlich „Raum“. Das gibt dem Schizoiden das Gefühl, einen Platz in der Welt finden zu können. Dies hat eine direkte Wirkung auf die alten Gefühle, keine Existenzberechtigung zu haben und vermindert sie. Nun gibt es einen Ort, wo er hingehen kann, um sich auszuruhen, wo er genährt werden und sich wieder aufladen kann. Diese Menschen verbringen den größten Teil ihres Lebens „fremd“ und „befremdlich“: als Einzelgänger, als Außenseiter, etc. Es ist für sie eine grundlegende Erfahrung, einen sicheren Platz in dieser Welt zu spüren, um ihre existentiellen Ängste überwinden zu können.

Der Stress, immer „außen in der Welt“ sein zu müssen, ist für kontrahierte Strukturen anstrengend und ermüdend. Wie schon früher festgestellt, brauchen sie so viel Energie, um nicht ganz zu „verschwinden“; es fällt ihnen schwer, sich zu zeigen! Selbst tägliche Routine, wie in die Schule oder zur Arbeit zu gehen, einzukaufen, soziale Verbindungen aufrechtzuerhalten, etc., verlangt vom Organismus etwas zu tun, was Schizoide eigentlich nicht tun wollen: nach außen gehen. Unglücklicherweise kann dasselbe für das therapeutische Setting genauso zutreffen.

Für eine kontraktive Struktur ist die Bewegung nach innen befriedigend. Ich meine hier nicht eine weitere Kontraktion, sondern das „Nach-innen-Strömen“, um sich auszuruhen und wieder aufzuladen. Sobald es dem unterbrochenen Instroke ermöglicht wird, sich zu vervollständigen, fällt die nächste Auswärtsbewegung leichter. Die Bewegung erfolgt mehr im Sinne eines Strömens nach außen, weniger durch „Pushen“, das zum Handeln drängt. Und dann, gelegentlich und langsam, beginnen sie sogar von sich aus, sich in die Welt hinausbewegen.

Dies hat zur Folge, dass der früh gefrorene Instroke – die lebenslange Kontraktion – endlich vollendet werden kann und der Klient jetzt sicherer und kontinuierlicher nach außen strömen kann; nicht weil er das muss, sondern weil er es von sich aus will. Es gibt ein eindeutigeres Gefühl sich willentlich von innen nach außen zu bewegen, weil nun die ersehnte Bewegung – der Fluss nach innen, vervollständigt wurde.

Die Klienten lernen sich selbst zu vertrauen, nicht nur ihrer Kontraktion und ihrer Wut. Vorher waren sie von ihrem physisch und psychisch kontrahierten Zustand abhängig, um sich irgendwie mit einem „Grounding“ und mit Kraft versorgen zu können. Dieses falsche, gefrorene „Grounding“ macht nun Platz für Bewegtes und Lebendiges. Ein Klient hat das einmal so beschrieben: „Es ist, als wäre eine `Sonne´ in mir, und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich nicht nach Griechenland fahren muss, um mich dort in die Sonne zu legen, um genug an Wärme für den ganzen Winter zu bekommen. Ich kann sie mir selbst geben.“

Die Arbeit mit dem Instroke ermöglicht das Gefühl, dass eine Bewegung sicher sein kann, weil die Person das tut, was ihr am vertrautesten ist – sich zurückzuziehen. Es ist hier von Bedeutung, dass sie nach lebenslanger Kontraktion, Steifheit und Gefrorensein wieder in Bewegung kommt. Das Gefühl für Sicherheit war bisher auf seine zurückgehaltene und gefrorene Qualität angewiesen. Nun kann sie beides sein: sicher und beweglich. Die Bewegung nach innen gibt ein klareres und tieferes Gefühl, dem sie vertrauen kann. Es ermöglicht ihr, einen Platz in der Welt und einen Raum zu finden, wohin sie sich zurückziehen kann, wenn sie sich ausruhen, sich wieder aufladen will, oder sich schützen will.

Es gibt einen weiteren spontanen Prozess, der sich durch die Mobilisierung des Instrokes entwickelt: Wenn eine Person dem „Kern“ in einem Verdichtungsprozess näher kommt, wird es ihr möglich, sich selbst klarer zu erleben auch so zu definieren.

Vorher hatte die Kontraktion auch die Funktion, Grenzen zu ziehen. Jetzt gibt es ein wahrhafteres Gefühl für das „Selbst“, das sowohl stabiler als auch flexibler als früher ist. Es findet ein formender und gestaltender Prozess statt, der auch die Grenzen klarer definiert. Es entsteht ein Gefühl von größerer Distanz zu anderen – eine angemessene Distanz – wobei aber der Kontakt nicht verloren geht.- Ein Klient erzählte, dass er nach elf Jahren, in denen er mit Absicht dem Haus seines Bruders ferngeblieben war, jetzt ohne Probleme dahin gehen könne. Er identifiziere sich nicht mehr mit ihm: „Ich bin nicht mehr Teil dieses Spiels.“

Mehr noch: durch die Mobilisierung des Instrokes entsteht eine spezielle Art der Abgrenzung. Der Klient fokussiert seine Achtsamkeit immer mehr auf sich selbst und seinen eigenen Prozess. Er interessiert sich für sich selbst, nimmt sich wahr, definiert sich mehr im Sinne der Beziehung zu sich selbst, als zu anderen. Es entwickelt sich eine intrapsychische Struktur, die von großer Bedeutung sowohl für die Therapie als auch für den therapeutischen Prozess ist. Der Fokus der Therapie wird zur Erfahrung des Selbst in Beziehung zu anderen. Es mag eigenartig klingen, aber der Klient wird sich selbst gegenüber immer neugieriger.

Aus all dem entwickelt sich ein stärkeres und klareres Gefühl des Selbst. Wegen der frühen Störung war die Entwicklung des Selbst mit der tiefen, ganzkörperlichen Kontraktion in Konflikt geraten. Nun kann der Organismus beginnen, die unterbrochene Entwicklung zu vollenden. Hier geht es also nicht darum, Teile einer Abspaltung wieder zusammenzuführen, sondern um die Vollendung eines Entwicklungsprozesses, der nie stattgefunden hat!

Es kann nur etwas abgespalten werden, was bereits besteht, so wie das einige Schizoide ganz besonders im emotionalen Bereich tun. Sie werden ihre existentielle Angst, vielleicht ihre Wut, oder sogar ihre Sehnsucht abspalten. Das heißt, dass sich Angst und Wut bereits entwickelt haben, sich der Organismus aber dann davon zu distanzieren versucht.

Durch den Entwicklungsprozess, der nach der Re-Mobilisation des Instrokes einsetzt, kommt der Klient nun wieder mit den abgespaltenen Teilen in Kontakt. Er erlaubt eine abgebrochene Entwicklung fortzusetzen und ermöglicht dem Organismus zu lernen und Erfahrungen zu machen, die dieser Mensch vorher noch nie gemacht hat: Vertrauen und Liebe geschenkt zu bekommen, Sicherheit und ein Gefühl von Zugehörigkeit in einer Gemeinschaft zu haben.- Mit einem Wort: „Nahrung“.

Pulsation

Die Mobilisierung des Instrokes – sowohl über das Bindegewebe als auch durch verbale Arbeit – erfolgt subtil und langsam und erlaubt ein sicheres Vorgehen, so dass der Klient die Kontrolle über seinen eigenen Entwicklungsprozess behält und dafür auch Verantwortung übernehmen kann.

Wie schon erwähnt, wurde mir klar, dass es für die klassische Reichianische Arbeit Grenzen gibt, weil sie für einige Charaktertypen, einschließlich dem Schizoiden, schwierig und gefährlich sein kann.

Ein Grund dafür besteht darin, dass sich diese Strukturen energetisch primär in einer kontraktiven Einwärtsbewegung befinden. Sie bewegen sich nicht hinaus in die Welt: Exzessives Atmen, vorgegebene Bewegungen und Töne, explosive Entladung von Emotionen, etc. sind genau dem entgegengesetzt, was diese Menschen tun wollen – es wird von ihnen direkt als Eindringen und als Angriff erlebt.- Nicht dass sie das alles nicht tun wollten, aber sie sind dazu einfach nicht in der Lage.

Aus noch einem anderen Grund ist dieser Ansatz nicht wirklich hilfreich: er folgt nämlich nicht dem eigentlichen Weg der Lebenskraft. Die Lebenskraft fließt nicht linear, sondern bewegt sich in Art einer pulsatorischen Spirale. Das klassische Modell ist linear. Ein Beispiel: Legen sie sich hin, atmen sie, beginnen sie sich zu bewegen und Töne zu geben, und dann versuchen sie spontane Bewegungen zuzulassen. Die Technik führt sozusagen von Punkt A direkt zu Punkt B. In diesem Modell ist keine Pulsation eingebaut. Die Instroke-Arbeit erlaubt auch die Entwicklung von kleineren pulsatorischen Bewegungen, die sich mit der tieferen organismischen Pulsation verbinden können. Nach einiger Zeit kommt es zu einem Zusammenspiel. Wir setzen Pulsation ein, um mehr Pulsation zu erhalten.

Zusätzlich schafft der lineare Stil eine Alles-oder-Nichts-Situation, die für Borderline-Strukturen und insbesondere für Schizoide gefährlich ist. Um mit dieser Technik zu arbeiten, ist es notwendig, jegliche Kontrolle aufzugeben. Wenn sich der Klient in der Mitte einer Entspannungsphase befindet und dabei entdeckt, dass er noch nicht dafür bereit ist, ist es für ihn sehr schwierig, sich zurückzuziehen bzw. bis zum Ende weiterzumachen. Der Organismus beginnt abzublocken und sich zu verschließen. Oder es kommt zu einem frühzeitigen Zusammenbruch der Abwehr.

Die Techniken, die in der European Reichian School verwendet werden, beruhen auf einem stufenweisen Aufbauprogramm, das die Pulsationsbewegung des natürlichen Energieflusses zum Vorbild hat und auf der Reichschen Beschreibung der „Kreiselwelle“ beruht. Es ist eine pulsatorische Kreisbewegung nach vorne und wieder zurück. Wir verwenden dieses Modell sowohl in unserer manuellen Behandlung, als auch in unserer verbalen Arbeit. Beides beruht auf der natürlichen pulsatorischen Bewegung.

Die Arbeit ist – physisch wie psychisch – eine langsamere und sicherere Methode, als es das Reichsche Entladungsmodell ist. Es fördert die Entwicklung, dass der Klient bewusst im Vertrauen bleiben und, wenn notwendig, auch kontrollieren kann. Diese Kontrolle unterbricht den therapeutischen Prozess nicht, sondern fördert ihn in Wirklichkeit.

Augen und Pulsation

Mit den Augen arbeiten wir sehr strukturiert. Die Augen, die Hände und die Füße sind wesentliche Kontaktmöglichkeiten zur Realität. Wie „gegroundet“ eine Person ist – sowohl äußerlich wie auch innerlich, ist ganz wesentlich von einer gesunden Funktion der Augen abhängig. Neben physischen Übungen und dem Berühren von Punkten am Augensegment, verwenden wir prozessorientierte, verbale Übungen, die die Pulsation mobilisieren.

Vom Betrachten der Segmente her stellen die Atmung und gutes Sehen die ursprüngliche, ganzheitliche Pulsation des Organismus dar. Durch Bearbeiten des Augensegments können wir oft eine tiefe, primäre Pulsation erreichen.- „Wie man sieht, so lebt man.“

Verbal arbeiten wir mit Bewusstheit und Erfahrung, um Klarheit über den Pulsationszustand der Augen zu gewinnen. Und wir versuchen unter Zuhilfenahme verschiedener Techniken die Pulsation anzuregen.

Zum Beispiel fühlte ein Klient – zum ersten Mal -, dass er leicht und fröhlich aus den Augen „strömt“. Plötzlich meinte er, dass er vorsichtig sein müsse – und das Strömen und sein Wohlbefinden verschwanden. Und dann bemerkte er, dass dies typisch für sein Leben ist. Auch wenn alles gut läuft, muss er vorsichtig sein. Und mit dieser Vorsicht erstirbt die Möglichkeit, sich mehr auf das Fühlen einzulassen. Obwohl es keinen „wirklichen“ Grund gab, sein Strömen zu unterbrechen, tat er es ganz automatisch.

Es war für mich interessant von ihm zu hören, dass sein Vorsichtigsein von keinem Gefühl begleitet war. Es war einfach da. Er hat nichts gefühlt, nichts getan, es „passierte“ einfach. Dies ist Ausdruck seines Abspaltens von seinem kontrollierenden Über-Ich. Es geschieht automatisch, es widerfährt ihm einfach, so als ob ihn jemand anderer kontrollierte. Er spürt nicht, dass er sich das nun selbst antut. Es repräsentiert sein „typisches“ Lebensmuster: „Es passiert mir, ich kann nichts dazu tun, ich bin das Opfer.“

Zusammenfassung

Meine Absicht in diesem Artikel war, die Rolle des Plasmas und des Bindegewebes und deren Funktionieren als zentrales Element in der Entwicklung des Organismus systematisch aufzuzeigen. Es ist von Vorteil, dass damit das Reichsche Konzept der funktionalen Identität von Psyche und Soma nun auch auf biologischer Ebene nachvollzogen werden kann.

Diese biologische Betrachtungsweise hilft uns, die Auswirkungen von Frühstörungen, Schock und Trauma, besser zu verstehen. Und sie erlaubt uns im Umgang – nicht nur mit Frühstörungen, sondern mit sämtlichen Charakterstörungen, ein besseres Diagnostizieren, Evaluieren und Behandeln.

Will Davis
European Reichian School
Mas de la Capelle
Route de St. Come
F-30420 Sinsans

Übersetzung aus dem Englischen: Regina Hochmair und Wolfram Ratz

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