Myron war Myron …

Bukumatula 3/97

von Heiko Lassek
Nachruf aus Anlaß des Ablebens von Myron Sharaf am 13. Mai 1997

Myron Sharaf war einer von wenigen persönlichen Studenten Wilhelm Reichs. Bis heute hat er an der Harvard Medical School, einer der angesehensten Universitäten der Welt, Vorlesungen und Seminare über Psychiatrie gehalten, daneben eine Assistenzprofessur für Kunst innegehabt und täglich Patienten in seiner Praxis gesehen. Über zehn Jahre arbeitete er an der Biographie über seinen Lehrer und Ausbilder. Mit Sharafs Biographie über Wilhelm Reich war zum ersten Mal im deutschen Sprachraum ein Erfassen der Größe, Tragweite und Widersprüchlichkeit des Gesamtwerkes und der Persönlichkeit Wilhelm Reichs möglich geworden. Ich lernte Sharaf 1984 in München auf einer internationalen Konferenz kennen, in deren Rahmen er seine Biographie vorstellte, die in den USA gerade erschienen war. Aus diesem Zusammentreffen entwickelte sich durch mehrmals jährlich stattgefundene gegenseitige Besuche eine tiefe Freundschaft, die bis heute andauerte. Als Myron 1986 zum ersten Mal für einen mehrwöchigen Aufenthalt nach Berlin kam (dies war seitdem Tradition und führte auch zu zahlreichen Privatbesuchen) gab er einen Workshop für erfahrene Therapeuten. Mir – und wie sich später herausstellte – allen Teilnehmern erging es so, dass nach der ersten Stunde eigentlich jeder nach einer Möglichkeit suchte, aus dem Raum zu kommen; derart präzise, brillant und auch scharf benützte Sharaf Methoden der Vegetotherapie, Techniken der Psychoanalyse und des Psychodramas in der konkreten Arbeit. Innerhalb von zwei Minuten war er auf dem Punkt, der in der Entwicklung des jeweiligen Klienten noch nie bearbeitet worden war. Erst im Verlauf des Wochenendes wurden seine ungeheure menschliche Wärme und sein tiefer Humor in der Arbeit offenbar. In den folgenden Jahren wurde Berlin zum Zentrum seiner Arbeit.
Myron war Myron – eine einzigartige Kombination aus älterem Universitätsprofessor, Schüler und Mitarbeiter Wilhelm Reichs und erklärtem Humanisten alter Schule. Ein Wochenende mit ihm und einer Gruppe war wie ein Schauen von unzähligen Filmen, in denen die Teilnehmer die Hauptrolle spielen, mit Humor und Tiefe die Verschiedenheit, Einzigartigkeit ihres persönlichen Lebens und das Gemeinsame, was alle Menschen miteinander verbindet, erschauen, erfahren und erfühlen konnten. Ende März 1997 waren wir anlässlich der Feier des Bostoner Goethe-Instituts zum einhundertsten Geburtstag von Wilhelm Reich das letzte Mal für eine Woche zusammen. Auf der in einer wunderschönen Atmosphäre, mit vielen geladenen Gästen abgehaltenen Feier, hielt Myron einen seiner besten mir bekannten Vorträge über seine Zeit mit Reich in Anwesenheit von fast allen Familienangehörigen (Ilse Ollendorf, Lore Reich, Peter Reich und deren Kinder). In Wien, im Mai 1997, eröffnete er mit anderen Kollegen zusammen die Gedenkfeier der Europäischen Körperpsychotherapieorganisationen. Danach kam er – einen Tag früher als geplant – nach Berlin, das er in zahlreichen Interviews als seine zweite Heimat bezeichnete. Wir sprachen an seinem letzten Abend lange telefonisch über Freunde und die vergangene Konferenz – er hatte fast alle alten Bekannten dort noch einmal wiedergesehen. Am nächsten Abend wollten wir essen gehen. Zwischen 9.15 und 9.40 Uhr verließ Myron diese Existenz auf die vorstellbar friedvollste Weise: auf einen Patienten wartend, lag er wie schlafend ohne Zeichen eines überraschenden Ereignisses auf der Behandlungsliege seines Therapiezimmers. In den folgenden Stunden versammelten sich viele seiner Berliner Freunde schweigend um ihn bis zum späten Nachmittag.

„Warum sind keine Reichianer im Himmel? Auf dem Weg zum Himmel gibt es eine Kreuzung mit zwei Straßenschildern. Auf dem ersten steht: „Weg zum Himmel“, auf dem zweiten steht: „Vorlesungen über den Weg zum Himmel“. Aus diesem Grund findet man keine Reichianer im Himmel.“
(Myron Sharaf im Juni letzten Jahres.)

Myron ist sicher den anderen Weg gegangen. Wir vermissen Dich als Freund und Lehrer. Deine Menschlichkeit und Dein Humor bleiben unvergesslich mit uns.

Heiko.