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Archiv ‘2001’ Kategorie

Es kommt nicht oft vor, daß sich eine Tochter Wilhelm Reichs mit dem WRI in Verbindung setzt. Vor allem die „Andere“. Dr. Lore Reich-Rubin, 72 Jahre alt, die jüngere Tochter Wilhelm Reichs, hatte seit der Zeit, als sie nach dem Machtantritt der Nazis ihr Heimatland verlassen hatte, dieses nicht mehr gesehen.
Mit einer amerikanischen Reisegruppe, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, Prag und Wien zu erkunden, nahmen sich Lore Reich und ihr Mann, Dr. Julius Rubin, ein paar Tage Zeit, um sich alleine unters Volk zu mischen.
Eva Reich nahm im Herbst 2000 Kontakt mit dem WRI auf, mit der Bitte, man möge doch Lore in ihrem Wunsch, wieder ihre alte Heimat-stadt Wien zu besuchen und alte Spuren unter dem Blickwinkel der Gegenwart in ihrem Gedächtnis aufzufrischen, unterstützen. Diesem Wunsch sind wir natürlich gerne nachkommen. So erfolgte ein inten-siver Email- und Telefonkontakt zwischen Alena Skrobal und Lore, um das Treffen vorzubereiten. Dann war es fix: Lore Reich-Rubin und Julius Rubin sollten Ende Oktober nach Wien kommen, und für den 4. November 2000 wurde ein Sightseeing-Tag mit WRI-Mitglie-dern vereinbart.
Um 10 Uhr Vormittag stand ich nun vor dem Hotel gegenüber des Franz Josefs-Bahnhofs. Nach kurzem Warten auf Alena betrat ich die altehrwürdige Empfangshalle des Hotels, und schon von weitem drang der Widerschein des charakteristischen Silber-Weiß mir ins Bewußt-sein. Es gab keinen Zweifel: die Ähnlichkeit zwischen Lore und Eva Reich war unverkennbar. Das machte mich innerlich sicher. Ich schritt an sie heran und stellte mich vor, wobei ich merkte, daß mein Englisch wiederum eines Trainings bedürfte. Zwar konnte Lore noch verhält-nismäßig viel Deutsch verstehen, ihr Mann Julius Rubin war aber auf englische Konversation angewiesen.

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  • Kategorie: 2001
  • zwei Jahre „Organisationsentwicklung Wilhelm Reich Institut“
    Anton Stejskal, Individual- und Organisationsentwicklung

    In meiner Funktion als Organisationsberater habe ich das Wilhelm Reich Institut bei einem Organisationsentwicklungsprojekt begleitet. Der Prozess begann im Jänner 1999 und endete im Jänner 2001. Nach Projektende hat mich der Vorstand um schriftliches Feedback be-züglich seines Verhaltens und Vorgehens ersucht. Diesem Wunsch komme ich gerne nach. Um die Rollen zu differenzieren, werde ich sie karikieren. Übertreibungen seien mir verziehen.

    Der erste, mit dem ich in Berührung kam, war der „überforderte Hausmeister“. Seine Rolle war geprägt von Hoffnungslosigkeit (die er bis zum Schluß nicht ganz los wurde) und einer grandiosen Zähigkeit. Wie er das – teilweise antiquierte – Gebäude WRI stur und unbedankt durch die Zeiten hievt, ist bewundernswert. Wichtig zu sehen ist natürlich auch, dass der Hausmeister immer wesentlich zum Image des Hauses beiträgt. Im großen und ganzen ist er aber jemand, auf den man sich verlassen kann und wenn er grad wieder grantig ist, wendet ein kleiner Trost schnell alles wieder zum besseren (d.h. zum alten).
    Ihm zur Seite steht seit neuestem der „moderate Neuerer“. Durchaus eingedenk der Tradition, der „Lehre“, will er nicht nur die Fassade des Hauses, sondern auch die Strukturen im Inneren (Organisation, Kommunikation, Identität der HausbewohnerInnen, etc.) erneuern. Vielleicht könne man doch irgendwann mit dem, was man ist und was man hat, an die Öffentlichkeit gehen. Zum Schluß gibts da draußen jemanden, der sich für unser Haus interessiert, auch einziehen will, Miete zahlen will, etc.
    So wird er nicht müde, die HausbewohnerInnen zu Treffen einzu-laden, allein es meldet sich (fast) niemand.
    Im Vorstand gibt es noch zwei Mitwirkende, den „Traditionalisten“ und den „wohlwollenden Beobachter“. Ersterer bremst, verweist auf
    Meine, trotz starken Schocks hervorgestotterten Empfehlungen, „nichts riskieren … ruhig bleiben … Pannendienst anrufen“, kommen bei ihr nicht mehr an. Sie hat bereits aufgelegt.
    Ich verabschiede mich mit übermenschlichen Kräften von meinem Klienten und setze mich beim nächsten Handysignal vorsichtshalber auf meinen Sitzknopf. Es meldet sich jedoch mein älterer Sohn, der sich über das erleichterte Aufstöhnen wundert, das sein Anruf bei mir auslöst. In den nächsten fünf Minuten erhalte ich von ihm erstklassige therapeutische Unterstützung.
    Dann sitze ich bloß noch da und versuche mich zu sammeln. All-mählich gewinne ich wieder die Fähigkeit des Denkens zurück.
    Paula, die Person hinter der Telefonstimme, kommt schon seit sechs Jahren zu mir. Sie hat sich von einer scheuen, stark gehemmten und leicht kränkbaren Frau zu einer noch immer vorsichtigen, aber im Kontakt schon fordernder werdenden, selbstbewussten Persönlichkeit entwickelt, die seit einiger Zeit versucht, mich in ihr selbstaus-beuterisches System einzubauen, indem sie entdeckt hat, daß sie z.B. nach einem zwölfstündigen Arbeitstag von mir bloß noch gehalten werden will und mir mit dieser Form des Widerstands mächtig zu-setzt.
    Ich möchte hier nicht ihren Fall und mein therapeutisches Verhalten in den Vordergrund stellen. Um aber zu dokumentieren, wie hilflos ich mich manchmal mit dieser Klientin fühle, sei ein Satz erwähnt, den ich zwei Stunden vor dem dramatischen Abend formulierte, als sie die fast mit bloßen Händen greifbare Spannung zwischen uns mit dem An-sinnen auf Gehaltenwerden erträglich machen wollte. „Ich verstehe nicht, warum du das willst“, argumentierte ich bereits in der Defen-sive, „ich erlebe dich im Moment nicht verzweifelt oder in Not.“
    Nun sitzt sie also im Auto, hat vielleicht wirklich den lebensge-fährlichen Richtungswechsel auf der Autobahn geschafft und fährt durch dichtes Schneetreiben in meine Praxis, die im südlichen Niederösterreich, im Piestingtal, liegt. Dort, wo sich an einigen Stellen Straße, Bach, Bahn und Radweg die vorhandenen 20 Meter redlich teilen müssen.
    Ich hatte an diesem Donnerstagabend im Jänner mit meinem Sohn ein Telefongespräch zwischen zwei Therapiestunden vereinbart und schaltete, entgegen meiner Gewohnheit, das Handy schon eine Stunde vorher ein, um nicht auf den Anruf zu vergessen.
    Knapp vor Ende der Stunde, der vorletzten an diesem Tag, liegt das Handy neben meinem Schreibblock, der Klient auf der Matte. Er hat mir soeben über seine Erfahrungen bei einer körperlichen Intervention berichtet, und ich setze an, seine Äußerungen in meine Wahrneh-mungen einzubinden, als das Telefon aufjault – City-Sound!
    Ich bin irritiert. Alexander ruft gewöhnlich pünktlich an. Besonders wenn er weiß, dass ich arbeite. Zu hören bekomme ich aber die Stimme der Klientin, die erst in 30 Minuten zur Sitzung kommen soll. Das Gespräch bleibt einseitig: „Ludwig, ich fahre da gerade auf der Autobahn im dichten Schneetreiben. Wahrscheinlich komme ich zu spät in die Stunde, weil auf der Fahrbahn so viel Schnee liegt. Auch auf der dritten Spur … ohhh … ich habe einen Unfall … das Auto steht quer … die kommen alle auf mich zu … bete für mich …!!“
    Die Verbindung bricht ab …
    Ich lasse das Handy fassungslos sinken. Der Klient auf der Matte schaut mich erwartungsvoll an, die therapeutische Conclusio dieser Therapiestunde erwartend.
    Es dauert einige Zeit bis ich von den Gedankenfetzen „Mein Gott, wovon bin ich da jetzt Zeuge geworden … sie wird doch nicht … was kann ich jetzt tun …?“, abgleite und kopfüber in das schwärzeste Blackout meiner jüngsten Vergangenheit stürze.
    Der Klient blickt mich noch immer erwartungsvoll an.
    Ab diesem Moment streikt mein Erinnerungsvermögen und zwar bis zu dem Zeitpunkt, als er den Raum verlassen will (ich muss doch noch etwas gesagt haben!) und das Telefon abermals losgeht. Die Stimme meiner Klientin: „Ich stecke jetzt am Pannenstreifen gegen die Fahrt-richtung im Schneehaufen fest … die Scheinwerfer sind noch weit weg … ich glaub’, ich kann umdrehen! Warte bitte auf mich … ich komme nur ein bißchen später!“

    alte Werte, hinterfragt modernes Getue wie „Organisationsentwick-lung“ oder „Pressearbeit“ kritisch. Zweiterer überfordert seine Mit-streiter nicht mit allzuvielen Inputs und manchmal frage ich mich, warum er eigentlich da sitzt.
    Beide haben eine wichtige, zu reflektierende Funktion. Welche Dyna-mik, die draußen (im Haus) passiert, spiegeln sie drinnen (im Vor-stand) wider? Welche Art von Phlegma der Vereinsmitglieder bedient der Vorstand hier? Wo liegt die Grenze zwischen ruhigem, zentriertem Da-Sein und selbstgefälliger Apathie?
    Neuerer und Hausmeister arbeiten inzwischen. Sie haben sich zur operativen Einheit des Vierecks gemausert. Eine Selbstdarstellung gibts jetzt, Leistungen werden definiert. Es gelingt ihnen, neue Kom-munikationstrukturen zu installieren, das alte Haus kriegt neue Lei-tungen. Nicht nur innen, auch nach außen netzt es jetzt inter. Eine wichtige Voraussetzung, um neue InteressentInnen zu erreichen. Die Frage ist nur, welche? Auf die ein Jahr vorher von mir gestellte Frage, wer/was denn die wichtigen Umwelten des Vereins seien, war das Schweigen groß.
    Je mehr das Power-Duo arbeitet (sogar der Traditionalist wird aktiv), desto mehr zieht sich der Beobachter zurück. Ist das ein gutes Zeichen? Weicht die Untätigkeit dem neuen Unternehmergeist? Werden Dinge, über die man seit Jahren redet, getan? Wenn sie von einem oder zweien getan werden, hat sich nichts geändert. Das ist zuwenig. Oder ist wenig genug?

    Merke: Ein Feedback sagt immer mehr über den Feedbackgeber aus als über den Feedbacknehmer.

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  • Kategorie: 2001
  • 2/01, Isaias Costa: Schocktrauma

    A. Einführung

    Ich habe mich sehr gefreut als Beatrix Teichmann-Wirth mich eingeladen hat, für Bukumatula zu schreiben. Bukumatula war die erste Psychotherapiezeitschrift, die ich regelmäßig gelesen habe und hat daher einen besonderen Platz in meinem Herzen. Sie bringt mir das Gefühl von Verbundenheit mit Wilhelm Reich und mit lieben Leuten, die seinen Auftrag nach Liebe, Arbeit und Wissen in ihren Leben verwirklichen.

    Es freut mich auch in einer Zeit zu leben, in der die Körperpsychotherapieschulen mehr zueinander finden. So ist es schön, dass der Obmann des Arbeitskreises für Emotionale Reintegration (ERI) für die Zeitung des Wilhelm Reich Instituts schreibt. Um so mehr als dieser Beitrag Teil einer Auseinandersetzung mit ExpertInnen anderer Richtungen ist.

    Dieser Artikel gibt einen Überblick über theoretische und methodologische Überlegungen der ERI zum Schocktrauma, die auf vielen Jahren Praxis beruhen.

    Ich wünsche der Leserin (Ich verwende die weibliche Form, wenn beide Geschlechter gemeint sind) eine aufregende Lektüre und freue mich über Rückmeldungen.

    B. Charaktertrauma, Schocktrauma, PTSD

    Die Begriffe in diesem Zusammenhang werden noch sehr unterschiedlich verwendet. Ich möchte daher zum Beginn anhand eines Vergleiches drei zentrale Begriffe genauer besprechen: Charaktertrauma, Schocktrauma und PTSD (Post-Traumatic Stress Disorder, auf deutsch: Posttraumatische Belastungsstörung).

    Wenn eine Person einer verletzenden Situation ausgesetzt wird, reagiert sie mit einem Notprogramm, das, je nach Bedrohung, immer drastischere Maßnahmen setzt. Normalerweise sind diese Maßnahmen sehr effizient, sodass keine „Narben“ zurückbleiben.

    Es kann passieren, da der Selbstheilungsprozess nur zum Teil erfolgreich ist und eine Narbe entsteht. Die Wunde ist zwar geheilt, aber sie hinterlässt eine bleibende Veränderung im Organismus. Diesen Prozess auf der psychischen Ebene nenne ich Charaktertrauma.

    Dieses Trauma formt den Charakter und verringert die Mobilität der Person. Die therapeutische Arbeit besteht darin, die Narbe zu öffnen, damit der Selbstheilungsprozess wieder einsetzen kann. Die „Narbe“ steht hier für den Charakter oder Widerstand oder Verdrängung, je nach Perspektive.

    Das Notprogramm kann aber auch weniger erfolgreich sein. In diesem Fall schließt die Wunde zwar oberflächlich, innerlich aber gibt es eine Entzündung. Die Wunde schmerzt und eitert, ist unübersehbar. Da besteht die Aufgabe nicht darin, irgendeine Narbe aufzudecken, sondern vielmehr die Wunde zu reinigen und die Entzündung zu begrenzen, um zu ermöglichen, dass eine Vernarbung stattfindet. Auf der psychischen Ebene nenne ich das ein Schocktrauma, weil das Trauma die Person in der Schocksituation festhält.

    Ich diagnostiziere PTSD, wenn die „Entzündung“ außer Kontrolle gerät und sich auf den ganzen Organismus zu erstrecken droht.

    Die hier beschriebene Methode der Schockarbeit ist demgemäss sowohl in der Behandlung von PTSD, von leichterem Schocktrauma, als auch in der Persönlichkeitsarbeit nützlich. Letzeres in der Phase, wo die Narbe gerade offen ist, oder, anders gesprochen, ein Widerstand aufgegeben wird, oder die Verdrängung nachlässt, oder die Panzerung schmilzt.

    1. Zur Erforschung von Schocktrauma

    In den letzen Jahren gewinnt die Erforschung von Schocktrauma immer mehr an Bedeutung. Sie deckt ein weites Gebiet ab, das von der Neurophysiologie bis zur Psychosoziologie reicht. Siehe dazu die ausgezeichnete Artikelsammlung Kolk u.a. (1996) und das Buch von Peter Levine (1998). Es gibt auch eine Zeitschrift die allein diesem Gebiet gewidmet ist: PTSD Research Quarterly.

    Neuere Ergebnisse bringen spannende Themen auf den Tisch, z.B.:

    · mehrere ernste psychische Krankheiten, wie z.B. die Schizophrenie und Borderline Persönlichkeitsstörung (Sachsse, 1995), können mit einem Schockzustand in Bezug gestellt werden;

    · im Ursprung jedes Traumas gibt es einen Schockzustand, der neurologische Spuren hinterlässt; seine emotionale Reintegration kann durch einfache Gehirnbildtechniken dokumentiert werden;

    · das Ausmaß der Traumatisierung eines Schocks hängt stark von der vorhandenen psychischen Struktur ab;

    · die Überwindung des Traumas steht in einem direkten Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Einrichtungen zur Unterstützung des Opfers und der kulturellen Rolle des Opfers.

    2. PTSD

    Aber was ist eigentlich PTSD? Ein Beispiel: Der amerikanische Soldat nimmt an einem Angriff auf ein vietnamesisches Dorf teil, wo er die größten Grausamkeiten erlebt. Plötzlich sieht er sich einem feindlichen Soldaten gegenüber und gerät in Schock. Er wird in der letzten Sekunde von einem Kameraden gerettet. Monate später, nachdem er sich von den Verletzungen erholt hat, zurück in seiner kleinen Heimatstadt im Hinterland der Vereinigten Staaten, fängt er an, von „flash backs“ des Gefechtes terrorisiert zu werden. Er regt sich immer mehr auf, unter immer mehr Stress, kann sich in der Arbeit nicht konzentrieren, verunglückt schließlich in der Arbeit, isoliert sich gesellschaftlich, alles mit immer mehr Spannung. Am Schluss stürzt er
    in ein McDonald´s-Restaurant und metzelt alle Anwesenden nieder.- Und wird von einer Antiterror-Polizeieinheit ermordet. Causa mortis: PTSD.

    Hier eine sehr kurze Symptombeschreibung (siehe Kolk u.a., 1996):

    1. Wiederkehrendes Einblenden von schockbezogenen Erinnerungen, die Jahre hindurch, ohne an Intensität zu verlieren, bleiben.

    2. Zwanghaftes Sich-Wiederaussetzen einer dem Trauma ähnlichen Situation, sei es als Opfer oder als Täter.

    3. Verzweifelter Versuch, Umstände zu vermeiden, die Emotionen auslösen, welche mit dem Trauma zusammenhängen.

    4. Die Person befindet sich in einem andauernd übererregten Zustand, als ob sie sich noch immer real in der Gefahrsituation befinden würde.

    5. Verlust der Fähigkeit zur Aufmerksamkeit, Konzentration und Diskriminierung von Reizen.

    6. Wichtige Änderungen im Selbstbild und in der Weltanschauung, begleitet von radikalen existentiellen Entscheidungen. Gefühle von Schuld und Scham sind sehr stark und zutiefst verdrängt.

    7. Die Latenzzeit reicht in der Regel von einigen Wochen bis Monaten (inzwischen häufen sich Berichte über eine Latenzzeit von mehr als zehn Jahren, ja sogar von Jahrzehnten!).

    Die Häufigkeit der PTSD-Diagnose nimmt beträchtlich zu, denn es müssen nicht Katastrophen wie Krieg, Folter, oder Orkane Vernichtungen hinterlassen. In unserem Alltag sind Autounfälle, Überfälle, Vergewaltigungen, etc. allgegenwärtig – Ereignisse, die für das Opfer dieselbe Bedeutung wie ein Erdbeben haben können. Und sogar schlimmer: durch den Mangel an gesellschaftlicher Anerkennung der individuellen Tragödie, wird das Opfer in diesen Fällen einer verhängnisvollen Vergessenheit und Isolation ausgesetzt.

    Tabelle Schockmodell

    Wenn es ein Gefahrzeichen gibt, unterbrechen wir unsere laufenden Aktivitäten und kommen in einen Zustand der Alarmbereitschaft. Es ist ein vorbereitender Halt, in dem wir Energie aufbauen und versuchen, uns zu orientieren. Stellen wir uns ein weidendes Reh vor. Es hört ein Geräusch und bleibt still – sein Herz klopft. Eine Übersicht:

    Gefahrzeichen » Alarmbereitschaft » Orientierung

    Die Orientierung bezweckt im Grunde die Entscheidung zwischen drei Möglichkeiten: zu flüchten, anzugreifen oder den Alarm zu ignorieren. Das oben erwähnte Reh würde entweder laufen und sich in Sicherheit bringen, oder den lästigen Hasen vertreiben, oder weiter fressen. Dabei wird die vorher aufgebaute Energie entladen.
    Wie wir im vorherigen Diagramm sehen, wird jede Wiederholung des Zyklus auf einer höheren Energieebene durchgeführt. Die Umstände werden immer drängender und die Reaktionen immer drastischer, sowohl vom kinestätischen als auch vom psychologischen und biologischen Standpunkt her. Und zugleich wird die Gefahr immer größer, dass diese Energie, wird sie nicht entladen, traumatisierend wirkt.

    b. Neurologische Aspekte

    Im extremen Zustand der tonischen Immobilität ist die Funktion des Gehirns tief verändert. Diese Störungen haben einen bleibenden Charakter. Die natürliche psychische Arbeit der Überwindung der Krise in diesem Fall beschränkt sich auf die Isolation der neuronalen Verbindungen vom Rest des gesunden Netzwerks. Ein organisches Analogon ist die Bildung einer traumatischen Zyste um einen Fremdkörper, der in die Haut eingedrungen ist und nicht ausgestoßen werden konnte. Es gibt einige neurologische Symptome eines verbleibenden Schockzustandes, die leicht erkennbar sind:

    1. Fragmentierung des Gedächtnisses. Gedächtnislücken sind häufig. Es handelt sich hier nicht um Amnesie, weil die Information nicht gespeichert wurde, da das Großhirn abgeschaltet war. Die therapeutische Arbeit hier besteht darin, die Lücke mit Phantasie zu „stopfen“, basierend auf einer Interpolation der bestehenden Daten.
    Dieses wird durch ein kontrolliertes Wiedererleben der Schockumstände erreicht, was eine neuronale Reorganisation ermöglicht. Das traumatische Ereignis wird zeitlich rekonstruiert.

    2. Desorientierung. Die Klientin wird während des Schocks räumlich desorientiert. Das ist physiologisch durch den Erregungsüberschuß im emotionalen Hirnareal zu erklären, welcher die Verbindung zwischen den zwei Hirnhälften behindert. Es ist daher wichtig, der Klientin Wirklichkeitsbezüge anzubieten, Bezugspunkte. Das Ereignis wird räumlich rekonstruiert.

    3. Sprache. Ein anderes tief gestörtes Hirnareal ist dabei das Sprachzentrum. Das bewirkt, dass die Klientin Schwierigkeiten hat, ihre Erfahrungen logisch, syntaktisch, zu ordnen. Der Zugang zur Erinnerung der Ereignisse ist deswegen auf körperlicher Ebene viel leichter. Auf der anderen Seite wird auch der sprachliche Ausdruck des Ereignisses eines der Ziele der therapeutischen Arbeit sein; mit anderen Worten: die kognitive Reintegration der übriggebliebenen körperlichen Erfahrung und der teilweise rekonstruierten emotionalen Erfahrung.

    4. Archaismus: Ein letzter, wichtiger, Aspekt, den es zu besprechen gilt, ist die Tatsache, dass auch die Emotionen und Körpergefühle, zu denen die Klientin während des Schocks Zugang hat, sehr archaische Emotionen und Körpergefühle sind, aus dem Lebensalter, das vor dem Spracherwerb oder sogar vorgeburtlich ist. Es werden also Emotionen sein, die wenig von den dazugehörenden Körpergefühlen differenziert sind wie Kälte/Angst, In-den-Boden-sinken/Abspaltung, usw.

    c. Existentieller Sinn, Lebensentscheidungen

    Während des Schocks – möglicherweise weil sie ihr Leben bedroht sieht – trifft die Klientin eine Reihe von Lebensentscheidungen, die nach dem Schock weiterbestehen und die ihre Lebensqualität zutiefst beeinträchtigen können. Ein Beispiel (Costa 1999):

    Beispiel: Lebensentscheidungen

    Eine Klientin geht mit einer sehr schüchternen Haltung durch´s Leben. Sie macht sich immer wieder klein. Die Schocktraumabearbeitung eines Selbstmordversuches ermöglicht ihr, sich an die ersten Worte zu erinnern, die ihr der damalige behandelnde Arzt gesagt hatte, als sie in der Intensivstation wieder zu sich gekommen war: „Was für eine feige Art, sich in den Friedhof zu schicken!“ Dieser Satz wirkte wie ein Auftrag: In jeder Stresssituation glaubte sie, feige zu sein und handelte dementsprechend.

    Durch die therapeutische Arbeit konnte sie das Introjekt aufgeben, was eine große Änderung ihrer Lebenshaltung bewirkte.- Es ist daher die Aufgabe der Therapie, diese Entscheidungen, diese Kurzschlüsse, zu revidieren.

    Es ist genauso wichtig für die Klientin, dem Trauma einen existentiellen Sinn zu geben, um es überwinden zu können, in den Rest ihres Lebens zu reintegrieren und sogar in eine einmalige Ressource umzuwandeln. Die Bedeutung dieser Sinngebung wird umso größer, wenn wir an die Möglichkeit einer daraus resultierenden bleibenden Körperbehinderung denken.

    d. Sicherheit und Ressourcen

    Vor der eigentlichen Schockarbeit muss sichergestellt werden, dass es genug Sicherheit in der therapeutischen Beziehung und im Raum der Praxis gibt. Es ist auch von besonderer Wichtigkeit, ein gutes Repertoire an Ressourcen der Klientin an der Hand zu haben. Sie werden während des Wiedererlebens des Ereignisses als ein Mittel verwendet, um zu vermeiden, dass die Klientin wieder in Schock gerät. Diese zwei Themen, Sicherheit und Ressourcen, sind für die Behandlung des Schocks äußerst wichtig.
    Sie sind aber für diese Klientinnen keine Selbstverständlichkeit. Es ist üblich, dass die Klientin sozial isoliert ist, ohne etwas zu besitzen, das ihr Sicherheit bietet, sei es psychisch, sei es in Beziehungen freundschaftlicher, beruflicher oder sozialer Natur. Die Klientin ist auch in einer extremen Phase, hocherregt und mit sehr wenig Tonus, in der sie glaubt, gar keine inneren Ressourcen zu haben.

    2. Besondere Methoden

    Ich beschreibe jetzt eine Reihe von Methoden, die besonders in der Behandlung von Schocktraumata verwendet werden. In Wirklichkeit sind dies kleine Abänderungen von vertrauten Methoden der Körperpsychotherapie, die die Eigenart des Schockzustandes berücksichtigen. (ausführlicher: Costa 1997)

    a. Körperlesen

    Es gibt eine Reihe von Zeichen, die ein Schock auf Körperebene hinterläßt und die zur prozessualen Diagnose verwendet werden können. Sie sind wie „Überbleibsel“ vom Schock, Bewegungen, die während des Schocks eingefroren wurden. In jedem guten Workshop über Schocktrauma werden sie genau vorgeführt. Hier nennen wir nur einige Beispiele: a) der Schreckreflex (lange Nackenmuskeln hochgezogen, aufgerissene Augen, Knie nach hinten gestreckt, „in breath“), b) Reste von Angriffs- oder Fluchtbewegungen, c) Desorientierung (kurze Nackenmuskeln angespannt), d) infrahyoidale Muskulatur angespannt, e) große und starre Pupillen, f) Betäubung, g) Unfähigkeit, die Energie zu halten, h) verdrehter Körper. Die komplementäre Reaktion – nämlich die exzessive Entspannung der genannten Reflexe – hat natürlich dieselbe Bedeutung.

    b. Sicherer Ort

    Der „Sichere Ort“ ist ein imaginärer Ort, wohin die Klientin während der Therapiearbeit flüchten kann, damit sie nicht wieder in Schock gerät.

    Es gibt zwei Arten von Sicheren Orten: der heute verfügbare und der zur Zeit des Ereignisses verfügbare. Sie werden für die Flucht und auch als Ressource während der Reintegration des Traumas verwendet. Der Sichere Ort umfasst auch Personen, mit denen die Klientin sich sicher fühlt. Er muss, zumindest im Prinzip, realisierbar sein. Nicht sinnvolle wären z.B.: eine Person, die schon gestorben ist, ein Schutzengel, ein durch einen Brand zerstörtes Haus. Es ist auch notwendig sicherzustellen, dass es keine Überlappung zwischen Sicherem Ort und dem traumatischen Ereignis gibt. Eine Person wurde, z.B. zu Hause überfallen und wählt als Sicheren Ort ein Zimmer in eben diesem Haus! Auch zu beachten ist der mögliche Widerspruch zwischen dem Sicheren Ort und der Charakterstruktur.

    Die Suche nach dem Sicheren Ort ist auch nützlich, um die psychosozialen Bedingungen der Klientin zu erforschen, da ja die Isolation ein häufiges Symptom von Schocktraumaopfern ist. In diesem Sinne ist es wichtig im Hier und Jetzt der Klientin zu arbeiten und zu versuchen, sie aus der Isolation zu holen. Eine unterstützende Möglichkeit bietet eine begleitende Gruppentherapie.

    In diesem Sinne können auch Stützpersonen in der Therapie eingesetzt werden, das heißt Personen, mit denen sich die Klientin sicher fühlt und die zur Sitzung mitgebracht werden können. Dies ist bei Kindern und bei sehr starken Traumata zu empfehlen, wo sonst die Therapie nicht durchgeführt werden könnte.
    Die Beziehung zur Therapeutin und ihrer Praxis trägt auch zum Sicherheitsgefühl der Klientin bei. Daher kann die therapeutische Beziehung selbst als Sicherer Ort verwendet werden.

    c. Flucht

    Auf dieselbe Weise wird die Flucht zum Sicheren Ort in einer sehr bildlichen Art betrachtet. Es ist notwendig, die Möglichkeit zur Flucht zu haben, die die Klientin ins Hier und Jetzt zurückbringt und ihr die emotionale und körperliche Erfahrung gibt, dass der Schock nicht unvermeidbar ist.

    Die Flucht geschieht in der Form eines realen Rennens in der Praxis. Auf der Matte, im Sitzen oder im Stehen auf demselben Fleck. Sie soll unbedingt koordiniert sein (d.h.: linker Arm mit rechtem Bein und rechter Arm mit linkem Bein), um die Verbindung zwischen den Gehirnhälften zu fördern und um auch vom neurologischen Standpunkt her die Reorganisation zu erleichtern. (Dieselbe Funktion hat die berühmt gewordene Technik EMDR – Eye Movement Desensibilisation and Reprocessing. Siehe dazu Sachsse, 1995).
    Zugleich geschieht die Flucht in der Phantasie, vom Schockplatz zum Sicheren Ort. Dafür muss vorher ein Raumplan und ein Fluchtweg festgelegt worden sein. Sie sollten, wegen der zu erwartenden Desorientierung der Klientin möglichst detailliert sein. Die Therapeutin wird den Fluchtweg als ein Mittel verwenden, die Klientin während der Flucht zu führen. Die Flucht endet im Sicheren Ort und zugleich im Kontakt mit der Therapeutin in deren Praxis.

    1. Die Schockarbeit

    Das Ziel der Schockarbeit ist eine graduelle Regression zur Schocksituation, ohne dass die Klientin wieder in einen Schockzustand fällt. Durch diese Erfahrung kann sich die Klientin sensorisch reorientieren und ihren Körper wieder in Besitz nehmen. Sie kann die Emotionen, die während des Schocks dissoziiert werden mussten, reintegrieren und dabei den riesigen Stress, diese zu vermeiden, abladen. Sie kann die Folgen des Ereignisses und seinen existentiellen Sinn verstehen und sich dabei erlauben, die Schuldgefühle loszuwerden, die Wiederholung des Ereignisses zu vermeiden und es sogar in eine Ressource umwandeln. Für die Schockarbeit gilt grundsätzlich folgende ideale Arbeitsvorschrift:

    a. Wahl des zu bearbeitenden Schocks

    Die Therapeutin sollte das Ereignis im Einklang mit ihrer allgemeinen Strategie wählen und achten, dass ein gewisses Gleichgewicht zwischen der zu mobilisierenden Energie und den verfügbaren Ressourcen besteht. Danach sollten die Arbeitsregeln überprüft werden.

    b. Arbeitsregeln

    1. Stop! Das ist das Kennwort, um alle Aktionen beider Seiten zu unterbrechen. Es kann sowohl von der Klientin als auch von der Therapeutin verwendet werden. Andere Wörter, wie „Halt“, „Geh weg“, usw., werden nicht unbedingt befolgt.
    2. Lauf! Wenn die Therapeutin die Klientin zum Laufen auffordert, hat diese es unbedingt zu befolgen. Dies ist wegen der tonischen Immobilität des Schocks notwendig. Dasselbe gilt für die anderen Repräsentationsebenen (verbale: „Schrei auf!“ und visuelle: „Schau mich an!“).

    c. Bericht der Geschichte

    Dann fängt die Klientin an das Ereignis zu erzählen. Sie setzt bei einem Punkt an, wo die Emotionen noch gut integriert sind. Die Therapeutin lenkt dauernd die Aufmerksamkeit auf die Awareness der Körpergefühle und der Emotionen. Der Bewußtheitsgrad der Körpergefühle und der Emotionen, die Dichte an Details und die Unterbrechung des Berichtens ermöglichen es, die aufgewendete Energie zu kontrollieren. Sie überprüft immer wieder, ob die Klientin wieder in Schock kommt und fordert sie gegebenenfalls auf zu „flüchten“.

    d. Flucht zum Sicheren Ort

    Das Ziel der Flucht ist es, die Klientin aus der Immobilität und der Regression zu holen.

    e. Reflexion

    Die Reflexion über die Arbeit hat zur Aufgabe:
    1. Das kognitive Verstehen und das Finden eines existentiellen Sinnes,
    2. Die Änderung von psychischen Mustern,
    3. Das Vervollständigen von nicht abgeschlossenen Reflexen.

    f. Schocktrauma aufgearbeitet?

    Wenn die Reflexion abgeschlossen ist, sollten wir überprüfen, ob der Schock als abgeschlossen betrachtet werden kann:

    · Das Ereignis wird als ein Bestandteil der persönlichen Geschichte betrachtet (es ist passiert und hat mich betroffen),
    · Die Klientin ist imstande, die Geschichte mit Emotion und ohne Dissoziation zu erzählen,
    · Die Klientin ist fähig, sich in ähnlichen Situationen anders zu verhalten,
    · Die Körperzeichen des Traumas nehmen ab oder verschwinden.

    Wenn es Anzeichen gibt, dass der Schock noch aktiv ist, ist es notwendig, die Arbeit bei Punkt c (Bericht der Geschichte) wieder anzusetzen. Der Vorgang ist rekursiv und vertiefend. Die Wahl des Sicheren Ortes z.B. hängt vom Inhalt des Traumas ab; dieser kann aber erst bearbeitet werden, wenn der Sichere Ort festgelegt wurde. Der Schlüssel zur Lösung dieses Circulus vitiosus liegt darin, nur eine solche Energiemenge zu mobilisieren, die im Punkt 4 – Flucht zum Sicheren Ort – entladen werden kann.

    Dieses Rezept soll selbstverständlich nicht streng befolgt, sondern dem Prozess der Klientin angepasst werden. Es ist auch sinnvoll, sehr flexibel mit Häufigkeit und Dauer der Sitzungen umzugehen. In dem Fall z.B., wenn eine sehr große Menge an Energie mobilisiert wird, kann es sinnvoll sein das Sitzungsintervall zu verdichten.

    Das Trauma sollte nicht unmittelbar nach dem Schock bearbeitet werden. Der Klientin soll zuerst die Möglichkeit geboten werden, die existierenden persönlichen und sozialen Ressourcen in Anspruch zu nehmen, um die Krise zu überstehen.

    4. Zusammenfassung

    Wir haben hier die Psychodynamik des Schocks untersucht. Sie ist zusammen gefaßt in der tonischen Immobilität, Folge der Unfähigkeit einer Entscheidung zwischen den primären Impulsen von „fight or flight“. Wir haben gesehen, dass der Organismus in einer Überlebensstrategie die komplexeren Funktionen allmählich abschaltet und die Schockabwehr nur auf einer sehr archaischen Ebene möglich ist; der Organismus regrediert zu einem immer früheren Entwicklungsstadium und verliert die differenzierten psychischen Funktionen. In diesem Kontext von extremer Not haben Begriffe wie „existentieller Sinn“, „Sicherheit“ und „Ressourcen“ eine sehr wichtige Rolle.

    Mit diesem Wissen war es leicht, eine spezielle Methode zur Behandlung von Schocktrauma zu beschreiben, die sowohl bei PTSD als auch in der Behandlung von Charaktertraumata indiziert ist.

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    Literatur:

    Costa, I., Schocktrauma – Eine Einführung, in PULSATIONEN 24, 4, Wien, 1997
    Costa, I., Die Schwangerschaft als Weg zur eigenen Geburt, in PULSATIONEN 31, 5, Wien, 1999
    Kolk, B., McFarlane, A. & Weisaeth, L., (Hg.), Traumatic Stress, the Effects of Overwhelming Experience on Mind, Body and Society, The Guilford Press, New York, 1996.
    Levine, P., Frederick, A., Trauma-Heilung – Das Erwachen des Tigers – Unsere Fähigkeit, traumatische Erfahrungen zu transformieren, Synthesis, Essen, 1998
    Sachsse, U., Selbstverletzendes Verhalten. Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen, 1995

  • Kommentare deaktiviert für 2/01, Isaias Costa: Schocktrauma
  • Kategorie: 2001
  • „Wir stehen immer noch am Anfang und werden weitergehen“

    Wolfram: Wie bist Du zur Chinesischen Medizin gekommen?

    Heiko: Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, fiel mir in einer Buchhandlung in Hannover – der nächstgrößeren Stadt von meinem Heimatort Barsinghausen, wo jetzt oft die Wilhelm-Reich-Gesellschaft im Zukunftsinstitut von Prof. Dr. Arnim Bechmann tagt – das Buch Taoteking von Laotse in die Hände. Diese Schrift, die in ihren rätselhaften Aussagen, Allegorien und Parabeln die letzte Hinterlassenschaft einer ca. 7000 Jahre alten, nicht-religiösen Naturerkenntnis und -beschreibung pflegenden Kultur darstellt, begleitet in all ihren verschiedenen Übersetzungen mich bis heute durch mein Leben. Der Begriff einer Lebensenergie „chi“, ihre Widerspiegelung in polaren Funktionen wie „yin“ und „yang“, ihre Wandlungsphasen, prägte mein Weltempfinden und Erkenntnisinteresse.

    W: Hast Du damals auch schon Wilhelm Reich gelesen?

    H: Da mir schon in diesen Jahren in einem ziemlich elitären Gymnasium Sigmund Freud, Erich Fromm und Carl Gustav Jung bekannt gemacht wurde, war mein Erstaunen umso größer, als ich mit vierzehn Jahren das Buch „Wilhelm Reich und die Orgonomie“ des norwegischen Philosophen Ola Raknes in die Hände bekam; hier sollte ich all das angesprochen finden, was ich im Westen vergeblich suchte: die Beschreibung und Erforschung einer alles durchdringenden Lebensenergie, die Wilhelm Reich „Orgon“ nannte. Dies, das war mir unmittelbar klar, wollte ich verfolgen, nachvollziehen und der weiteren Erforschung meinen Lebensweg widmen.

    W: Gibt es außer der Idee einer alles verbindenden Energie noch andere Gemeinsamkeiten?

    H: Interessanterweise führte bei beiden Richtungen der Weg nicht weiter: In der Stadtbibliothek gab es nur wenig an weiterführender Literatur über den Taoismus – die Tradition war, wie andere – unter Mao Tse Tung fast vollständig vernichtet worden, die Schriften verbrannt, die Großmeister oder besser „Stammhalter“ inhaftiert worden, viele der Meister der verschiedenen großen Schulen des Taoismus, Buddhismus und Konfuzianismus unter Folter gestorben. Und ähnlich bei Reich: die Schriften verbrannt, er inhaftiert, im Gefängnis gestorben, nur ein kleiner Bruchteil seiner Werke über Fernleihe in der Bibliothek erhältlich.

    W: Welche Wege hast Du dann weiterverfolgt?

    H: Den weiteren Weg kennst Du, lieber Wolfram, und durch meine Veröffentlichungen seit 1979 sicher auch mancher der Leser: politische Arbeit, Beginn des Studiums von Physik und Psychologie in Göttingen, dann Wechsel zur Humanmedizin in Mainz und Berlin; seit 1979 Aufbau von Arbeitsgruppen, Forschung, Vorträge und Therapieerfahrungen in deutschsprachigen Ländern, Skandinavien und in den USA. Nachvollzug der Bionforschung und Blutdiagnostik, Akkumulatorbehandlung von an Krebs erkrankten Menschen, Weiterentwicklung der Orgontherapie, atmosphärische Studien zum „cloudbusting“, Arbeit mit fast allen damals noch lebenden Schülern Reichs, Vorlesungsreihen, Kongresse und zuletzt die Mitbetreuung der Herausgabe des Spätwerks Reichs durch die auch sehr kritischen Begleitbände, die im Verlag „Zweitausendeins“ erschienen sind … eigentlich ist damit das gesamte Werk Wilhelm Reichs in den letzten zwei Jahr-zehnten veröffentlicht worden.

    W: Was ist es, was für Dich Reichs Gedanken und das Chi vereint oder auch voneinander trennt?

    H: Wenn Du mein Hauptwerk „Orgontherapie“ sorgfältig liest, wirst Du in manchen Kapiteln über Reich etwas finden, das auf den unbekannten, mir nur durch die Erzählungen seiner letzten Schüler Vertrautes hinweist: die spirituelle und geistige Dimension, der sich Reich in den letzten Jahren der Erforschung der kosmischen Funktionsgesetze des „Orgon“ näherte: z.B. auch in den Zitaten meiner Veröffentlichung „Den Prozess der Schöpfung offen halten“ in Bukumatula vor einigen Jahren. Diese Dimension hatte mich ebenfalls seit meiner Jugend begleitet und tauchte – wie in „Orgontherapie“ an einigen Stellen erwähnt – auch in der therapeutischen Arbeit immer wieder überraschend auf. Auf der anderen Seite hatte ich durch meine Erfahrungen mit sogenannten Meistern der Kampfkunst, des Qi Gong und taoistischen Lehrern, deren Ursprung aber nicht in der ursprünglichen Tradition Laotses lagen, die Gewissheit erlangt, dass es Energieformen und -arten gibt, die nicht so direkt mit physiologischen Regelungsvorgängen einhergehen wie das nahe am biologischen Organismus angelagerte Orgon. Wie Du weißt, gibt es unterschiedlichste Namen für etwas, was wir im Westen als „Lebensenergie“ bezeichnen, um nur die bekanntesten zu nennen: Prana, Od, animalischer Magnetismus, Chi, Orgon etc., etc. Nur: die Differenzierung wurde mir erst über die Jahre klarer und dass die Orgonenergie wirklich die letzte klar zu beschreibende – und zu erforschende Schnittstelle zwischen dem nicht eindeutig materiellen und hochkomplex organisierten Bereich der Existenz darstellt; und deshalb sind Wilhelm Reichs Forschungen, auch mit den manchmal festzustellenden Überinterpretationen so herausragend in der westlichen und östlichen Welt.

    W: Kann man also Orgon mit Chi vergleichen?

    H: Um es klarer zu machen: das, was der Taoismus in seinen höchsten philosophischen Schulen als „Chi“ bezeichnet, bildet die Brücke zwischen dem Bereich der Nicht-Existenz („Wuji“) und dem Bereich der Existenz („Youji“); je näher das Chi der Welt der Formen, der Existenz, kommt, umso verdichteter, „härter“, wird es. In dieser Sichtweise ist „Orgon“ ein schon mit dem Bereich der Existenz wechselwirkendes, dichtes „Chi“, das damit aber auch teilweise physikalisch und biologisch messbare Wirkungen entfaltet.

    W: Hast Du selbst auch praktische Erfahrungen mit Taoismus, mit der Chinesischen Energiemedizin gemacht?

    H: Die direkte, vom jetzigen Stammhalter der höchsten Schule des Taoismus, Prof. Lu Jinchuan praktizierte Chi-Medizin, ist überwältigend wirksam, aber nur in philosophischen Begriffen beschreibbar und nur durch Verständnis dieser Grundlagen erlernbar. Ich habe mich vor drei Jahren in diese Praxis begeben und inzwischen sind mehr die Hälfte der Mitglieder der Berliner Wilhelm-Reich-Gesellschaft in der Grunderfahrung dieser Schule unter Einweihung durch Lu Jinchuan befindlich.

    W: Da entsteht offenbar eine Zusammenarbeit?

    H: Ja, es ist sogar sein ausdrücklicher Wunsch, die Erkenntnisse des Taoismus im Westen mit der Lebensenergieforschung Reichs zusammenzubringen – ein Traum, der auch meiner seit der Jugend war und ist. Auch Dr. Eva Reich hat mich sehr bestärkt, diesen Weg zu gehen. Vieles, fast zu vieles wäre darüber in der Einfachheit und Komplexität dieses Ansatzes zu sagen; wir stehen immer noch am Anfang und werden weitergehen.

    W: Heiko, danke für dieses Interview. – Deinen Vorschlag aufnehmend, einen „ersten, ganz persönlichen Erfahrungsbericht von der Begegnung mit dem Stammhalter einer unbekannten Tradition“ werden wir gerne unserem Gespräch folgen lassen.

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  • Begegnung mit dem Stammhalter einer unbekannten Tradition.

    von Heiko Lassek

    Das Fischernetz ist da, um Fische zu fangen. Wir wollen die Fische behalten und das Netz vergessen. Die Schlinge ist da, um Kaninchen zu fangen. Wir wollen die Kaninchen behalten und die Schlinge vergessen. Worte sind da, um Gedanken zu vermitteln. Wir wollen die Gedanken behalten und die Worte vergessen. Oh welch ein Vergnügen mit einem Menschen zu sprechen, der die Worte vergessen hat. (Dschuangse, Kap XXVI)

    „Es gibt in diesem System nur eine Regel: Es gibt keine Regel …“
    (Der Übersetzer während des ersten Wochenendes)

    Ich werde im Folgenden über etwas zu schreiben versuchen, dessen Erfahrung nicht in Worte zu fassen ist. Und doch erscheint mir dieser Bericht notwendig, um die Begegnung mit einer der ältesten chinesisch-taoistischen Traditionen im europäischem Raum zu vermitteln. Ich befinde mich mit diesem unmöglichen Versuch in guter Übereinstimmung mit der Übermittlung der alten chinesischen Naturphilosophie; schon Po Chüi, der berühmte Dichter der Tang Zeit, gab einen humorvollen Kommentar zum Taoteking:

    Jene, die reden, wissen nicht,
    Jene, die wissen, reden nicht.
    Das erklärt uns schon Laotse.
    Sollen wir glauben, dass er selbst
    einer war, der wusste;
    Wie kann es dann sein, dass er schrieb
    nicht weniger als fünfmal tausend Worte?

    (zitiert nach: Chang Chung-yuan, Tao, Zen und schöpferische Kraft, Diederichs gelbe Reihe, Köln 1983)
    Prof. Lu J

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  • 4/01, Heiko Lassek: Chi und Orgon

    Versuch einer Beschreibung über Identität und Verschiedenheit westlicher und östlicher Verständnisebenen von lebensenergetischen Funktionen in zwei Teilen.

    Erster Teil: Das Chi im Daoismus

    Das Fischnetz ist da, um Fische zu fangen. Wir wollen die Fische behalten und das Netz vergessen. Die Schlinge ist da, um Kaninchen zu fangen. Wir wollen die Kaninchen behalten und die Schlinge vergessen. Worte sind da, um Gedanken zu vermitteln. Wir wollen die Gedanken behalten und die Worte vergessen. Oh welch ein Vergnügen mit einem Menschen zu sprechen, der die Worte vergessen hat. (Chuang Dzu, Kap XXVI)

    1. Zum Daoismus

    Der Dialog zwischen Europa und der Volksrepublik China wird im 21. Jahrhundert mit Sicherheit an großer Bedeutung gewinnen. Kulturell ist dabei auf ein im Westen seit langem bestehendes, in den Ursprüngen auf Einschätzungen der jesuitischen Missionare zurückzuführendes Missverständnis hinzuweisen: keinesfalls ist die Bevölkerung der 1,2 Milliarden Menschen umfassenden Republik an konfuzianistische oder sogar marxistische Traditionen so stark gebunden wie an die jahrtausende alte Überlieferung des Daoismus und an zweiter Stelle der chinesischen buddhistischen Schulen. Ein weiterer Grund dieser Fehleinschätzung liegt darin, dass konfuzianistische Tugenden, da sie im staatstragenden Beamtentum besonders verbreitet waren und sind, für Europäer leichter erkennbar und nachvollziehbar sind als die einerseits zahlreichen religiösen und manchmal okkulten daoistischen und buddhistischen Traditionen.

    „Für die Zukunft Chinas kann die Idee und Bedeutung daoistischer Auffassungen vom Umgang mit der Natur und vom sozial verträglichen Zusammenleben bedeutsam werden, wobei immer wieder auf den symbiotischen Charakter des Daoismus („Viele Flüsse fließen in den Strom“) hingewiesen wird. Die daoistischen Praktiken haben auch wegen ihrer heilenden Wirkungen gesellschaftliche Bedeutung, vor allem eben auch in Notzeiten. Letztlich zielen viele Praktiken auf die Erreichung des Ideals einer „Gesellschaft des Großen Friedens“ ab und hierin liegt neben den Urtexten des Daoismus auch heute noch eine immense gesellschaftsgestaltende Kraft.“ (Zum Dialog mit der VR China verweise ich auf das von Josef Thesing u. Thomas Awe herausgegebene Buch „Dao in China und im Westen – Impulse für die moderne Gesellschaft aus der chinesischen Philosophie“, Bouvier Verlag, Bonn 1999, das auf einem von der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierten Konferenz zu diesem Thema basiert; diese war die erste ihrer Art in Europa seit mehr als 25 Jahren – siehe das Vorwort der Herausgeber zu dieser Publikation.)

    Die philosophischen Hauptprinzipien des Daoismus bilden drei Begriffe:

    wuwei: Nicht-Handeln, Handeln ohne zu tun;
    ziran: Natürlichkeit, den Gesetzen der Natur folgend;
    fanben: Orientierung und Rückkehr zu den Wurzeln – und der Umgang mit dem „Chi“.

    2. Zum Begriff des „Chi“

    Chi wurde und wird im angloamerikanischen Raum fast immer mit „Energie“ übersetzt und allgemeinsprachlich dem Begriff einer „Lebensenergie“ gleichgesetzt. In Wirklichkeit bezeichnet Chi – nur im Kontext übersetzbar -, den gesamten Kreislauf der Transformation des Wassers vom Grundwasser hinauf in die Welt der Pflanzen, vom Tautropfen zum Nebel über den Feldern, vom Nebel bis zum Aufstieg durch Verdunstung zur Bildung von Wolken am Himmel, von der Verdichtung der Wolken bis zum Herabregnen auf die Erde, vom Einsickern bis zum Grundwasser in der Tiefe, vom Aufstieg in die pflanzliche Welt bis zur Verdunstung… Die chinesische Kalligraphie für Chi zeigt symbolisch die Nebeltropfen über den Reisfeldern… Weitere in der westlichen Literatur zu findende Übersetzungen von Chi sind: „lebensspendendes Prinzip“, „Veranlagung“, „Kraft“, „Gas“, „Dampf“, „Wetter“, „Luft“, „Einflüsse“, „Atem“ oder „materielle Kraft“.
    Im Vergleich dazu sind in der Gesamtenzyklopädie der chinesischen Sprache, dem „Zhongwen Dazidian“, 21 verschiedene Eintragungen zu der Bedeutung von „Chi“ als einzelnes Zeichen zu finden:

    (1) Einen der drei physikalischen Zustände (wie gasförmige, flüssige oder feste Körper). Das, was keinen festen Körper hat, was flüssig ist und in der Lage ist, sich zu sammeln und zu verstreuen, ist Chi…
    (2) Es sind die Wolken.
    (3) Es ist die Erscheinung der Natur zwischen Himmel und Erde und bezeichnet die Qualitäten Yin und Yang, Luft und Wasser, Dunkelheit und Helligkeit…
    (4) Abdampfendes und aufsteigendes Chi…
    (5) Dunst, Rauch…
    (6) Der ein- und austretende Atem…
    (7) Die Lebenskraft des Körpers…
    (8) Das ursprüngliche Chi. Die dem Erzeugen und Wachsen der 10000 Wesen zugrundeliegende Kraft.
    (9) Das äußere Erscheinungsbild des Feinstgeistes „jingshen“ (am Körper) heißt Chi, wie zum Beispiel ein „tapferer Ausdruck“ „yong-qi“, ein „verwahrloster Ausdruck“ „muqi“ (wörtl. Übers.: „Grabes-Chi“), ein „mächtiger Ausdruck“ „haoqi“, „eitler Ausdruck“ „Yiqi“.
    (10) Kraft.
    (11) Emotion.
    (12) charakterliche Veranlagung.
    (13) Gestank, Duft.
    (14) riechen (verbal), Geruch.
    (15) Das, was Dinge „beeinträchtigt und auf sie einwirkt“.
    (16) Der Volksmund sagt, dass Ärger und Melancholie (eine Art) von Chi sind.
    (17) Körperliche Gestalt.
    (18) Klima, im Sinne der Chinesischen Klimaperioden „qieqi“ (von denen es nach chinesischer Theorie 24 gibt).
    (19) Im Altertum wurde das Zeichen qi auch so geschrieben: (unten „Feuer“, oben „Dunst“).
    (20) Im Altertum wurde das Zeichen qi auch so („Sonne mit Dunst“), oder so (unten „Feuer“, oben „das Nichts“) geschrieben.
    (21) Es kann auch Bambusgefäß oder Gefäß heißen.

    Interessant ist auch die Verwendung des Wortes „Chi“ in Binomen, hier einige Beispiele:

    Barometer „qijaji“
    Lufttemperatur „qiwen“
    Luft schnappen „qiji“
    Wetter „qixiang“ (wörtl. Übers.: „Qi-Bild“)
    ärgerlich sein „shengqi“
    Hass „qihen“
    psychische und physische Disposition „qixing“
    natürliche Begabung/Veranlagung „qibin“
    Melancholie „qijie“ (wörtl. Übers.: „Qi-Verklebung“)
    moralische und charakterliche Veranlagung „qizhi“
    angeborene Konstitution „yuanqi“ (im klassischem Kontext: „ursprüngliches Qi“)

    Neben den philologischen Erklärungen des Piktogramms „Chi“ im Wörterbuch „Shouen“ scheint sich das Bedeutungsspektrum von Chi innerhalb der traditionellen chinesischen Medizin und in den Naturwissenschaften in einem außerordentlich großen Spektrum verbreitert zu haben. Die Verwendbarkeit als Binomen führte zu einer Anwendung in verschiedensten Wissensbereichen, damit aber auch zu einer Vermischung von Bedeutungserteilungen. So wurden unterschiedlichste Konzepte unter einem Dach – dem Begriff des „Chi“ – zusammengeführt, welche weitgehend unklar erscheinen und bisher keine einheitliche Definition in westlichen Sprachen zulassen. „Das gilt auch für die traditionelle chinesische Medizin, denn wenn man die beiden Bücher des wohl ältesten und wichtigsten Gesamtwerkes der chinesischen Medizin, des „Huangdi Neijing“ (Der innere Klassiker des gelben Kaisers) und seine beiden Teile „Suwen“ (Reine Fragen) und „Lingshu“ (Geisthafte Problemstellungen) untersucht, so wird man feststellen, dass in diesem Werk zwar mit einem Konzept von Chi gearbeitet wird, allerdings niemals und nirgends je erklärt wird, was Chi als solches eigentlich ist. Spezifizierungen in der Kategorisierung von Chi werden lediglich hinsichtlich der Wirkung von Chi oder der verschiedenen Ausformungen des natürlichen Erscheinungsbildes von Chi in der Natur oder innerhalb des Körpers gemacht.“ (Kubny, M. qi, Lebenskraftkonzepte in China: Definitionen, Theorien und Grundlagen, Heidelberg : Haug 1995)

    Im Folgenden werde ich den Versuch einer philosophischen Klärung des Begriffs „Chi“ in der Tradition der bis in die Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geheimgehaltenen Schule des „Taiji Men“ versuchen. Taiji bedeutet vor dem Anfang und nach dem Ende der Existenz, Men bedeutet Tor. Diese Schule ist in der VR China die anerkannt höchste philosophische Schule des Daoismus.
    Taiji Men unterteilt den Bereich der gesamten, auch der für uns nicht wahrnehmbaren Welt in zwei verschiedene Sphären:

    der des Wu (des Nichts) und der des You (der Existenz). Alle Dinge, d.h. auch die menschliche Existenz, kommen aus dem wu, existieren nach der Zeugung für einige Zeit im you, um dann im Verlöschen, dem Tod, zurückzukehren in das wu.
    Das diesen Prozess (vom wu zum you zum wu) vermittelnde und überbrückende Agens ist Chi.

    Je näher das Chi sich dem Bereich der Materie (you, der Existenz) nähert, desto dichter wird es und interagiert mit den Gesetzen der für uns erfahrbaren Wirklichkeit. So ist das Chi, das bestimmte chinesische Heiler und Kampfkünstler durch ihre Hände abstrahlen können („waiqi“, das harte Chi) wissenschaftlich nachweisbar und wird seit mehr als zehn Jahren von der staatlichen Untersuchungskommission für Qigong-Wissenschaften erforscht. Tatsächlich handelt es sich hier um eine sehr einfache, lenkbare Funktion. Sanftes, heilendes Chi fortgeschrittener Heiler dagegen kann bisher nicht wissenschaftlich messbar erfasst werden; seine Effekte in Bezug auf die Hemmung von Bakterienwachstum und der Steigerung der Sprossung von Samen verschiedenster Pflanzenarten ist jedoch einwandfrei dokumentiert – Infrarot- und Magnetfeldmessungen zeitigen hier im Gegensatz zum harten Chi kein Ergebnis. Um einen (zu) einfachen Vergleich zu versuchen: wenn Chi einige Eigenschaften des Wassers haben sollte, so hätte es auch flüssige, gasförmige und kristalline Aggregatzustände – es hat zahlreiche mehr. Menschen können das Chi unter besonderen, aber einfach herzustellenden Umständen wie einen bewegten Ozean von Wasser oder Luft erfahren, jedoch es im übertragenen Sinne zu Eis frieren zu lassen und mit diesem in Kampfkunst und Medizin umzugehen, erfordert jahrelange Übung; dies gilt erst recht für den subtilen, gasförmigen Zustand.

    Der Philosophie des Taiji Men entsprechend werden die Menschen vom Universum erschaffen und der menschliche Körper stellt einen Mikrokosmos dieses Makrokosmos dar. Die Strukturen des Organismus korrespondieren mit den Strukturen der natürlichen Welt. In der Natur unterstützt das Wasser der Flüsse und Seen alle lebenden Dinge, so wie das Blut im Körper alle Zellen und Organe nährt. In diesem Bild entsprechen das Wasser und die Flüsse dem Blut und den Adern der organischen Welt. Darüber hinaus gibt es noch die Luft, unsichtbar, aber von fundamentaler Bedeutung für den überwiegenden Teil der Existenz auf diesem Planeten. Metaphorisch entspricht sie dem Chi. Wie können wir die Luft erfahren, wie kann man das Chi erfahren? Normalerweise können wir die Existenz der Luft nicht fühlen, solange wir oder sie unbewegt ist. In dem Moment, in dem sich die Luft in Bezug auf uns bewegt und zu einem Luftzug oder Wind anschwillt, können wir sie fühlen. Metaphorisch verhält es sich in gleicher Weise mit dem Chi. Wenn das Chi den Körper bewegt, wird der Körper in bestimmte Bewegungen kommen und der Mensch ist in der Lage, es zu fühlen. Die Übungsmethode hierzu bilden die sogenannten „spontanen Bewegungen des Taiji Men“ – „Shi Fang Wu Ji Dang“ (spontane Bewegungen in einem besonderem Zustand); sie und die Praxis von Wu wei sind die Hauptmethode der Selbstbehandlung in der Qi Dao Medizin. Nach vollständiger, durchgehender Entspannung werden die Selbstheilungskräfte der Patienten wieder aktiviert, so dass diese Krankheiten sich selbst ausheilen lassen können. Diese Methode kann einen sehr großen Bereich von Erkrankungen heilen. Insgesamt betrachtet, beeinflusst sie jede menschliche Krankheit. Die entscheidenden Faktoren sind erstens der Grad der Entspannung, die ein Patient erreichen kann und der Schweregrad der Erkrankung.“ (zitiert nach: Tom Zhang und Carol Yeung, „The Science of Qui Dao Medicine“, 1999 in: Heiko Lassek (Hrsg.), „Wissenschaft des Lebendigen“, Verlag Simon und Leutner, Berlin)

    Wie oben erwähnt, kann Chi auch zur Behandlung menschlicher Erkrankungen eingesetzt werden. Vereinfachend skizziert sind die Unterschiede zwischen westlicher Medizin, traditionell chinesischer Medizin (TCM) und Chi-Medizin jedoch bedeutsam.

    Die westliche Medizin beruht auf der Behandlung vorliegender körperlicher Störungen. (Im letzten Jahrzehnt wurde versucht, nahezu alle psychischen Erkrankungen auf eine physische Störung der Überträgerstoffe im Gehirn zurückzuführen.) Sie beruht auf naturwissenschaftlichen Vorstellungen und Ergebnissen, wo sich ein Organ befindet und wie es zellulär funktioniert; man kann sie als „Organmedizin“ bezeichnen.

    Die traditionelle chinesische Medizin basiert auf den funktionellen Erscheinungen der Organe.

    Diese Medizin bezieht sich nicht auf die physische Existenz der Organe, sondern auf ihre Funktionen. In der TCM befindet sich z.B. die Leber auf der linken Seite; obwohl die physische Leber auf der rechten Seite lokalisiert ist, erscheinen ihre Funktionen auf der Linken. Für diese medizinische Richtung ist es nicht ausschlaggebend, wo exakt ein Organ sich im menschlichen Körper befindet; wichtig sind seine, den gesamten Organismus beeinflussende Funktionen. Die TCM kann also als eine „Organerscheinungsmedizin“ betrachtet werden.

    Für die Chi-Medizin ist weder die nach westlicher Ansicht bedeutsame Lage noch der Blickwinkel der TCM auf die Funktion das Entscheidende; bedeutsam ist das Chi-Feld des Organs, man könnte sogar sagen: der Geist des Organs. Nicht die exakte Lokalisation z.B. der Leber, noch die Funktionen sind in dieser Herangehensweise das Wesentliche; entscheidend ist die Lage und die Ordnungsstruktur des Chi-Feldes.

    3. Exkurs über die Chi-Medizin.

    Um diesen zentralen, im Westen unbekannten Ansatz zu vertiefen, werde ich im Folgenden auf die Vorstellung der Chi-Medizin am Beispiel des menschlichen Herzens eingehen:
    Dabei wird der geistige Aspekt als Kraft dafür angesehen, die dafür sorgt, dass verschiedene Elemente als Einheit zusammenarbeiten. (Diese Definition ist relativ und vereinfachend; im Kern sind in der daoistischen Philosophie der geistige und der körperliche Aspekt eins.) Beide Begriffe haben Auswirkungen aufeinander, entwickeln und durchdringen einander; ohne das Geistige gibt es nichts Körperliches. Ohne das Körperliche gibt es nichts Geistiges. Wenn es etwas Geistiges in der körperlichen Form gibt, muss es auch etwas Körperliches in der geistigen Form geben. Die grundlegenden daoistischen Vorstellungen über das Leben bilden den Schlüssel zum Verständnis der Chi-Medizin:

    „Wir kennen die folgenden Fakten über unser Leben: es gibt ein Leben in einem menschlichen Körper. Unser Körper besteht aus vielen Zellen. Da wir sicher sind, dass Punkt 1 wahr ist, hat dann nicht auch jede Zelle ein Leben? Wenn keine Zelle ein Leben hat, wie kann dann ein ganzer und vollständiger Körper ein Leben haben? Daher müssen wir einen weiteren Punkt hinzufügen: Jede Zelle hat ein Leben. Aus den oben aufgeführten Punkten ziehen wir die Schlussfolgerung A, die besagt, dass das Leben des Körpers sich aus den Leben von vielen Zellen zusammensetzt. Genauso ist jeder Teil des Universums eine „Zelle“ des Universums. Somit kommen wir zur Schlussfolgerung B, die besagt, dass jedes einzelne Leben im Universum auch ein Teil des Lebens des Universums ist. Gemäß den Schlussfolgerungen A und B können in der Qi Dao-Medizin alle Formen des Lebens auf drei Ebenen analysiert werden. Die erste Ebene der Lebensformen sind die Dinge und Wesen, so wie wir ihnen begegnen. Sie werden ‚He Sheng‘ (zusammengesetztes Leben) genannt, denn alles Leben ist aus einfachen, primären Leben zusammengesetzt. Die zweite Ebene der Lebensformen sind jene, die noch einfacher sind. Sie werden ‚Fen Sheng‘ (geteilte Leben) genannt, und aus ihnen ist ‚He Sheng‘ (zusammengesetztes Leben), die erste Ebene der Lebensformen zusammengesetzt. Die dritte Ebene der Lebensformen, die ‚Zong Sheng‘ (universelle Leben) genannt wird, setzt sich aus der ersten Ebene der Lebensformen (zusammengesetztes Leben) zusammen. Die erste Ebene der Lebensformen sind die Leben, die universellen Leben zugrunde liegen. (‚He Sheng‘ sind die ‚Fen Sheng‘ der ‚Zong Sheng‘.) Das Leben eines menschlichen Körpers, zum Beispiel, ist das ‚He Sheng‘ (zusammengesetztes Leben), die Leben der Körperzellen sind die ‚Fen Sheng‘ (geteilte Leben) und das Leben des ganzen menschlichen Wesens ist das ‚Zong Sheng‘ (universelles Leben). Nachdem wir alle Lebewesen mittels dieser Methode analysiert haben, kommen wir zu den folgenden Schlußfolgerungen: Die Erzeugung eines Lebens bringt gleichzeitig viele andere Leben hervor. Der Vorgang der Erzeugung eines Körperlebens zum Beispiel, ist auch der Vorgang der Erzeugung der Leben vieler Zellen. Es gibt Leben in einem Leben. Im Leben eines Körpers, zum Beispiel, der körperlichen und biologischen Existenz einer Person, gibt es die Leben vieler Zellen. In einem Leben gibt es viele Geburten und Tode von Leben. Jeden Tag entstehen und sterben Zellen in einem Körper. Folgerichtig entsteht ein Leben aus einer Ansammlung von Leben. Was ist zum Beispiel mein Leben? Es ist eine Zusammenkunft der Leben von vielen Lebewesen, wenn wir annehmen, dass es viele Leben in einem Leben gibt. Auf die gleiche Weise besteht das Leben eines Körpers aus dem Leben der Organe. Da der geistige und körperliche Aspekt eines sind, gibt es darüber hinaus körperliche Formen in einer körperlichen Form und geistige Formen in einer geistigen Form. Daraus können wir schließen, dass der physische Körper auch geistig ist und die körperlichen Organe oder Gewebe auch geistig sind. Denn wenn ein Organ keinen Geist hat, wie können dann alle Zellen der Organe zusammenarbeiten, um ihre Aufgaben zu erfüllen? Der menschliche Körper besteht physisch aus Zellen, Gewebe und Organen. Der Geist des menschlichen Körpers besteht auch aus den „Geistern“ der Zellen, der Gewebe und der Organe. Auf höherer Ebene der Qi Dao-Medizin konzentriert sich die Forschungstätigkeit hauptsächlich auf die „Geister“ der Organe. Subjektive und objektive Forschung: einer der offensichtlichsten Unterschiede in den Ergebnissen, die durch physikalische – im Gegensatz zu geistigen Methoden – gewonnen wurden, ist die Ansicht, welcher Teil des menschlichen Wesens denkt. In der westlichen Medizin ist bekannt, dass das Denken durch das Gehirn geschieht, welches auch die Kommandozentrale des menschlichen Körpers ist. Die traditionelle chinesische Medizin und die Qi Dao-Medizin sind dagegen der Ansicht, dass das Herz (Xin) die Gedanken kontrolliert. Die Aufmerksamkeit und das Herz sind hier nicht der Ort des Denkens. sondern der Ort, von dem aus das Denken kontrolliert wird. Das Herz ist nicht das Herzorgan, welches hauptsächlich für den Blutkreislauf verantwortlich ist, sondern die Herzgegend, die in der Nähe des Herzens und in der Mitte der Brust ist. Um Missverständnisse zu vermeiden, werden wir Xin, das chinesische Wort für Herz, verwenden, um diese Bedeutung zu vermitteln. Wenn wir untersuchen wo die Kommandozentrale des menschlichen Körpers ist und wenn subjektive Erfahrungen eine wesentliche Rolle spielen, dann stellen wir fest, dass Xin der gesuchte Ort ist. Im allgemeinen beobachten wir, dass es uns glücklich macht, wenn wir etwas Gutes hören und dass es uns traurig macht, wenn wir etwas Schlechtes oder Bestürzendes hören. Die erste Reaktion des menschlichen Körpers wird nicht vom Kopf her gesteuert, sondern von Xin her. Als erstes werden wir gewahr, dass sich in unserer Brustgegend Gefühle oder Empfindungen regen. Dies löst dann eine Kettenreaktion aus. Unser Verstand fängt an zu denken. Wenn das Xin nicht ruhig und friedlich ist, kann der Denkprozess in unserem Verstand nicht ruhig sein. Zorn, zum Beispiel, hört nicht auf die Argumente des Verstands, sondern auf unser Xin. Wenn wir zornig werden, spürt unser Xin das als Erstes. Auch wenn unser Verstand manchmal gewahr wird, dass weder Zeitpunkt noch Situation für Zorngefühle gut gewählt sind, können diese Zorngefühle nur sehr schwer von uns gewiesen werden. Der Verstand wird noch durch das Zorngefühl beeinflusst. Wenn das Herz (Xin) sich nicht beruhigt, wird der Zorn nicht verschwinden. Ein anderes Beispiel ist ein Fußgänger, der eine Straße überquert. Wenn plötzlich direkt vor ihm ein schnelles Motorrad auftaucht, wird als erstes sein Xin reagieren und er wird einen anfänglichen Schock oder Schrecken bekommen. Diese Reaktion wird dann auf das Gehirn übertragen, welches ihm sagen wird, dass er aus dem Weg gehen soll. Warum betrachtet die objektive Methode der abendländischen Medizin das Gehirn als Ort des Denkens und als Kontrollstelle des ganzen Körpers? Die folgenden Punkte sollen helfen diese Theorie zu erklären: Das Gehirn ist der komplizierteste Teil des menschlichen Körpers; es ist das Nervenzentrum, von wo aus alle Nerven über den ganzen Körper verteilt und ausgesendet werden. Der Großteil des Informationsaustauschs im Nervensystem wird durch das Gehirn gesteuert. Wenn ein Teil des Gehirns abgeschnitten oder blockiert ist, bedeutet das für den korrespondierenden Teil der menschlichen Körperfunktionen, dass sie lahm gelegt werden.- Was ist das wahre Zentrum des menschlichen Körpers, das Xin oder das Gehirn? (…) Die menschliche Forschung kann in drei Bereiche unterteilt werden. Der makroskopische Forschungsbereich, in dem Gegenstände viel größer sind als im normalen alltäglichen Leben. Der mikroskopische Forschungsbereich, in dem Gegenstände viel kleiner sind als im normalen alltäglichen Leben. Und die standardisierte alltägliche Ansicht des Lebens. Die meisten abendländischen Wissenschaftler ziehen nur aus dem dritten Bereich Erfahrungen spiritueller Tiefe und Verständnis. Der erste und zweite Bereich erscheint ihnen zu physisch. Gehirnforschung oder die Suche nach dem Zentrum des menschlichen Körpers gehört hauptsächlich in den zweiten Bereich. Um den Lesern zu helfen eine Vorstellung davon zu bekommen, wie Forschung der spirituellen Art betrieben wird und um deren Blickpunkt klarzustellen, werden wir ein Beispiel, das zum dritten Bereich gehört verwenden, um den spirituellen Charakter der zum zweiten Bereich gehörenden Dinge zu erläutern.- Als Beispiel analysieren wir die Struktur eines Wirtschaftsunternehmens: Die physische Struktur sind die Vermögensgegenstände dieses Unternehmens, wie das Gebäude, die Anzahl der Angestellten und Arbeiter, etc. und die Kommunikationswege, d.h., wie die Kabel und Kommunikationskanäle verteilt sind. Die geistige Struktur ist der Managementstil, die Intelligenz der Arbeitgeber, etc. Mit der physischen Forschungsmethode kann man verschiedene Instrumente benutzen, um die Bewegungen in diesem Unternehmen zu beobachten. Sie können zum Beispiel alle Kabelsignale analysieren, aber sie können sich nicht mit einer Person in dieser Firma verständigen. Mit der spirituellen Forschungsmethode dagegen können Sie alle Dokumente der Firma lesen und mit dem Personal sprechen. Wo ist die Kommandozentrale dieser Firma? Nach Untersuchung mit der physischen Methode können Sie zu dem Schluss kommen, dass die Kommandozentrale sich in dem Büro befindet, in dem sich die meisten Computer befinden. Die Gründe dafür sind: das Büro in dem sich die meisten Computer befinden, ist der komplizierteste Bereich in dem Unternehmen. Die Kommunikationskabel, Kanäle und Systeme des ganzen Unternehmens laufen vielleicht in diesem zentralen Büro zusammen. Der Großteil des Informationsaustauschs findet auf Befehle hin statt, die von diesem Büro ausgehen. Wenn einige Computer und Informationen in diesem Büro abgetrennt oder blockiert sind, sind die mit ihnen zusammenhängenden Unternehmensteile handlungsunfähig. Diese Art von Analyse kann in Wirklichkeit jedoch nicht beweisen, dass dieses Büro die Kommandozentrale des Unternehmens ist (korrekt wäre die Analyse nur, wenn es sich zufälligerweise um das Büro des Vorstandvorsitzenden handelte). Wenn wir die Anzahl der Kabel und Verbindungen im ganzen Unternehmen untersuchen, so mag vielleicht nur ein Kabel in das Büro des Vorstandsvorsitzenden gehen. Wenn wir die Anzahl der Telefonate des Vorstandsvorsitzenden mit denen in anderen Büros getätigten vergleichen, so stellen wir vielleicht fest, dass der Vorstandsvorsitzende weniger telefoniert als seine Angestellten. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass Telefonate des Vorstandsvorsitzenden viel wichtiger und entscheidender sind. Diesen Unterschied können wir nicht mittels physischer Forschung feststellen, sondern nur durch Kenntnis des Inhalts. Es ist sogar möglich. dass der wahre Eigentümer dieses Unternehmens nicht dort arbeitet. Vielleicht setzt er sich nur einmal im Monat oder in bestimmten Abständen mit dem Vorstandsvorsitzenden in Verbindung. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Eigentümer nicht die Kontrolle über das Unternehmen hat. Nun verstehen wir, dass wir nicht spirituelle Forschung durch physische Forschung ersetzen können. Um mehr von der wahren Essenz der Existenz zu verstehen, müssen wir sie von so vielen Blickwinkeln aus wie nur irgend möglich beobachten, und das schließt sowohl die spirituellen als auch den physischen Weg ein. Verglichen mit den physischen Elementen, sind die spirituellen Aspekte nicht greifbar, sondern abstrakt und unsichtbar.“ (Tom Zhang, Carol Yeung, The Science of Chi Dao Medicine, teilweise unveröffentlichtes Vortragsscript; siehe auch Heiko Lassek (Hrsg.), Wissenschaft vom Lebendigen, a.a.o.

    In dieser kurzen Darstellung habe ich aufzuzeigen versucht, dass kein im Westen eindeutig übertragbares oder benennbares Konzept von Chi entworfen werden kann. Der einzig unmittelbare Weg bleibt die Erfahrung, das Erleben des bewegten Chi. Shi Fang Wu Ji Dang, die spontanen Bewegungen des Taiji Men sind ein Weg dieser Erfahrung; sie ermöglichen die Durchdringung des Seins (You) durch das Nichts (Wu).

    _____________________________

    Teil 2 dieses Artikels über die Beziehung von „Chi“ und „Orgon“ ist in der nächsten BUKUMATULA-Ausgabe nachzulesen.

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