20 Variationen über den Vater, Wilhelm Reich

Bukumatula 1/97

Szenen aus dem Buch der „Traumvater“ von Peter Reich
zusammengestellt von Beatrix Teichmann-Wirth

Das Buch ist vergriffen. Und dies ist, so meine ich, auch gut so. Es zu beschreiben und Szenen herauszugreifen bedarf der Behutsamkeit, um nicht erneut Anlass dafür zu geben, dass die persönlichen Eigenarten, ja auch die Schwächen dieses großen Mannes benutzt werden, um sich nicht mehr weiter mit seinen bahnbrechenden Werken beschäftigen zu müssen und sie als Taten eines Wahnsinnigen abtun zu können.
Das Buch hat die widersprüchlichsten Reaktionen in mir wachgerufen. Wut bei den Szenen der Zerstörung – da, wo die Agenten der Food and Drug Administration die Vernichtung der Orgon-Akkumulatoren veranlassten, Empörung und Schmerz über die Überforderung des Sohnes, welcher als einziger „Soldat“ an der Seite Reichs stand (und dies im Alter von 10 -13 Jahren), Trostlosigkeit und Trauer.
Am nachhaltigsten jedoch traf mich die Einsamkeit.
Einsam war er. Dieser Doktor Reich, wie er sich auch von langjährigen Mitarbeitern nennen ließ. Einsam in der Jugend, zum Zeitpunkt seines Wiener Studiums, wo er sich weder in einer Familie aufgehoben fühlte, noch verwandte Seelen in seinem Bekannten- und Freundeskreis fand.
Und einsam in den letzten Lebensjahren, die er auf der Ranch in Orgonon und im kleinen Kreis von noch verbliebenen Mitarbeitern verbrachte. Von diesen erzählt Peter Reichs Buch.
Es ist ein Buch über Reich und es ist ein Buch über den Sohn, seine Beziehung zum Vater, über die Liebe zwischen den beiden und die Treue des Sohnes. Es dient, so scheint es, der Aufarbeitung der Bürde, allein an der Seite dieses großen Mannes gewesen zu sein. Es beschreibt, in Romanform gehalten, das Erleben des kleinen Jungen und im letzten Abschnitt das Ringen des bereits Erwachsenen, sich aus der Beeindruckung durch den Vater zu lösen und auf die Welt zu kommen.

Das Thema:

Mein Vater war Psychiater. Als wir nach Maine zogen, kaufte er ein großes Gelände und nannte es Orgonon. Er entdeckte die Orgonenergie, die eine „biologische Energie“ ist. Er führte eine Unzahl Experimente darüber durch, und es kamen viele andere Ärzte und Wissenschaftler, um dabei mitzuhelfen. Der erstaunlichste Apparat war der Akkumulator. Er ähnelte einer Kiste, und wenn man sich hineinsetzte, fühlte man sich gleich wohler. Ich war damals glücklich.

1. Szene: Zusammensein

Die Green Lantern hatte eine große Orgel, die auf einem Podest nahe der hölzernen Bar mit der Spiegelrückwand stand, und rote, gelbe und grüne Lichter wanderten in Kreisen über den Organisten hinweg, so dass sein Gesicht ständig die Farbe wechselte. Der Scheinwerfer schien durch bunte Scheiben, und sein Licht wurde im Spiegel hinter der Bar reflektiert, kreuz und quer durch den ganzen Essraum, als schiene es auf Daddy und mich, während wir an unserem Lieblingstisch saßen. Daddy lächelte mich an, als er an seinem Lieblingsdrink, einem Manhattan, nippte.
„Möchtest du die Kirsche?“ Er hielt die Frucht am Stiel und rührte seinen Drink damit um; sie verschwamm bei der kreisenden Bewegung im Glas. Daddy vergaß nie, mir die Kirsche aus seinem Manhattan zu geben.

2. Szene: Den Himmel fühlen

Das erste, was Daddy sagte, als er und Eva in Tucson ankamen und ich ihm meinen neuen Stetson gezeigt hatte, war, dass wir alle in einer unverkrampften Weise fühlen und beobachten müssten; so wie wir immer eine Weile warteten und den Himmel beobachteten, um zu sehen, was dort war und was wir fühlten, ehe wir den Wolkenbrecher einsetzten. Um ihn benutzen zu können, musste man nämlich wissen, wie der Himmel sich anfühlte, und auf diesem Gebiet entwickelten wir einiges Geschick. Wenn wir uns bisweilen an einem Tag allesamt nicht wohl fühlten, auch wenn wir weit voneinander entfernt waren, fanden wir später heraus, dass eine Atombombe gezündet worden war oder ein EA-Angriff stattgefunden hatte.
Die EA-Angriffe und die Atomexplosionen fielen mit schädlichem DOR zusammen; wir konnten das sagen, weil wir jedesmal, wenn der Himmel hässlich graubraun war und die Leute sich schlecht fühlten oder elend aussahen, feststellten, dass eine Bombe explodiert war. Der Wolkenbrecher bewirkte, dass die Atmosphäre und das Wohlbefinden der Leute sich besserten.

3. Szene: Wolkenbrechen

Ich kurbelte den Wolkenbrecher herum und fuhr gleichzeitig die Röhren aus. Im Unterbau des Wolkenbrechers klickten die Gänge beim Herumdrehen.
Wir begannen im Westen, weil die Orgonenergie von West nach Ost strömt, und wenn wir einen Eingriff vornehmen, unterstützen wir auf diese Weise den Energiestrom. Daddy hatte uns angewiesen, niemals im Osten zu beginnen, da dann der Energiestrom unterbrochen wird und Stürme auftreten.
Die Röhren des Wolkenbrechers schwenkten in östliche Richtung, die Gummistöpsel baumelten hin und her.
„Gut. Alles klar. Und jetzt zurückdrehen, aber langsam.“
Die Räder knirschten langsamer, und ich führte den Strom behutsam gen Süden. Ich glaube, wir schwenkten deshalb nach Süden, weil es dort wärmer ist; schwenkten wir nach Norden, bestünde die Gefahr, dass es kälter würde. Aber manchmal ziehen wir auch in nördlicher Richtung.

4. Szene: Die Eishöhle

An jenem Tag war die Schneekruste unglaublich fest. Sie war so dick, dass man sogar darauf herumlaufen konnte. Nach dem Abendessen, als es dunkel war, rannte ich hinaus und begann einen Tunnel zu graben, der die Kruste unterhöhlte. Innen, an den Seiten, war der Schnee weich. Ich lief ins Haus zurück und holte mir eine Taschenlampe, damit ich besser vorankam, und darum erinnere ich mich auch so genau daran. Es war einfach phantastisch in diesem weißen Schneetunnel mit den kalten glitzernden Schneewänden, die mich umfingen, als ich ihn ausschippte. Ich erinnere mich, dass von draußen ein Geräusch an mein Ohr drang. Es schneite, und unter der Lampe über der Tür erkannte ich meinen Vater und meine Mutter, die im Hauseingang standen, mir zusahen und über mich lachten. Ich muss gerade daran denken, dass dies wohl zu den schönsten Erinnerungen zählt, die ich habe, wie ich da in dem Loch steckte und mein Vater und meine Mutter darüber lachten, was ich für ein Gesicht zog, als ich zu ihnen hinübersah.

5. Szene: Eine Prophezeiung

Ich entfaltete den letzten Brief, den ich von Daddy erhalten hatte. Er schrieb, es bestehe die Chance, dass er am 7. November bedingt aus der Haft entlassen werde, und er würde mich dann von der Schule abholen, und wir könnten ins Howard Jonson´s essen gehen. Ich hoffte, er würde während des Silentiums kommen, dann könnte ich durchs Fenster beobachten, wie sein großer Chrysler 300 die lange, schattige Auffahrt heraufrollte. Es würde ein herrliches Gefühl sein, hinauszulaufen und ihn zu umarmen. Im letzten Sommer, den wir zusammen in Maine verbracht hatten, waren wir einmal spazieren gegangen und dann zur unteren Hütte zurückgekommen. Er sagte, dass die schwerste Schlacht noch bevorstünde, und ich müsse sehr stark sein, denn vielleicht müsse er ins Gefängnis. Dann blieb er an der Hintertür stehen und sagte: „Peter, wenn ich ins Gefängnis gehen muss, werden sie meinen, es sei ein Sieg für sie. Aber letzten Endes werden wir siegen. Aber du musst auch wissen, dass ich, falls ich ins Gefängnis muss, vielleicht nicht lebend wieder herauskomme. Du verstehst?“

6. Szene: Doktoren

Die Männer und Frauen saßen auf den langen, braunen Bänken aus Holz, die Tom gebaut und die ich ihm hatte anstreichen helfen. Die Lichtung war halbwegs rund, mit Bäumen rings herum, die Schatten spendeten. Das Gras war weich und grün bis auf die Stellen, wo zwischen den Bäumen hindurch der Pfad zum Laboratorium führte, aber es war ein langes Gras und legte sich um die Beine der Bänke und die Füße der Leute, so dass es aussah, als wären sie ebenfalls im Boden verwurzelt.
Einige von ihnen musste ich mit „Doktor“ anreden, weil sie das auch waren. Manche waren „Mister“, aber einige hatten nur einen Namen, wie etwa Mickey.
Zu den Doktoren gehörten Dr. Baker, ein wichtiger Mann, Dr. Raknes aus Norwegen mit seinem komischen Akzent, Dr. Hoppe aus Israel, der mit einem Wasserflugzeug gekommen und an unserem Anleger gelandet war, Dr. Willie aus Texas, der einen Stern an seinem Zaun hatte, und Dr. Duval, dessen Tochter Sally heißt; Dr. Tropp ist warmherzig und fett, und Dr. Wolfe ist nicht da. Neill kommt aus Summerhill. Andere Doktoren haben Namen, die wir immer aneinandergereiht aufsagen. Dann waren noch Mammi und Helen und Eva und Gladys und Lois und Grethe da, die sich auch Notizen machten. Manche von ihnen arbeiteten im Laboratorium mit den Mäusen. Die Mäuse lebten in einem besonderen Haus, in besonderen Mäusekäfigen. Sie waren alle weiß.
Daddy stand in seinem weißen Mantel vor mir und redete, wie immer, über Energie.
Mammi sah, wie ich durch das Blattwerk linste, und lächelte. Sie winkte mit der Hand, so dass es niemand sehen konnte, und bedeutete mir mit Lippenbewegungen: „Geh weg.“ Als ich den Kopf schüttelte, schüttelte sie auch den Kopf und sagte: „Sei still.“ Also legte ich mich ins Gras und schaute den Leuten zu, wie sie lauschten und sich Notizen machten, während Daddy redete. Er redete viel, wenn im Sommer die Doktoren zu Konferenzen kamen. Sie kamen, um etwas über seine Entdeckungen zu erfahren, und die waren wichtig.

7. Szene: Der Soldat an der Seite

„Ja“, sagte er, „wir befinden uns mitten in einem kosmischen Krieg. Peeps, du musst sehr tapfer und sehr stolz sein, denn wir sind die ersten Menschen, die mit Raumschiffen einen Kampf auf Leben und Tod führen. Wir wissen jetzt, dass sie unsere Atmosphäre zerstören. Vielleicht benutzen sie dazu Orgonenergie als Treibstoff, vielleicht stoßen sie auch DOR als Abgas aus. Wie dem auch sei, wir sind die einzigen, die begreifen, was sie in unserer Atmosphäre anrichten, und wir können sie mit ihren eigenen Waffen bekämpfen. Die Luftwaffe kann nur irreführende Berichte über die fliegenden Untertassen herausgeben und ohnmächtig hinter ihnen herjagen, wohingegen wir nach ihren eigenen Funktionsprinzipien gegen sie vorgehen, mit der Orgonenergie. Wir bekämpfen das Feuer mit dem Feuer, und deshalb werden wir gewinnen. Wir arbeiten mit dem Wissen der Zukunft.“ Er schlug mir auf die Schulter. „Und du, Peeps, bist wohl das erste Kind jener Generation der Zukunft.“

8. Szene: Küsse

„Hast du eigentlich eine Freundin?“ fragte er. Er wollte immer wissen, ob ich eine Freundin hätte und ob wir einander küssten und berührten. Er sagte immer: „Hab keine Angst, du kannst es mir ruhig sagen.“ So kam es, dass wir viel darüber redeten, weshalb man mich nicht habe beschneiden lassen und wie das bei anderen Kindern sei. In der Schule war ein Mädchen, das war sehr hübsch, und wir schauten uns manchmal verstohlen an, aber wir hatten uns nicht geküsst. Na ja“, sagte ich, „da ist ein Mädchen, das mag ich, aber wir gehen nicht
aus oder so was.“ Es verwirrte mich, darüber zu reden, und eigentlich machte es mir viel Spaß, Schülerlotse zu sein und Jojo zu spielen.

9. Szene: Die Wahrheit und die Angst davor

„Der Hass und die Angriffe gegen mich begannen schon vor langer Zeit, als ich gezwungen war, Deutschland, Österreich, Dänemark und Norwegen zu verlassen. Schon seit jenen Jahren verbreiteten Leute, die Angst haben vor dem, was ich ihnen zu sagen habe, das Gerücht, ich sein von Sinnen. Auch hier in Amerika hat man mich aus den Berufsverbänden ausgesperrt und, wie du weißt, von seiten der Regierung unablässig attackiert. Du weißt auch, dass man befohlen hat, noch diese Woche einige meiner Bücher zu verbrennen.
Ich kann nicht begreifen, wie so etwas möglich ist, und dennoch geschieht es laufend. Seltsame Dinge haben sich in diesem Lande zugetragen: das Verschwinden des Orgonmotors, die Einstein-Affäre, die Luftwaffe … das alles weist auf eine unglaubliche Verschwörung hin. Es ist einfach beängstigend. Sie würdigen meine Arbeit keines Blicks, ihre Angriffe richten sich gegen meine Person. Peeps, kein Mensch wehrt sich in dieser Weise, wenn er nicht selbst vor Angst fast stirbt; und sie haben Angst – Angst vor der Wahrheit der kosmischen Orgonenergie. Sie haben Angst vor dem Leben. Aber was immer auch passiert, Peeps, ich werde mich nicht beirren lassen, ich werde meine Arbeit nicht einstellen. Egal, was passiert, die Arbeit muss weitergehen. Nichts kann die Wahrheit aufhalten. Kein Gesetz kann der wissenschaftlichen Forschung Einhalt gebieten. Das ist der Grund, warum wir kämpfen, und das ist auch der Grund, weshalb ich vielleicht sterben muss. Die Wahrheit ist tödlich, und sie wissen, dass ich recht habe. Die Pest, die die Seele und das Gefühl zerstört, kann töten.
Auch vor Gericht habe ich versucht, meine Erkenntnisse darzulegen, aber sie hörten mich nicht an. Ich habe sie darauf hingewiesen, dass ein Gerichtshof sich kein Urteil über die grundlegenden Prinzipien der Wissenschaft anmaßen darf, doch sie lehnten es ab, die wahren Probleme ins Auge zu fassen. Es ist daher bedeutungslos, dass sie mich für schuldig befunden haben, denn selbst wenn die Berufung abgelehnt wird, bleiben wir Sieger.“

10. Szene: AAAaaaaaaahh

Als das Trampeln aufhörte und das Weinen aufhörte, war seine Hand verschwunden und die Schnur in meinem Magen mit ihr, und als ich ausatmete, hatte ich das Gefühl, als segelte ich wie ein schwarzes Segelboot auf einem schwarzen Fluss mit der Strömung in den Abend hinein, das Kielwasser glitzerte und breitete sich aus, ganz hinunter, bis in meine Beine.
Ich atmete, atmete. Ich spürte seine Hand wieder sanft auf meinem Magen, er fragte: „Ist dein Leib jetzt weich? Du solltest immer darauf achten, dass er weich bleibt.“ Und seine Finger drückten an der Stelle, wo der Atem von selbst ein und aus geht, wie ein schwarzes Boot, das immer geschmeidiger dahinsegelt. Er lächelte mir zu. Seine Hand glitt von meinem Nacken zu meinen Knien, nur kitzelte es jetzt überhaupt nicht mehr. Es fühlte sich nur beruhigend und sanft an, und der Atem segelte zusammen mit der Hand, strömte.
„Gut Peeps. Jetzt atme.“
Ganz von selbst atme ich. „Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhh“, tiefer und tiefer, bis es sich in meinen Beinen rührte, genau wie durch Daddys Hände.
Daddy sagte: „Aaaaaaaaaaaaaahh. So ist’s gut. AAAaaaaaaaaaaaaaaahh.“
„Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahh.“
Und dann atmeten wir beide gleichzeitig und sogen den Duft des Heus ein.
„Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahh.“

11. Szene: Ilse Ollendorf-Reich

Er wollte immer erreichen, dass ich alles verstand, und ich strengte mich an; ich musste es verstehen, weil es sonst niemanden gab, aber ich verstand nicht, warum er Mammi anschreien musste, und warum die Tränen aus dem einen Auge auf den Kopf der Frau fielen, und die Tränen aus dem anderen Auge auf das Schriftstück tropften und auf der Seite kleine, gekräuselte Beulen hinterließen.
„Sieh mich an, Peeps“, sagte er und nahm mich in die Arme, bis ich weinte. Er machte auch ein trauriges Gesicht, und ich liebte ihn auch. Es war so traurig, als das Labor leer war und Mammi und Daddy miteinander stritten. Ich sehnte mich danach, sie glücklich zu sehen. Er berührte mein Haar, und seine Hand fühlte sich gut an.

12. Szene: Verschwörung

„Es wird sich bald entscheiden, ob ich ins Gefängnis muss oder nicht. Ich meine schon, dass der Berufung stattgegeben wird, denn die Verhandlung hat, glaube ich, deutlich gezeigt, worum es uns geht. Es ist eine regelrechte Verschwörung gegen mein Projekt im Gange, Peter. Irgendwo stört es irgend jemanden, wenn meine Arbeit über Orgonenergie weitergeht. Mir ist zwar recht unklar, warum, obwohl mir so langsam ein Licht aufgeht. Du musst begreifen, dass ich vielleicht umkommen werde. Jemand könnte versuchen, mich umzubringen.“
Er hielt inne und schaute mich ernsthaft an. „Peeps, lauf nicht weg, lass du mich nicht auch noch im Stich.“
Alle ließen sie uns im Stich. Am Tage der Verhandlung schickten sie mir ein Grußtelegramm. Darin nannten sie mich einen Leutnant. Ich wäre gern bei der Verhandlung dabei gewesen, aber ich musste in die Schule gehen.
Der Grund der Anklage war, dass alle vor der Orgonenergie Angst hatten. Sie sagten, Daddy dürfe es keinem Menschen mehr erlauben, Akkumulatoren zu benutzen. Aber Daddy hielt sich nicht daran, und daher versuchten sie jetzt, ihm etwas Böses anzutun. Ich will tapfer sein.
„Was auch immer geschehen mag, ich möchte, dass du tapfer bist und dein eigenes Leben lebst. Aus diesem Grund ist es besser für dich, wenn du während dieser Zeit bei deiner Mummy lebst und ein Internat besuchst. Es ist wichtig für dich, Freunde um dich zu haben und in einer Atmosphäre aufzuwachsen, die nicht so spannungsgeladen ist. Du musst dein eigenes Leben leben. Und was immer mir auch zustößt, du musst stets tapfer sein.“
Ich presste mich so fest an ihn, dass wir beide den Druck des Fernglases spüren konnten. Am liebsten hätte ich geheult, aber dazu war jetzt keine Zeit. Wir mussten gefasst sein.

13. Szene: Der Leuchte-im Dunkeln-Ring

„Daddy! Daddy! Schau! Ich habe diesen Cowboyring mit einem Geheimfach bekommen, genau wie der Lone Ranger! Schau!“ Ich ging um den Schreibtisch herum und zeigte ihm den Ring.
Er nahm den Ring und betrachtete ihn. Er runzelte die Stirn.
„Wo ist das Geheimfach“ fragte er und steckte seinen Federhalter in den Ständer zurück.
Ich lehnte mich zu ihm hinüber und ließ den Sattelknopf zurückgleiten.
„Schau. Es soll im Dunklen leuchten, und man kann Botschaften darauf schreiben. Hier, mach mit den Händen eine dunkle Höhle, dann siehst du’s. Ich möchte damit Botschaften senden. Ist dir vielleicht klar, wie man darauf schreiben kann?“
Er sah sich den Sattel eine Weile lang an und schob den Knopf vor und zurück. Dann machte er eine Höhlung mit den Händen, aber sie war nicht dunkel genug.
„Hast du es im Dunkeln leuchten sehen?“
„Na klar. Ich war gerade im Keller unten, und da hat es richtig hell geleuchtet. Komm mit runter.“
„Wo hast du es her?“
„Erinnerst du dich nicht? Vor langer Zeit war es auf der Rückseite einer Cheerios-Schachtel, und Mammi gab mir fünfzig Cents, damit ich sie mit dem Gutschein auf der Schachtel einschicken konnte. Erst gestern ist er mit der Post gekommen … ich hab’s dir nur bis jetzt noch nicht zeigen können.“
Er sah mich ernst an und hielt den Sattel so, dass seine Finger auf den aufgemalten Steigbügeln lagen. Der Sattel war wirklich hübsch. „Komm doch bitte mit ins Kämmerchen“, sagte ich. „Du wirst sehen, es funktioniert tatsächlich.“
„Peeps, es tut mir leid, aber du kannst ihn nicht behalten.“
„Was?“ Er ließ den Sattel in seine Handfläche fallen. „Aber ich habe ihn doch gerade erst bekommen. Ich will ihn für die Kavallerie benutzen, um Botschaften über die Indianer zu senden!“
„Es tut mir leid, du kannst den Sattel nicht behalten, und das ist mein letztes Wort.“
„Aber Daddy, es tut mir leid wegen gestern abend. Ich wollte nicht albern sein und dich ärgern.“
„Nicht deswegen, Peeps. Diese Leuchte-im Dunkeln-Substanz kann dir schaden. Sie kann sehr gefährlich sein. Wir bereiten gerade ein Experiment vor, um diese Sachen besser verstehen zu können. Es tut mir leid. Ich weiß, als Spielzeug gefällt es dir, aber wir müssen es beseitigen. Ich werde Mister Ross bitten, es zu vergraben.“
Er drückte den Knopf der Sprechanlage.
„Mister Ross? Mister Ross, bitte kommen Sie in mein Arbeitszimmer.“
„Es vergraben? Daddy, warte doch. Vielleicht können wir das Leuchte-im Dunkeln-Zeugs herausholen und den Ring behalten. Mir macht es nichts aus, wenn er nicht im Dunklen leuchtet.“
Tränen in meinen Augen ließen Daddy vor meinem Blick verschwimmen, und ich wischte mir mit dem Arm über das Gesicht.
Er schüttelte den Kopf. „Es tut mir sehr leid, mein Sohn, aber ich befürchte, der ganze Ring könnte verseucht sein.“

14. Szene: Die Eltern

Nach dem Abendessen wollte ich Mammi überraschen; darum sagte ich, ich würde abwaschen, und sie könne dann abtrocknen.
Sie und Daddy unterhielten sich gerade angeregt, und ich wünschte mir, sie würden sich lange miteinander unterhalten und dabei glücklich sein, daher wusch ich das Geschirr.
Als ich mit dem Spülen fertig war, unterhielten sie sich immer noch; daher begann ich, das Geschirr abzutrocknen.
Mammi fragte: „Bist du soweit, dass ich kommen und abtrocknen kann?“
„Noch nicht“, antwortete ich und ließ etwas Wasser laufen, damit es sich anhörte, als sei ich noch beim Spülen. Es machte mich richtig glücklich, sie so miteinander reden zu hören.
Die Bestecke machten eine Menge Lärm, darum musste ich sie Stück für Stück abtrocknen. Es muss wohl recht leise gewesen sein, denn Mammi rief: „Soll ich nicht doch langsam rüberkommen und abtrocknen?“
„Nö, ich bin noch nicht soweit.“ Ich versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken, aber es gelang mir nicht. Sie konnten es ohnehin nicht sehen, da ich mich schnell umdrehte. Es gab mir ein wohliges Gefühl, sie am Feuer sitzen und plaudern zu sehen.

15. Szene: Die Zerstörung

„Daddy, Sie sind hier. Einer ist ein U.S. Marshal, und die beiden anderen sind -“
„Ja. Ich weiß. Geh und sage ihnen …“
Draußen rutschte die Sonne langsam von dem großen Blechrumpf des schwarzen Autos. Es setzte sich in Bewegung. Es konnte doch unmöglich den Berg hinaufrollen. Daddys Stimme wand sich, und die Sonne glitt über das Heck des Autos hinweg und fiel in Wolken von Staub und Tränen.
„Daddy! Sie haben nicht gewartet!“
Tränen trübten meine Stimme und benetzten den Hörer, auf dem sie kleine, glänzende Flecke hinterließen. Das Auto verschwand um die Ecke des Labors, den Berg hinauf.
„Daddy! Sie kommen rauf! O Daddy, o Gott, sie haben nicht gewartet, sie kommen rauf, Daddy, sie kommen rauf!“
Die Sicherheitstür schlug bereits zu, noch bevor der Hörer auf den Boden knallte. Schon peitschte mir Gras an die Beine, als ich den Berg hinaufrannte. Das ganze Feld war verschwommen, und bei jedem Ausatmen brüllte ich laut uhn, um mir das Laufen bergauf zu erleichtern.
….. „Ja, Doktor Reich, der Befehl lautet, dass die Angelegenheit heute bereinigt und erledigt werden muss, an Ort und Stelle in Orgonon. Glauben Sie mir, es tut mir persönlich natürlich leid, Herr Doktor.“
„Schon gut. Nehmen Sie es sich nicht so zu Herzen. Wir müssen alle unsere Pflicht tun, nicht wahr?“
Der Marshal versuchte zu lächeln. „Ganz richtig, Herr Doktor Reich!“
„Na dann. Wie sollen wir denn vorgehen?“
Daddy hielt einen Bleistift in der Hand. Er drückte den Radiergummi auf die Tischplatte, ließ Zeigefinger und Daumen am Stift hinuntergleiten, packte den Radiergummi und drehte den Stift flink um und stieß ihn mit der Spitze auf den Tisch. Tick. Dann ließ er erneut seine Finger bis zur Bleistiftspitze gleiten und wiederholte das ganze Spielchen. Tock. Noch einmal und noch einmal. „Sollen wir es mit unseren bloßen Händen tun?“
Er lächelte und wandte sich Bill und Tom zu. Bill lachte laut auf und nickte. Tom grinste und scharrte mit den Füßen. Die beiden Männer räusperten sich verlegen und beobachteten interessiert, wie der Bleistift auf und nieder tanzte.
„Na ja. Herr Doktor Reich, wir werden doch sicherlich irgend etwas finden. Sie werden doch wohl einen Hammer, `ne Säge, Hacke, Axt …“
….. Tom ging zum Lastwagen hinüber und nahm die Äxte von der hinteren Klappe. Er reichte eine Bill und eine mir.
Wir standen mit den Äxten in der Hand vor dem Haufen, als Daddy die Veranda verließ. Er schlenderte langsam über die Wiese, wobei er die drei Männer scharf fixierte. Sie standen zusammen, reckten ihre Hälse und lüfteten die Kragen ihrer Hemden.
„Gut“, sagte Daddy. „Fangt an.“
Ich schwang die Axt, wie Tom es mich gelehrt hatte: Meine linke Hand habe ich unten am Ende des Stiels, die rechte gleitet hinauf, und gleichzeitig schwinge ich die Axt über meine rechte Schulter. Dann reiße ich ganz schnell die linke Hand hinunter, wobei die rechte den glatten hölzernen Stiel ganz hinuntergleitet, bis sie mit der linken zusammentrifft. Während der ganzen Zeit rolle ich, dem Schwung folgend, die rechte Schulter und drehe meine Hüfte nach links.
Die Blätter blinkten in der Sonne und gruben sich tief in das Celotex, die Stahlwolle und das Blech ein; in den Seitenteilen der Akkumulatoren blieben tiefe Schnitte zurück. Tom und Bill schwangen ihre Äxte ebenfalls, so dass wir alle zusammen in der Sonne schwangen: Tschang, tschang, tschang.
….. Daddy sagte: „Jetzt reicht´s, Mister Ross.“
Tom wandte sich von dem Haufen ab und stellte sich neben mich. Die Teile auf dem Haufen waren zu Kleinholz verarbeitet, die Stahlwolle hing grau und flockig aus der Umrahmung.
Daddys Stimme war meist laut, fast ein Brüllen, aber jetzt war sie nicht laut, jetzt war sie hart und scharf.
….. „Wie steht’s mit den Büchern? Nicht alle Bücher sind in New York! Hier gibt es auch noch ein paar, die Sie verbrennen können! Warum eigentlich nicht?“
„Nein. Bitte Doktor Reich!“ Die Männer versuchten ihm zu entkommen, aber dann hätten sie geradewegs in den Wald flüchten müssen; daher versuchten sie, seitwärts zu ihrem Auto zu gelangen. Einer von ihnen zog ein Taschentuch aus der Tasche und wischte sich die Stirn. Er blickte zum Himmel auf. Der andere befeuchtete seine Lippen mit der Zunge. Der Marshal versuchte, Daddys Blick standzuhalten, aber seine Augen senkten sich immer wieder von selbst.
….. „Verzeihen Sie, Doktor Reich. Bitte.“
„O ja. Ich werde Ihnen verzeihen. Natürlich.“ Er trat zur Seite, und der Mann drängte an ihm vorbei und schlüpfte ins Auto.
Daddy ging herum und blickte ihn durchs Fenster an.
Der Fahrer lehnte sich heraus. Sein Gesicht war ganz bleich.
„Doktor Reich. Mir … mir tut es leid.“
„Ja. Ihnen tut es leid. Selbstverständlich. Tut es uns nicht allen leid? Auf Wiedersehen, meine Herren. Eines Tages werden auch Sie begreifen lernen.“

16. Szene: Eva Reich

Das Auf und Ab in der Diskussion um das Werk Reichs und seine Problematik veranlasste Eva zu einer Haltung, die sie als „übernatürliche Abkehr“ von den Machtkämpfen bezeichnete. Sie arbeitete hart, um die jungen Leute und Armen im gesamten Bundesstaat Maine für Geburtenkontrolle und sexuelle Aufklärung zu gewinnen, aber sie wehrte sich standhaft dagegen, in die Querelen um das Vermächtnis ihres Vaters hineingezogen zu werden. „Das sind die typischen Machtkämpfe nach dem Tod des Kaisers“, sagte sie einmal, als ein Problem des Erbrechts diskutiert wurde. „Die grundlegenden wissenschaftlichen Prinzipien sind weitaus wichtiger als die Machtkampfstrategien.“ Der Kern des Werkes, sagte sie, würde persönlichen Auseinandersetzungen überleben.

17. Szene: Wut

„Peter.“ Er brüllte regelrecht. Ich richtete mich auf und versuchte, einen schläfrigen Eindruck zu machen.
„Was denn?“
Sein Gesicht war puterrot, und ich fühlte, wie seine Augen brannten. Mammi stand neben der Lampe im Arbeitszimmer.
„Sieh mich an!“
Der Teppich in der Bibliothek leuchtete rot. Wenn ich jetzt doch nur in dem roten Sessel säße, in dem wir meist saßen, wenn wir uns den Lone Ranger im Radio anhörten, statt hier auf der Couch, dann würde er mich sicherlich nicht so zornig anblicken.
„Sieh mich an! Hast du etwa vor allen den Narren gespielt?“
Wenn ich meine Augen fest zusammenkneife, sehe ich oft eine gelbe Welle oder ein Funkeln. Ich kniff sie zusammen, aber nur ein glitzerndes Viereck tauchte auf. Es war falsch, bei der Filmvorführung den Zauberer zu spielen.
„Sieh mich an! Hast du etwa meinen Film gestört?“
Es war falsch, weil ich zu laut gelacht habe, und Mammi hat immer gesagt, wer zu laut lacht, dem kommen hinterher die Tränen.
Ich blickte auf. Sein Gesicht verschwamm unter meinen Tränen, und seine Augen langten zu und schlugen mich.
„Oh, Daddy.“
Ich stand auf und lief zu ihm hinüber, ich schlang die Arme um ihn und weinte bitterlich. Er fühlte sich warm an und der Duft seines Hautöls drang durch sein grobes Hemd. Daddy, Daddy, Daddy, Daddy.
Er stand mitten in der Bibliothek, während ich laut schluchzte, dann beugte er sich zu mir herab, nahm mich auf und hielt mich in seinen starken Armen.

18. Szene: Tom Ross

Tom Ross hatte das alles mit durchgestanden, und nun blieb er hier, ein Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Während der ganzen Jahre, die er dort allein ohne jegliche Hilfe werkelte, muss er immer wieder im Geiste die Ereignisse durchgegangen sein und sich Gedanken über die beteiligten Menschen gemacht haben, denn im Laufe der Zeit, als die Besucher zahlreicher nach Orgonon kamen, nahmen seine Geschichten an Zahl und Umfang zu. Er erzählte ruhig und mit liebevoller Bewunderung von Dem Doktor; seine Geschichten berichteten von der Fairness, der Aufrichtigkeit, der Phantasie und auch den Fehlern des großen Mannes. Klugerweise weigerte sich Tom jedoch, in jene läppischen Tonbandgeräte zu sprechen, die manche Besucher bei sich führten.
Es ist nicht ohne Ironie, dass Tom Ross 1966 zu den ganz wenigen Leuten zählte, die über Den Doktor etwas zu sagen wussten. Viele der übrigen Mitarbeiter – sowohl mit als auch ohne Akzent -, die die amerikanischen Jahre Des Doktors geteilt hatten, verharrten schweigend und grübelten über die Zeit mit Reich.

19. Szene: Das Gefängnis

Die Bundesstrafanstalt Lewisburg war groß und öde. Man wurde durch eine Schleuse aus zwei verschlossenen Türen eingelassen, so dass immer Gitterstäbe zwischen einem selbst und allem, was man sah, waren. In der Haupthalle waren die Decken hoch, und Schatten fielen auf den gebohnerten Boden.
Beim Eingang standen alte Glasvitrinen voller Geldbörsen und Kämme, die die Gefangenen angefertigt hatten, um sich ein Taschengeld zu verdienen. Inmitten der großen Halle stand ein Pult, an dem man sich in die Besucherliste eintrug, und dann wandte man sich nach links, und Schritte folgten einem durch die Halle.
Am Ende der Halle befand sich ein großer Raum mit Stühlen und Sofas, die so angeordnet waren, dass der Gefangene auf dem Stuhl vor dem Tisch saß und die Besucher ihm gegenüber auf dem Sofa. Die Sofas waren mit glattem, grünen und rotem Kunststoffmaterial bezogen. Beim Eingang war ein freier Platz, auf dem eine schwarze Gummimatte lag. Das war eine Art Auslauf für Umarmungen und Zärtlichkeiten. Entlang der Wände waren Wachen postiert. Daddy trug eine blaue Uniform, nur war sie aus Drillich, und sein Gesicht sah traurig aus. Ich besuchte ihn zusammen mit Aurora. Daddy sagte, sie wollten in der Gefängniskapelle heiraten. Im Gefängnis hatte er angefangen, in die Kirche zu gehen, und er sandte mir Gebete und ein Blatt aus der Kirchenzeitung, auf dem die „Betenden Hände“ von Dürer abgebildet waren. Wir sprachen leise miteinander. Er fragte mich nach der Schule, und ich sagte ihm, da sei alles in Ordnung. Er fragte mich nach Mädchen, und ich sagte ihm, da wäre ein Mädchen in Maine gewesen, als ich im Sommer bei Bill und Eva war. Ihre Brust habe genau in meine Hand gepasst, und ich hätte dabei ein Gefühl gehabt, als liefe ich durch Gras. Er sprach nicht viel über sich selbst, aber er sagte, er habe von einem anderen Häftling gehört, man habe vermutet, er – Daddy – sei in seiner Zelle umgebracht worden, aber aus irgendeinem Grund sei das nicht geschehen.
Als die Besuchszeit um war, umarmten wir uns auf der langen Gummimatte, und ein Wärter führte ihn zu einer vergitterten Tür am Ende des Raums ab. Wir schauten ihm nach. Nachdem der Wärter die Gittertür geschlossen hatte, drehte sich Daddy in seinem blauen Hemd um, sein Blick wanderte durch den ganzen Raum, und er schaute mich an, und dann winkte er und war hinter den Gittern verschwunden. Schritte folgten uns den ganzen Weg zurück durch die Halle.
„Es war in Ordnung“, sagte ich. „Irgendwie traurig.“

20. Szene: Der Tod

Sheffield ist eine hübsche kleine Stadt auf dem Land, und wir wohnten in einer kleinen Wohnung im obersten Stockwerk eines großen, alten Neuengland-Hauses direkt an der Route 7. Ed und ich hatten viel Spaß miteinander, und an Halloween, dem Abend vor Allerheiligen, gingen wir sogar von Haus zu Haus und bettelten um Süßigkeiten. Die Abende verbrachten wir damit, Hausarbeiten für Oakwood zu machen oder fernzusehen. Am Morgen des 3. November, einem Sonntag, läutete das Telefon; Mammi nahm ab. Von dem Schlafzimmer aus, das ich mit Ed teilte, hörte ich, wie sie sagte: „Hallo? Ja. Wie bitte?“ Dann wurde ihre Stimme plötzlich gespannt und schrill. „Wann? Oh, mein Gott. Oh, mein Gott.“
Ich rannte ins Wohnzimmer und lauschte. Sie weinte ins Telefon und sagte: „Oh, mein Gott. Oh, mein Gott.“ Ich schaute sie an.
„Mammi, was ist los?“ Sie schüttelte den Kopf. „Oh, mein Gott.“
Sie war in die Couch gesunken und hielt weinend den Hörer.
„Hat es was mit Daddy zu tun?“
Sie nickte, wankte hin und her und weinte in den Hörer.
„Ist er tot?“
Sie nickte, oh, mein Gott.
Der Vormittag ging nur schleichend vorbei, und ich betrachtete durch die Doppelfenster eine verschwommene Welt. Draußen erweckte es nicht den Anschein, als müssten sich die Bäume bewegen, aber sie taten es, ließen die letzten Blätter auf Weg und Rasen fallen und lautlos ihre Zweige hin und her federn. Es war traurig zu sehen, wie ein Fenster so viele Bewegungen erstarren ließ.
Sein Herz hatte ausgesetzt, und am Morgen hatten sie ihn gefunden, nachdem er sich beim Namensaufruf nicht gemeldet hatte. Ich hätte gern gewusst, ob er beim Sterben aufgewacht war oder ob ihn der Tod im Schlaf ereilt hatte.

21. Szene: Das Begräbnis

Der Tag des Begräbnisses war grau verhangen, und ich trug einen schwarzen Anzug und einen roten Schlips, und der Fußboden war rot. Tom hatte den Linoleumboden gewachst, so dass er glänzte und die Sohlen daran haften blieben. Bill und Dr. Baker richteten die Beerdigung aus, und es geschah alles in dunklen Schatten auf dem Linoleum. Draußen war der Boden mit gelben und roten Blättern übersät, und ich ging unter eine
nässetropfende Kiefer, um mit dem Fuß in den Nadeln herumzustochern und nach etwas zu suchen, das ich dort – meiner Erinnerung nach -vergraben hatte.
Auf den Nadeln standen glänzende Wassertropfen. Wir holten einen Plattenspieler, um das Ave Maria und andere Stücke spielen zu können, und der Aufkleber auf der Platte war rot, aber nicht so rot wie der Fußboden. In der Mitte des Bodens stand matt kupferfarben der Sarg. Draußen blies der Wind, und es nieselte. Ich beobachtete einen Augenblick lang die Wolken, aber der Boden war so rot. Dr. Baker stand auf, um etwas zu sagen, und seine Füße sanken ins Linoleum ein. Meine Schuhe drehten sich um und rannten auf dem Teppich die Treppe hinauf, wo der Teppich weich und purpurn und rauh an meinen Händen und Wangen war, meinen brennenden Wangen. Ich lag lange auf dem Boden des Arbeitszimmers und flüsterte: komm zurück, komm zurück, und als ich aufstand, war ein roter Fleck im Teppich.
Draußen fuhr mir der Wind kühl über Wangen und Haar, und es bewegten sich, von hochgezogenen Schultern notdürftig gegen den Novemberwind geschützt, viele Gesichter umher. Der Wind blies, und jemand stand auf dem Grab und machte sich bereit, den Sarg hinabzulassen. An der Wand der Grabstätte lehnte eine große Sperrholzplatte, mit der das Grab abgedeckt werden sollte. Sie war gelb und wurde vom Wind fast umgeblasen. Ich hielt sie aufrecht, als der Sarg hinabgelassen wurde. Ich wollte Daddys Rasiermesser hineinlegen, damit er sich rasieren konnte. Dann kamen einige Männer und nahmen die Sperrholzplatte. Sie ächzten, als sie die Abdeckung auf das Grab hoben. Dann legten sie einen Teppich über die Platte und stellten Daddys Büste darauf. Der Teppich war rot.

Das Thema: Aria

Daddy ist ein Wissenschaftler. Er ist noch eine Menge anderer Dinge und hat viele Bücher geschrieben. Und er war ein Psychiater oder Psychoanalytiker, ich kann einfach die vielen Dinge mit Psycho nicht auseinanderhalten. Er ist auch ein Lehrer, und all jene Leute, die vor der Leinwand sitzen, sind nur gekommen, um von ihm zu lernen, da er doch die Lebensenergie entdeckt hat.

Danach

„Gab es einen Ort zu dem ich laufen konnte, ohne in den Film meines Vaters verwickelt zu werden?“
Diese Frage stellt sich der 26-jährige Autor, wachgerufen durch die Dreharbeiten zu einem Film von Makavejev über seinen Vater.
Die Frage verfolgt ihn in seiner Berufslaufbahn, welche eine militärische Ausbildung einschließt. („Ich bedaure, dass er mir eine Beziehung zu militärischer Autorität vermittelt hat, die mit seiner Väterlichkeit in Einklang stand – aber nicht zu seiner Grundhaltung passte.“)
Sie begleitete ihn ebenso bei den vielen von ihm praktizierten Übungen um seine „Hartleibigkeit“ zu lösen. „Ist das nicht nur ein weiterer autoritärer Befehl, ein Kommando, dem ich allzu bereitwillig gehorche? Kann ich denn nichts aus eigenen Stücken tun?“
Und in seinen Beziehungen zu Frauen: „Mir zu gestatten, eine Frau zu lieben, hätte bedeutet, all diese Angst zu teilen. Es hätte bedeutet, mit ihr zu teilen, wer ich bin, und dazu war ich meinem Vater zu ergeben.“

Aufgeweckt wie aus einem Traum beginnt Peter Reich sich schmerzvoll bewusst zu werden, wie schwierig eine normale Lebensführung für ihn war. Die im Buch beschriebenen Szenen spiegeln eine Überforderung des Jungen wider, eine Überforderung der einzige Gefährte zu sein, der „tapfere Soldat“ an Reichs Seite, der Eingeweihte, welcher das Wissen mit den Kameraden nicht teilen durfte, überfordert auch mit dem Wunsch, ihn nicht im Stich zu lassen, ihm die Treue zu halten. Und – Reichs Entdeckungen zu begreifen.

„Und solange ich nicht besser unterrichtet bin über das, was die Wissenschaft über die Lebensenergie nicht weiß, habe ich keine andere Wahl, als das zu glauben, was ich als Kind erlebt habe. Ich glaube, mein Vater hat vom Lebensprozess mehr begriffen, als die meisten Leute emotional akzeptieren können. Mich selbst eingeschlossen. Ich muss noch viel aufarbeiten, aber ich laufe immer noch davor weg.“
Wo er wohl angekommen ist, der jetzt 52-jährige Peter Reich?