Alfred Benedikt Zopf, 

geboren 1955; aufgewachsen als viertes und jüngstes Kind im
Goiserer Tal.

Geprägt war meine Kindheit einerseits durch die normale körper- und sexualfeindliche katholische Erziehung und andererseits, bedingt durch die geringe Präsenz der Eltern, viel Freiheit in den Wäldern, Bandengemeinschaften und den fehlenden Einfluss von Erwachsenen in dieser Kinderwelt – es war höchstens einmal ein Bauer, der uns wutentbrannt verfolgte. Manchmal begleitete uns die Angst, einem mit der „Goiserer Krawatte“ aufgehängten Mann im Wald zu begegnen – Bad Goisern hatte in den 60er und 70er Jahren die höchste Selbstmordrate Österreichs. In den Wäldern von Goisern lebte auch ein zurückgezogenes, tragisches Erfinderschicksal namens Gug’n Christ, für uns Kinder natürlich unheimlich besetzt. Gleichzeitig spürte ich, dass er im Ort respektiert wurde. Für mich muss es jemand gewesen sein, der mit seiner Existenz die Normalität in Frage stellte. Den Goiserer Jörg Haider habe ich als guten Kasperltheaterpräsentator in Erinnerung. Er konnte sehr gut den Kampf des Guten mit dem Bösen darstellen.
Den Kindergarten erlebte ich eher als grauenhaften Ort. Als Disziplinierungsmaßnahme wurde ich von den katholischen Kreuzschwestern öfters in ein dunkles Kammerl gesperrt. Natürlich hatte ich viel Angst vor der Nacht und schlief fast immer mit kleinem Licht.
Während ich mich in der Volksschulzeit als Raufbold und zusammen mit meinem Freund Klaus als Bandenchef hauptsächlich über den Körper definierte, vollzog sich in der Hauptschulzeit eine Wandlung. Ich begann, mir über Gespräche und Diskussionen meinen Platz zu suchen; das Raufen legte ich ad acta. Stark prägend für diese Veränderung meiner Werte war damals sicher die Darstellung von Christus als Instanz für die Entscheidung darüber, was Recht und was Unrecht ist. Das in dieser Figur begründete Annehmen oder Ablehnen dessen, was sich in der Welt abspielt, gab mir sicher auch die Kraft, als Jugendlicher mit meinen nationalsozialistisch eingestellten Eltern sehr harte Auseinandersetzungen zu führen. Über diesen Punkt stritt ich viele Jahre mit meinem Vater, erst als ich schon 25 war, versöhnten wir uns; mir wurde damals klar: auch ich werde für mein Leben Verantwortung tragen.
Zeitsprung – Anfang 1983:
Ich hatte gerade acht intensive Jahre als junger Heimerzieher hinter mir. Als Polaritäten erlebte ich das repressive System Erziehungsheim Steyr-Gleink und als mögliche Alternative die sozialpädagogische Wohngemeinschaft Villa Jussel in Hard am Bodensee.
Geschockt von den vielen Scheidungskindern in der Heimerziehung und auf der intensiven Suche nach meiner männlichen Identität – mein Vater konnte mir hier nichts Befriedigendes mitgeben – war ich beziehungsmäßig auf Distanz zu den Frauen gegangen. Ich erlebte mich als nicht beziehungsfähig. Ende 1982 war ich aus dem Berufsleben ausgestiegen und begann in Wien Erziehungswissenschaft zu studieren. Ich fühlte mich sofort sauwohl in der studentischen Freiheit und streckte meine Fühler nach allen Seiten aus. Studentische Politik wurde für mich sehr wichtig, – die Linke Alternative Basisgruppe zu einem besonderen Ort.
Einmal lernte ich auch einen Hahta Jogakreis kennen. Der autoritäre Führungsstil der Meisterin war für mich indiskutabel; auch wenn im Raum unglaubliche Energieschwingungen erlebbar wurden, verneinte ich ihre Art zutiefst.
Im Pädagogikstudium war mir schnell klar geworden, dass die Psychoanalytische Pädagogik für mich ganz wichtig werden würde. Ich beschäftigte mich intensiv mit den 20er und 30er Jahren, insbesonders mit August Aichhorn und Siegfried Bernfeld. Aber auch das ganze Umfeld der Reformpädagogik war für mich höchst interessant. Und da tauchte für mich das erste Mal der Name Wilhelm Reich auf. Ich las einen seiner Texte im Psychoanalytisch Pädagogischen Almanach. Gerade zu dieser Zeit fielen mir in Wien Plakate über eine Wilhelm Reich-Tagung auf. Für mich eine Verpflichtung, mir das anzuschauen. Die Inhalte fesselten mich sofort; zum Teil gab es wütende Attacken auf Reich und seine Thesen. Mir wurde klar, dass ich bei Wilhelm Reich Wissen finde, das gesellschaftlich unerwünscht ist, aber Dinge anspricht, die sich mit meiner Lebenserfahrung decken. Ich empfand große Sympathie für die radikalen Äußerungen Reichs.
Von dieser Zeit an hat mich Wilhelm Reich nie mehr losgelassen.
Meine Erkenntnis damals war: um Wilhelm Reich verstehen zu können, muss ich einmal die Psychoanlyse genau kennenlernen. Dabei stieß ich auf die Psychoanalytische Sozialtherapie, deren Zielsetzung es war, in einer dreijährigen Ausbildung Psychoanalyse im vorwiegend pädagogischen Bereich zu etablieren. In Diskussionen erlebte ich dort, 1984 bis 1987, sehr wohl die Akzeptanz von Wilhelm Reich, natürlich beschränkt auf seine Zeit in der Psychoanalyse. (Die Psychoanalytiker im Verein waren Harald Picker, Klaus Rückert und Max Kompein.)
Im Gegensatz dazu hatte ich auch ein Erlebnis der anderen Art. Ich wollte unbedingt eine mündliche Prüfung beim Psychoanalytiker Univ.Prof. Hans Strotzka ablegen, um ihn genauer kennenzulernen. Dies gelang mir auch: zusammen mit einem mir unbekannten Kollegen erschien ich zur Prüfung. Prof. Strotzka fragte den Kollegen, was er zur Zeit an psychoanalytischer Literatur lese. Er antwortete: „Ein Buch von Wilhelm Reich“. Schlagartig veränderte sich die Stimmung Strotzkas – er wurde ganz aggressiv. Mir blieb die Spucke weg. Der Name Reich genügte, um bei dem immer humorigen, wohlwollenden Professor eine hundertachtziggradige Veränderung herbeizuführen!
1987 gab es die Wilhelm Reich-Tage in Wien. Ich stritt damals mit Bernd Senf über seine Darstellung der Psychoanalyse, weil er sie für mich zu simplifiziert wiedergegeben hatte und weil ich empfand, dass eine Abwertung der Psychoanalyse gleichzeitig eine Abwertung Reichs und seiner ursprünglichen geistigen Heimat bedeutet.
Ich lernte dort auch Kurt Zanoll kennen, mit dem ich Erfahrungen aus dem Sozialbereich austauschte. Es war schön für mich, jemandem aus meinem beruflichen Umfeld zu begegnen.
Bei dieser Tagung erfuhr ich von einer Ausbildung in Emotionaler Reintegration. Meine Körper-Selbsterfahrung begann bei Angelika Scheffknecht. Diese erste intensive Auseinandersetzung mit einer Frau hat es mir ermöglicht, den Schmerz und die Trauer über meine innere Distanz zu Frauen zu empfinden. Der Sprung von der psychoanalytischen Gruppenerfahrung bei Johannes Ranefeld zur Therapie bei Angelika war sehr aufwühlend. Der Abschied von ihr nach zweieinhalb Jahren verlief irgendwie unglücklich – für mich aber auch passend zu meinen damaligen Frauenbeziehungen. Bald danach lernte ich meine Frau kennen.
Peter Bolens Art der Vermittlung genoss ich sehr. Ich habe in dieser Ausbildung sehr viel gelernt. Mein Bezug zu Reich wurde einerseits durch die Selbsterfahrung bei Angelika (sie war damals in SKAN-Ausbildung) und andererseits mit dem Einstieg in die Vegetotherapie gestärkt. Mein Selbstverständnis als Reichianer liegt in dieser Zeit begründet. Im kreativen `Sammelsurium´ der Emotionalen Reintegration entwickelte sich auch mein Bedürfnis, noch einmal intensiver in die Psychoanalyse einzusteigen.
Harald Picker und Klaus Rückert gründeten 1989 das Wiener Psychoanalytische Seminar als Alternative zum Wiener Arbeitskreis; ich stieg hier intensiv für sechs Jahre ein. Die Selbsterfahrung auf der Couch empfand ich als erkenntnisfördernd, aber bei weitem nicht so intensiv wie die Körperarbeit. Im Technikseminar zur Psychoanalyse wurde mir auch klar, dass mir die Körperarbeit mehr liegt, als die klassische Psychoanalyse mit ihrem distanzierten Setting.
1991 wurde ich ordentliches Mitglied im Wilhelm Reich Institut – für mich ein ganz wichtiger Schritt. Hier traf ich auch meinen „Vertrauten“, Kurt Zanoll, wieder.- Im gleichen Jahr entschied ich mich in Richtung SKAN-Ausbildung zu gehen. Im Sommer fuhr ich nach Aix, in die Provence, um auch die SKAN-Leute aus Deutschland kennenzulernen.
Beatrix Wirth und Wolfram Ratz organisierten 1993 eine von Loil Neidhöfer und Petra Mathes geleitete SKAN-Weiterbildungsgruppe in Österreich, an der ich teilnahm. Bei Loil und Petra vertiefte sich mein Zugang zur Vegetotherapie; vor allem entdeckte ich mein Vertrauen in die intuitive Körperarbeit.- Schade, dass sich am Ende der Ausbildung unsere Gruppe spaltete. Für mich ist hier einiges ungeklärt geblieben.
Ein weiterer wichtiger Baustein für mein reichianisches Selbstverständnis war die Teilnahme an Seminaren mit Al Bauman und Emily Derr. Mich mit Wilhelm Reichs Thesen in ihrer vielfältigen Form auseinanderzusetzen, ist mir eine Art Lebensaufgabe geworden. Auch wenn es mir wie A.S. Neill geht: manche seiner Forschungen, zum Beispiel die physikalischen Experimente, verstehe ich nicht. – Aber ich habe ja noch Zeit ……