„Ein Miteinander steht für mich allemal vor einem Nebeneinander“

Wolfram: Lieber Felix, Präsident der AABP …
Felix: (sichtbar verschnupft) Ich bin Obmann, wenn’st noch einmal Präsident sagst, dann …
W: Also lieber Obmann Felix: Du warst im September in Travemünde beim 7. Internationalen EABP-Kongress. Vielleicht kannst Du uns erzählen, was Dich dort beeindruckt, bzw. weniger beeindruckt hat. Ich wünsche mir, dass Du dann auch über die Situation der Körperpsychotherapie in Österreich berichtest.
F: Gut, also was hat mich beeindruckt: Der Kongress war diesmal von den Hauptvortragenden her sehr wissenschaftlich orientiert – es gab eine Reihe von Vorträgen, die die Körperpsychotherapie wissenschaftlich unterstützen. Ich möchte ein bisschen auf das Klima eingehen. Beim EABP-Kongress 1997 im Burgenland war es so, dass eine ziemlich starke Spaltung feststellbar war zwischen jenen Therapeuten, diese würde ich jetzt einmal als `Energetiker´ bezeichnen und denen, die mehr analytisch orientiert sind. Wenn man nicht auf den Redner geschaut hat, sondern in den Raum hinein, machte sich diese Spaltung bemerkbar, indem immer die eine Hälfte der Zuhörer verachtend und die andere Hälfte zustimmend geblickt hat. Es gab wenig Bereitschaft, einander ernst zu nehmen. Das war diesmal ganz anders. Beide Richtungen hatten Platz nebeneinander, man hat die jeweils anderen nicht mehr als Bedrohung, als Verräter, oder als was auch immer, empfunden. Es gibt ganz einfach verschiedene Anschauungen – die einen haben mehr einen intrapsychischen und die anderen einen interpersonalen Standpunkt. Das sind zwei verschiedene Blickpunkte zum Therapieverständnis. Beide haben ihre Berechtigung und sind sinnvoll – und beide haben ihre Stärken und Schwächen. Das entspricht ja auch dem menschlichen Dasein. Einerseits beziehe ich mich auf andere, andererseits gibt es auch Zeiten, in denen ich mich auf mich selbst beziehe und mit mir alleine bin – also intrapsychisch. Für mich hat das den Kongress sehr angenehm gemacht; es hat sozusagen kollegialer Respekt geherrscht, auch wenn manche Anschauungen nicht geteilt wurden. Noch etwas fand ich interessant: Es gibt ja in der Neo-Reichianischen Bewegung eigentlich von Anfang an eine Spaltung zwischen humanistisch orientierten Reichianern und mehr analytisch orientierten – analytisch ist vielleicht dafür ein falsches Wort, besser medizinisch – auch die Polarität atomistisch versus holistisch stimmt nicht ganz. In den letzten Jahren hat man in Österreich, aber nicht nur hier, versucht, bezüglich der gesetzlichen Anerkennung möglichst wissenschaftlich aufzutreten und hat zum Teil eine Reihe von analytischen Konzepten aufgenommen. Dadurch haben sich auch diejenigen, die ganz klar humanistisch orientiert waren, vom humanistischen Gedankengut sukzessive wegbewegt, ohne dass das wirklich bemerkt worden wäre. Das kann man anhand eines konkreten Beispiels sehen, etwa beim `Selbst-Konzept´: In den 80er und frühen 90er Jahren ging das Konzept von Maslow mehr und mehr verloren und wurde durch jenes von Kohut und Kernberg ersetzt. Die humanistische Grundeinstellung zur Arbeit und dem Klienten gegenüber wurde durch eine wissenschaftliche, teilweise analytische, ausgetauscht. Ich sage nicht, dass diese Wandlung jeder Körperpsychotherapeut mitgemacht hat, ich sehe das eher als Tendenz. Man hat dadurch vielleicht an Wissenschaftlichkeit und Professionalität auf der einen Seite gewonnen, aber auf der anderen Seite die humanistische Basis verloren. Ganz grundsätzlich hat man früher die Psychotherapie bzw. die Körperpsychotherapie mehr als Wachstumsarbeit gesehen, ganz gleich wie krank oder gestört jemand war. Heute spricht man überhaupt nicht mehr von Wachstum, sondern stellt Diagnosen – wir rechnen ja teilweise mit den Krankenkassen ab – denen kein psychodynamisches Verständnis zugrunde liegt, sondern ein Symptomverständnis.- Oder man nimmt analytische Konzepte wie das der `Reife´ her: es handelt sich dabei um eine fast normierte `Reife´, die bestimmt ist und nicht vom Klienten definiert wird. Diese normierte Reife ist häufig gesellschaftskonform und angepasst und damit auch unlebendig. Mit der eigenen Lebendigkeit in Kontakt zu sein und das Leben auch aus diesem Fluss heraus zu gestalten, geht dabei verloren.
W: Wir waren gerade noch in Travemünde …
F: Wir haben uns jetzt ein paar Schritte von Travemünde entfernt, aber ich denke, das gehört dazu und ist wichtig.
W: Stand der Kongress auch unter dem Zeichen der wissenschaftlichen bzw. politischen Anerkennung?
F: Eigentlich nicht. Vor dem Kongress war die Situation ja so, dass die Körperpsychotherapie nicht in den höchsten Status der EAP (European Association for Psychotherapy, Anm. d. Hsg.), in den EWAO-Status, hineingekommen ist. Das ist jetzt passiert; sie wurde wissenschaftlich anerkannt. Damit ist die Körperpsychotherapie mit der Gestalttherapie, der Verhaltenstherapie, der Psychoanalyse, etc., gleichgestellt. Das hat sicher auch damit zu tun gehabt, dass die EABP jetzt nicht mehr nur eine Organisation von Einzelmitgliedern ist, sondern dass es ein zweites Standbein gibt; und zwar das `Forum´ der körperpsychotherapeutischen Schulen. Es sind europaweit zwölf Schulen anerkannt worden, darunter auch aus Österreich die ERI (Emotionale Reintegration; Anm. d. Hrsg.). Auf der politischen Ebene spielt das natürlich eine große Rolle. Innerhalb des Forums hat man versucht, eine möglichst weite Definition der Körperpsychotherapie zu finden und nicht auf die vorher erwähnte Spaltung einzugehen; es gibt Platz für beide Richtungen. – Es fällt mir schwer, konkret über den Kongress zu berichten. Durch die vielen Vortragenden unterschiedlicher Richtungen war es für mich nicht leicht eine Richtung in dem ganzen zu sehen – abgesehen von den Hauptvorträgen, aber das wurde ja von den Veranstaltern initiiert. Die Vorträge der Hauptreferenten waren bisher immer der große Schwachpunkt bei den Kongressen. Das war diesmal besser, indem man Wissenschaftler geholt hat, die die Körperpsychotherapie unterstützen, aber nicht aus der Körperpsychotherapieszene kommen. Gut war auch, dass man die `Alten´ der Szene, also Eva Reich, Gerda Boyesen, Al Pesso, Malcolm Brown, usw. geehrt hat und sie mit ihren Vorträgen nicht den Kongress beherrschen ließ; die sagen ja seit zwanzig Jahren dasselbe.
W: Welche Vorträge haben Dich am meisten beeindruckt?
F: Am spannendsten waren sicher die Ausführungen und das Seminar von Bessel van der Kolk, der anhand von `Neuromapping´ aufzeigen konnte, dass bei posttraumatischen Störungen das Trauma durch verbale Psychotherapie nicht erreicht werden kann, sondern nur durch Einbeziehung des Körpers. Mich hat auch der Vortrag von Halko Weiss und Gustl Marlock über die Selbstkonzepte in der Körper-psychotherapie beeindruckt. Es war eine Besonderheit dieses Kongresses, dass Vorträge bzw. Präsentationen zu zweit gehalten wurden, wobei die beiden Vortragenden aus unterschiedlichen Schulen bzw. Richtungen kamen.- In diesem Fall kommt Halko Weiss von der Hakomitherapie und Marlock von der `Unitive Psychology´ von Stattmann.
W: Jetzt ist also die Körperpsychotherapie im Rahmen der EAP als gleichwertige Schule – so wie die Gestalttherapie, die Psychoanalyse, etc., anerkannt. Was bedeutet das jetzt praktisch?
F: Die Anerkennung auf dieser Ebene ist zwar sehr schön, aber es gibt nationale Gesetze, und da ist die Körperpsychotherapie nicht anerkannt. Das ist nicht nur bei uns so. In Deutschland z.B. geht’s allen humanistischen Richtungen ganz schlecht. Es ist ja so, dass EU-Gesetze vor nationalen Gesetzen stehen. Bis das in der Psychotherapie konkret umgesetzt sein wird, wird noch viel Wasser die Donau hinunter fliessen.- Zur Situation in Österreich: Es sind meines Wissens nach nur drei körperpsychotherapeutische Vereinigungen übergeblieben, die sich – bis jetzt vergeblich – um eine Anerkennung bemühen. Das sind die `Emotionale Reintegration´, die Bioenergetiker und die `Konzentrative Bewegungstherapie´. Das AIK hat sich ja durch den frustrierenden Anerkennungsprozess aufgerieben und aufgelöst. Ich möchte jetzt aber von der Körperpsychotherapie weggehen und weiter ausholen: Falls der derzeit diskutierte Vertrag zwischen dem ÖBVP (Österr. Bundesverband für Psychotherapie; Anm. d. Hrsg.) und den Krankenkassen kommt, ist generell die derzeit noch vorhandene Methodenvielfalt in Frage gestellt. Die kleineren Institute werden keine Ausbildungen mehr zustande bringen und zusperren müssen. Das würde in erster Linie humanistische Richtungen treffen. Selbst wenn die Körperpsychotherapeuten sich wirklich aktiv noch für eine Anerkennung einsetzten – derzeit herrscht ja generell Resignation – heißt das noch lange nicht, dass auf längere Sicht ein Überleben der Körperpsychotherapie gesichert wäre. Dennoch meine ich, dass sich in Österreich alle Schulen, Organisationen und die einzelnen Körperpsychotherapeuten zusammentun und ein Institut gründen sollten. Das würde ich nach wie vor am sinnvollsten halten. Wesentlich gescheiter wäre es auch, die vier in Wien erscheinenden Zeitschriften, die eigentlich alle in ähnlich periodischen Abständen erscheinen, in eine einzige zusammenzulegen. Ein Miteinander steht für mich allemal vor einem Nebeneinander. Man täte sich ökonomisch leichter, es gäbe inhaltlich mehr Substanz und die Veranstaltungsankündigungen sind logischerweise bei allen die gleichen, weil mehr Workshops, als die, die angeboten werden, gibt es nicht. So wie ich eine gemeinsame Zeitschrift für sinnvoll halte, so halte ich es auch für sinnvoll, dass die, die in der Körperpsychotherapie kompetent sind, zusammenarbeiten, und nicht jeder für sich dahin wurschtelt.
W: Hast Du dazu eine konkrete Vorstellung?
F: Auch wenn das im Moment nicht aktuell scheint, ist die Chance auf eine Anerkennung der Körperpsychotherapie ganz grundsätzlich von einem gemeinsamen Vorgehen abhängig. Im ÖBVP haben immer wieder einzelne gesagt, dass die Körperpsychotherapeuten so ein zerstrittener Haufen sind, dass sie es nicht schaffen werden, ein gemeinsames Institut zu gründen, was die Voraussetzung für eine Anerkennung wäre. Gut, das war vielleicht nur taktisch gemeint, aber ich glaube, dass ein gemeinsames Auftreten trotzdem die größte Chance gehabt hätte bzw. immer noch hat. Im Zuge der Vertragsverhandlungen mit den Sozialversicherungsträgern – und da formiert sich eine relativ große Bewegung dagegen – könnte es bei der nächsten Generalversammlung des ÖBVP zu einer Strukturreform kommen, so dass sich dadurch auch die Situation für die Körperpsychotherapie von heute auf morgen ändern könnte. Nicht, dass ich die Chancen sehr groß sehe, aber die Möglichkeit dazu besteht. Solange wir aber ein kommunikationsloser Haufen sind, nützt uns das überhaupt nichts.
W: Du denkst an eine Vereinigung der `besten Köpfe´.
F: Nicht an eine Vereinigung der besten Köpfe – und auch nicht an eine der besten Körper – sondern an eine Auseinandersetzung und Zusammenarbeit aller Psychotherapeuten, die in ihre Arbeit den Körper integrieren. Ich stelle mir eine Zusammenarbeit auf zwei Ebenen vor. Politisch geht es um eine Anerkennung der Körperpsychotherapie, ganz unabhängig von den Ausbildungsinstituten. Und inhaltlich hätte ich gerne alle integriert – von der Analytischen Körperpsychotherapie bis zum Reich-Institut, aber auch die Bioenergetiker und die Konzentrative Bewegungstherapie.
W: Was könnte denn die österreichische Vereinigung der EABP, die AABP, zu einer Anerkennung beitragen, oder welche Funktion könnte sie dabei übernehmen?
F: Ich denke, es wäre wichtig, das überhaupt etwas passiert. Es geht nicht um die AABP, sondern grundsätzlich um die Bewegung. Natürlich würde sich die AABP als Dachorganisation dafür anbieten. Aber für die AABP besteht derzeit sehr wenig Interesse. Die Mitgliederzahl geht zurück; warum ist schwer zu sagen. Die Situation bei uns ist nicht rosig, aber die Situation in Deutschland zum Beispiel ist auch nicht rosig, aber die deutsche Vereinigung der EABP hat einen starken Zulauf von Körperpsychotherapeuten, weil eben die Situation überhaupt nicht rosig ist. Ob bei uns dafür Animositäten, die gewiss eine Rolle spielen, der Hauptgrund ist, das weiß ich nicht. – Zu AABP-Sitzungen kommen etwa fünf bis sechs Leute. Ich habe im letzten Februar die Initiative ergriffen, um das auf eine etwas andere Basis zu stellen. Ich habe viele Einladungen ausgesprochen, und da sind damals 24 Leute gekommen, aber das hat überhaupt keine Früchte getragen.
W: Was meinst Du, würden sie sich von der AABP erwarten?
F: Sie erwarten sich gar nichts mehr, es herrscht Resignation.
W: Glaubst Du nicht, dass sie sich eine Unterstützung erwarten, zum Beispiel für eine berufliche Anerkennung?
F: Hinter der Resignation erwarten sie sich sicher Anerkennung und Unterstützung. Die Bedrohung der beruflichen Existenz, vor der viele Angst haben, kann die AABP nicht wegnehmen. Die gibt es ganz einfach. Aus dem heraus ist verständlich, dass jeder für sich der nächste ist. Jeder versucht das für sich irgendwie zu regeln. Es ist daher auch sekundär, ob man sich Körperpsychotherapeut oder sonst irgendwie nennt. Ich denke, das muss man akzeptieren. Es gibt auch etliche, die von der Therapie gut leben können und für nichts anderes Zeit haben. Also es gibt diese zwei Gruppen, und beide wollen bzw. können keine Energie dafür aufbringen.
W: Hast Du einen Wunsch als AABP-Präsident …
F: Obmann!!!
W: Also Obmann, hast Du eine Idee oder eine Vision, was die AABP für die Körperpsychotherapie in Österreich tun kann?
F: Eine Vision wäre die Bereitschaft zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung und die Zusammenarbeit. Die Frage ist aber: gibt es zur Zeit überhaupt eine Identität in der Körperpsychotherapie? Die meisten anerkannten Therapeuten, die körperorientiert arbeiten, sagen auf die Frage nach ihrem Beruf: `Psychotherapeut´, aber nicht Körperpsychotherapeut. Das heißt, es geht um eine Wiedererlangung der Identität. Das würde auch die Körperpsychotherapeuten dazu bringen, sich mit Inhalten auseinandersetzen. Aus dieser Auseinandersetzung könnte dann vielleicht einmal eine gemeinsame Bewegung entstehen. Das wäre meine Vision. Und dass wir einen Verein wie die AABP haben, der für die politische Dimension verantwortlich ist. Es gibt momentan überhaupt keinen Schwung in der Szene und damit eine mangelnde Identifikation, viele entwickeln sich davon überhaupt weg. Aber das hat sicher auch damit zu tun, dass viele sich mit anderen Therapiemethoden auseinandersetzen. Wie ich arbeite ist ja immer auch davon bestimmt, welchen Einflüssen ich mich aussetze. Ich habe das selbst erlebt. Wenn ich mich mehr analytischen Einflüssen aussetze, dann wirkt sich das auch ganz konkret in meiner Arbeit aus. Und wenn ich z.B. an einem Kongress teilgenommen habe, bei dem ich mich vielen Inputs körperpsychotherapeutischer Natur ausgesetzt habe, dann arbeite ich wieder mehr mit dem Körper. Wie ich als Therapeut arbeite, hängt damit zusammen, wie ich mich in der Fortbildung nähre.
W: Wieso ist dieser Schwung verlorengegangen? Hat das mit dem Psychotherapiegesetz zu tun, war die Körperpsychotherapie eine Modeerscheinung, oder …
F: Ja, von allem ein bisschen. Die Körperpsychotherapie war sicher einmal eine Modeerscheinung, so wie es heute die Systemische Familientherapie ist. Also es gibt immer Therapien, die gerade in Mode sind, und das hat natürlich sehr viel wieder mit dem Zeitgeist zu tun. Die Systemische Therapie, die als Kurzzeittherapie zielorientiert ist, passt sehr gut in unsere Zeit, so wie in den frühen 80er Jahren die Körperpsychotherapie der Zeit entsprochen hat. Der andere Aspekt ist, dass durch das Psychotherapiegesetz die Anerkennung des einzelnen im Mittelpunkt stand und sich viele in anderen Therapieverfahren umgesehen haben. Das hat generell eine Wegbewegung von der Körperpsychotherapie gebracht, auch bei den Ausbildungen. Des weiteren liegt das natürlich auch in den Schwächen der Körperpsychotherapie selbst, dass man z.B. bis Ende der 80er Jahre das Beziehungsgeschehen stark negiert hat und man sich anderen Richtungen zuwenden musste, um diese Konzepte zu finden. In den späten 70er und frühen 80er Jahren hat man sich als Reichianer als etwas Besonderes gefühlt. Man hat mit anderen gar nicht geredet und es auch nicht für notwendig gefunden, sich mit anderen auseinander zu setzen. Man hat diese Einstellung von Reich übernommen, hat Phobien gegenüber anderen entwickelt und sie überhaupt nicht ernst genommen und sich gleichzeitig dadurch in einer totalen Besonderheit erlebt. Das war keine sehr gesunde Basis und musste nach einiger Zeit zusammenbrechen. In der Enttäuschung über das Zusammenbrechen, hat man sich dann anderen Richtungen zugewandt. Körperpsychotherapie und das persönliche Leben waren ja damals sehr verquickt. Es hat sich herausgestellt, dass viele der Reichianischen Ansprüche nicht wirklich lebbar waren. Häufig wurde dann das Kind mit dem Bad ausgeschüttet, man hat nicht gesehen, dass es daneben doch sehr viel Wertvolles gibt, was bewahrenswert ist. Wenn man heute Therapeuten anderer Richtungen fragt, was sie mit dem Begriff `Körperpsychotherapie´ verbinden, dann sagt ein erschreckend großer Teil: in erster Linie Missbrauch. Uns hängt der Missbrauch viel stärker nach als zum Beispiel der Gestalttherapie, obwohl er dort wahrscheinlich genauso häufig vorgekommen ist. Die ganzen positiven Aspekte und Errungenschaften, die letztlich der Neoreichianismus gebracht hat wie die Sanfte Geburt, alternatives Schulwesen, etc., das wird überhaupt nicht mit uns in Zusammenhang gebracht. Da erhebt sich schon die Frage, was haben wir dazu beigetragen, dass das so gekommen ist.
W: Hast Du darauf eine Antwort?
F: Ich weiß es nicht wirklich. Eine Antwort darauf könnte sein: Enttäuschung. Enttäuschung insofern, als dass die Versprechungen der Reichianischen Therapie und deren Lehren sich nicht erfüllt haben, sich als Illusion herausgestellt haben. Aus dieser Enttäuschung heraus haben sich viele ganz abgewandt und distanziert, anstatt dazu ein stimmiges Verhältnis zu finden. Vielleicht ist das auch ein möglicher Umgang mit der Konkurrenz – indem man den anderen schlecht macht, macht man selbst ein besseres Geschäft. Aber auch das ist nur ein Aspekt, da gibt es sicher noch viele andere.
W: Ich habe Dich recht engagiert erlebt bezüglich des zu beschließenden Gesamtvertrags zwischen dem Hauptverband der Versicherungsträger und dem ÖBVP …
F: Na sehr engagiert nicht, ein bisschen halt. Auf die persönliche Existenzbedrohung – ob mit oder ohne Vertrag, das sehen einzelne sehr unterschiedlich – möchte ich nicht eingehen, sondern grundsätzlich etwas dazu sagen. Mit dem Abschluss des Gesamtvertrags wird die Methodenvielfalt gefährdet und der humanistische Ansatz mehr und mehr verloren gehen. Ich teile die Kritik zu diesem Vertrag mit Stemberger, Harald und Richard Picker und Oskar Frischenschlager. Was sich da zur Zeit entwickelt, halte ich für sehr positiv. Zum Beispiel die Gründung der AQA (Arbeitsgruppe Qualifizierte Alternative; Anm. d. Hrsg.). Das könnte zu einer Strukturreform innerhalb des Berufsverbands – der ja derzeit von oben nach unten organisiert ist – führen, so dass es zu einer Bewegung von unten nach oben kommt und sich vielleicht dadurch einiges grundlegend ändern könnte.
W: Vielen Dank für das Gespräch, lieber Präsident …
F: Obmann!!!