(Teil 3)

Für die Reichsche Arbeit ist es wesentlich, wenn auch schwierig, die Beziehung zwischen dem Biologischen und dem Behavioristischen bzw. dem Physischen und dem Psychologischen zu verstehen. Die Herausforderung besteht nicht nur im Verständnis des psychosomatischen Zusammenhangs, sondern auch in der Übersetzung dieser zwei Bereiche in eine verstehbare und einheitliche Form.
Es ist Aufgabe dieses Artikels, die Beziehung – die funktionelle Identität – von biologischem Plasma und den emotionalen, physischen und psychischen Strukturen des Schizoiden herauszuarbeiten. Diese Strukturen stehen nämlich nicht nur auf der psychosomatischen Ebene miteinander in Beziehung, sondern – und das ist wesentlich – sind verschiedene Formen desselben Prozesses.
EINLEITUNG

Im ersten Teil dieses Artikels (BUKUMATULA 2/3/97) habe ich zwei miteinander verwandte Ideen aufgegriffen: dass die Entwicklung des schizoiden Charakters direkt von der plasmatischen Funktion beeinflusst wird und dass sich die plasmatische Funktion deutlich in der Form und Funktion des Bindegewebes zeigt.
Weiters habe ich die These aufgestellt, dass der schizoide Charakter eine plasmatische Kontraktion als Abwehr von Schock und Trauma einsetzt. Bis jetzt wurde das Abwehrsystem einfach als neuromuskuläre Kontraktion gesehen. Das Verständnis, welche Rolle das Bindegewebe in physischen und psychischen Abwehrsystemen spielt, erlaubt uns eine neue, bessere Differenzierung von zwei verschiedenen Formen der Abwehr:
1) die plasmatische Kontraktion und
2) die neuromuskuläre Kontraktion.
Das Verständnis der plasmatischen Reaktion auf Stress und Trauma hilft uns auch die physisch-biologischen Grundlagen der psychischen Panzerung zu begreifen.
Im ersten Teil dieses Artikels habe ich die direkte Beziehung zwischen den biologischen Aktivitäten des Bindegewebes erklärt und aufgezeigt, dass die Dysfunktion des Bindegewebes eine psychosomatische Repräsentanz der grundlegenden Charakteristika des Schizoiden ist. Ich habe die Funktionen und Charakteristika des Bindegewebes mit dem schizoiden Zustand verglichen und aufgezeigt, dass sie voneinander abhängig sind (siehe Tafel 2 im 1. Teil). Zum Beispiel übernimmt das Bindegewebe eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung des Organismus gegen physische Eingriffe und Störungen. Genauso kontrahiert der Schizoide auf plasmatischer Ebene, um sich zu stabilisieren und sich gegen Bedrohungen und Angriffe zu schützen. Ein anderes Beispiel wäre, dass das Bindegewebe ein Netzwerk und Informationssystem im ganzen Körper unterhält: während einer Schockreaktion setzt der Schizoide dieses Netzwerksystem ein, um ganz und einheitlich zu kontrahieren. Das ist eine „ganzkörperliche“ Reaktion. Deshalb gibt es hier keine Segmentierung.
Ich habe auch die gesunde, frei fließende Eigenschaft der Amöbe mit dem rigiden, paralysierten Zustand des Schizoiden verglichen. Auch hier werden die Unterschiede zwischen dem gesunden plasmatischen Status – der fließenden, pulsierenden Amöbe – und dem ungesunden, kontrahierten Zustand – dem rigiden, gefrorenen Schizoiden, deutlich.
Der letzte Teil dieses Artikels zeigt ein Modell von zwei grundsätzlich verschiedenen Reaktionen des Organismus auf Stress: Die erstmögliche Reaktion im Mutterleib und in der frühen Kindheit ist plasmatisch; die sich später entwickelnden Reaktionen beruhen hingegen auf dem kognitiv/neuromuskulären System. Meiner Behauptung liegt die Idee zugrunde, dass der Organismus im Mutterleib und in der frühen Kindheit sozusagen wie eine „Amöbe“ funktioniert, dem als einzige Abwehr auf Stress die plasmatische Kontraktion bleibt. Erst später, wenn das Kind neuromuskuläre und kognitive Fähigkeiten entwickelt hat, kann es sie auch dazu einsetzen, ein Abwehrsystem aufzubauen. Je älter das Kind ist, desto weniger wird es für seinen Schutz vom plasmatischen System abhängig sein, da sich ja jetzt das kognitiv/-neuromuskuläre System entwickelt bzw. entwickelt hat.
Eine kognitiv/neuromuskuläre Reaktion auf Stress bedarf willkürlich einsetzbarer Muskeln, bedarf des Zentralen Nervensystems, eines Bewusstseins und es bedarf einer segmentalen und lokalen Reaktionsfähigkeit – z.B., dass die Schultern in Angst hochgezogen werden, die Füße aber „geerdet“ bleiben.
Die Reaktion des Schizoiden ist jedoch eine ganzkörperliche Kontraktion. Sie schließt die unwillkürliche Muskulatur und das Vegetative Nervensystem (vor allem das vegetative Nervensystem des Verdauungstraktes) mit ein, so dass z.B. die Schultern auch hochgezogen werden, die Füße aber nicht geerdet bleiben. Durch die Fähigkeit des Plasmas sich zu vernetzen, kommt es zu einer Ganzkörperkontraktion, vergleichbar der plasmatischen Kontraktion einer Amöbe, wenn sie unter Stress steht.
Im zweiten Teil behandle ich die Themen Schock und Trauma und biete ein Modell zur Entwicklung von plasmatischen und neuromuskulären Charaktertypen an. Außerdem werde ich verschiedene, speziell hierfür entwickelte Arbeitsansätze vorstellen: Körperarbeit, die insbesondere die Funktion des Bindegewebes miteinbezieht, kognitive, d.h. verbale Arbeit speziell für diesen Themenkreis, sowie die Mobilisation der Einwärtsbewegung der Pulsation auf der energetischen Ebene, dem „Instroke“.
PLASMA UND „ERNÄHRUNG“

Bevor wir die Themen Schock und Trauma behandeln, möchte ich erklären, warum ich die Funktion des Plasmas für die Entwicklung des schizoiden Charakters für so bedeutend halte. Ich werde aufzeigen, wie eine Funktionsstörung des Plasmas sich direkt auf die Entwicklung des schizoiden Prozesses auswirkt.
Im ersten Teil habe ich die speziellen Charakteristika des Plasmas erwähnt und habe in seiner Dysfunktion die Grundlage für den schizoiden Prozess erkannt. Gray´s Anatomielexikon behauptet, dass ein ganz bemerkenswertes Charakteristikum des Plasmas die Ernährung ist: nämlich seine Fähigkeit, spontan alle Stoffe für sein Wachstum und Weiterbestehen anzuziehen. Gray führt weiter aus, dass in gesundem Zustand auch „Fremdsubstanzen“, z.B. Nahrungsmittel eingeschlossen und aufgenommen werden.
Wenn wir diese rein biologische Information in Betracht ziehen, müssen wir uns fragen, was die dem Plasma eigene Fähigkeit, sich physisch zu ernähren, mit dem schizoiden Verhalten zu tun hat. Ist nicht das „Ernährtwerden“ ein zentrales Thema für diesen Charaktertyp? Ist nicht der Mangel an „Nahrung“ der Ausgangspunkt, der dem schizoiden Verhalten ganz ursprünglich zugrunde liegt?
Psychologisch gesehen würde dieser rein biologische Mangel als frühe Kontaktstörung in der Versorgung von physischer und emotionaler Unterstützung bzw. Nahrung beschrieben werden. Mangelnder Augenkontakt zwischen Eltern und Kind, unregelmäßiger, immer wieder unterbrochener Kontakt oder ein Mangel an Wärme und elterlicher Zuneigung, mangelhafte Ernährung aus Unachtsamkeit oder zu viel Spannung und Auseinandersetzungen sind die Faktoren, die Stress erzeugen und die „Ernährung“ des Kindes beeinträchtigen. Sie erzeugen sowohl physisch als auch psychisch und emotional einen unterernährten Zustand.
Das mangelnde „Bemuttertwerden“ entspricht dem klassisch psychologischen Verständnis der Entwicklung von Frühstörungen (normalerweise nicht nur auf die Mutter an sich, sondern auch auf andere Bezugspersonen, bzw. die Umgebung, bezogen). Diese Erfahrungen beschreiben das Geschehen, wenn wir den Begriff der „Frühstörung“ als den wichtigsten Faktor in der Entwicklung zu einer schizoiden Persönlichkeit verwenden. Das Thema „Nahrungsmangel“ begleitet den Schizoiden physisch und psychisch, d.h. also auch emotional, sein ganzes Leben lang.
Körperlich wirken Schizoide dünn, unterernährt, unterentwickelt und kalt. Emotional entstammen mangelnde Kontaktfähigkeit und die Probleme mit Liebe und Vertrauen direkt aus diesen frühen Entbehrungen. Sie sind in einer ewigen Spirale des „Nicht-genug-Bekommens“ gefangen; sie sind nicht fähig, von sich aus zu geben. Das hat zur Folge, dass sie nicht wissen, wie sie ihr Leben einrichten könnten, um sowohl physisch als auch psychisch genährt zu werden. Das Paradoxe sowie das Problem dabei ist, dass ein gut versorgter Organismus auch gut ernährt werden kann. Ist er jedoch nicht ausreichend genährt, dann kann er auch nicht ausreichend versorgt werden. Anders ausgedrückt: Funktioniert das plasmatische System gut, dann kann auch physische und emotionale Nahrung gut aufgenommen und wieder abgegeben werden. Wenn das plasmatische System jedoch kontrahiert ist, dann wurde die Erfahrung „genährt zu werden und sich nähren zu können“ nie gemacht und daher auch nie wirklich gelernt.
Der Schizoide hat nie erfahren bzw. gelernt, physische und emotionale Nahrung (auf) zu nehmen oder zu geben. Er kann sie weder annehmen, noch anderen geben. Später überträgt sich das, was wir vorher als biologische Fähigkeit zur „Inkorporation“, Einverleibung oder Aufnahme von Nahrung besprochen haben, direkt auf zwischenmenschliche Beziehungen; z.B. die Schwierigkeit, einen Menschen mit schizoidem Charakter zu berühren, zu umsorgen und zu lieben. Der Schizoide ist nicht in der Lage zu verdeutlichen, wer er ist, was er braucht und was er geben kann. Die sogenannten „Fremdsubstanzen“, die Nahrung, sind jetzt Liebe, Kontakt und Fürsorge. Die Tragödie ist die, dass diese „Nahrung“, die von außen, von anderen kommt, immer fremd bleibt und niemals „einverleibt“ wird – dass jemand an ihn glaubt und ihm vertraut, so dass sich der Organismus geliebt und umsorgt fühlen könnte.
Es wird buchstäblich nichts „einverleibt“. Ihre Körper wirken dünn und unterernährt. Sie sind ständig auf der Suche, weil sie nicht das bekommen, was sie brauchen. Ihre Distanziertheit und ihr arrogantes Gehabe ist Ausdruck ihrer Unfähigkeit, etwas aufzunehmen, egal was andere sagen oder tun; sie können es nicht auf- oder annehmen oder glauben, und so bleibt der Mangel an Vertrauen bestehen. Das sind nur einige der Probleme auf der Verhaltensebene, die auf mangelhafter „Nahrungsaufnahme“ beruhen, welche durch die plasmatische Kontraktion hervorgerufen wurde.
Der Organismus ist außerstande etwas „anzuziehen“, „aufzunehmen“ oder sich etwas „einzuverleiben“. Der plasmatische Zustand verhindert, dass er bekommt, was er will – sowohl auf der physischen, als auch auf der psychischen Ebene. Er ist in jeder Hinsicht unfähig zu „wachsen“.- Er kann gerade überleben. Dieser Kampf ums Überleben ist die Grundlage für die existentiellen Probleme des Schizoiden, deren Wurzeln wiederum in der mangelnden Ernährung – dem Trauma von Frühstörungen – liegen.
SCHOCK UND TRAUMA

In der Psychologie wird dieser „unterernährte“ Gesundheitszustand „Schock- oder Traumazustand“ genannt. In beiden Teilen meiner Arbeit sind die Begriffe Schock und Trauma immer wieder aufgetaucht. Obwohl es allgemein üblich ist, diese beiden Begriffe gleichbedeutend zu gebrauchen, möchte ich sie hier genauer differenzieren.
Um es vereinfacht zu sagen: Nicht jeder Schock ist traumatisierend. Wenn wir mit jemandem arbeiten, kann es vorkommen, dass so etwas wie ein Schockereignis auftaucht. Aber es ist riskant automatisch anzunehmen, dass der Klient traumatisiert oder gar geschockt ist – in dem Sinne, dass der Schock einen langzeitigen, negativen Effekt hat. Es wird wahrscheinlich sogar fruchtlos sein, an diesem „angenommenen“ Schock zu arbeiten.
Das Wort „Schock“ kommt aus dem Französischen („choquer“) und war ursprünglich der militärische Fachausdruck für eine „vehemente Attacke“. Das Geschehen findet plötzlich und ansatzlos statt und ist von kurzer Dauer. Wiewohl es ein äußeres Ereignis ist, produziert es „innerlich eine Störung der Stabilität und der Beständigkeit“.
Der Grundgedanke ist, einen Feind durch eine plötzliche, unerwartete Attacke zu „schockieren“ und dann Vorteile durch die „innere Verstörung“ – den Schock -, die kurzfristig durch die Attacke geschaffen wurde, zu gewinnen. Interessant dabei ist, dass die Aktion, die der Attacke folgt, das ist, was bleibende Wirkung hat. Was nach dem Schock kommt, ist der bestimmende Faktor dafür, ob das Ereignis auch eine langdauernde Auswirkung hat.
Ich würde langzeitige und negative Nacheffekte eines Schocks als „Trauma“ bezeichnen.- Biologisch gesehen ist Trauma chronisch kontrahiertes Plasma.
„Trauma“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Wunde“. Es ist die Reaktion auf ein früheres, äußeres Ereignis (z.B. auf einen Schock). Die Psychiatrie hat ihr Verständnis von „Trauma“ über die Jahre hinweg neu definiert. Es hat sich von einem zuerst formulierten Aufbranden von Angst anlässlich eines äußeren Ereignisses zu einem Aufbranden von Angst anlässlich eines inneren Ereignisses entwickelt. Im Laufe der Zeit und durch neue Erkenntnisse wurde die Definition weiter gefasst und wurde als spätere Reaktion zu einem früheren Ereignis verstanden. Schließlich wurde die Definition so gefasst, dass es zu einer Anhäufung von Ereignissen kommt, die das Individuum zwar nicht überwältigten, sich aber auf den Organismus insgesamt negativ auswirken.
Ich glaube, dass ein Trauma schlussendlich folgendes ist: Stress, der über etliche Zeit hinweg zunimmt, bis zu dem Punkt, wo der Organismus in traumatisierter Art antwortet. Der Organismus leidet unter einer ständigen „Verwundung“. Biologisch ausgedrückt verwandelt sich die Verwundung zu chronisch kontrahiertem Plasma.
Die „Urknalltheorie“ der traditionellen Psychologie beharrt darauf, dass das Trauma von einem bestimmten Ereignis ausgelöst wurde, und es wird an den Klienten appelliert, dieses Problem zu bearbeiten. Aber der Wert dieser Theorie ist meines Erachtens nach fragwürdig. Ein Beispiel: Eine Person kann in dem Sinn überreagieren, wie „ein Tropfen das Fass zum überlaufen bringt“, z.B. ein Amokläufer, der wahllos auf Leute schießt, weil er einen Strafzettel für Falschparken erhalten hat. Man geht nicht hinaus und erschießt Leute, weil man einen Strafzettel für Falschparken erhalten hat. Hier sind andere Faktoren involviert. Wenn es etwas gibt, das den Organismus scheinbar traumatisiert hat, ist es wichtig funktionell abzuschätzen, ob dieses spezielle Ereignis das Verhalten geprägt hat, oder ob es nicht vielleicht eine Anhäufung von verschiedenen Erlebnissen über eine gewisse Zeitspanne hinweg war.
Nur ganz selten wird ein Organismus von einem einzigen Ereignis geschockt und traumatisiert. Normalerweise entsteht die Traumatisierung dadurch, dass das System durch Stress über eine Zeit lang so „geschwächt“ wird, dass in einer bestimmten Situation eine „Überreaktion“ erfolgt.
Akuter Schock, Chronischer Schock und Trauma

Wie schon erwähnt, ist ein Schock normalerweise von kurzer Dauer. Der Organismus kann geschockt werden und sich dann schnell wieder erholen. Das ist eine gesunde Reaktion. Ich möchte sogar noch weiter gehen und behaupten, dass ein gesunder Organismus zur Kontraktion bei einem Schockerlebnis fähig sein muss, um als gesund zu gelten. Der Organismus sollte imstande sein, Schock zu erfahren, zu überstehen und wieder zu einem inneren Gleichgewicht finden zu können. Die Wiederherstellung des Gleichgewichts nach einer Schockerfahrung zeigt sich im Muskelsystem, im sympathischen und parasympathischen Funktionieren und im Plasma.
Aus dieser Unterscheidung ergeben sich nun zwei verschiedene Schockzustände:
Der erste ist ein akuter Schock, der eine plötzliche und in erster Linie muskuläre Kontraktion auslöst, die auch mit einer Kontraktion des Plasmas einhergeht. Beides wird sich schnell wieder erholen, wenn der Organismus vor dem Schockerlebnis relativ gut funktioniert hat und der Schock nicht zu dramatisch war. Der zweite Schockzustand hingegen ist eine chronische plasmatische Kontraktion, die den Schock sozusagen „nicht mehr frei gibt“. Diese Kontraktion führt zum ständigen „Festhalten“, im Sinne der Muskelpanzerung, so wie wir sie vom klassischen Reichschen Konzept her kennen.
Die Muskeln allein können aber eine Kontraktion nicht über Jahre hinweg aufrechterhalten. Ein langzeitiges Festhalten oder Blockieren wird nur dann möglich, wenn sich ein fibröses Unterstützungssystem aus dem kontrahierten Plasma entwickelt. Die Belastung des Plasmas aktiviert das Bindegewebe, das weitere Fasern in und um das Muskelgewebe entwickelt, um das „Festhalten“ zu unterstützen.
Die muskuläre Reaktion ist ein spontaner Reflex zur Panzerung, der sich von der chronischen Panzerung des Bindegewebes unterscheidet: die Muskeln haben die Fähigkeit schnell kontrahieren zu können und schnell wieder nachlassen zu können. Das Bindegewebe hingegen antwortet auf Stress langsamer. Es braucht Zeit, sowohl bei Anspannung zusätzliche Fasern aufzubauen, als auch diese bei Entspannung wieder abzubauen. Dieser Mechanismus erklärt beides: sowohl die langzeitige Entwicklung von anhaltendem Stress als auch den Grund, den Grund, warum der Organismus einige Zeit braucht, um sich in einen gesunden Zustand zurückverwandeln zu können, sobald die Spannung nachlässt oder wegfällt.
Ich behaupte also, dass es nicht zu einem anhaltenden Schock und sicherlich zu keinem Trauma kommen wird, wenn es nicht auch zu einer chronischen plasmatischen Kontraktion und einem daraus resultierenden fibrösen Aufbau kommt. Muskuläre und plasmatische Kontraktion sind bei einem Schock normal. Also wird sich beides in einem gesunden Organismus wieder auflösen. Ein Trauma entspricht jedoch einer chronischen Kontraktion.
Beispiele für Schock und Trauma

In einer Schocksituation mag das plötzliche Ereignis traumatisierend erscheinen. In begrenztem Maße ist es das auch. Aber ein einzelnes Ereignis ist nur dann traumatisierend, wenn der Organismus schon durch vorangegangenen Stress geschwächt ist. Ein gesunder Organismus könnte dasselbe Ereignis erfahren, sich im Schock kontrahieren, sich dann aber wieder entspannen und davon befreit sein.
In dem im ersten Teil dieses Artikels angeführten Beispiel eines schizoiden Klienten sprachen wir über dessen Frühstörung durch die Trennung des Säuglings von der Mutter. Ich möchte jetzt gerne verschiedene Interpretationen dieses Ereignisses darstellen, um zu zeigen, dass die Trennung von der Mutter nicht unbedingt das eigentlich traumatisierende Ereignis war.
Eine Möglichkeit ist die, dass sich das Trauma aus einer Reihe von Stresserlebnissen im Mutterleib entwickelt hat, also schon vor der Geburt und der anschließenden Trennung bestand. Die Lebenslage und Lebensumstände der Mutter hätten für das ungeborene Kind so zerstörerisch sein können, dass es schon vor der Geburt traumatisiert war.
Oder: das Trauma könnte auch durch Geschehnisse ausgelöst worden sein, die nach der Trennung passiert sind. Die Art und Weise, wie mit der Trennung umgegangen wurde, ist dann bestimmend dafür, ob der akute Trennungsschock chronisch wird und letztendlich den Organismus traumatisiert. Für die Arbeit mit unserem Klienten, dessen Mutter bei der Geburt „verrückt“ wurde und der eine Zeit lang bei einer Tante Aufnahme fand, ergeben sich also einige Fragen: Wie etwa kann das Befinden im Leib einer Mutter sein, die „verrückt“ wurde, als das Kind zur Welt kam? Von diesem Blickwinkel aus könnten wir behaupten, dass der Klient schon vor der Trennung traumatisiert war.
Es ist möglich, dass die Trennung – außer für einen „falschen“ Grund – keine Auswirkung hatte. Es ist der „falsche“ Grund, weil die vorher schon bestehende plasmatische Kontraktion zeigt, dass der Organismus bereits traumatisiert war. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass ein potentielles Schockerlebnis den Organismus unter Umständen überhaupt nicht in Mitleidenschaft ziehen muss. Das Neugeborene ist sozusagen bereits zu gepanzert, um die Auswirkungen der Trennung spüren zu können.
In diesem Beispiel widersteht der Säugling erfolgreich der Gefahr, die die Trennung bedeutet, aber unglücklicherweise „widersteht“ er auch beharrlich den „nährenden“ Dingen, die ihm entgegengebracht werden könnten. Die Trennung hätte ihn dann nicht traumatisiert. Wäre er von einer liebevollen Tante aufgenommen worden, hätte es auch passieren können, dass er ihre Fürsorge und anderes „Nährendes“ nicht aufnehmen hätte können. Das ist ein Beispiel dafür, dass ihn die Trennung nicht „geschockt“ hat, weil dem ein früheres Trauma zugrunde liegt.
Wir könnten auch fragen, welche Art des Bemutterns er nach seiner Geburt von einer Frau erhalten hat, die zum Zeitpunkt der Geburt „verrückt“ wurde. In diesem Fall könnten wir verschiedene Gründe dafür anführen, dass es nicht die Trennung selbst war, die sein Problem ausgelöst hat, sondern die Tatsache, dass er von einer verrückten Mutter aufgezogen wurde. Wäre unser Klient weniger „schizoid“, wenn er länger bei seiner Tante geblieben wäre, anstatt zu seiner Mutter nach ihrer „verrückten“ Phase zurückzukehren?
Es sieht so aus, als ob die Trennung das schockierende Ereignis sein könnte, aber in Wirklichkeit ist das Traumatisierende oft das, was dem Schockerlebnis folgt. So wie in einer Militäroperation hat der Schock nur dann eine anhaltende Wirkung, wenn es auch zu einer Nachfolgeaktion kommt, also das „System“ noch aus dem Gleichgewicht geworfen und innerlich gestört ist. Dasselbe trifft für die Traumatisierung eines Kleinkindes zu. Welche Art der Fürsorge erwartete unseren Klienten zu Hause nach der Trennung? Waren die Verhältnisse nun unterstützend und nährend oder gab es eine Erweiterung und Fortsetzung für den ursprünglichen Grund der Trennung?
Zu dieser Tragödie käme noch hinzu, dass das Kind die „Ernährung“ nicht mehr hätte aufnehmen können, auch wenn die Mutter heimgekommen wäre und es ihr möglich gewesen wäre, liebevoll und fürsorglich zu sein.
Eine erste Interpretation wäre also die, dass das Kind nicht erst durch die Trennung, sondern schon vorher traumatisiert wurde und in einem gewissen Sinn nichts mehr „spüren“ konnte. Das heißt, dass es zu keinem Schockerlebnis kam, weil es schon ein früheres Trauma gab. Eine andere wäre die, dass es nicht die Trennung selbst war, die das Trauma verursacht hat, sondern das, was nach der Trennung geschah. Das wäre eine Traumatisierung nach dem Schock. Ein Schock, der nicht aufgelöst wurde.
Eine dritte Möglichkeit ist die, dass der Organismus traumatisiert wurde, gerade weil es ein früheres Schockerlebnis gab. In diesem Beispiel überlädt vorangegangener Stress den Organismus, so dass das nächste stressende Ereignis dazu führen könnte, dass „ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt“ und der Organismus traumatisiert wird. Wenn der erwähnte Klient durch schlechte Bedingungen im Mutterleib gestresst wurde, dann könnte er leicht durch die Trennung von der Mutter traumatisiert worden sein, weil sein Abwehrsystem durch die ungünstigen Bedingungen im Mutterleib geschwächt wurde. Hier wird der bereits geschwächte Organismus durch die Trennung geschockt – und bleibt geschockt, traumatisiert.
In diesen Beispielen wird ein Paradoxon deutlich: Einmal verursacht die Kontraktion eine Art von Stärke, die ein nächstes Schockerlebnis überwinden hilft, während in einer anderen Situation die Kontraktion den Organismus schwächt und ihn so noch empfindlicher macht.
Zum Überblick können wir folgende Schlüsse ziehen: Der Schock ist eine plötzliche, von außen verursachte Störung des Gleichgewichts des Organismus, die mit einer Kontraktion einhergeht. Muskulatur und Plasma werden kontrahiert. Im Idealfall kehrt die natürliche Spannung zurück, wenn das Schockereignis vorbei ist. Aber Stress kann so lange akkumuliert werden, bis der Organismus permanent davon überflutet ist – das bezeichnen wir als „traumatisiert“. Ein Trauma ist die „Langzeitreaktion“ auf Stresssituationen. Ein Trauma ist der psychisch/emotionale Ausdruck der plasmatischen Kontraktion, die vom fibrösen Aufbau des Bindegewebes abhängt.
Wir können akuten Schock erleben, der sich auflöst und akuten Schock, der chronisch wird. Wenn er sich nicht auflöst, kommt es zum Trauma.
Warum sollte sich der eine Schock auflösen und der andere nicht? Wir werden dieses Thema anschließend in unserem „Entwicklungsmodell“ behandeln. Jetzt schon können wir aber vorwegnehmen, dass ein Grund dafür im Zustand des Plasmas vor dem Stressereignis liegt. Die Funktion oder Dysfunktion des Plasmazustands bestimmt die Auswirkungen von Stress. Dabei gibt es drei mögliche Reaktionen:
1) der Stress geht einfach unbemerkt wieder weg,
2) der Organismus ist geschockt und der Schock verschwindet wieder,
3) der Organismus ist geschockt, aber der Schock bleibt, und es kommt zu einer Traumatisierung des Organismus, geht also in eine Langzeitentwicklung über, die vom Gesundheitszustand des Plasmas abhängig ist. Je schlechter sein Zustand vor dem Ereignis ist, desto schlechter wird die Reaktion auf ein stressendes Ereignis sein. Die „Qualität“ (des Plasmas) bestimmt die Erfahrung.- Daraus ergeben sich die Stadien: Stress – akuter Schock – chronischer Schock – Trauma.

Entwicklungsmodell

Das Entwicklungsmodell entstammt einer Diskussion über jene Faktoren, die für die Entstehung des schizoiden Zustandes, sowie für die komplexen Wechselwirkungen verantwortlich sind.
Entwicklungsfaktoren

Drei Hauptfaktoren wirken bei Schock und Traumatisierung: Physische Erbfaktoren, Zeitpunkt des Ereignisses und die Intensität des Erlebens. Das kann einfach festgestellt werden, aber die Interaktion zwischen diesen drei Faktoren verkomplizieren die Fragestellungen zur Entwicklungsgeschichte immens.
Um zum Beispiel die Intensität eines Ereignisses bewerten zu können, müssen wir den Zeitpunkt des Geschehens kennen. Dies ist normalerweise der am leichtesten zu bestimmende Faktor. Je früher der Stress einwirkt, um so stärker wirkt er traumatisch. Wir müssen in unseren Überlegungen auch die Erbfaktoren bedenken, obwohl wir heute noch wenig darüber wissen. Außerdem müssen wir etwas über den Zustand des Organismus wissen, bevor das, bzw. die Ereignisse einsetzen und ebenso etwas darüber, was danach passiert.
Wie wir schon erwähnt haben, muss ein Ereignis den Organismus nicht unbedingt schockieren, wenn der plasmatische Zustand gut, d.h. gesund ist. Wenn jedoch ein Ereignis auf einen, aus früheren Lebenserfahrungen gestressten Organismus einwirkt, hat das Ereignis eine scheinbar stärkere Intensität. Es ist schwierig, die Intensität genau zu beurteilen.
Außer dem Zeitpunkt des Ereignisses und dem Zustand des Plasmas, hängt die Verarbeitung der Erfahrung davon ab, was unmittelbar nach dem schockierenden Erlebnis passiert. Üblicherweise sind hier die Eltern involviert. Die Art und Weise, wie sie mit der Situation umgehen, hat für das Kind eine Langzeitwirkung. Es wird kompliziert, wenn, wie häufig, die Eltern selbst die Auslöser der negativen Erfahrung sind. Sie befinden sich dann in einer Doppelrolle: einerseits sind sie die Verursacher und andererseits die potentiellen „Wiedergutmacher“ des Problems.
Als Ergebnis interagiert eine Konstellation von Faktoren unterschiedlicher Kombinationen, die ganz verschiedene Reaktionen des Organismus hervorbringen. So wird verständlich, dass es normalerweise nicht das historische Ereignis selbst ist, das von Bedeutung ist. Es mag immer noch wichtig sein, mit dem auftauchenden Ereignis, das die Ursache des Problems zu sein scheint, zu arbeiten. Aber es muss nicht unbedingt im klassischen Sinn durchgearbeitet werden. Nun können wir das Ereignis in einen sinnvolleren und dynamischeren Zusammenhang stellen, der uns eine tiefere Einsicht – sowohl in den Ursprung als auch für die Bearbeitung des Problems, gibt.
Der plasmatische Charakter

Wie schon angedeutet, bestimmt die Kombination dieser verschiedenen Faktoren darüber, ob die Charakterentwicklung auf einer plasmatischen oder einer neuromuskulären Reaktion beruht. Um die Unterschiede aufzuzeigen, werden wir die Entwicklungsgeschichte der zwei Haupttypen darstellen: Der plasmatische Typ (primär und sekundär schizoid) und der kognitiv/neuromuskuläre Typ. Bezeichnenderweise sind reine Charaktertypen selten. Die meisten Menschen sind Mischungen dieser zwei Entwicklungsmöglichkeiten.
Der rein plasmatische Charaktertyp entspricht dem schizoiden Zustand. Der Organismus zeigt eine Geschichte früher Störungen, die permanent im Plasma in Form einer organismischen Kontraktion verankert ist. Die organismische Abwehr basiert in erster Linie auf dieser Kontraktion.
Mit dem frühen Einbruch eines schockierenden Ereignisses, welches nicht aufgelöst werden kann, bleibt der Organismus traumatisiert. Der Organismus hat sich in der ihm einzig möglichen Art verteidigt – mit einer plasmatischen Ganzkörperkontraktion, die chronisch wird. Die erste – und in diesem frühen Alter einzige Abwehrmöglichkeit besteht im plasmatischen Rückzug von der Körperperipherie ins Zentrum. Der Organismus hat Angst oder sogar Terror erfahren. Die Kontraktion hält diese Emotionen zurück, damit die Erfahrung abnehmen und nachlassen kann.
In diesem frühen Entwicklungsstadium kann das Kind nicht davonlaufen. Es kann nicht einmal erkennen, geschweige denn kognitiv verarbeiten, was ihm widerfahren ist. Es kann das Geschehene weder konzeptionalisieren noch rationalisieren. Es kann seine Muskulatur noch nicht in einer organisierten Art bewegen, wie es zum Zurückschlagen oder Fortlaufen notwendig wäre, um sich zu schützen. Es kann extreme „Unlust“ empfinden, aber dies ist weder dasselbe noch so effektiv wie eine aggressive Reaktion – etwa einen Gegenangriff zu starten. Es hat also keine andere Verarbeitungs- oder Verteidigungs- bzw. Abwehrmöglichkeit, als die plasmatische Kontraktion.

Die kognitiv neuromuskuläre Struktur

Wenn das Kind älter wird, verliert die plasmatische Reaktion an Bedeutung, da sich nun das neuromuskuläre und kognitive System entwickelt. Mit der konstanten Entwicklung beider Systeme hat das Kind nun eine größere Auswahl und mehr Kombinationsmöglichkeiten zur Verfügung – nicht nur für seine Entwicklung, sondern auch für seine Verteidigung (siehe Diagramm 1).
Allgemein kann man sagen, dass sich der Schizoide in der Zeit zwischen der Empfängnis und dem zweitem Lebensjahr entwickelt. Nach dem zweiten Lebensjahr gewinnt das kognitiv/neuromuskuläre System an Bedeutung, und wir können dann Kombinationen von plasmatischem und kognitiv/neuromuskulärem Zusammenspiel beobachten. Nach dem sechsten Lebensjahr überwiegt normalerweise die kognitiv/-neuromuskuläre Struktur.
Nichtsdestotrotz sollten wir vorsichtig sein, solch eindeutige Feststellungen zu treffen. Wie schon erwähnt, gibt es viele sich gegenseitig beeinflussende Faktoren, die Stress, Trauma und die sich daraus ergebende Entwicklung des Organismus bestimmen. Die Intensität eines Ereignisses ist ein relativer Begriff und kann aus unterschiedlichen Gründen verschiedene Auswirkungen haben.
Zwei Dinge sind für ein Kind in seiner Fähigkeit – sowohl in einer gesunden, als auch in einer blockierten Art, sich zu verteidigen, wichtig: Erstens das „Gehenlernen“ und zweitens die Entwicklung einer durchsetzungskräftigen Aggression. Sie sind funktional identisch und sind im physischen, kognitiven und emotionalen Bereich verkörpert.
Das Gehenlernen ist der Beginn eines Differenzierungsstadiums. Es symbolisiert den Anfang der Beherrschung der Koordination des kognitiv-neuromuskulären Systems. Es vermittelt Selbstgefühl, Stärke und Vertrauen in die eigene Kraft. Es die Fähigkeit sich physisch „hinauszubewegen“, die Umwelt zu beeinflussen und die Möglichkeit sich willentlich von gefährlichen Situationen zu entfernen. Das Gehen lernen gibt Kontrolle und Sicherheit.
Gleichzeitig entwickelt der Organismus kognitive Fähigkeiten. Das Bewusstsein erweitert sich, sobald das Kind mehr und mehr bemerkt, dass die Welt in einer größeren Distanz zu ihm steht. Nun gibt es die
Möglichkeit sich auf etwas hinzuzubewegen und es zu verändern. Es entwickelt ein Gespür für Stärke und Unabhängigkeit.
Auf der emotionalen Ebene stellt sich derselbe Entwicklungsprozess als durchsetzungskräftige Aggression dar (zu lat. aggredi „auf etwas zugehen“). Wie wichtig es ist zu lernen, wie man seinen Ärger auf ein Objekt richtet, kann nicht genug betont werden. Es handelt sich dabei um das emotionale Äquivalent zum physischen Angreifen oder Flüchten, bzw. dem kognitiven Äquivalent etwas zu verstehen – zu begreifen.
All diese Phänomene sind in einer geschlossenen organismischen Reaktion organisiert, wenn sich das Kind in Gefahr, z.B. sich angegriffen fühlt. Um sich zu schützen, kann es weglaufen oder angreifen. Es kann die Gefahr sehen. Visuell, im Sinn von vorhersehen und sich darauf vorbereiten. Es kann feindselig werden. Es kann streiten, um sich zu durchzusetzen. Die zunehmenden Kräfte können auf ein Objekt gerichtet und kontrolliert werden oder im eigenen Dienste genutzt werden, um ein unerwünschtes Geschehen zu verhindern. (Versuchen Sie ein zweijähriges Kind gegen seinen Willen in einen Kindersitz zu setzen!)
Hier beginnt sich das Abwehrsystem von der automatischen vegetativ-plasmatischen Reaktion in Richtung des wachsenden kognitiv/neuromuskulären Systems, das vom Zentralen Nervensystem gesteuert wird, zu verschieben.
Der Zeitpunkt dieser Akzentverschiebung bedeutet auch eine Änderung der ursprünglichen Instroke-Orientierung in eine Outstroke-Orientierung. Es würde an dieser Stelle zu weit gehen, diesen Schritt ganz beschreiben zu wollen, aber ich möchte es trotzdem erwähnen: Von der Empfängnis bis zu dem Zeitpunkt, wo das Kind in der Lage ist, die oben beschriebenen Aufgaben zu beherrschen, liegt die organismische Gesamtpulsation immer noch mit ihrem Schwerpunkt auf dem „Instroke“ – der Sammlungsphase, die einen organismischen Organisationsprozess repräsentiert. In einer sogenannten „Übergangszeit“ wird der „Outstroke“ langsam wichtiger und zeigt sich im Gehenlernen, indem es eine größere Anzahl von Objekten in seiner Umgebung bemerkt, etc. All diese Aktivitäten sind Entwicklungsmerkmale des Outstrokes. In der Spätadoleszenz und im frühen Erwachsenenalter erreicht dieser seinen Höhepunkt. Der Übergang von der Instroke- zur Outstroke-Dominanz ist gleitend; gleichzeitig kommt es zu einer Verschiebung von einem vorwiegend plasmatischen zu einem vorwiegend kognitiv/neuromuskulären Reaktionsmuster. (Anm.: „kognitiv/neuromuskulär“ wird nachfolgend tlw. als „k/nm“ bezeichnet.) Es ist eine unaufhaltsame Bewegung in Richtung k/nm-Gebrauch, als eine wichtige Kontakt- und Kontrollmöglichkeit sowie der Vermittlungsmöglichkeit des Kindes zwischen sich und der Welt. Wenn vom zweiten bis zum sechsten Lebensjahr die Entwicklung gut läuft, wird das Kind plasmatische und k/nm Reaktionen zu gleichen Teilen einsetzen.
Jetzt übernimmt die plasmatische Reaktion die Rolle eines Hilfssystems für den Fall, dass das k/nm Verteidigungssystem zusammenbricht. Die erste Möglichkeit zur Verteidigung ist in diesem Stadium die Entwicklung des k/nm Systems, das in der Entstehungszeit aber oft unangemessen ist und noch leicht durch die „Abenteuer des Lebens“ überwältigt werden kann. Das Kind wird dann wieder plasmatisch reagieren. Z.B. versucht das Kind ein „großer Junge“ zu sein, und das mag auch schon bis zu einem gewissen Grad funktionieren. Wenn aber sein k/nm System überwältigt wird, fühlt es sich bedroht und kann plötzlich in ein „Baby“-Verhalten zurückfallen. Es gibt seine neu entdeckte „Männlichkeit“ auf und läuft zu seiner Mutter, um sich trösten zu lassen.
Sobald das k/nm System gut entwickelt ist, wird es, entsprechend den Möglichkeiten die dem Kind vermittelt wurden, dominieren. Die Entwicklung eines stabilen k/nm Systems ist von der früher stattfindenden Entwicklung des plasmatischen Systems abhängig. Der Gesundheitszustand bzw. die Schwere der Störung, die dem plasmatischen System zugefügt wurde, wird direkt in der Entwicklung des k/nm Systems widergespiegelt. Wenn das plasmatische System relativ gesund und ungestört geblieben ist, hat das k/nm System eine solide Basis, um sich gut entwickeln zu können. Wenn das plasmatische System jedoch traumatisiert wurde, dann ist jede weitere Entwicklung ernsthaft behindert.
So ist erklärbar, warum klassische Schizoide so „dünn“ sind. Es gab keine Möglichkeit dafür, dass sich die Muskulatur gut entwickelt. Das plasmatische System kontrahiert zum Zentrum hin. Periphere Entwicklung, wie z.B. eine gute Ausbildung des Muskelgewebes findet wegen der starken Kern-Kontraktion nicht statt. Es gibt keinen nach außen gerichteten Energiefluss, der die Muskelentwicklung fördert. Das gleiche gilt emotional. Es gibt kein anhaltendes Strömen vom Herzen weg in Richtung des geliebten Objektes.
In Fortsetzung der Entwicklung wird ab dem sechsten Lebensjahr das k/nm System beständig dominieren, wenn das plasmatische System nicht gestört wurde. Ist das k/nm System erst einmal gut etabliert, übernimmt es vorrangig den Schutz für den Organismus. Das Kind ist nun in der Lage, Angriffe abzuwehren und Stresssituationen zu verarbeiten, indem es auf das später entwickelte System zurückgreift, um sich gegen tiefgehende Verletzungen auf der plasmatischen Ebene zu schützen.
Die Vorherrschaft des k/nm Systems zur Verteidigung entspricht dem klassischen Reichianischen Konzept des Muskelpanzers. Aus diesem Prozess heraus entwickeln sich andere Charakterstrukturen, die zunehmend mehr kognitiv-neuromuskulär funktionieren.
Das folgende Diagramm zeigt die abnehmende Bedeutung des plasmatischen Systems, sobald das kognitiv-neuromuskuläre System zu überwiegen beginnt. Die gestrichelte Linie stellt den plasmatischen Prozess und die durchgehende Linie den kognitiv/neuromuskulären Prozess dar. Es verdeutlicht den gleitenden Übergang von einem plasmatischen zu einem neuromuskulären Funktionieren.

Diagramm leider nicht vorhanden.

Dieses Diagramm zeigt, dass ein „echter“ schizoider Prozess durch eine Frühstörung verursacht wird, die sich biologisch in einer systematischen Störung der plasmatischen Funktion zeigt. Mit diesem Schema können Frühstörungen bis zum sechsten Lebensjahr charakterisiert werden.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Regina Hochmair und Wolfram Ratz.
Fortsetzung in BUKUMATULA 5/98